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Full text of "Deutsche Geschichtsblätter"

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I ' 

4 


Deutsche  GescMchtsblätter 

Monatsschrift 

föFdenung  den  iandesgesohiGhtliehen  fofsohung 

unter  Mitirirkimg  von 

Prof.  B«cbinaiu)-PrB£,  Prof.  BrejraiK-Berlin,  Proi.  Brler-KöDigiberg, 

Pror.  Pinke-Freibwe  i.  B.,  Archivar  Prof.  H«naen-Köln,  Prof.  t.  HeiKel-MElnchen, 

ProL  Hejrck-MOnchea,  Sectionschcf  t.  Inuna-Sternegg-Wien, 

G7mii*sialdirektor  O.  Jl^r-Köln,   GjmnuiBlrektor  O.  Kbrnnel-Leipzig, 

Bibliotlieku'  Prof.  Koasinna-Berliii,  Prof.  LiamprechtLeipiig,  Archivar  Merz-Oinabrück, 

Prof.  UDhlbacheT-Wien,  Prof.  v.  OneathU-InnsbrncIi,  Prof.  Oiw.  Hedlich-Wien, 

FwoL  T.  d.  Ropp-Marbnrg,  Prof.  A.  Schulte-Breslan,  Archivrat  SeUo-Oldeobnrg, 

Geb.  Archirrat  SUlin-StnttKarl,  Gjmnasialrektor  Vogt-NümbcrK,  Prof.  Vftbet-Vng, 

Prof.  Wenck-Harbore,  Archivrat  WiDter-Stettin,  Archivar  Witte-Schircrin, 

Prof.  V.  Zwledlneck-SOdenliorat-Grai 

herausgegeben  von 

Dr.  Armin  Tille 

I.  Bgixicl 


Gotha 

Andreas  Perthes 
1900 


DD 
/ 


\j.[-l 


lolVn-i'i^ 


Inhalt. 

Auf  satze :  scite 

Brejrsigt  Kart  (Berlin):   Territorialgeschickte i  — 12 

Branner,  Karl  (Karlsruhe) :  Fünf  zig  Jahre  oberrheinischer  Geschichtsforschung  229 — 239 
Porst,    Hermann  (Cobleni):    Der  Reichskrieg  gegen   die  Türken   im  Jahre 

1664 76—80  u.  176 

Frankfurter,  S.  (Wien):  Limesforschung  in  Österreich 195 — 199 

GmeUn,  Julius  (Grofsaltdorf ) :  Die  Verwertung  der  Kirchenbücher    .     .     .  157—170 
Hansen,  R.  (Oldesloe):    Zur  landesgeschichtlichen  Forschung  in  Schleswig- 
Holstein  211  — 214 

Hantxsch,  Viktor  (Dresden):   Die   landeskundliche  Litteraiur  Deutschlands 

im  Reformationsaeitalter 18 — 22  u,  41 — 47 

Kötsschke,  Rudolf  (Leipzig):  Die  Technik  der  Grundkarteneinzeichnung     .  113  — 131 
Lamprecht,  Karl  (Leipzig):  Ztir  Organisation  der  Grundkartenforschung  .  33 — 41 
Liebe,  Georg  (Magdeburg):  Das  Kriegswesen  mittelalterlicher  Städte     .     .  12  — 17 
Polmcxek,   Bmst  (Strafsburg):    Die  Denkmäler ^ Inventarisation  in  Deutsch- 
land    270 290 

Redlich,  Oswald  (Wien):  Über  Traditionsbücher 89—98 

Schulte»  Aloys  (Breslau) :  Wer  war  um  1430  der  reichste  Bürger  in  Schwaben 

und  in  der  Schweiz? 205  — 210 

Tille,  Armin  (Leipzig):  Stctdtrechnungen 65 — 75 

„           „               „          Die  Historikertage 137 — 145 

WIschke,  Hermann  (Dessau):  Ortsnamenforschung 253-. 270 

Wehnnann,  Martin  (Stettin):  Die  landesgeschichtliche  Forschung  in  Pommern 

während  des  letzten  Jahrzehnts 98 — 104  u.  132 — 133 

Weller,  Karl  (Stuttgart):  Der  gegenwärtige  Stand  der  landesgeschichtlichen 

Forschung  in  Württemberg 47 — 55 

Witte,  Hans  (Schvrerin):  Studien  zur  Geschichte   der  deutsch -romanischen 

Sprachgrenze 145 — 157 

Wlttmann,  Plus  (München):  Archivbenutzungsordnungen 181 — 194  u.  243 

Mitteilimgeii : 

ArchiTe:  Allgemeiner  Archivtag  25,  56 — 61,  291 ;  Thüringer  Archivtag  25, 
247 — 248;  Archiv  zu  Mühlhausen  i.  Th.  26,  109,  247,  Detmold 
26,  Hennebergisches  in  Meiningen  85,  Lüneburg  108,  Bonn  108, 
Hamburg  175,  243 — 244,  Karlsruhe  175,  der  Universität  Frei» 
bürg  i.  B.  175,  Danzig  227  —  228,  Landesarchiv  in  Sondershausen 
248 ;  Archivwesen  im  Königreich  Bayern  245—247 ;  Inventarisation 
kleinerer  Archive  26,  85 — 86;  Mitteilungen  der  königl.  preufs. 
Archiwerwaltung  86 — 87,  171 — 172;  Mitteilungen  aus  dem  Archiv 


von  Köln   172 — 175;  Mitteilungen  aas  dem  Stadtarchiv  Breslau  Seite 

292  —  293;  Inventare  des  Frankfurter  Stadtarchivs  293-295; 
Revaler  Stadtarchiv  295  —  296 ;  Inventar  des  Staatsarchivs  Zürich 
296;  Stadtarchiv  Pforzheim  297;  Egerer  Stadtarchiv  297 — 298. 

Ausgrabungen iio 

Berichtigungen 64,   112 

Bibliographie 136- 

„  der  Reiselitteratur 302 

Denkmalspflege 109,  291 

Eingegangene  Bücher    32,  63,  88,  iii,  136,  177 — 180,  204,  228,  250 — 252,  303—304 
Oesamtverein  der  deutschen  Geschichts- und  Altertumsvereine    22 — 24,  81 — 85,  291 

Hansischer  QeschichtsTerein 204,  239 — 24a 

Historikertag  in  Halle 133^134)  '99 — 204 

Historische  Kommissionen :  H.  K.  fUr  Hessen  und  Waldeck  26,  298 ;  Steier- 
mark 27;  K.  zur  Herausgabe  von  Akten  und  Korrespondenzen 
zur  neueren  Geschichte  Österreichs  27,  200;  Reichskommission 
für  römisch-germanische  Altertumsforschung  27;  H.  K.  bei  der 
königl.  bayer.  Akademie  der  Wissenschaften  104 — 105;  Thüringi- 
sche H.  K.  105 — 106;  Badische  H.  K.  106;  KönigL  sächs.  K. 
fUr  Geschichte  107 ;  H.  K.  und  Altertumskommission  der  Provinz 
Westfalen  107  —  108;  Gesellschaft  für  rheinische  Geschichtskunde     298 — 299 

Historischer  Atlas  der  österreichischen  Alpenländer 28 

Museen  87,  175—176;  Frankfurt  214 — 217;  Köln  217—218;  Leipzig  218  bis 
221;  Breslau  221—223;  Stade  248;  Arnstadt  248—249;  des 
Vereins  „Carnuntnm''  in  Deutsch -Altenbnrg  (Österreich)  249. 
Vgl.  „Vereine". 
Nekrologe:  If.  v.  Zeifsherg  (von  Oswald  Redlich)  28 — 31;  G.  v,  Mruüsen 
(H.  Keussen)  31;   Th.  Flathe  (W.  Lippert)  223 — 227. 

Personalien 31,  88,  1 10,  176—177,  249—250,  302—303 

Politische  Korrespondenx  Karls  V 200,  241  —  243 

Reiseberichte  und  Tagebücher 299 — 302 

Vereine:  Rügisch  -  Pommerscher  Geschichtsverein  87;  Verein  für  Sächsische 
Volkskunde  87—88;  Verein  f«r  Historische  Waffenkunde  134 
bis  135;  Mannheimer  Altertumsverein  135;  Oberländischer  Ge- 
schichtsverein 135;  Vereine  in  Mühlhausen  i.  Th.  135,  Frenzlau, 
Alsfeld,  Delitzsch,  Reichenhall,  Harburg,  Detmold  176,  Leipug 
218—221,  Stade  248,  Arnstadt  248 — 249,  Deutsch -Altenburg 
249.  Vgl.  „  Museen  <'. 
Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schulmänner  in  Bremen  24 — 25,  61 — 63 
Zeitschriften:  Trierisches  Archiv  31 — 32;  Nassovia  iio;  Oberländische 
Geschichtsblätter  135;  Mühlhäuser  Geschichtsblätter  135. 


y   «.-'    ^^   ^^ 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Förderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

I.  Band  Oktober  1899  i.  Heft 


Territorialgesehiehte 

Von 
Kurt  Breysig 

In  der  Geschichte  der  deutschen  Historiog'raphie  spielt  die  Terri- 
iorialgeschichte  durchaus  keine  unbedeutende  Rolle.  Hätte  Wegele 
tn  seinem  so  ungemein  fieifsigen  und  so  ungemein  unübersichtlich  au- 
flegten Buche  statt  des  einzig  möglichen  Einteilungsprinzips  des  me- 
Ihodischen  Fortschrittes  nicht  wunderlicherweise  allgemeine,  deutsche 
4]nd  territoriale  Geschichtsschreibung  getrennt  behandelt,  so  würde  dieser 
4Jmstand  auch  ifi  seiner  Darstellung  viel  stärker  hervortreten.  Das 
-deutsche  GesOhichtswerk,  in  dem  auf  dem  Gebiet  der  politisch-sozialen 
(Historie  der  Entwicklungsgedanke  zum  erstenmal  praktisch  verwirklicht 
und  im  gro(sen  Sinne  verwirklicht  worden  ist,  ist  einem  deutschen  Terri- 
lorium  gewidmet.  Justus  Mosers  Osnabrückische  Geschichte,  die 
•1768  erschien,  macht  in  der  Entwicklung  der  deutschen,  ja  der  europäi- 
:schen  Staats-  und  Sozialgeschichte  fast  in  demselben  Mafse  Epoche, 
•wie  das  vier  Jahre  zuvor  erschienene  gewaltige  Werk  Winckelmanns, 
tmd  Moser  hat  sich  im  mindesten  nicht  überhoben,  wenn  er  in  dem 
Vorwort  zu  seinem  Buche  ein  allgemeines  Programm  der  Geschichts- 
«schreibung  auiioUte.  Was  er  dabei  gegen  Voltaire  vorbrachte,  mag  in 
-mehr  als  einem  Betracht  einseitig  und  imgerecht  gewesen  sein,  aber 
Act  Syndikus  in  der  entlegenen  niedersächsischen  Bischofsstadt  über- 
schritt nicht  im  kleinsten  seine  geistigen  Kompetenzen ,  wenn  er  sich 
mit  dem  Haupte  der  europäischen  Aufklärung  auseinandersetzte,  denn 
4n  ihm  fand  er  den  einzigen  ebenbürtigen  Vorgänger  seiner  neuen 
Methode.  Und  was  er  am  heftigsten  an  Voltaire  angriff,  das  macht 
«ihn  auch  wieder  zum  ahnenden  Vorläufer  der  Niebuhr- Rankeschen 
i'eriode:  er  tadelte  alles  Arbeiten  aus  zweiter  Hand  und  hatte  damit 
freilich  am  letzten  Ende  ebenso  viel  und  ebenso  wenig  recht  wie 
Voltaire,  da  er  mit  seinem  Essay  Stir  les  masurs  zum  erstenmal  eine 

«weite   und   grofee  Perspektive   über   die  Universalgeschichte   eröffnete. 

1 


—     2     — 

Es  ist  der  alte  Streit  zwischen  spezieller  und  allgemeiner  Forschung, 
der  da  in  seiner  fruchtbaren  Unfruchtbarkeit  wieder  entbrannte;  aber 
was  die  beiden,  im  übrigen  gewifs  in  jedem  Zoll  ihres  Wesens  verschie- 
denen Männer  einigte,  war  wichtiger :  das  Verständnis  für  das  organische 
Werden,  das  pflanzenhaft  langsame  und  stetige  Wachsen  menschlicher 
Einrichtungen  und  Meinungen.  Und  es  gereicht  der  deutschen  Terri- 
torialgeschichtsschrcibung  zum  Ruhme,  dafs  ihr  neuer  Aufschwung 
gegeben  wurde  durch  ein  Buch,  das  mit  einem  so  fruchtbaren  Ge- 
danken zum  erstenmal  Ernst  machte  und  das  denn  auch  auf  seinem 
begrenzten  Gebiete  die  methodisch  bedeutsamsten  Einzelerfolge  in 
Hinsicht  auf  Verfassungs- ,  Klassen-  und  Wirtschaftsgeschichte  auf- 
zuweisen hat. 

Die  Göttinger  Schule  hat  um  die  Wende  des  Jahrhunderts  den- 
selben Ideen  weit  extensivere  Wirksamkeit  gegeben,  aber  sie  hat  sich 
in  der  Hauptsache  ganz  allgemeinen,  am  öftesten  imiversalgeschicht- 
liehen  Aufgaben  zugewandt.  Nur  ein  sehr  bedeutendes  territorial- 
historisches Werk  ist  aus  diesem  Kreise  hervorgegangen,  aber  es 
ist  nicht  das  schlechteste,  ja  es  ist  dasjenige,  das  auch  heute 
sicher  am  häufigsten  von  allen  Werken  der  Schule  benutzt  wird: 
Spi  ttlers  „Geschichte  von  Hannover".  Sie  verdankt  diese  ihre  Dauer- 
haftigkeit sicher  dem  Umstände,  dafs  sie,  recht  im  Sinne  Mosers 
und  40  Jahre  vor  Ranke,  zu  den  ursprünglichen  Quellen  herabstieg 
und  umfassendes  archivalisches  Material  benutzte.  Spittler  zeichnete 
sich  selbst  dadurch  aus,  dafs  er  ganz  in  göttingischem  Geiste  um- 
fassende und  generelle  Aufgaben  aufzusuchen  liebte,  und  dieser  Drang 
zum  allgemeinen  hat  doch  auch  dem  ganz  speziellen  Thema,  das  er 
hiermit  zu  bearbeiten  unternahm,  Nutzen  gebracht.  Er  bewirkte, 
dafs  Spittler  sich  von  aller  einseitigen  Bevorzugung  der  Haupt-  und 
Staatsaktionen,  der  Kriegs-  und  Diplomatiegeschichte  freihielt,  dafs  er 
vielmehr  von  neuem  den  Weg  zu  den  Feldern  der  Territorial- 
geschichte fand,  in  dem  die  starken  Wurzeln  ihrer  Kraft  liegen,  zur 
Verfassungs-  und  Verwaltungsgeschichte,  hier  und  da  auch  zur  Wirt- 
schafts- und  Klassengeschichte. 

Von  Seitenstücken  zu  diesem  Werke  ist  in  ganz  Deutschland  in 
diesen  Jahrzehnten  vielleicht  nur  eins  zu  nennen:  Baczkos  umfassende 
„Geschichte  von  Preufsen",  ein  Buch,  das  durch  seine  archivalischen 
Nachrichten  noch  heute  über  lange  Strecken  der  ostpreuisischen  Ge- 
schichte allein  authentische  Kunde  giebt,  die  sonst  ganz  unaufgehellt 
geblieben  sind.  Aber  trotzdem  wird  man  sagen  müssen,  dafs  die 
herrschende  Strömung  der  Epoche  von  1770  bis   1820  sicherlich   in 


—     3     — 

Idirzerer  oder  längferer  Zeit  kraft  ihrer  kulturhistorischen  Ziele  zu  einer  viel 
breiteren  und  tieferen  Verfolgung  territorialgeschichtlicher  Probleme 
gefuhrt  haben  würde,  wenn  sie  sich  hätte  auswirken  können.  Doch 
das  hat  sie  nicht  ganz  gekonnt,  denn  die  Neueningen  der  Niebuhr- 
Rankeschen  Periode,  die,  formaler  Natur  wie  sie  waren,  im  Grunde 
sehr  wohl  in  ihren  Dienst  hätten  gestellt  werden  können,  gewannen 
doch  auch  materielle  Bedeutung,  insofern  sich  zwar  noch  nicht  Niebuhr, 
wohl  aber  Ranke  mit  ausgesprochener  Vorliebe  der  Geschichte  der 
europäischen  Staatskonflikte  und  der  zu  ihnen  hinleitenden  diplomatischen 
Beziehungen  widmete.  Eine  Geschichtsschreibung  aber,  die  eine  so  aus- 
gesprochene Neigung  für  Diplomatie-  und  Kriegsgeschichte  hatte,  konnte 
natuigemäfs  für  die  innere  Entwicklung  der  Völker  nicht  allzu  viel 
Interesse  mehr  übrig  haben.  Eben  dieser  Umstand  aber  mufste  wiederum 
auf  das  Verhältnis  zwischen  Historie  und  Territorien  Einflufs  üben;  er 
konnte  der  Entwicklung  dieser  lokal  spezialisierten  Geschichts- 
schreibung nicht  günstig  sein,  so  spezialistisch  auch  zwar  nicht  Ranke 
selbst,  wohl  aber  seine  Schule  allmählich  wurde. 

Nicht  als  ob  nun  die  Arbeit  an  diesen  Aufgaben  jahrzehntelang 
geruht  hätte:  das  hat  sie  weder  damals  noch  früher  gethan.  Sie  ist 
in  der  Hauptsache  erst  seit  dem  XVII.  Jahrhundert,  aber  von  da  ab 
ununterbrochen  ruhig  ihres  Weges  dahin  geschritten  und  hat  im  Ver- 
ein mit  der  verwandten  Stadt-  und  der  sehr  viel  spärlicher  vertretenen 
Geschichte  ländlicher  Bezirke  viel  stille  und  fleifsige  Arbeit  vollbracht. 
Aber  es  war  doch  für  sie  wichtig,  über  alles  wichtig,  in  welchem 
Verhältnis  sie  zur  groisen,  allgemeinen  Historie  stand.  Und  da  ist 
aufBLIlig,  dafs  so  mächtige  Querriegel  zwischen  beiden  Entwicklungs- 
reihen, wie  sie  Mosers  und  Spittlers  Bücher  darstellen,  den  60  Jahren 
nach  1820  fast  ganz  abgehen.  Aus  dem  Rankeschen  Kreise  ist 
eigentlich  nur  einer  als  Territorialhistoriker  grofsen  Stiles  hervor- 
getreten: bezeichnenderweise  der,  der  mit  der  stofflichen  Grund- 
richtung der  Schule  zuerst  brach,  der  zuerst  ganz  andere  Gebiete  als 
der  Meister  aufsuchte,  Waitz,  mit  seiner  Schleswig-Holsteinischen  Ge- 
schichte (185 1). 

Im  übrigen  sind  abseits  der  generellen  Geschichtsschreibung  eine 

Anzahl  bedeutender  Territorialgeschichten  entstanden:   namentlich  die 

Stämme,  die  von  jeher  eng  zusammengehalten  hatten,    haben  sich 

hervoxgethan.    Treitschke  pflegte  als  so  selbstbewufste  Stämme  immer 

vier  zusammen  zu  nennen :  Schleswig-Holsteiner  und  Schwaben,  Preulsen 

und  Schlesier,   und  bei  ihnen  allen  hat  sich  ein  besonders  intensives 

Interesse  für  die  eigene  Stammesgeschichte  geregt.     Es   mag    auch 

1* 


—     4      — 

kein  Zufall  sein,  dals  der  einzige,  Waitz,  der  zugleich  unter  den  Ver- 
tretern der  allgemeinen  und  nationalen  Greschichtsschreibung  gewirkt  hat, 
einem  und  zwar  dem  vielleicht  am  zähesten  zusammenhaltenden  unter 
diesen  deutschen  Stämmen  angehörte.  Doch  auch  sonst  kam  es  zu 
liebevoller  Pflege  der  Territorialgeschichte.  Schliephakes  nassauische 
Rommels  hessische,  Walters  kurkölnische  und  manche  andere  Provinzial- 
geschichte  sind  defs  Zeuge. 

Trotzdem  ist  für  beide  Parteien  wichtig  und  für  beide  vermutlich 
sehr  wenig  ersprie&lich  gewesen,  dafs  in  der  Hauptsache  jede  von 
ihnen  für  sich  vorwärts  schritt.  Gewifs  die  methodischen  Elmingen- 
schaflen  der  Rankeschen  Schule  sind  allmählich  auch  der  Territorial- 
und  Lokalgeschichte  zugeflossen  und  hier  und  da  hat  auch  die  all- 
gemeine Geschichte  von  den  Ergebnissen  der  speziellen  Akt  genom- 
men, im  ganzen  aber  lebt  diese  ihr  eigenes  Leben.  So  sehr  sich  auch 
im  Laufe  der  2^it  in  ganz  naturgemäfser  Fortbildung  der  ursprünglich 
deskriptiven  Grundsätze,  die  von  Ranke  ausgehende  Richtung  dem  Spe- 
zialismus  zuwandte,  sich  auf  territoriale  oder  gar  auf  lokale  Aufgaben 
einzulassen,  hatte  man  wenig  Neigung.  Und  auf  ganz  verwunderliche 
Unternehmungen  ist  andererseits  die  Tenitorialhistorie  da  gekommen, 
wo  sie  sich,  in  völliger  Verkennung  ihrer  eigentlichen  frucht- 
bringenden Aufgaben,  nach  Art  der  allgemeinen  Geschichtsschreibung 
auf  die  hohe  Politik  warf.  Ein  Vertreter  der  grofsen  Historie  gab 
dann  wohl  mit  herablassendem  Lächeln  zu  verstehen,  es  sei  sehr 
interessant,  die  europäische  Politik,  die  man  sonst  —  in  wunderlicher 
Caprice  —  von  den  Zenlren  der  Grofisstaaten  aus  zu  betrachten  pflege, 
einmal  von  einem  abgelegenen  Winkel  aus  zu  erforschen;  im  Grunde 
aber  wurde  dem  nun  ganz  beglückten  Lokalforscher  doch  mit  solcher 
halben  Aufmunterung  ein  übler  Dienst  erwiesen.  Auf  diesem  Wege 
sind  bis  zur  Absurdität  unfruchtbare  Bücher  geschrieben  worden :  giebt 
es  doch  Arbeiten  von  mehreren  hundert  Seiten,  in  denen  Kriegs- 
operationen im  Kreise  X  oder  im  Fürstentum  Y  während  einiger  Mo- 
nate im  dreifsigjährigen  Kriege  geschildert  werden. 

Inzwischen  haben  sich  neue  Kräfte  geregt:  die  benachbarten 
systematischen  Geisteswissenschaften  waren  seit  dem  Verfall  der  äl- 
teren von  der  Ranke-Schule  fast  ganz  beiseite  geschobenen  Kultur- 
geschichte genötigt  gewesen,  die  ihren  Fächern  analogen  historischen 
Disziplinen  selbst  auszubilden.  Rechts-  und  Wirtsch^tsgeschichte  waren 
durch  Juristen  und  Nationalökonomen  ins  Leben  gerufen,  Verfassungs- 
und Verwaltungsgeschichte  waren  von  ihnen  weit  nachdrücklicher 
als  von  den  Historikern  gefördert  worden,    und   diese  Bewegung  hat 


—     6     — 

allmählich  das  Bild  völlig  verändert.  Nitzschs  grofses  Verdienst  ist 
es,  diese  Anregungen  von  rechts  und  links  zuerst  für  die  grofee  natio- 
nale Forschung  fruktifiziert  zu  haben ;  aber  er  hat  den  Historikern,  die 
ihm  folgten,  auch,  wie  seine  Arbeiten  über  städtische  Verfassungs- 
und Klassengeschichte  und  seine  Abhandlung  über  die  oberrheinische 
Tiefebene  bezeugen,  den  Weg  zur  Territorial-  und  Lpkalgeschichte 
gewiesen.  In  Hinsicht  auf  die  mittelalterliche  Stadtgeschichte,  die  am 
ehesten  diese  Bahn  betreten  hat,  haben  neben  Nitzsch  und  Hegel 
doch  auch  noch  die  Juristen  Arnold,  Heusler  und  Maurer  in  dieser 
Richtung  wirken  müssen,  ehe  die  eigentliche  Historie  dazu  vermocht 
wurde,  ihnen  nachzufolgen. 

In  den  letzten  zweieinhalb  Jahrzehnten  ist  dann  auf  diesem 
Sondergebiet  zuerst  die  Schranke  durchbrochen  worden,  und  es  ist 
sehr  interessant,  festzustellen,  wie  sich  die  allgemeine  Forschung  hier 
nur  allmählich  dem  Standpunkt  der  Lokalgeschichte  genähert  hat. 
Man  verfuhr  nämlich  offenbar  in  den  ersten  Stadien  der  fast  allein 
mittelalterlichen  Stadtgeschichtsforschung  zu  allgemein;  man  strebte 
ganz  entsprechend  dem  systematisch -juristischen  Ursprung  dieser 
Untersuchungen  und  ganz  berechtigterweise  danach,  Typen  aufzu- 
finden, aber  man  griff  noch  allzu  sehr  ins  Weite.  Allmählich  ent- 
schlofs  man  sich,  die  Städte  nach  Gattungen  oder  territorial  zu 
beschreiben,  und  zuletzt  ist  man  bei  sehr  genauen  Forschungen  über 
einzelne  Orte  angelangt.  Der  im  raschen  Tempo  um  sich  greifenden 
mittelalterlichen  Stadtgeschichte  ist  dann  die  vorwiegend  neuere  oder 
doch  spätmittelaltcrliche  Territorialforschung  langsam  nachgekommen: 
eine  Anzahl  namentlich  verfassungs-  und  agrargeschichtlicher  Einzel- 
untersuchungen hat  hier  wenigstens  den  Grund  zu  weiterem  Ausbau 
gelegt. 

Die  Konsequenz  dieser  Wandlung  ist  klar.  Denn  —  wenn  ich  die 
Worte  zweier  1891  und  1892  veröffentlichter  Rezensionen,  mit  denen  ich 
eine  bezirks-  und  eine  stadtgeschichtliche  Arbeit  anzeigte^),  hier 
wiederholen  darf  —  „Je  mehr  die  historische  Forschung  sich  der  inneren 
Entwicklung  der  Staaten  und  Völker  zuwendet,  desto  gründlicher 
wird  sie  sich  mit  deren  Teilen,  Territorien,  Städten  und  Landbezirken 
beschäftigen  müssen."  Und  „sobald  einmal  die  Anschauung  durch- 
gedrungen sein  wird,  dafs  die  Geschichte  in  demselben  Mafse  der 
materiellen    und   geistigen   Entwicklung    jedes    Landes,   jeder    Stadt, 


1}  Harlefs  (Amt  Hückeswagen)  und   Herlzberg  (Halle),   Litterarisches   Zentral- 
blatt 31.  Oktober  1891,  16.  Januar  1892. 


—     6     — 

jedes  Territoriums,  deren  Vergangenheit  sie  darzustellen  unternimmt, 
gerecht  werden  muis,  wie  der  politischen,  werden  Aufgaben  dieser 
Art  zu  Ehren  kommen.  Denn  um  feste  Fundamente  für  die  Geschichte 
der  grofsen  Komplexe  von  Land  und  Leuten  zu  gewinnen,  wird  man 
auf  die  der  kleineren  zurückgehen  müssen'*.  Mit  anderen  Worten 
hier  ist  das  Terrain  gegeben,  auf  dem  allgemeine  und  lokale  Ge- 
schichtsforschung zusammentreffen  müssen,  wo  sie  beide  einander 
nötig  haben  und  wo  sie  deshalb  gut  thun  werden,  in  stetem  Kontakt 
zu  bleiben.  Die  eine  wird  dabei  methodische  Schulung  gewinnen  — 
und  wenn  einem  Beteiligten  hier  erlaubt  ist,  einen  Wunsch  auszu- 
sprechen, so  ist  es  der,  dafs  die  thätigen  Liebhaber,  denen  die  Ge- 
schichtsforschung auf  diesem  Gebiete  mit  offenen  Armen  entgegen- 
zukommen alle  Ursache  hat,  auch  in  höheren  Jahren  die  Mühe  nicht 
scheuen  mögen,  sich  das  Handwerkszeug  der  Forschung,  falls  es  ihnen 
noch  fehlen  sollte,  etwa  auf  der  nächsten  Provinzialuniversität  in  kurzen 
Kursen,  die  ja  nicht  ein  Semester  zu  dauern  brauchen,  zu  verschaffen. 
Denn  fast  auf  jedem  Fleck  deutscher  Erde  bietet  sich  Gelegenheit, 
historische  Studien  verfassungs-  oder  wirtschaflsgeschichtlicher  Art 
anzustellen,  aber  die  Mühe,  die  zu  solchem  Zweck  aufgewandt  wird, 
kann  leicht  halb  oder  ganz  verschwendet  sein,  wenn  sie  nicht  sach- 
gemäfs  aufgewandt  wird. 

Doch  nicht  von  dem  Interesse  dieser  lokalen  Partei  der  Geschicht- 
schreibung wollte  ich  auf  diesen  Blättern  handeln,  sondern  von  dem 
der  anderen,  der  allgemeinen,  der  Fachforschung.  Ich  möchte  an 
einem  mir  besonders  vertrauten  Beispiel  erweisen,  wie  unendlich  reich 
wenigstens  in  günstigen  Fällen  schon  heute  der  allgemein  zugängliche, 
gedruckt  vorliegende  Schatz  von  Nachrichten  und  Einzelarbeiten  ist, 
über  den  die  Territorialgesohichte  verfügt  —  ein  Reichtum,  den  sich 
anzueignen  die  allgemeine,  d.  h.  deutsche  Geschichtsschreibung  bisher 
freilich  fast  völlig  verschmäht  hat,  wenigstens  soweit  die  neuere  Zeit 
in  Betracht  kommt. 

Um  für  einige  territorialgeschichtliche  Pläne  die  ersten  Grundlagen 
zu  gewinnen,  habe  ich  in  den  Jahren  1889  und  1890  umfangreiche 
bibliographische  Nachforschungen  zur  Geschichte  Ostpreufsens 
im  XVI.  und  XVII.  Jahrhundert  angestellt.  Ich  kann  mich  durchaus 
nicht  rühmen,  Vollständigkeit  erstrebt,  geschweige  denn  erreicht  zu 
haben,  um  so  mehr  wird  vielleicht  mancher  auch  unter  den  sach- 
kundigen Lesern  dieser  Zeilen  erstaunen,  dafs  ich  55  Oktavseiten  mit 
Buch-  und  Abhandlungstiteln  füllen  könnte,  deren  Zahl  ich  auf  un- 
gefähr 700  schätze   und   die  durch   die   seither   erschienene  Litteratur 


—    1    ~ 

und  einige  noch  ausstehende  Vervollständigungen  ^)  leicht  auf  900  bis 
1000  zu  bringen  sein  wird.  Freilich  haben  die  Qstpreufsen,  die  jahr- 
hundertelang fast  ganz  getrennt  vom  Mutterlande,  harte  Zeiten  für 
sich  durchkämpfen  mu&ten,  durch  diese  besonderen  Schicksale  einen 
der  ausgeprägtesten  deutschen  Stammescharaktere  ausgebildet,  und 
eine  natürliche  Folge  davon  war,  dais  sie  von  jeher  iiir  die  Partikular- 
geschichte ihres  Landes  eine  vielleicht  ebenso  exzeptionell  starke 
Teilnahme  bewiesen  haben.  Von  dem  Erläuterten  Preu/sen,  das 
1723  zu  erscheinen  begann  und  bis  1742  erschien,  reicht  bis  auf  den 
heutigen  Tag  eine  nur  zeitweise  unterbrochene  und  von  1829  ab,  seit 
dem  ersten  Heft  des  Vaterländischen  Archivs,  mit  dem  bekannteren 
Nebentitel  der  Preu/sühen  Pravinzialblätter ,  eine  ununterbrochene 
Reihe  von  historischen  Zeitschriften  oder  zeitschriftenähnlichen  Samm- 
lungen. Und  es  ist  charakteristisch,  dais  noch  während  die  erste  von 
ihnen  nicht  abgeschlossen  vorlag,  schon  eine  zweite,  freilich  viel 
kurzlebigere,  die  der  Acta  Borussica,  zu  erscheinen  begann.  Mit 
einigen  Pausen  sind  dann  die  Preu/stschen  Merkwürdigkeiten,  die 
Preu/sische  Sammlung,  die  Preufsische  Lieferung,  der  Preu/sische 
Sammler,  die  Preu/sischen  Nationalblätter,  die  von  Baczko  und 
Schmalz  1792/93  herausgegebenen  Annalen  des  Königreichs  Preu/sen, 
die  Notizen  von  Preu/sen,  das  Preu/sische  Archiv,  die  Beiträge 
zur  Kunde  Preu/sens  gefolgt.  In  den  Jahren  1829  bis  1845  ^^^  ^^^ 
Preufsischen  Provinzialhl&tter,  1846  bis  1866  die  Neuen  Preu/sischen 
Pravinzialblätter  ausgegeben ;  heute  besteht  die  Altpreu/sische  Monats^ 
schrtft,  die  1864  zu  erscheinen  begann.  Daneben  giebt  noch  die 
Königsberger  Altertumsgesellschaft  ihre  Sitzungsberichte  heraus. 

Eher  noch  als  dieser  allmählich  immer  breiter  werdende  Strom 
der  Zeitschriften  setzt  eine  sehr  gründliche  Einzelforschung  ein.  Von 
aller  früheren  stillen  Chronistenarbeit  abgesehen,  fällt  Hartknochs  ge- 
wissenhafte und  ausgebreitete  Sammlerthätigkeit  schon  in  das  Elnde 
des  XVII.  Jahrhunderts;  im  XVIII.  folgen  Amoldt  als  Kirchen-  und 
Pisanski  als  Litterarhistoriker  mit  umfassenden  Werken  der  Spur 
dieses  Vorgängers.  Gegen  die  Wende  des  Jahrhunderts  erscheint 
Baczkos  „Geschichte  von  Preuisen'S  von  deren  mehr  als  territorialer 
Bedeutung  schon  die  Rede  war.  Voigts  grofees  Werk  (1827),  Töppens 
umfassende  Editions-  und  Sammelthätigkeit  und  in  letzter  Zeit  Lohmeyers 


i)  Aach  die  nun  folgenden  Angaben  sind  vielleicht  hier  und  da  der  Venrollständigang 
itnd  also  der  Korrektor  bedürftig.  Ihnen  liegen  im  wesentlichen  die  Bestände  der 
Königlichen  Bibliothek  in  Berlin  zn  Grande,  zu  deren  Ergänzung  ich  für  meine  KoUek- 
taneen  die  Königsberger  Universitätsbibliothek  nur  an  einigen  Stellen  herangezogen  habe. 


—     8     — 

präzise  und  tüchtige  Geschichte  der  Ordenszeit  (1880)  beschliefsen  die 
Reihe.  Doch  sie  sind  umgeben  von  einem  Schwärm  von  Einzelarbeiten,. 
der  in  den  letzten  fünfzig  Jahren  besonders  dicht  wird,  aber  schon  im^ 
vorigen  Jahrhundert  wertvolle  Beiträge  aufzuweisen  hat. 

Ordnet  man  den  Schatz  dieser  an  Art  und  Bedeutung  freilieb 
sehr  verschiedenartigen  Arbeiten,  so  ist  man  doch  an  mehr  als  einer 
Stelle  erstaunt  über  die  Summe  an  gut  beglaubigtem  und  vielfach  treffe 
lieh  gesichtetem  Nachrichtenmaterial,  das  sie  darbieten.  Um  bei  der 
historischen  Geographie  zu  beginnen,  so  kann  sich  wohl  kaum  ein  anderes 
deutsches  Territorium  einer  so  trefflichen  Arbeit  rühmen,  wie  sie  da» 
Buch  Töppens  darstellt.  Aber  auch  er  hat  Vorgänger  bis  rückwärt» 
zu  Hennenbergers  Landesbeschreibung  aus  dem  Jahre  1584;  Lydicius 
im  XVII.,  Goldbeck  im  XVIII.  Jahrhundert  stellen  die  Bindeglieder  dar^ 
In  neuerer  Zeit  hat  Hoppe  zwei  umfassende  Monographieen  über  die 
Ortsnamen,  Selasinski  eine  sehr  bemerkenswerte  Arbeit  über  Stadt-  und 
Landkarten  geliefert.  Über  die  preufsischen  Littauer  und  ihr  Schicksal 
in  neuerer  Zeit  ist  viel  geschrieben,  eine  Fülle  ethnographisch- 
historischer Forschungen  ist  angestellt  worden. 

Das  sonst  so  übel  vernachlässigte  platte  Land  hat  eine  merk- 
würdige grofse  Zahl  geschichtlicher  Darsteller  gefiinden.  Der  un- 
ermüdliche Toppen  hat  allein  eine  ganze  Reihe  von  Monographieen 
über  kleine  ländliche  Bezirke  abgefaist:  über  die  Weichsel-Niederung 
bei  Marienwerder,  über  das  Kirchspiel  Heidekrug*),  über  die  frische 
Nehrung  und  den  grolsen  Werder,  über  das  Amt  Hohenstein  imd 
schliefslich  über  einen  ganzen  Bezirk  Ostpreuisens,  über  Masuren.  Elr 
hat  über  die  Domänenverwaltung  und  über  die  Pferdezucht  des  Ordens 
gearbeitet.  Rogge,  ein  auch  sonst  sehr  verdienter  Spezialforscher,  hat 
für  ein  einziges  Amt  (Balga)  eine  sehr  ausführliche  Geschichte  ge- 
schrieben *) ,  eine  Anzahl  Kreis-  und  Amtsgeschichten  sind  gefolgt, 
Mangelsdorff  hat  in  seinen  Nationalblättem  schon  1787  ein  Ver- 
zeichnis  der  preufsischen  Mühlen  aufgestellt,  und  er  eröffnet  auch  die 
Reihe  der  Forscher,  die  sich  der  Geschichte  des  befestigten  Grund- 
besitzes angenommen  haben.  Denn  im  selben  Jahre  veröffentlichte 
er  ein  Verzeichnis  der  adligen  und  bäuerlichen  Lehensgüter  •).  Neuer- 
dings hat  sich  Mülverstedt  durch  eine   sicherlich  sehr  mühevolle  Zu- 


1)  „Altpreufs.  Monatsschr."  X  (1873),  S.  219  ff.,  307  ff.  „Neue  Prov.- Blätter "  X 
(1858),  S.  193  ff.  Ich  gedenke  einige  der  wichtigeren  in  Zeitschriften  versteckten  Ar- 
beiten (keine  Bächer)  zu  zitieren. 

2)  „Altpreufs.  Monatsschr.<<  V  (1868),  S.  115 ff.  bis  XV  (1878),  S.  289 ff* 

3)  „Prenfs.  Nalionalblätter "  Ii  (1787),  S.  17  ff. 


—     9     — 

sammenstellung  der  in  dem  2^itraum  von  1740  bis  1840  „nach  lang- 
jährigem Grundbesitz**  ausgestorbenen  Geschlechter  verdient  gemacht  ^)r 
und  Meckelbuig  ist  ihm  mit  dem  Entwurf  einer  prcufsischen  Adels- 
matrikel gefolgt ').  Von  Geschichten  der  Adelsfamilien  seien  wenigsten»* 
die  beiden  wichtigsten  tmd  umfassendsten  erwähnt,  die  der  Eulenburgs, 
die  Mülverstedt,  und  die  der  Grafen  Dohna,  die  ein  Mitglied  der  Famiüe 
selbst  bearbeitet  hat,  beides  sehr  ausführliche  mit  reichen  Urkunden- 
anhängen ausgestattete  Werke.  Der  Agrargeschichte ,  zu  der  sie  in 
ihren  Aktenbeilagen  öfters  Beiträge  bringen,  haben  mit  eigenen 
Forschungen  ehemals  Haxthausen  und  neuerdings  Brünneck  die  wert- 
vollsten  Dienste  geleistet,  ersterer  mit  seinem  Buch  über  die  länd- 
liche Verfassung,  letzterer  mit  seinen  Studien  zur  Geschichte  der  Leib- 
eigenschaft *)  und  namentlich  mit  seinen  in  der  neuen  deutschen 
Rechtsg^eschichte  ganz  vereinzelt  dastehenden  Arbeiten  zur  Geschichte 
des  Grundeigentums. 

Die  stadtgeschichtUche  Litteratur  ist  vielleicht  nicht  im  selben 
Verhältnis  reicher  als  anderwärts,  doch  haben  für  Königsberger  Bürger- 
iamilien  Beckherm,  Meckelburg  und  neuerdings  Gallandi  reiche  Ma- 
terialien gesammelt,  die  Studien  von  Conrad  über  die  Finanz-,  Ge- 
richts- und  Verfassungsgeschichte  von  Königsbei^  im  XVIII.  Jahr- 
hundert *)  haben  in  der  übrigen,  bekanntlich  sehr  spärlich  angebauten 
neueren  Stadtgeschichte  Deutschlands  leider  wenig  Seitenstücke,  und 
die  sehr  übersichtlich  angeordneten  Untersuchungen  Meiers  zur  Handels- 
geschichte Königsbergs  sind  vollends  ungewöhnlich  wertvoll.  Die 
kleinen  Städte  Ostpreufsens  haben  neuerdings  auch  hier  und  da  sach- 
kundige Bearbeiter  gefunden. 

Von  den  verschiedenen,  das  ganze  Land  angehenden  Entwick- 
lungsreihen ist  für  die  Verfassungsgeschichte  ganz  ungewöhnlich  früh 
eine  treffliche  Grundlage  geschaffen  worden  in  der  Sammlung  der 
Prioilegia  der  Stände  des  Herzogthums  Preu/sen,  die  schon  16 16 
in  Braunsberg  erschienen  ist.  Mit  dem  ihren  Ursprung  sehr  deutlich 
offenbarenden  Motto:  iurpe  est  homini  praesertim  nobüi  ignorare 
JUS,  in  quo  ipse  natus  stt  geschmückt,  sind  sie  ein  Erzeugnis  eines 
historischen  Sinns  von  sehr  praktischen  Zielen.  Die  preufsischen 
Stände,  unter  dem  Schutze  des  polnischen  Lehensherrn,  mit  dessen 
Privileg  das  Werk  erschien,  wollten  sich  dadurch  ein  Bollwerk  gegen 


1)  „Neue  Provinrialbl."  IX  (1850),  S.  92  ff.  bis  And.  Folg.  II  (1852/53),  S.  73  ff. 

2)  „Neue  Provinrialbl.",  And.  Folg.  IV  (1853),  S.  45  ff.  bis  XI  (1857),  S.  44 ff. 

3)  „ZeiUchrift  f.  RechUgesch.",  Germ.  Abt.  XXI  (1887). 

4)  „Altprcufs.  MonaUschr."  XXV  (1888),  S.  63  ff.,  XXIV  (1887),  S.  193  ff. 


—     10     — 

alle  absolutistischen  Angriffe  ihrer  neuen  brandenburgischen  Herzoge 
aufrichten,  wie  denn  überhaupt  in  ihren  Verhandlungen  mit  grofser 
Hartnäckigkeit  immer  wieder  auf  uralte  Rechtsdokumente  rekurriert 
wurde.  Wenn  heute  noch  im  englischen  Unterhause  auch  wohl  ein 
Gesetz  Eduards  I.  als  gültig  zitiert  wird,  so  findet  sich  in  der  Epoche 
des  älteren  deutschen  Parlamentarismus  vielleicht  nii^ends  ein  Landtag, 
der  so  zähen  historischen  Sinn  bekundet  hätte  wie  der  preußische.  Er 
hat  noch  dem  Grofsen  Kurfürsten  mit  nichts  das  Leben  so  sauer  ge- 
macht, als  durch  diese  ihm  sehr  unbequeme  Gedächtniskraft.  Für  uns 
Nachlebende  aber  ist  damit  ein  vortrefflicher  Ausgangspunkt  für  alte 
verfassungsgeschichtliche  Studien  gegeben  worden;  Toppen  hat  dann 
nachträglich  für  diese  Sammlung  durch  sein  ausgezeichnetes  Quellen- 
werk die  Fundamente  in  die  Ordenszeit  hinein  rückwärts  geführt,  und 
durch  eine  lange  Reihe  editionsartiger  Zusammenstellungen  für  die  Ge- 
schichte der  Landtage  bis  ins  XVIL  Jahrhundert  wenigstens  die  Grund- 
lage geschaffen.  Dort  schliefst  sich  der  betreffende  Band  der  Akten- 
publikation zur  Geschichte  des  Grofsen  Kurfürsten  mit  einer  auch  die 
Vergangenheit  nochmals  neu  beleuchtenden  Einleitung  an.  Eine 
Arbeit  über  die  nicht  allzu  rühmlichen  Ausgänge  des  ostpreufsischen 
Ständetums  vom  Jahre  1688  ab  wird  demnächst  erscheinen. 

Die  Verwaltungsgeschichte  pflegt  sonst  ein  übel  verwahrlostes 
Stiefkind  der  Historie  früherer  Zeiten  zu  sein,  aber  auch  für  sie  sind 
wenigstens  fragmentarische  Beiträge  schon  sehr  alten  Datums  vor- 
handen. Das  Erläuterte  Preufsen  hat  bereits  1724  eine  Geschichte 
der  preufsischen  Regierung,  1725  eine  des.  samländischen  Konsistoriums 
gebracht.  Die  Preufsischen  Merkwürdigkeiten  haben  jene  dann  noch 
ergänzt  *),  und  Mangelsdorff  hat  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  dasselbe 
Thema  noch  einmal  aufgenommen  *).  Toppen  hat  in  seiner  historisch- 
comparativen  Geographie  sehr  mühselige  Forschungen  über  die  Ge- 
schichte der  administrativen  Bezirksteilung  niedergelegt.  Mülverstedt 
hat  ein  Verzeichnis  der  Amtshauptleute  und  ihrer  landrätlichen  Nach- 
folger geliefert,  das  von  1526  bis  1806  reicht*),  Lohmeyer  neuestens 
eine  treffliche  kommentierte  Quellenarbeit  zur  Finanzgeschichte  des 
XVI.  Jahrhunderts. 

Selbst  die  neuere  Rechtsgeschichte,  sonst  ein  Schmerzenskind  der 
inneren  Geschichte  und  leider  bis  auf  den  heutigen  Tag  von  Histo- 
rikern   und  Juristen   gleich   sehr  vernachlässigt,    ist   von    den  Tagen 


1)  1741,  S.  347- 

2)  „Prcufs.  Nationalblätter«  I,  2  (1787),  S.  86  ff. 

3)  „Neue  Provinzialbl.",  And.  Folg.  X  (185$),  S.  32 ff.,  182 ff.,  364«. 


—    11    — 

Hartknochs  ab  nicht  ganz  leer  ausgegangen,  Kurella  und  Sahme  im 
XVni.,  Leman,  Voigt,  Brünneck  *),  StefTenhagen,  Güterbock  haben 
sich  ihrer  angenommen. 

Am  auf&Uigsten  ist  vielleicht,  wie  reich  die  geistige  Entwicklung 
des  Landes  mit  freilich  meist  monographischer  Behandlung  bedacht  ist; 
sie  nimmt  in  meinen  bibliographischen  KoUektaneen  einen  sehr  umfäng- 
lichen Platz  eb.  Nicht  die  eigentliche  Litteraiur  und  die  Kunst- 
geschichte zwar  sind  viel  vertreten;  diese  seltenen  Blumen  sind  in 
dem  hyperboräischen  Lande  nicht  so  oft  aufgesprossen,  dafs  der 
Historiker  von  ihnen  allzu  viel  zu  erzählen  gehabt  hätte,  selbst  wenn 
er  —  was  namentlich  in  der  Kunstgeschichte  zu  sagen  ist  —  seine 
Pflicht  sehr  eifrig  erfüllte.  Die  Baukunst  der  Ordenszeit  und  der 
gute  Simon  Dach  sind  eigentlich  doch  die  einzigen  Besitztümer  der 
Provinz,  denn  Herder  ist  ihr  zu  schnell  entfremdet  worden.  Aber 
wie  viel  ist  für  Kirchen-  imd  Unterrichtsgeschichte  geschehen  seit 
Hartknochs  und  Amoldts  Tagen.  Die  Universität  Königsberg  hat 
durch  letzteren  frühzeitig  eine  stattliche  Urkundengeschichte  erhalten, 
Tscbackert  ist  neuerdings  der  Reformationshistoriker  des  Landes  ge- 
worden, und  es  giebt  wenig  bedeutende  Kirchen  und  Schulen,  die 
nicht  ihren  Chronisten  gefunden  hätten.  Und  auch  die  Geschichte  der 
Wissenschaften  als  solche  hat,  ganz  abgesehen  von  der  nicht  eigentlich 
Ostpreufsen  angehenden  Kantlitteratur ,  merkwürdig  eifrige  Pflege  ge- 
funden. Pisanski  namentlich,  der  gegen  Ende  des  XVIII.  Jahrhunderts 
schrieb,  war  ein  unerhört  erfolgreicher  Sammler.  Er  hat  eine  preufsi- 
sche  Litteraturgeschichte  der  älteren  Zeit  geschrieben,  und  für  das 
XVn.  Jahrhundert  sind  dann  noch  lange  nach  seinem  Tode  immer 
neue  Beiträge  veröflfentlicht  worden. 

Man  sieht,  unsere  altpreufsischen  Landsleute  haben  das  Wort 
ihres  alten  Chronisten  nicht  umsonst  gesagt  sein  lassen:  kunt  mich 
darinnen  nicht  müde  lesen,  den  mir  ist  also  zcu  mut,  nicht  weis 
ich,  wie  ander  lewt  gesinnt:  je  mehr  ich  von  meinem  lieben  vater- 
land  höre  ader  lese,  je  lenger,  je  lustiger  ich  werd  davon  czu 
hören  und  lesen. 

Und  wäre  es  auch  thörichte  Verblendung,  zu  glauben,  dafs  nicht 
auch  auf  diesem  einen  abgegrenzten  Felde  der  deutschen  Territorial- 
geschichte noch  unendlich  viel  gearbeitet  und  nicht  nutzlos  gearbeitet 
werden  könnte,   hier  liegt  doch   unzweifelhaft   ein  gutes  Beispiel   vor, 


I)  „Zor  Geschichte  des  ehelichen  Güterrechts«  (,,Altpreufs.  Monatsschr."  Xll  [1875]), 
S.  217  ff. 


—      12     — 

das  die  jetzigen  Ostpreufsen  stolz  machen,  das  andere  Stämme  zur 
Nacheiferung  anspornen  und  das  schlieüslich  die  Pfleger  der  neueren  all- 
gemeinen Geschichte  mahnen  kann,  nicht  mehr  so  achtlos  wie  bisher 
an  diesen  bereits  gehobenen  Nachrichtenschätzen  vorüberzugehen. 


Das  K^iegsiAiresen  mittelalterlicher  Städte 

Von 
Georg  Liebe  (Magdeburg) 

Der  einst  von  Arnold  *)  ausgesprochenen  Aufforderung  zu  regerer 
Bearbeitung  des  städtischen  Kriegswesens  ist  nicht  die  wünschenswerte 
Beachtung  zutöil  geworden.  Nur  in  allgemeineren  Werken  über  das 
Kriegswesen  oder  solchen  über  die  Gesamtgeschichte  einer  Stadt  fanden 
die  militärischen  Zustände  der  Stadtgemeinden  lange  Zeit  einzig  Be- 
achtung.  Die  ersten  Werke,  die  sich  ihre  Erforschung  allein  zum  Ziel 
setzten,  konnten  bei  ihrer  allgemeinen  Fassimg  die  verschiedenen  Seiten 
des  Themas  nur  streifen  ').  Allmählich  begann  man  einzusehen,  dafs  wie 
auf  dem  vielumstrittenen  Felde  der  städtischen  Verfassungsgeschichte 
auch  hier  eine  gründliche  Einzelforschung  den  Boden  bereiten  müsse. 
In  der  That  ist  kaum  ein  Gebiet  lohnender  für  den  Anbau  selbst  einer 
kleinen  Strecke.  Denn  das  Material  liegt  bei  der  in  alle  Zweige 
städtischen  Lebens  einschneidenden  Bedeutung  des  Kriegswesens  in 
den  Archiven  bequem  zu  Tage,  keineswegs  nur  in  den  eigentlichen 
Kriegssachen ,  den  Musterrollen ,  Geschützinventaren ,  Soldquittungen, 
sondern  vor  allem  in  den  Rechnungen  ').  Aber  dieser  vielfach  in  den 
verschiedensten  Richtungen   verlaufende  Einflufs   läfet   es   nützlich   er- 


i)  „Verfassnngsgeschichte  der  deutschen  Freistädte'*,  II.  S.  232. 

2)  Mojean,  Städtische  Kriegseinrichtungen  im  XIV.  und  XV.  Jahrhundert,  Frogr.  1876; 
von  der  Nahmer,  Wehrx-erfassungen  der  deutschen  Städte  in  der  zwieiten  Hälfte  des 
XIV.  Jahrhunderts,  Diss.  88. 

3)  Baltzer,  Zur  Geschichte  des  Danziger  Kriegswesens  im  XIV.  und  XV.  Jahr- 
hundert, Frogr.  1893;  Otto,  Die  Wehrverfassung  einer  kleinen  deutschen  Stadt  im  späterem 
Mittelalter  („Zeitschrift  für  Kulturgeschichte",  Bd.  IV,  S.  54.  155),  1897.  Verzeichnisse 
der  Bürger,  welche  Harnische  halten  müssen,-  sind  ans  dem  XV.  Jahrhundert  erhalten  in 
Wesel.  Vgl.  R  e  i  n  h  o  1  d ,  Verfassungsgeschichte  der  Stadt  Wesel  (Gierke,  Untersuchungen^ 
1888),  S.  53. 


—     13     — 

scheinen,  wenigstens  das  Kriegswesen  der  gröfiseren  Städte  mehr  als 
bisher  im  Verlaufe  ihres  gesamten  historischen  Lebens  zu  betrachten  ^). 
Denn  nicht  nur  ist  die  Bethätigung  im  Kampfe  eine  der  höchsten 
Lebensthätigkeiten  für  ein  Gemeinwesen  wie  für  den  einzelnen:  hier 
li^  eins  der  Gebiete  vor,  auf  denen  die  straffe  Konzentration  der 
städtischen  Verwaltung  dem  modernen  Staat  vorgearbeitet  hat:  in 
dreifacher  Hinsicht  hat  sie  die  Entwickelung  gefordert,  in  rechtlicher, 
oiganisatorischer  und  technischer. 

Der  wehrhafte  Charakter  der  mittelalterlichen  Stadt  bedingte  stete 
Kampfbereitschaft  der  Einwohner;  Schossen  und  Wachen  erscheinen 
in  den  Quellen  als  Grundlagen  der  Bürgerpflicht.  Es  sind  die  un- 
erläislichen  Forderungen  modemer  Staatsanschauung,  direkte  Besteue- 
rung und  allgemeine  Wehrpflicht,  die  sich  hier  zuerst  durchgebildet 
finden.  Aber  die  Pflicht  bedeutete  im  Anfange  auch  ein  Recht;  wie 
der  Maucrring  den  von  ihm  Umschlossenen  eine  neue  Freiheit  schuf 
unabhängig  von  den  früheren  Standesverhältnissen,  so  machte  seine 
Verteidigung  sie  alle  teühaftig  der  Waffenehre.  Die  ersten  städtischen 
PrivUegien,  Worms  und  Speier  von  Heinrich  IV.  verliehen,  sind  durch 
kaisertreue  WaffenhUfe  verdient  worden  trotz  gegnerischen  Hohnes 
über  die  kriegerischen  Kaufleute.  Dies  Waffenrecht  den  Städten  zu 
bestreiten,  wie  es  den  Bauern  geschah,  ist  keinem  Stadtherm  je  ein- 
geüadlen.  Wie  die  Reichsstädte  dem  Kaiser  Zuzug  leisteten,  so  boten 
die  Landesherren  ihre  Städte  auf,  und  bis  in  das  XVII.  Jahrhundert 
stellen  für  die  neben  dem  Lehndienst  bestehende  Landfolge,  den 
letzten  Rest  des  alten  Heerbanns,  die  Bürger  das  wertvollste  Kon- 
tingent*). Wohl  aber  boten  die  immer  gesteigerten  fürstlichen  An- 
sprüche den  Städten  dauernd  Anlafs  zu  Beschwerden.  Denn  nur  bei 
gemeiner  Landesnot  wurde  die  Verpflichtung  unbedingt  anerkannt,  der 
Ausnutzung  zu  gunsten  dynastischer  Politik  suchten  die  Städte  durch 
Beschränkung  in  Zahl  und  Dauer  des  Auszugs  zu  begegnen.  That- 
sächliche  Befreiung  erlangten  allerdings  nur  die  mächtigeren. 

War  die  Verteidigung  der  Stadt  bedingungslose  Pflicht  jedes  In- 
wohners, so  unterlag  die  Organisation  des  Auszugs,  sei  es  im  Dienste 
des  Stadtherm  oder  in  eigner  Fehde,  wechselnden  Änderungen.  Hier 
lag,  den  Forderungen  zeitgenössischer  Taktik  entsprechend,  das  Haupt- 
gewicht bis   ins  XIV.  Jahrhundert  bei   der  schwelgerüsteten  Reiterei. 


i)  Liebe,  Das  Kriegswesen  der  Stadt  Erfurt  von  Anbeginn  bis  mm  Anfall  an 
Preuüien,  1S96. 

3)  „Angebote  der  Stadt  Sangerhausen  durch  ihre  s&chsischen  Herren  im  XV.  Jahr- 
-hnndert"«     Bei  Schmidt,  Sangerhaosen  als  Festung  n,  1896. 


—     14     — 

Im  Anschlufs  an  die  erste  städtische  Besatzung,  die  Ministerialen  des 
Stadthenn,  pflegten  daher  auch  später  die  Patrizier,  in  denen  jene 
häufig  aufgegangen  waren,  die  Tradition  des  Rofsdienstes.  Aristo- 
kratische Genossenschaften  wie  die  Zirkelbrüderschaft  in  Lübeck,  die 
Lilienvente  in  Braunschweig,  die  Artushöfe  der  preufsischcn  Städte 
wahrten  streng  ritterliche  Sitte.  In  Strafsburg  wie  in  Magdeburg  er- 
wuchs aus  dieser  Ehrenpflicht  der  Name  Konstabel  für  die  Patnzier, 
die  1280  in  letzterer  Stadt  ein  Turnier  in  den  höfischen  Formen  des 
Grals  feierten.  Der  wachsende  Einflufs  der  Zünfte  aber  zeitigte  in  der 
ersten  Hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts  eine  Demokratisierung  wie  der 
Verfassung,  so  auch  der  Heeresmacht,  die  mit  der  durch  Schweizer- 
imd  Hussitenkriege  erwiesenen  Überlegenheit  des  Fufsvolks  den  Platz 
behauptete.  Die  Masse  der  Bürgerschaft,  bisher  hauptsächlich  defensiv 
oder  bei  Belagerungen  verwendet,  lernte  jetzt,  unterstützt  von  den  ent- 
wickelten FemwafTen,  oflfensiv  im  Felde  aufzutreten  und  erwies  sich  in 
den  Kämpfen  mit  den  vorwärts  drängenden  Territorialgewalten  am 
Ende  des  XIV.  Jahrhunderts  als  achtungswerter  Gegner.  Die  Ein- 
teilung der  bürgerlichen  Streitmacht  blieb  auch  jetzt  noch  häufig  die 
althergebrachte  in  Viertel  *),  deren  Zahl  freilich  nicht  immer  dieser  Be- 
nennung entsprach,  mit  ebenfalls  lokalen  Unterabteüungen  wie  die 
Gassenhauptmannschaften  in  Nürnberg,  die  Pfarren  in  Erfurt.  Häufig 
aber  und  vermutlich  da,  wo  der  Sieg  der  Zünfte  ein  entschiedener 
war,  wurden  diese  wie  auf  politischem,  so  auf  militärischem  Gebiete  zur 
neuen  Grundlage.  Auch  jetzt  blieb  schärfste  Beobachtung  der  Dienst- 
pflicht Regel;  schon  in  Friedenszeiten  wurde  jedem  Bürger  auf  Mauer 
und  Turm ,  wie  in  der  Schlachtordnung  sein  Platz  angewiesen  *) ,  und 
immer  wiederholte  Musterungen  wachten  über  die  Bereitschaft  von 
Mann  und  Rüstimg.  Bei  letzterer  wurde  ein  gewisses  timokratisches 
Prinzip  beobachtet,  indem  das  Mafis  der  Rüstung  nach  dem  Vermögen 
bemessen  und  so  die  gesamte  Mannschaft  in  mehrere  Klassen  geteilt 
wurde. 

So  kemhaft  tüchtig  die  bürgerliche  Streitmacht  war,  ihren  Lei- 
stungen war  eins  hinderlich :  jede  kriegerische  Aktion  schädigte  daheim 
die  gewerbliche  Existenz  des  Abwesenden.  So  war  ihre  gesammelte 
Kraft  wohl  gewaltiger  Schläge  fähig,  aber  unfähig  zu  dem  aufreibenden 


i)  So  in  Dresden,  vgl.  O.  Richter,  Verfassungsgeschichte  der  Stadt  Dresden  (1885), 
S.  283. 

2)  „Verzeichnisse  ans  dem  XV.  Jahrhundert *<.  Bei  Meyer,  Die  Reichsstadt  Nord- 
hausen (Zeitschrift  des  Harzvereins  21),  1888. 


—     15     — 

„täglichen  Kriege''  ^),  wie  Um  das  Bürgertum  des  Mittelalters  vor  allem 
der  Ritterschaft  gegenüber  fuhren  mufste,  der  das  Städtewesen  als 
Vertreter  einer  neuen  Wirtschaftsordnung  rettungslos  die  Lebensadern 
unterband.  Diesem  Gegner  war  nur  eine  ständig  gerüstete  Truppe 
gewachsen,  ihr  Material  konnte  sich  nur  aus  den  feindlichen  Reihen 
rekrutieren.  Der  Beweglichkeit  des  Angriffs  mufste  eine  gleiche  Ab- 
wehr begegnen,  darum  sehen  wir  bei  den  städtischen  Söldnern  die 
Reiterei  noch  im  Übeigewicht,  als  dies  bei  der  Bürgerwehr  längst  be- 
seitigt war  *).  Stehendes  MUitär  allerdings  hielten  auch  bedeutende 
Städte  nur  in  geringem  Mafse;  aufser  den  Thorwächtern  war  in  der 
Regel  nur  eine  Anzahl  reisiger  Knechte  zu  Polizei-  und  Botendiensten 
vorhanden.  Vielmehr  sicherten  sich  die  Städte  eine  stets  bereite  ge- 
übte Mannschaft,  indem  sie  durch  Verträge  auf  Grund  einer  Geldrente 
benachbarte  Edelleute  verpflichteten,  auf  das  Gebot  der  Stadt  in  den 
Stegreif  zu  treten.  Es  ist  die  Stellung  des  Gleven-,  Edel-,  Aus- 
bürgers, in  der  wir  den  Fürsten  wie  den  Edelknecht  finden,  ver- 
gleichbar der  dauernden  Bestallung  späterer  Landsknechtshauptleute, 
die  sie  auch  in  Friedenszeiten  einzelnen  Fürsten  verband.  In  Kriegs- 
läuften  wurden  aufserdem  Reisige  iiir  den  besonderen  Fall  angeworben 
als  Gleven  oder  Helme,  wobei  auf  den  Ritter  ein  bis  zwei  Knechte 
gerechnet  wurden,  oder  als  Einspänniger.  An  Zuzug  fehlte  es  einer 
zahlungskräftigen  Stadt  nie,  denn  die  Überzahl  der  erbelosen  Schild- 
geborenen fand  hier  den  einzigen  standesgemäfsen  Nahrungszweig.  In 
typisch  geschäftsmäüsiger  Form  bestimmen  die  zahlreich  vorhandenen 
Soldbriefe  die  Bedingungen,  durch  die  sich  beide  Teile  vor  Schaden 
zu  wahren  suchen.  Die  Stadt  behält  sich  Musterung  von  Mann  und 
Rofe  und  Verfügung  über  Beute  und  Gefangene  vor,  der  ritterliche 
Söldner  sucht  möglichst  viel  an  Verpflegung  und  Schadenersatz  neben 
dem  Solde  herauszuschlagen.  Ende  des  XIII.  Jahrhunderts  beginnend 
hat  das  Soldrittertum  im  folgenden  geblüht,  um  an  dessen  Ende  in 
das  Soldreitertum  überzugehen.  Es  bildete  sich  ein  militärisches  Unter- 
nehmertum aus,  Condottieren,  die  beständig  eine  Schar  Reisiger  unter 


i)  Eine  recht  deutliche  Definition  dieses  im  Mittelalter  üblichen  Wortes  giebt  eine 
Urknode  von  1369,  Okt.  18.,  mittels  der  sich  Wilhelm  v.  Jülich  and  die  Stadt  Köln 
gegen  den  Kölner  Erzbischof  verbünden,  (Lacomblet,  Urkondenbnch  für  die  Geschichte 
des  Niederrheins  III.  Bd.  Nr.  693).  Beide  Teile  verpflichten  sich  dort  zur  SteUong  von 
100  glaygen  za  degelichem  kriege,  van  dage  za  dage  za  schedigen  dat 
gestichte  van  Colne. 

2)  Mendheim,  Das  reichsstädtische,  besonders  Nürnberger  Söldnerheer  im  XIV. 
and  XV.  JahrhnnderL     Diss.  89. 


—  le- 
iden Waffen  hielten  und  sie  jedem  zur  Verfiigfung  stellten ;  das  adelige 
Privileg"  des  Rofsdienstes  wurde  dabei  immer  weniger  gewahrt.  Fufs- 
söldner  treten  erst  hundert  Jahre  später  auf,  zuerst  in  Nachahmung 
^er  Schweizer  in  Süddeutschland;  für  sie  bürgert  sich  vom  Ordens- 
landc  her  der  Name  Trabanten  ein.  Über  die  Kosten  des  Söldner- 
-Vf'esens  geben  die  Stadtrechnungen  ausgiebigen  Aufschlufs  *). 

Auf  technischem  Gebiete  haben  die  Städte  es  allezeit  verstanden, 
-sich  jeden  Fortschritt   auf  das  Schnellste   zu  nutze  zu  machen.     Das 
-galt  vor  allem  der  Entwicklung  der  Fernwaflfen.     Die  aus   den  Kreuz- 
.  Zügen  heimgebrachte  Armbrust  wurde,  vielfach  verbessert,  die  bürger- 
liche Lieblingswaffe,  erst  bei  der  Verteidigung  der  Mauern,  dann  auch 
-im  Felde,   wo  sie   in  Anlehnung   an   den   gewohnten  Gebrauch  hinter 
Setzschüden  (Pavesen)  Anwendung  fand.  Oft  wertvoll  gehörten  sie  meist 
nicht  dem  einzelnen  sondern  einer  Gesamtheit.    Die  Aufnahme  in  eine 
Zunft  bedingt  zuweilen   einen  Beitrag  für  die  Armbrüste,   und  die  In- 
ventare  der  städtischen  Zeughäuser  führen  sie  mit  mancherlei  anderen 
Waffen  in  stattlicher  Zahl  an.    Der  Übung  dienten  die  Schützenbrüder- 
-schaften,  die  meist  nur  nach  ihrer  späteren  Gestalt  von  der  geselligen 
.  Seite  gewürdigt  worden  sind ,   früher  aber  Vorbereitung  für  den  Krieg 
waren  *).     Denn   sie ,    die   bis   in   den  Anfang   des  XIV.  Jahrhunderts 
^zurück  reichen,   stellten  nicht  nur  der  Stadt   eine   stets  geübte  Mann- 
'Schaft,   sondern   aus   ihnen   rekrutierten   sich  zum  Teil  die  städtischen 
Söldner,  die  schon  früh  überwiegend  mit  Schufswaffen  gerüstet  sind  •). 
Die  Armbrust   blieb    auch   noch    lange   nach   Einführung    der  Feuer- 
waffen in  Brauch,  deren  Schwerfälligkeit  die  Handhabung  erschwerte. 
Stahl-  und  Büchsenschützen  sind  getrennt.    Bis  weit  in  das  XV.  Jahr- 
hundert   hat    die    ältere  Waffe    das   Übergewicht.     Früher    gelangten 
.die    Geschütze    im    Festungskriege    zur    Bedeutung,    zuerst    1326    in 
Metz,  schon  1 348  fiel  die  Rudelsburg  durch  eine  Naumburger  Büchse, 
/und  um  1400  besitzen  gröfsere  Städte  schon  eine  stattliche  Artillerie, 
für  die  ebenfalls  schon  in  Friedenszeiten  die  Plätze  auf  den  Festungs- 
werken bestimmt  waren.     An  Stelle   des  Blidenmeisters   erscheint   im 
.  städtischen  Dienst  der  Büchsenmeister.    Die  für  Infanterie  und  Artillerie 


1)  „Deutsche  Städtcchroniken",  Nürnberg  I;  Knipping,  Ein  mittelalterlicher  Jahres- 
haushalt der  Stadt  Köln  (1379)  („Beitr.  z.  Gesch.  Kölns  n.  d.  Rheinlande'<  1895). 

2)  Gehrke,  Danzigs  Schützenbrüderschaflen  in  alter  und  neuer  Zeit,  1895;  Neu- 
bauer, Geschichte  der  Zerbster  Schützengesellschaft,  1897;  Schoop,  Geschichte  der 
Ewaldus-Schützengilde  in  Düren,  1896. 

3)  Vgl.  die  Notiz  aus  dem  Archive  von  Wipperfürth,  bei  Tille,  Übersicht  über  den 
Inhalt  der  kleineren  Archive  der  Rheinprovinz  I,  S.  282,  Nr.  3  (1456)* 


—     17     — 

tiötigen  Transportmittel  führten  früh  zur  Ausbildung-  eines  starken 
Wagentrosses  *),  den  die  Bürger  für  die  in  Nachahmung  der  Hussiten 
geübte  Taktik  der  Wagenburg  nutzbar  zu  machen  wufsten.  Bei  den 
städtischen  Kontingenten  zuerst  findet  sich  eine  Einrichtung,  die  uns 
tintrennbar  von  soldatischem  Wesen  erscheint,  bis  ins  XVII.  Jahr- 
hundert aber  nur  in  Verbindung  mit  der  allgemeinen  Wehrpflicht  auf- 
tritt, die  Uniform  *). 

Mit  dem  XVI.  Jahrhundert  geht  wie  die  politische  auch  die  mili- 
^tärische  Blüte  der  Städte  zur  Rüste  gegenüber  dem  machtvollen  Auf- 
fitreben der  Territorien.  Das  herrschende  Kampfmittel,  die  Lands- 
knechte, sind  sie  bei  dem  Rückgang  ihrer  finanziellen  Bedeutung  nicht 
mehr  im  stände,  für  sich  zu  gewinnen,  und  die  Bürgerwehr  war  dem 
kriegsgeübten  Söldner  nicht  mehr  gewachsen.  Nur  die  Geschütz- 
bedienung, das  Konstablerwesen,  blieb  bei  der  Kostbarkeit  des  Ma- 
terials in  den  Händen  der  Bürger.  Der  grofse  Krieg  brach  völlig  die 
kriegerische  Kraft  des  Bürgertums;  zwischen  Nähr-  und  Wehrstand 
war  eine  unheilvolle  Kluft  geöffnet.  Die  Stadtsoldaten  werden  nicht 
-mit  Unrecht  ein  Gegenstand  der  Satire,  als  Kontingente  der  Reichs- 
armee  stellen  sie  verkümmerte  Reste  veralteter  Zustände  gegenüber 
^em  modernsten  Staatswesen  dar,  dem  preuüsischen. 

Dankbarste  Aufgaben  bieten  sich  hier  der  Lokalforschung;  viel- 
fach liegt  das  Material  schon  im  Drucke  vor  •)  und  bedarf  nur  noch 
«der  systematischen  Bearbeitung,  aber  auf  Grund  archivalischen  Ma- 
terials läfst  sich  noch  manches  Neue  über  die  städtische  Wehrver- 
fassung beibringen. 


i)  Neben  den  Geschützen  waren  anch  zahlreiche  Kriegsmaschinen  zu  transportieren. 
In  Strafsbasg  wurden  1359  neben  schlangen-  und  steinbüchsen  die  katzen  (Wurfgeschütze), 
«ebenhöher  (bretteme  Schutzdächer  zum  Mauerstfirmen) ,  dumbler  (Schleudermaschinen), 
frfirden  (Stofs werke)  genannt.     Vgl.  Schmoller,    Straisburg  zur  Zeit   der  Zunftkämpfe 

•(1875),  s.  34. 

2)  Liebe,  Zur  Geschichte  der  Uniform  in  Deutschland  („Zeitschrift  fUr  Kultur- 
geschichte *<  n,  1895). 

3)  Z.  B.  Döbner,  Hildesheimer  Urkundenbuch  V,  Stadtrechnungen. 


—     18 


Die  landeskundliche  Iiitteratur 
Deutschlands  im  t^eformationszeitalter 

Von 
Viktor  Hantzsch  (Dresden) 

Während  des  Mittelalters  g^ab  es  in  Deutschland  keine  landeskund- 
liche Litteratur  im  geographischen  Sinne,  also  weder  topographische  Be- 
schreibungen noch  gesonderte  kartographische  Darstellungen  des  ge- 
samten Reichsgebietes  oder  einzelner  Teile  desselben.  Zwar  finden 
sich  in  den  zahlreichen  Chroniken  und  anderen  Geschichtsquellen,  so- 
wie in  den  Erzeugnissen  der  poetischen  Litteratur  hier  und  da  zer- 
streut nicht  wenige  vereinzelte  Notizen  landeskundlichen  Inhalts,  die 
ein  gründlicher  Kenner  der  Monumenta  Germantae  und  der  mittel- 
alterlichen Dichtungen  sicherlich  mosaikartig  zu  einem  Ganzen  ver- 
einigen könnte,  aber  eine  zusammenhängende  Schilderung,  die  den 
Namen  einer  Landeskunde  von  Deutschland  verdienen  würde,  fehlt. 
Auch  nach  einer  mittelalterlichen  Karte  von  Deutschland  sehen  wir 
uns  vergebens  um.  Auf  den  uns  erhaltenen  Weltkarten  jener  Zeit,, 
die  in  den  grofsen  Reproduktionswerken  von  Lelewel,  Jomard,. 
Santarem,  Kretschmer  und  Nordenskiöld  vorliegen,  selbst 
auf  denen  deutschen  Ursprungs,  wie  auf  der  von  Andreas  Wals- 
perger') 1448  gezeichneten,  ist  Deutschland  ganz  unbestimmt  und 
ungenügend  abgebildet  und  zeigt  nur  eine  sehr  geringe  Zahl  von 
Namen. 

Ein  Umschwung  in  diesen  Verhältnissen  trat  erst  durch  die  Re- 
naissance ein.  Dieser  verdankt  gleich  den  übrigen  Wissenschaften 
und  Künsten  auch  die  Geographie,  insbesondere  die  Landeskunde,  eine 
wesentliche  Förderung.  Das  neu  erwachende  Studium  der  antiken 
Geographen  veranlafste  die  deutschen  Gelehrten,  deren  Notizen  über 
das  alte  Germanien  zu  sammeln  und  mit  den  Zuständen  der  Gegen- 
wart zu  vergleichen.  Da  die  letzteren  den  meisten  nur  ungenügend 
bekannt  waren,  mufsten  sie  untersucht  werden,  und  die  Widersprüche,, 
die  sich  aus  dem  Vergleiche  der  antiken  und  modernen  Verhältnisse 
ergaben,  regten  zu  neuen,  immer  tiefer  eindringenden  Studien  an. 
Auch  die  Kunde  von  den  wunderbaren  neuen  Entdeckungen  der  Spa- 
nier und  Portugiesen  im  westlichen  und  östlichen  Indien  mag  manchen 


l)  Kretschmer,  Eine  mittelalterliche  Weltkarte  der  Vatikanischen  Bibliothek  von 
Andreas  Walsperger  (Zeitschrift  der  Gesellschaft  für  Erdkunde  zu  Berlin  189 1). 


—     19     — 

deutschen  Forscher  angeregt  haben,  auf  Entdeckungen  im  eigenen 
Lande  auszugehen  und  diese  den  Facbgenossen  und  dem  grofeen 
Poblikum  durch  landeskundliche  Schriften  mitzuteilen.  Es  kann  natür- 
lich nicht  die  Aufgabe  der  vorliegenden  kurzen  Skizze  sein,  die 
Erzeugnisse  dieser  neu  auftretenden  landeskundlichen  Litteratur  in 
vollständiger  Reihe  aufzuzählen  ^).  Vielmehr  wird  es  gentigen,  die  be- 
deutendsten selbständigen  und  in  irgend  einer  Hinsicht  besonders  merk- 
würdigen Werke  dieser  Litteraturgattung ,  die  Deutschland  während 
des  Reformationszeitalters,  also  vom  Ende  des  XV.  bis  um  die  Mitte 
des  XVII.  Jahrhunderts  hervorgebracht  hat,  zu  erwähnen  und  im  Zu- 
sammenhange kurz  zu  charakterisieren.  Bemerkt  sei,  da(s  der  BegriiT 
Deutschland  hier  im  modernen  Sinne  zu  verstehen  ist,  so  dais  also 
die  Schweiz,  Osterreich  und  die  Niederlande,  die  eine  verhältnismäisig 
reiche  Zahl  hierher  gehöriger  Schriften  aufweisen,  unberücksichtigt  ge- 
blieben sind.  Auch  wurden  die  außerhalb  Deutschlands  erschienenen 
Werke  übergangen. 

Die  älteste  landeskundliche  Arbeit  über  Deutschland,  De  situ,  ritu, 
moribus  et  condittane  Teutontae  descriptio,  rührt  von  dem  als  Papst 
Ras  II.  bekannten  Enea  Silvio  Piccolomini  her  imd  ist  1496  zu 
Leipzig  gedruckt.  Weniger  zusammenhängend,  jedoch  reich  an  indi- 
viduellen Zügen  sind  die  geographischen  Notizen,  die  der  humaiüstische 
Dichter  Conrad  Celtis  in  seinen  Amores  (1502),  seinen  Oden  und 
Epigrammen  als  Ergebnis  mehrjähriger  Reisen  lüedergelegt  hat  und 
die  er  zu  einer  grofeen  Germania  illustrata  vereinigt  hätte,  werm  er 
nicht  allzu  früh  gestorben  wäre  ').  Systematischer  in  der  Anlage  und 
die  modernen  Verhältnisse  zu  den  antiken  in  Beziehung  setzend,  wenn 
auch  das  historische  Moment  gegenüber  dem  geographischen  vorzugs- 
weise betonend,  waren  die  Germaniae  exegesis  des  Franz  Irenicus 
(1S18),  die  Schollen  zur  Germania  des  Tacitus  von  Andreas  Alt- 
hamer  (1529),  die  Germaniae  descriptio  des  Kosmographen  Se- 
bastian Münster  (1530)  imd  die  Germaniae  explicatio  des  Wili- 
bald  Pirckheimer  (1571).  Volkstümlich  gehalten  und  von  nationaler 
Begeisterung  durchweht  ist  Matthias  Quads  Deutscher  Nation 
Herrlichkeit  (1609).  Umfangreiche  SchUderungen  Deutschlands  ent- 
halten auch  die  grofsen,  einst  vielgelesenen  kosmographischen  Werke 
Sebastian  Münsters   (1544),   Georg  Frenzeis  (1592)   und  Jo- 


1)  Reichliche    Litteratttmachweise    bietet   P.  E.  Richter,    Bibliotheca   geographica 
Gersumiae,  1896. 

2)  Geiger,  Conrad  Celtis  in  seinen  Beziehnngen  zur  Geographie.     München  1896. 

2* 


--     20     — 

hann  Rauws  (1597).  Den  Höhepunkt  und  Schlufsstein  der  landes- 
kundlichen Litteratur  jener  Zeit  aber  bildet  die  grofse  Zeillersche 
Topographie,  die  seit  1642  in  33  Bänden  erschien  und  noch  heute 
wegen  ihres  historischen  Wertes  und  ihrer  prächtigen,  von  Matthäus 
Merian  gestochenen  Kupfer  und  Karten  geschätzt  wird.  Ein  Auszug 
aus  diesem  grofeen  Werke,  „Verzeichnis  der  Kurfürsten,  Fürsten  und 
Stände  des  heiligen  römischen  Reiches  deutscher  Nation''  blieb  bis 
tief  ins  XVIII.  Jahrhundert  hinein  das  beliebteste  und  verbreitetste 
Lehrbuch  der  Geographie  von  Deutschland. 

Neben  diesen  allgemeinen  Werken  gab  es  noch  eine  gro(se  Zahl 
von  Spezialarbeiten  über  einzelne  Landschaften.  Da  dieselben  jedoch 
vorzugsweise  historisches  und  nur  gelegentlich  geographisches  Material 
darbieten,  sind  sie  im  allgemeinen  den  Lokal-  und  Territorialchroniken 
beizuzählen  und  deshalb  hier  mit  Stillschweigen  zu  übergehen.  Nur  einige 
von  ihnen,  wie  die  Streitschriften  Jakob  Wimphelings  undThomas 
Murners  über  die  Westgrenze  Deutschlands  und  über  die  Zugehörig- 
keit des  Elsaiis  zu  Deutschland  oder  Frankreich  (1501  und  1502],  die 
Vandaltä  und  Saxont'a  des  Albert  Krantz  (1519),  die  Beschreibung 
des  Fichtelgebirges  von  Kaspar  Brusch  (1542),  der  in  Distichen 
geschriebene  Rhenus  des  Bernhard  Moller  (1570)  und  die  trotz 
ihres  geschichtlichen  Kernes  auch  vieles  Geographische  bietenden 
Res  Frisiae  des  Ubbo  Emmius  (161 6)  verdienen  als  brauchbare 
landeskundliche  Werke  im  geographischen  Sinne  hervorgehoben  zu 
werden. 

Wichtiger  als  diese  wenigen  Spezialwerke  sind  für  die  Landes- 
kunde jener  Zeit  die  Reisebücher  und  zwar  sowohl  Beschreibungen 
von  ausgeführten  als  Anweisungen  für  vorzunehmende  Reisen  durch 
Deutschland.  Zu  den  ersteren  gehören  beispielsweise  das  Hodoeporicon 
des  Humanisten  Eobanus  Hessus  (1518],  des  Micyllus  (1527), 
des  Melchior  Lorichius  (1541),  des  David  Chyträus  (1575) 
und  des  Peter  Lindeberg  (1586),  Beyrlins  Reise  durch  Deutsch- 
land [\(x^^  die  Itinerare  des  Cuselius  (1607)  und  des  Paul  Hentzner 
(1617),  sowie  das  Her  saxonicum  des  Michael  Barth  (1563),  zu  den 
letzteren  Wintzenbergers  Reisebüchlein  von  Dresden  aus  durch 
ganz  Deutschland  (1577),  die  Deliciae  Gerntaniae  des  Matthias 
Quad  (1600),  des  Cyprian  Eichovius  (1602)  und  des  Kaspar 
Ens  (1609),  die  Gerntaniae perlustratio  des  Heinrich  von  Stange 
(1607),  sowie  das  Itinerarium  Gerntaniae  des  Matthias  Quad 
(1602),  Martin  Zeillers  (1632)  und  der  beiden  Brüder  Georg  Kon- 
rad und  Johann  Georg  Jung  (1641).     Alle  diese  Reisewerke,  die 


-      21     — 

für  die  Kenntnis  der  älteren  Topographie  von  hohem  Interesse  sind, 
aber  bisher  für  landeskundliche  und  ortsgeschichtliche  Zwecke  nur 
wenig  ausgenutzt  wurden,  beschäftigen  sich  weniger  mit  den  einzelnen 
Territorien  im  allgemeinen  und  deren  geographischen  Eigentümlich- 
keiten, als  vielmehr  vorzugsweise  mit  den  gröfseren  Städten.  Da(s 
diese  überhaupt  damals  im  Vordergrunde  des  geographischen  Interesses 
standen,  beweisen  nicht  nur  die  trefflich  ausgeführten  Städte-Ansichten 
in  den  späteren  Ausgaben  von  Sebastian  Münsters  Kosmographie 
seit  1550  und  in  der  grofsen  Topographie  vonMerian  und  Zeiller, 
sondern  auch  mehrere  Werke,  die  sich  ausschliefslich  mit  der  Dar- 
stellung von  deutschen  und  ausländischen  Städten  in  Wort  und  Bild 
befassen,  so  die  in  mehreren  Ausgaben  verbreiteten,  wegen  ihrer  schönen 
Kupfer  noch  heute  sehr  gesuchten  Civitates  orbts  terrarum  von  Georg 
Braun  und  Franz  Hogenberg  (1572),  das  Städtebuch  des  Abra- 
ham Säur  (1593)  und  das  Theatrum  urbium  des  Romanus  (i595)» 
die  Urbes  imperiales  des  Nikolaus  Reusner  (1602)  und  Mat- 
thäus Dressers  Buch  Von  den  /ümehmsten  Städten  Deutsch- 
lands  (1607). 

Dies  wären  in  Kürze  die  wichtigsten  landeskundlichen  Werke,  die 
Deutschland  im  Reformationszeitalter  hervorgebracht  hat.  Überblicken 
wir  an  der  Hand  derselben  den  Entwicklungsgang,  den  die  landes- 
kundliche Litteratur  in  jenen  beiden  Jahrhunderten  zurückgelegt  hat, 
so  ergeben  sich  etwa  folgende  Gesichtspunkte.  Am  Beginn  des  Zeit- 
raumes war  das  landeskundliche  Wissen  äufserst  mangelhaft  und  sehr 
wenig  verbreitet.  Wohl  nur  vereinzelte  deutsche  Gelehrte  besafsen 
damals  eine  so  allgemeine  Kenntnis  ihres  Vaterlandes,  wie  sie  heute 
jeder  einigerma&en  befähigte  Mittelschüler  sein  Eigen  nennt.  Noch 
im  Anfang  des  XVI.  Jahrhunderts  wimmeln  selbst  die  besten  landes- 
kundlichen Schriften  von  groben  Fehlem.  Auch  spricht  aus  ihnen 
fast  durchgängig  ein  blinder  Autoritätsglaube,  namentlich  gegenüber 
der  Bibel  und  den  alten  Klassikern,  der  sie  veranlafst,  die  wider- 
sinnigsten und  abgeschmacktesten  Fabeln  für  unumstöfsliche  Wahrheit 
auszugeben,  femer  eine  bemerkenswerte  Kritiklosigkeit,  eine  weitgehende 
Leichtfertigkeit  in  der  Behandlung  der  Quellen,  die  nicht  selten  ohne 
jede  Rücksicht  auf  handgreifliche  Irrtümer  und  offenbare  Widersprüche 
einfach  wörtlich  aneinander  gereiht  w^erden,  endlich  ein  oft  lächerlich 
wirkendes  heifses  Bemühen,  durch  Zitate  und  gelehrte  Spezialunter- 
suchungen mit  reichem  philologischem  und  antiquarischem  Wissen  zu 
prunken,  Aufserdem  ermüden  manche  dieser  Schriften  den  modemen 
Leser   durch    übermäisige   Weitschweifigkeit    der   Darstellung,    durch 


—     22     — 

langatmige,  oft  gar  nicht  zur  Sache  gehörige  Exkurse,  durch  unglück- 
liche Versuche,  die  vorkommenden  geographischen  Eigennamen  ety- 
mologisch zu  erklären,  und  vor  allem  durch  jene  innere  Ungleich- 
mäüsigkeit,  die  das  Wesentliche  nicht  vom  Unbedeutenden  zu  scheiden 
versteht  und  darum  beides  mit  gleicher  Liebe  und  Umständlichkeit 
oder  aber  auch  mit  gleicher  Kürze  und  Dürftigkeit  behandelt  Je 
weiter  wir  zeitlich  vorangehen,  desto  mehr  verschwinden  diese 
Übelstände.  Die  Kenntnis  der  geographischen  Thatsachen  nimmt 
rasch  zu,  die  Kritik  beginnt  sich  hier  und  da  zu  regen,  der  gesunde 
Menschenverstand  kommt  nicht  selten  zum  Durchbruch.  Ein  lang- 
samer, doch  sicherer  Fortschritt  ist  trotz  aller  gelegentlichen  Rück- 
fälle unverkennbar.  Am  Schlüsse  der  Epoche,  also  um  die  Mitte  des 
XVII.  Jahrhunderts,  zeigen  die  landeskundlichen  Schriften  achtungs- 
werte Gelehrsamkeit,  namentlich  diejenigen  Zeillers  sind  wahre  Fund- 
gruben polyhistorischen  Wissens.  Aber  sie  sind  mit  wenigen  Aus- 
nahmen nicht  im  lebendigen  vorurteilslosen  Anschauen  der  Wirklich- 
keit entstanden,  sondern  vorwiegend  in  der  Studierstube  mühselig  aus- 
geklügelt und  aus  hundert  anderen  Büchern  abgeleitet.  Nii^ends  weht 
uns  aus  ihnen  der  gesunde  Erdgeruch  des  Heimatbodens  an.  Eins  fehlt 
ihnen  vor  allem :  der  Geist.  Selten  findet  sich  eine  glückliche  und 
originelle  Idee,  selten  ein  Versuch,  aus  vielen  gleichartigen  Erschei- 
nungen ein  allgemein  gültiges  geographisches  Gesetz  abzuleiten,  fast 
niemals  ein  Schimmer  von  der  Erkenntnis  der  Wechselwirkung  zwi- 
schen Land  und  Volk,  von  der  Abhängigkeit  des  Kulturlebens  von 
Boden,  Klima  und  Naturprodukten.  Hierin  Wandel  geschaffen  und  das 
tote  geographische  Wissen  durch  geistreiche,  Ideen  fördernde,  Ver- 
gleiche anregende  und  Probleme  aufstellende  Behandlung  belebt  zu 
haben,  ist  das  unvergängliche  Verdienst  des  genialen  Bernhard 
Varenius,  dessen  Geographia  generalis  von  1650  eine  neue  Epoche 
auch  für  die  Landeskunde  einleitete.  (Schlafs  folgt.) 


-V.^   N.^^-^V^- 


Mitteilungen 

Yersaminllingeil«  —  Der  „Gesammtverein  der  deutschen  Ge- 
schichts-  und  Altertumsvereine",  welcher  seit  1852  besteht,  hielt 
in  den  Tagen  vom  3.  bis  5.  Oktober  1898  seine  Generalversammlung  zu 
Münster  i.  W.    ab.  Die  Verhandlungen,  deren  Protokolle  in  Buchfonn  (Berlin, 


—     23     — 

Mittler  &  Sohn,   1899)  veröffentlicht  sind,  beschäftigen  sich,   abgesehen  von 
den  Vorträgen  allgemeineren  Inhalts ,   mit  verschiedenen  Fragen   der  lokalen 
Geschichtsforschung  und  ihrer   Organisation,    und    zwar    wurde    über  Aus- 
grabungen,   Denkmalspflege,    Grundkartenarbeit,    Ortsnamenforschung    und 
Archivinventarisation  gehandelt.    Die  Ausgrabungen  des  Museumsdirigenten 
Baum  (Dortmund)  an  der  Lippe,  von  denen  ein  grofser  Teil  zur  Erläuterung 
des  Vortrags  ausgestellt  war,  geben  wichtige  Aufschlüsse  über  die  Vergangen- 
heit Westfalens    und    zwar    aus    ganz   verschiedenen  Kulturepochen,    deren 
genauere  gegenseitige  Abgrenzimg  eine  der  wichtigsten  Aufgaben  der  Forschung 
überhaupt  sein  dürfte.    Bedeutsam  sind  sie  aber  auch  in  methodischer  Hinsicht 
deshalb,  weil  genaue  Beschreibungen  der  Fundstätten  vorgenommen  worden 
sind  und  durchgängig  die  Fundstücke,  Bronze  oder  Eisen,  bei  der  Urne  ge- 
blieben sind,  bei  der  sie  gefunden  wurden.    Nur  bei  allgemeiner  Anwendung 
dieser  Prinzipien  ist  es  möglich,  aus  den  Ausgrabungen  wirklich  Nutzen  für 
die  Kenntnis  der  Vergangenheit  zu  ziehen.    Die  Mitteilungen  über  vorgeschicht- 
liche Kultusstätten,   namentlich  bei  Lindenfels  im  Odenwald,   im  Vogtlande 
und  anderwärts  (Anthes,  Florschütz)   zeigten  jedem  Unbefangenen   deutlich, 
dals  die  Forschungen  auf  diesem  Gebiete  noch  in  den  Kinderschuhen  stecken, 
dafs  jedenfalls  von  gesicherten  allgemeinen  Ergebnissen,    die  Gemeingut   der 
gebildeten  Welt  werden  könnten,  heute  noch  nicht  die  Rede  sein  kann.    Das- 
selbe gilt  für  die  grundlegenden  Unterschiede  zwischen  den  Lebensgewohnheiten 
<)er  deutschen  Stämme,  deren  Besprechung  durch  eine  These  des  Dr.  Flor- 
scfaütz  (Welche  durchgreifende  Unterschiede  bestehen  zwischen   den  Funden 
aus  alemannischen  und  aus  fränkischen  Reihengräbern?)  angeregt  wurde:  es 
fehlte  auch  hier  an  genügenden  Unterlagen  für  eine  tiefere  Erörterung;   nur 
das  eine    liefs  sich  feststellen,   dafs   die  Unterschiede  zwischen  den  Funden 
von  Schierstein  und  Sindlingen  sich  durch  neuere  Entdeckungen  geringer  er- 
wiesen haben,  als  es  anfangs  schien.     Wie  sehr  es  gerade  auf  dem  Gebiete 
der  deutschen  Vorzeit,  Urzeit  und  Stammeszeit  noch  gründlicher  Forschung 
und  Verbreitung  der  wenigen  gesicherten  Resultate  bedarf,  ergiebt  sich  auch 
aus  dem  rein  objektiven  Bericht  über  die  Vermehrung  der  Sammlungen  des 
„Römisch-Germanischen  Zentralmuseums  in  Mainz'':  denn  die  Gegenstände 
germanischer  Herkunft  verschwinden  an  Zahl  völlig  gegenüber  den  römischen, 
und  unter  letzteren  handelt  es  sich  auch  durchaus  nicht  nur  um  Gegenstände 
aus  spätrömischer  Zeit,  welche  uns  die  auf  die  Germanen  wirkenden  Kultur- 
einflüsse au&udecken  geeignet  sind,  sondern  auch  eine  Menge  an  sich  sicher 
interessante  cyprische  Altertümer,  NachbUdungen  von  Bronzen  aus  Olympia, 
phrygischer  Gefaise  und  altägyptischer  Geräte  haben  die  Sammlungen  vermehrt. 
Man  sollte  an  dieser  Stelle  —  der  vorgeschichtlichen  Abteilung  des  römisch- 
germanischen  Zentralmuseums  —  doch  am  ehesten  Funde  vorgeschichtlicher 
Zeit  aus  den  Gegenden  erwarten,  wo  später  Römer  und  Germanen  auf  einander 
stieisen  und  eine  eigentümliche  Kultur  entwickelten,  denn  diese  Dinge  sollten 
doch  eigentlich  im  Mittelptmkte  der  deutsch-nationalen  prähistorischen  Forschung 
stehen.   —  Der   Denkmalpflege   dienten    eingehende   Erörterungen   über 
den  Entwurf  eines   Denkmalschutzgesetzes,    während    über   die   Herstellung 
eines   praktischen   Leitfadens    flir    die   Denkmalpflege    aus   Zeitmangel   nicht 
weiter   beraten   wurde.      Der   Bericht   über    die   Lage    des   Denkmalschutzes 
(Walld)   belehrte   ausführlich   über    den  gegenwärtigen   Stand    der   Denkmal- 


—     24     — 

inventarisation  in  allen  Teilen  Deutschlands  und  unterrichtete  zugleich  über 
verschiedene  Erfolge,  welche  Einsprüche  seitens  Kunstverständiger  bei  ge^ 
planten  Beeinträchtigungen  historischer  Denkmäler  durch  andere  Bauten  auf^ 
zuweisen  gehabt  haben.  —  Über  den  Stand  der  Grundkartenarbeiten 
berichtete  Professor  Thudichum  (Tübingen),  indem  er  auf  die  Wichtigkeit  der 
historischen  Karten  überhaupt  und  —  als  unbedingt  nötiges  Hilfsmittel  dazu  — ^ 
auf  die  Herstellung  von  Kartenblättem  im  Maisstabe  i  :  100000,  in  denen 
nur  die  Flufsläufe,  Ortsnamen  und  Gemarkungsgrenzen  eingetragen  sind,  hin' 
wies.  Mitteilungen  über  den  Fortschritt  dieser  Arbeiten  in  den  verschiedenen 
Landesteilen  sowie  über  die  Technik  der  Herstellung  dieser  Karten  und  ihrer 
Vervielfältigungen  schlössen  sich  an.  Auf  Antrag  von  Ermisch  (Dresden) 
wurde  femer  beschlossen,  i.  landschaftliche  Sammelstellen  für  die  Auf- 
bewahrung von  Grundkartenformularen  und  Blättern  mit  Eintragungen  zu  be- 
gründen,  sowie  2.  den  Vorstand  zu  beauftragen,  wegen  Begründung  einer 
Hauptsammelstelle  fUr  diese  Karten  in  Verbindung  mit  dem  historisch- 
geographischen Seminar  an  der  Universität  Leipzig  mit  der  Universität  in 
Verhandlungen  zutreten.  (Diesem  Antrag  ist  mitüerweile  entsprochen 
worden,  und  die  entsprechenden  Einrichtungen  sollen  soeben  getroffen 
werden.)  —  Die  Forschungen  auf  dem  Gebiete  der  Orts-  und  Flur- 
namen behandelte  Sanitätsrat  Weifs  (Bückeburg)  und  stellte  dabei  die 
Forderung  auf,  sich  nicht  mit  Feststellung  der  ältesten  Namensform  zu  be- 
gnügen, sondern  zur  Gewinnung  einer  Erklärung  für  einen  Namen,  der  meist 
auf  einfache  sinnliche  Wahrnehmungen  zurückzufahren  sein  wird,  alle  ver- 
wandten Benennungen  im  ganzen  deutschen  Sprachgebiet  heranzuziehen.  — 
Die  Inventarisation  der  kleineren  Archive  in  allen  Gauen  ist  als 
Grundlage  fUr  eine  umfassende  Geschichtsforschung  schon  längst  als  not- 
wendig anerkannt  worden,  und  die  historischen  Vereine  werden  diese  Arbeit 
als  Nächstinteressierte  am  besten  in  die  Hand  nehmen.  Über  die  Fort- 
schritte der  Inventarisation  in  Tirol,  Steiermark,  Oberösterreich,  Baden  und 
der  Rheinprovinz  berichtete  Armin  Tille  (Bonn)  und  fafste  seine  Forde- 
rungen in  drei  Thesen  zusanmien,  die  allgemeinen  Anklang  fanden.  Wie 
auf  gewissen  Gebieten  naturgemäfs  nur  die  Privatarchive  Aufschlufs  geben 
können,  erläuterte  an  einem  Beispiel  der  Vereinsvorsitzende  Archivrat  Bailleu 
in  seinem  Vortrag  über  die  Rosenkreuzer  im  XVIII.  Jahrhundert.  —  Unter  den 
geschäftlichen  Fragen,  die  Erledigung  fanden,  verdient  der  vom  Archivdirektor 
Wolfram  (Metz)  gestellte  Antrag,  am  Tage  vor  der  nächsten  Generalversamm- . 
lung  einen  allgemeinen  Archivtag  abzuhalten,  Beachtung,  auf  Grund  dessen 
für  den  25.  September  1899  der  erste  allgemeine  deutsche  Archiv- 
tag nach  Strafsburg  einberufen  worden  ist.  Am  26.  bis  28.  September  wird 
ebendort  die  diesjährige  „  Generalversammlung  des  Gesamtvereins  der  deutschen 
Geschichts-  und  Altertumsvereine"  stattfinden.  Unter  den  Fragen,  die  dort 
behandelt  werden  sollen,  seien  hier  genannt:  Die  deutschen  Siedelungsfragen 
(Henning),  Fortgang  der  Grundkartenarbeit  (Thudichum,  Lamprecht),  Die  Sprach- 
karte des  Elsafs  (Lienhart),  Aufgaben  der  Westdeutschen  Geschichtsvereine 
nach  Auflösung  der  Reichs-Limes-Kommission  (WolfF),  Wie  können  Vereine 
und  Archive  beitragen  zur  Förderung  der  mittelalterlichen  Kalender-  und 
Festkunde?  (Grotefend). 

Die    45.  Versammlung    deutscher    Philologen    und    Schul- 


—     25     — 

mann  er  findet  in  den  Tagen  vom  26.  bis  30.  September  in  Bremen  statt. 
Das  reiche  Programm  berücksichtigt  sowohl  bei  den  Vorträgen  in  den  Plenar- 
sitzungen ab  auch  bei  denen  der  Sektionen  —  es  besteht  auch  eine  historische 
Sektion  unter  dem  Vorsitz  von  Dietrich  Schäfer  (Heidelberg)  und  v.  Bippen 
(Bremen)  —  die  allgemeine  und  lokale  Geschichtsforschung.  Von  einschlägigen 
Fragen  wird  behandelt  werden:  Die  germanisch-römische  Forschung  im  nordwest- 
lichen Deutschland  (Schuchardt-Hannover) ;  Die  Ortsnamenforschung  als  Hilfs- 
mittel der  Geschichtsforschtmg  (Rohde-Cuxhaven) ;  Über  die  Deutung  der  Völker- 
namen  (Hirt-Leipzig) ;  Aufserdem  sind  für  den  Historiker  die  das  Bibliothekswesen 
betreffenden  Besprechungen  von  hohem  Interesse :  Beziehungen  des  Bibliotheks- 
wesens zur  Philologie  und  zum  Schulwesen  (Dziatzko-Göttingen) ;  Über  Ziele  und 
Grenzen  des  Leihverkehrs  der  Bibliotheken  nach  auswärts  (Gerhard-Halle). 

ArchlTe.  —  Gelegentlich  des  ersten  allgemeinen  deutschen 
Archivtages  in  Strafsburg  (s.  o.)  sollen  folgende  archivalische  Fragen  be- 
handelt werden :  Über  Archivinventare  imd  deren  Veröffentlichung  (v.  Weech) ; 
Über  die  wissenschaftliche  Vorbildung  des  Archivars  (Wiegand) ;  Über  Archiv- 
benutzungsordnungen (Wittmann);  Über  die  Beziehungen  der  Staatsarchive 
10  den  Registraturen  und  Archiven  der  Verwaltungs-  und  Justizbehörden 
(Eimisch);  Ausgabe  von  Strafsburger  Handschiftenproben  des  XVI.  Jahr- 
lumderts  (Ficker,  Winckelmann).  Aufserdem  sind  Besichtigungen  des  Bezirks- 
irdiivs  und  Stadtarchivs  unter  Führung  ihrer  Vorsteher  geplant. 

Thüringer  Archivtag.  Die  te rritoriale  Vielgestaltigkeit  Thüringens 
hat  auch  in  der  Menge  der  vorhandenen  historischen  Archive  Ausdruck  ge- 
funden. Jedes  der  thüringischen  Länder  besitzt  ein  oder  zwei  Staatsarchive, 
desgleichen  die  ehemaligen  Reichsstädte  Mühlhausen  und  Nordhausen  sowie 
Erfurt  Dazu  kommen  einige  ganz  ansehnliche  Archive  von  anderen  Städten, 
geistlichen.  Körperschaften  und  einstigen  Standesherren.  Durch  das  Bedürfnis, 
zwischen  den  Verwaltungsbeamten  aller  dieser  Anstalten  eine  regehnäfsige 
persönliche  Berührung  und  Aussprache  herbeizufuhren  und  dadurch  auch 
weitere  Anregimgen  zu  geben,  ist  die  Gründung  eines  „Thüringer  Archiv- 
tages" veranlafst  worden.  Auf  Einladung  des  Archivrates  Mitzschke  (Weimar) 
traten  am  14.  Juni  1896  in  Erfurt  Vertreter  der  hauptsächlichsten  Archive 
Thüringens  zusammen  und  stifteten  die  Vereinigung,  welche  die  Vorsteher 
und  wissenschaftlichen  Beamten  der  historischen  Archive  Thüringens  umfassen 
soll  und  den  Zweck  hat,  „  die  persönliche  Bekanntschaft  imd  Aussprache  der 
KoUegen  anzuregen,  wechselseitigen  Rat  und  Beistand  in  Fachangelegenheiten 
zu  vermitteln  und  die  gemeinsamen  Interessen  zu  wahren  und  zu  fördern.'* 
Die  erste  Jahresversammlung  in  Weimar  am  20.  Juni  1897  beschäftigte  sich 
noch  vornehmlich  mit  der  Organisation  des  Archivtages,  auf  der  zweiten 
Versammlung  zu  Gotha  am  19.  Juni  1898  wurde  über  die  Versendung  von 
Archivalien  nach  auswärts,  auf  der  dritten  Versammlung  zu  Arnstadt  am 
4.  Juni  1899  über  die  Ansprüche  der  Benutzer  an  die  Archivbeamten  ge- 
sprochen. Sein  nächstes  Augenmerk  hat  der  Thüringer  Archivtag  auf  Herbei- 
führung besserer  Ordnung  und  geregelter  Verwaltung  der  kleineren  Stadt- 
archive Thüringens  gerichtet.  Femer  ist  die  Herausgabe  eines  Wegweisers 
darch  die  historischen  Archive  Thüringens  beschlossen  und  bereits  in  An- 
griff genonmien   worden.     Durch  Besuch   der  Versammlungen   und  Zahlung 


~     26     — 

der  Jahresbeiträge  haben  ihre  Beteiligung  am  Thüringer  Archivtage  bisher 
kondgethan  die  Beamten  der  Staatsarchive  zu  Arnstadt,  Gotha,  Coburg, 
Meiningen,  Rudolstadt,  Schleiz,  Sondershausen  imd  Weimar,  der  städtischen 
Archive  zu  Arnstadt,  Erfurt,  Langensalza,  Mühlhausen  und  Nordhausen  sowie 
des  Domarchivs  zu  Naumburg  a.  S.  Die  nächste  Versammlimg  soll  in  Rudol- 
stadt am  i8.  Juni  1900  stattfinden.  Obmann  des  Thüringer  Archivtages  ist  zur 
Zeit  Archivrat  P.  Mitzschke  in  Weimar.  Mit  der  verwandte  Ziele  verfolgenden 
Vereinigung  stidwestdeutscher  Archivare  steht  der  Thüringer  Archivtag  in 
gelegentlicher  Verbindung. 

Das  städtische  Archiv  zu  Mühlhausen  i.  Th.  ist  seit  Ende  des  Jahres 
1898  von  Archivar  Dr.  v.  Bulmerincq  (Göttingen)  zu  ordnen  begonnen  worden, 
jedoch  hat  genannter  Herr  nur  die  Ordnung  der  Urkunden  vollendet,  während 
die  Fortführung  der  Ordnungsarbeiten  Professor  Dr.  Heydenreich  (Marburg) 
übertragen  worden  ist. 

Der  bisherige  Assistent  am  Staatsarchiv  zu  Königsberg,  Dr.  Kiewning, 
welcher  mit  der  konmiissarischen  Verwaltung  des  Detmolder  Staatsarchivs 
beauftragt  war,  ist  jetzt  als  Leiter  dieses  Archivs  mit  dem  Titel  Archivrat 
in  Fürstl.  Lippesche  Dienste  getreten. 

Die  Inventarisation  der  kleineren  Archive  macht  inmier  weitere 
Fortschritte.  Die  „Historische  Kommission  für  Nassau '*  hat  sie  in  ihr 
Arbeitsprogramm  aufgenommen,  ebenso  die  für  Westfalen  und  Thüringen.  — 
Der  XXXV.  Jahresbericht  des  Vorarlberger  Museumsvereins  über  das  Jahr 
1896  (Bregenz,  Teutsch)  enthält  den  Anfang  von  „Archivberichten  aus  Vor- 
ariberg"  von  G.  Fischer,  die  nach  dem  trefflichen  Muster  der  Tiroler  Archiv- 
berichte von  V.  Ottenthai  und  Redlich  gearbeitet  sind.  Es  liegt  bis  jetzt  das 
Archivalienverzeichnis  der  Orte  Altach,  Altenstadt,  Düns,  Dünserberg  und 
Feldkirch  aus  dem  Gerichtsbezirke  Feldkirch  vor.  Dasselbe  Heft  bietet  auch 
den  Schlufs  der  „Mitteilungen  aus  den  Akten  des  Archives  zu  Hohenems 
über  Bludens  und  Montafon"  von  H.  W.  Graf  v.  Walderdorff,  k.  u.  k. 
Kämmerer.  —  Von  der  „Übersicht  über  den  Inhalt  der  kleineren  Archive 
der  Rheinprovinz"  ist  der  erste  Band,  bearbeitet  von  Dr.  Armin  Tille,  als 
XDC.  Publikation  der  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde  (Bonn, 
Hermann  Behrendt,  1899)  erschienen.  Der  Band  enthält  die  Übersicht  Über 
die  Archivalien  in  16  Kreisen  nebst  Nachträgen  sowie  Namen-  und  Sach- 
register. Über  die  Fortfuhrung  dieser  Inventarisationsarbeiten  ist  Näheres 
noch  nicht  bestimmt 

Kommissionen«  *—  Die  „Historische  Kommission  für  Hessen 
undWaldeck",  welche  seit  dem  10.  Juli  1897  besteht,  hat  im  Mai  1899 
ihren  zweiten  Jahresbericht  ausgegeben.  Es  liegen  gegenwärtig  sorgfältig  aus- 
gearbeitete „  Editionsgrundsätze  der  Historischen  Kommission  für  Hessen  und 
Waldeck**  vor,  welche  neben  anderen  ähnlichen  Bestimmungen  (vgL  des  ver- 
diensdichen  f  Felix  Stieve  „Grundsätze,  welche  bei  der  Herausgabe  von 
Aktenstücken  zur  neueren  Geschichte  zu  befolgen  sind**)  die  Gleichartigkeit 
der  Edition  fördern  und  die  Verwertung  anderwärts  gemachter  Erfahrungen 
erleichtern  werden.  Der  erste  Band  des  Fuldaer  Urkundenbuchs  (Professor  Tangl) 
soll  bereits  bald  zum  Drucke  gehen,  ebenso  der  erste  Band  der  Landtagsakten, 
zu  welchen  gewissermafsen  als  Einleitung  eine  selbständige  Schrift  „  Anna  von 


—     27     — 

Hessen.  £me  deutsche  Fürstin  als  Vorkämpferin  landesherrlicher  Macht'^  von 
Dr.  Qagau  druckfeitig  vorliegt.  Die  hessischen  Chroniken  wird  ein  erster  Band 
erö&en,  welcher  die  Chronik  von  Konrad  Klüppel,  den  Catalogus  abbatum 
Fkchdcrpensvum  (um  1500)  und  die  lateinische  Familienchronik  des  Jonas 
Trygophorus  (15  21 — 1563)  enthalten  soll.  An  den  Landgrafenregesten,  dem 
historischen  Ortslexikon,  dem  Urkundenbuch  der  Wetterauer  Reichsstädte 
und  dem  Hessischen  Trachtenbuch  ist  mit  Erfolg  gearbeitet  worden,  doch 
ist  ein  Abschlufs  dieser  Arbeiten  noch  aufserhalb  der  Berechnung. 

Der  VI.  Bericht  der  „Historischen  Landeskommission  für 
Steiermark*^  umfafst  die  Zeit  von  Juli  1897  bis  Ende  März  1899.  Die 
Arbeiten  dieser  Kommission,  welche  sich  namentlich  auf  gründliche  Archiv- 
forschungen erstrecken,  nehmen  ihren  Fortgang,  in  Wiener  und  Münchener 
Archiven  wurde  mit  Erfolg  nach  steirischen  Geschichtsquellen  gesucht,  deren 
sachliche  Ergebnisse  in  Anhang  II  und  III  veröfTendicht  werden.  Die 
„Forschungen  zur  Verfassungs-  und  Verwaltungsgeschichte 
der  Steiermark'*  werden  als  Band  III  eine  „Geschichte  des  Landes- 
wappens*' (Anthony  v.  Siegenfeld)  und  als  Band  IV  „Landesfürst,  Behörden 
und  Stände  des  Herzogtums  Steier  1283 — 1411**  (Krones  v.  Marchland} 
enthalten.  Studien  von  Dr.  Kapper  über  die  Sprachgrenze  gehen  ihrem  Ab- 
sdilosse  entgegen  und  sollen  nebst  Kartenbeilagen  von  der  Kommission  ver- 
öffentlicht werden. 

Eine  „Kommission  zur  Herausgabe  von  Akten  und  Korre- 
spondenzen  zur  neueren  Geschichte  Österreichs**  ist  1897  noch 
unter  dem  Vorsitze  A.  v.  Arneths  begründet  worden.  Arbeitsgebiet  ist  die 
Geschichte  Österreichs  von  1526  bis  ins  XIX.  Jahrhundert,  eine  umfassende 
Materialsammlung  hat  bereits  begonnen,  welche  zugleich  die  Arbeiten  in  den 
einzeben  Kronländem  unterstützen  und  ergänzen  soll,  wie  auch  letztere  ihre 
Sammlungen  der  „Wiener  Kommission**,  wie  die  erstere  kurz  genannt  wird,  zur 
Verfügung  stellen.  Die  Organisation  lehnt  sich  an  das  an  der  Universität 
Wien  bestehende  „Institut  für  österreichische  Geschichtsforschung**  an. 

Die  Gründung  einer  „Reichskommission  für  römisch-germani- 
sche Altertumsforschung**  wurde  von  der  Spitze  des  Reiches  her  im 
Laufe  des  verflossenen  Sonmiers  verlangt,  und  zwar  sollte  von  der  Dotation 
des  Archäologischen  Instituts  ein  gewisser  Betrag  gestrichen  und  dem  Reichs- 
amt des  Innern  als  besonderer  Fonds  für  diese  Kommission  überwiesen 
werden.  Der  deutsche  Reichstag  hat  diese  Forderung  in  erster  Lesung  ab- 
gelehnt, aber  dafUr  den  Zuschufs  für  das  Archäologische  Institut  erhöht,  um 
demselben  damit  die  Mittel  zur  Errichtung  eines  dritten  Sekretariats  neben 
den  beiden  bestehenden  in  Rom  und  Athen  zu  geben,  welches  seinen  Sitz 
in  Deutschland  haben  und  dem  germanischen  Altertum  seine  Thätigkeit  zu- 
wenden soll.  Näheres  darüber,  wie  sich  die  Reichsbehörden  den  Ort  und 
die  Wirksamkeit  des  Sekretariates  denken,  ist  bisher  noch  nicht  bekazmt  ge- 
worden, die  Aufgaben  aber,  welche  einer  solchen  Zentralstelle  für  römisch- 
germanische Altertumsforschung  erwachsen,  umschreibt  in  zutreffender  Weise 
ein  Aufsatz  der  Kölnischen  Zeitung  in  Nr.  450  (11.  Juni  1899).  Hoffentlich 
zieht  die  deutsche  Altertumswissenschaft  aus  der  Neugründung  den  erwünschten 
Nutzen* 


—     28     — 

Historiseher  Atlas  der  Osterreiehtsehen  Alpenländer.  —  Die- 

„ Historische  Kommission  bei  der  Kaiserlichen  Akademie  der 
Wissenschaften  in  Wien"  hat  beschlossen,  dem  Problem  eines  geschieht- 
liehen  Atlasses  der  österreichischen  Alpenländer  nach  dem  von  Prof.  E.  Richter 
bei  mehreren  Gelegenheiten  entwickelten  Programme  näher  zu  treten*).  Es 
wurden  nicht  unbeträchtliche  Geldmittel  dafiir  in  Aussicht  genommen  und 
eine  Spezial- Kommission  bestehend  aus  den  Akademie -Mitgliedern  Prof. 
Mühlbacher,  Prof.  Constantin  Jireöek  und  Hofrat  Winter  eingesetzt. 
Diese  ernannte  Prof.  Richter  zum  Leiter  des  Unternehmens.  Mit  der 
Arbeit  wurde  in  Steiermark  und  Kamthen  begonnen.  Der  Privatdozent  der 
Grazer  Universität  und  Adjunkt  am  steiermärkischen  Landes-Archiv  Dr.  A.  M  e  1 1 
hat  in  den  letzten  Jahren,  schon  im  Hinblick  auf  den  historischen  Atlas,  die 
Grenzbeschreibungen  der  einzelnen  Landgerichte,  Burgfriede,  Hofmarken 
u.  s.  w.  gesammelt,  wobei  ihm  der  vortreffliche  Zustand  des  Steiermark. 
Landes-Archivs  zu  statten  kam.  Ein  als  Hilfsarbeiter  für  den  historischen 
Atlas  bestellter  Schüler  Prof.  Richters,  Dr.  H.  Pirch egger,  ist  nun  damit 
beschäftigt,  aus  diesem  Materiale  die  einzelnen  Landgerichte  u.  s.  w.  zu  rekon- 
struieren und  ihre  Grenzen  auf  der  „Übersichtskarte  der  Katastralgemeinden 
I  :  115  200",  die  als  Arbeitskarte  dient,  einzutragen.  Man  kann  hoffen,  auf 
diese  Weise  nicht  blofs  den  Stand  der  Gerichtseinteilung  am  Schlüsse  der 
feudalen  Periode  (für  Innerösterreich  1849),  sondern  die  Geschichte  der 
judiziellen  und  administrativen  Einteilungen  für  die  letzten  drei  bis  vier  Jahr- 
hunderte in  erschöpfender  Weise  zu  erfahren.  Text  und  Karte  sollen  in 
dieser  Richtung  zusammenwirken.  Über  Mafsstab  und  Zahl  der  Karten  sind 
die  Beschlüsse  noch  vorbehalten;  ebenso  über  die  Verwertung  der  „Land- 
gerichtskarte" zu  weiteren  historischen  Karten  früherer  Geschichtsperioden. 
Was  die  Organisation  der  Arbeit  betrifft,  so  sind  3  gesonderte  Arbeitsgebiete 
in  Aussicht  genommen:  das  innerösterreichische  (Steiermark,  Kärnthen  und 
Krain),  das  österreichische  (Land  Ob  und  Unter  der  Enns)  und  das  tirolische. 
Von  den  Lokal-Kommissionen,  die  dem  Leiter  der  Unternehung  in  jeder» 
Gebiete  an  der  Seite  stehen,  ist  vorläufig  nur  die  innerösterreichische  kon- 
stituiert. Im  ganzen  soll  das  Prinzip  herrschen,  dafs  womöglich  allen  an 
der  Sache  interessierten  Forschem  und  Fachmännern  Gelegenheit  gegeben 
sein  soll,  ihren  Rat  und  ihre  Erfahrung  dem  Unternehmen  zu  gute  kommen 
au  lassen,  dafs  aber  die  Arbeiten  selbst  von  jüngeren,  honorierten  Kräften 
ausgeführt  werden.  In  Tirol  und  den  österreichischen  Herzogtümern  werden 
die  Arbeiten  und  deren  Organisierung  erst  dann  in  Angriff  genommen  werden,, 
wenn  in  Innerösterreich  einige  Erfahrungen  gesammelt  sind. 

Personalien.  —  Ein  halbes  Jahr  nach  dem  plötzlichen  Tode  Alfons 
Hubers  ist  am  27.  Mai  1899  Heinrich  v.  Zeifsberg  ebenso  unerwartet 
unserer  Wissenschaft  entrissen  worden,  abermals  ein  schwerer  Verlust  im 
besondem  für  die  österreichische  Geschichtsforschung.  Wie  Huber  an  terri- 
torialhistorischen Arbeiten  emporgewachsen  ist  zu  den  umfassenden  Werken 
seiner  späteren  Zeit,  so  wurde  auch  Zeifsberg  wirksam  beeinffufst  von  den 
Fragen,    die    sich    an    die    geschichtliche    Entwicklung    der    Stätten    seiner 


*)  S.  Festschrift  zum  60.  Geburtstage  F.  v.  Kroncs,  Historiker-Tag  in  Innsbruck  1896. 


—     29     — 

Wirksamkeit  und  seiner  engeren  niederösterreichischen  Heimat  knüpften. 
Zeifsberg  hat  seine  ausgezeichnete  historische  Schulung  und  seine  hohe  6e- 
.gabung  lange  Jahre  in  den  Dienst  solcher  Arbeiten  gestellt  und  hat  bis  in 
seine  letzte  Zeit  ab  und  zu  inmier  wieder  gerne  diese  Forschungen  verfolgt. 
Auch  er  wurde  ja  dann  zu  weit  ausgreifenden  Themen  geführt,  und  so  er- 
.scheint  uns  sein  Wirken  als  ein  glückliches  Beispiel  fruchtbarer  Wechsel- 
wirkung streng  wissenschaftlich  betriebener  territorialer  und  allgemeiner  histo- 
rischer Forschung. 

ZeÜsberg,  am  8.  Juli  1839  zu  Wien  geboren,  erwuchs  in  der  Schule 
Albeit  Jägers  und  Theodor  Sickels  im  Institut  lür  österreichische  Geschichts- 
forschung; er  hat  aber  auch  Philologie  bei  Vahlen  betrieben.  Noch  Student, 
hatte  er  sich  schon  erstaunliche  Kenntnisse  erworben,  welche  die  Aufmerk- 
samkeit seiner  Lehrer  auf  ihn  lenkten.  In  den  Jahren  1863  und  1864 
•erschienen  seine  ersten  Arbeiten  über  Erzbischof  Arno  von  Salzburg,  über 
Thomas  Ebendorfer,  über  österreichische  Geschichte  im  Zeitalter  der  Baben- 
berger,  ausgezeichnet  durch  feine  tmd  sorgfaltige  kritische  Forschung  und 
durch  anziehende  Darstellung.  Mit  24  Jahren  schon  wurde  Zeifsberg  zum 
Supplenten  der  Lehrkanzel  für  allgemeine  und  österreichische  Geschichte  an 
der  Universität  Lemberg  bestellt,  und  1865  bereits  erfolgte  seine  Ernennung 
zum  ord.  Professor. 

Diese  Stellung  wurde  von  bestimmendem  Einflufs  für  die  Richtung  seiner 
vetteren  wissenschaftlichen  Thätigkeit.  Er  eignete  sich  die  Kenntnis  des 
Polnischen  an  und  wandte  sich  der  polnischen  Geschichte  zu.  Nach  einigen 
Arbeiten  über  die  Beziehungen  Deutschlands  zu  Polen  im  X.  und  XI.  Jahr- 
hundert (1867,  1868)  griff  er  in  das  Gebiet  der  Historiographie,  das  ihm 
immer  besonders  sympathisch  und  kongenial  blieb,  behandelte  Vincenz  Kadlu- 
bek  den  pokiischen  Historiker  des  XIII.  Jahrhunderts  (1869)  und  schlofs  mit 
einer  umfangreichen  und  sehr  wertvollen  Arbeit  diese  seine  polnische  Periode 
im  wesentlichen  ab.  Dies  ist  sein  von  der  Jablonowskischen  Gesellschaft 
preisgekröntes  Werk  Die  polnische  Gesehidäschreibung  des  Mittelalters 
{1873).  ^  sorgsamster  Kritik  und  Darstellung  wird  die  polnisch-schlesische 
Historiographie  behandelt,  von  der  Passio  Adalberti  und  den  Krakauer  Annalen 
des  X.  bis  XII.  Jahrhunderts  angelegen  bis  zu  den  Quellen  des  XV.  Jahr- 
hunderts, dem  groisen  Geschichtswerke  des  Johannes  Dlugosz  imd  den  pol- 
nischen Humanisten.  Es  ist  ein  grundlegendes,  auch  von  den  polnischen 
Historikern  warm  anerkanntes  Werk. 

Von  Lemberg  kam  Zeifsberg  187 1  an  die  Universität  Innsbruck,  um 
aber  schon  1872  einem  Ruf  nach  Wien  zu  folgen.  Auch  diese  kurze  tiro- 
lische Episode  blieb  nicht  ohne  ein  paar  Früchte.  In  einer  kritischen  Studie 
über  die  Vita  Hartmanni  wies  er  Neustift  bei  Brixen  als  Entstehungsort  nach 
(1878)  und  edierte  eine  Aufzeichnung  über  die  Gründung  des  Klosters 
Stams  (1880). 

In  Wien  war  2^sbergs  akademische  Thätigkeit  zum  Teü  an  das  Institut 
iUr  österreichische  Geschichtsforschung  geknüpft,  dem  er  von  1874  an  als 
Dozent  für  österreichische  Geschichte  angehörte  und  nach  dem  Abgange 
Sickels  von  1891  bis  1896  als  Direktor  vorstand.  Aus  den  Bedürfnissen  des 
Instituts  entsprang  sein  Kolleg  über  österreichische  Geschichtsquellen,  und 
dies  führte  Zeifsberg  zu  einer  Reihe  von  Arbeiten,  die  sich  vornehmlich  mit 


—     30     — 

nekrologischen  Quellen  beschäftigen.  Die  bedeutendste  ist  das  im  41,  Band 
der  Fontes  rerum  Äusiriacaruni  edierte  Totenbuch  des  Klosters  Lilienfeld  (1879), 
worin  Zeifsberg  scharfsinnig  eine  Reihe  von  Fälschungen  Hanthalers  nach- 
gewiesen hat  Auch  das  darf  Zeifsberg  nicht  vergessen  werden,  dafs  er 
gerade  auf  diesem  Gebiete  verschiedene  Arbeiten  seiner  Schüler  angeregt  hat, 
so  jene  über  Ebendorfer,  Hinderbach  und  Wolfgang  Lazius.  Nebenher  gingen 
ganz  vortreflfliche  Abhandlungen  aus  der  mittelalterlichen  Geschichte  Öster- 
reichs, wie  über  den  österreichischen  Erbfolgestreit  von  1457 — 1458  (1879), 
Rudolf  von  Habsburg  und  der  österreichische  Staatsgedanke  (1882),  das 
Rechtsverfahren  Rudolfs  gegen  Ottokar  (1887)  und  seine  allerletzten  Arbeiten 
zur  Geschichte  Friedrichs  d.  Seh.  (1897,  1898),  auf  wertvolles  unbenutztes 
Material  in  Barcelona  gestützt. 

Seit  den  ersten  achtziger  Jahren  aber  hatte  sich  2^ifsberg  im  ganzen  mehr 
der  neueren  Geschichte  Österreichs  zugewandt,  indem  er  die  Fortfuhrung 
des  Werkes  von  Vivenot  übernahm  und  die  stoffreichen  Bände  III — V  der 
Quellen  zur  Oesdmhte  der  deutschen  Kaiserpolitik  Österreichs  während  der 
Französischen  Bevoluttonskriege  von  1790 — 1801  (1882  ff.)  herausgab.  Das 
Werk  jedoch,  welches  Zeifsberg  seit  Jahren  ganz  in  Anspruch  nahm,  war 
eine  grofs  angelegte  Biographie  Erzherzog  Karls.  Seit  1889  erschien  eine 
Reihe  ungemein  eingehender  Vorarbeiten,  und  1896  kamen  die  ersten  zwei 
Bände  heraus,  welche  in  freilich  etwas  breit  angelegter  Darstellung  die  Früh- 
zeit Erzherzog  Karls  umfassen. 

Aber  noch  einer  Seite  von  Zeifsbergs  Wirksamkeit  müssen  wir  gerade 
an  dieser  Stelle  gedenken.  Seit  1890  war  er  mit  der  Redaktion  des  grofsen 
Werkes  Die  österreichisch-ungarisclie  Monarchie  in  Wort  und  BUd  betraut, 
eines  Werkes,  das  bei  all  dem  begreiflichen  Wertunterschied  seiner  einzelnen 
Teile  im  ganzen  doch  ein  monumentales  genannt  werden  darf.  Zeifsberg 
war  der  Geschichtslehrer  des  verstorbenen  Kronprinzen  Rudolf  gewesen, 
der  ja  jenes  Werk  ins  Leben  gerufen  hat.  Zeifsberg  selbst  hatte  schon 
früher  einen  Einleitungsband  dazu  geschrieben,  die  Oeschichtlicfie  Über- 
sicht der  österreichisch -ungarischen  Monarchie,  Wenn  man  sonst  Zeifsberg 
vor  allem  als  den  Historiker  kannte,  der  sich  mit  liebevoller  Sorgfalt  ins 
Detail  einzelner  Fragen  und  engerer  Gebiete  versenkte,  so  zeigt  diese 
meisterhafte,  schön  geschriebene  Darstellung,  dafs  er  gar  wohl  im  stände 
war,  in  grofsen  und  klaren  Zügen  auch  weite  geschichtliche  Entwicklimgen 
zusammenzufassen.  Und  wenn  man  sonst  gewohnt  war,  in  Zeifsberg,  seinem 
ganzen  Wesen  und  all  seinen  Äufserungen  einen  ungemein  rjeservierten  Mann 
zu  ünden,  so  erkennt  man  in  diesem  Buche,  wie  nicht  minder  in  seinem 
wirklich  schönen  Festvortrag  über  Kaiser  Franz  Joseph  (1888)  mit  wahr- 
hafter Befriedigung,  dafs  hinter  Zeifsbergs  feinen  und  immer  liebenswürdigen 
Formen  auch  eine  feste  Überzeugung  des  Mannes  und  Historikers  stak,  die 
er  mit  Würde  und  Freimut  zu  äufsem  verstand. 

Im  Jahre  1896  wurde  Zeifsberg  an  Stelle  W.  v.  Harteis  zum  Direktor 
der  Wiener  Hoibibliothek  ernannt  Infolge  dessen  schied  er  zuerst  von  der 
Direktion  des  Instituts  für  österreichische  Geschichtsforschung,  dann  über- 
haupt von  seinem  Lehramt  an  der  Universität  Allein  nur  kurze  Zeit  war 
ihm  noch  vergönnt,  der  plötzliche  Anfall  eines  Herzleidens  machte  seinem 
arbeits*   und   erfolgreichen  Leben   in   der  Nacht  vom  26.  auf  den  27.  Mai 


—     31     — 

1899    ^^    erschütternd  schnelles   Ende.     Wer  hätte  nicht  mit  den  Worten 
des  Redners  am  offenen  Grabe  gefühlt:  have  pta  anima! 

Osw.  Redlich. 

Am  13.  August  starb  zu  Godesberg  der  Geh.  Konunerzienrat  Dr.  iur.  et 
phiL  Gust  V.  Mevissen  in  dem  hohen  Alter  von  84  Jahren.  Von  den 
zahlreichen  Verdiensten  dieses  hochbedeutenden  Mannes  kann  an  dieser  Stelle 
nur  die  Förderung  erwähnt  werden,  welche  die  rheinische  Geschichte  ihm 
ni  verdanken  hat.  Seit  etwa  20  Jahren  ist  ihr  sein  Interesse  und  seine 
tfaatkräftige  Unterstützung  in  hervorragendem  Mafse  zu  Gute  gekommen.  An 
der  Gründung  der  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde  i.  J.  1881 
hatte  er  im  Verein  mit  Lamprecht  den  Hauptanteil.  Mit  einer  Stiftung  von 
3000  Mark  und  mit  einem  jährlichen  Patronatsbeitrage  von  300  Mark 
lieh  er  der  jungen  Gründung  eine  erste  finanzielle  Stütze.  In  seiner  Be- 
scheidenheit lehnte  er  stets  eine  Wahl  in  den  Vorstand  ab,  nahm  da- 
gegen regelmäfsig  an  den  Hauptversammlungen  der  Gesellschaft  teU,  bis 
ihm  die  Beschwerden  des  Alters  das  Fembleiben  vom  Öffentlichen  Leben 
geboten.  Bedeutende  Summen  bestimmte  er  alljährlich  für  Stipendien,  die 
in  festerer  oder  loserer  Anknüpfung  an  das  Historische  Archiv  der  Stadt  Köln 
jüngeren  Kräften  es  ermöglichten,  ihre  Arbeit  der  kölnischen  und  rheinischen 
Geschichte  zu  widmen.  Die  Ordnung  und  Benutzung  des  Kölner  Archivs 
vurde  dadurch  ganz  aufserordentlich  gehoben,  mehrere  verdienstvolle  Publi- 
kationen der  Gesellschaft  (die  Kölner  Schreinsurkunden  von  Höniger,  die 
Akten  der  Kölner  Verfassung  und  Verwaltung  von  Stein,  die  Kölner  Stadt- 
rechnungen von  Knipping)  aufs  wirksamste  unterstützt.  Mit  freudiger  per- 
sonlicher Anteilnahme  verfolgte  M.  alle  diese  Arbeiten  und  ihre  Verwertung 
für  die  wissenschaftliche  Forschung.  Im  Jahre  1890  krönte  er  seine  auf 
die  Förderung  der  rheinischen  Geschichte  gerichteten  Bestrebungen  durch 
die  B^ründimg  einer  Preisstiftung.  Er  erlebte  auch  die  Freude,  dafs  die 
erste  Preisschrift,  welche  die  Gesellschaft  mit  dem  Bildnisse  des  Stifters 
schmücken  konnte.  Die  Enttvickelung  der  kommunalen  Verfassung  und  Ver- 
waUung  von  Köln  bis  zum  Jahre  1396  von  Fr.  Lau,  von  der  Kritik  ein- 
stimmig als  eine  grundlegende  und  des  Preises  in  vollstem  Mafse  werte  Arbeit 
bezeichnet  wurde.  Der  Tod  dieses  hochherzigen  Gönners  ist  für  die  ge- 
schichtlichen Arbeiten  in  Köln  und  im  Rheinlande  ein  unersetztlicher  Verlust. 

H.  Keussen. 

Im  Laufe  der  letzten  zwei  Semester  haben  sich  an  den  deutschen  Uni- 
versitäten für  Geschichte  habilitiert:  Alexander  Cartellieri  in  Heidelberg, 
Ludwig  Schmitz  in  Münster  i.  W.,  Viktor  Ernst  in  Tübingen,  Rudolph  Kötzschke 
in  Leipzig,  Georg  Küntzel  in  Bonn,  Ludwig  Mollwo  in  Göttingen,  Schäfer 
in  Rostock,  Hans  Glagau  in  Marburg. 

Zeitschriften.  —  Die  Mehrzahl  der  lokal-  und  provinzialgeschicht- 
lichen  Veröffentlichungen  Deutschlands  werden  von  Vereinen  oder  ähnlichen 
Korporationen  herausgegeben.  Deshalb  ist  es  bemerkenswert,  dafs  neuer- 
dings als  buchhändlerische  Unternehmung  im  Verlage  von  Fr.  Lintz  in  Trier, 
in  welchem  auch  die  „Westdeutsche  Zeitschrift  für  Geschichte   und  Kirnst" 


—     32     — 

•erscheint,  —  unabhängig  von  irgend  welchem  Verein  wie  einst  {1832 — 1870)  das 
von  Lacomblet  herausgegebene  „Archiv  für  die  Geschichte  des  Niederrheins  — 
eine  periodische  Publikation  für  Stadt  und  Land  Trier  herausgegeben  wird, 
das  Trierische  Archiv.     Herausgeber  ist  der  Bibliothekar  und  Archivar 
^er  Stadt  Trier,  Dr.  Max  Keuflfer;  erschienen  sind  bisher  zwei  Hefte  (1898 
.und  1899).     Der  Inhalt   des  Archivs    ist    mannigfaltig,    Darstellungen    und 
Quellenveröffentlichungen  stehen  neben  einander  und  bereichem  unsere  Kennt- 
nis von  Triers  Vergangenheit.    Für  weitere  Kreise  ist  neben  der  „  Geschichte 
-des  Trierer  Schöffengerichtes "  (H.  Isay)  von  Wichtigkeit  in  Heft  i  die  vom 
Domkapitular  Dr.  Lager  veröffentlichte  „  Dienstordnimg  für  die  Beamten  und 
;Diener  des  trierischen  Domkapitels   aus   der   zweiten  Hälfbe  des  XIIL  Jahr- 
Jiunderts",  eine  wirtschaflsgeschichtlich  recht  bedeutende  Quelle,  welche  in- 
.haltlich  in  vielen  Stücken  dem  Ministerialenstatut  eines  welüichen  Herrn  (des 
von  Blankenheim)  aus  dem  XV.  Jahrhundert  entspricht  (gedruckt  in  „  Annalen 
^es  Historischen  Vereins  für  den  Niederrhein",  Hefl9/io  [1861],  S.  122 — 126). 
In  Heft  2  beginnt  eine  kritische  Darstellung  der  Geschichte  des  Trierer  Erz- 
bischofs und  Kurfürsten  Jakob  von  Sirk  (seit   1439)  von  Lager,  deren  Fort- 
setzung noch  zu  erwarten  ist,  und  eine  Abhandlung  über  den  Urspnmg  des 
Archidiakonates  bezw.  Klosters  Tholey  (J.  Marx)  führt  auf  die  Probleme  der 
-älteren   Klostergeschichte   überhaupt.     Von   grofsem  Werte    ist    ein    Anhang 
^,Verzeichnis    der   Handschriften  des  historischen  Archivs   der  Stadt  Trier", 
von  welchem  der  erste  Bogen  mit  selbständiger  Seitenzählung  vorliegt.    Jedes 
»künftige  Heft  soll   einen   weiteren   Bogen   enthalten,    so  dafs  allmählich  ein 
Katalog  der  Handschriften  des  Trierer  Stadtarchivs  entstehL 

a 

Eingegangene  Bficher. 

Borchling,  C. :  Mittelniederdeutsche  Handschriften  in  Norddeutschland  und 
den  Niederlanden.  Aus  den  Nachrichten  der  K.  Gesellschaft  der  Wissen- 
schaften zu  Göttingen.  Geschäftliche  Mitteilungen  (1898),  Heft  2,  S.  79 
bis  316.     40. 

Breitner,  Anton:  luvaviae  rudera.  Römische  Fundstätten  im  Salzburger 
Flachgau.  Mit  Tafeln,  gezeichnet  von  Franz  Kulstrunk.  Leipzig-Reudnitz, 
Verlag  von  Robert  Baum,   1898.      17   S.  8^. 

Bruchmüller,  W. :  Der  Kobaltbergbau  und  die  Blaufarbenwerke  in  Sachsen 
bis  zum  Jahre  1653.  Crossen  a.  O. ,  Druck  und  Verlag  von  Richard 
Zeidler,   1897.      78  S.  8 ». 

Derselbe:  Die  Folgen  der  Reformation  und  des  30jährigen  Krieges  für 
die  ländliche  Verfassimg  und  die  Lage  des  Bauernstandes  im  östlichen 
Deutschland,  besonders  in  Brandenburg  und  Pommern.  Crossen  a.  O., 
Verlag  von  Richard  Zeidler,   1897.     37  S.  8®. 

•C ramer,  Julius:  Die  Geschichte  der  Alamannen  als  Gaugeschichte.  Breslau, 
Verlag  von  M.  &  H.  Marcus,  1899.  579  S.  8®.  [Untersuchungen  zur 
Deutschen  Staats-  und  Rechtsgeschichte,  herausgegeben  von  Dr.  Otto 
Gierke.     57.  Heft.]     Jk  15. 

Dobenecker,  R. :  Aus  der  Vergangenheit  von  Stadt  und  Pflege  Ronne- 
burg.  Ronneburg,  Kommissionsverlag  von  Leopold  Brandes,  1899. 
136  S.  80. 


Herausgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig.  —  Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Forderung  der  landesgescbichtlichen  Forschung 


I.  Band  November  zSgg  2.  Heft 

Zur  Organisation  der  Grund  kartenforsehung 

Von 
Karl  Lamprecht 

Gmndkarten  sind  bekanntlich  Karten,  welche  je  zwei  Sektionen 
der  Generalstabskarte  des  Deutschen  Reiches  im  Malsstabe  von 
I :  looooo  umfassen,  von  den  Einzeichnungen  der  Generalstabskarte  aber 
nichts  wiedei^eben  als  das  hydrographische  Netz  und  die  Eintragungen 
der  Gemeindeorte.  Hinzugefügt  sind  diesen  Einzeichnungen  dann  noch 
&  Gemeinde-(Gemarkungs-)Grenzen,  die  sich  in  der  Generalstabskarte 
Jiicht  finden.  Auf  diese  Weise  entstehen  Karten  mit  einem  Netz  von 
Einzeichnungen,  dem  an  sich  schon  ein  hoher  Wert  innewohnt,  das 
aber  für  historische  Zwecke  doch  vor  allem  die  Bedeutung  einer  Grund- 
lage (eines  „Canevas")  hat,  welcher  weitere  Eintragungen  einverleibt  wer- 
den sollen.  Derartige  weitere  Eintragungen  sind  dann  teils  singulärer 
Natur:  Einzeichnungen  z.  B.  von  politischen  Grenzen,  teils  imd  haupt- 
sächlich aber  typischer  (vergleichender)  Art:  Angaben  administrativer 
Grenzen  z.  B.  und  namentlich  Einzeichnungen  historisch -statistischen 
Charakters :  über  die  Verbreitung  gewisser  Flurverfassimgsformen  z.  B. 
oder  gewisser  Arten  der  Industrie,  über  die  lokale  Geltung  gewisser 
Rechtssätze,  gewisser  Erscheinungen  in  Sprache  und  Sitte  u.  s.  w. 

Ganz  kurz  wird  man  sagen  können,  dafs  die  Grundkarten  einen 
überall  gleichmäfsigen ,  weU  auf  identischen  Einzeichnungen  beruhen- 
den Kartencanevas  zur  Eintragung  historischer  Daten  jeder  Art  bieten ; 
und  die  allgemeineste  Bedeutung  der  Grundkarten  wird  man  daher 
zunächst  darin  zu  suchen  haben,  dafs  sie  das  geographische  Moment 
in  jedem  Sinne  in  die  historische  Forschung  einführen  ^). 


t)  Genaner  auf  das  Wesen  der  Gnmdkarten  braucht  hier  nach  der  Tendenz  dieses 
AnfsaAzes  nicht,  und  im  allgemeinen  am  so  weniger  eingegangen  ra  werden,  weil  sich  das 
in  dieser  Richtung  Notwendige  neuerdings  ausgezeichnet  zusammengestellt  findet  in  dem 
Ueinen  Schriftchen  von   H.  Ermisch,  Erläuterungen  zur   historisch-statistischen  Grund- 

3 


—     34     — 

Die  Grundkarten  sind  ein  Erzeugnis  der  immer  mächtiger  an- 
schwellenden landesgeschichtlichen  Bewegung,  die  auf  deutschem  Bo- 
den mit  der  Gründung  des  Reiches  und  der  Wendung  der  historischen 
Studien  ins  Zuständliche  eingesetzt  hat.  Namentlich  Studien,  die  auf 
verfassungs-,  oder  rechts-  oder  wirtschaftsgeschichtlichcm  Gebiete 
intensiv  bis  in  das  lokale  und  landesgeschichtliche  Detail  hinabstiegen, 
mufsten  ohne  weiteres  auf  den  Gedanken  führen,  ein  Hilfsmittel  in  der 
Art  der  Grundkarten  zu  entwickeln,  um  die  bei  näherer  Betrachtung 
einerseits  fast  stets  so  verwickelten,  andrerseits  immer  mit  Momenten 
identischer  Entwicklungstendenzen  versehenen  Thatsachen  klar  über- 
schauen und  das  Besondere  wie  Gemeinsame  in  ihnen  abgrenzen 
zu  können.  Hat  sich  doch  selbst  für  städtegeschichtliche  Unter- 
suchungen neuerdings  ein  solches  Bedürfnis  herausgestellt  ^). 

So  sind  Versuche  und  Bestrebungen  zur  Entwicklung  der  Grund- 
karten an  verschiedenen  Orten  unter  denselben  oder  verwandten  Ver-^ 
anlassungen  seit  den  achtziger  Jahren  au%etaucht.    Am  frühesten  fer- 
tig war  man  in  gewissem  Sinne  in  der  Rheinprovinz,  wo  die  Begrün- 
dung   der    Gesellschaft    für    rheinische    Geschichtskunde  den   landes- 
geschichtlichen Studien    seit  1881    einen   besonders  kräftigen  Anstofs 
zu  geben  begonnen  hatte.    Hier  ergab  sich,  nachdem  man  unter  dem 
Einflufs  Nissens  den  Gedanken  eines  grofsen  Geschichtsatlas   der  Pro- 
vinz gefaist  hatte,  mit  zwar  anfangs  verkannter,  bald  aber  gebieterisch 
wirkender  Notwendigkeit  der  Gedanke  der  Grundkarten ;  und  die  Rhein- 
provinz  ist  noch   heute   das   einzige  Land,   dessen  Grundkarten  ganz 
vollständig  abgeschlossen  vorliegen.    Aber  freilich  waren  diese  Grund- 
karten doch  wieder  nur  als  internes  Hilfsmittel  für  die  Herstellung  des  Atlas 
gedacht;  die  Absicht,  sie  auch  nur  der  landesgeschichtlichen  Forschung 
allgemein  zugänglich  zu  machen,    hat  anfangs   nicht  bestanden;  und 
noch  weniger  war  der  Gedanke  gefaist  worden,   dafs   die   rheinischen 
Karten  Teil  eines  allgemeinen  deutschen  Grundkartenuntemehmens  sein 
könnten;  der  gewählte  Mafsstab  (i  :  80000)  entsprach  dem  lokalen  Be- 
dürfnis des  Anschlusses  an  die  besonderen  rheinischen  Kartenverhält- 
nisse (Liebenowsche  Karte)  und  nicht  einem  allgemeinen  deutschen  Be- 
dürfnis, das  sofort  auf  den  Mafsstab  i  :  100  000  (Generalstabskarte)  hätte- 
führen  müssen. 


karte  für  Deutschland  im  Mafsstabe  von  i  :  loocxx)  (Königreich  Sachsen);  herausg.  toq 
der  k.  sächa.  Kommission  f.  Geschichte,  1899;  Dmck  von  B.  G.  Tenbner  in  Leipzig;. 
16  SS. 

t)  S.  Hund,  Verfassungsgeschichte  von  Colmar;  1899. 


—     35     — 

Das  Verdienst,  die  allgemeine  Bedeutung  der  Sache  erkannt  und 
gegen  die  zahlreichen  anfangs  auftauchenden  Bedenken  energisch  ver- 
fochten zu  haben,  gebührt  Thudichum.  Er  ist  es  auch  gewesen,  der, 
aus  seinen  wetterauischen  Studien  heraus  aufs  innigste  von  der  Not- 
wendigkeit des  Grundkartenwesens  überzeugt,  dieses  dem  Interesse  der 
zunächst  in  Betracht  kommenden  Instanz,  des  Gesamtvereins  deutscher 
Geschichtsvereine  nahelegte:  viele  Jahre  hindurch  hat  er  in  den  Ver- 
sammlungen des  Gesamtvereins  für  die  Sache  gewirkt. 

Damit  war  denn  gegenüber  den  lokalen  Anfangen  die  erste  all- 
gemeine Aussicht  auf  die  Durchführung  der  Grundkarten  gewonnen. 
Ein  zweites  Moment  dieser  Art  kam  hinzu,  als  sich  die  1894  begründete 
Konferenz  deutscher  Publikationsinstitute  seit  dem  Innsbrucker  Histo- 
likertag  (1896)  der  Frage  annahm  und  auf  dem  Nürnberger  Historiker- 
tag (1898)  Beschlüsse  fauste,  welche  der  weiteren  Verbreitung  des 
Grundkartenuntemehmens,  namentlich  auch  über  die  deutschen  Grenzen 
hinaus,  sehr  zu  Gute  gekommen  sind. 

Heute  kann  die  Grundkartensache  als  über  allen  Zweifel  hinaus 
gehoben  und  thatsächlich  vollkommen  fundiert  gelten.  Als  Mafsstab  der 
Gnmdkarten  steht  jetzt  i  :  icx)OCX)  fest;  auch  die  Rheinprovinz  wird 
sich  ihm  bei  einer  neuen  Bearbeitung  ihrer  Grundkarten  voraussichtlich 
anschliefsen ;  und  er  ist  schon  über  die  Grenzen  des  Reiches  hinaus 
von  Holland  angenommen  worden.  Beschlossen  ist  weiterhin  die  Her- 
stellung von  Grundkarten  für  ganz  Süddeutschland  und  für  Norddeutsch- 
land links  der  Elbe  mit  Ausnahme  von  Hessen,  Braunschweig,  Han- 
nover imd  Oldenburg;  für  Thüringen  sind  die  Verhandlungen  im  Zuge. 
Der  deutsche  Nordosten  (rechts  der  Elbe)  ist  freilich  noch  im  Rück- 
stand, nur  Schleswig-Holstein,  wenn  wir  dies  hierher  rechnen  wollen, 
Mecklenburg,  Brandenburg  und  teilweise  Posen  sind  an  der  Arbeit; 
Pommern,  die  beiden  Preufsen  und  Schlesien  scheinen  einstweilen  ver- 
sagen zu  wollen.  Doch  ist  zu  bedenken,  dafs  hier  bei  dem  besonderen 
Charakter  der  Gemeindegrenzen  infolge  der  Entwicklung  der  Guts- 
bezirke in  der  That  noch  manche  Bedenken  zu  heben  sind,  ehe  man 
in  eine  Arbeit  eintritt,  der  man  sich  freilich  nach  Lage  der  allge- 
meinen Verhältnisse  auf  die  Dauer  nicht  mehr  wird  entziehen  können. 
Au&erhalb  des  Reiches  ermöglichen  femer  in  Osterreich  die  schon 
seit  langem  bestehenden  Katastralgemeindekarten  die  Entwicklung 
aller  der  Forschungen,  welchen  im  Reich  die  Grundkarten  dienen 
sollen;  es  bedarf  also  keiner  besonderen  Grundkarten,  und  nur  eine 
angemessene  Preisermäisigung  der  Katastralgemeindekarten  für  den 
Fall  ihrer  gelehrt-historischen  Verwertung  wäre  zu  wünschen ;  Schritte,  um 

3* 


—     36     — 

dies  zu  erreichen,  sind  seitens  der  letzten  Versammlung*  des  Gesamt- 
vereins deutscher  Geschichtsvereine  beschlossen  worden.  In  Holland 
und  Belgien  endlich  ist  in  sehr  dankenswerter  Weise  die  Herstellung 
von  Grundkarten  nach  deutschem  Muster  beschlossen  worden;  Reichs- 
archivar Muller  in  Utrecht  und  Professor  Pirenne  in  Gent  haben  sich 
in  dieser  Hinsicht  grofse  Verdienste  erworben.  In  der  Schweiz  ist 
ein  erstmaliger,  von  der  Konferenz  deutscher  Publikationsinstitute  im 
Einverständnis  mit  der  Allgemeinen  geschichtsforschenden  Gesellschaft 
der  Schweiz  an  den  Bund  gestellter  Antrag  auf  Unterstützung  eid- 
genössischer Grundkarten  ohne  Erfolg  geblieben;  doch  ist  die  Allge- 
meine geschichtsforschende  Gesellschaft  nach  wie  vor  bereit,  die 
Gründkarten  herzustellen,  falls  sie  die  nötige  Unterstützung  erhält,  und 
es  steht  zu  hoffen,  dais  der  Bund  sie  ihr  gewähren  werde,  sobald  er 
von  der  Brauchbarkeit  der  Grundkarten  auch  für  die  Zwecke  der 
Gegenwart  und  insbesondere  staatUche  und  militärische  Zwecke  ^)  mehr 
als  bisher  überzeugt  werden  kann.  Mit  Frankreich  schweben  Ver- 
handlungen wegen  Übertragung  der  Grundkartenidee;  auch  mit  den 
skandinavischen  Ländern  ist  ein  Ideenaustausch  eröffnet.  Zahlreicher 
fertig  liegen  Grundkarten  schon  an  so  vielen  Stellen  vor  (Elsaiis- 
Lothringen,  Württemberg,  Grofsherzogtum  Hessen,  Rheinland,  Nassau, 
Königreich  Sachsen,  Schleswig -Holstein,  Mecklenburg,  Brandenburg, 
Posen),  dals  jetzt  die  Fragen  nach  ihrer  Verwertung  allmählich  die 
Sorgen  der  blolisen  Herstellung  abzulösen  beg^innen. 

Die  Probleme  in  dieser  Hinsicht  sind  nun  doppelter  Natur :  da  es 
sich  bei  der  Benutzung  der  Grundkarten  —  sollen  gro&e  Resultate  er- 
reicht werden,  sollen  z.  B.  landesgeschichtliche  Atlanten  der  politischen 
und  Kulturgeschichte  und  schliefslich  em  nationaler  deutscher  Atlas 
dieser  Art  Ziele  sein  —  ganz  zweifelsohne  um  Kollektivarbeit  vieler 
handelt,  so  mu(s  einmal  die  Arbeit  dieser  vielen  in  ihrem  äufser- 
lichen  Ineinandergreifen  oiganisiert  werden,  und  mu(s  weiter  ein  inneres 
System  der  Aufzeichnung,  eine  Technik  der  Eintragung  geschaffen 
werden,  die  diesen  vielen  gemeinsam  ist.  Dabei  hängen  diese  beiden 
Aufgaben  in  der  Weise  miteinander  zusammen,  dais  Vorschläge  zur 
Einrichtung  der  Eintragungstechnik  am  einfachsten  von  der  Stelle  aus- 
gehen werden,  in  welche  als  obersten  Teil  die  äufsere  Organisation  ausläuft. 
Hieraus  folgt  dann  wieder,  dais  zuerst  die  äuisere  Organisation  zu  ent- 
wickeln ist,  ehe  an  der  Durchbildung  der  inneren  Organisation,  der 
Technik,  mit  dauerndem  Erfolg  gearbeitet  werden  kann. 

i)  Im  Königreich  Sachsen  werden  die  Gnindkarten  Ton  den  Militär-  wie  den  Zhril- 
behörden  Dir  Aofseichniingen  der  verschiedensten  Art  in  Anspruch  genommen. 


—  Si- 
lin Gebiete  der  äufseren  Organisation  versteht  es  sich  von  selbst, 
dais  jedes  Land,  für  welches  Grundkarten  hexg'estellt  werden,  auch 
bestrebt  sein  wird,  diese  Grundkarten  dadurch  als  Ganzes  nutzbar  zu 
machen,  dais  es  in  irgend  einer  Weise  die  auf  Grundkarten  eingetragenen 
Notizen  der  verschiedenen  Forscher  an  einer  Steile  zusammenbringen, 
ordnen  und  für  den  allgemeinen  Gebrauch  sachverständiger  Kreise  offen 
legen  läist.  Je  nach  dem  Landesinstitut,  das  die  Herstellung  der 
Gnmdkarten  übernommen  hat,  kann  das  natürlich  in  sehr  verschiedener 
Weise  geschehen.  Um  den  Voigang  an  irgend  einer  Stelle  konkret 
zu  schildern,  so  sei  die  schon  funktionierende  Einrichtung  im  König- 
reich Sachsen  angeführt.  Hier  werden  von  zwei  Stellen  im  Lande, 
nämlich  von  dem  Geschäftszimmer  der  historischen  Kommission  im 
historischen  Seminar  der  Universität  zu  Leipzig  und  von  dem  Haupt- 
staatsarchiv zu  Dresden,  Grundkarten  an  Foischer  zu  dem  sehr  billigen, 
noch  unter  den  Herstellungskosten  stehenden  Preis  von  30  Pfennig 
ior  die  Karte  verkauft,  doch  unter  der  Bedingung,  dafs  diese  eine 
Kopie  der  von  ihnen  zu  Eintragungen  benutzten  Grundkarte  nebst 
onem  Beweisheft  für  die  eingetragenen  Thatsachen  dem  Hauptstaats- 
arcfaiv  in  Dresden  übermitteln.  Das  für  diese  Kopie  notwendige  zweite 
Exemplar  der  Grundkarte  wird  zusammen  mit  dem  ersten  unentgeltlich 
überlassen.  Auf  diese  Weise  wird  es  möglich  gemacht,  alle  Forschungs- 
ergebnisse, zu  deren  Erreichung  sächsische  Grundkarten  in  Anspruch  ge- 
nommen werden,  auf  dem  Dresdner  Hauptstaatsarchiv  zu  konzentrieren 
und  damit  einen  stetig  wachsenden  Grundstock  zu  gewinnen  für  die 
Bearbeitung  eines  historisch-politischen  und  historisch-statistischen  Atlas 
des  Königreichs.  Es  ist  ein  Ziel,  dem  man  anderswo  mit  andern,  im 
ganzen  aber  doch  wohl  verwandten  Mitteln  wird  zustreben  müssen. 

Indes  liegt  auf  der  Hand,  da&  mit  dieser  landesgeschichtlichen 
Ordnung-  die  Organisation  des  Grundkartenwesens  nicht  abgeschlossen 
ist.  Über  die  Landesoiganisationen  hinaus  bedarf  es  eines  2^ntral- 
oigans,  das  in  irgendeiner  Weise  den  allgemeinsten  deutsch-nationalen, 
ja  mitteleuropäischen  Anforderungen  an  die  Grundkarten  gerecht  wurd. 
Das  Bedürfiais  einer  solchen  ZentralsteUe  Uegt  so  nahe,  dafis  es  schon 
verhältnismäisig  früh  empfunden  und  ausgesprochen  worden  ist,  und 
dais  schon  die  Münstersche  Versammlung  des  Gesamtvereins  deutscher 
Geschichtsvereine  im  Herbst  1898  in  dieser  Hinsicht  einen  eingehenden 
Beschhifs  gefafst  hat.  Dieser  Beschlufs  lief  darauf  hinaus,  bei  der 
Universität  Leipzig,  als  derjenigen  Universität,  die  sich  einer  historisch- 
geographischen Professur  erfreue,  w^en  Aufnahme  der  ZentralsteUe 
vorstellig  zu  werden.     Eine  dementsprechende  Bitte  ist  dann   in  der 


38     — 

That  im  Laufe  der  ersten  Monate  des  Jahres  189g  bei  der  Universität 
eingelaufen  und  hat  bei  dieser  und  den  in  Betracht  kommenden  Fach- 
männern sowie  bei  der  königlich  sächsischen  Regierung  entgegen- 
kommende Aufnahme  gefunden.  Der  weitere  Verlauf  des  Jahres 
hat  darauf  die  Organisation  der  Zentralstelle  gebracht,  und  diese  ist 
jetzt,  dank  der  opferbereiten  und  wohlwollenden  Haltung  des  sächsischen 
Kultusministeriums,  das  auch  bedeutendere  Ausgaben  für  dies  im  besten 
Sinne  allgemein-nationale  Werk  nicht  gescheut  hat,  soweit  vollendet,  dafs 
alle  jetzt  zu  übersehenden  dringlichen  Bedürfhisse  befriedigt  sind.  Das 
historisch-geographische  Seminar,  bisher  ein  Annex  des  geographischen 
Seminars,  ist  von  diesem  abgetrennt  worden  und  hat,  nunmehr  als 
Historisch-geographisches  Institut,  eigene  schöne  Räume  erhalten, 
die  derart  gelegen  sind,  dafs  sie  leicht  mit  den  Räumen  des  Seminars 
für  mittlere  und  neuere  Geschichte  verbunden  werden  können.  Diese 
Verbindung,  welche  die  ungehinderte  Benutzung  der  grofsen  Bibliothek 
dieses  Seminars  durch  diejenigen  ermöglichen  wird,  welche  im  Histo- 
risch-geographischen Institut  arbeiten,  soll  während  der  nächsten  Oster- 
ferien  hergestellt  werden.  Das  Institut  selbst  ist  zwei  Direktoren  unter- 
stellt, deren  einem  das  Gebiet  der  antiken  Geographie,  deren  anderm 
das  der  mittleren  und  neueren  Geographie  zugewiesen  ist,  während 
beiden  das  Gebiet  der  Geschichte  der  Geographie  gemeinsam  bleibt. 
Beiden  Direktoren  ist  ein  Bibliothekar  zur  Verwaltung  der  Bibliothek 
und  zur  Aufrechterhaltung  der  Ordnung  in  den  Institutsräumen  unter- 
geordnet. Mit  diesem  Ausbau  des  Instituts  ist  zunächst  ein  möglichst 
allseitiger  Lehrbetrieb  auf  allen  Feldern  der  historischen  Geographie 
gewährleistet:  und  damit  die  unentbehrliche  Grundlage  für  eine  wahr- 
haft wissenschaftliche  Entwicklung  auch  der  Grundkartenforschung  ge- 
wonnen. Die  Zentralstelle  für  Grundkarten  selbst  ist  dann  der  Ab- 
teilung für  mittlere  und  neuere  Geographie  angegliedert,  und  dem 
Direktor  dieser  Abteilung  in  dem  Privatdozenten  Dr.  Kötzschke  ein 
Assistent  beigegeben  worden,  dessen  Name  aufs  Engste  mit  der  jüngsten 
Förderung  des  Grundkartenwesens  verknüpft  ist ;  Herr  Dr.  Kötzschke  wird 
speziell  auch  der  Grundkartenstelle  vorstehen.  Für  die  Zentralstelle 
selbst  ist  weiterhin  ein  besonderer  Raum  hergestellt,  in  dem  vor  allem 
ein  Schrank  mit  hunderten  von  Fächern  zur  Aufnahme  des  Grundkarten- 
materials  Platz  gefunden  hat. 

Was  soll  nun  aber  die  Zentralstelle  in  diesem  Zusammenhang  und 
in  dieser  Ausstattung  leisten?  Eine  ihrer  ersten  Aufgaben,  die  teilweis 
schon  gelöst  ist,  besteht  darin,  als  Depot  für  alle  Grundkarten  zu 
dienen.    Die  Grundkarten  sind  in  den  verschiedenen  Ländern  bekannt- 


—     39     — 

lieh  von  sehr  verschiedenen  Instituten  unternommen  worden,  hier  und 
da,  wie  z.  B.  in  Holland,  verdanken  sie  auch  dem  gesellschaftlichen 
Zusammentreten  sehr  verschiedener  Kräfte  ihr  Dasein :  und  demgemäß 
ist  es  für  den  einzelnen  Forscher  nur  unter  grofsem  Zeitverlust,  wenn 
überhaupt,  möglich,  ihre  Bezugsstellen  und  Bezugsart  im  einzelnen 
Falle  festzustellen.  Hier  soll  nun  die  Zentralstelle  vermittelnd  ein- 
treten. Sie  soll  durch  Verhandlungen  mit  den  einzelnen  Instituten 
dafiir  sorgen,  dals  von  jeder  Karte  eine  Anzahl  von  Exemplaren  in 
Leipzig  deponiert  sind,  die  jeder  Forscher  jederzeit  zu  den  Original- 
preisen und  Originalbedingungen  beziehen  kann.  Zugleich  ist  damit 
erreicht,  dafs  jeder  Forscher  alle  Karten  in  den  Räumen  des  Instituts 
zusammen  vorfindet  und  —  damit  kommen  wir  zu  einer  zweiten  Auf- 
gabe —  mit  ihrer  Hilfe  in  jedem  Gebiet  der  Grundkartenforschung  an 
Ort  und  Stelle  arbeiten  kann.  Denn  nicht  blofs  Depot  soll  die  Zentral- 
stelle sein,  sie  soll  auch  alle  Mittel  zur  Grundkartenforschung  in  ihren 
Räumen  in  möglichster  Vollkommenheit  vereinigen.  Da  sind  denn 
freilich  neben  den  Grundkarten  selbst  noch  eine  grofse  Anzahl  littera- 
lischer  Hilfsmittel  nötig:  die  Generalstabskarten,  aus  denen  heraus  die 
Gnmdkarten  bearbeitet  sind,  als  deren  für  viele  Forschungen  unum- 
gängliche Ergänzung;  die  Reihe  der  wichtigsten  in  Deutschland  seit 
dem  i6  Jh.  erschienenen  Karten  und  Atlanten,  soweit  sie  für  die 
deutsche  historische  Geographie  von  Bedeutung  sind;  eine  grö&ere 
Anzahl  der  wichtigsten  Ortslexika  u.  dergl.  der  letzten  Jahrhunderte; 
endlich  eine  ausgewählte  Bibliothek  von  Werken  zur  historischen  Geo- 
graphie und  Landeskunde  Deutschlands  wie  zur  Geschichte  der  Geo- 
graphie.   Das  alles  mufs  also  die  Zentralstelle  und  das  Historisch-geo- 

• 

graphische  Institut  der  Universität  Leipzig,  mit  welchem  die  Zentral- 
stelle verbunden  ist,  dem  sie  aufsuchenden  Benutzer  bieten:  und  die 
unerläislichen  Kredite,  die  zur  Beschaffung  dieser  Hilfsmittel  nötig  sind, 
sind  von  der  sächsischen  Regierung  schon  mit  so  viel  Wohlwollen  gewährt 
worden,  dafs  die  nötigen  Anschaffungen  binnen  spätestens  zwei  Jahren  ge- 
macht werden  können.  Zu  alledem  aber  mufs,  soll  die  Zentralstelle  ihre 
vollste  denkbare  Bedeutung  erhalten,  noch  ein  drittes  kommen:  es 
mnCs  möglich  sein,  in  ihr  die  gesamte  Grundkartenforschung,  auch  so- 
weit sie  nur  handschriftlich  vorliegt,  zu  übersehen;  oder  mit  andern 
Worten :  es  mufs  dafiir  gesorgt  werden,  dafs  in  Leipzig  Kopieen  aller 
der  Eintragungen  auf  Grundkarten  vorhanden  sind,  welche  den  einzelnen 
Landesstellen  zugehen.  Gewifs  wird  damit  eine  schwer  zu  verwirklichende 
Forderung  aufgestellt.  Allein  die  Forderung  trägt  nichts  Unmögliches 
in  sich;    und    es  bedarf   nicht  erst  der  Ausführung,   dafs   ihre  Durch- 


—     40     — 

führung'  einen  außerordentlichen  Fortschritt  der  historischen  Forschung- 
überhaupt  bedeuten  würde.  Freilich :  verwirklichen  lä(st  sich  die  Sache 
nur  bei  entschiedener  und  zwar  auch  opferwilliger  Bereitschaft  der 
Landesstellen  und  darüber  hinaus  der  einzelnen  Forscher.  Die  Zentral- 
stelle kann  wohl  von  sich  aus  für  gewissenhafte  Unterbringung-  des 
einlaufenden  Materials  sorgen,  und  in  dieser  Hinsicht  ist  schon  alles 
bereit.  Sie  kann  femer  auch  allenfalls  hier  und  da  die  Herstellung^ 
ihr  zu  überweisender  Kopieen  erleichtem.  Aber  sie  kann  nicht  gmnd- 
sätzlich  und  durchaus  die  Verpflichtung  zur  Beibringung  aller  dieser 
Kopieen  übemehmen :  das  übersteigt  die  Mittel,  die  ein  einzelnes  Land 
im  Interesse  der  Sache  aufwenden  kann.  Hier  werden  also  die  einzelnen 
Landesstellen  und  vielleicht  auch  das  Reich  einmal  mit  einstehen 
müssen.  Vorläufig  aber  ist  ein  Anfang  auch  mit  diesem  Archiv 
der  Gmndkartenzentralstelle  schon  gemacht:  Thudichum  hat  ihm 
eine  groise  Anzahl  der  von  ihm  bearbeiteten  Karten  aufs  Bereitwilligste 
überwiesen. 

Freilich  wird  nun  das  Archiv,  ja  man  kann  sagen  die  ganze 
Zentralstelle  erst  dann  zu  ihrer  wahren  Bedeutung  gelangen,  wenn 
auch  den  Fordemngen  der  inneren  Organisation  des  Gmndkarten- 
wesens  voll  Genüge  geleistet  ist.  In  erster  Linie  handelt  es  sich  hier 
um  die  Ausbildung  der  Eintragungstechnik;  es  müssen  gemeinsame 
und  schlechthin  bindende  Siglen  und  Normen  für  die  symbolische 
und  abgekürzte  Bezeichnung  gewisser  Daten  u.  dergl.  entwickelt 
werden:  hier  vor  allen  liegen  die  nächsten  organisatorischen  Auf- 
gaben. Natürlich  können  solche  Aufgaben  nicht  von  einem  Einzelnen 
gelöst  werden;  es  bedarf  hier  kollektiver  Arbeit,  um  allgemeine  Zu- 
stimmung herbeizufuhren.  Immerhin  hat  aber  auch  hier  irgend  eine 
Stelle  die  Initiative  zu  ergreifen  und  vorzuschlagen  und  vorzuarbeiten, 
wenn  das  Ganze  vom  Flecke  kommen  soll.  Und  da  liegt  es  denn 
—  wie  schon  oben  einmal  bemerkt  —  in  der  Natur  der  Sache,  dais 
auch  auf  diesem  Gebiete  die  Zentralstelle  eine  gewisse  Bedeutung*  er- 
hält; denn  die  Arbeit  an  ihr  giebt  zu  fortwährendem  Nachdenken  über 
die  Eintragungstechnik  Anlafs,  die  einlaufenden  Karten  fuhren  zu 
reicher  Erfahrung  aus  dem  Bereiche  des  Geleisteten,  und  die  im 
Historisch-geographischen  Institut  schon  jetzt  stattfindenden  Übungen  an 
Grundkarten  bedingen  ständig  fortgesetzte  Experimente  an  Angaben, 
deren  Bewältigung  eist  noch  zu  leisten  ist.  So  ist  denn  kaum  zu  ver- 
kennen, dais  die  Zentralstelle  derjenige  Ort  sein  wird,  von  dem  auch 
Vorschläge  über  die  innere  Organisation  des  Gmndkartenwesens,  zu- 
nächst und  vor  allem  über  die  Eintragui^stechnik  am  besten  ausgehen 


—     41     — 


werden:  ja  gerade  auf  diesem  Gebiete  kann  im  jetzigen  Stadium  der 
ganzen  Entwicklung  zunächst  ein  wesentlicher  Teil  der  Bedeutung  der 
Zentralstelle  gesucht  werden  ^). 


Die  landeskundliehe  Iiitteratur 
Deutsehlands  im  t^efortnationszeitalter 

Von 
Viktor  Hantzsch  (Dresden) 

(Scblnis)  S) 

Eine  Übersicht  über  die  landeskimdliche  Litteratur  Deutschlands 
wahrend  des  Reformationszeitalters  würde  sehr  einseitig  und  unvoll- 
ständig sein,  wenn  sie  neben  den  Druckschriften  nicht  auch  die  da- 
mals erschienenen  Karten  berücksichtigen  wollte.  Die  Zahl  derselben 
ist  eine  überaus  grofse,  doch  würde  es  zu  weit  fuhren,  wenn  man  alle 
aa£Eählen  wollte,  die  bis  ums  Jahr  1650  von  zahlreichen  ausländischen, 
aniangs  meist  italienischen,  später  auch  holländischen  und  französi- 
schen Zeichnern,  Kupferstechern  und  Verlegern  teUs  als  Einzelblätter, 
teils  in  Atlanten  eingeschaltet  herausgegeben  wurden.  Wer  sich  mit 
diesen  Karten  beschäftigen  will,  findet  sie,  wenn  auch  nicht  lückenlos, 
80  doch  verhältnismäisig  am  vollständigsten  in  dem  gedruckten  Karten- 
kalalog  des  Britischen  Museums  aufgezählt ').  Hier  möge  es  genügen, 
die  wichtigsten  im  Inlande  erschienenen  und  von  Deutschen  herge- 
stellten Karten  Deutschlands  und  seiner  einzelnen  Landschaften  kurz 
zo  erwähnen  *). 


1)  Eines  der  nächsten  Hefte  wird  einen  Aufsatz  von  Herrn  Dr.  Kötsschke 
iber  die  Technik  der  Eintragung  in  Grundkarten  bringen.  D.  Red. 

2)  Vgl.  Heft  I  Seite  18  bis  22. 

3)  Catalogne  of  the  printed  Maps,  Plans  and  Charts  in  the  British  Museum.  Lon- 
don 1885. 

4)  Die  Karten  Österreichs,  der  Schweiz  und  der  Niederlande  sind  des  beschrünktea 
Raomca  halber  ausgeschlossen  worden.  Sie  werden  aufgezählt  bei  Haradauer,  Eat- 
wicklnng  der  Kartographie  von  Osterreich  -  Ungarn  (Verhandlungen  des  Deutschen  Geo- 
graphentags 1891,  259),  in  der  Bibliographie  der  Schweizerischen  Landeskunde,  2.  Teil, 
Bern  1892,  and  bei  Niermeyer,  Zur  Geschichte  der  Kartographie  Hollands.  Rotter- 
dam 1893. 


-      42     — 

vervielfältigen  und  in  einem  gro&en  Sammelwerke  herauszugeben. 
Diese  Karten  stellen  teils  ganz  Deutschland,  teils  einzelne  deutsche 
Landschaften  und  Territorien  dar.  Die  älteste  gedruckte  Karte  von 
ganz  Deutschland,  die  zugleich  grofse  Teile  der  Nachbarländer  mit 
umfaist,  ist  die  Germania  des  Kardinals  Nicolaus  Cusanus.  Sie  ist 
wohl  als  eine  Frucht  seines  Verkehrs  mit  Toscanelli  anzusehen  und 
stammt  etwa  aus  dem  Jahre  1460.  Erst  nach  dem  Tode  ihres  Ur- 
hebers kam  sie  149 1  zu  Eichstädt  als  Kupferstich  heraus  ^).  Einige 
Jahre  später  erschien  eine  weniger  bedeutende  Karte  in  Hartman n 
Schedels  Weltchronik  (1493)  und  eine  Strafsenkarte  des  heiligen  rö- 
mischen Reiches  deutscher  Nation,  herausgegeben  von  Georg  Glocken- 
don in  Nürnberg  (1501).  Nach  längerer  Pause  gab  Sebastian  Mün- 
ster 1530  eine  Nachbildung  der  Karte  des  Cusaners  in  Holzschnitt 
heraus,  die  auch  der  Tafel  des  deutschen  Landes  von  Tilemann 
Stella  (1560)  und  einer  gleichartigen  kleineren  Karte  des  Kölner 
Kupferstechers  Franz  Hogenberg  (1594)  zum  Vorbild  diente.  Der 
ersten  Hälfte  des  XVII.  Jahrhunderts  gehören  an  die  ohne  Jahres- 
angabe erschienene  Karte  von  Heinrich  Zell,  die  des  Christoph 
Hurter  (1625),  des  Peter  O verrat  (1630)  und  des  Matthäus 
Merian  (1633),  endlich  die  Reisekarte  der  Brüder  Jung  (1641). 

Während  alle  diese  Übersichtskarten  infolge  ihres  kleinen  Mais- 
stabes ein  ziemlich  armseliges  und  oft  recht  fehlerhaftes  Detail  auf- 
weisen, zeigen  die  in  gröiserem  Mafsstabe  entworfenen  Landschafts- 
«nd  Territorialkarten  nicht  selten  eine  reiche  Fülle  von  Einzelheiten  *). 
Allerdings  ist  das  Erdbild,  das  sie  bieten,  nur  von  relativer  Treue,  da 
sie  auf  wenig  genauen  Vermessungen  beruhen,  deren  Methoden  bei- 
spielsweise in  Sebastian  Münsters  Schrift  über  das  neue  Instrument 
der  Sonnen  (1528)  und  ein  Jahrhundert  später  in  Wilhelm  Schick- 
hart s  Kurzer  Anweisung,  künstliche  Landtafeln  zu  machen  (1629) 
auseinandergesetzt  werden.  Die  erste  nachhaltige  Anregung  zur  Her- 
stellung solcher  Spezialkarten  verdankt  man  hauptsächlich  dem  ver- 
dienten Sebastian  Münster,  der  1528  eine  Aufforderung  an  alle 
Liebhaber  des   deutschen  Vaterlandes   ergehen  liefs,   die  Umgegend 


i)  Reprodaziert  von  Rage  im  Globas,  Band  LX  (1891),  S.  4,  sowie  von  Norden- 
•kiöld  im  Bidrag  tili  Nordens  äldsta  Kartografi  1892,  Tafel  4  and  im  Periplas  1897, 
Tafel  35. 

2)  Die  Angaben  über  die  einzelnen  Karten  habe  ich  teils  den  Kartenbeständen  der 
Dresdener  Bibliothek,  teils  dem  gedruckten  Kartenkatalog  des  Britischen  Museoms,  Rich- 
ters' Bibliotheca  geographica  Germaniae  und  dem  Antorenvereeichnis  im  Theatrom  des 
Ortelias  von  1570  entnommen. 


—     43     — 

von  Stra&burg^  heraus.  Die  Kurpfalz  fand  um  1600  an  Johann  Busse- 
mecher,  das  Bistum  Speier  1618  in  Georg  Keller,  Kurköln  in 
Cornelius  Adg-er  1583  und  Elias  Hofmann  1588,  der  Rhein  in 
Theodor  de  Bry  1597  und  Jakob  von  Heyden  1630  einen  Kar- 
tographen. Über  Franken  erschien  1533  eine  Landtafel  von  Seba- 
stian von  Rotenhan,  1547  eine  solche  von  David  Zeltzlin  und 
1641  eine  neue  Delineation  von  den  Brüdern  Konrad  und  Georg 
Jung.  Eine  Karte  von  Hessen  hatte  schon  vor  1540  der  Marburger 
Arzt  Johann  Dryander  entworfen,  die  1575  durch  eine  von  Julius 
Jasolinus  gezeichnete  ersetzt  wurde.  Das  Bistum  Fulda  stellte  1574 
Wolfgang  Regrwill,  die  Wetterau  um  1630  Matthäus  Merian 
dar.  Eine  rege  kartographische  Thätigkeit  herrschte  im  westfälischen 
und  niedersächsischen  Kreise.  Das  Herzogtum  Westfalen  wurde  1572 
durch  Christian  Schrot  gezeichnet,  der  einige  Jahre  später  auch 
Karten  von  Niedersachsen  und  Jülich-Cleve-Berg  entwarf,  dann  1590 
durch  Heinrich  Nagel  und  1620  durch  Johann  Gigas.  Das  Bis- 
tum Münster  bearbeitete  1558  Gottfried  Mascopius,  das  Bistum 
Hfldesheim  und  das  Herzogtum  Braunschweig  1593  Matthias  Quad 
and  um  1620  David  Custos,  die  Grafschaft  Waldeck  1575  Justus 
Mors  und  die  Grafschaft  Oldenburg  1579  Lorenz  Michaelis.  Ein 
Entwurf  des  Weserstromes  von  einem  Ungenannten  erschien  1633. 
Eine  schöne  Karte  von  Ostfriesland,  gezeichnet  von  David  Fabri- 
cius  ^),  kam  seit  1592  in  zahlreichen,  allerdings  meist  holländischen 
Ausgaben,  eine  andere  von  Ubbo  Emmius  1616  heraus.  Gleich 
tücht^e  Leistungen  waren  die  ausführlichen  Karten,  die  Johann  Meier 
seit  1648  von  Schleswig-Holstein,  Dithmarschen ,  der  Insel  Helgoland 
und  den  benachbarten  Teilen  Niedersachsens  entwarf.  Eine  ältere 
Karte  von  Dithmarschen  hatte  bereits  1559  Peter  Böckel  heraus- 
geg^eben.  Den  Lauf  der  Elbe  veranschaulichte  1568  Melchior  Lo- 
rich und  1628  Christian  Moller  durch  eine  Landtafel.  Der  älteste 
Kartograph  von  Meifsen  und  Thüringen  •)  war  Hiob  Magdeburg 
1566.  Ihm  folgte  bereits  1568  Johann  Cri ginger,  in  demselben 
Jahre  auch  fiir  Thüringen  Johann  Mellinger  und  für  Meifsen  und 
die  Lausitz  Bartholomäus  Scultetus.  1586  begann  di^  grofise  kur- 
sächsische Landvermesstmg  durch  Matthias  öder,  deren  Ergebnisse 
allerdings    drei   Jahrhunderte    lang    unveröffentlicht    blieben  ^).      Der 


1)  Sello,  Die  Karte  des  David  Fabricins.     Norden  1896. 

2)  Rage,   Geschichte    der    sächsischen   Geographie   im  XVI.    Jahrh.   (Zeitschr.   fiir 
inssenschaftL  Geogr.  Bd.  II). 

3)  Rage,  M.  Oders  Landvermessong  von  Karsachsen.     Dresden  1889. 


—     44     — 

Die  ältesten  deutschen  Atlanten  enthalten  nur  sehr  wenige  Karten 
Deutschlands  und  seiner  Territorien,  so  der  Ulmer  Ptolemäus  von 
1482  und  i486  keine  einzige  und  der  Strafsburger  von  1513,  1520, 
1522  und  1525  nur  drei  (Germania,  Provincia  Rheni  superioris  und 
Lotharingia).  Einen  erheblichen  Fortschritt  zeigt  der  Basler  Ptole- 
mäus Sebastian  Münsters,  denn  er  bringt  1540  und  1542  neun 
deutsche  Karten  (Germania,  V  Rheni  tabulae,  Suevia  et  Bavaria,  Fran- 
conia  und  Lacus  Constantinus),  1545  ebenso  viele  (die  5  Tafeln  des 
Rheines  sind  in  3  zusammengezogen,  neu  dagegen  Nigra  Sylva  und 
Slesia)  und  1552  zehn  (neu  Pomerania).  Überhaupt  hat  sich  Münster 
um  die  Kartographie  Deutschlands  wesentliche  Verdienste  erworben. 
Von  seinen  142  Karten  ^),  die  sich  aulser  im  Ptolemäus  hauptsächlich 
in  den  verschiedenen  Ausgaben  der  grofsen  Kosmographie  finden, 
stellen  39  deutsche  Landschaften  dar.  Einen  Rückschritt  bedeutet  der 
von  Gerhard  Mercator  gezeichnete  Atlas  zum  Kölner  Ptolemäus 
von  1578  und  1584,  der  keine  deutschen  Karten  enthält,  sowie  der 
von  1597  und  1608,  der  nur  eine  (Germania)  bietet,  die  überdies  ita- 
lienischen Ursprungs  ist.  Dagegen  umfa&t  der  grofse  weltberühmte 
Atlas  Mercators  von  1595  nicht  weniger  als  20  deutsche  Karten, 
die  sich  überdies  in  den  folgenden,  nicht  mehr  in  Deutschland 
erschienenen  Ausgaben  noch  vermehrten,  hauptsächlich  im  Wett- 
bewerb mit  dem  Theatrum  orbts  terrartim  des  Abraham  Ortelius, 
das  schon  bei  seinem  ersten  Erscheinen  1570  dreizehn  deutsche  Karten, 
fast  durchgängig  Kopieen  wichtiger,  in  Deutschland  entstandener  Ori- 
ginale aufwies.  Um  die  Wende  des  XVI.  Jahrhunderts  machte  sich 
hauptsächlich  Matthias  Quad  um  die  Kartographie  Deutschlands  ver- 
dient. Seine  Atlanten  Europae  descriptio  (1594),  Enchiridion  cos^ 
mographtcutn  (1599),  Geographisch  Handbuch  (1600)  und  Fasciculus 
geographictis  (1608)  boten  zwar  fast  nur  Nachstiche,  verbreiteten  je- 
doch die  Kartenkenntnis  in  weiten  Kreisen  des  Volkes,  denen  die  Ori- 
ginale infolge  ihrer  Seltenheit  und  Kostspieligkeit  unzugänglich  waren. 

Diese  Originalkarten,  die  in  der  Regel  als  Einzelblattdnicke  ver- 
öffentlicht wurden,  verdienen  wegen  ihrer  hohen  landeskundlichen 
tmd  geschichtlichen  Bedeutung  wenigstens  eine  kurze  Erwähnung. 
Leider  sind  sie  äuOserst  selten,  dazu  nirgends  vollständig  vereinigt, 
am  besten  noch  im  Britischen  Museum.  Es  würde  eine  sehr  dan- 
kenswerte Aufgabe  sein,  ihre  ersten  Drucke  zu  ermitteln,  diese 
mit  den  vollkommenen  Mitteln   der   modernen  Reproduktionskunst  zu 


i)  Aofgesäblt  bei  Hantzsch,  Seb.  Münster.     Leipzig   1898,  S.  72  ff. 


—     45     — 

ihres  Wohnortes  kartographisch  aufzunehmen.     Zuerst  kamen  nur  ein- 
zelne Gelehrte  dieser  Anreg^ung  nach,  allmählich  jedoch  entschlossen 
sich  auch  viele  Fürsten  und  Regierungen,   ihre  Länder  mappieren  zu 
lassen  V  und  so  finden  wir  um  die  Mitte  des  XVII.  Jahrhunderts  kaum 
ein  gröfseres  deutsches  Territorium,   das  nicht  seine  gedruckte  oder 
wenigstens   handschriftlich   in   den  Archiven  liegende  Spezialkarte  be- 
sessen   hätte.     Selbst   ganz   unbedeutende  Herrschaften   wurden    von 
Lokalpatrioten  kartographisch  dargestellt,   so   die  Amter  Lichtenau  in 
Franken  und  Hersbruck  in  Hessen  durch  Paul  Pfintzing  1592  und 
[596  und  die  Grafschaft  Wertheim  durch  Bernhard  Cantzler  1603. 
Den  Anfang   machte   man   in  Bayern  ^).     Bereits   1523   lieis  Jo- 
hann Aventin   in  Landshut  seine  Landtafel   von  Ober-  und  Nieder- 
bayem  drucken,   zu  der  sich  später  Philipp  Apians  Charographia 
Baoariae  (1568),   das  gleichbetitelte  Werk  Peter  Weiners   (1579) 
und  die  DelineaHo  Bavartae  des  Raphael  Custos  (1632)  gesellten. 
Dieser  letztere  gab  auch    1619  eine  Karte   des  Flusses  Hier  heraus, 
während    sein  Verwandter  David   Custos    162 1    eine   Landtafel   der 
Oberp£adz  veröffentlichte,   die  auch  Erhard  Reych  schon  1540  dar- 
gestellt hatte.    Später  als  in  Bayern  begann  die  kartographische  Thä- 
tigkeit    in  Schwaben.     Zwar   hatte  hier  Sebastian  Münster   schon 
einige  Vorarbeiten  geliefert,  aber  erst  1561  erschien  Wolfgang  La- 
zins*  Karte  der  vorderösterreichischen  Besitzungen  und  im  folgenden 
Jahre  die  Karte  des  schwäbischen  Kreises  von  David  Zeitz lin,  end- 
lich 1625  die  des  Christoph  Hurter.    Eine  Karte  von  Württemberg 
war  schon  1558  ohne  Angabe  eines  Autors  in  Tübingen  herausgekom- 
men.    Bereits  1575   aber  wurde  sie  durch  Georg  Gadner  überholt. 
Eine  sehr  eingehende  Aufnahme  Württembergs,   die  11  Jahre  in  An- 
spruch nahm,   begann  1624  Wilhelm  Schickhart*).     Den  Boden- 
see hatten  vor   1540  zwei  Konstanzer  Bürger,  Johann  Zwick  und 
Thomas  Blaurer  gezeichnet,  deren  Arbeit  Sebastian  Münster  ver- 
öffientlichte.    Später  mappierten  ihn  noch  Johann  Georg  Schinbain 
(1578)    und  Altmannshausen   (1647).     Die    oberrheinischen   Land- 
schaften wurden  zuerst  von  Münster  bearbeitet.     1576  gab  Daniel 
Speckel  eine  Karte  des  Elsafs,  um  1595  eine  solche  der  Umgegend 


i)  Waltenberger,  Littermtnr  der  Karten  ron  Bayern  (8.  Jahretbericht  der  geogr. 
GeseUschaft  in  Mfincben).  —  Latz«  Zur  Geschichte  der  Kartographie  in  Bayern  (ebend. 
Bd.  XI).  —  Ein  Yeixeichnis  der  vom  Museum  in  Speyer  erworbenen  Karten  der  Pfalz 
(Uteate  1585)  siehe  in  „Mitteilungen  de»  Historischen  Vereins  d.  Pfalz*'  XVI  (1892),  S.  216. 

2)  Regelmann,  Die  Schickhartsche  Landesaufnahme  Württembergs  (Württ.  Jahr- 
budi  1893). 


—     46     — 

Vater  der  schlesischen  Kartographie  wurde  Martin  Helwig  1561*). 
Um  die  Darstellung  Brandenburgs  machten  sich  vor  1570  Elias  Ca- 
merarius  und  Leonhard  Thurneysser,  um  diejenige  Pommerns 
vor  1550  Peter  Artopöus,  später  Eilhard  Lubin,  um  das  Her- 
zogtum Preufsen  endlich  Heinrich  Zeil  und  1576  Kaspar  Henne- 
berger verdient. 

Auch  einige  Bemerkungen  über  das  Aussehen  dieser  Karten,  ihre 
Eigentümlichkeiten  und  den  Fortschritt  in  ihrer  Entwicklung  dürften 
von  Interesse  sein.  Mit  Ausnahme  der  Germania  des  Nikolaus  Cusanus 
sind  die  meisten  älteren  Karten,  insbesondere  alle  von  Münster  heraus- 
gegebenen, in  Holzschnitt  ausgeführt.  Da  die  Formschneiderei  da- 
mals noch  vielfach  von  künstlerisch  wenig  durchgebildeten  Handwer- 
kern ausgeübt  wurde,  so  sind  sie  ziemlich  roh  ausgefallen,  so  dais  bei- 
spielsweise die  Feinheiten  der  Küstengliederung  und  der  Flufeläufe  in 
ihnen  nicht  zum  Ausdruck  kommen  und  dafs  sie  hinsichtlich  der  Tech- 
nik weit  hinter  den  gleichzeitigen  italienischen  Kupferstichkarten  zurück- 
stehen. Erst  nach  1550  kam  der  Kupferstich  auch  in  Deutschland 
und  zwar  besonders  durch  das  Beispiel  des  Abraham  Ortelius  und  des 
Gerhard  Mercator  in  steigendem  Mafse  in  Aufaahme.  Eine  Projektion 
lag  wohl  nur  den  wenigsten  deutschen  Territorialkarten  zu  Grunde. 
Bei  den  meisten  begnügte  man  sich,  die  abzubildenden  Gegenden  ein- 
fach in  ein  viereckiges  Feld  einzuzeichnen.  Ein  ausgezogenes  Grad- 
netz fehlt  meist.  Mehrfach  findet  sich  eine  Längen-  und  Breitenskala 
am  Rande.  Indessen  weichen  die  Breitenangaben  in  der  Regel  min- 
destens um  mehrei^e  Minuten,  die  Längenangaben  namentlich  in  Nord- 
imd  Ostdeutschland  häufig  um  mehrere  Grade  von  den  wahren  ab, 
da  zuverlässige  astronomische  Ortsbestimmungen  für  viele  Gegenden 
überhaupt  nicht  vorhanden  waren.  Zur  Feststellung  des  Mafsstabes 
ist  meist  am  Rande  ein  Meüenzeiger  angebracht,  doch  ist  es  bei  der 
Verschiedenheit  der  damals  üblichen  MeUen  fast  unmöglich,  mit  seiner 
Hilfe  die  Entfernungen  annähernd  genau  zu  ermitteln.  Die  Terrain- 
zeichnung ist  in  der.  Regel  eine  sehr  mangelhafte.  Die  Gebirge  er- 
scheinen als  Felsen,  als  Reihen  von  Maulwurfshügeln  oder  als  raupen- 
formige  Gebilde.  Die  Wälder  werden  je  nach  ihrer  BeschalBFenheit 
meist  durch  einzelne  Laub-  oder  Nadelbäume,  untermischt  mit  Busch- 
werk, die  Sümpfe  mehrfach  durch  Schraffierung  angedeutet.  Die 
Flüsse  erblickt  man  als  ziemlich  willkürlich  gewundene,  allmählich  di- 


i)   Hey  er,   Die   kartographischen  DarsteUungen   Schlesiens    bis    1720    (Zeitschrift 
d.  V.  f.  Gesch.  o.  Altertümer  Schlesiens,  Bd.  XXm). 


—     47      — 

vergierende  Doppellinien.  Die  Grenzen  der  Länder  sind  teils  gar 
Bicht,  teils  durch  punktierte  Linien  bezeichnet.  Die  Ortschaften  wer- 
den durch  Kreise,  Kreuze  oder  einzelne  Bauwerke  dargestellt.  Leere 
Stellen  findet  man  zuweilen  durch  erklärende  Inschriften  ausgefüllt. 
Die  Orientierung  ist  namentlich  in  der  älteren  Zeit  eine  durchaus  will- 
kürliche. Norden  liegt  bald  rechts  oder  links,  bald  oben  oder  unten. 
Die  Richtigkeit  der  Karten  ist  in  den  ersten  Stadien  der  Entwickelung 
eine  sehr  geringe.  Allmählich  aber  zeigen  zuerst  die  auf  wirklichem 
Vermessungen  beruhenden  und  in  grofeem  Mafsstabe  gezeichneten 
Spezialkarten  und  dann  auch  die  nach  ihnen  bearbeiteten  Übersichts- 
blätter unverkennbare  Fortschritte,  so  dafs  man  um  die  Mitte  des 
XVn.  Jahrhunderts  eine  Reihe  von  kartographischen  Bildern  des  deut- 
schen Landes  besafs,  die  eine  wenigstens  für  jene  Zeit  genügende 
Genauigkeit  aufwiesen. 

Die  Seltenheit  dieser  älteren  Karten  und  Landesbeschreibungea 
ist  der  Grund,  weshalb  sie  bei  landesgeschichtlichen  Studien  verhältnis- 
mäisig  wenig  benutzt  werden,  doch  ist  es  zweifellos,  dafs  sie  wohl 
geeignet  sind,  die  übrigen  Quellen  wesentlich  zu  ergänzen,  und  des- 
lialb  sollte  der  Forscher  es  nicht  unterlassen,  auch  sie  von  Fall  zu 
Fall  einer  gründlichen  Durchsicht  zu  unterziehen. 


Der  gegeniA^ärtige  Stand 
der  landesgesehiehtliehen  Forschung  in 

Württemberg 

Von 
Karl  Weller  (Stuttgart) 

Es  ist  ganz  unverkennbar,  dafs  in  den  letzten  30  Jahren  die  Kennt- 
nis der  Landesgeschichte  unter  den  Gebildeten  Württembergs  ziemlich 
zurückgegangen  ist;  die  Eingliederung  unseres  Landes  in  das  neue 
Deutsche  Reich  liefs  natürlicherweise  das  Interesse  für  die  Vergangen- 
heit des  gesamten  deutschen  Vaterlandes  stärker  hervortreten;  eine 
Betonung  der  besonderen  Geschichte  des  Landes  konnte  beinahe  als 
ein  Zeichen  unnationalen,  partikularistischen  Sinnes  gelten.  In  der 
That  hatte  auch  die  einheimische  Forschung  meist  einen  ganz  beson- 


—     48     — 

ders  provinziellen  Standpunkt  eingenommen;  es  fehlte  in  der  Regel 
der  Blick  nach  aufsen,  das  Bewufetsein,  dafs  Württemberg  nur  der 
Teil  eines  Ganzen,  seine  Geschichte  nur  ein  Ausschnitt  aus  der  des 
deutschen  Volkes  war.  Eine  allgemeinere  Betrachtungsweise  war  nur 
langsam  und  nur  von  wenigen  gewonnen  worden.  Für  die  ältere  Zctit 
bis  zur  zw^eiten  Hälfte  des  XVI.  Jahrhunderts  hat  hier  die  Wtrfem' 
bergische  Geschichte  von  Christoph  Friedrich  Stalin,  ein  für 
eine  deutsche  Spezialgeschichte  lange  vorbildliches  Weiic,  die  Bahn 
gebrochen  (1841 — 1870),  und  seine  Resultate  sind  in  der  von  seinem 
Sohne  Paul  Friedrich  Stalin  verfaisten,  überaus  sorgfaltigen  Ge- 
schichte Württembergs  (1882  und  1887)  auf  den  Stand  der  neueres 
Forschung  ergänzt  worden ;  für  die  späteren  Jahrhunderte  der  württem- 
bergischen Herzogszeit  hatte  schon  L.  Th.  Spittler  vor  über  100 
Jahren  einen  breiteren  Grund  zu  legen  gesucht,  und  Gustav  Rümelin 
in  seiner  fruchtbaren  Abhandlui^  Altwürttemberg  im  Spiegel  frem- 
der Beobachtung  (Württembergische  Jahrbücher  1864)  hat  die  neue 
weitere  Auffassung  der  früheren  Enge  der  Betrachtung  gegenüber 
in  geistvoller  Weise  durchgeführt,  übrigens  nicht  ohne  eine  zum 
Teil  überscharfe  Kritik  der  altwürttembergischen  Verfassung  und  des 
altwürttembergischen  Wesens.  Diesen  universaleren  Charakter  hat  auch 
die  neueste  gute  Darstellung  der  württembergischen  Geschichte  von 
dem  Stuttgarter  Archivrat  Eugen  Schneider(i  896) ;  sie  ist  dadurch 
besonders  ausgezeichnet,  dafs  in  ihr  zum  erstenmal  die  wichtige  Ge- 
schichte des  XIX.  Jahrhunders  in  ausführlicher  Weise  zusammenfassend 
behandelt  ist.  Leider  beschränkt  sie  sich  fast  ganz  auf  die  politische 
Entwicklung.  Es  war  seinerzeit  ein  grofser  Fortschritt,  als  man  von  einem 
niedrigeren  Standpunkt  der  Betrachtung  zu  einer  Darstellung  mit  höheren 
politischen  Gesichtspunkten  gelangte,  wie  sie  Spittler  zuerst  gegeben 
hat,  und  es  ist  gewifs  wohlbegründet,  daCs  auf  die  politisch  ungemein 
bedeutende  und  wandlungsreiche  2^it  des  Königs  Friedrich  in  der  For- 
schung gegenwärtig  ein  besonderes  Gewicht  gelegt  wird,  vor  allem 
mit  den  gehaltreichen  Schriften  des  Generals  Albert  P fister  (König 
Friedrich  und  seine  Zeit,  1888;  Aus  den  Tagen  des  Rheinbundes 
18 12  und  18 ij,  1896;  Ai4s  dem  Lager  der  Verbündeten  1814  und 
181$,  iSgyJ.  Das  wirtschaftliche  und  geistige  Leben  in  eine  Ge- 
samtdarstellung hereinzuziehen  und  seine  stete  Wechselwirkung  mit 
der  politischen  Geschichte  aufzuzeigen  ist  bis  jetzt  nicht  versucht 
worden;  hier  liegt  eine  Aufgabe  der  Zukunft.  Denn  der  Bedeutung 
Württembergs  im  Rahmen  des  gesamten  deutschen  Vaterlandes  wird 
man  nicht  gerecht,   wenn  man  nur  die  politischen  Zustände  und  Ge- 


—     49     — 

schehnisse  behandelt;  zum  gröfseren  Teil  liegt  sie  auf  dem  kulturellen 
Gebiet,  und  hier  wird  eine  genauere  Erforschimg  auch  für  die  all- 
gemeine deutsche  Geschichte  reiche  Früchte  tragen.  Wie  in  der 
deutschen  Dichtung  oft  die  besten  Schöpfungen  aus  dem  engeren 
Heimatboden  hervorgewachsen  sind,  wie  recht  aus  der  Eigenart  des 
einzelnen  Landes  heraus  das  Geistesleben  des  deutschen  Volkes  zu 
so  reicher  imd  vielseitiger  Entfaltung  sich  auszugestalten  vermochte, 
so  hat  auch  die  schwäbische  Kultur  in  Wirtschaft  und  Recht,  in  Kunst 
und  Litteratur,  im  kirchlichen  wie  im  sittlichen  Leben  eine  kraftvolle 
Selbständigkeit  bis  in  die  neuere  Zeit  behauptet,  die  dem  gesamten 
Deutschland  zugute  gekommen  ist  und  gegenüber  den  nivellierenden 
Tendenzen  der  Gegenwart  noch  weiter  von  Nutzen  sein  mag.  Der 
Stoff,  den  der  Forscher  bearbeitet,  kann  räumUch  und  zeitlich  be- 
schränkt sein,  tmd  bei  gründlichen  Untersuchungen  ist  eine  solche 
Begrenzung  oft  geradezu  notwendig;  der  Sinn,  in  dem  geforscht  wird, 
die  Gesamtauffassung  mufs  freilich  eine  groise  und  weite  bleiben  und 
darf  das  Leben  der  ganzen  Nation  nicht  aus  den  Augen  verlieren. 

Nur  langsam  ist  in  Württemberg  die  Herausgabe  der  geschicht- 
lichen Quellen  in  Flufis  gekommen.  Das  von  Kau s  1er  begonnene, 
von  dem  Geheimen  Archivrat  P.  F.  Stalin  fortgesetzte,  in  seiner  Art 
musterhafte  Württemhergtsche  Urkundenbuch  bildete  lange  Zeit  fast 
die  einzige  wichtige  Quellenedition ;  es  ist  nun  bis  zum  7.  Bande  fort- 
geschritten, der  heuer  noch  erscheint  imd  die  Jahre  1269 — 1276  um- 
fafst.  Für  die  Fortsetzung  des  Urkundenbuches  ist  dem  Herausgeber 
seit  einigen  Jahren  von  der  Württembergischen  Kommission 
für  Landesgeschichte  ein  Hilfsarbeiter  in  der  Person  des  treff- 
lichen Gebhardt  Mehring  zur  Verfugung  gestellt  worden.  Denn 
gerade  in  der  Sammlung  und  Veröffentlichung  der  Quellen  hat  die 
Arbeit  der  im  Jahr  1891  gegründeten  Kommission  eingesetzt.  Die 
treibende  und  organisierende  Kraft  in  den  ersten  Jahren  war  der  da- 
mal^e  Tübinger  Professor  Dietrich  Schäfer,  dessen  energische  und 
allenthalben  Mitarbeiter  aufmunternde  und  gewinnende  Thätigkeit  auch 
nach  seiner  Übersiedelung  ins  badische  Nachbarland  noch  bei  uns  er- 
folgreich fortwirkt.  Von  den  Württembergischen  Geschichtsquellen, 
die  er  angeregt  hat,  sind  bis  jetzt  4  Bände  erschienen  (Bd.  I:  Kolb, 
Geschichtsquellen  der  Stadt  Hall.  Bd.  II:  Bessert,  Aus  dem 
Codex  Laureshamensis ,  den  Traditiones  Fuldenses,  aus  Wei/sen- 
burger  Quellen,  Schneider  und  Käser,  Württembergisches  aus 
römischen  Archiven.  Bd.  III:  Günter,  Urkundenbuch  der  Stadt 
Rottweil.    Bd.  IV:  Diehl,    Urkundenbuch   der  Stadt  E/slingen)\ 

4 


—     50     — 

ein  fünfter  Band,  die  Urkunden  der  Stadt  Heilbronn  enthaltend,  ist 
in  Vorbereitung.  Ein  bedeutendes  Unternehmen  der  Kommission  ist 
die  früher  schon  von  Rümelin  mit  Nachdruck  geforderte  Herausgabe 
der  umfangreichen  Korrespondenz  des  Herzogs  Christoph,  der  eine 
über  die  Bedeutung  seines  Landes  weit  «hinausreichende  Stellung  in 
den  politischen  und  kirchlichen  Fragen  seiner  Zeit  eingenommen  hat; 
die  Bearbeitung  der  Briefe  ist  dem  Tübinger  Privatdozenten  Victor 
Ernst  übertragen,  der  heuer  den  ersten  Band  hat  erscheinen  lassen. 
Die  von  der  Kommission  früher  in  Angriff  genommene  Herausgabe 
der  Briefe  des  Herzogs  Ulrich,  die  für  die  Reichsgeschichte  ebenso 
wertvoll  wäre,  mufste  leider  vorderhand  wieder  auf  gegeben  werden. 
Von  den  geschichtliehen  Liedern  und  Sprüchen  Württembergs, 
die  der  Stuttgarter  Bibliothekar  Professor  Karl  Steiff  im  Auftrag 
der  Kommission  sammelt  und  herausgiebt ,  ist  heuer  die  erste 
Lieferung  veröffentlicht  worden.  Möchten  alle  diese  schönen  Anfänge 
eines  nachhaltigen  Fortschreitens ,  der  Fortsetzung  durch  weitere 
Quellenwerke  sich  erfreuen  dürfen ;  wie  dankenswert  für  die  Aufhellung 
der  Reichsgeschichte  wäre  z.  B.  die  Sammlung  der  Urkunden  der 
schwäbischen  Städtebünde,  wie  fruchtbringend  für  die  Kenntnis  der 
engeren  Landcsgcschichte  die  Herausgabe  von  Regesten  der  Grafen 
von  Wirtemberg,  der  Akten  des  altwürttembergischen  Landtages.  Eine 
gewichtige  Veröffentlichung  der  Kommission  ist  die  zweibändige  Biblio- 
graphie der  württembergischen  Geschichte,  die  der  frühere  Direktor 
der  kgl.  öffentl.  Bibliothek,  Wilhelm  Heyd,  bearbeitet  hat.  Aber 
dieses  Werk  wie  alle  die  genannten  Quelleneditionen  können  eben 
nur  Vorarbeiten  sein,  die  noch  ausgeschöpft  werden  müssen,  und  nur 
ein  weit  vorausschauender  Blick  vermöchte  frohgemut  mit  Goethe  zu 
sprechen:  „Nein,  es  sind  nicht  leere  Träume,  Jetzt  nur  Stangen,  diese 
Bäume  Geben  efiist  noch  Frucht  und  Schatten."  Darstellende  Werke 
sind  bis  jetzt  recht  wenige  unterstützt  und,  wie  es  scheint,  gar  keine 
angeregt  worden.  Wenn  man  die  Thätigkeit  der  Kommission  mit  der 
erfolgreichen  Wirksamkeit  der  badischen  vergleicht,  die  allerdings  auch 
schon  länger  besteht,  so  mufs  man  offen  sagen,  dafs  die  württem^ 
bergische  Kommission  nach  der  Fülle  ihrer  Leistungen  bis  jetzt  ent- 
schieden zurückgeblieben  ist.  Der  Grund  ist  wesentlich  der,  dafs  die 
verwilligten  Geldmittel  viel  zu  gering  sind;  in  Baden  ist  der  staatliche 
Beitrag  ein  weit  höherer.  Es  ist  ein  dringendes  Erfordernis ,  dafs  an- 
statt der  vom  Landtag  genehmigten  iiooo  Mark  etwa  die  doppelte 
Summe  in  den  Etat  eingesetzt  wird,  wenn  Württemberg  die  seiner 
Bedeutung  angemessene  Thätigkeit  auch  hier  entfalten  soll. 


—     51     — 

Es  ist  mit  Freude  zu  begrüfsen,  dafs  nun  als  Mitglieder  der  histo- 
rischen Kommission  die  Dozenten  für  Geschichte  an  der  Landesuniver- 
sität Tübingen  auch  zur  Teilnahme  an  der  landesgeschichtHchen  For- 
schung herbeigezogen  worden  sind,  und  es  ist  weiter  sehr  erfreulich, 
dais  Historiker,  die  lange  Zeit  der  Erkundung  der  heimischen  Ge- 
schichte sich  ferne  hielten,  wie  Gottlob  Egelhaaf,  der  Rektor 
des  Karlsgymnasiums  in  Stuttgart,  in  den  letzten  Jahren  mit  derselben 
sich  eingehender  befafst  haben.  Gesammelt  werden  die  einzelnen 
Untersuchungen  in  den  von  der  Kommission  herausgegebenen  und 
von  Oberstudienrat  Julius  Hartmann  redigierten  Württemhergtschen 
Vierteljahrsheften  für  Landesgeschichte,  die  jetzt  in  halbjähriger 
Ausgabe  erscheinen.  Die  gröfeeren  Vereine,  die  meistens  das  erste 
halbe  Jahrhundert  ihres  Bestehens  hinter  sich  haben,  der  Württem- 
bergische Altertumsverein,  der  Verein  für  Kunst  und  Altertum  in  Ulm 
und  Oberschwaben,  der  Historische  Verein  für  das  württembergische 
Franken,  der  Sülchgauer  Altertumsverein  entfalten  je  nach  den  vor- 
handenen Arbeitskräften  eine  grölsere  oder  geringere  Thätigkeit;  die 
Vereine,  welche  durch  Verfugung  über  bedeutendere  Mittel  besonders 
leistungskräftig  sind,  haben  auch  wertvolle  Publikationen  unternommen, 
der  Württembergische  Altertumsverein  z.  B.  das  Württembergische 
Adels-  und  Wappenbuch  des  Archivrats  Otto  v.  Alberti,  das  nun 
zur  Hälfte  vollendet  ist  und  ein  unentbehrliches  Hilfsmittel  besonders 
für  die  Erforscher  unserer  Kunst-  und  Altertumsdenkmale  büdet.  Es 
ist  immer  von  Wert,  wenn  die  Organisation  der  Vereine  auch  durch 
Zeiten  geringerer  Beteiligung  und  mattere  Jahre  hindurch  erhalten 
bleibt.  So  lange  noch  die  romantische  Stimmung  in  der  Betrachtung 
der  Vergangenheit  vorherrschte,  als  Gemüt  und  Phantasie  noch  stär- 
keren AnteU  nahmen,  war  natürlich  die  Begeisterung  der  einzelnen 
Mitglieder  gröfeer ;  es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dafs  die  lebendige 
Hingabe,  die  persönliche  Wärme  sich  um  so  mehr  zurückzieht,  je 
wissenschaftUcher  die  Lokalforschung  wird,  je  mehr  an  die  Stelle  der 
Freude  am  Altertümlichen  eine  wirklich  historische  Auffassung  treten 
soll.  Immerhin  leistet  auch  heute  noch  die  begeisterte  Thätigkeit 
einzelner,  wie  z.  B.  des  unermüdlich  fleifsigen  Pfarrers  Gustav  Bessert 
in  Nahem  Bedeutendes  auf  den  verschiedensten  Gebieten.  Leider  fehlt 
häufig  selbst  da,  wo  der  beste  Wille  und  die  Begabung  vorhanden 
wäre,  die  methodische  Vorbereitung  zu  historischer  Forschung,  und 
es  ist  sehr  zu  beklagen,  dais  besonders  in  der  evangelisch-theologischen 
Vorbildungsanstalt  unserer  Universität,  dem  für  das  geistige  Leben 
Württembergs  seit  Jahrhunderten  so  unendlich  einflufsreichen  Tübinger 


—     52     — 

Stift,   die  Schulung*  zu  wissenschaftlich  produktiver  Arbeit  ungebühr- 
lich vernachlässigt  wird. 

Betrachten  wir  die  einzelnen  Felder,  auf  denen  die  Forschung 
thätig*  ist,  so  sind  einig'e  in  wirklich  schöner  Weise  angebaut,  vor  allen 
die  Kirchen-  und  die  Litteraturgeschichte ;  hier  reizt  der  Stoff  durch 
die  verhältnismäfsig  bedeutende  Stellung,  die  das  Land  auf  diesen 
Gebieten  in  der  deutschen  Kulturgeschichte  eingenommen  hat;  auch 
die  wissenschaftliche  Vorbildung  ist  hier  bei  Theologen  und  Philologen 
noch  am  ehesten  vorhanden.  Seit  langer  Zeit  vielfach  in  Angriff 
genommen  ist  die  Geschichte  der  Römerherrschaft  auf  dem 
jetzt  württembergischen  Boden,  die  durch  die  Gründung  der  Reichs- 
limeskommission neue  Anregung  und  in  den  vom  Württembergischen 
Antliropologischen  Verein  unter  der  Leitung  von  Professor  G.  Sixt 
in  Stuttgart  herausgegebenen  Fundberichten  aus  Schwaben  seit  1893 
eine  eigene  Zeitschrift  erhalten  hat.  Auch  die  württembergische 
Kirchengeschichte  hat  seit  längerer  Zeit  ein  eigenes  Organ  in  den 
jetzt  alle  Vierteljahre  unter  der  Redaktion  des  Pfarrers  Friedrich  Keidel 
in  Degerloch  erscheinenden  Blättern  für  württembergische  Kirchen^- 
geschickte,  die  sich  tüchtiger  Mitarbeiter,  wie  des  Dekans  R.  Günther 
in  Langenbiurg,  erfreuen  dürfen;  eine  solide  Grundlage  für  alle  wei- 
teren Untersuchungen  ist  in  der  1893  vom  Calwer  Verlagsverein 
herausgegebenen  Württembergischen  Kirchengeschichte  vorhanden, 
zu  deren  Abfassung  sich  die  bereits  genannten  Gustav  Bossert,  Friedrich 
Keidel,  Julius  Hartmann  und  der  Stuttgarter  Stadtpfarrer  Christoph 
Kolb  verbunden  haben.  Die  katholische  Geistlichkeit  besitzt  eine 
kirchengeschichtliche  Zeitschrift  im  Diözesanarchiv  aus  Schwaben, 
Die  württembeigische  Litteraturgeschichte  hat  in  dem  Stutt- 
garter Archivassessor  Rudolf  Kraufs  einen  Bearbeiter  gefunden,  der 
1897  den  ersten  Band  einer  Schwäbischen  Litteraturgeschichte  der 
Öffentlichkeit  übergeben  hat  und  in  Bälde  den  zweiten  folgen  lassen 
will.  Leider  fehlt  es  an  einem  besonderen  württembergischen  Oigan 
für  litteraxgeschichtliche  Studien;  so  werden  die  einzelnen  Abhand- 
lungen in  alle  möglichen  Blätter  verstreut  und  recht  verzettelt.  Zu 
bedauern  ist,  dafs  die  in  Schwaben  sonst  so  rege  Pflege  des  Andenkens 
seiner  bedeutenderen  Dichter  fast  gar  keine  grölseren  biographischen 
Arbeiten  hervorruft;  es  fehlt  noch  an  ausführlichen  Lebensbeschrei- 
bungen von  Justinus  Kemer,  von  Eduard  Mörike,  und  selbst  das  Ge- 
dächtnis Ludwig  Uhlands  hat  alle  die  Jahrzehnte  seit  seinem  Tode 
keine  wissenschaftliche  Biographie  gezeitigt,  bis  endlich  aufserhalb 
Württembergs  das  Bedürfnis  erkannt  worden   ist  und  man  nun   von 


—     53     — 

Erich  Schmidt  ein  Leben  Uhlands  erwarten  darf.  Um  die  Samm- 
lung und  Erhaltung  von  handschriftlichen  Aufzeichnungen  und  inte- 
ressanten Briefwechseln  ist  die  Verwaltung  der  kgl.  öflfentl.  Bibliothek 
in  Stuttgart  und  der  Schillerverein  in  Marbach  mit  schönem  Erfolge 
bemüht.  Für  die  (jeschichte  der  schwäbischen  Mundart  sind  die  Tü- 
binger Professoren  Hermann  Fischer  und  Karl  Bohnenberger 
thätig  und  haben  zum  Teil  recht  überraschende  Resultate  gewonnen. 
Die  ältere  württembergische  Kunstgeschichte  hat  durch  Eduard 
Paulus  und  Eugen  Gradmann,  den  früheren  und  jetzigen  Landes- 
konservator, und  einige  weitere  Forscher  treue  Pflege  gefunden;  auch 
die  neuere  Kunstgeschichte  ward  wenigstens  durch  ein  inhaltreiches  Buch 
in  Anbau  genommen,  das  den  jetzigen  Vorstand  der  kgl.  öflfentl.  Bib- 
liothek, Oberstudienrat  August  Wintterlin,  zum  Verfasser  hat:  es 
sind  die  im  Jahre  1895  erschienenen  Württembergischen  Künstler  in 
Lebensbildern.  Im  argen  aber  liegt  die  württembergische  Rechts- 
and Verfassungsgeschichte  die  früher  in  so  glänzender  Weise  von 
den  beiden  Moser,  von  Spittler,  von  Wächter,  Reyscher,  Mohl 
u.  a.  behandelt  worden  ist.  Die  Juristen  versagen  seit  der  Gründung  des 
neuen  deutschen  Reiches  für  solche  Studien  gänzlich ;  von  dem  Archiv- 
sekretär Friedrich  Wintterlin  ist  jedoch  eine  Geschichte  der  württem- 
bei^chen  Verwaltung  zu  erwarten.  Fast  ebenso  schlimm  steht  es  mit 
der  Wirtschaftsgeschichte,  von  der  noch  kaum  die  rohesten  äuiseren 
Umrisse  gezeichnet  sind ;  doch  ist  für  die  Besiedlungsgeschichte  neuer- 
dings ein  reges  Interesse  erwacht,  und  zur  Behandlung  der  württem- 
bergischen Finanz-  und  Gewerbegeschichte  hat  in  dankenswerter  Weise 
der  Tübinger  Nationalökonom  Professor  Neumann  seine  Schüler  auf- 
zumuntern gesucht;  aus  seiner  Anregung  heraus  hat  die  Geschichte 
der  Calwer  Zeughandlungscompagnie  und  ihrer  Arbeiter  durch  Walter 
Tröltsch  1897  eine  erschöpfende  Bearbeitung  gefunden.  Beinahe 
ganz  unbehandelt  ist  die  Geschichte  der  Ackerwirtschafb;  ein  1898 
erschienenes  Werk  über  das  Pflanzenleben  der  Alb  von  Stadt- 
pfarrer Robert  Gradmann  in  Forchtenberg  konnte  in  einigen  merk- 
würdigen geschichtlichen  Ergebnissen  zeigen,  wie  ausgiebig  hier  eine 
eindringende  Untersuchung  wäre.  Für  die  wirtschaftliche  Entwicklung 
Württembergs  im  XEX.  Jahrhundert  ist  wenigstens  in  den  vom  Stati- 
stisch-topographischen Landesamt  herausgegebenen  Württembergischen 
Jahrbüchern  ein  reichhaltiges  statistisches  Material  gesammelt;  es  wirkt 
hier  die  epochemachende  Thätigkeit,  die  Gustav  Rümelin  in  den 
sechziger  Jahren  entfaltet  hat,  fruchtbringend  nach.  Für  die 
lui^  der  Volksüberlieferungen  ist  seit  dem  Tode       c 


—     54     — 

listen  Ernst  Meyer  und  des  Germanisten  Birlinger  sehr  wenig  ge- 
schehen; nun  aber  ist  eben  durch  das  rührige  Vorgehen  des  Professors 
Bohnenberger  in  Tübingen  eine  Vereinigung  für  Volkskunde  entstanden 
und  hat  mit  dem  Statistischen  Landesamt  eine  Übereinkunft  geschlossen, 
nach  der  beide   die  Verarbeitimg  der  volkstümlichen  Überlieferungen 
gemeinschaftlich    veranstalten    wollen.      Mit    der    Anhänglichkeit    der 
Schwaben  an  ihr  schönes  Heimatland  hängt  es  zusammen,  dafs  allent- 
halben ein  reges  Interesse  für  die  Lokalgeschichte  vorhanden  ist. 
Es  bestehen  in  den  bedeutenderen  Städten  rührige  Lokalvereine,  so  in 
Heilbronn,  in  Reutlingen,  in  Cannstatt  und  Ludwigsburg.     Stadt-  und 
Ortschroniken  werden  da  und  dort  bearbeitet;   so  sind  in  den  letzten 
Jahren  schöne  Arbeiten  von  Meifsner  [Das  Dorf  Kleinbotiwar,  1896) 
vc[iA\A?kVL^  [Haubersbronn  an  der  Wieslauf,  1899)  herausgekommen; 
die  Geschichte  der  Reichsstadt  Schwäbisch-Hall  ist  von  Julius  Gmelin 
dargestellt  worden  (Hällische  Geschichte,    1896 — 1899^.     Einzig  in 
ihrer  Art  ist  aber  die  eingehende  Bearbeitung  der  Orts-  und  Bezirks- 
geschichte in  den  64  vom  statistisch-topographischen  Landesamt  heraus- 
gegebenen Oberamtsbeschreibungen,  von  denen  nun  die  ältesten  unter 
der  sachkundigen  Redaktion   von  Julius  Hartmann   bereits  in   zweiter 
Auflage   erscheinen;    eine  kurze  Zusammenfassung  haben  sie  erfahren 
in    dem     dreibändigen    sehr    zuverlässigen    Werk    Da^    Königreich 
Württemberg ,    das    ebenfalls    in    zweiter   Auflage    vorliegt.      Unsere 
Übersicht   mag  mit  einem  Blick  auf  den  Stand  der  Geschlechter- 
geschichte geschlossen  werden.     Dem  Interesse,   das   die  Familien 
unseres  hohen  Adels  an  der  Geschichte  ihrer  Ahnen  nehmen  und  das 
sie  die  sehr  bedeutenden  Kosten  nicht  scheuen  läfet,  um  die  Quellen 
sammeln  und  sie  in  systematischen  Darstellungen  bearbeiten  zu  lassen, 
verdanken   einige  in   der  jüngsten  Zeit  begonnene  Publikationen   ihre 
Entstehung;   so  die  Geschichte  des  fürstlichen  Hauses  Waldburg  von 
Pfarrer  Vochezer  in  Hofe,   deren  zweiter  Band  bald  erscheinen  soll, 
ferner  das  von   dem  Verfasser  dieser  Übersicht   bearbeitete  Hohen- 
lohische  Urkundenbuch ,  dem  eine  Geschichte  des  Hauses  Hohenlohe 
noch  folgen  wird. 

Verhältnismäfsig  viel  geschieht  für  die  Popularisierung  des  ge- 
schichtlichen Stoffes,  was  durch  den  hohen  Stand  unserer  allgemeinen 
Volksbildung  und  die  allenthalben  verbreitete  Lust,  mit  der  Vergangen- 
heit der  Heimat  bekannt  zu  werden,  hervorgerufen  ist.  Die  Tages- 
zeitungen, besonders  der  „Schwäbische  Merkur**  mit  semer  Schwä- 
bischen Chronik  tmd  der  „Staatsanzeiger**  mit  seiner  besonderen 
Beilage,  widmen  der  Landesgeschichte  verhältnismäfsig  viel  Raum,  und 


—     55     — 

die   Blätter    des    Schwäbischen   Albvereins,    des   Württembergischen 
Schwarzwaldvereins,  ferner  das  „Schwabenland",  ersetzen  weiten  Volks- 
kreiscn  die  früher  beliebteren  Darbietungen  der  Altertumsvereine,  die 
vielen  jetzt  zu   wissenschaftlich  gehalten  sind.     Eine   dem  populären 
Bedürfnis   dienende  Publikation  sind   die   von  Julius  Hartmann   nach 
Schweizerischem  Vorbild  im  Jahre  1884  ins  Leben  gerufenen  Würi- 
tembergischen  Neujahrsblätter.     Im   allgemeinen  ist  es   nur  zu  bil- 
ligen, dafe  die  früher  übliche  Art,  auch  rein  wissenschaftliche  Unter- 
suchungen durch  populären  Stil  zugleich   einem  gröfseren  Publikum 
mundgerecht  zu  machen,  ein  Bestreben,  das  notwendig  zu  Halbheiten 
fuhren   mufs,   neuerdings   mehr  und   mehr  einer  Scheidung  der  rein 
wissenschaftlichen  und  der  rein  populären  Darstellung   weicht,   womit 
aber  nicht  gesagt  sein   will,    dafs    nicht   auch   die   wissenschaftlichen 
Werke   und  Abhandlungen  in  sorgfältig  ausgearbeiteter  tmd  schöner 
Form  vor  ihre  Leser  treten  sollen.     Dem  regen  Interesse  an    dem 
populär  gefafsten  GeschichtsstofF  entspricht  in  Württemberg  die  wissen- 
schaftliche Durcharbeitung  wohl  zu  wenig;  es  ist  jedoch  kein  Zweifel, 
dafe,  wie  die  Forschung  leidet,  wo  ihr  nicht  die  Teilnahme  lebendig  inter- 
essierter Kreise  entgegenkommt,  «o  auch  die  populäre  Geschichtsdarstel- 
liing  verkümmern  mufs,  wenn  sie  nicht  immer  an  der  fortschreitenden 
Wissenschaft  sich  erfrischen  und  orientieren  kann.    Die  geringere  Be- 
teiligung   an   der  wissenschaftlichen  Erforschung  ist  auch   der  Grund, 
dais   die    arbeitenden  Kräfte   fast  gänzlich  in   der   noch  viel  zu  wenig 
üef  ausgeschöpften  Landesgeschichte  aufgehen,    dafs   diese  so  selten 
den  Ausgangspunkt  für  umfassendere  Untersuchungen  bildet,  auch  da, 
wo  wie   in   der  Geschichte  der  Alamannenzeit ,   der  hohenstaufischen 
Periode,   der  Minnesänger,  des  Schwäbischen  Städtebundes,  des  Bauern- 
krieges  sich    die  Landes-  und  Reichsgeschichte  besonders  nahe  be- 
rühren,   dafs  infolge   davon   verhältnismäfsig  wenig  neue  Anregungen 
für  die  Forschung  aus  Württemberg  in  die  anderen  deutschen  Länder 
kommen.     Es  bleibt  doch  der  Eindruck,  dafs  die  reichen  Begabungen 
nicht  voll  ausgenützt  sind.     Die  hoch  angesehene  Stellung,  die  unser 
Land   im   deutschen  Geistesleben  über  die  ganze  erste  Hälfte  unseres 
Jahrhunders  eingenommen  hat,  erscheint  heute  vielfach  verloren;   das 
gut  für  die  Wissenschaft  wie   für  die  schöne  Litteratur.     Es  können 
aber  die  Vorbedingungen,  unter   denen  die  Talente  sich  zu   entfalten 
im  Stande  sind,   mit  weiser  Einsicht  geschaflTen,   die  Hemmnisse  ent- 
fernt,  die  Aufgaben  klar  erkannt  werden;   dann  wird  ein  neues  Auf- 
blühen auch  nicht  ausbleiben. 


—     56     — 


Mitteilungen 

Yersaminlailgeil«  —  Die  Konferenz  deutscher  Archivare 
in  Dresden  und  der  erste  deutsche  Archivtag  in  Strafsburg^ 
Am  i8.  und  19.  September  d.  J.  trat  in  Dresden  die  vom  Kgl.  Sächsischen 
Kriegsministerium  einberufene  Konferenz  deutscher  Archivare  zusammen,, 
welche  das  vom  Oberstabsarzt  Dr.  Schill  im  dortigen  hygienisch-chemischen 
Laboratorium  erprobte  Verfahren,  zerfallende  Archivalien  durch  Imprägnierung 
mit  Zapon  zu  fixieren  und  zu  konservieren,  prüfen  sollte.  Dr.  Schill  hat 
das  Zapon,  eine  Lösung  völlig  farblosen  Celluloids  in  ebenso  rasch  wie  spur- 
los verdunstendem  Amylacetat  oder  verwandten  Lösungsmitteln,  zuerst  und 
zwar  seit  etwa  9  Jahren  mii  Erfolg  benutzt,  um  Manöverkarten  wasser-  und  wetter- 
beständig zu  machen;  noch  überraschender  war  die  Wirkung  des  Mittels 
auf  die  modernden  SchreibstofFe ,  deren  Erhaltung  für  die  Archivare  bisher 
eine  endlose  Sorge  war.  Systematisch  angestellte  und  hinreichend  lange 
fortgesetzte  Versuche  haben  gezeigt,  dafs  die  Zapon-Imprägnierung  dem  Fort- 
wuchern der  Schimmelpilze  Einhalt  thut,  imd  die  mit  ihm  behandelten  Stoffe 
gegen  die  Einwirkung  von  Wasser  und  Säuren  schützt.  Am  bedeutsamsten 
für  die  Praxis  ist  aber  die  Thatsache,  dafs  selbst  das  mürbste  Papier,  welches 
schon  bei  leichter  Berührung  sich  in  Staub  auflösen  möchte,  durch  die 
Zaponierung  gewissermafsen  seine  alte  Natur,  d.  h.  Konsistenz  und  Biegsam- 
keit, wieder  erhält,  und  dafs  zugleich  bei  der  in  der  Regel  erwünschten 
Festigung  und  Egalisierung  der  zerfetzten  Ränder,  am  zweckmäfsigsten  mittels 
japanischen  Pflanzenpapiers,  das  Zapon  selbst  das  Bindemittel  abgiebt,  das 
lästige,  imsaubere  imd  stets  mit  einem  gewissen  Risiko  verbundene  Hantieren 
mit  anderen  Klebstoffen  also  ganz  fortfällt. 

Ja  bei  einzelnen  Blättern,  welche  durch  Modem  schon  in  Bruchstücke 
zerfallen  sind,  die  der  leiseste  Hauch  durcheinander  zu  werfen  droht,  lassen 
sich  diese  in  ihrer  gegenseitigen  Lage  durch  Übergiefsen  einer  hinreichenden 
Menge  Zapons  fixieren,  welches  die  Fragmente  durch  Celluloidhäutchen  an- 
einanderheftet, die  zwar  äufserst  fein  sind,  aber  doch  genügende  Sicherheit 
bis  zu  demnächstiger  gründlicher  Behandlung  mit  Überfangpapier  bieten. 
Gewisse  Schwierigkeiten  können  nur  bei  dickeren  Aktenheften  oder  Manu- 
skripten entstehen.  Das  Auseinandernehmen  derselben,  um  die  einzelnen 
Bogen  getrennt  zu  behandeln,  wird  selten  ratsam  erscheinen,  viel&ch  dagegen 
durch  den  Zustand  des  Materials  sich  direkt  verbieten.  Eine  befriedigende 
Methode  zur  „2^ponienmg  im  Ganzen"  ist  noch  nicht  ermittelt;  z.  Z.  ist 
allein  bedächtiges,  wenn  auch  langwieriges,  allmähliches  Fortschreiten  an' 
zuraten,  indem  man  nicht  mehr  als  je  zwei  einander  gegenüberstehende  Blätter 
gleichzeitig  präpariert;  zur  Isolierung  der  in  Behandlung  befindlichen  Blätter 
von  den  übrigen  empfehle  ich  Paraffin- Papier.  Die  in  Dresden  zu 
diesem  Zwecke  vorgeführten  Drahtnetze  sind  bei  gleichzeitiger  Inangriff- 
nahme einer  gröfseren  Anzahl  von  Blättern  nicht  zu  entbehren,  weil  sie  die 
zum  Verdunsten  des  Lösungsmittels  notwendige  Luflzirkulation  gestatten ;  ich 
halte  jedoch  ein  solches  Engros -Verfahren  aus  verschiedenen  Gründen  nicht 
für  zweckmäfsig,  zumal  die  Drahtnetze  die  Operation,  insbesondere  für  kleinere 
Archive,   umständlicher   und  kostspieliger  machen.     Das  Verfahren  ist  sonst 


—     67     — 

das  denkbar  einfachste ;  eines  gröfseren  Apparates  von  Tauchcylindem,  Tauch- 
schalen,  Trockengestellen  und  dergleichen  bedarf  es  nicht  Da  ich  unter 
allen  Umständen  das  Übergiefsen  empfehle,  geniigen  einige  Bogen  immer 
wieder  zu  verwendenden  Paraffinpapiers,  eine  mit  Ausgufs  versehene  Schale,. 
ein  Pinsel  zum  Verteilen  und  eventuell  einige  Streifen  dicken  Glases  von  ver- 
schiedener Länge,  um  sich  zu  möglichst  ökonomischer  Verwendung  des  Zapons 
auf  dem  zu  präparierenden  Objekt  selbst  eine  Art  von  Schale  herstellen  zu 
können. 

Mit  der  bisher  besprochenen,  allerdings  bedeutsamsten  Verwertung  des 
Zapons  ist  aber  seine  Anwendung  in  der  archivalischen  Praxis  durchaus  nicht 
erschöpft,  es  scheint  dasselbe  vielmehr  berufen,  eine  Art  von  archivaUschem 
Universalmittel  zu  werden.  Proben  von  der  Fixierung  modernder  Wachssiegel 
durch  Zapon  habe  ich  in  Dresden  und  Strafsburg  vorlegen  können;  für  ^le 
Alten  von  Metallsiegeln  liegt  der  Vorteil  der  Zaponierung  auf  der  Hand ;  da 
das  Zapon  weder  Tinten  noch  Farben  angreift,  andrerseits  aber  auf  zaponierten 
Unterlagen  geschrieben  und  gemalt  werden  kann,  so  eignet  sich  das  Mittel 
zum  Fixieren  von  Zeichnungen  und  Handschriftengemälden  sowie  zmn  Festigen 
der  Wasserfarben  bei  der  Bearbeitung  von  Karten,  wenn  es  sich  darum 
handelt,  mit  neuen  Farben  über  Schrift  oder  Kolorit  hinwegzugehen ;  Signaturen 
an  Schranken,  auf  Manuskripten  und  Akten  werden  vor  der  alUnählichen 
Zer^örung  durch  Luft  und  Staub,  blanke  Metallteile  vor  dem  Rosten  ge- 
schützt (die  in  meinem  Archive  vielfache  Anwendung  findenden  eisernen 
Lineale  habe  ich  auf  das  wirksamste  so  behandelt)  u.  s.  w.  u.  s.  w. 

Was  die  gegen  das  Zaponverfahren  erhobenen  Bedenken  anlangt,  so 
Tcnnag  ich  denselben  für  die  Praxis  keine  Bedeutung  beizulegen.  Sollte  die 
Brennbarkeit  eines  zaponierten  Papiers  wirklich  etwas  gröfser  sein  als  die 
eines  unzaponierten,  was  übrigens  nicht  der  Fall  zu  sein  scheint  —  bei  von 
mir  angestellten,  anscheinend  das  Gegenteil  bekundenden  Versuchen  konnte 
noch  nicht  das  von  Dr.  Schill  ausschliefslich  empfohlene  tadellose  Präparat 
der  Fabrik  von  Dr.  Perl  &  Co.  in  BerUn  benutzt  werden  — ,  so  ist  dem 
gegenüber  hervorzuheben,  dafs  es  doch  eine  der  Hauptbestrebungen  der 
modernen  Archivtechnik  ist,  die  Archive  überhaupt  gegen  Feuer  zu  sichern. 
Da  es  femer  niemand  einfallen  wird,  ganze  Archive  zu  zaponieren,  so  kann 
es  sich  immer  nur  um  einzelne,  verhältnismäfsig  sehr  kleine  Gruppen  handeln, 
die  mehr  gefährdet  wären.  Aber  auch  da  schwindet  alle  Sorge  gegenüber 
der  Thatsache,  dafs  man  immer  mehr  und  mehr  sich  angelegen  sein  läfst, 
auch  den  Akten  eine  feste  Umhüllung  durch  Mappen,  Kartons,  Enveloppen 
zu  geben,  deren  schwer  entflanmibares  Material  einen  nicht  zu  verachtenden 
Schatz  gegen  das  erfahrungsmäfsig  bei  Feuersgefahr  meistens  nur  an  den 
Rändern  stattfindenden  Verkohlen  von  Aktenpacketen  bietet.  Gebe  man 
also,  wenn  man  ängstlich  ist,  zunächst  allen  zaponierten  Stücken  eine  solche 
besondere  SchutzhüUe! 

Es  wurde  weiter,  an  sich  mit  Recht,  eingewendet,  dafs  nach  der  Zapon- 
Imprägnierong  die  Anwendung  von  Reagentien,  resp.  die  von  der  Chemie 
zu  erhoffende  Beseitigung  der  durch  unverständiges  Wüten  mit  Reagentien 
angerichteten  Schäden  unmöglich  sei.  Solche  Fälle  bilden  aber  in  der  Archiv 
wie  in  der  Bibliothekspraxis  doch  nur  Ausnahmen;  die  Entscheidung  über 
die  Anwendung  des  Zapons   soll  nicht  von  den  alles  nach  einem  Schema 


—     58     — 

behandelnden  Subalteraorganen ,  sondern  von  dem  seiner  Verantwortung  be- 
wufsten  Fachmanne  abhängen,  der  es  sich  zur  Pflicht  machen  wird,  alle 
Schriftstücke,  über  deren  Inhalt  aus  schreibtechnischen  Gründen,  wie  die  er- 
örterten, Zweifel  bestehen  oder  entstehen  können,  vorläufig  von  der  Im- 
prägnierung auszuschliefsen.  Er  wird  auch  in  diesen  Fällen  stets  in  der 
Lage  sein,  einen  provisorischen  Schutz  durch  feste  Bettung  zwischen  durch- 
sichtigen, biegsamen  Celluloidplatten ,  schlimmsten  Falles  durch  Überlegen 
von  Glas  zu  schaffen.  Feste  Regeln  lassen  sich  hier  nicht  geben,  der  Findig- 
keit und  technischen  Geschicklichkeit  der  Beamten  mufs  alles  überlassen 
bleiben. 

In  der  überwiegenden  Mehrzahl  praktischer  Fälle  wird  aber  das  Zapon 
sich  als  ein  überaus  segensreiches  Mittel  in  den  Händen  derer  erweisen, 
welchen  die  Hut  und  die  Pflege  der  schriftlichen  Denkmäler  der  Vergangen- 
heit anvertraut  ist.  Aus  den  in  Dresden  stattgehabten  Erörterungen  imd  Vor- 
fühnmgen  hat  sich  denn  auch  diese  Perspektive  für  alle  Teilnehmer  an  der 
Konferenz  sichtlich  ergeben.  Es  mufste  daher  einigermafsen  überraschen, 
dafs  als  Ergebnis  der  Verhandlungen  beschlossen  wurde,  die  auf  der  Kon- 
ferenz vertretenen  Regierimgen  pp.  zu  ersuchen,  „durch  ihre  Archivare 
Versuche  mit  der  Zaponimprägnierung  anstellen  lassen  zu 
wollen". 

Der  Archivar  ist  gar  nicht  in  der  Lage,  die  von  Dr.  Schill  systematisch 
im  Laboratorium  angestellten  Versuche  experimentell  nachzuprüfen.  Der 
chemische  Teil  der  Frage  ist  für  ihn  durch  Schills  Untersuchungen  erledigt, 
die  praktische  Anwendbarkeit  steht  aufser  Frage;  es  bleibt  ihm  nur  übrig, 
durch  eigene  Versuche  sich  mit  der,  übrigens  spielend  leichten,  Technik  ver- 
traut zu  machen.  Ihrer  Anerkennung  der  überraschenden  Zweckmäfsigkeit 
des  Verfahrens  und  zugleich  ihrem  Dank  für  die  Bemühungen  der  Dresdener 
Gelehrten  um  dasselbe  hätte  die  Versammlung  entsprechenderen  Ausdruck 
geben  können,  indem  sie  den  Regierungen  pp.  die  Zaponmethode  empfahl 
mit  dem  Ersuchen,  durch  ihre  Archivare  praktische  Versuche  zu  möglichster 
Vereinfachung  und  Verallgemeinerung  der  Methode  anstellen  zu  lassen,  für 
welche  der  von  Dr.  Schill  im  Auftrage  des  Sächsischen  Kriegsministeriums 
bearbeitete  Leitfaden  (Dresden  1899,  Verlag  des  „Apollo",  Franz  Hoffmann) 
als  Grundlage  zu  dienen  habe. 

Immerhin  ist  durch  den  Schlufssatz  der  Resolution,  wonach  um  Mit- 
teilung der  Resultate  der  bezüglichen  Erhebungen  an  das  Sächsische  Haupt- 
staatsarchiv gebeten  wird,  dafür  gesorgt,  dafs  die  Angelegenheit  in  Flufs 
bleibt.  Freüich  wäre  es  erwünscht  gewesen,  wenn  zugleich  der  Hoffntmg 
Ausdruck  gegeben  worden  wäre,  die  beteiligten  Regierungen  möchten  ihre 
Geneigtheit  zu  weiterer  wirksamer  Mitarbeit  dadurch  bekunden,  dafs  sie  ihre 
Archivare  in  die  Lage  setzen,  auf  einer  neuen,  von  Amts  wegen  zu  berufenden 
Konferenz  die  gemachten  Erfahrungen  zu  diskutieren. 

Die  Konferenz  beschlofs  weiter,  die  beteiligten  Regierungen  zu  ersuchen, 
über  die  Ergebnisse,  welche  für  die  Lieferung  und  Prüfung  von  Papier  zu  amt- 
lichen Zwecken,  bezw.  für  Verwendung  von  guten,  das  Papier  nicht  gefähr- 
denden Tinten  u.  s.  w.  etwa  erlassene  Vorschriften  gehabt  haben,  Erhebungen 
anzustellen,  dieselben  bekannt  zu  geben,  und  ebenfalls  dem  Sächsischen  Haupt- 
staatsarchiv mitzuteilen. 


—     59     — 

Stand  dieser,  schon  in  dem  einleitenden  Referat  des  Oberregieningsrats 
Dr.  Posse  ausführlich  behandelte  Gegenstand  mit  dem  Programm  der  Kon- 
ferenz nur  in  losem  Zusammenhange,  so  hätte  dagegen  die  im  Laufe  der 
Verhandltmg  auf  den  Plan  getretene  wichtige  Frage  nach  dem  Wesen  und 
der  Anwendung  der  Tintenreagentien  es  wohl  verdient,  durch  ausdrückliche 
Aufiiahme  in  die  Resolution  der  amtlichen  Fürsorge  der  beteiligten  Regie- 
rungen u.  s.  w.  empfohlen  zu  werden.  Statt  dessen  wurden  Oberregierungsrat 
Dr.  Posse  und  Coq)sstabsarzt  Dr.  Schneider  (welcher  durch  Vorführung  der 
bisher  üblichen  Reagentien  sich  ein  grofses  Verdienst  um  die  Versammlung 
erwarb)  gewissermafsen  privatim  gebeten,  die  Reagentienfrage  wissenschaftlich 
zu  prüfen.  Die  Benutzung  des  Laboratoriums  des  Sächsischen  Kriegs- 
ministeriums  wurde  dafiir  in  Aussicht  gestellt,  und  damit  scheint  wenigstens 
die  chemisch  -  fachmännische  Behandlung  dieses  bisher  wildem  Empirismus 
anheim  gefallenen  Schmerzenskindes  der  Handschriftenkunde  gesichert. 

Von  den  gesellschafHichen  Genüssen,  welche  nach  des  Tages  Arbeit  in 
vornehmster  Form  der  Versammlung  geboten  wurden,  soll  hier  nicht  die 
Rede  sein,  zu  gedenken  ist  aber  der  Besichtigung  des  bei  reichen  Mitteln 
mit  Verwertung  aller  modernen  technischen  Erfahrungen  neuerbauten  Kriegs- 
archivs. Eines  vielleicht  altmodischen  Gedankens  vermochte  ich  mich  bei 
der  Betrachtung  des  schönen  Bauwerks  nicht  zu  erwehren.  Während  in  den 
Arbeitszimmern  alles  für  eine  praktische  und  zugleich  vornehm -behagliche 
Einrichtung  geschehen  ist,  machen  die  Aufbewahrungsräume  der  Archivalien, 
wie  sie  hier  und  bei  anderen  archivalischen  Neubauten  überhaupt  angeordnet 
sind,  mit  den  nackten  Eisenkonstruktionen,  den  erdrückend-niedrigen  eisernen 
Gitterfufsböden  den  Eindruck  eines  Gefängnisses,  nicht  einer  Rüstkammer 
freier  Forschung.  Der  Archivar  kann  hier  nicht  mehr  unter  seinen  Archivalien 
leben;  sie  sind  so  lange  tote  Nummern,  bis  die  Hand  des  Dieners  sie  heraus, 
ans  Licht  im  eigentlichen  Sinne  befördert  —  gerade  die  Beleuchtungsfrage 
schien  mir  in  dem  Magazin  des  Dresdener  Kriegsarchivs  nicht  überall  glück- 
lich gelöst.  Die  Fachgenossen  seien  übrigens  auf  die  sinnreich  und  einfach 
konstruierten  zusanmienschiebbaren  Fenstergitter  in  den  dortigen  Arbeitsräumen 
besonders  aufmerksam  gemacht. 

An  die  Dresdener  Versammlung  schlofs  sich  bald  der  erste  Deutsche 
Archi^tag,  welcher  am  25.  September  in  Strafsburg  eröffnet  wurde.  Den 
Angelpunkt  der  dortigen  Verhandlungen  bildete  der  nachträglich  auf  die 
Tagesordnung  gesetzte  Vortrag  des  vom  Sächsischen  Kriegsministerium  ent- 
sandten Dr.  Schill  in  dem  prächtigen  Lesesaale  der  neuen  Universitätsbibliothek, 
wiederum  über  das  Zaponverfahren.  Der  Eindruck,  den  derselbe  auf  die 
ungemein  zahlreich  versammelten  Fachgenossen  machte,  wird  für  die  Ein- 
führung und  Ausbildung  der  ausgezeichneten  Konservierungsmethode  förder- 
samer  sein  als  die  diplomatisch  gefafste  Resolution  der  Dresdener  Konferenz. 
Die  übrige  Tagesordnung  mufste  sich  wegen  dieser  nicht  vorhergesehenen 
willkommenen  Erweiterung  starke  Einschränkungen  gefallen  lassen.  Die  geist- 
reichen, scharf  und  klar  die  Zustände  darlegenden  und  das  Notwendige 
formulierenden  Vorträge  des  Archivdirektors  Prof.  Dr.  Wiegand  -  Strafsburg 
über  die  wissenschafUiche  Vorbildung  des  Archivars,  und  des  Regienmgsrats 
Dr.  Ermisch  -  Dresden  über  die  Beziehungen  der  Staatsarchive  zu  den  Re- 
gistraturen  und  Archiven  der  Verwaltungs-   und  Justizbehörden,   bei   denen 


—     60     — 

auch  die  vielfach  noch  so  unzulängliche  Fürsorge  der  deutschen  Staaten  für 
standesgemäfse  Dotierung  ihrer  Archivbeamten  gewürdigt  wurde,  werden  ihrea 
Eindruck  auf  den  Einzelnen  nicht  verfehlt  haben.  Da  sie  sich  aber  lediglich 
als  akademische  Erörterungen  de  lege  ferenda  gaben  und  bezügliche  Reso- 
lutionen nicht  gefafst  wurden,  dürften  ihre  Anregungen  leicht  verfliegen,  wena 
nicht  der  zweite  Archivtag,  welcher  im  Herbst  1900  in  Dresden  tagen  soll, 
die  Fragen  von  der  praktischen  Seite  anfafst.  Reichsarchivrat  Dr.  Wittmann- 
München  schränkte  seinen  Vortrag  über  Archivbenutzungsordnungen  dahin 
ein,  dafs  er  die  Fortschritte  schilderte,  welche  die  jüngste  Bayrische  Archiv- 
benutzimgsordnung  bietet;  im  übrigen  verhiefs  er  Mitteilung  seines  Vortrages 
durch  den  Druck. 

Eine  solche  wäre  überaus  erwünscht.  Um  das  Bewufstsein  organischer 
Zusammengehörigkeit  unter  den  deutschen  Archiven  und  Archivaren  zu 
fördern,  um  nicht  zu  sagen:  zu  wecken,  ist  es  von  Bedeutung,  dafs  ein 
jeder  vom  anderen  wisse,  nach  welchen  Regeln  sich  ihm  der  Verkehr  mit 
dem  wissenschaftlichen  Publikum  gestaltet.  Aber  noch  anderes  ist  von 
nöten.  Wir  bedürfen  einer  Statistik  der  deutschen  Archive  und  ihrer  Be- 
amten. Das  Burkhardtsche  Adressbuch  (1887)  ist  veraltet;  das  Jahr  1900 
bildet  einen  so  prägnanten  Markstein  unserer  Zeitgeschichte,  dafs  es  zur  Neu- 
aufstellung eines  solchen  Verzeichnisses  geradezu  herausfordert;  in  bestimmter 
Wiederkehr  wären  Neuredaktionen  vorzunehmen ;  die  inzwischen  stattfindenden 
Personalveränderungen  hätten  etwa  die  Deutschen  Geschichtsblätter  zu  re- 
gistrieren. In  das  Detail  der  Repertorien  eindringende  Inhaltsübersichten  der 
Archive  —  nicht  Inventare  —  nach  gemeinsamem  Plane  wären  zu  veröffent- 
lichen ;  nicht  minder  aber  Berichte  über  die  technischen  Einrichtungen  jedes 
Archivs. 

Die  Vertrautheit  mit  allen  üblichen  Methoden  der  Archivtechnik  ist  die 
beste  Gewähr  für  eine  gesunde  Entwicklung  des  Archix'wesens.  Der  Strafs- 
burger  Archivtag  schien  diesem  Zwecke  förderlich  werden  zu  sollen,  da  mit 
ihm  eine  Ausstellung  von  Archivutensilien  verbunden  wurde.  Der  Erfolg  war 
jedoch  kläglich.  Von  Archiven  hatten  sich  das  Oberösterreichische  Landes- 
archiv in  Linz,  das  Grofs herzoglich  Oldenburgische  Haus-  und  Zentralarchiv 
und  das  Gräflich  Erbachsche  Archiv  beteiligt.  Die  Überfülle  der  Tages- 
ordnung des  Archivtages  und  der  Umstand,  dafs  die  meisten  der  anwesenden 
Archivare  auch  als  Delegierte  der  zugleich  ihre  Generalversammlung  abhalten- 
den Geschichtsvereine  fungierten,  dadurch  aber  übermäfsig  in  Anspruch  ge-. 
nommen  waren,  wurde  Veranlassung,  dafs  die  wenn  auch  kleine,  so  doch  immer- 
hin lehrreiche  Ausstellung  im  Gebäude  des  Bezirksarchivs  so  gut  wie  vergessen 
wurde.  Aufser  den  Vertretern  zweier  beteiligter  Archive  habe  ich  während 
der  nachträglich  zur  Besichtigung  angesetzten  Stunde  drei  Archivare  nebst 
einem  üniversitätsprofessor  als  Besucher  registriert.  Und  doch  verzeichnete 
die  Präsenzliste  des  Archivtages  81  Namen! 

Soll  den  vorgetragenen  Wünschen,  mit  denen  ich  sicherlich  nicht  allein 
stehe,  Rechnung  getragen  werden,  so  ist  es  notwendig,  dafs  aus  den  Archiv- 
tagen sich  bald  eine  Zentralvertretimg  für  die  wissenschafüichen  imd  praktischen 
Aufgaben  und  Interessen  des  deutschen  Archivstandes  entwickele,  wie  andere 
wissenschaftliche  Berufsstände  sie  bereits  besitzen. 

Aus  den  Verhandlungen  der  Generalversammlung   der   deutschen  Alter- 


—     61     — 

tums-  und  Geschichtsvereine  hebe  ich  hier  nur  den  Bericht  über  das  erfreuliche 
Fortschreiten  der  Grundkarten  —  über  den  gegenwärtigen  Stand  dieser  Frage 
unterrichtet  Lamprechts  Aufsatz  oben  S.  33  —  hervor,  um  die  Bemerkung  an- 
zuknüpfen, dafs  ich  den  Eindruck  empfangen  habe,  als  stünden  die  deutschen 
Archiwerwaltungen  im  allgemeinen  diesem  überaus  wichtigen  Unternehmen  noch 
zu  kalt,  ja  teilweise  sogar  ablehnend  gegenüber.  Wo  Archivare  dabei  thätig 
sind,  erscheinen  sie  wohl  stets  als  Vertreter  intelligenter  und  leistungsfähiger  Ge- 
schichtsvereine.  Und  doch  läfst  sich  eine  wirklich  erfolgreiche  Arbeit  auf 
vielen  Gebieten  der  archivalischen  Thätigkeit  ohne  begleitendes,  die  Grenzen 
der  modernen  Staatsverbände  oft  genug  überschreitendes  Kartenzeichnen  gar 
nicht  denken;  dieses  wird  aber  ungemein  erleichtert,  oft  genug  erst  ermög- 
licht werden,  vor  allen  Dingen  aber  wird  es  der  Geschichtswissenschaft  im 
aOgemeinen  in  Wahrheit  erst  dann  zu  gute  konmien  können,  wenn  der 
Archivar  bei  dieser  Arbeit  sich  für  das  eigene  Land  wie  für  die  Nachbar- 
territorien  der  auf  einheitlichen  Mafsstäben  beruhenden  Grundkarten  be- 
dienen kann. 

Eine  schöne  Aufgabe  wäre  es  für  die  deutschen  Archiwerwaltungen 
gewesen,  die  Leitung  der  Grundkarten-Bewegung  gemeinsam  in  die  Hand  zu 
nehmen;  so,  wie  die  Dinge  jetzt  hegen,  mögen  sie  es  sich  wenigstens  an- 
gelegen sein  lassen,  mit  allem  Nachdruck  für  ihre  Förderung  einzutreten. 

G.  Seile  -  Oldenburg. 

Von  den  Vorträgen,  welche  die  45.  Versammlung  deutscher 
Philologen  und  Schulmänner  während  ihrer  Tagung  in  Bremen  vom 
26.  bis  30.  September  gebracht  hat,  seien  hier  drei  besonders  erwähnt,  die 
in  engerer  Beziehung  zur  landesgeschichtlichen  Forschung  stehen,  während 
wir  im  übrigen  auf  die  in  Vorbereitung  befindlichen  und  bei  B.  G.  Teubner 
in  Leipzig  erscheinenden  offiziellen  Verhandlungsberichte  verweisen.  Prof. 
Hirt  (Leipzig)  behandelte  die  Herkunft  der  indogermanischen 
Völkernamen'  und  führte  etwa  aus:  Die  Völkernamen  der  Indogermanen 
bieten  ein  sprachlich  wie  geschichtlich  wertvolles  Material,  aber  die  vielen 
jüngeren  Erldärungsversuche  verdienen  kein  allzu  grofses  Vertrauen,  weü  ihre 
sprachliche  Behandlung  grofse  Mängel  aufweist.  Will  man  den  Sinn  von 
Worten  feststellen,  deren  Bedeutung  nicht  überliefert  ist,  so  gilt  es  zuerst  die 
Suffixe  zu  betrachten,  weil  wir  deren  Bedeutung  am  ehesten  bestimmen  können. 
Für  die  Völkemamen  ergiebt  sich  so  zweierlei:  erstens  finden  wir  Suffixe, 
die  deutlich  patronymisch  sind,  wie  germ.  -ing,  -ung  (Thuringi,  Mero- 
vingi),  -aeon  (Ingwaeones,  Frisaeones),  -jo  (Frisii,  vgl.  gr. 
Ata^  TiXafidyiog) j  ital.  -Inus,  die  Zugehörigkeit  bezeichnend,  u.  a.,  und 
zweitens  finden  wir  solche,  die  in  Kosenamen  verwendet  werden.  Fürs  Indo- 
germanische gilt  aber  die  Regel,  dafs  der  Dual  und  Plural  eines  Wortes 
zwei  oder  mehrere  zusammengehörige  Wesen  bezeichnete.  So  heifst  hom. 
ASojfTf  eigentbch  die  beiden  Ajas,  in  Wirklichkeit  aber  Ajas  und  sein 
Bruder  Teukros;  lat  Castores  bedeutet  Castor  und  Pollux.  Der 
Phual  konnte  den  Geschlechtsherm  und  das  ganze  Geschlecht  bezeichnen, 
lat  Cornelii,  und  dann  das  Geschlecht  allein. 

Das  Prinzip  der  indogermanischen  Namengebung  ist  längst  erkannt  (vgl. 
Fick,   Orieckuche  Personennamen).     Alle   Namen  waren  zweistänunig,   wie 


~     62     — 

Sigifrid,  Sigimund,  Qsf.uarO'xX'^g  u.  s.  w.  Daher  bedeutet  Ermun- 
duri  das  Geschlecht,  die  Sippe  des  Ermundurus,  oder  Sugambri, 
die  Sippe  des  Sugambros.  Zu  diesen  VoUnamen  werden  aber  gern  Kose- 
namen gebildet.  So  ist  Wolfo  die  Koseform  zu  einem  zweistämmigen 
Wolf- hart,  Wolfgör  u.  s.  w.  Ebenso  kann  Teuto  zu  Dietrich, 
Diethart  gehören.  Teutones  bedeutet  also  nichts  anderes  als  die  Sippe 
eines  Teuto  (Teutobodus);  Irminones  ist  der  Plural  zu  Irmino, 
der  Koseform  etwa  zu  Ermundurus  oder  anderen  mit  Ermun  zusammen- 
gesetzten Worten.  Auch  -jo  bildet  Kosenamen,  namentlich  im  Italischen, 
Lucius  zu  ^rxo-x,  lat.  Cassius  zu  gall.  Cassi-velaunus.  Unser 
Name  Hessen,  urgerm.  ;rassioi  ist  also  mit  Cassius  vollständig  iden- 
tisch. Wenn  nun  auch  die  Wurzel  kad,  die  dem  Namen  zu  Grunde  liegt, 
„glänzen*^  bedeutet,  so  darf  doch  in  dem  Völkemamen  diese  Bedeutung 
nicht  mehr  gesucht  werden.  Hessen  bedeutet  nichts  anderes  als  die  Nach- 
konmien  eines  Cassius.  Mit  diesem  Prinzip  lassen  sich  sehr  viele,  ja  die 
meisten  Völkemamen  erklären,  wenn  auch  nicht  alle.  Jedenfalls  hat  auch 
eine  Erklärung  des  Restes  von  Suffixen  auszugehen.  Was  die  Betrachtung 
der  Sprachform  mit  zwingender  Notwendigkeit  nahelegt,  wird  durch  die 
Heranziehung  der  kulturhistorischen  Thatsachen  auf  das  beste  bestätigt  Die 
Bedeutung  der  Sippe  ist  allbekannt  und  wurde  nur  kurz  angedeutet.  Zum 
Schlufs  wurde  darauf  hingewiesen,  dafs  die  Alten  selbst  und  auch  die  nord- 
europäischen Völker  ihre  Stämme  fast  stets  von  einem  gemeinsamen  Stamm- 
vater herleiten,  und  dafs  gar  kein  Grund  vorliegt,  diese  Überlieferung  bei- 
seite zu  schieben.  Der  Vortragende  gedenkt,  das  ganze  Völkernamenmaterial 
der  indogermanischen  Völker  systematisch  zu  bearbeiten,  weil  nur  durch  die 
vergleichende  Betrachtung  der  Grund  festgelegt  werden  kann.  —  Direktor 
Schuchardt  (Hannover)  sprach  über  die  germanisch-römische 
Forschung  im  nordwestlichen  Deutschland  und  zog  darin  die 
Folgerungen  aus  den  seit  Jahren  von  ihm  vorgenommenen  Ausgrabungen. 
Infolge  der  Untersuchungen  Schuchardts  sind  die  sog.  Moorbrücken  d.  h. 
schwimmende  Wege  im  Moor,  die  bisher  allgemein  für  eine  Erfindung  der 
Römer  galten,  nicht  in  einem  einzigen  Falle  als  römisch  erwiesen  worden, 
wohl  aber  als  germanisch,  und  zwar  gehören  sie  nach  Mafsgabe  der  dabei 
gemachten  Funde  z.  T.  in  karolingische  Zeit,  z.  T.  ins  zweite  und  dritte 
Jahrhundert  vor  Christus,  also  in  die  Zeit  vor  der  Berührung  der  Germanen 
mit  den  Römern.  Auch  die  Grenzwälle,  und  mithin  auch  im  Prinzip  den 
Limes  beansprucht  Redner  als  eine  Einrichtung  der  Germanen.  Die  bisher 
ebenfalls  als  römisch  betrachteten  Kastelle  an  Lippe  und  Ems,  welche  in 
ihrer  Bauart  sich  grundsätzlich  von  den  bekannten  und  als  solche  erwiesenen 
Sachsenburgen  unterscheiden,  zeigen  merkwürdigerweise  engste  Verwandtschaft 
mit  den  nachgewiesenermafsen  von  Karl  dem  Grofsen  während  der  Sachsen- 
kriege angelegten  Kastellen,  werden  mithin  als  fränkisch  zu  betrachten  sein, 
so  dafs  auch  hier  der  römische  Einfiufs  sich  geringer  erweist,  als  gemeinhin 
angenommen  wird.  Die  Ausfuhrungen  klangen  aus  in  dem  Wunsche,  sich 
mit  dem  germanischen  Altertum  ebenso  lebhaft  zu  beschäftigen  wie  mit  dem 
römischen,  und  nicht  nur  das  Römische  auf  deutschem  Boden  zu  suchen, 
wie  auch  in  einem  Aufsatze  Eömisch' germanische  Altertumsforschung  von 
Alexander  Tille  (Deutsche  Stimmen,  Köln,  Nr.  ii  vom  i.  Sept.  1899)  aus- 


—     63     — 

gefuhrt  wurde.  —  Der  Vortrag  von  Direktor  Roh  de  (Cuxhaven)  über  die 
Ortsnamenforschung  als  Hilfsmittel  der  Geschichtsforschung 
brachte  eine  Fülle  von  Material  bei,  jedoch  ohne  die  Methode  der  Orts- 
namenforschung zu  behandeln.  Diesem  Mangel  suchte  Dr.  Armin  Tüle  (Leipzig) 
durch  einige  Bemerkungen  abzuhelfen,  indem  er  namentlich  auf  die  Ver- 
bindung mit  der  Besiedlungsgeschichte  hinwies  und  die  im  Volksmunde 
übliche  Aussprache  des  Ortsnamens,  phonetisch  genau  wiedergegeben,  als 
Grundlage  für  Untersuchungen  empfahl  und  nicht  die  offiziellen  Namen- 
schreibungen; alle  erreichbaren  älteren  Namensformen  und  auch  der  nicht 
seltene  vöUige  Namenswechsel  seien  dabei  zu  berücksichtigen.  Jedenfalls  zeigte 
sich  auch  hier,  dafs  die  Methode  der  Ortsnamenforschung  noch  wenig  ent- 
wickelt ist  und  dafs  sie  wohl  einmal  gründliche  Behandlung  durch  einen  Mann 
verdient,  der  als  Philolog  und  Historiker  gleich  tiefe  Kenntnisse  besitzt. 

£lng:egangene  Bücher. 

Gmelin,  Julius:  Hällische  Geschichte.  Geschichte  der  Reichsstadt  Hall 
und  ihres  Gebietes  nebst  einem  Überblick  über  die  Nachbargebiete. 
Schw.  Hall,  Verlag  von  Ferd.  Staib  (W.  Stöver)   1897.     830  S.  8». 

Hengstenberg,  Hermann:  Das  ehemalige  Herzogtum  Berg  und  seme  nächste 
Umgebung,  beschreibende  und  geschichtliche  Übersicht.  Zweite  durch- 
gesehene und  vermehrte  Auilage.  £lberfeld,B.  Hartmann,  1897.   137  S.  8  <^. 

XXXV.  Jahrcs-Bericht  des  Vorarlberger  Museums- Vereins  über  das  Jahr 
1896.     Bregenz,  im  Selbstverlage.     97  S.  40. 

Käser,  Kurt:  Politische  und  soziale  Bewegung  im  deutschen  Bürgertum  zu 
Beginn  des  16.  Jahrhunderts  mit  besonderer  Rücksicht  auf  den  Speyerer 
Aufstand  im  Jahre  15 12.  Stuttgart,  Druck  und  Verlag  von  W.  Kohl- 
hammer,  1899.     270  S.  8  ^     *Ji  S' 

Köberlin,  Dr.  Alfred:  Der  Obermain  als  Handelsstrafse  im  späteren  Mittel- 
alter. Erlangen  und  Leipzig,  A.  Deichertsche  Verlagsbuchhandlung  Nachf. 
(Georg  Böhme),  1899.  70  S.  80.  Ji  1.80.  [Wirtschafts-  und  Ver- 
waltungsstudien mit  besonderer  Berücksichtigung  Bayerns.  Herausgegeben 
Ton  Georg  Schanz  IV.] 

Kötting,  G. :  Etymologische  Studien  über  deutsche  Flufsnamen.  24  S.  4K 
[Beilage  zu  dem  Programm  des  Königl.  Gynmasiums  zu  Kreuznach. 
Ostern   1899.] 

Kraaz,  Albert:  Bauerngut  und  Frohndienste  in  Anhalt,  vom  16.  bis  zum 
19.  Jahrhundert.     Jena,  Verlag  von  Gustav  Fischer  1898.     273  S.  8<*. 

Ji    7-  50- 
Levec,  Wladimir:    Pettauer    Studien.      Untersuchungen    zur    älteren    Flur- 

verüaussung.   I.  Abteilung.   Mit  einer  Karte.   Wien  1898,  S.  171 — 189.  40. 

[Separatabdruck  aus   Band  XXVIII  (der  neuen  Folge  Band  XVIII)  der 

^fitteilungen  der  Anthropologischen  Gesellschaft  in  Wien.] 

Meister,  Dr.  AI.:  Akten  zum  Schisma  im  Strafsburger  Domkapitel  1583 
bis  1592.  Strafsburg,  vorm.  R.  Schultz  &  Co.,  1898.  81  S.  8<>.  [Se- 
paratabdruck aus  den  Mittheilungen  der  Gesellschaft  für  Erhaltung  der 
geschichtlichen  Denkmäler  im  Elsafs,  Band  XIX,  I.  Lieferung.] 

Müller-Mann,  Gustav:  Die  auswärtige  Politik  Kaiser  Ottos  II.  Inaugural- 
Dissertation  zur  Erlangung  der   philosophischen  Doktorwürde,   vorgelegt 


—     64     — 

der  Hohen  Philosophischen  Fakultät  der  Universität  Basel.  Lörrach, 
Verlag  von  C.  R.  Hutsch,   1898.     68  S.  8^. 

Petersen,  Adolf:  Maximilian  von  Baiem  und  die  Kurwürde,  mit  Berück- 
sichtigung der  bayerischen  Flugschrift  „die  Anhaltische  Kanzlei,  162 1". 
27  S.  40.  [Beilage  zum  Programm  des  Kgl.  Gymnasiums  zu  Luckau 
1898/99]. 

Petry,  Joh. :  Die  Hausordnung  der  Fraterherren  und  der  Tabemakelstifhmg 
zu  Emmerich.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Intematserziehung.  19  S. 
40.  [Beilage  zum  Programm  des  städtischen  Progymnasiums  zu  Steele 
1898/99.] 

Pi renne,  Henri:  Note  sur  un  passage  de  van  Velthem  relatif  a  la  bataiUe 
de  Courtrai.  Bruxelles,  Hayez,  imprimeur  de  l'acaddmie  royale  de 
Belgique,   1899.     23  S.   8^. 

Pyl,  Dr.  Theodor:  Nachträge  zur  Geschichte  der  Greifswalder  Kirchen  und 
Klöster.  Heft  3:  Geschichte  des  Georghospitals.  Greifswald,  Kommis- 
sions-Verlag von  Julius  Abel,  1900.  125  S.  8^  [Vereinsschrift  der 
Rügisch  Pommerischen  Abtheilung  der  Gesellschaft  für  Pommerische 
Geschichte  und  Alterthumskunde.] 

Ribbeck,  Dr.  Konrad:  Geschichte  des  Essener  Gymnasiums.  L  Teil  bis 
1564.  Essen  1896.  II.  Teil:  Die  lutherische  Stadtschule  1564 — 161 1. 
Essen  1898.  [Beitr.  zur  Geschichte  von  Stadt  und  Stift  Essen,  herausgeg. 
von  dem  Historischen  Verein  flir  Stadt  und  Stift  Essen.     16.  u.  19.  Heft] 

-Schafstaedt,  Heinrich:  Die  Festung  Mühlheim  am  Rhein  zu  Ende  des 
16.  und  zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts.  33  S.  4<*.  [Beilage  zum 
Programm  des  G)'mnasiums  zu  Mühlheim  am  Rhein   1899.] 

Schaube,  Adolf:  Proxenie  im  Mittelalter.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  des 
Konsularwesens.  21  S.  40.  [Abhandlung,  beigegeben  dem  Bericht  über 
das  Schuljahr  1898/99  am  Königl.  Gymnasium  zu  Brieg.] 

Derselbe :  Die  Wechselbriefe  König  Ludwigs  des  Heiligen  von  seinem  ersten 
Kreuzzuge  und  ihre  Rolle  auf  dem  Geldmarkte  von  Genua.  [Sonder- 
abdruck aus  den  „Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik^*  Band 
70,  S.  603  ff.  und  Band  71,  S.   145  ff.] 

Strnadt,  Julius:  Felix Stieve,  der  Geschichtschreiber  des  oberösterreichischen 
Bauernkrieges.  [Sonderabdruck  aus  dem  3.  Hefte  des  „Kyffhäuser^, 
Deutsche  Monatshefte  für  Kunst  und  Leben.     Linz  a.  d.  D.] 

Thoma,  Prof.  D.  Albrecht:  Geschichte  des  Klosters  Frauenalb,  ein  Beitrag 
zur  Kulturgeschichte  von  7  Jahrhunderten.  Freiburg  i.  Breisgau,  Verlag 
von  Paul  Waetzel,   1898.     104  S.  8<>.     Jk  x.  60. 

Tille,  Alexander:  Yule  and  Christmas,  their  place  in  the  Germanic  year. 
London,  David  Nutt,   1899.     ^^^  S*  4^*     «^  ^^* 


Beriehtlgung.  Durch  Schuld  der  Redaktion  ist  in  dem  Nekrolog  fUr  Gustav  v.  Mevissen 
aus  der  Feder  von  Hermann  Keussen  (Köln)  —  Heft  i.  S.  31  —  dort,  wo  von  der 
Gründung  der  „  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde "  die  Rede  ist,  der  Name 
Höhlbaums  nicht  genannt  worden.  In  Keussens  Manuskript  lauteten  die  Worte: 
„...  hatte  er  im  Verein  mit  Höhlbaum  und  Lamprecht  den  Hauptanteil". 

Die  Redaktion. 

Herausgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig.  —  Drück  und  Verlag  von  Friedrich  Andreai  Perthes  in  Godia. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Forderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

I.  Band  Dezember  1899  3.  Heft 


Stadtreehnungen 

Von 
Armin  Tille  (Leipzig) 

Die  verschiedenen  Quellengattungen  besitzen  bereits  ihrer  Natur 
nach  eine  verschiedene  Glaubwürdigkeit  und  damit  einen  verschiedenen 
Wert  für  die  Geschichtsforschung.  Bei  jedem  Chronisten  ist  sein 
Stand  und  seine  Parteistellung  zu  berücksichtigen,  bei  Urkunden  gilt 
es,  abgesehen  von  der  nackten  Thatsache  des  Rechtsgeschäfts,  in  der 
Regel  allen  Nebenbemerkungen  und  besonders  dem  Inhalte  der 
Arengen  mit  Vorsicht  zu  beg^nen,  Prozefsakten  neben  Zeugen- 
verhören und  Rechtsgutachten  nehmen  in  den  meisten  Fällen  bereits 
Partei,  kurz  überall  hat  der  Benutzer  die  Pflicht,  umsichtig  und  kritisch 
ans  Werk  zu  gehen.  Erheblich  besser  ist  er  daran,  wenn  ihm  Papiere 
zur  Verfugung  stehen,  die  für  den  Tag  geschrieben  waren,  bei  denen 
niemand  daran  dachte,  dafs  sie  Zeitgenossen  der  Nachlebenden  als 
Unterlage  bei  der  Beurteilung  des  Falles  jemals  dienen  würden.  Hierzu 
sind  Briefe,  Verhandlungsprotokolle  oder  Bittschriften  zu  rechnen, 
kurz  alle  solche  Aufzeichnungen,  die  ihrer  Natur  nach  nur  für  eine 
beschränkte  Zahl  von  Personen  und  nicht  für  die  Öffentlichkeit  be- 
stimmt waren.  In  diese  Kategorie  von  Quellen  gehören  auch  die 
alten  Rechnungen,  die  naturgemäfs  sehr  verschiedener  Art  sein 
können,  je  nachdem  sie  über  die  Einnahmen  und  Ausgaben  einer 
Privatperson,  einer  Korporation  oder  einer  Gemeinde  Rechenschaft 
ablegen,  sei  es  für  einen  näher  bestimmten  Zeitraum  Verschieden- 
artiges umfassend,  sei  es  für  einen  näher  bezeichneten  Zweck.  ^)     Zu 


i)  Unter  den  Ausgaberechnnngen  für  bestimmte  Zwecke  sind  neben  Reise- 
recfannngen  eine  Reihe  Banrechnnngen  bekannt  geworden,  so  Der  Koblenzer  Mauerhau^ 
Rechnungen  1276 — 128g y  bearbeitet  von  Max  Bär,  Leipzig  1888;  Neuwirth,  Die 
Wockenrechnungen  und  der  Betrieb  des  Prager  Dombaues  13^2 — 1378  t  Prag  1890; 
St  Beissel,    Die  Baugeschichie  der  Kirche   des   h.    Viktor  zu  Xanten  (Stimmen    au» 

5 


—     66     — 

den  ersteren  wären  z.  B.  die  Ausgabe-  und  Einnahmerechnungen 
für  den  Haushalt  der  Herren  vom  Drachenfels  aus  der  Zeit  1395  bis 
1398  *)  zu  zählen  oder  auch  die  ähnlichen  Rechnungen  der  Tiroler 
Herren  von  Schiandersberg  *),  zu  den  zweiten  etwa  Kirch-  und  Bruder- 
schaftsrechnungen, deren  wenigstens  aus  dem  XV.  Jahrhundert  eine 
ganz  beträchtliche  Zahl  bekannt  ist '),  und  zu  den  letzteren  die  Stadt- 
rechnungen, welche  an  Alter  und  Bedeutung  wohl  zu  den  wichtigsten 
älteren  Rechnungen  überhaupt  gehören.  Auf  Grund  des  in  alten 
Rechnungsbüchern  überlieferten  Materials  ist  der  mo- 
derne Forscher  in  der  Lage,  für  vergangene  Zeiten^ 
denen  eine  Vorstellung  von  Massenerscheinungen  und 
eineKenntnis  des  Mittels  sie  zu  bewältigen,  der  Statistik^ 
noch  nicht  eigen  sind,  mit  Hilfe  der  von  der  modernen 
Statistik  entwickelten  Methoden  thatsächlich  statistische 
Übersichten  zu  liefern,  welche  mehr  bieten,  als  die  Zeit- 
genossen zu  begreifen  vermochten.  Wenn  die  Ei^ebnisse 
solcher  Untersuchungen  auch  nicht  vollständig  denen  der  modernen 
Statistik  entsprechen  können,  so  sind  sie  doch  in  hohem  Maise 
geeignet,  unsere  Kenntnis  in  der  Vergangenheit  zu  vervollständigen 


Maria-Laach,  Ergänzungsheft  23);  Vancsa,  Die  Baureparaturen  der  Burg  Loa  tm 
XVI,  Jahrhundert  und  ihre  Kosten  (Berichte  und  Mitteilungen  des  Altertumsvereins  ia 
Wien  1899);  Rechnungen  ttber  den  seit  1559  ausgeführten  Ausbau  des  Hauses  Horst  in 
Westfalen  siehe  TiUe,  Übersicht  Über  den  Inhalt  der  kl.  Archive  der  Rheinprovinz,  i.  Bd.^ 
(1899),  S.  122,  Nr.  I. 

i)  Armin  Tille,  Übersicht  über  den  Inhalt  der  kleineren  Archive  der  Rhein-' 
Provinz^  i.  Bd.  (1899),  S.  52,  Nr.  2,  teilweise  veröffentlicht  von  Korth  in  den  Annalen 
des  historischen   Vereins  für  den  Niederrhein^  54.  Heft  (1892),  S.   i  flf. 

2)  v.  Ottenthai  und  Redlich,  Archivberichte  aus  Tirol,  2.  Bd.  (1896),  S.  4^5 
teilweise  veröffentlicht  in  den  Mitteilungen  des  Instituts  für   österreichische  Geschichts-- 

forschung,  2.  Bd.  (1881),  S.  551—614  (1366—67). 

3)  Vgl.  Armin  Tille,  Übersicht  über  den  Inhalt  der  kl,  Archive  der  Rhem^ 
Provinz,  wo  Kirchrechnungen  1465  ff.  aas  Wipperfürth  S.  283,  Nr.  15;  1478  S.  au» 
Wickrath  S.  77,  Nr.  25 ;  1483  ff.  aus  Siegburg  S.  329,  Nr.  5 ;  1490  ff.  ans  Lindlar 
S.  276,  Nr.  I  verzeichnet  sind.  Hospitalsrechnungen  aus  MiLnstereifel  1456  ff.  siehe 
S.  192,  Nr.  12;  BmderschafUrechnungen  XVI.  Jahrhunderts  (1504,  1536,  1578)  ebenda 
S.  192,  Nr.  13 ;  S.  86,  Nr.  i ;  S.  198,  Nr.  5.  —  In  Tirol  sind  wesentlich  lUtere  Kirchs 
rechnungen  vorhanden,  so  in  Hötting  1366  ff.,  Göflan  1435  ff.,  Schlanders  1476  ff.,  AI- 
drans  1482  ff.,  vgl.  Archivberichte  aus  Tirol,  2,  Bd.,  S.  235.  34.  48  und  225.  —  Eine 
ganze  Sammlung  von  Rechnungen,  worunter  sich  auch  solche  der  Bürgermeister  befinden^ 
ist  als  Band  i  der  „Quellen  zur  Geschichte  Siebenbürgens  aus  sächsischen  Archiven''  1881 
veröffentlicht  worden  mit  dem  Titel  Rechnungen  aus  den  Archiven  der  Stadt  Hermann'- 
Stadt  und  der  sächsischen  Nation  1380 — 1S16.  VgL  die  Anzeige  in  „Mitteilungen  des. 
Instituts  für  österreichische  Geschichtsforschung'*,  2.  Bd.  (188 1),  S.  650 — 53« 


" 


—     67     — 

und  direkt  unrichtige  Angaben   der   übrigen   Quellen   als    solche  zu 
erweisen  *). 

Was  die  Stadtrechnungen  betrifft,  so  ist  von  vornherein  klar,  dafs 
Einträgen  in  derartigen  Büchern  eine  Zuverlässigkeit  innewohnt  wie 
wenigen  anderen  Aufzeichnungen,  wenn  man  nicht  gerade  der  Mög- 
lichkeit einer  bewufsten  Fälschung  ein  übergrofses  Gewicht  beilegen 
wfll.  Diesen  Erwägungen  hat  sich  die  Forschung  nie  verschlossen 
und  deshalb  die  sonstige  Überlieferung  gern  und  mit  gutem  Erfolg 
durch  die  Angaben  der  Rechnungsbücher  eigänzt:  es  seien  hier  nur 
Gemeiners  Regensburgische  Chronik  *)  und  Kriegks  Frankfurter  Bürger- 
zwiste ')  als  solche  Werke  genannt.  So  wichtige  Nachrichten  aber  auch 
im  einzelnen  aus  den  Rechnungen  gewonnen  werden  mögen,  an  eine 
Ansbeutung  des  überreich  darin  dargebotenen  Stoffes  ist  doch  nur 
bei  einer  systematischen  und  womöglich  statistischen  Durcharbeitung 
zu  denken;  auf  diesem  Wege  wird  es  dann  möglich  vor  allem 
vom  Finanzwesen  einer  mittelalterlichen  Stadt  in  allen  seinen  Zweigen, 
dann  aber  auch  von  allen  möglichen  anderen  Zuständen  ein  der  Wahr- 
heit sich  näherndes  Gesamtbild  zu  gewinnen,  und  gerade  daran  mufste 
der  Forschung  in  den  letzten  Jahrzehnten  unendlich  viel  gelegen  sein. 
Eine  solche  intensive  Bearbeitung  ist  zwar  auf  Grund  der  Original- 
lechnungen  in  einer  Darstellung  wohl  möglich,  aber  die  grofse Mühe, 
welche  einmal  darauf  verwendet  werden  mufs,  würde  teilweise  vei^eudet 
sdn,  wenn  der  Bearbeiter  nicht  zugleich  einen  modernen  Editionsgrund- 
sätzen entsprechenden  Abdruck  wenigstens  der  ältesten  vollständigen 
Rechnungen  besorgen  wollte.  Denn  es  ist  nicht  zu  vergessen,  dafs 
gerade  in  den  Rechnungen  für  so  aufserordentlich  verschiedene  Gebiete 
neuer  QuellenstofF  erschlossen  wird,  dafs  eine  allseitig  genügende  Be- 
arbeitung durch  eine  einzelne  Person  fast  ausgeschlossen  erscheint. 
Andrerseits  ist  klar,  dafs  die  VeröflFentlichung  vollständiger  Jahres- 
rechnungen stets  von  einem  erläuternden  Texte  begleitet  sein  muls,  welche 
über  die  rein  örtlichen  Zustände,  namentlich  über  die  vorkommenden 

i)  Am  meisten  ausgebildet  auf  Grund  ▼erschiedenartigsten  Materials  ist  die  Beröl- 
kenmgs-  ond  Sozialstaüstik,  vgl.  z.  B.  A.  Doren,  Neuere  Arbeiten  sur  Bevölkerungs- 
wid  Soztalsiatistik  des  XV,  und  XVI,  Jahrhunderts  in  der  DenUchen  Zeitschrift  fUr 
Geschichtswissenschaft,  Nene  Folge,    I.  Jahrgang  (i  896/1 897)  Monatsblätter,  S.  97—112. 

2)  Carl  Theodor  Gemeiner,  Reichsstctdt  Regenshurgische  Chronik^  Regens- 
bvg 1800.  Vom  zweiten  Bande  an  lantet  der  Titel  Der  Regenshurgischen  Chronik 
rmeiter  u.  s,  w.  Band,  Der  dritte  (1820)  mid  Werte  Band  (1824)  haben  noch  den  be- 
Mnderen  Titel  Stadt  Regensburgische  Jahrbücher. 

3)  Georg    Ludwig   Kriegk,    Frankfurter   Bürgemoiste    und   Zustände   im 

MitUkiÜer,  i86a. 

6* 


—     68     — 

Münzen,  Mafse  und  Gewichte  sowie  über  die  Hauptpunkte  der  Ver- 
fassung so  unterrichtet,  dafs  jeder  Benutzer  den  Wortlaut  der  Ver- 
öffentlichung vollständig  zu  verstehen  vermag. 

Dieser  Einsicht  hat  man  sich  nie  ganz  verschlossen,  aber  die 
Wege,  auf  denen  man  der  gestellten  Anforderung  gerecht  zu  werden 
versuchte,  sind  verschieden  gewesen.  Die  älteste  der  mir  bekannt 
gewordenen  Veröffentlichungen  deutscher  *)  Stadtrechnungen  ist  die 
des  Henricus  Pauper  genannten  lateinisch  geschriebenen  Breslaner 
Rechoungbuches  (1299  bis  1358),  welche  Grünhagen  besorgt  hat*). 
Der  Herausgeber  hat  den  Text  mustergültig  gestaltet,  zahlreiche  er- 
klärende Anmerkungen  sowie  ein  gutes  Personen-,  Orts-  und  Sach- 
register, aber  leider  keine  systematische  Darstellung  des  Finanzwesens 
beigegeben.  Im  Sachregister  sind  auch  nur  im  Texte  vorkommende 
Worte  als  Stichworte  verwendet,  während  moderne  Sammelbegriffe 
wie  etwa  Accise  oder  Kriegswesen  fehlen.  Der  Text  giebt  übrigens 
keine  ausführlichen  Rechnungen,  sondern  vielmehr  Übersichten  über 
die  Stadtfinanzen  ohne  viel  Details :  wir  haben  es  hier  wohl  überhaupt 
nicht  mit  den  Rechnungen  selbst  zu  thun,  sondern  mit  einer  sach- 
gemäfsen  zeitgenössischen  Bearbeitung '),  die  fiir  uns  um  so  wertvoller 
ist,  weil  sie  zeigt,  dafs  ein  tüchtiger  Finanzbeamter  des  beginnenden 
XIV.  Jahrhunderts  bereits  im  stände  war,  das  ganze  Rechnungswesen 
zu  bemeistcm  und  wenigstens  in  seinem  Kopfe  die  Grundlage  für 
einen  auf  Erfahrung  gegründeten  Haushaltplan,  den  das  Mittelalter 
sonst  nicht  kennt,  zu  gewinnen.  —  Eine  recht  ausführliche  Einleitung, 
die  erste  ihrer  Art,  die  über  die  verschiedensten  Dinge  handelt  — 
u.  a.  über  Geldwert,  Weinkultur,  Tagelohn  und  Preise  der  Lebens- 
mittel, Armenpflege,  Besoldungen,  Faustkämpfe,  Kirchenfeste,  Ge- 
schenke, Flagellanten,  Pest,  Juden,  Krönung  König  Wenzels,  Land- 
friedensbund von  135 1,  Pulvergeschosse  — ,  dabei  aber  auch  eine 
Übersicht  über  die  städtischen  Einnahmen,  nach  Materien  geordnet, 
giebt,  besitzen  wir  für  Aachen  in  den  von  J.  Laurent  herausgegebenen 


i)  Die  anfserordentlich  wichtigen  Veröffentlichiuigen  aas  niederländischen  and  belgi- 
schen Städten  soUen  hier  nicht  mit  behandelt  werden,  es  sei  nor  kan  auf  die  wichtigsten 
dieser  edierten  Rechnongen  hingewiesen,  die  yon  Dordrecht,  bearb.  von  Dosy;  Kampen, 
bearb.  von  Uitterdijk  1875;  Gent,  bearb.  von  Vaykteke;  Deventer,  bearb.  von  van  Door- 
ninck;  Groningen,  bearb.  von  Blök  1896;  Rotterdam,  bearb.  von  Unger  andBecemer  1899. 

2)  Codex  diplomaticas  Silesiae,  3.  Band  (1860). 

3)  Etwas  Ähnliches  mögen  die  Dresdener  „Wachstafelrechnoogen "  sein,  die  für 
1437  and  1456  erhalten  sind  and  nach  O.  Richter,  Verfussungsgeschühte  der  Stadt 
Dresden  (1885),  S.  155  die  Haaptergebnisse  der  Jahresrechnang  darbieten. 


—     69     — 

Aachener  Stadtrechnungen  aus  dem  XIV.  Jahrhundert  nach  den 
Stadtarchiv-Urkunden  mit  Einleitung,  Registerund  Glossar  (Aachen 
1866).  Es  ist  nur  ein  kleines  Bändchen,  welches  neben  den  Einnahmen  und 
Ausgaben  auch  einige  Urkunden  und  Briefe  mitteilt  und  dadurch  alle 
Zweige  städtischen  Lebens  in  einer  wichtigen  Reichsstadt  beleuchtet. 
Die  Gesellschaft  für  Rheinische  Geschichtskunde  hat  längere  Zeit  die 
Vervollständigung  von  Laurents  Edition  namentlich  durch  die  Rech- 
nungen des  XV.  Jahrhunderts  geplant,  doch  bisher  noch  nicht  wesent- 
lich gefördert:  hoffentlich  wird  auch  dieser  Plan  in  absehbarer  2^it 
einmal  ausgeführt. 

Die  umfangreichste  von  allen  bisherigen  Stadtrechnungs-Publi- 
kationen  ist  die  der  Stadt  Hamburg,  die  in  sieben  Bänden  (1869  bis 
1894),  von  Koppmann  bearbeitet,  vorliegt^)  imd  die  Stadtfinanzen  in 
ihrer  Entwicklung  von  1350  bis  1562  behandelt.  Welche  Fülle  von 
Material  darin  geboten  wird,  läfst  schon  der  Umfang  ahnen,  und  ihr 
eifrigstes  Studium  kann  dem  Kulturhistoriker  nicht  genug  empfohlen 
werden.  Bereits  dem  ersten  Bande  (1869)  hatte  der  Herausgeber  eine 
umfassende  Einleitung  beigegeben,  welche  die  städtische  Finanzwirt- 
schaft charakterisiert,  aber  auch  Abschnitte  über  Stadtverfassung, 
Wesen  des  Kämmereramtes,  Zünfte  (hier  Ämter  genannt),  Bürgergeld 
und  Steuern,  Vogtei  und  Münze  enthält.  Das  beim  Fortschritt  der 
Arbeit  neu  angehäufte  Material  liegt  im  dritten  Bande  (1878)  ver- 
arbeitet vor:  von  besonderer  Bedeutung  ist  hier  die  Gesamtübersicht 
über  Einnahmen  und  Ausgaben  fürs  XV.  Jahrhundert,  die  für  das 
vorhergehende  nicht  beizubringen  war.  Der  siebente  (Schlufs-)Band 
(1894)  enthält  abermals  eine  umfangreiche  Verarbeitung  des  Stoffes 
(278  Seiten)  und  zwar  aus  dem  XVL  Jahrhundert,  und  es  finden  sich 
darin  Dinge,  die  der  Forscher  schwerlich  gerade  hier  suchen  wird, 
z.  B.  ein  Überblick  über  die  Kosten,  welche  der  Stadt  durch  ihre 
Teilnahme  am  Schmalkaldischen  Bunde  erwachsen  sind  *). 

Der  Herausgeber  der  Hlldeshelmer  Rechnungen  *),  Doebner,  hat 
leider  nicht  in  dieser  trefflichen  Arbeit  Koppmanns  sein  Vorbüd  ge- 
sehen und  nur  dem  zweiten  Bande  eine  knappe  Übersicht  von  54  Seiten 
vorangestellt,    die   naturgemäfs  gröfsere  Zusammenstellungen   des  im 

1)  Kätnmereirechnungen  der  Stadt  Hamburgs  herausgegeben  vom  Verein  für 
Hamburgische  Geschichte, 

2)  S.  CCLXXU. 

3)  Urkundenbttch  der  Stadt  Hildesheim,  Im  Auftrage  des  Magistrats  zu  Hildes- 
heim  herausgegeben  von  Dr,  Richard  Doebner.  5.  TeU:  Stadlrechnungcn  1379 — 141 5 
(1893);  6-  Teil:   1416— 1450  (1896). 


—     70     — 

Text  gebotenen  Zahlenmaterials  oder  vergleichbare  Budgets  für  mehrere 
Jahre,  wie  sie  unerlä&lich  sind,  nicht  bieten  kann.  Dafs  der  Heraus- 
geber eine  solche  Bearbeitung  unterlassen  hat,  ist  sehr  zu  bedauern, 
denn  auch  der  fleifsigste  Benutzer  kann  schwerlich  so  tief  in  den 
Stoff  eindringen  wie  der  Herausgeber,  dem  jeder  Eintrag  mehrmals 
zu  Gesicht  kommt  und  dem  noch  eine  Fülle  ergänzendes  Material 
zur  Verfügung  steht.  Das  Register,  welches  allerdings  recht  erheb- 
lichen Umfang  hat,  kann  eine  Darstellung  nicht  ersetzen,  da  unter 
manchem  Stichwort  dreifsig  und  mehr  Stellen  aufzusuchen  sind,  die 
sich  bei  der  Druckart  auf  der  entsprechenden  Seite  durchaus  nicht 
mit  besonderer  Leichtigkeit  finden  lassen.  Die  Rechnungen  werden 
überdies  nur  bis  1450  geboten,  sind  aber  im  letzten  Vierteljahrhundert 
schon  gekürzt,  um  den  Band  nicht  allzu  sehr  anschwellen  zu  lassen. 
Mir  kann  dies  nicht  als  das  richtige  Verfahren  erscheinen,  wenn  schon 
vielleicht  aus  sonstigen  Gründen  von  einer  vollständigen  Verößentlichung 
abgesehen  werden  mufste.  Dann  mag  man  in  der  Hauptsache  von  der 
Zeit  an,  wo  sich  ein  ganz  bestimmtes  Rechnungsschema  entwickelt 
hat,  in  gröfserer  oder  geringerer  Ausführlichkeit  die  Abschlufssummen 
in  tabellarischer  Übersicht,  etwa  auch  einzelne  Kapitel,  wie  Kriegs- 
wesen, in  moderner  und  damit  kürzerer  Umschreibung  vollständig 
und  höchstens  aller  zehn  Jahre  eine  vollständige  Rechnung  drucken. 
Wichtig  ist  aber  vor  allem  eine  Fortführung  bis  ins  XVI.  Jahrhundert  und 
am  liebsten  darüber  hinaus,  denn  gerade  die  Periode  des  Niederganges 
im  Städteleben  Deutschlands  ist  noch  recht  wenig  durchforscht.  Jeden- 
falls Gesichtspunkte  wie  der,  dafs  das  Urkundenbuch,  deren  Teile  die 
Stadtrechnungen  bilden,  nur  bis  1450  geführt  wird,  dürfen  niemals 
für  derartige  wichtige  wirtschaflsgeschichtliche  Publikationen  mafs- 
gebend  werden. 

Kurze  Zeit,  nachdem  Koppmanns  und  Doebners  Arbeiten  zum 
Abschlufs  gelangten,  hat  eine  der  wichtigsten  deutschen  Städte,  Köln, 
eine  Publikation  ihrer  ältesten  Stadtrechnungen  in  zwei  stattlichen 
Quartbänden,  bearbeitet  von  Richard  Knipping*),  gesehen.  Ein- 
mütig hat  bei  dieser  Veröffentlichung  die  Kritik  die  Mustergültigkeit 
und  den  Fortschritt  der  Edition  gegenüber  den  älteren  Werken  an- 
erkannt.     Die    Darstellung    der   Finanzverwaltung    in    übersichtlicher. 


i)  Die  Kölner  Stadtrechnungen  des  Mittelalters  mit  einer  Darstellung  der 
Finanverwaltung  [XV.  Pablikation  der  GeseUschaft  iÜr  rheinische  Geachichtsknnde], 
I.  Band  (1897):  Die  Einnahmen  und  die  Entwicklung  der  Staatsschuld.  2.  Band  (1898): 
Die  Ausgaben. 


—     71      — 

aber  litterarischer  Form  *) ,  die  Trennung  von  Einnahmen  und  Aus- 
gaben, das  ausfuhrliche  Register,  in  solches  für  Orte  und  Personen 
und  solches  für  Sachen  gegliedert,  der  technisch  vollendete  Druck, 
das  Herausrücken  der  Einnahme-  und  Ausgabebeträge,  die  sämtlich 
in  eine  Währung  umgerechnet  sind,  erleichtem  die  Benutzung  so  und 
geben  dem  Forscher  so  reichen  und  raschen  Aufschlufs,  dafs  diese 
Edition  in  jeder  Hinsicht  geeignet  erscheint,  künftigen  ähnlichen  Ar- 
beiten zum  Vorbild  zu  dienen.  Aber  auch  für  Köln  wäre  es  wün- 
schenswert, dafe  aus  dem  XV.,  XVI.  und  XVII.  Jahrhundert  ebenfalls 
für  ein  Jahrzehnt,  oder  wenigstens  für  drei  aufeinander  folgende  Jahre 
eine  VeröfTentlichung  ähnlicher  Art,  wenn  auch  nur  in  tabellarischen 
Übersichten  bestehend,  geboten  würde,  denn  nur  so  wäre  ein  Über- 
blick über  die  städtische  Wirtschaft  durch  Jahrhunderte  hindurch  zu 
gewinnen. 

Neben  den  monumentalen  Werken,  wie  sie  für  Hamburg  und 
Köln  vorliegen  imd  naturgemäis  nur  in  grofsen  und  reichen  Gemein- 
wesen möglich  sind,  giebt  es  noch  eine  ganze  Reihe  kleinere  aber 
trotzdem  nicht  weniger  beachtenswerte  Stadtrechnungspublikationen 
von  verschiedenem  Umfang  und  verschiedener  Behandlungsart,  denn 
merkwürdigerweise  ist  jeder  Herausgeber  seine  eigenen  Wege  gegangen, 
und  keiner  hat  sich,  wie  es  so  nahe  gelegen  hätte,  ältere  Arbeiten 
zum  anfeuernden  oder  warnenden  Beispiele  genommen.  Unter  diesen 
kleineren  Veröffentlichungen  ist  an  erster  Stelle  die  Stüves  aus  Osna- 
brftek  ')  zu  nennen ,  welche ,  so  weit  ich  sehe ,  überhaupt  die  älteste 
unter  den  bisher  in  Deutschland  bekannten  Stadtrechnungen  darbietet, 
nämlich  die  von  1285.  ^'^  knappe  Fassung  und  die  noch  wenig  ent- 
wickelte Gliedenmg  der  Positionen  sind  recht  lehrreich  für  die  Ge- 
schichte des  Rechnungswesens  überhaupt,  denn  hier  sehen  wir  an 
einem  konkreten  Beispiel,  welche  Fülle  von  Geschäftserfahrung  in  einer 
dem  modernen  Denken  ganz  selbstverständlichen  Rechnungseinrichtung 
niedergelegt  ist,  wie  sie  etwa  die  älteste  der  in  Köln  erhaltenen  Rehnungen 
(1370)  zeigt,  welche  sicherlich  eine  gröfsere  Reihe  Vorläuferinnen  besessen 


i)  Bereits  1895  hatte  der  Herausgeber  einen  Anfsatz  Ein  fnütelalterlicher  Jahres» 
houshaU  der  Stadt  Köln  (1379)  veröffentlicht  nnd  dadurch  seine  Darstellnng  nach  dieser 
Seite  hin  entlastet  Vgl.  „Beiträge  zur  Geschichte  vornehmlich  Kölns  und  der  Rhein- 
Uade.  Zam  80.  Geburtstag  Gustav  v.  Mevissens  dargebracht  von  dem  Archiv  der  Stadt 
Kdln*<.     (Köln,  Da  Mont-Schanberg  1895.) 

3)  Dr.  C  Stttve,  Stadtrechnungen  von  Osnabrück  aus  dem  13.  und  14,  Jahr- 
hundert in  „Mitteilungen  des  Vereins  fUr  Geschichte  und  Landeskunde  von  Osnabrftck", 
14.  Bd.  (1889),  S.  91^-135  und  15.  Bd.  (1890),  S.  75->i64. 


—      72     — 

hat.  Eine  eingehende  Vergieichung*  mit  den  Breslauer  Rechnungen  und 
späteren  Rechnungszusammenfassungen  würde  gewifs  lehrreiche  Ergeb- 
nisse bieten,  wie  unter  dem  Gesichtspunkte  der  Vergleichung  auch 
die  jüngeren  Osnabrücker  Rechnungen  von  1358  imd  1383  erhöhte 
Bedeutung  gewinnen,  denn  hier  ist  deutlich  erkennbar,  wie  sich 
innerhalb  des  für  die  städtische  Entwicklung  so  bedeutenden  Jahr- 
hunderts das  städtische  Finanzwesen  und  die  Rechnimgstechnik  aus- 
gestaltet haben.  Letztere  ist  bisher  ganz  unberücksichtigt  geblieben, 
ersteres  immer  nur  für  einen  Ort ')  höchstens  mit  gelegentlichen  Seiten- 
blicken auf  andere  behandelt  worden;  in  jeder  der  vielen  Stadt- 
geschichten *)  nimmt  es  einen  mehr  oder  weniger  breiten  Raum  ein, 
aber  es  fehlt  noch  an  einer  gröiseren  Zusammenfassung  dessen,  was 
in  den  Einzeluntersuchungen  notwendigerweise  mit  lokalem  Kolorit  aus- 
gestattet niedeigelegt  ist,  sowie  an  der  Feststellung,  was  davon  als 
typisch  bezeichnet  werden  mufe.  Wenn  man  eine  gröfsere  Reihe  von 
Städten  überblickt  und  in  jedem  Falle  feststellt,  aus  welchem  Jahre 
die  älteste  jetzt  noch  vorhandene  Stadtrechnung  stammt^),  so  drängt 


3J  i)  Ohne  etwas  Vollständiges  bieten  zu  wollen,  seien  hier  genannt:  fttr  Nürn- 
berg —  Hegel,  Chroniken  der  deutschen  Städte,  i.  Bd.,  S.  263 — 296,  Beilage  XII: 
Nürnbergs  Siadthaushalt  und  Ftnanzverwaltung ;  für  Mainz  —  Hegel,  ebenda 
Bd.  XVIII,  2,  S.  91 -~  II 5,  Beilage  XIII:  Der  Stadtkaushalt  und  die  Finantverwaltung / 
ür  Augsburg  —  Frensdorff,  ebenda  IV.  Bd.,  S.  157 — 165:  Das  XJngeld  tn  Augs* 
hurgt  sowie  R.  Hoffmann,  Du  Augsburger  Baumeisterrechnungen  1320 — 1331  in 
der  „Zeitschrift  des  historischen  Vereins  für  Schwaben  und  Neuburg".  5.  Jahrg.  (1878), 
S.  I — 220;  für  Braunschweig  —  H.  Mack,  Die  Finanvuerwaltung  B^  bis  13*^4 
(Gierke,  Untersuchungen,  Nr.  32,  1889),  sowie  A.  v.  Kostanecki,  Der  öffentliche 
Kredit  im  MitUlalter  {Schmoller,  Forschungen,  IX,  l,  1889),  S.  44—55 ;  ^  Basel  — 
Schönberg,  Finanzverhälinisse  der  Stadt  B.  im  14.  und  is^  Jahrhundert,  S.  79ff. ; 
fflrDresden  —  Richter,  Verfassungsgeschichte  der  Stadt D.,  S.  I52ff.;  fiirWesel  — 
R  e  i  n  h  o  1  d ,  Verfassungsgeschichte  der  Stadt  W,  (Gierke,  Untersuchungen  1 888),  S.  29. 

2)  So  behandelt  G emiin,  Geschichte  der  Reichsstadt  Hall  und  ihres  Gebietes 
(Schw.  HaU  1897),  S.  617  ff.  wenigstens  die  direkte  Steuer  ausführlich.  Ähnlich  ist  es 
bei  V.  Gramich,  Verfassung  und  Verwaltung  der  Stadt  Würzburg  vom  13.  bis 
!$'  Jahrhundert  in  „Festgabe  zur  dritten  Säkularfeier  der  Julius  •  Maximilians -Universität 
in  Würaburg"  (W.   1882). 

3)  Um  ein  vorläufiges  Bild  davon  zu  geben,  seien  hier  von  den  Städten,  über  die 
mir  gerade  die  Angaben  zur  Hand  sind,  die  entsprechenden  Jahre  genannt:  DordrechtiaS4; 
Osnabrück  1285;  Breslau  1299;  Aachen  1328  (?);  Regensburg  1338  (Gemeiner  II,  S.  14); 
Wesel  134a  (Reinhold,  S.  loi);  Frankfurt  a.  M.  1348  (Kriegk,  S.  213);  Hamburg  1350; 
Duisburg  etwa  X35o  (Annalen  d.  hist.  Vereins  f.  d«  Niederrhein,  59.  Hefl,  S.  171); 
Braunschweig  1354,  ein  Weichbild  (Mack,  S.  13);  Basel  1361  (Schönberg,  S.  79); 
Köln  X370;  Nürnberg  1377  (älteste  bei  Hegel  erwähnte);  Hildesheim  1379;  Dresden  Ende 
XIV.  Jahrh.  (Richter,  S.   155);   Mainz  14x0  (Hegel,  S.  91);   Goch  1428  (Annalen  d.  hist. 


—     73     — 

sich  wohl  jedem  und  auch  demjenigen,  der  sich  die  Verluste  von 
Archivalien  erheblich  gröfser  vorstellt,  als  sie  in  der  That  gewesen 
sein  mögen,  die  Überzeugung  auf,  dals  erst  seit  der  Mitte  des  XIV.  Jahr-- 
himderts  selbst  in  bedeutenderen  Städten  von  einem  geordneten  Rech- 
nungswesen die  Rede  sein  kann.  In  wie  weit  dies  eine  natürliche 
Folge  der  Verfassungsentwicklung  ')  sein  mag,  ist  hier  nicht  zu  unter- 
suchen, aber  das  eine  steht  ohne  weiteres  fest,  da(s  ein  derartig 
schwieriges  Geschäft  wie  die  dauernde  Rechnungsführung  nur  einiger- 
maisen  regelmäisig  und  ordentlich  besorgt  werden  konnte,  wenn  einem 
Beamten  die  Rechnungsführung  zum  wenigsten  im  Hauptamt,  besser 
noch  als  alleiniges  Amt  auf  die  Dauer  und  nicht  nur  für  ein  Jahr  über- 
tragen war.  Der  Name  des  Beamten  ist  bisweilen  Baumeister,  Rentmeister 
oder  Rechenmeister  —  so  in  Frankfurt  a.  M.  — ,  häufiger  aber  Kämmerer, 
wie  schon  der  Titel  der  Hamburger  Rechnungen  erkennen  läfst.  In 
Dresden  ist  das  Amt  eines  Kämmerers  erst  1409  bezeugt  ^),  wenn  es  wohl 
aach  schon  einige  Jahre  früher  vorhanden  war,  aber  in  Kassel  ist  thatsäch- 
lich  erst  1468  eine  Kämmerei  als  oberste  Finanzbehörde  eingerichtet 
worden,  denn  die  erste  der  von  Stölzel  herausgegebenen  Kasseler 
Stadtrechnungen  ')  ist  als  „erste  Kämmereirechnung*'  bezeichnet.  Unter 
Berücksichtigung  dieser  bestimmten  Angaben  werden  in  vielen  der 
genannten  Städte  die  erhaltenen  Rechnungen  als  die  ersten  regulär 
und  sorgfältig  geführten  betrachtet  werden  dürfen,  wenn  sie  natürlich 
auch  weniger  gut  ausgearbeitete  und  mehr  für  den  Tag  geschriebene 
Vorläuferiimen  gehabt  haben  werden. 

Vereios  f.  d.  Niederrhein,  64.  Heft,  S.  93);  Bamberg  1437  (Köberlin,  Fränkische  Mttns- 
verbältnisse ,  S.  34.  Eine  Rechnang  von  1435  soll  verschollen  sein,  ebenda  S.  47); 
Kempen  1446  (Annalen  d.  hist.  Vereins  f.  d.  Niederrhein,  64.  Heft,  S.  80);  Siegbarg  1451 
(Tille,  Archivübersicht,  S.  329,  Nr.  6);  Linz  a.  Rh.  1461  (Annalen  59,  S.  258);  Rees  1464 
(Annalen  64,  S.  206);  Kalbe  1466;  Kassel  1468;  Bingen  1483  (Zeitschr.  f.  Kidtar- 
(cschichte,  1897,  S.  452);  Nenfs  2493  (Annalen  64,  S.  244);  Andernach  1496  (Annalen 
59t  S.  168);  Kalkar  i5o4  (Annalen  64,  S.  148);  St.  Goar  1639  (Tille,  Arcbifttbersicht, 
S.  43,  Nr.  4);  Düren  1544  (Annalen  64,  S.  349);  Mttnstereifel  1550  (Tille,  Archivüber- 
«cbt,  S.  191,  Nr.  3). 

i)  In  Strafsbnrg  herrschte  noch  grofse  Unordnung  in  der  Rechnangslcgnng  am 
I400,  erst  nach  der  Reformation  von  1405  wurde  es  besser,  als  die  Dreier  vom.  Pfennig' 
ikitrm  ab  Finanzbehörde  auftreten.  Vgl.  Schmoller,  Strassburg  zur  Zeit  der  Zunft- 
^impfe  und  die  Reform  seiner  Verfassung  und  Verwaltung  im  XV,  fahrkundert 
I1875),  S.  47  nnd  59. 

2)  O.  Richter,   Verfassungsgeschichte  der  Stadt  Dresden  (1885),  S.   122. 

3)  Stölzel,  Casseler  Stadirechnungen  aus  der  Zeit  von  146B  bis  ISS3  ^^  ^^ 
1)  Zeitschrift  des  Vereins  ftir  hessische  Geschichte  und  Landeskunde 'S  Neue  Folge.  Drittes 
Sipplement,  Kassel  187 1. 


—     74     — 

Den  Kasseler  Rechnungen  hat  der  Herausgeber  eine  kurze,  aber 
inhaltsreiche  Einleitung  und  ein  bei  einer  so  kleinen  Veröffentlichung 
doppelt  willkommenes,  ausführliches  Sachregister  beigegeben,  während 
Stüve  den  Osnabrücker  Rechnungen  eine  ganz  vortreffliche  wirtschafts- 
geschichtliche Studie  beifügt,  die  für  alle  Fälle,  wo  es  sich  nicht  um 
massenhafte,  sondern  einzelne  Rechnungen  handelt,  als  mustergültig 
empfohlen  werden  kann.  In  Kalbe  a«  S.  hat  die  älteste  Rechnung 
fast  dasselbe  Alter  wie  in  Kassel  (1465),  und  das  Gesamtbudget  dieser 
Stadt  lernen  wir  aus  einer  recht  belehrenden  Übersicht  für  das  Jahr 
1478  kennen  '),  welcher  der  Bearbeiter  —  der  Überlieferung  folgend  — 
recht  zweckentsprechend  die  wichtigeren  Ausgabeposten  für  die  Jahre 
1480  und  1488  gegenüberstellt. 

Überall,  bei  den  gröfeeren  wie  bei  den  kleineren  Veröffentlichungen, 
haben  sich  die  Herausgeber  bedauerlicherweise  auf  die  älteren  Rech- 
nungen beschränkt,  ohne  auch  nur  flüchtig  die  jüngeren  zu  charak- 
terisieren oder  eine  davon  zur  Vergleichung  heranzuziehen.  Um  so 
wichtiger  erscheint  daher  eine  Arbeit  von  Georg  Conrad,  welche 
den  ersten  (1724)  Kämmerei-  und  Salarienetat  der  Stadt  Königsberg  *) 
behandelt.  Es  wird  darin  die  Reorganisation  der  städtischen  Finanzen, 
<Ue  auf  die  unmittelbare  Anregung  Königs  Friedrich  Wilhelm  I.  zurück- 
geführt wird,  geschildert  und  so  ein  Beispiel  für  einen  wirklichen  Vor- 
anschlag gegeben,  während  wir  auf  Grund  der  erhaltenen  Rechnungen 
nur  nachträglich  für  bestimmte  Zeiten  einen  solchen  zu  bearbeiten  in 
der  Lage  sind.  Nur  als  auf  ein  abschreckendes  Beispiel  einer  Ver- 
öffentlichung aus  den  wichtigen  Jahren  des  Dreifeigjährigen  Krieges 
sei  hier  auf  die  Auszüge  aus  dem  Stadtrechenbuche  von  M,- Glad- 
bach^) von  Noever  hingewiesen,  in  denen  aus  den  Jahren  1617  bis 
1645  einige  Kuriosa  mitgeteilt  werden.  Die  einzig  richtige  Art  der 
Veröffentlichung  wäre  in  diesem  Falle  eine  auch  noch  so  kurze  sta- 
tistische Bearbeitung  gewesen,   die  Einnahmen  und  Ausgaben,   wenn 


i)  G.  Hertel,  Einnahmen  und  Ausgehen  der  Stadt  Kalbe  a,  S,  1478  ia  „Ge- 
schichteblätter für  Stadt  uad  Land  Magdeburg",   17.  Jahrgang  (1882),  S.   128—149. 

2)  In  der  „ Altpreafsischen  Monateschrift",  25.  Bd.  (der  „ Preofsischen  Frovinzial- 
blätter",  91.  Bd.),  1888,  S.  62—108.  Ein  anderer  Aufsatz  Conrads  Die  Rats-  und  Ge- 
richtsverfassung von  Königsberg  um  das  Jahr  1722  ergänzt  die  erste  Arbeit  and  bietet 
teilweise  eine  Bearbeitung  des  Etate.    Dieselbe  Zeitechrift,  24.  Bd.  (1887),  ^c^*  ^'  3^" 3^* 

3)  „Annalen  des  historischen  Vereins  für  den  Niederrhein",  9./ 10.  Heft  (1861), 
S.  127 — 134.  Gegen  die  Editionsmethode,  einzelne  Items  als  Kuriosa  herauszuheben  und 
Dicht  das  Ganze  zu  bearbeiten,  wendet  sich  mit  Recht  die  scharfe  Kritik,  die  Koppmann 
schon  1875  <^°  ^^^  Ausgabe  der  Kampener  Rentmeisterrechnungen  von  Uitterdijk  übte. 
Vgl.  „Hansische  Geschichteblätter",  Jahrgang  1875,  S.  252. 


-     75     — 

auch  nur  je  in  zehn  Kapitel  gegliedert,  und  dann  die  Gesamtsummen 
hätte  erkennen  lassen.  Ein  Jahr  hätte  man  vielleicht  auch  ausfuhr- 
lich behandeln  und  im  übrigen  durch  Heraushebung  einzelner  Items 
dem  Lokalinteresse  entsprechen  können.  So  wie  sie  vorliegt  ist  die 
Veröffentlichung  wissenschaftlich  wertlos,  zumal  nicht  einmal  fest- 
zustellen ist,  wo  sich  heute  das  Stadtrechenbuch,  aus  dem  geschöpft 
wurde ,  befindet  ■—  im  Stadtarchiv  zu  M.-Gladbach  jedenfalls  nicht.  *) 
Gerade  aus  den  bewegten  Zeiten  des  XVII.  Jahrhunderts  würden 
derartige  zusammenfassende  Bearbeitungen  von  Rechnungen  *)  von 
hohem  Werte  sein,  zumal  wenn  einem  als  normal  zu  betrachtendem 
Wirtschaftsjahre  ein  solches,  wo  die  Kriegsfurie  ia  der  betreffenden 
Gegend  besonders  gewütet  hat,   gegenüber  gestellt  werden  kann. 

Zu  thun  ist  in  Bezug  auf  die  Bearbeitung  von  Stadtrechnungen 
noch  unendlich  viel ,  denn  noch  längst  nicht  für  jeden  Städtetypus 
and  für  jede  Landschaft  liegt  eine  Publikation  vor,  wenn  mir  vielleicht 
auch  manches  in  Zeitschriften  Vergrabene  entgangen  sein  mag,  ja  es 
besteht  die  Möglichkeit,  dals  sich  in  den  Archiven  noch  ältere  als  die 
Osnabrücker  Rechnungen  finden.  An  jedem  Orte  sollte  deshalb  dieses 
Rechnungsmaterial  einer  Prüfung  unterzogen  und  der  archivalische  Be- 
fund auch  in  Fällen,  wo  an  eine  Veröffentlichung  vorläufig  noch  nicht 
zu  denken  ist,  in  den  Vereinszeitschriiten  kurz  mitgeteilt  werden  und 
zwar  bis  heran  an  die  Zeit»  wo  eine  strengere  staatliche  Kontrolle  der 
Stadtfinanzen  eintritt  und  das  Budget  an  Wichtigkeit  die  Rechnung 
übertrifft.  Überall  da,  wo  eine  Publikation  auch  von  nur  bescheidenem 
Umfange  bewerkstelligt  werden  kann,  sollte  sie  bald  in  Angriff  ge- 
nommen werden:  begleitender  Text,  der  über  die  Verfassung  der 
Stadt  wie  über  die  der  Finanzen  im  besonderen,  über  das  Münzwesen,  das 
oft  wechselnde  Rechnungsjahr  ')  und  einzelne  sonst  besonders  wichtige 
Materien  Auskunft  giebt,  darf  natürlich  nie  fehlen,  im  übrigen  aber  wird 
wenigstens  eine  oder  die  andere  der  hier  genannten  Veröffentlichungen 
für  jeden  Fall,  der  in  Frage  kommt,  ein  brauchbares  Muster  abgeben. 

i)  Vgl.  Armin  Tille,  Übersicht  über  den  Inhalt  der  kleineren  Archive  der 
RhemprcfvinMy   i.  Bd.  (1899),  S.  45. 

2)  Es  sei  hier  noch  auf  ein  Bruchstück  der  Rechnungen  aus  dem  Dorfe  Königs- 
Winter  von  1645  hingewiesen,  a«  a.  O.  S.   171,  Nr.  38. 

3)  Der  fUr  die  Chronologie  im  allgemeinen  recht  wichtige  Anfang  der  Geschäfts- 
jahre, dem  zufolge  oft  ein  Jahr  viel  länger  ist  als  das  andere,  ist  bisher  recht  wenig  be- 
achtet worden.  In  Aachen  z.  B.  wurden  die  Bürgermeister  am  25.  Mai  vereidigt,  mit 
dem  26.  Mai  begann  das  neue  Rechnungsjahr,  welches  in  13  Monate  zu  je  4  Wochen 
eingeteilt  wurde,  so  dafs  es  in  den  Rechnungen  z.  B.  heifst:  ditz  dat  uissgeven  tt^  ydeo 
mointz. 


76     — 


Der  H^iehskrieg  gegen  die  Türken  im  Jahre 

1664 

Von 
Hermann  Porst  (Cobleoz) 

Bevor  Ludwig  XIV.  seine  Raubkriege  begann,  galten  die  Türken 
als  der  gefährlichste  Feind  des  deutschen  Reiches.  Im  Jahre  1529 
war  ihr  Heer  zum  erstenmale  vor  den  Mauern  von  Wien  erschienen; 
seitdem  erkannte  man  in  Deutschland  es  für  notwendig,  das  Haus 
Habsburg-Österreich  in  seinem  Kampfe  um  den  Besitz  von  Ungarn  zu 
unterstützen  und  damit  eine  Schutzwehr  für  die  südöstliche  Reichsgrenze 
zu  schaffen.  Doch  mu&te  man  nach  langem  Ringen  den  Türken  die 
imgarische  Tiefebene  überlassen;  die  Hauptstadt  Ofen  selbst  wurde 
der  Sitz  eines  Paschas ;  nur  Ober-Ungarn  und  ein  schmaler  Landstrich 
im  Westen  sowie  Kroatien  verblieben  dem  Kaiser.  Dieses  Verhältnis 
wurde  durch  den  im  Jahre  1606  geschlossenen  Frieden  rechtlich  fest- 
gestellt und  blieb  im  wesentlichen  unverändert  bis  über  die  Mitte  des 
Jahrhunderts  hinaus.  Da  versuchte  im  Jahre  1660  der  Fürst  von  Sieben- 
bürgen sich  der  türkischen  Oberherrschaft  zu  entziehen;  er  unterlag 
im  Kampfe,  und  seine  Anhänger  suchten  Hülfe  bei  Kaiser  Leopold  I. 
Dieser  sandte  in  der  That  ein  Heer  nach  Siebenbürgen ;  es  war  nicht 
stark  genug,  um  die  Türken  zu  vertreiben;  aber  die  Pforte  erblickte 
darin  einen  Friedensbruch  und  erklärte  ihrerseits  dem  Kaiser  den  Krieg. 
Leopold  sah  sich  nun  genötigt,  das  Reich  um  Unterstützung  anzugehen 
und  zu  diesem  Zwecke  den  Reichstag  nach  Regensburg  zu  berufen. 

Über  den  Verlauf  des  so  ausgebrochenen  Krieges  können  wir  zur 
Orientierung  zunächst  auf  den  diese  Dinge  behandelnden  Abschnitt 
bei  Erdmannsdörffer,  Deutsche  Geschichte  vom  Westfälischen 
Frieden  bis  zur  Thronbesteigung  Friedrichs  d,  Gr.,  Bd.  I  (Berlin, 
1892),  S.  354 — 372,  verweisen.  Die  zwischen  dem  Kaiser  und  der 
Pforte  vom  Jahre  1653  bis  1664  geführten  Verhandlungen  sind  neuer- 
dings von  Huber  im  85.  Bande  des  Archivs  für  österreichische 
Geschichte  genauer  dargelegt  worden  *).  Die  einschlägigen  älteren 
Werke  über  die  Geschichte  Österreichs,  Ungarns  und  der  Türkei  in 
jenem  Zeitraum  zählt  W.  Nottebohm  in  seiner  Abhandlung :  Monte^ 
cuccoli  und  die  Legende  von  St.  Gotthard  (Berlin,  1887,  wissen- 
schaftliche Beilage  zum  Programm   des  Friedrichs-Werderschen  Gym- 


I)  Not«  in  Sybels  „Historischer  Zeitschrift",  Bd.  LXXXU,  S.  371. 


r 


1 


—     77     — 


nastums),  S.  4,  auf.     Während  wir  aber  über  den  Gang-  der  Ereignisse 
i'm  allgemeinen   sowie  über  die  österreichische  Politik  im  besonderen 
gut  unterrichtet  sind,  erheben  sich  für  den  Forscher  eine  Reihe  noch 
nicht  genügend  beantworteter  Fragen  in  Bezug  auf  die  Teilnahme  des 
Reichs  an  dem  Kriege.     Wir  wissen,  dafs  der  Reichstag  die  Leistung 
der  Hülfe  von  der  Bewilligung  gewisser  Forderungen  abhängig  machte, 
daüs  er  nicht    nur   eine    dauernde    Ordnung    des   Reichskriegswesens, 
I      sondern  auch    eine   alle   künftigen   Kaiser  bindende  Wahlkapitulation, 
also  eine  Verfassungsurkunde,  schaffen  wollte,  dafs  endlich  eine  Menge 
einzelner  Streitigkeiten  zu  schlichten  waren.     Sehr  gegen   den  Willen 
des  Kaisers  wurden  diese  Fragen  mit  derjenigen  der  „Türkenhülfe**  in 
Verbindung  gesetzt;  das  Jahr  1663  verlief  unter  wenig  ergiebigen  Ver- 
handlungen.    Die  Beschlüsse  des  Reichstags  und  die  Erklärungen  der 
kaiserlichen  Vertreter  liegen  in  den  älteren  Sammelwerken,  vor  allem 
in  Londorps  Acta  publica,   im  Theatrum  Europaeum  und  in  der 
bei  Koch  in  Frankfurt  a.  M.  1747  erschienenen  Neuen  und  vollstän- 
digen Sammlung  der  Reichsabschiede  vor;    dagegen   fehlt  es   noch 
an  Material  zu  einer  genügenden  Kenntnis  der  unter  clen  Reichsständen 
selbst  gepflogenen  Beratungen  und  der  Stellung,  welche  die  einzelnen 
größeren  und  kleineren  Staatswesen  zu  den  schwebenden  Fragen  ein- 
nahmen.    Eingehende   Arbeiten    besitzen    wir    über    die    Politik    Kur- 
Brandenburgs  in  dem  bekannten  Werke  von  J.  G.  Droysen    sowie 
in  den   Urkunden  und  Aktenstücken  zur  Geschichte  des    Gro/sen 
Kurfürsten,     ferner    über     die    Politik     der    weifischen    Fürsten    in 
K.  Köchers    Geschichte  von  Hannover  und  Braunschweig  1648 
üs  1714,    Bd.  I   (Publikationen    aus  den  Preufsischen   Staatsarchiven, 
I    ^.  XX,  Leipzig  1884),  endlich  über  diejenige  von  Kur-Mainz  in  dem 
Buche   von  G.  Mentz,  Johann  Philipp  von  Schönborn,    Kurfürst 
von  Mainz,   2  Bände,  Jena  1896 — 98.     Eine   dankenswerte  Aufgabe 
dürfte  es  sein,  in  gleicher  Weise  die  Politik  der  andern  Kurfürsten  und 
bedeutenderen  Fürsten   zu  untersuchen.     Kur-Köln  und  Kur-Trier  ge- 
iiörten  allerdings  zu  dem  unter  dem  Namen  der  „Rheinischen  Allianz" 
bekannten   Sonderbunde,   der  unter  der  Leitung   des   Kurfürsten  von 
Miainz  stand ;  es  finden  sich  aber  Andeutungen,  dafs  sie  daneben  eigene 
Zwecke    verfolgten  und  selbständig   mit  dem    Kaiser  unterhandelten. 
Koch  weniger   wissen   wir  über  die  Politik   der  Reichsstädte   und   die 
Art,  wie  die  bei  Londorp   mitgeteUten  Beschlüsse   des  städtischen 
Kollegiums  zu  stände  kamen. 

Während  der  Reichstag  noch   über  Vorfragen   beriet,   drang  im 
Sommer   1663  ein  türkisches  Heer,   von  dem   Gro(svezir  geführt,   in 


—     78     — 

Ungarn  ein  und  eroberte  nach  langer  Belagerung  die  Festung  Neu- 
häusel. Die  kaiserlichen  Truppen  waren  zu  schwach,  um  dem  Feinde 
im  offenen  Felde  entgegenzutreten ;  sie  mufsten  sich  begnügen,  Prefs- 
burg  zu  decken.  Tataren,  die  sich  beim  türkischen  Heere  befanden, 
durchstreiften  Ober- Ungarn  plündernd  und  brennend  und  fielen  in 
Mähren  ein.  Die  Kunde  davon  rief  in  manchen  Gegenden  Deutsch- 
lands einen  panischen  Schrecken  hervor.  So  verbreitete  sich  im  Sep- 
tember in  Schwaben  und  der  Pfalz  das  Gerücht,  die  Tataren  seien 
bereits  durch  Böhmen  nach  Franken  vorgedrungen  und  bei  Nürnberg 
erschienen.  Die  pfalzischen  Beamten  zu  Mosbach  boten  deswegen 
schon  die  Landmiliz  auf  (v.  Weech,  Der  Türkenschrecken  in  der 
Pfalz,  Zeitschrift  für  Geschichte  des  Oberrheins,  Bd.  XXII,  S.  380 ff.). 
Auch  in  Niedersachsen  herrschte  gleiche  Furcht  (Köcher,  a.  a.  O., 
S.  325).  Nun  entschlossen  sich  zunächst  die  Kurfürsten  von  Branden- 
buig,  Sachsen  und  Bayern,  dem  Kaiser  Hülfstruppen  zu  senden.  Ihrem 
Beispiele  folgte  die  rheinische  Allianz ;  sie  stellte  ein  Korps  von  7000 
Mann  auf,  welches  im  Dezember  nach  der  ungarischen  Grenze  zog. 
Über  die  Zusammensetzung  desselben  sind  wir  ziemlich  genau  unter- 
richtet durch  die  Liste,  welche  das  Theatrum  Europaeum  in  dem 
Berichte  über  die  Schlacht  bei  St.  Gotthard  giebt.  Danach  bestand 
das  „allüerte"  Korps  aus  Kontingenten  der  Kurfürsten  von  Köln,  Trier 
und  Mainz,  der  Bischöfe  von  Münster,  Strafsburg  und  Basel,  der  Krone 
Schweden  (für  die  Herzogtümer  Bremen  und  Pommern),  der  Herzöge 
von  Braunschweig  und  von  Württemberg,  der  Landgrafen  von  Hessen 
imd  der  Pfalzgrafen  von  Neuburg  (für  Jülich-Berg)  und  Zweibrücken. 
Was  aber  die  Leistungen  und  Schicksale  der  einzelnen  Kontingente 
betrifft,  so  wissen  wir  Genaueres  nur  über  diebraunschweig-lüneburgischen 
Truppen  (v.  d.  Decken  im  Vaterländischen  Archiv  des  Historischen 
Vereins  für  Niedersachsen  18 jp  ;  v.  Sichart,  Geschichte  der  han- 
naverschen  Armee,  Bd.  I).  Aufserdem  hat  der  Führer  des  kurkölni- 
schen Regiments,  der  spätere  hannoversche  General  Andreas  Melvill, 
Denkwürdigkeiten  hinterlassen,  in  denen  er  auch  über  diesen  Krieg 
berichtet  [Mdmoires  de  M,  le  Chevalier  de  Melvill,  g^ndral 'major 
des  troupes  de  S,  A.  E,  monseigneur  le  duc  de  Cell.  Amsterdam, 
1704). 

Im  Januar  1664  endlich  bewilligte  auch  der  Reichstag  dem  Kaiser 
eine  Hülfe  von  20000  Mann,  die  von  den  Reichskreisen  nach  der  aus 
dem  XVI.  Jahrhundert  stammenden  Matrikel  aufgebracht  werden  und  von 
eigenen,  dem  Reiche  verpflichteten  Offizieren  geführt  werden  sollten 
In  Wirklichkeit  ist  dieses  Heer  jedoch  nicht  vollzählig  zusammengetreten 


—     79     — 

Die  Truppen  des  burgundischen  Kreises  blieben  ganz  aus;  die  des 
obersächsischen  hätten  hauptsächlich  von  Brandenburg*  und  Sachsen 
gestellt  werden  müssen;  die  Streitkräfte  beider  Kurfürsten  aber  waren 
schon  längst  in  Ungarn.  In  den  anderen  Kreisen  gingen  die  Rüstungen 
nicht  gleichmäisig  vorwärts;  da  nun  die  Türken  im  Frühjahre  wieder 
vordrangen,  so  mufsten  die  einzelnen  Kreiskontingente,  sobald  sie  for- 
miert waren,  nach  Ungarn  gesandt  werden.  Darum  konnte  der  Reichs- 
Feldmarschall,  Markgraf  Leopold  Wilhelm  von  Baden,  nur  die  Truppen 
des  bayrischen,  schwäbischen,  fränkischen,  westfälischen  und  nieder- 
sächsischen  Kreises  unter  seinem  Befehl  vereinigen.  Jeder  dieser 
Kreise,  mit  Ausnahme  des  schwäbischen,  hatte  ein  Infanterie-  und 
ein  Kavallerie-Regiment  gestellt,  der  schwäbische  dagegen  anstatt  der 
Reiter  ein  zweites  Infanterie-Regiment,  welches  als  das  württembergische 
bezeichnet  wird.  Mit  diesen  Truppen  stiefs  der  Markgraf  zu  der  kaiser- 
lichen Hauptarmee,  die  unter  dem  Befehl  des  Grafen  Montecuccoli  an 
der  Mur  kämpfte;  hier  befand  sich  bereits  das  von  Graf  Hohenlohe 
kommandierte  Korps  der  rheinischen  Allianz.  Die  Brandenburger, 
Sachsen  und  Kurpiälzer  aber  verstärkten  die  zweite  kaiserliche  Armee, 
welche  unter  Führung  des  Generals  de  Souches  Ober-Ungarn  deckte. 
Der  Ehrentag  dieser  Truppen  wurde  der  19.  Juli  1664:  an  diesem 
Tage  zersprengten  sie  bei  dem'  Schlosse  Lewenz  den  abgesondert  vor- 
gehenden rechten  Flügel  des  türkischen  Heeres.  Inzwischen  zog  der 
Groisvezir  mit  seiner  Hauptmacht  von  der  Mur  nach  der  Raab  und 
versuchte  am  i.  August  diesen  Flufe  beim  Kloster  St.  Gotthard  zu 
überschreiten.  Hier  trat  ihm  Montecuccoli,  dessen  Streitkräfte  noch 
durch  ein  französisches  Hilfscorps  einen  wertvollen  Zuwachs  erhalten 
hatte,  entgegen.  Die  Kreistruppen,  die  der  erste  Stois  der  Türken 
traf,  hielten  sich  schlecht;  aber  Kaiserliche,  Alliierte  und  Franzosen 
griffen  rechtzeitig  an  und  trieben  den  Feind  über  den  Flufs  zurück. 

Die  über  diese  Schlacht  vorhandenen  älteren  Darstellungen  sind 
von  M.  Nottebohm  in  seiner  oben  angeführten  Schrift  einer  ein- 
schneidenden Kritik  unterzogen  ubd  durch  Heranziehung  einer  tür- 
lüschen  Quelle  ergänzt  worden.  Gegen  Nottebohms  Auffassung  wandte 
sich  H.  V.  Zwiedinek-Südenhorst  {Dte  Schlacht  bei  SL  Gott- 
hardt,  MittheUungen  des  Instituts  iiir  österreichische  Geschichts- 
forschung, Bd.  X,  S.  443  ff.).  Beide  Forscher  haben  aber  den  von 
V.  Mülverstedt  [Die  Magdeburger  in  der  Schlacht  bei  St.  Gott- 
hard, Geschichtsblätter  für  Stadt  und  Land  Magdebiurg,  2.  Jahr- 
gang 1867,  S.  142  ff.)  veröffentlichten  Originalbericht  des  magde- 
burgischen Leutnants  Joachim  Huldreich   übersehen.     Dieses  Schrift- 


—     80     — 

stück  enthält  gerade  über  den  ersten  Teü  der  Schlacht  wertvolle  Nach- 
richten. Mülverstedt  hat  demselben  noch  eingehende  aus  den  Akten 
des  Archivs  geschöpfte  Mitteilungen  über  das  magdeburgische  Kon- 
tingent hinzugefügt.  Leider  fehlen  uns  bis  jetzt  ähnliche  Arbeiten  über 
die  anderen  Kreisregimenter,  welche  an  der  Schlacht  teilgenommen 
haben.  Hier  kann  die  lokale  Geschichtsforschung  einsetzen  und  aus 
den  Archiven  der  Territorien,  Reichsstädte  und  Adelsfamilien  neue 
Aufschlüsse  zutage  fördern ;  auch  Notizen,  die  iiir  sich  allein  unbedeu- 
tend scheinen,  können  doch  im  Zusammenhange  mit  anderen  dazu 
dienen,  das  Gesamtbild  zu  berichtigen  und  zu  vertiefen.  Eine  der- 
artige Untersuchung  hat  Referent  selbst  über  die  Reiterei  des  ober- 
rheinischen Kreises  angestellt  (in  den  Annalen  des  Vereins  fiir 
Nassauische  Alterthumskunde  und  Geschichtsforschung,  Bd.  XX, 
S.  112  ff.,  und  Bd.  XXIX,  S.  225  fr.);  die  Truppen  dieses  Kreises  haben 
freilich  den  Kriegsschauplatz  erst  nach  der  Schlacht  erreicht.  Immer- 
hin zeigt  jene  Arbeit,  wie  lohnend  es  ist,  nach  Korrespondenzen  der 
Generale  und  Stabsoffiziere  zu  suchen.  In  der  von  J.  J.  v.  Rauchbar 
verfafsten  Biographie  des  Fürsten  Georg  Friedrich  von  Waldeck, 
der  als  Generalleutnant  bei  der  Reichsarmee  stand,  finden  sich  zwar 
interessante  Einzelheiten  über  den  Marsch  von  der  Mur  bis  nach 
St.  Gotthard;  aber  unmittelbar  vor  der  Schlacht  bricht  die  Erzählung 
ab  [Leben  und  Thaten  des  Fürsten  Georg  von  Waldeck,  von 
J.  J.  V.  Rauchbar,  herausgegeben  von  L.  Curtze  und  A.  Hahn, 
Arolsen  1867 — 187 1,  Bd.  I,  S.  219 — 229).  Eine  Ergänzung  dieser 
Lücke  wäre  sehr  erwünscht. 

Die  Schlacht  bei  St.  Gotthard  bietet  endlich  auch  ein  Beispiel 
dafür,  dafs  an  historisch  bedeutende  Ereignisse  sich  Sagen  knüpfen. 
Eine  solche  Sage  ist  es,  dafs  die  Entscheidung  durch  einen  Reiter- 
angriff  des  Generals  Johann  Sporck  herbeigeführt  worden  sei  [All-- 
gemeine  Deutsche  Biographie,  Bd.  XXXV,  S.  266).  Der  wirkliche 
Sachverhalt  ergiebt  sich  aus  dem  kaiserlichen  Diplom,  durch  welches 
Sporck  für  seine  Verdienste  in  den  Grafenstand  erhoben  wurde  (bei 
Rosenkranz,  Graf  Johann  von  Sporck,  2.  Aufl.,  Paderborn  1877, 
S.  171).  Eine  andere  Sage,  die  noch  im  Jahre  1854  in  einem  Ge- 
dichte von  O.  F.  Gruppe  ihren  Ausdruck  gefunden  hat,  schreibt 
jenes  Verdienst  den  Brandenburgern  zu.  Und  doch  haben  diese  nicht 
bei  St.  Gotthard,  sondern  bei  Lewenz  gefochten.  Um  solche  Sagen 
endgültig  zu  beseitigen,  wird  man  sie  stets  bis  zu  ihrem  Ursprünge 
verfolgen  müssen. 


—     81 


Yersamillllingeil«  —  Die  Tagung  des  ,,Gesamtvereins  der  deut- 
schen Geschichts-  und  Altertumsvereine''  zu  Strafsburg  i.  £.  in 
der  Zeit  vom  25.  bis  28.  September  zeigte  wiederum,  mit  welchem  Eifer 
überall  die  landschaftliche  Geschichte  gepflegt  wird.  Die  2^hl  der  Teil- 
nehmer belief  sich  auf  216,  während  55  Vereine  durch  Abgeordnete  ver- 
treten waren.  Wer  das  überreiche  Programm  sah,  dem  mufste  von  vornherein 
klar  werden,  dafs  an  eine  Erledigung  alles  dessen,  was  versprochen  wurde, 
nicht  zu  denken  war,  und  so  sind  denn  einige  Punkte,  und  es  möchte  von 
unserem  Standpunkte  aus  scheinen  gerade  die  wichtigsten,  gar  nicht  zur 
Verhandlimg  gekommen:  das  gilt  namentlich  von  dem  Referat  über  die 
deutschen  Siedelungsfragen  (Prof.  Henning),  über  den  Stand  der 
Forschungen  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Stadtverfassung  (Prof. 
Brefslau)  und  über  die  Kolonisation  des  Ostens  (Prof.  Meitzen).  Aber 
auch  im  übrigen  ist  zu  beklagen,  dafs  einerseits  die  an  sich  schon  zu  zahl- 
reichen Vorträge  aUzu  \iel  Einzelheiten  bringen,  welche  sich  nur  bei  aufmerk- 
samem Lesen  vollständig  geniefsen  lassen,  während  andrerseits  eine  eingehende 
Erörterung  der  einschlägigen  Fragen  durch  Vertreter  aus  allen  Landesgebieten 
aus  Zeitmangel  fast  ganz  unterbleibt  oder  nur  in  gröfster  Eile  und  Kürze 
besorgt  wird.  Dem  sollte  in  der  Folge  mehr  Rechnung  getragen  und  na- 
mentlich Zeit  für  eine  Debatte  reichlich  vorgesehen  werden!  Vielleicht  wäre 
es  auch  zeitgemäfser,  die  Sektionen  ganz  zu  beseitigen  und  die  wissenschaft- 
lichen Fragen  nur  vor  dem  Plenum  zu  verhandeln,  denn  gerade  die  Teil- 
nehmer, die  der  Sache  das  gröfste  Interesse  entgegen  bringen,  sehen  sich, 
da  in  den  Sektionen  gleichzeitig  beraten  wird,  nur  zu  oft  um  den  einen  oder 
anderen  Vortrag  betrogen.  Die  Erörterungen  auf  der  Generalversanunlung 
des  Gesamtvereins  sollen  gerade  der  Anregung  dienen,  und  dieser  Zweck 
vird  sich  nicht  besser  erreichen  lassen  als  gerade  dadurch,  dafs  der 
einer  bestimmten  Frage  bisher  femer  stehende  Forscher  gerade  durch  die 
Erörterung  den  besonderen  Problemen  näher  gebracht  wird. 

Auf  den  Inhalt  der  Vorträge  selbst  näher  einzugehen,  ist  imnötig,  da 
die  offiziellen  Berichte  bereits  bald  erscheinen  werden;  es  seien  hier  nur  die 
Themen  genannt,  über  die  gesprochen  wurde,  wobei  unberücksichtigt  bleibt, 
ob  die  Vorträge  in  Hauptversammlungen  oder  vor  den  Sektionen  stattfanden : 
Strafsburgs  Einwirkung  auf  Goethes  historische  Anschau- 
ungen (Prof.  Varrentrapp) ;  Die  Schlettstadter  Stadtrechte  (Abb^ 
GÄiy);  Burggraf  Friedrich  III.  von  Nürnberg  und  der  alt- 
2ollernsche  Besitz  in  Österreich  (Prof.  Witte-Hagenau) ;  Der  Hortus 
deliciarum  der  Herrad  v.  Landsperg  (Domherr  Keller);  Aus  der 
Vorgeschichte  des  Elsafs  (Prof.  Henning);  Die  geschichtliche 
Einheit  des  Elsafs  (Privatdozent  Bloch);  Die  deutsche  Nation  in 
Padua  (Prof.  Knod).  In  allen  diesen  Vorträgen  wurden  Forschungsergeb- 
nisse mi^eteilt,  die  abgesehen  von  den  unmittelbar  in  die  geschichdiche 
Vergangenheit  des  Landes  einführenden  wohl  jeder  Teibehmer  lieber  lesend 
za  sich  genommen  hätte,  während  eine  Reihe  anderer  Erörterungen  zur  Be- 

6 


—     82     — 

lebuug  und  besseren  Organisation  künftiger  Forschung  anregen  sollten,  und 
darin  müssen  wir  den  fruchtbarsten  Teil  der  Verhandlungen  erblicken.  Über 
die  Herstellung  der  Grundkarten  und  die  Einrichtung  einer  Zentralstelle 
für  Grundkartenforschung,  worüber  Prof.  Thudichum  und  Lamprecht  berich- 
teten, ist  bereits  in  Nr.  2  dieser  Zeitschrift  Näheres  mitgeteilt  worden,  hier 
können  wir  uns  auf  die  Resolutionen  beschränken,  die  in  dieser  Frage  ge- 
fafst  worden  sind,  nämlich:  I.  Die  Generalversanmilung  nimmt  mit  Freuden 
Kenntnis  davon,  dafs  der  im  vorigen  Jahr  in  Münster  geäufserte  Wunsch  auf 
Schaffung  einer  Zentralstelle  zur  Sammlung  der  Grundkarten  und  historischen 
Karten  aus  ganz  Deutschland  mit  dem  Sitz  in  Leipzig  bereits  erledigt  ist 
und  fühlt  sich  gedrungen,  sowohl  der  Universität  Leipzig  als  der  kgL  säch- 
sischen Regierung  für  diese  wichtige  Förderung  des  nationalen  Kartenplans 
den  lebhaftesten  Dank  auszusprechen.  IL  Die  Generalversammlung  giebt  ihrer 
Freude  darüber  Ausdruck,  dafs  die  Niederlande  und  Belgien  beschlossen 
haben,  auch  für  ihre  Gebiete  Grundkarten  und  historische  Karten  nach  über- 
einstimmenden Grundsätzen  herzustellen,  und  sie  hegt  die  Hoffnung,  dafs 
die  Vorteile  des  Unternehmens  bald  auch  in  der  Schweiz  und  anderen  Nach- 
barländern Deutschlands  zu  allgemeiner  Annahme  gelangen  werden.  III.  Die 
Versammlung  spricht  die  Bitte  aus:  die  k.  k.  österreichische  Regierung  möge 
die  in  Wien  erschienenen,  die  Gemarkungsgrenzen  enthaltenden  sogen.  Ka- 
tastralgemeindekarten  ziun  Herstellungspreise  für  den  Zweck  der  geschichtlich- 
geographischen Forschung  abgeben  und  der  in  Leipzig  bestehenden  Zentral- 
stelle für  die  Grundkarten  eine  gröfsere  Anzahl  dieser  Karten  zum  Verkauf 
an  Forscher  zur  Verfügung  stellen. 

Über  eine  Sprachkarte  des  Elsafs  handelte  Realschuldirektor  Lien- 
hart  (Markirch)  und  legte  als  Ergebnis  seiner  Untersuchungen  einige  zwanzig 
Karten  vor,  deren  jede  die  Verbreitung  der  Aussprache  bei  bestinunten 
Wörtern  (ding,  Kind,  Kirche,  Kirsche,  gewesen  bezw.  gesin  u.  s.  w.)  ver- 
anschaulicht. Es  ergeben  sich  dabei  vier  bis  fünf  gleich  den  Flüssen  von 
Südwesten  nach  Nordosten  verlaufende  Unterabteilimgen,  von  denen  drei  auf 
Oberelsafs  fallen,  während  Niederelsafs  von  Schlettstadt  an  bis  ztun  Hagenauer 
Wald,  jenseit  dessen  überhaupt  bereits  fränkisches  Idiom  einsetzt,  eine  ziem- 
lich geschlossene  Einheit,  wenn  auch  mit  Inseln  durchsetzt,  darstellt.  Auch 
der  Vortrag  Blochs  (Geschichtliche  Einheit  des  Elsafs)  streifte  die  hier  be- 
handelten Fragen  und  zeigte,  welche  Ergebnisse  die  Einzelforschung,  nament- 
lich bei  systematischer  Behandlung  der  Ortsnamen  erzielen  kann.  Lienharts 
Sprachkarten  verdienen  für  alle  ähnlichen  Untersuchungen  als  Vorbilder  die 
gröfste  Beachtung.  —  In  der  hier  angegebenen  Richtung  weiterzuarbeiten, 
wird  als  allgemeines  Bedürfnis  empfunden;  um  aber  auch  praktisch  etwas 
zu  leisten,  wurde  der  von  Archivdirektor  Wolfram  (Metz)  gestellte  Antrag, 
der  sich  mit  einem  ähnlichen  des  Amstadter  Museumsvereins  deckt,  unter 
allgemeiner  Zustinmiung  angenommen.  Der  Antrag  selbst  lautete:  „Die 
deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  wollen  die  An- 
fertigung historischer  Ortsverzeichnisse  in  Angriff  nehmen 
und  einen  einheitlichen  Plan  über  die  Abgrenzung  der  Be- 
zirke entwerfen.*'  Die  Aufstellung  eines  speziellen  Schemas  für  diese 
Arbeiten  wurde  einer  viergliedrigen  Kommission  (Wolfram,  Bloch,  Reimer, 
Brefslau)  übertragen:  es  sollen  die  jetzigen  Wüstungen  natürlich  ebenfalls  auf- 


—      83     — 

genommen,  fernerhin  nicht  nur  die  ältesten,   sondern  möglichst   viele  Wort- 
fomien    angeführt    werden,     auch    die    territoriale    Zugehörigkeit    mufs    bei- 
gefügt sein,  kurz  es  soUen  dem  Forscher  Mittel  an  die  Hand  gegeben  wer- 
den, um  die  Identifizierung  heutiger  Ortsnamen  mit  historischen  alten  Formen 
zu  erleichtem.     Ein  brauchbares  Vorbild  liegt  bereits  im  Dictionnaire  topo- 
ffri^nque  de  la  France  vor,  aber  auch  für  kleine  Gebiete  giebt  es  bereits  in 
Deutschland    Vorarbeiten,    unter     denen    hier    namentlich,    was    die   über- 
lieferte Schreibung  der  Ortsnamen  betrifft,  auf  eine  kleine  Arbeit  von  Prof. 
Heilig  in  Kenzingen,  Di^  Ortsnamen  des  Kaiserstuhls  (Festschrift  zur  Feier 
der  Eröffnung  des  Real-  und  Volksschulgebäudes   in  K.   1899)   hingewiesen 
sein  mag.     Im  Alpengebiet  hat  sich  der  deutsch-österreichische  Alpenverein 
bereits  mit  ähnlichen  Fragen   beschäftigt,    und   in  Passau    sind   auch   schon 
Geldmittel  für  entsprechende  Arbeiten  bewilligt  worden.  —  Eine  Lösung  aller 
bisher  gestellten  Aufgaben  ist  nur  möglich,  wenn  alles  zu  Gebote  stehende  Ma- 
terial auch  wirklich  benutzt  wird.    Deshalb  ist  es  eine  der  wichtigsten  Aufgaben, 
neben  den  staatlichen  und  kommunalen  auch  die  Privatarchive,  die  ihrer 
Natur  nach  schwerer  zugänglich  sind,  zu  durchforschen.     Was  in  dieser  Hin- 
sicht in  Österreich  geschehen  ist,  darüber  berichtete  Prof.  v.  Zwiedineck- 
Südenhorst  (Graz)  und  konnte  von  ganz  erstaunlichen  Funden  in  den  vier- 
undvierzig bisher   in  Cisleithanien    untersuchten   Archiven    (danmter   die    der 
Adelsgeschlechter  Wurmbrandt,  Windischgrätz,  Liechtenstein,  Schwartzenberg, 
Lobkowitz,  Caunitz)  erzählen.    Die  namentlich  von  Prof.  Finke  (Freiburg  i.  Br.) 
lebhaft  unterstützte  Anregung  führte  zu  dem  Ergebnis,  dafs  der  Vorstand  des 
Gesamtvereins  beauftragt  wurde,  für  die   nächste  Versammlung  Berichte   von 
den  zuständigen  Stellen  über  die  Inventarisation  der  Privatarchive  einzuholen 
und  die  für  ihre  Ebrichtung  geltenden  Grundsätze  festzustellen.  —  Auch  die 
Ausgrabungen  und  die  aus  ihnen  zu  gewinnenden  Aufschlüsse   kamen   nicht 
la  kurz  weg:  so  erläuterte  Dr.  Anthes-Darmstadt  an  der  Hand  von  Zeich- 
nungen und  Plänen    das  Wesen    einer    Anzahl   von   Bauwerken   militärischen 
Charakters,  kleiner,    zur  Zeit   des  Antoninus   Pius   erbauter  Türme,    die  am 
limesgebiet  ausgegraben  wurden.     Aus  einem  Sandsteinunterbau   und  Ober- 
geschofs  in  Holz  bestehend,  dienten  sie  als  Stützpunkte  für  die  Grenzwache, 
die  ihre  Zuflucht  zu  ihnen  auf  Leitern  genommen  haben  mufs,  denn  ThÜren 
finden  sich  nicht  vor.    Prof.  Mehlis  gab  eine  Zusammenstellung  seiner  bis- 
her an  der  nordelsäfsischen  Grenze  und  in  der  Pfalz  gemachten  Ausgrabungen. 
Pt'of.  Riese- Frankfurt  legte  eine  Anzahl  von   interessanten   aus  Rom  stam- 
menden terra  sigillata-Scherben  vor,  während  Prof.  Thr  am  er  über  die  Lage 
des  römischen  Strafsburg  und  Dr.  Kohl  (Worms)  über  neolithische  Keramik 
mit   Unterscheidung   von  drei  Perioden   mittelrheinischer  neolithischer  Band- 
omamentik  handelte.    Für  die  künftige  Organisation  der  Ausgrabungsarbeiten 
und  sonstiger  dahin    gehöriger  Thätigkeit   ist   die   Stellimg   von   grofser  Be- 
deutung, welche  die  westdeutschen  Altertumsvereine  zu  der   neu   zu  begrün- 
denden Reichskommission  für  römisch -germanische  Altertumsforschung  (vgl. 
oben  S.  27)  einnehmen  werden.    Prof.  Wolf  (Frankfurt)  stellte  deshalb  unter 
Hinweis  darauf,  dafs  1891  bei  der  Gründung  der  Reichslimeskommission  die 
Altertunisvereine   nicht    gebührenderweise    berücksichtigt    worden    sind,    die 
Forderung  auf:   i.  Die  Generalversammlung  des  Gesamtvereins  der  deutschen 
Geschichts-   imd  Altertumsvereine   spricht   die  Erwartung   aus,    dafs   bei   der 


—     84     — 

endgültigen  Organisation  der  Reichskommission  für  römisch-germanische 
Altertumsforschung  die  Geschichtsvereine  unter  voUer  Wahrung  ihrer  Selb- 
ständigkeit durch  eine  Anzahl  von  ihnen  selbst  gewählter  Mitglieder  ver- 
treten sein  werden.  2.  Die  Generalversammlung  erklärt  es  für  wünschens- 
wert, dafs  auch  bei  den  mit  Unterstützung  der  Reichskommission 
unternommenen  Nachforschungen  bezw.  Ausgrabungen  die  zu  Tage  ge- 
forderten Fundstücke  —  einschliefslich  der  auf  fiskalischen,  kirchlichen  und 
Gemeindegrundstücken  erhobenen  —  prinzipiell  den  Provinzial-  und  Lo- 
kalmuseen überwiesen  werden,  in  deren  Forschungsgebieten  sie  gefunden 
sind.  Zur  aUgemeinen  lebhaften  Befriedigung  fanden  die  von  dem  bewähr- 
ten Forscher  ausgesprochenen  Forderungen  bei  den  anwesenden  Mitgliedern 
des  archäologischen  Instituts,  Generalsekretär  Prof.  Conze  und  Prof.  Mi- 
chaelis bereitwillige  Zustimmung.  Ersterer  erklärte  ausdrücklich,  dafs  für 
ihn  die  Lokalvereine  die  festgewurzelten  Organisationen  für  die  Fortentwicke- 
lung der  römischen  Forschung  seien,  und  dafs  er  sich  eine  erspriefsliche 
Arbeit  des  neuen  Reichsinstituts  nur  in  Zusammenhang  mit  denselben  denken 
könne.  Auch  in  der  Museenfrage  war  er  einverstanden,  wünschte  aUerdings 
Zentralisierung  des  auf  den  Funden  beruhenden  wissenschaftlichen  Apparates 
an  einer  Stelle,  als  welche  zunächst  Mainz  in  Aussicht  genommen  sei,  da 
dort  schon  ein  Grundstock  vorhanden  ist  Hier  soll  denn  auch  jüngeren 
Kräften  Gelegenheit  zur  Ausbildung  gegeben  werden.  —  Die  seit  Jahren  vom 
Gesamtverein  so  lebhaft  geforderte  Erhöhung  des  Denkmalsschutzes  behandelten 
zwei  Berichte  von  Architekt  Wall ^  (Berlin)  und  Geh.-Rat  Loersch  (Bonn). 
Ersterer  begrüfste  freudig  neue  Bauordnungen,  wie  sie  für  Nürnberg  und 
Hildesheim  jüngst  ergangen  seien,  und  forderte  die  Umwandelung  des  Kon- 
servatoramtes in  ein  Hauptamt,  letzterer  konnte  mitteilen,  dafs  von  dem  im 
vorigen  Jahre  in  ^Münster  eingesetzten  Ausschufs  eine  an  die  deutschen  Re- 
gierungen gerichtete  Denkschrift  ausgearbeitet  worden  sei,  die  diesen  die 
Sache  des  Denkmalsschutzes  ans  Herz  legen  soll.  —  Über  die  Art,  wie 
kulturgeschichtliche  Publikationen  zu  bewerkstelligen  seien,  ver- 
breitete sich  schliefslich  Prof.  Lamprecht  (Leipzig)  und  führte  aus,  dafs 
solche  Veröffentlichungen,  welche  „  Quellen  der  Zustände "  genannt  werden 
dürfen,  äufserst  notwendig  aber  nicht  weniger  schwierig  seien.  Zunächst 
haben  die  meisten  solchen  Quellen  lokalen  Charakter  und  werden  demgemäfs 
am  besten  von  lokalen  Organisationen  veröffentlicht.  Aber  darüber  hinaus 
giebt  es  auch  solche  Quellen  allgemeinen  Charakters,  nur  ist,  um  einiger- 
mafsen  festzustellen,  was  an  solchen  vorhanden  ist,  eine  systematische  Durch- 
arbeitung der  vorhandenen  Quellenmasse  notwendig.  Wenn  aber  Quellen,  in 
lokale  und  allgemeine  gegliedert,  thatsächlich  veröffentlicht  werden  sollen,  so 
ist  in  erster  Linie  Geld  notwendig,  denn  die  ausführenden  Kräfte  sind  heute 
meist  vorhanden.  Um  Geld  zu  beschaffen,  empfiehlt  der  Redner  Heranziehtmg 
der  reichen  Leute  als  Subskribenten,  wie  sie  bei  der  „Kgl.  Sächsischen  Kom- 
mission für  Geschichte  "  vorhanden  sind.  Diese  erhalten  bis  zum  Jahresbetrag 
von  50  Mark  sämtliche  Publikationen  der  Kommission  ztun  halben  Laden- 
preis, und  300  solcher  Leute  geben  jährlich  15000  Mark  für  Publikaüons- 
zwecke  in  die  Hand.  Um  diese  Subskribenten  leichter  zu  gewinnen  und 
festzuhalten,  empfehlen  sich  wieder  besonders  illustrierte  Quellen,  die  er- 
fahrungsgemäfs    stets  gröfseren   Absatz   finden.      Vielleicht  sind   auch   diese 


-      85     — 

Gedanken  hier  oder  da  auf  günstigen  Boden  gefallen  und  regen  zu  lebhafter 
finanziell  gut  fundierter  Publikationsthätigkeit  an. 

Ein  für  die  Organisation  des  Gesamtvereins  höchst  wichtiger  Punkt  wurde 
in  der  dazu  berufenen  Deligierten-Sitzung  erörtert  Bisher  herrschte  das  Vor- 
ortsystem, welches  sich  heute  fast  bei  allen  gröfseren  Verbänden  als  nicht 
mehr  zweckdienlich  erwiesen  hat,  und  der  Verein  für  die  Geschichte  Berlins 
ist  fünfzehn  Jahre  lang  Vorortsverein  gewesen.  Gegenwärtig  hat  nach  dem  Tode 
des  Geh.  Archivrats  Reuter  dieser  Verein  die  Leitung  des  Gesamtvereins 
au%egeben,  und  eine  siebengliedrige  Kommission  (Ermisch,  Wolfram,  Anthes, 
Grotefend,  v.  Pfister,  Prümers,  Bezold),  die  sich  beliebige  Mitglieder  zuwählen 
kann,  soll  über  die  Schaffung  einer  neuen  Organisation  beraten.  Vorläufig 
führt  Archivrat  Bailleu  die  Geschäfte  weiter.  Die  Kassenverhältnisse  des  Ge- 
samtvereins sind  gut  zu  nennen,  die  Zahl  der  Abnehmer  des  „  Korrespondenz- 
blattes*' ist  gewachsen,  und  hundertvierundzwanzig  Vereine  gehören  der  Or- 
ganisation an.  Eine  Annäherung  an  die  seit  1893  tagenden  Historiker- 
versammlungen ist  insofern  erfolgt,  als  Prof.  v.  Zwiedineck  über  diese  be- 
richten und  unter  allgemeiner  Zustimmung  eine  gemeinsame  Tagung  tmd  gegen- 
seitige Förderung  empfehlen  konnte.  Fürs  Jahr  1900  ist  allerdings  an  eine 
solche  Vereinigung  nicht  zu  denken,  da  beide  Versammlungen  bereits  vor- 
bereitet sind:  der  Historikertag  wird  Ostern  zu  Halle  a.  S.  und  die  Ver- 
sammlung des  Gesamtvereins  deutscher  Geschichts-  und  Altertumsvereine  im 
September  in  Dresden  stattfinden. 

Archlye.  —  Bei  der  Teilung  der  gefürsteten  Grafschaft  Henneberg  im 
Jahre  1660  wurde  bestimmt,  dafs  diejenigen  Archivalien,  die  für  die  Ge- 
samterben des  Landes  wichtig  seien,  von  der  Verteilung  ausgeschlossen  und 
in  Meiningen  als  gemeinschaftlicher  Besitz  bleiben  sollten.  Dieses  „Ge- 
meinschaftliche Hennebergische  Archiv"  gehört  gegenwärtig  zu 
'/^g  dem  Grofsherzogtum  Sachsen-Weimar,  zu  ^^j^^  dem  Königreich  Preufsen 
und  zu  **/48  den  Herzogtümern  Sachsen  •  Meiningen  und  Sachsen  -  Coburg- 
Gotha.  Die  bestehende  Ordnung  des  Archivs  rührt  von  dem  Archivrat 
Ludwig  Bechstein  (1847  — 1860)  her,  genügt  aber  jetzt  nicht  mehr,  da  sich 
namentlich  herausgestellt  hat,  dafs  mindestens  1500  Originalurktmden  noch 
gar  nicht  bearbeitet  sind  und  viele  andere  nur  ungenau.  Auf  Anregung  des 
gegenwärtigen  Archivars  Prof.  E.  Koch,  dem  bisher  die  Verwaltung  dieses 
Archivs  nur  im  Nebenamt  übertragen  war,  hat  die  Regienmg  von  Sachsen- 
Meiningen  bei  den  Besitzern  des  Hennebergschen  Archivs  den  Antrag  ge- 
stellt, dafs  vorläufig  auf  fünf  Jahre  gröfsere  Mittel  ausgeworfen  werden,  um 
den  gemeinschaftlichen  Archivar  die  Durchführung  der  Ordntmg  in  vollem 
Dienste  aufzutragen.  Die  Angelegenheit  ist  zuerst  vor  den  Landtag  von 
Sachsen-Weimar  gekommen,  und  dieser  hat  in  der  Sitzung  vom  6.  November 
dem  Meiningenschen  Antrage  zugestimmt. 

Inventare  der  nichtstaatlichen  Archive  der  Provinz  West- 
falen haben  soeben  in  den  „Veröffentlichungen  der  Historischen  Kommission 
der  Provinz  Westfalen"  zu  erscheinen  begonnen,  und  zwar  liegt  das  i.  Heft 
des  ersten  Bandes  (Regierungsbezirk  Münster)  vor,  welches  die  Archive  des 
Kreises  Ahaus  in  der  Bearbeitung  von  Dr.  Ludwig  Schmitz  enthält  (Mün- 
ster i.  W. ,    Verlag  der   Aschendorffschen  Buchhandlung,   1899,  56  S.  8®). 


—     86     — 

Ein  neuer  Landesteil  beginnt  hiermit  die  systematische  Abgrasung  der  nicht- 
staatlichen Archive  in  dem  Sinne,  wie  v.  Zwiedineck  es  noch  vor  kurzem 
in  Strafsburg  forderte  (vgl.  oben  S.  83).  Die  Erfahrungen,  welche  in  Tirol, 
Baden  und  Rheinland  gemacht  worden  sind,  haben  gewissenhafte  Berück- 
sichtigung gefunden,  und  die  vorliegende  Veröffentlichung  bedeutet  deshalb 
technisch  zweifellos  einen  Fortschritt  gegenüber  den  älteren  Arbeiten,  nament- 
lich in  Bezug  auf  Übersichtlichkeit  in  der  Anordnung  und  Druckweise.  Für 
den  Benutzer  ist  das  Heft  viel  mehr  eine  Quellenveröffentlichung  als  ein  la- 
konisches Inventar,  ein  ganz  gewaltiger  Vorzug !  Man  hat  sich  deshalb  auch 
nicht  gescheut,  einige  alte  Stücke  (so  S.  4  eine  Urkunde  von  1212  oder 
S.  43  eine  von  1231,  ebenso  S.  15  und  26)  sofort  im  vollen  Wortlaut  ein- 
zufügen, wo  streng  nach  der  Theorie  lediglich  ein  Regest  zulässig  gewesen 
wäre.  Ob  sich  für  die  genau  nach  dem  Originale  wiedergegebenen  deutschen 
Worte  nicht  doch  Antiqua  besser  geeignet  hätte,  mufs  dahin  gestellt  bleiben. 
Der  Ausdruck  „Kirchenbücher"  für  Tauf-,  Trau-  und  Sterberegister,  so  all- 
gemein er  jetzt  venvendet  wird,  eignet  sich  für  die  Inventarisation  nicht,  da 
nun  einmal  das  Wort  „Kirchenbuch"  in  etwas  abweichendem  Sinne  ge- 
braucht wird.  Der  Bearbeiter  mufs  bei  seiner  Terminologie  S.  7  in  Nr.  3 
und  Nr.  7  zweimal  dasselbe  Wort  in  verschiedenem  Sinne  verwenden,  und 
das  ist  nicht  vorteilhaft.  Die  dem  Hefte  vorausgeschickte  „Anweisung  zur 
Fertigung  der  Inhaltsangaben  (Regesten)  von  Urkunden"  wird  sicher  in  wei- 
teren Kreisen,  die  gelegenüich  bei  der  Inventarisation  behilflich  sind,  freudig 
begrüfst  werden  und  manchen  anspornen,  Regesten  abzufisissen,  der  sich  bis- 
her für  nicht  dazu  fähig  hielt.  Die  ebenfalls  beigefügte  Denkschrift,  welche  im 
allgemeinen  die  Bearbeitung  von  Archivinventaren  behandelt,  erregt  hingegen 
in  einigen  Punkten  Bedenken.  So  werden  nach  1500  nur  „übersichtliche 
Nachweise"  gewünscht,  wonach  es  fast  scheinen  könnte,  als  ob  man  vor- 
wiegend mittelalterliche  Quellen  kennen  lernen  wollte ,  während  doch  unter 
den  jüngeren  Akten  oft  recht  wichtige  Stücke  zu  finden  sind,  die  gerade  aus 
der  Masse  herausgehoben  werden  müssen.  Die  Praxis  der  Bearbeitung  zeigt 
auch  ein  ganz  anderes  Bild:  es  sind  in  der  That  in  reichem  Mafse  jüngere 
Akten  mit  verzeichnet,  wenn  auch  die  inhaltiich  mit  der  Zeit  immer  weniger 
wichtig  werdenden  Urkunden  nicht  mehr  berücksichtigt  sind.  Trotzdem  wäre 
es  z.  B.  doch  ganz  interessant,  wenn  man  S.  26  über  die  etwa  25  Urkunden 
des  15.  bis  17.  Jahrhunderts  im  Pfarrarchiv  zu  Legden  etwas  erführe!  Ob 
es  bei  kleineren  Archiven  grundsätzlich  zweckmäfsig  ist,  Urkunden  und  Akten 
zu  trennen,  wie  es  S.  VI,  Anm.  2  empfohlen  wird,  mufs  auch  fraglich  er- 
scheinen. Namentlich  ältere  Adelsarchive,  die  im  XVIII.  Jahrhundert  geordnet 
worden  sind,  kennen  diese  Trennung  nicht,  u.  E.  mit  gutem  Grund,  da  sie 
die  Archivalien  über  jedes  Gut  zusammen  lassen.  Für  den  Benutzer  ist  es 
heute  viel  bequemer,  wenn  er  Urkunden  und  Akten,  so  wie  sie  sich  inhalt- 
lich ergänzen,  beisammen  findet,  und  um  der  archivalischen  Theorie  willen 
soll  man  die  Benutzung  der  Bestände  nicht  erschweren.  Für  die  Publikation 
der  Inventare  selbst  sind  diese  Fragen  von  geringerer  Wichtigkeit,  die  ge- 
schichtsforschende  Welt  hat  vielmehr  allen  Gnmd,  das  neue  westfälische 
Unternehmen  freudig  zu  begrüfsen  und  auf  das  recht  baldige  Nachfolgen 
weiterer  Hefte  zu  rechnen. 

Von  Beginn  des  Jahres   1900  an  werden  im  Verlag  von  Hirzel  (Leipzig) 


-      87     — 

Mittheilungen  der  Kgl.  Preufsischen  Archivverwaltung  in  zwang- 
losen Heften  erscheinen. 

Vereine.  —  Die  bisherige  „Rügisch-Pommersche  Abteilung 
der  Gesellschaft  für  pommersche  Geschichte  und  Altertums- 
kunde" hat  sich  am  28.  Oktober  unter  dem  Namen  „Rtigisch-Pom- 
merscher  Geschichtsverein"  zu  Greifswald  und  Stralsund  als*  selb- 
ständiger Verein  konstituiert.  Nach  dem  §  i  der  Satzungen  bezweckt  der 
Verein,  die  Geschichte  und  Altertumskunde  Pommerns,  insbesondere  Neu- 
Vorpommerns  und  Rügens,  zu  erforschen  und  die  Teibiahme  daran  zu  för- 
dern und  zu  verbreiten.  Unter  den  sechs  Vorstandsmitgliedern  finden  sich 
erfreulicherweise  zwei  akademische  Lehrer  der  Universität  Greifswald,  Prof. 
Bernheim  und  Prof.  Frommhold  sowie  der  Stralsunder  Ratsarchivar 
V.  Baensch. 

In  Sachsen,  wo  seit  Anfang  1897  ein  „Verein  für  sächsische 
Volkskunde"  thätig  ist,  das  Interesse  für  die  Altertümer  und  Eigenart 
der  Heimat  zu  wecken,  haben  kurz  nacheinander  in  den  Städten  Pegau, 
Würzen  tmd  Döbeln  kleine  Altertumsausstellungen  stattgefunden,  die  ein 
Bild  davon  abgeben,  was  noch  von  älteren  Gegenständen  im  Besitz  der  Be- 
völkrung  ist.  Sind  es  auch  zum  weitaus  gröfsten  TeUe  keine  Kostbarkeiten 
und  Seltenheiten,  so  zeigen  doch  gerade  diese  Dinge,  wie  man  noch  vor 
einem  Jahrhundert  und  später  in  der  eigenen  Gegend  lebte.  Die  Erhaltung 
einer  solchen  Sammlung,  wie  sie  bei  Ausstellungen  zustande  kommt,  ist 
natürlich  oft  nicht  möglich,  da  die  einzelnen  Eigentümer  naturgemäfs  an  ihren 
Stücken  hängen,  aber  ein  Teil  der  dargebrachten  Sachen  wird  stets  gern 
hingegeben  werden  —  und  der  Grundstock  zu  einem  Lokahnuseum  ist  da. 
Viele  Geschichtsvereine  haben  ein  solches  leider  nur  oft  recht  schlecht  zu- 
gänglich aufgesteUt,  so  dafs  es  mit  Ausschlufs  der  Öffentlichkeit  sein  Dasein 
fristet  — ,  das  Interesse  flir  eine  Ausstellung  führt  aber  auf  der  andren  Seite 
auch  oft  zur  Entstehung  eines  Vereines,  wie  er  kürzlich  in  Delitzsch  ins  Leben 
getreten  ist,  denn  nur  ein  Verein  ist  ja  in  der  Lage,  auf  die  Dauer  eine 
Sammlung  zu  unterhalten,  zu  vermehren  und  auszugestalten.  Die  Bewegung, 
wie  sie  in  Sachsen  entstanden  ist,  verdient  als  Mittel  zur  Belebung  des  histo- 
rischen Verständnisses  in  weiteren  Kreisen  und  zugleich  als  Anregung  für 
gelegentlichen  Besuch  gröfserer  Museen,  allgemeine  Beachtung,  sie  bietet  aber 
zugleich  die  einzige  Handhabe,  um  einzelne  hervorragende  Stücke  für  die 
Wissenschaft  „zu  entdecken".  Der  Katalog  der  Döbelner  „Altertums- 
Ausstellung",  die  vom  29.  Oktober  bis  5.  November  währte,  liegt  uns  vor. 
Er  führt  nacheinander  auf  vorgeschichtliche  Funde,  Bücher  und  Gegenstände 
zur  Stadtgeschichte,  kirchliche  Altertümer,  Urkunden,  Bücher  und  Schriften, 
Gläser,  Porzellan  und  Thongefäfse,  Zinn  und  Silber,  Schmucksachen,  Münzen, 
^tzgegenstände ,  Web-  und  Nadelarbeiten,  eine  Schulgruppe,  Einzelgegen- 
stände, Bilder,  eise  Spinnstube,  Uhren,  eine  Gildestube  und  Kriegserinnerungen. 
Die  von  den  Einheimischen  fleifsig  besuchte  Ausstellung  wurde  auch  im  Auf- 
trage des  Kgl.  Sächsischen  Ministeriums  von  Prof.  Gur litt- Dresden  sowie 
im  Auftrage  des  Kgl.  Sächsischen  Altertumsvereins  von  Regierungsrat  £  r  m  i  s  c  h  - 
Dresden  mit  Befriedigung  besichtigt,  und  in  dem  Gelingen  dieser  Veranstaltung 
wtt-d  man  anderwärts  einen  Anlafs  zur  Nacheiferung  finden.    Der  Fortbestand 


—     88     — 

und  Ausbau  des  Döbelner  Altertumsmuseums  ist  gesichert,  und  zwar  nimmt 
dasselbe  geschenkte  Gegenstände  an,  stellt  aber  auch  gegen  Verwahrungs- 
schein solche  Gegenstände  aus,  deren  Eigentum  die  bisherigen  Besitzer  sich 
vorbehalten. 

Personalien.  —  Der  frühere  Innsbrucker  Professor  Josef  Hirn, 
zuletzt  im  Unterrichtsministerium  thätig,  ist  an  Stelle  Alfons  Hubers  zum 
ordentlichen  Professor  der  österreichischen  Geschichte  an  der  Universität 
Wien  ernannt  worden.  —  Der  bisherige  Professor  der  Geschichte  an  der 
deutschen  Universität  in  Prag,  AugustFournier,  wurde  in  gleicher  Eigen- 
schaft an  die  Technische  Hochschule  in  Wien  versetzt.  —  Der  bisherige 
aufserordentliche  Professor  der  Geschichte  in  Erlangen,  Richard  Fester 
wurde  zum  Ordinarius  befördert.  —  Der  bisherige  aufserordentliche  Professor 
für  österreichische  Reichsgeschichte  in  Wien,  Sigmund  Adler,  wurde 
zum  Ordinarius  befördert.  —  Der  bisherige  Privatdozent  in  Bonn,  Alois 
Meister,  wurde  zum  aufserordentlichen  Professor  an  der  Akademie  Münster 
ernannt.  Die  Redaktion  der  „Annalen  des  Historischen  Vereins  für  den 
Niederrhein"  wird  Prof.  Meister  vorläufig  noch  weiter  besorgen.  —  Die 
Privatdozenten  an  der  Universität  Berlin  Richard  Sternfeld  und  O.  H i n t z e 
wurden  zu  aufserordentlichen  Professoren  ernannt.  —  Als  Privatdozenten  für 
Geschichte  habilitierten  sich  Dr.  Karl  Heldmann  an  der  Universität  Halle, 
Dr.  Sigmund  Hellmann  an  der  Universität  München  und  Dr.  Karl 
Weller,  an  der  Technischen  Hochschule  Stuttgart,  Dr.  Gustav  Wolf  in 
Freiburg  i.  B.,  Dr.  Johannes  Häne  in  Zürich. 

Prof.  Arthur  Kleinschmidt  in  Heidelberg  siedelt  zu  archivalischen 
Studien  nach  Marburg  über,  behält  aber  seine  Stellung  als  akademischer 
Lehrer  in  Heidelberg. 

Der  bisherige  etatsmäfsige  Hilfsarbeiter  am  Grofsherzogl.  Mecklen- 
burgischen Geheimen  und  Hauptarchiv  zu  Schwerin,  Dr.  Hans  Witte, 
wurde  zum  Archivar  befördert. 

Eingegangene  Bflcher. 

Angst,  H. :  Schweizerisches  Landesmuseum  in  Zürich.  Sechster  Jahres- 
bericht 1897.  Dem  Departement  des  Innern  der  schweizerischen  Eid- 
genossenschaft erstattet  im  Namen  der  eidgenössischen  Landesmuseums- 
Kommission.  Zürich,  Druck:  Art.  Institut  Orell  Füfsli  1898.  loi  S. 
und  Anhang  (Katalog  der  von  Direktor  H.  Angst  dem  Schw.  Landes- 
museum geschenkten  keramischen  Sammltmg,  verfafst  von  W.  H.  Doer) 
77  S.  8^. 

„Anzeiger  für  Schweizerische  Altertumskunde",  amtliches  Organ  des  Schwei- 
zerischen Landesmuseums,  des  Verbandes  der  Schweizerischen  Altertums- 
museen und  der  Gesellschaft  für  Erhaltung  historischer  Kunstdenkmäler. 
Neue  Folge  I.  1899.  Zürich,  Verlag  des  Schweizerischen  Landesmuseums. 
1899.     8^ 

Baasch,  Ernst:  Beiträge  zur  Geschichte  des  deutschen  SeeschifTbaues  und 
der  Schiffbaupolitik.    Hamburg,  Lucas  Gräfe  &  Sillem  1899.    55<  S*  S^* 

M    IG. 

Herausgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipcig.  —  Druck  und  Verlag  Ton  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


fur 


Forderung  der  landesgeschichtliclien  Forschung 

I.  Band  Januar  xgoo  4.  Heft 


Über 

Von 
Oswald  RedUch  (Wien} 

Einige  Erscheinungen  der  jüngsten  Zelt  sind  geeignet,  neuerdings 
wieder  einmal  die  Aufmerksamkeit  auf  Tradüionsbücher  und  ver- 
wandte Quellen  hinzulenken.  Im  Jahre  1898  erschien  eine  Abhand- 
lung von  Josef  Susta  Zur  Geschichte  und  Kritik  der  Urbarialauf- 
Zeichnungen  \  in  welcher  vom  wirtschaftsgeschichtlichen  Standpunkte 
aus  Entstehen  und  Bedeutung  auch  der  Traditionsbücher  treffend 
charakterisiert  werden.  Seit  1898  begann  dann  ferner  die  hochwill- 
kommene Publikation  des  Salzburger  Urkundenbuches  durch  P.  Willi- 
bald Hauthaler.  Der  erste  Band,  von  dem  nunmehr  vier  Hefte  vor- 
liegen, ist  ausschlieislich  den  Salzburgischen  Traditionscodices  gewid- 
met. Auch  einer  andern  wichtigen  Gruppe  soll  eine  Neuherausgabe 
zugedacht  werden,  indem  die  Münchener  historische  Kommission  in 
ihrer  letzten  Plenarversammlung  beschlossen  hat,  das  älteste  Freisinger 
Traditionsbuch  aus  dem  IX.  Jahrhundert  zu  edieren  und  damit  eine 
Fortsetzung  der  Quellen  und  Erörterungen  in  Angriff  zu  nehmen. 
In  allerjüngster  Zeit  ist  endlich  eine  Arbeit  von  Ed.  Heydenreich 
über  das  älteste  Fuldaer  Cartular  erschienen,  welche  diese  kostbare 
Überlieferung  der  Fuldaer  Traditionen  einer  ausführlichen  Erörterung 
unterzieht. 

Mancherlei  alte  und  neue  Gedanken  wurden  mir  dabei  rege,  und 
die  freundliche  Aufforderung  der  Redaktion  dieser  Zeitschrift,  einiges 
über  Traditionsbücher  zu  sagen,  giebt  mir  den  Anlafs,  dieselben  aus- 
zusprechen. 

Traditionsbücher  sind  eine  Erscheinung  des  früheren  deutschen 
Mittelalters  \     Ihr  Aufkommen  und  ihre  Führung  hängt  aufs  innigste 

])  SitzuDgsber.  der  Wiener  Akad.   138.  Bd. 

a)  Vgl.  fttr  das  Folgende  meine   Abhandlung    über  bayrische  Traditionsbücher    and 
Traditionen  in  MiUeil.  des  Institnts  fUr  Österreich.  Geschichtsforschung,  5.  Bd. 

7 


—     90     — 

zusammen  mit  dem  ganzen  Urkunden wesen  und  den  Rechtsanschau- 
ungen  jener  Zeit  sowie  andrerseits  mit  dem  Gange  der  wirtschaftlichen 
Entwicklung.  Die  ältesten  derartigen  Bücher  stammen  aus  dem 
IX.  Jahrhundert.  Es  sind  Bücher,  in  welche  die  Schenkungs*  und 
Tauschurkunden  abgeschrieben  wurden,  mittelst  derer  die  Rechts- 
geschäfte abgeschlossen  worden  waren  und  die  zum  Beweise  für  die- 
selben dienten.  Diese  ältesten  Traditionsbücher  sind  also  in  gewissem 
Sinne  Kopialbücher  der  Besitzurkunden,  gehen  aber  doch  schon  über 
das  Wesen  des  reinen  Kopialbuches  hinaus,  indem  die  Sammlung  der 
Erwerbstitel  in  ein  Buch  deren  Sicherung  und  stete  Bereitschaft 
für  rechtliche  Zwecke  zum  Ziele  hatte.  Denn  der  ganze  Beweiswert 
der  Urkunde,  mochte  sie  nun  Carta  oder  Notitia  sein,  beruhte  doch 
auf  den  in  ihr  genannten  Zeugen.  Das  war  die  der  geringeren  Kultur- 
höhe der  Stämme  des  ostfränkischen,  dann  deutschen  Reiches  ent- 
sprechende Rechtsanschauung;  sie  erblickte  im  lebendigen  Zeugen 
das  eigentliche  Beweismittel  für  die  geschehene  Rechtshandlung,  in 
der  Urkunde  nur  eine  Erleichterung  des  Zeugenbeweises.  Das  brachte 
nun  ein  rasches  Abnehmen  der  Urkundenfertigung  im  X.  Jahrhundert 
mit  sich.  Nicht  Ausstellung  wirklicher  Urkunden,  sondern  Aufzeich- 
nung blofser  Akte,  also  einfacher,  mehr  oder  weniger  formloser  No- 
tizen über  das  WesenÜiche  der  Rechtshandlung  und  ihre  Zeugen, 
begann  die  Regel  zu  werden.  Man  schrieb  diese  Akte  auf  Einzel- 
blätter und  Blättchen,  oft  auch  mehrere  zeitlich  oder  sachlich  zusam- 
menhängende auf  ein  Blatt;  da  und  dort  trug  man  die  Akte  gleich 
direkt  in  Hefte  oder  in  ein  Buch  ein,  so  dafs  dieses  Buch  dann  die  un- 
mittelbare und  einzige  Aufzeichnung  über  die  Rechtshandlung  war 
und  blieb  und  selbst  einen  fortgesetzten  Akt  bildete.  Oder  man 
schrieb  häufig  nachträglich  die  Einzelakte  in  Bücher  ab;  und  da  man 
dann  auf  die  Einzelakte  weiter  keinen  Wert  legte  und  diese  verloren 
gingen,  wurde  wieder  jenes  Buch  die  einzige  Aufzeichnung.  So  ent- 
standen die  Traditionsbücher  seit  dem  X.  Jahrhundert.  Diese  Tra- 
ditionsbücher des  X.,  XI.  und  XII.  Jahrhunderts  sind  also  keine  blofsen 
Kopialbücher  mehr,  sie  sind  die  einzigen  Aufzeichnungen  über  Rechts- 
handlungen, sie  übernehmen  selber  gewissermaßen  urkundliche,  ja 
rechtliche  Fimktionen.  Diese  ihre  eigentümliche  Stellung  mufste  aber 
verschwinden,  als  im  XII.  Jahrhundert  mehr  und  mehr  wieder  die 
eigentliche  Urkunde  Boden  gewann,  welche  nunmehr  vermittels  ihres 
allgemein  aufkommenden  Beweismittels,  des  Siegels,  eine  wirkliche 
Beweiskraft  errang.  Zwar  dauert  noch  durch  das  ganze  XII.  Jahr- 
hundert Fortfuhrung  und  Neuanlage  von  Traditionsbüchern,  also  auch: 


—     91     — 

Aktauizeichnung  fort.  Allein  bis  gegen  Mitte  des  XIII.  Jahrhunderts  ist 
dann  dieses  Nebeneinander  der  Übergangszeit  vorüber,  die  Urkunde 
hat  allenthalben  gesiegt,  das  Traditionsbuch  wird  wieder  abgelöst  vom 
reinen  Kopialbuch. 

Als  Aufzeichnungen  über  die  anwachsenden  Erwerbungen  einer 
Grundherrschaft  an  Gütern  und  Rechten,  Hörigen  und  Censualen  sind 
die  Traditionsbücher  aber  auch  ein  charakteristisches  Merkmal  der 
wirtschaftlichen  Entwicklung  jener  Zeiten*).  Für  Süd-  und  Südost- 
dentschland,  die  hauptsächliche  Heimat  dieser  Quellen,  waren  die  nächsten 
Jahrhunderte  nach  der  Zurückdrängung  der  Ungarnstürme  die  Zeit  der 
Wieder-  tmd  Neukolonisiening,  die  Zeit  der  rasch  erblühenden  grofsen 
Grundherrschaften.  In  diesen  weiten  Gebieten  breiteten  sich  die  geist- 
lichen und  weltlichen  Besitzer  mit  reichen  Einkerbungen  und  gewaltigen 
Rodungen  aus  und  haben  im  X.  und  XI.,  aber  auch  noch  im  XII.  Jahr- 
hundert im  ganzen  großartige,  im  einzelnen  ungeheuer  zerstückelte 
Grundherrschaften  geschaffen.  Diese  rasch  anschwellenden  Wirtschafls- 
komplexe  hätten  wohl,  so  möchte  man  meinen,  das  Bedürfnis  nach 
Inventarisierung  und  Übersicht  nahe  legen  sollen,  wie  man  es  in  den 
Inventarien  und  Polyptychen  der  karolingischen  Zeit  befriedigt  hatte. 
Allein  solche  Nachwirkungen  spätrömischen  Wesens  hatten  höchstens 
noch  die  Rheingegenden  ergriffen  und  ein  Zwang  von  sozialpolitisch 
thätigen  Herrschern  war  im  deutschen  Reiche  nicht  mehr  vorhanden. 
Und  in  diesen  kulturell  tiefer  stehenden  östlichen  Gegenden  war,  wie 
schon  angedeutet,  überhaupt  alles,  was  mit  Schrifttum  und  Urkunden- 
wesen zusammenhing,  in  rasche  Abnahme  geraten.  Endlich  war  es 
das  schnelle  Anwachsen  der  Schenkungen,  Erwerbungen  und  Rodungen 
selbst,  welches  an  sich  eine  Übersicht  erschwerte  und  jede  schriftliche 
Zusammenfassung  in  kürzester  Zeit  veralten  liefs.  Für  das  rechtliche 
Bedürfnis  aber,  den  Nachweis  des  Besitzes  hatten  ohnehin  nicht  Ur- 
bare, nicht  Urkunden  einzustehen,  sondern  die  lebendigen  Zeugen 
der  Handlung  oder  der  Gewere.  Die  kurze  Aktaufzeichnung  genügte. 
Aber  wo  man  nur  cinigermafsen  auf  Ordnung  hielt,  wo  etwa  nach 
Zeiten  des  Niederganges  eines  Klosters  wieder  ein  Aufschwung  folgte 
—  und  sittlich-geistiger  und  wirtschaftlicher  Aufschwung  gingen  regel- 
mäisig  Hand  in  Hand  — ,  da  sorgte  man  auch  ßxx  die  Sicherung  dieser 
einzigen  Aufzeichnungen  über  Erwerb  ,und  Rechte.  Man  sammelte 
sie  und  schrieb  sie  in  Bücher  ab,  trug  sie  auch  direkt  in  diese  Bücher 


i)  Vgl.  für  das  folgende  Mitteil.  d.  Instituts  5,  53  £f.  nnd  die  Ausführungen  von  Snsta 
a.  a.  O.,  S.  43  ff. 

7* 


—     92     — 

ein,  kurz  man  sorgte  für  Anlage  und  Führung  von  Traditionsbüchem. 
Die  Traditionsbücher  waren  so  das  einzige  dauernde  schriftliche  Hilfs- 
mittel der  groisen  Grundherrschaflen  in  ihrer  rasch  aufstrebenden 
Blütezeit  vom  X.  bis  in  das  XII.  Jahrhundert. 

Die  Traditionsbücher  bilden  wirtschaftsgeschichtlich  das  Mittelglied 
zwischen  Polyptychon  und  spätmittelalterlichem  Urbar,  wie  sie  diplo- 
matisch das  Mittelglied  sind  zwischen  der  Urkunde  der  Karolingerzeit 
und  der  besiegelten  Urkunde  seit  dem  XII.  und  XIII.  Jahrhundert. 

Die  richtige  Erkenntnis  vom  Wesen  der  Traditionsbücher  gewährte 
nun  auch  erst  die  notwendige  Grundlage,  um  diese  Quellen  richtig 
bearbeiten  und  überhaupt  historisch  verwerten  zu  können.  Mit  der 
genauesten  Feststellung  des  palaeographischen  Bestandes  hat  sich  die 
tiefere  Frage  nach  der  Entstehungsart  der  im  Codex  erhaltenen  Auf- 
zeichnungen selbst  zu  verbinden.  Und  dies  wird  wieder  die  erste 
Grundlage  abgeben  zur  Herstellung  der  Chronologie  innerhalb  der  ja 
meistens  undatierten  Traditionsaktc.  Die  möglichst  gesicherte  zeitliche 
Fixierung  aber  ist  die  conditio  sine  qua  non  für  jede  weitere  Be- 
nutzung solchen  Materials.  Neben  diesen  neu  oder  schärfer  formu- 
lierten Forderungen  versteht  sich  für  eine  Ausgabe  von  selber  die 
volle  Zuverlässigkeit  der  Textherstellung ,  die  Erklärung  der  Ortsnamen 
sowie  die  Beigabe  alles  dessen,  was  man  heute  von  einer  Urkunden- 
edition zu  verlangen  hat  Namentlich  sollte  auch  eine  Karte  nicht 
fehlen. 

Auch  das  ergab  sich  unmittelbar  aus  dem  eigentümlichen  Wesen 
der  Traditionsbücher,  dais  das  in  den  einzelnen  Codices  oder  Gruppen 
erhaltene  Material  als  geschlossenes  Ganzes  zusammeubelassen  und 
veröfTentlicht  werden  müfste;  dafs  eine  Aufteilung  der  einzelnen  Tra- 
ditionen unter  die  Masse  anderen  urkundlichen  Stoffes  eben  jenen 
Charakter  gänzlich  verwischen  würde  ^). 

Diesen  Anforderungen,  denen  ich  in  der  Ausgabe  der  Brixener 
Traditionsbücher  gerecht  zu  werden  suchte,  entspricht  nun  auch  die 
neue  Gesamtausgabe  der  Salzburger  Traditionscodices  durch  P.  Willi- 
bald Hauthaler  im  allgemeinen  durchaus.  Jetzt  erst  überblickt  man 
die  gewaltige  Masse  dieser  mehr  als  1200  Traditionen  der  Erzbischöfe, 
des  Klosters  St.  Peter  und  des  Domkapitels,  die  sich  vom  Anfang 
des  X.  Jahrhunderts  bis  zur  Mitte  des  XIII.  Jahrhunderts  in  fast  un- 
unterbrochener Folge  erstrecken.  Durch  die  sorgfältigen  Beschreibungen 
der  Codices,  durch  die  Zeit-  und  Ortsbestimmungen  des   mit  seinem 


I)  Vgl.  Acta  Tirolensia  i  Einl.  S.  VIII. 


—     93     — 

Stoffe  aufs  innigste  vertrauten  Herausgebers  ist  dieses  reiche  Material 
erst  benutzbar  gemacht,  während  man  früher  auch  den  Editionen  Chmeis 
im  Notizenblatt  der  Wiener  Akademie  ratlos  gegenübergestanden 
ist  Nur  in  zwei  Punkten  möchte  man  etwas  mehr  und  etwas  anders 
wünschen,  und  der  verehrte  Herausgeber  wird  es  gewifs  nur  gleich 
mir  im  Interesse  der  Sache  und  künftiger  Bearbeitimgen  von  Tra- 
ditionsbüchem  finden,  wenn  diese  prinzipiellen  Fragen  hier  berührt 
werden. 

Der  eine  Punkt  betrifft  die  diplomatische  Seite.  Nicht  so  sehr 
bei  den  Vorbemerkungen  zu  den  erzbischöflichen  Traditionsbüchern 
des  X.  und  XL  Jahrhunderts,  wo  im  ganzen  alles  Notwendige  gesagt  ist, 
wohl  aber  bei  den  Codices  des  Klosters  St.  Peter  und  denen  des  Dom- 
kapitels wäre  in  dieser  Hinsicht  ein  genaueres  Eingehen  erwünscht  ge- 
wesen.  Es  handelt  sich  ja  bei  jeder  Traditionengruppe  immer  wieder  von 
neuem  um  folgende  Fragen.  Hat  überhaupt  und  inwieweit  unmittel- 
bare Eintragung  der  Traditionsakte  in  den  Codex  stattgefunden?  So- 
weit dies  nicht  der  Fall  war,  herrschte  also  nachträgliche  Sammlung 
und  Aufzeichnung;  wann  geschah  nun  dieselbe  und  in  welcher  Weise ? 
Wie  waren  bei  nachträglicher  Aufzeichnung  die  Vorlagen  beschaffen, 
waren  es  vielleicht  protokollarisch  geführte  Traditionshefte  oder  waren 
es  Knzelakte?  Und  ferner:  entspricht  die  uns  heute  im  Codex  erhal- 
tene Fassung  den  Vorlagen,  oder  ist  sie  vom  Kompilator  des  Codex 
mehr  oder  minder  beeinflufst? 

Diese  Fragen  zu  beantworten  ist  vor  allem  der  Herausgeber  be- 
fähigt, und  diese  Fragen  sind  keineswegs  müssige  und  nicht  blofs  diplo- 
matisch von  Interesse.  Ihre  richtige  Beantwortung  kann  vielmehr  einer- 
seits die  unmittelbaren  und  wichtigen  Anhaltspunkte  bieten,  um  in  dem 
datenlosen  Gewirre  von  Akten  einen  chronologischen  Faden  zu  fin- 
den *),  und  kann  andrerseits  oft  von  Bedeutung  werden  für  die  kritische 
Verwertung  dieses  Materials  überhaupt.  So  hat  Erben  in  einer  scharf- 
sinnigen Arbeit  *)  über  den  Traditionscodex  des  Erzbischofs  Odalbert 
von  Salzburg  (923 — 935)  interessante  Ergebnisse  über  die  Zusammen- 
setzung der  Zeugenreihen  gewonnen  und  ist  auf  Grund  der  chrono- 
logischen Fixierung  zu  unerwarteten  Einblicken  in  die  Beziehungen 
des  Erzbischofs  zum  Herzog  von  Bayern  imd  in  die  Art  der  Erwer- 
bung der  Gra&chaflsrechte  durch  die  Kirche  von  Salzburg  gelangt. 
Ahnlich   hat  Bretholz   bei   einer  Untersuchung  der  ganzen  Reihe  der 


1)  Vgl.  z.  B.  AcU  Tirolensia  1  Einl.  S.  XXU  und  XXXI. 

2)  Mitten,  der  GeseUsch.  f.  Salzbarg.  Landeskunde  29.  Bd.  (1890). 


"-     94     — 

St.  Emmeramer  Traditionsbücher  *)  merkwürdige  Resultate  über  Doppel- 
ausfertigungen ,  über  die  Behandlung  der  Vorlagen  durch  die  Zu- 
fiammensteller  des  Codex  und  die  formelle  Fassung  der  Akte  erzielt. 
Wie  bedeutsam  gerade  dieser  letzte  Punkt  werden  kann,  zeigt  eine 
Kontroverse  der  jüngsten  Zeit.  In  der  Frage  nach  der  Abstammung 
der  Grafen  von  Tirol  spielt  ein  in  den  Brixener  Traditionsbüchem  zu 
Ende  des  XI.  und  Anfang  des  XII.  Jahrhunderts  vorkommender  Graf 
Adalbert  eine  Rolle.  Huber  und  auch  Egger  betrachteten  ihn  als 
Stammvater  der  Grafen  von  Tirol.  Neuestens  hat  dies  Michael  Mayr  *) 
bestritten  und  unter  anderm  die  in  den  Brixener  Traditionen  von  Adal- 
bert gebrauchte  Bezeichnung  nobüitate  sortttus  dagegen  angeführt, 
die  er  als  „frei  und  adelig  geworden",  ,, Emporkömmling"  auffafst. 
Aliein  wie  schon  in  Acta  Tirol.  I,  Einl.  S.  LVIII  bemerkt  ist,  sind 
diese  und  analoge,  gerade  den  Brixener  Traditionen  jener  Zeit  eigen- 
tümliche Wendungen  ganz  zweifellos  nur  Umschreibungen  für  nobilis 
(liber,  ingenuus),  was  ein  aufmerksames  Studium  des  Diktates  und  der 
Formeln  ergiebt.  Daher  haben  sich  dann  auch  Huber ')  und  Egger 
dieser  Auffassung  angeschlossen,  und  Mayr  polemisiert  in  dieser  Hin- 
sicht ganz  mit  Unrecht. 

Der  zweite  Punkt,  der  mir  von  grundsätzlicher  Bedeutung  erscheint, 
betrifft  die  chronologische  Anordnung  der  Traditionen  in  der  Ausgabe, 
Hauthaler  hat  mit  erfolgreicher  und  dankenswerter  Bemühung  die  zeit- 
liche Bestimmung  der  Salzburger  Traditionen  durchgeführt,  hat  speziell 
die  Traditionen  des  Erzbischofs  Odalbert  in  tabellarischer  Übersicht 
chronologisch  zusammengestellt.  Allein  im  Abdruck  behielt  er  den- 
noch eben  bei  diesen  ältesten  Traditionen  die  Reihenfolge  der  Codices 
bei,  welche  durchaus  nicht  der  zeitlichen  Reihenfolge  entspricht.  Die 
Traditionen  des  Klosters  St.  Peter  und  des  Domkapitels  sind  im  all- 
gemeinen wohl  in  chronologischem  Fortgang  gegeben,  aber  nicht  ohne 
mannigfache  Schwankungen  im  einzelnen,  welche  eben  durch  die  zeit- 
lich ungenauen  Folgen  in  den  Codices  bedingt  wurden.  Warum 
dies?  Warum  soll  der  Herausgeber  solcher  Traditionsbücher,  wenn 
er  mit  vieler  Mühe  in  das  Chaos  hunderter  von  undatierten  Akten 
eine  leidliche  zeitliche  Ordnung  gebracht  hat,  dieselbe  nicht  auch  in 
der  Anordnung  der  Edition  zum  Ausdruck  bringen?  Warum  sollte 
er  sich  an  die  Reihenfolge  im  Codex  halten,  von  der  er  eben  be- 
wiesen hat,  dafs  sie  z.  B.  nachträgliche  Zusammenstellung  von  Einzel- 

1)  MitteU.  des  Instituts   12.  Bd.  (1891). 

2)  Zeitschr.  des  Ferdinandeums  3.  Folge  43.  Heft  (1899),  S.  219  ff. 

3)  Litterar.  CentralblaU  1886,  Dez.  4,  Spalte  1716  f. 


—     95     — 

akten  war,  bei  welcher  man,  wenn  es  gut  ging,  höchstens  die  Tra- 
ditionen unter  einem  Bischof,  einem  Abte  zusammengenommen  hat, 
ohne  jedoch  im  einzelnen  irgend  eine  zeitliche  Ordnung  herstellen  zu 
können.  Nur  dort,  wo  unmittelbare  Führung  eines  Traditionsbuches 
nachzuweisen  ist,  mufs  man  sich  natürlich  an  die  Ordnung  des  Codex 
halten,  welche  dann  zugleich  auch  die  zeitliche  Aufeinanderfolge  repräsen- 
tiert. Und  dort,  wo  bei  einzelnen  Gruppen  gar  keine  Anhaltspunkte 
zu  einer  näheren  zeitlichen  Begrenzung  vorhanden  sind,  kann  man 
sich  ftiglich  an  die  Reihenfolge  der  Handschrift  halten,  wie  das  Hau- 
tbaler  ganz  mit  Recht  bei  den  Traditionen  unter  den  Erzbischöfen 
Hartwig  und  Thietmar  gethan  hat.  Sonst  aber  möchte  ich  es  doch 
als  Forderung  für  die  Edition  von  Traditionsbüchem  hinstellen, 
<lafs  nicht  blofs  die  chronologische  Reihenfolge  mit  allen  Hilfsmitteln, 
welche  die  Handschrift,  die  Traditionen,  ihre  Entstehung,  ihre  Form 
^nd  ihr  Inhalt  gewähren,  erforscht,  sondern  auch  in  der  Anordnung 
-der  Edition  zum  Ausdruck  gebracht  werde.  In  der  Einleitimg  und  in 
Vorbemerkungen  ist  genaue  Rechenschaft  über  dies  Verfahren  zu 
geben,  allenfalls  läfet  sich  ja  auch  eine  Konkordanztabellc  der  Codex- 
iind  Editionsnummern  beifügen. 

Auf  der  strengen  Erfüllung  der  allerdings  hochgespannten  Forde- 
Tungen  an  Herausgeber  von  Traditionsbüchern  mufe  bestanden  werden, 
will  man  anders  Neuausgaben  wirklich  nutzbringend  für  die  ja  auch 
viel  höher  gewordenen  Anforderungen  der  Geschichtswissenschaft  ge- 
tstalten. 

Die  Traditionsbücher  haben  uns  ja  den  gröfseren  Teil  des  urkund- 
iichen  QuellenstofTes  vom  VIII.  bis  zum  XII.  Jahrhundert  überliefert.  Was 
das  für  jene  in  Deutschland  teilweise  so  urkundenarmen  Saecula  bedeutet, 
braucht  nicht  des  breitern  auseinandergesetzt  zu  werden.  Die  genea- 
logischen Forschungen  z.  B.,  denen  sich  jetzt  wieder  ein  lebhafterer 
Eifer  zuwendet,  finden  in  den  Traditionen  eine  ihrer  ergiebigsten 
-Quellen  —  aber  es  ist  klar,  dafe  gerade  fiir  solche  Untersuchungen 
die  schärfste  Akribie  und  sachlichste  Fürsorge  der  Edition  eine  unbe- 
•dingt  notwendige  Voraussetzung  büdet.  Der  Hauptquellenwert  der 
Traditionsbücher  beruht  aber  doch  in  dem,  was  sie  fiir  die  Geschichte 
der  Zustände,  für  Rechts-  und  Wirtschaftsgeschichte  bieten. 

Wir  sind  ja  nun  über  die  Entwicklung  der  grofsen  Grundherr- 
fichaft  und  über  die  Wandlungen  der  rechtlich -sozialen  Verhältnisse 
des  früheren  Mittelalters  im  allgemeinen  genügend  orientiert.  Weit 
weniger  jedoch  im  einzelnen.  Es  fehlt  gar  vielfach  an  einer  anschau- 
lichen,  eindringlicheren  Erkenntnis  der  Siedlungs-  und  Kolonisations- 


—     96     — 

geschichte,  der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Entwicklung  jener  Jahr- 
hunderte, namentlich  auch  für  den  Süden  und  Südosten  Deutschlands. 
Das  kommt  wesentlich  davon  her,  da(s  das  wichtigste  Quellenmaterial,  die 
Traditionsbücher,  zum  allergröfsten  Teile  in  ungenügenden  Publikationen 
vorliegt,  deren  indigesta  moles  auch  die  zähesten  Urkundenmenschen 
abzuschrecken  im  stände  ist.  Und  über  diesen  sehr  wunden  Punkt  im 
Zustand  unserer  Quellenpublikationen  möchte  ich  hier  noch  ein  nach- 
drückliches Wort  anbringen.  Die  Herstellung  vollständiger 
und  guter  Editionen  von  Traditionsbüchern  ist  das 
dringende;  haben  wir  sie  erst,  dann  stehen  Rechts-  und 
Wirtschaftsgeschichte  mit  ihren  bestimmten  Zielen  und 
Methoden  schon  bereit,  um  den  reichen  Stoff  zu  be- 
arbeiten und  zu  bemeistern. 

Im  bayerischen  Süden  und  Südosten  Deutschlands  lassen  sich 
weit  über  ein  halbes  Hundert  Traditionsgruppen  zählen  *).  Von  diesen 
sind  bisher  zwei  Gruppen  einer  wirklich  modernen  Edition  untcrzc^en 
worden,  Brixen  und  Salzburg,  ein  halbes  Dutzend  anderer  liegen  irt 
leidlichen  Drucken  vor.  Bei  allen  übrigen  aber  müfsen  wir  uns  mit 
den  elenden  Ausgaben  der  alten  Bände  der  Monumenta  Botca,  mit 
den  alten  Drucken  bei  Meichelbeck  und  Pez,  mit  den  unzureichen- 
den Editionen  im  Oberösterreichischen  Urkundenbuch ,  in  den  älteren 
Bänden  der  Fontes  rerutn  Austriacarum  u.  s.  w.  begnügen  und  bc- 
helfen.  Selbst  bei  einzelnen  der  wichtigsten  Gruppen,  wie  etwa  bei 
Freising  und  St.  Emmeram  steckt  noch  ungedrucktes  Material  in  den 
Handschriften. 

So  schlimm  steht  es  im  Grunde  mit  der  Bearbeitung  dieses  ganzen 
Quellenbestandes.  Es  wäre  daher  mit  Freuden  zu  begrüfeen,  wenn 
die  historische  Kommission  in  München  bei  der  beabsichtigten  Neu- 
ausgabe des  Kozroh  nicht  stehen  bleiben,  sondern  gleich  auch  die 
Edition  der  übrigen  Freisinger  Codices  ins  Auge  fassen  würde.  Gerade 
das  auf  Kozrohs  Arbeit  nächstfolgende  Traditionsbuch,  der  sog.  Codex 
commutattonum,  fafst  das  Material  von  der  Mitte  des  IX.  bis  ins  XIL 
Jahrhunderts  in  sich,  ist  nicht  minder  wichtig  und  wertvoll  als  wie  Koz- 
roh, ja  der  Bearbeitung  insofern  noch  dringender  bedürftig,  weil  er 
sich  über  drei  Jahrhunderte   erstreckt  und   heute   noch   nicht   einmal 


i)  Eine  kurze  Übersicht  der  wichtigsten  bei  Waitz,  Deutsche  Verfassungsgesch.  5% 
Vorbemerkungen  S.  XIV;  ein  Verzeichnis  der  auf  dem  Boden  des  heutigen  Bayern  er- 
haltenen Traditionscodices  von  Klöstern  bei  Gengier,  Beiträge  z.  bayer.  Rechtsgesch. 
I,  230  ff.  Eine  knappe  Zusammenstellung  aller  mir  bekannten  bayrisch-österreichichischeRi 
Traditionsgruppen  mit  kurzer  Angabe  der  Drucke  gebe  ich  im  Anhange. 


—     97     — 

inhaltlich  vollständig  bekannt  gemacht  ist  ^).  Ja  wir  können  den  Wunsch 
nicht  verhehlen,  dafs  überhaupt  eine  systematische  Bearbeitung 
der  ganzen  bayerischen  Traditionsbücher  in  Angriff  genommen  werden 
möge.  Denn  gerade  gegenüber  so  massenhaft  vorhandenem  und  auch 
von  der  Forschung  in  Masse  zu  benutzendem  Material  hat  das  Heraus- 
greifen dieser  oder  jener  einzelnen  Gruppe  geringeren  Wert.  Die 
Arbeit  würde  sich  ja  verteilen:  träfe  auch  das  heutige  Bayern  der 
Löwenanteil,  so  hätten  doch  auch  Ober-  und  Niederösterreich  das 
ihrige  zu  thun;  für  Salzburg  ist  ja  gesorgt,  und  die  vereinzelten  Tra- 
ditionsbücher  in  Steiermark,  Kärnten  und  Tirol  sind  bereits  ein  Teil 
der  neueren  Landesurkundenwerke  oder  werden  einen  Teil  derselben 
bilden.  Genug,  an  den  Traditionsbüchem  und  ihren  Nachfolgern,  den 
Urbaren,  sind  noch  Schätze  zu  heben  mit  zielbcwufster,  gemeinsamer 
Arbeit.  Man  sucht  nach  Quellen  zur  deutschen  Kultiu'geschichte,  um 
sie  zu  publizieren  —  hier  sind  sie! 

Yerzeiehnis  der  bajTiscb-Ssterrelchischeii  Traditlonsbflcher. 

Admont  (Zahn,  Steiermark.  ÜB.  i,  Wichner  Gesch.  von  Admont).  — 
Aldersbach  (Mon.  Boica  5).  —  Altaich,  Nieder-  (MB.  11).  —  Altaich,  Ober- 
(MB.  12).  —  Aspach  (MB.  5).  —  Au  am  Inn  (Drei  bayer.  Traditions- 
bticber). 

Baumburg  (MB.  3).  —  Beiharting  (MB.  5,  Deutinger  Beyträge  4).  — 
Benedictbeuem  (MB.  7).  —  Berchtesgaden  (Quellen  u.  Erört.  i).  —  Bi- 
burg  (Oefele  in  Sitzungsber.  d.  bayer.  Akad.  1896).  —  Brixen  (Acta  Tiro- 
lensia  i). 

St  Castulus  in  Moosburg  (Oberbayer.  Archiv  2).  —  Chiemsee  (Herm- 
wörth;  MB.  2). 

Diessen  (MB.  8). 

Ebersberg  (Hundt  in  Abhandl.  der  bayer.  Akad.  14).  —  St.  Emmeram 
in  Regensburg  (Pez  Thesaurus  i,  Quellen  u.  Erört.  i,  Bretholz  in  Mitteü.  d. 
Instituts  12).  —  Ensdorf  (Freyberg  Sammlung  histor.  Schriften  2). 

Falkenstein  (Grafen  von,  Drei  bayer.  Traditionsbüchcr).  —  St  Florian 
(Sttilz  Gesch.  von  St  Florian).  —  Formbach  (Oberösterr.  ÜB.  i).  —  Frei- 
sing (Bischöfe  und  Domkapitel,  Meichelbeck  Hist.  Frisingensis,  K.  Roths 
Schriften  über  Kozroh  (1853  —  1857),  Hundt  in  Abhandl.  der  bayer.  Akad. 
1^9  13»   14  und  im  Oberbayer.  Archiv  34,  Zahn  in  Fontes  rer.  Austr.  II  31). 

Gars  (Drey  bayer.  Traditionsbücher).  —  Garsten  (Oberösterr.  ÜB.  i). 
Geisenfeld  (MB.    14).   —   St    Georgen   a.    d.  Traysen   (Herzogenburg,   Ar- 
chiv für  österr.  Gesch.  9,  Notizenblatt  d.  Wiener  Akad.   1851).  —   St  Ge- 
orgenberg   (Fiecht,    Chronik   von   Georgenberg    nun   Fiecht).   —     Göttweih 
(Fontes  rcr.  Austr.  II  8). 

Indersdorf  (Himdt  im  Oberbayer.  Archiv  24).  —  Innichen  (Marian 
Fidler,  Oesterr.  Klerlsey  II  4,  295). 


1)  Vgl  Mitieil.  de«  Instituts  5,  12  flf. 


—     98     — 

Klosterneuburg  {Fontes  rer.  Austr.  II  4).  —  Kühbach  (Öfele  in  Sitzungs- 
l^er.  d.  bayer.  Akad.   1894). 

Mallersdorf  (MB.  15).  —  Mattsee  (vgl.  Erben  in  Fontes  rer.  Austr. 
II  49,  S.  100).  —  Melk  (Holzer,  Die  geschichtl.  Handschriften  der  Melker  Biblio- 
thek). —  Metten  (MB.  11).  —  Michaelbeuem  (Filz  Gesch.  von  Michel- 
beuem).  —  Mondsee  (Oberösterr.  ÜB.  i).  —  Münchsmtinster  (Cod.  Mün- 
<:hen  Reichsarchiv,  ungedruckt). 

Neustift  bei  Brixen  (Fontes  rer.  Austr.  II  34).  —  Neustift  bei  Freising 
(MB.  9).  —  St.  Nicolaus  bei  Passau  (Oberösterr.  Uß.   i). 

Obermünster  in  Regensburg  (Quellen  u.  Frört,  i). 

Passau  (Bischöfe  und  Domkapitel,  MB.  28^  und  29^).  —  St.  Paul 
{Fontes  rer.  Austr.  II  39).  —  PoÜing  (MB.  10).  —  Priefling  (Prüfening, 
MB.   13). 

Raitenhaslach  (MB  3  und  6).  —  Ranshofen  (MB.  3  und  Oberösterr. 
ÜB.  i).  —  Reichenbach  (MB.  14).  —  Reichersberg  (Oberösterr.  ÜB.  i).  — 
Rohr  (Verhandl.  d.  histor.  Vereins  f.  Niederbayern  19). 

Salzburg  (Erzbischöfe,  Domkapitel,  Kloster  St.  Peter,  Hauthaler  Salz- 
burger ÜB.  i).  —  Schefdam  (MB.  8).  —  Scheyem  (MB.  10).  —  Schleh- 
dorf (MB.  9).  —  Suben  (Oberösterr.  ÜB.   i). 

Tegerasee  (MB.  6). 

Victring  (vgl.  Ankershofen  im  Archiv  f.  österr.  Gesch.  5,  226). 

Weihenstephan  (MB.  9).  —  Weltenburg  (MB.  13,  imgedrucktes  in  Cod. 
1234  der  Wiener  Hofbibl.)  —  Wessobrunn  (MB.  7).  —  Windberg  (Braun- 
müller in  Verhandl.  des  histor.  Vereins  f.  Niederbayem  23). 

Zwetti  (Fontes  rer.  Austr.  II  3). 


ie  landesgesehiehtliehe  Forschung  in  Pom^ 
mern  während  des  letzten  Jahrzehnts 

Von 
Martin  Wehrmann  (Stettin) 

Den  engen  Zusammenhang  der  allgemeinen  und  der  Territorial- 
geschichte nicht  aus  dem  Auge  zu  verlieren,  ist  eine  Forderung,  die 
vor  allem  immer  wieder  zu  betonen  ist  für  die  Lokalforschung  in  den 
Ländern,  welche  äufserlich  von  dem  Gange  der  grofsen  Elreignisse 
wenig  berührt  worden  sind  und  räumlich  dem  Schauplatze  derselben  ferne 
liegen.  Gerade  hier  ist  naturgemäfs  die  Gefahr  nahe,  über  dem  Ein- 
zelnen und  Kleinen  das  Grofse  und  Ganze  zu  vergessen  und  die  feinen 
Fäden  unbeachtet  zu  lassen,  durch  welche  die  Entwicklung  auch 
dieser  Territorien  verknüpft  ist  mit  dem  Fortschreiten  des  groisen 
Vaterlandes  und  der  benachbarten  Gebiete.  Diesen  Einflüssen  nach- 
zugehen, bietet  aber  auch  wieder  besonderes  Interesse,  eben  weil 
es  gilt,  nicht  an  der  äufseren  Geschichte  zu  haften,  sondern  tiefer  in 
das  Innere  der  Entwicklung  einzudringen.    Andrerseits  trägt  aber  auch 


—     99     — 

itir  die  allgemeine  Forschung'  die  Untersuchung,  wie  die  groisen  Er- 
eignisse auf  ein  solches  Land  gewirkt  haben,  nicht  wenig  zur  tieferen 
Erkenntnis  derselben  bei.  Zu  den  deutschen  Territorien,  die  schein- 
bar der  allgememen  Geschichte  Deutschlands  ganz  fern  stehen,  gehört 
in  erster  Linie  wohl  Pommern,  das  Land  am  Meere,  das  lange  Zeit 
teils  deutschen,  teils  slavischen,  teils  nordgermanischen  Charakter  trug. 
Mit  diesem  Lande ,  das  von  den  groisen  Geschehnissen  kaum  je  berührt 
worden  ist,  hat  sich  die  allgemeine  Geschichtsforschung  eigentlich  nie  be- 
schäftigt, und  umgekehrt  haben  die  pommerschen  Territorialforscher, 
an  denen  es  niemals  gefehlt  hat,  ihre  Blicke  oft  nicht  über  die  Grenzen 
<les  Territoriums  hinaus  gerichtet,  sehr  zum  Nachteile  ihrer  fleiisigen 
und  mühseligen  Arbeiten.  Dafs  es  aber  auch  nicht  an  Versuchen  ge- 
fehlt hat,  die  pommersche  Geschichte  in  weiterem  Sinne  aufzufassen, 
ist  zwar  nicht  zu  leugnen,  jedoch  haben  diese  Versuche,  wie  z.  B.  die 
für  ihre  Zeit  recht  tüchtige  Geschichte  von  Pommern  und  Rügefi 
von  F.  W.  Barthold  (Hamburg  1839 — 1845),  an  dem  Mangel  wirk- 
lich brauchbarer  Vorarbeiten  zu  leiden  gehabt.  Daher  hat  Barthold 
mit  dem  Stoffe  noch  so  zu  kämpfen,  dafs  darüber  die  Form  zu  kurz 
kommt.  Trotzdem  man  in  den  seitdem  verflossenen  mehr  als  fünzig 
Jahren  fleifsig,  wenn  auch  nicht  immer  methodisch  an  der  Erschließung 
weiterer  Quellen  gearbeitet  hat,  ist  eine  zusammenfassende  Geschichte 
des  Landes  noch  nicht  zu  stände  gekommen,  und  auch  die  populären 
Darstellungen  (z.  B.  von  K.  Mafs,  Stettin  1899,  oder  die  Geschichts- 
bilder von  R.  Hanncke,  Stettin  1899)  können  nicht  als  gelungen 
bezeichnet  werden.  Es  giebt  eben  überall  noch  zu  viele  offene  Fragen, 
und  es  fehlt  vor  allem  noch  gar  sehr  an  Quellenpublikationen. 

Für  die  mittelalterliche  Geschichte  Pommerns  sind  wir  abgesehen 
von  einigen  sehr  dürftigen  Anfangen  einer  heimischen  Chronistik  und 
den  wenigen  Nachrichten  bei  auswärtigen  Chronisten  fast  ganz  auf  die 
Urkunden  angewiesen.  Das  von  R.  Klempin  begonnene  und  von 
R.  Prümers  dann  weitergeführte  Pommersche  Urkundenbuch  ist  in 
drei  Bänden  bis  zum  Jahre  1300  (Stettin  1868 — 1891)  gelangt.  Seit 
dem  Jahre  1891  hat  die  Arbeit  lange  geruht,  bis  sie  vor  kurzem  im 
Stettiner  Staatsarchive  wieder  aufgenommen  worden  ist,  so  dais  in 
einigen  Jahren  eine  Fortsetzung  zu  erhoffen  ist.  Bis  dahin  müssen  die 
Urkundenbücher  Mecklenburgs  und  der  Hansa,  die  einen  schnelleren 
Fortgang  genommen  haben,  einigermafsen  aushelfen,  wenn  sie  auch 
gerade  für  die  interessanteste  Seite  der  Territorialforschung,  die  innere 
Entwicklung  des  neu  gewonnenen  deutschen  Kolonialgebietes,  natur- 
^emäfs  fast  nichts  bieten.     Einigen  Ersatz  dagegen  finden  wir  in  ein- 


—     100     — 

zelnen  fleiisigen  Urkundensammlungen  zur  Geschichte  pommerschcr 
Geschlechter,  wie  sie  neuerding-s  die  Familien  v,  Wedel  oder  v.  Ztke- 
witz  u.  a,  haben  erscheinen  lassen.  Eine  dringende  Forderung  gerade 
für  Pommern  ist  eine  Inventarisierung  der  kleineren  Archive,  die  noch 
nicht  in  das  Staatsarchiv  zu  Stettin  gekommen  sind.  Ein  kleiner 
Anfang  in  dieser  Richtung  ist  durch  das  Verzeichnis  der  erhaltenen 
mittelalterlichen  Stadtbücher  (Baltische  Studien  XL  VI,  45 — 102)  und 
die  Zusammenstellung  der  Kirchenbücher  (Balt.  Studien  XLII, 
201 — 280)  gemacht  worden.  Für  die  Entwicklung  der  deutschen 
Städte  im  Kolonialgebiet  ist  von  besonderer  Bedeutung  das  Archiv 
der  Stadt  Stralsund,  die  ja  im  Mittelalter  die  führende  Rolle  unter 
den  pommerschen  Städten  spielte.  Aus  demselben  ist  nach  dem 
ersten  von  Fabricius  herausgegebenen  Stadtbuche  nun  auch  das 
zweite,  die  Jahre  13 10 — 1342  umfassende  Buch,  zunächst  wenigstens 
zum  Teil  veröffentlicht  (von  Reuter,  Lietz  und  Wehner,  Stralsund 
1896).  Eine  Quelle  für  die  Erkenntnis  des  geistigen  Lebens  nicht  nur 
Pommerns  ist  die  Matrikel  der  Universität  Greifswald  (Publikationen 
aus  den  K.  Preufe.  Staatsarchiven,  Bd.  LH.  LVII,  Leipzig  1893.  1894), 
deren  Einflufs  ja  allerdings  früher  nie  sehr  weit  gegangen  ist. 

Der  Aufgabe,  nach  Möglichkeit  Quellen  zu  publizieren,  hat  sich 
weder  die  Gesellschaft  für  Pommcrsche  Geschichte  und 
Altertumskunde,  die  trotz  mancherseits  ihr  bewiesener  Gleichgültig- 
keit oder  gar  Abneigung  den  Mittelpunkt  der  pommerschen  Territorial- 
geschichtsforschung seit  nunmehr  75  Jahren  bildet,  noch  der  viel  jüngere 
Verein  für  die  Geschichte  der  Neumark  (Landsberg  a.  W.), 
zu  dessen  Arbeitsgebieten  einige  Kreise  der  heutigen  Provinz  Pommern 
gehören,  entzogen.  Urkunden  und  Kopiar  des  Klosters  Neuenkamp 
sind  von  F.  Fabricius,  und  das  Rügische  Landrecht  von  Matthäus 
Normann  von  G.Frommhold(  Quellen  zur  Pommerschen  Geschichte, 
Bd.  II  und  III,  Stettin  1891,  1896)  veröffentlicht,  und  E.  Joachim  und 
P.  V.  Niefsen  haben  ein  Repertorium  der  im  KönigL  Staatsarchive 
zu  Königsberg  i  Pr,  befindlichen  Urkunden  zur  Geschichte  der  Neu- 
mark [Schriften  des  Vereins  für  die  Geschichte  der  Neumark  IIL 
Landsberg  a.  W.  1895)  herausgegeben.  Den  beiden  Vereinen  einen 
Vor-wurf  zu  machen,  dafs  sie  nicht  mehr  Quellenpublikationen  aufzuweisen 
haben,  wäre  ungerecht,  da  mit  den  hierfür  vorhandenen  Mitteln  und 
einer  Rücksichtnahme  auf  die  Mitglieder  zu  rechnen  ist ,  die  andere 
Veröffentlichungen  gewöhnlich  vorziehen.  Die  Gesellschaft  für  pom-^ 
mersche  Geschichte  ist  trotzdem  in  letzter  Zeit  dieser  Aufgabe- 
wieder  näher  getreten  und  hat  eine  neue  Ausgabe   der  ältesten   pom- 


—     101     — 

merschen  Chronik,  der  Pomeranta  des  Johannes  Bugenhagen, 
in  Angriff  und  eine  Sammlung  der  geringen  chronikalischen  Reste  des 
Mittelalters  in  Aussicht  genommen.  Im  ganzen  weniger  als  historische 
Quelle,  sondern  mehr  als  eine  ganz  vortreffliche  Darstellung  der  pom- 
merschen  Geschichte  aus  der  ersten  Hälfte  des  XVI.  Jahrhunderts  ist 
die  Chronik  des  Thomas  Kantzow  aufzufassen,  deren  zweite  und 
dritte  Bearbeitung  endlich  eine  würdige  Ausgabe  gefunden  hat  (von 
G.  Gabel,  Stettin  1897,  1898).  Hier  ist  auch  namentlich  für  die  Zeit, 
in  welcher  der  Chronist  lebte,  ein  reicher  Stoff  geboten,  den  sich  die 
allgemeine  Geschichte  des  Reformationszeitalters  nicht  entgehen  lassen 
sollte.  Ebenso  ist  kulturgeschichtlich  sehr  wertvoll  das  Reisebuch  des 
Lupoid  V,  Wedel  aus  den  Jahren  I561 — 1606  (herausgegeben  von 
M.  Bär,  Balt.  Studien  XLV). 

Die  wirklich  wissenschaftliche  Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der 
pommerschen  Geschichtsforschung  ist  in  den  letzten  Jahren  recht 
rege  und  intensiv  gewesen,  namentlich  sind  die  Bestände  des  Stettiner 
Staatsarchivs  wohl  mehr  als  früher  benutzt  worden.  Es  sind  dadurch 
einerseits  Arbeiten  mehr  lokalgeschichtlichen  Charakters  entstanden, 
•die  zumeist  in  den  beiden  Zeitschriften  der  Gesellschaft  fiir  pommersche 
Geschichte  und  Altertumskunde,  den  „Baltischen  Studien'*  und  den 
„Monatsblättem*',  erschienen  sind.  Diese  Beiträge  zur  pommerschen 
<jeschichte  haben  schon  manchen  bisher  dunklen  Punkt  aufgehellt  und 
auch  in  ihrem  bescheidenen  Teile  einiges  zur  Kenntnis  der  Vergangenheit 
beigetragen.  Für  die  allgemeine  Geschichte  mag  vieles  davon  gleich- 
gültig und  nichtig  erscheinen,  in  Wirklichkeit  ist  es  schlieislich  doch  nicht 
der  Fall.  Es  sollen  an  dieser  Stelle  solche  kleinen  Arbeiten  nicht  in 
Menge  aufgezählt  werden;  wenn  sie  aber,  wie  es  leider  immer  noch 
geschieht,  von  späteren  Forschem  gar  nicht  beachtet  werden,  so  ist 
das  sicher  zu  bedauern.  Auf  Grund  der  herausgegebenen  Quellen 
oder  archivalischer  Studien  sind  aber  auch  umfangreichere  Arbeiten 
erschienen ,  die  direkt  für  die  allgemeine  Geschichte  von  Bedeutung 
^ind.  Ein  zusammenfassendes,  wenn  auch  nicht  vollständiges  Bild 
der  Germanisation  des  Slavenlandes  hat  W.  v.  Sommerfeld  [Ge- 
schichte der  Germanisirung  des  Herzogthums  Pommern,  Leipzig  1896) 
gegeben,  indem  er  allerdings  mehr  die  historische  Entwicklung  dieser 
Kolonisation,  als  die  wirtschaftliche  Bedeutung  ins  Auge  gefaist  hat. 
Auch  andere  Arbeiten,  die  sich  mit  dieser  groisen  That  des  deutschen 
Volkes  beschäftigen,  haben  mancherlei  zur  Klärung  der  ältesten 
Geschichte  unseres  Landes  beigetragen,  indem  teils  mehr  die  Chris- 
tianisierung und  0^[anisation    der  Kirche,    teils    mehr   die   Germani- 


—     102     — 

sation  des  Landes  betont  ist.  An  Wieseners  treffliche  Darstellung* 
der  Geschichte  der  christlichen  Kirche  Pommerns  zur  Wendenzeit 
(Berlin  1889)  schlieisen  sich  ergänzend  und  weiterführend  der  Aufsatz 
Iflands  [Geschichte  des  Bisthums  Camin  unter  Conrad  II L,  Stettin 
1896)  und  meine  mannigfachen  Beiträge  zur  Geschichte  des  Caminer 
Bistums  an.  Noch  gar  nicht  behandelt  ist  aber  die  zweite  Periode  der 
Germanisierung  des  Landes,  die  Zeit,  in  welcher  die  neue  deutsche 
Bevölkrung  wirklich  feste  Wurzel  fafste  und  in  ruhiger  steter  Arbeit 
das  Gebiet  kultivierte.  Hierbei  ist  namentlich  die  Thätigkeit  der  grofeea 
Cisterzienserklöster  in  Betracht  zu  ziehen,  für  die  wenigstens  zum  Teil 
urkundliches  Material  zur  Genüge  vorliegt.  Aus  solchen  Spezialunter- 
suchungen wird  auch  die  allgemeine  deutsche  Wirtschaftsgeschichte 
Nutzen  ziehen  können. 

Staatsrechtlich  von  Bedeutung  ist  die  Frage  nach  der  Stellung 
der  neu  eroberten  und  gewonnenen  Kolonialgebiete  zu  den  alten  Marken 
des  Reiches  und  dem  Reiche  selbst,  und  für  Pommern  ist  sie  beson- 
ders wichtig,  da  mit  derselben  der  langjährige  Kampf  gegen  Branden- 
burg eng  zusammenhängt  und  in  seinem  Ursprung  auf  dieses  Ver- 
hältnis zurückgeht.  Von  der  ältesten  Zeit  an  zieht  sich  die  branden- 
burgische Frage  durch  Pommerns  Geschichte  bis  zu  dem  Jahre,  ii> 
dem  das  Land  seine  politische  Selbständigkeit  verlor  (1637).  Über 
das  Lehnsverhältnis  zwischen  Brandenburg  und  Pommern  im  XIII 
und  XIV.  Jahrhundert  giebt  F.  Zickermann  (Forschungen  zur 
Brandenb.  und  Preufs.  Geschichte  IV,  i — 120)  eine  sorgfältige  Unter- 
suchung, die  aber  in  ihrer  grundlegenden  Auffassung  bei  F.  Rachfahl 
(Forschungen  zur  Brandenb.  und  Preufs.  Gesch.  V,  403 — 436)  auf  Wider- 
spruch gestofsen  ist.  Eine  zweite  Periode  dieses  gro(sen  Streites  hat  ia 
ausführlicher  und  trefflicher  Weise  Räch  fahl  selbst  behandelt  [Der 
Stettiner  Erbfolgestreit  1464 — 1472,  Breslau  1890),  während  P.  Gäht- 
gens  gleichzeitig  die  Beziehungen  zwischen  Brandenburg  und  Pom- 
mern unter  Kurfürst  Friedrich  IL  (Giefsen  1890)  dargestellt  hat. 
Durch  die  zum  Teil  verschiedene  Behandlung  desselben  Stoffes  sind 
viele  Punkte  einer  der  zahlreichen  Territorialstreitigkeiten  im  XV.  Jahr- 
hundert aufgehellt  und  die  Beziehungen  des  Kaiser  Friedrich  IIL 
zum  Norden  Deutschlands  in  schärferes  Licht  gestellt  worden. 
Rachfahl  hat  seine  Auffassung  gegenüber  Gähtgens  verteidigt  und  klar- 
gelegt (Balt.  Studien  XLI,  261 — 279).  Fortgesetzt  ist  die  Darstellung 
des  Kampfes  von  W.  Brandt,  der  auf  Grund  der  von  F.  Priebatsch 
herausgegebenen  Politischen  Correspondenz  des  Albreeht  Achilles- 
den  Krieg  dieses  Kurfürsten  gegen  Sagan  und  Pommern  1476 — 1479» 


—     103     — 

(Greifewald  1898)  schildert.  In  g^ewissem  Sinne  hängten  mit  diesenv 
Streite  auch  noch  die  Kämpfe,  die  im  dreifsigjährigen  Kriege  um 
Pommern  geführt  wurden,  und  die  Kriege  zusammen,  welche  Kurfürst 
Friedrich  Wilhelm  zur  Erwerbung  des  ihm  gewaltsam  vorenthaltenen 
Erbes  unternahm.  Die  passive  Rolle,  die  das  umstrittene  Gebiet  und 
sein  letzter  selbständiger  Herzog  spielten,  und  die  Pläne  Gustav  Adolfs 
sind  von  M.  Bär  auf  Grund  neu  herangezogener  Akten  klar  dargestellt 
worden  in  seiner  Schrift  Die  Politik  Pommerns  während  des  Dreifsig- 
jährigen  Krieges.  (Publikationen  aus  den  K.  Preufsischen  Staats- 
archiven, Bd.  LXrV,  Leipzig  1896),  und  für  die  Kriege  des  Grofsen 
Kurfürsten  auf  pommerschem  Boden  haben  E.  Müsebeck  [Die- 
Feldzüge  des  Gro/sen  Kurjürsten  in  Pommern,  Balt.  Studiea 
N.  F.  I,  I — 142),  Täglichsbeck  {Die Belagerung  der  Stadt  Anklam,. 
Balt.  Studien  XLIII,  i — 60)  und  H.  Prutz  (z.  B.  Die  Eroberung 
Stralsunds  durch  den  Grofsen  Kurfürsten,  Balt.  Studien  N.  F.. 
II,  I — 20)  Arbeiten  von  weitergehendem  Interesse  geliefert.  Weniger 
klar  liegt  bisher  unsere  Kenntnis  von  der  ersten  Einrichtung  der  schwe- 
dischen und  der  brandenburg-isch-preufisischen  Regierung  in  dem  ge- 
teilten Lande,  obwohl  O.  Malmström  [Bidrag  tili  svenska  Pom-- 
mems  historia  1630 — 1653,  Lund  1892,  und  Bidrag  tili  svenska 
Pommerns  historia  1653 — 1660,  Helsingborg  1894)  aus  schwedischen: 
Quellen  wertvolles  Material  mitgeteilt  hat.  Für  die  innere  Regierung^ 
Friedrichs  des  Grofsen  bringt  in  Bezug  auf  Pommern  mancherlei 
Neues  P.  Wehrmann  [Friedrieh  d.  Gr.  als  Colonisator  in  Pommern,. 
Pyritz  1897,  1898),  während  C.  F.  Fuchs  den  Untergang  des  Bauern^ 
Standes  in  Schwedisch-Pommem  [Strafshurg  1888  und  Balt.  Studien 
XLI,  204 — 222)  behandelt  hat. 

Die  innere  Entwicklung  des  Herzogtums  Pommern  mag  in  seinen. 
Einzelheiten  für  die  allgemeine  Geschichte  weniger  wichtig  sein,  inte- 
ressant bleibt  aber  immerhin  auch  die  Betrachtung,  wie  in  diesem  neu 
gewonnenen  Kolonialgebiete,  dessen  östliche  Teile  immer  noch  vor- 
wiegend slavisch  blieben  und  unter  polnischem  Einflüsse  standen,  die 
neu  eingeführten  deutschen  Einrichtungen  und  auf  diesem  Boden  der 
Territorialstaat  sich  entwickelten.  Kam  in  den  Städten,  namentlich  im 
westlichen  Teile  Pommerns  das  Deutschtum  zum  vollen  Siege  und 
fand  in  dem  Anschlüsse  derselben  an  den  Hansabund  seinen  deutlichen 
Ausdruck  (R.  Daenell,  Geschichte  der  deutschen  Hansa  in  der 
zweiten  Hälfte  des  XIV,  fahr  hunder ts,  Leipzig  1897),  so  schwankte  die 
Politik  der  Herzoge  durchaus  hin  und  her  zwischen  Polen,  Deutschland 
und  Dänemark.     Er^t  in   der  Zeit  der  Reformation   kam  das 


—     104     — 

Gefühl  der  Zugehörigkeit  des  Landes  zum  Reiche  zum 
vollen  Durchbruche,  wenn  auch  die  politische  Stelluog- 
der  Herzoge  eine  sehr  unsichere  blieb.  Im  Innern  aber  kam 
um  die  Wende  des  XV.  Jahrhunderts  in  Verfassung  und  wirtschaftlicher 
Gestaltung  eine  neue  Ordnung  auf,  und  die  Anfange  des  modernen 
Staates  wurden  in  dem  zerrütteten  und  verkommenen  staatlichen  GebUde 
das  damals  bestand,  gelegt,  wie  M.  Spahn  in  seiner  fleifeigen, 
aber  nicht  genügend  durchgearbeiteten  Abhandlung  ( Verfassungs-  und 
Wirtschaftsgeschichte  des  Herzogthums  Pommern  von  14J8 — /tf2j, 
Berlin  1896)  zeigt.  Durch  dieselbe  ist  die  Anregung  gegeben,  das 
in  grofsen  und  daher  nicht  immer  zu  treffenden  Zügen  geschUderte 
Bild  weiter  auszumalen  und  im  einzelnen  zu  verbessern.  Namentlich 
auch  die  Einführung  der  Reformation,  für  welche  Arbeiten  von 
O.  Vogt  [Bugenhagens  Briefwechsel,  Balt.  Studien  XXXVIII), 
M.  Wehrmann  {Die  pommersche  Kirchenordnung  von  iS35> 
Balt.  Studien  XLIII,  128 — 210)  und  F.  Bahlow  [Johann  Knipstro, 
Halle  1898)  vorliegen,  bedarf  es  noch  eingehender  Untersuchungen, 
um  solchen  tendenziösen  Darstellungen  entgegenzutreten,  wie  sie 
E.  Görigk  (Erasmus  Manteuffel,  der  letzte  katholische  Bischof 
von  Camin,  Braunsberg  1899)  gegeben  hat.  Die  Stellung  Pom- 
merns in  den  späteren  Streitigkeiten  und  Kämpfen  ist  wenig  her- 
vorragend und  von  geringerer  Bedeutung  für  die  allgemeine  Geschichte 
{M.  V.  Stojentin.yä^e?^  von  Zitze^vitz,  ein  Pommerscher  Staatsmann 
aus  dem  Reformations- Zeitalter,  Balt.  Studien  N.  F.  I,  143 — 288); 
auch  im  weiteren  Verlaufe  des  XVI.  Jahrhunderts  ist  eigentlich  nur  ein 
Herzog  in  engere  Beziehung  zum  Kaiser  getreten  (J.  Mueller,  Herzog 
Johann  Friedrich  und  die  Reichshoffahne  i.f.  ij66,  Balt.  Studien  XLII, 
49  —  200)  und  in  den  nordischen  Streitigkeiten  thätig  gewesen 
{O.  Blümcke,  Pommern  während  des  nordischen  siebenjährigen 
Krieges,  Balt.  Studien  XL,  134 — 480 ;  XLI,   i — 98). 

(Schlafs  folgt-) 


Mitteilungen 

Eomilllssloiieil.  —  Aus  dem  Berichte  über  die  vierzigste  Plenar- 
versammlung  der  historischen  Kommission  bei  der  kgl.  baje- 
rischen  Akademie  der  Wissenschaften,  die  vom  25.  bis  27.  Nfai  1899 
in  München  statt&nd,   ist  über  den  For^ng   der  unternommenen  Arbeiten 


I 
I 


—     105     — 

folgendes  zu  ersehen:  Von  den  Deutschen  Reichstagsakten  älterer  Serie 
ist  der  ii.  Band,  bearbeitet  von  G.  Beckmann,  ausgegeben  worden, 
während  die  Bände  lo  und  12  fast  druckfertig  sind.  Mit  Bd.  12  wird  die 
Publikation  bis  1437  geführt  sein,  während  es  von  dem  Beschlüsse  der 
nächsten  Plenar\'ersammlung  abhängt,  wie  das  Unternehmen  fortgesetzt  wird. 
Die  von  Adolf  Wrede  in  Göttingen  geleitete  Ausgabe  der  Reichstagsakten 
jüngerer  Serie  ist  bis  ziun  dritten  im  Druck  befindlichen  Bande  fort- 
geschritten. Von  den  deutschen  Städtechroniken  ist  der  26.  Band,  ent- 
haltend den  gröfsten  Teil  der  von  Koppmann  bearbeiteten  Lübecker  Chro- 
niken, vollendet,  der  27.  Band,  enthaltend  den  zweiten  Teil  der  Magde- 
burger Chroniken  in  der  Bearbeitung  von  Prof.  Hertel,  ist  ebenfalls  ab- 
geschlossen, und  die  noch  fehlenden  Chroniken  von  Bremen  und  Rostock 
sollen  demnächst  in  Bearbeitung  genommen  werden.  Die  durch  den  Tod 
FeHx  Sdeves  schwer  geschädigten  Editionen  der  jüngeren  Bayrisch- 
Pfälzischen  Abteilung  der  Witteisbacher  Korrespondenzen 
ist  durch  Karl  Mayr,  Sekretär  der  kgl.  Akademie  d.  W.,  und  Prof.  Chroust 
fUr  die  Zeit  von  1609  bis  16 13  und  durch  Dr.  Altmann  für  die  Jahre  1629 
bis  1630  in  Bezug  auf  die  Materialsammlung  als  abgeschlossen  zu  betrachten. 
Die  von  Prof.  v.  Bezold  geplante  Herausgabe  von  Briefen  von  Huma- 
nisten ist  im  I>aufe  des  Jahres  gut  vorbereitet  worden  und  der  Plan  so 
festgestellt,  dafs  in  drei  Bänden,  welche  den  Kreisen  um  Conrad  Celtis, 
Pirkheimer  und  Peutinger  gewidmet  sind,  der  Stoff  bewältigt  werden  kann. 
Eine  zeitliche  Grenze,  bis  zu  der  Briefe  Aufnahme  finden  sollen,  kann 
nicht  mechanisch  festgestellt  werden,  aber  im  allgemeinen  soll  die  Generation, 
die  nach  1500  geboren  ist,  nicht  mit  in  Betracht  kommen.  Als  neue  Auf- 
gabe wurde  femer  die  seit  1863  sistierte  Herausgabe  der  Quellen  und 
Erörterungen  zur  bayerischen  und  deutschen  Oeschihte  beschlossen,  welche 
eine  geeignete  Ergänzung  der  in  den  Monumenta  Germaniae  und  Monumenta 
fioica  niedergelegten  Veröffentlichungen  bilden  sollen.  Die  Jahrbücher  des 
Deutschen  Reiches  unter  Otto  II.  bis  Friedrich  II.  und  die  Allgemeine  Deutsche 
Biographie,  welche  ihrem  Abschlufs  entgegengeht,  haben  auch  im  Berichts- 
jahre wesentliche  Förderung  erfahren. 

Die  Thüringische  Historische  Kommission  tagte  am  14.  Ok- 
tober unter  dem  Vorsitz  von  Prof.  Rosenthal  zu  Jena.  Für  die  vom  Archiv- 
direktor Burkhardt  vorbereitete  Ausgabe  der  Land  tagsakten  der Emestiner 
zunächst  im  Zeitraum  von  r486  bis  1547  ist  das  Material  gesammelt,  da 
aber  der  Stoff  zu  reich  ist,  so  soll  mit  dem  Jahre  1532  ein  Einschnitt  ge- 
macht und  das  Ganze  auf  zwei  Bände  verteilt  werden.  Die  Publikation  der 
Stadtrechte  ist  bereits  so  weit  vorbereitet  dafs  für  1900  die  Drucklegung 
der  Stadtrechte  von  Eisenach  (Prof.  Kühn)  und  Saalfeld  (Prof.  Koch)  ins 
Auge  gefafst  werden  kann.  Ohrdruf  und  Gotha  sollen  darauf  folgen.  Die 
Inventarisation  der  kleineren  thüringischen  Archive  ist  in  gutem 
Fortgang  begriffen,  aber  dennoch  wird  ein  etwas  beschleunigtes  Tempo  em- 
pfohlen. Die  Drucklegung  soll  so  erfolgen,  dafs  der  Zeitschrift  des  Vereins 
für  thüringische  Geschichte  und  Altertumskunde  jährlich  zehn  Bogen  Archiv- 
inventare  mit  besonderer  Seitenzählung  beigegeten  werden.  Ferner  soll  eine 
Nachforschung  nach  Materialien  zur  thüringischen  Geschichte  im  Germanischen 
Afuseum  zu  Nürnberg  in  die  Wege  geleitet  werden.     Zur  Belebung  der  For- 

8 


—     106     — 

schung  auf  dem  Gebiete  der  Schulgeschichte  Thüringens  sind  die  Pfleger 
besonders  angewiesen  worden^  einschlägiges  Material  zu  sammeln.  Für 
Eisenach  und  Arnstadt  ist  dies  bereits  geschehen,  und  für  Anfang  1900  ist 
das  Erscheinen  eines  speziell  thüringischen  Heftes  der  Mitteilungen  der 
Oesellschaft  für  deutsehe  Erziehungs-  und  Sckulgescfiichte  in  Aussicht  genommen. 
Behufs  des  Grundkartenunternehmens  (vgl.  oben  S.  35)  ist  zunächst  für 
jeden  der  thüringischen  Staaten  festzustellen,  ob  bei  den  Behörden  eine  das 
ganze  Staatsgebiet  umfassende  Karte  mit  den  Flurgrenzen  vorhanden  ist  und 
ob  Kräfte  für  die  Bearbeitung  der  Grundkarten  zur  Verfügung  stehen  würden. 
Ein  Verzeichnis  der  thüringischen  Wüstungen  nebst  Karte  wurde  dem 
Antrage  Dobeneckers  entsprechend  als  wünschenswert  bezeichnet,  aber 
zunächst  zu  genauerer  Beratung  auf  die  Tagesordnung  der  nächsten  Sitzung 
gesetzt.  In  ähnlicher  Weise  wurde  die  Publikation  der  Matrikel  der 
Universität  Jena  angeregt,  aber  die  Beschlufsfassung  darüber  ausgesetzt. 
Publikationen  zur  neueren  Geschichte  aus  thüringischen  Ar- 
chiven zu  veranstalten,  bezweckte  ein  Antrag  von  Dr.  Stoy;  imter  den  ver- 
schiedenen in  Vorschlag  gebrachten  Stoffen  befindet  sich  auch  eine  Geschichte 
der  Universität  Jena.  Über  die  Reihenfolge  dieser  Publikationen  soll  der 
Ausschufs  der  Kommission  Näheres  bestimmen. 

In  Karlsruhe  fand  am  20.  und  21.  Oktober  die  XVIII.  Plenarsitzung 
der  Badischen  historischen  Kommission  statt.  Während  die  Re- 
gesten zur  Geschichte  der  Bischöfe  von  Konstanz  imd  der  Mark- 
grafen von  Baden  und  Hachberg  wesentlich  fortgeschritten  sind,  ist  die 
Fortführung  der  Regesten  der  Pfalzgrafen  bei  Rhein  vorläufig  ausgesetzt 
worden,  dafür  aber  wird  Prof.  Wille  eine  darstellende  Pfälzische  Geschichte 
in  Angriff  nehmen.  Von  den  oberrheinischen  Stadtrechten  wird  bereits  bald 
das  fünfte  und  sechste  Heft  der  fränkischen  AbteUung  erscheinen,  wäh- 
rend von  der  schwäbischen  Abteilung  die  Stadtrechte  von  Überlingen, 
Konstanz  und  Freiburg  i.  B.  sich  in  Vorbereitung  befinden.  Prof.  Schulte 
hat  seine  Geschickte  des  mittelalterlichen  Handels  und  Verkehrs  zwischen 
Westdeutschland  und  Italien  unter  Ausschluß  Venedigs  vollendet,  das  Werk 
befindet  sich  im  Druck;  ebenso  ist  der  von  Archivrat  Obs  er  bearbeitete 
fünfte  (Schlufs-)Band  der  Politischen  Korrespondenz  Karl  Friedrichs  von  Baden 
unter  der  Presse.  Vom  Oberbadisehen  Oeschlechterbuck  ist  die  erste  Liefe- 
rung des  zweiten  Bandes  erschienen.  In  Vorbereitung  findet  sich  die  Her- 
ausgabe der  Korrespondenz  des  Fürstubtes  Martin  Oerbert  von  St.  Blasien,. 
die  Geschichte  des  schwäbiscJien  Kreises  vom  Westfälischen  Frieden  bis  zu 
seiner  Auflösung  imd  eine  Geschichte  der  badischen  Verwaltung;  ebenso  ist 
der  zweite  Band  der  Wirtschaftsgeschichte  des  Schwarzwaldes  und  der  an- 
grenzenden Landschaften,  bearbeitet  von  Prof.  Gothein,  in  nicht  allzu 
femer  Zeit  zu  erwarten.  Die  Inventarisation  der  kleineren  Archive,  die  in 
Baden  von  den  Pflegern  besorgt  wird,  ist  nahezu  vollendet,  die  Sammlung 
und  Zeichnung  der  Siegel  und  Wappen  der  badischen  Gemeinden  schreitet 
rüstig  voran.  Die  Ausftihrung  der  für  das  badische  Gebiet  von  der  Kom- 
mission beschlossenen  Grundkarten  wird  das  Grofsh.  Statistische  Landes- 
amt übernehmen.  Zu  Mitgliedern  der  Kommission  wurden  ernannt  Prof. 
Finke  und  Prof.  Fuchs  in  Freiburg  i.  B.  und  Dr.  Tumbült,  Vorstand 
des  Fürstlich  Fürstenbergischen  Archivs  in  Donaueschingen. 


—     107     — 

Die  Kgl.  Sächsische  Kommission  für  Geschichte  hielt  am 
i6.  Dezember  ihre  vierte  ordentliche  Jahresversammlung  zu  Leipzig  unter 
dem  Vorsitze  des  Kultusministers  v.  Seydewitz  ab.  An  Publikationen 
wurden  im  laufenden  Jahre  ausgegeben  zwei  weitere  Doppelsektionen  der 
Grundkarte  des  Königreichs  Sachsen  nebst  den  Erläuterungen  zur  hi- 
jiioriscft-ftUUisiischen  Grundkarte  für  Deutschland  von  Hubert  Ermisch 
und  Berichte  des  Kurfürstlichen  Rates  Hans  von  der  Planitz  in  der  Be- 
arbeitung vonWülcker  und  Virck.  Im  Druck  vollendet  ist  die  Korrespon- 
denz des  Herzogs  und  Kurfürsten  Moritz ^  bearbeitet  von  Prof.  Branden- 
burg, sowie  ein  Teil  der  Tafeln  des  von  Flechsig  herausgegebenen  Werkes 
über  Lukas  Cranach.  Der  Druck  der  Akten  und  Briefe  Herzog  Georgs, 
des  Ijehnhuchs  Friedrichs  des  Strengen  von  1349  sowie  des  Briefwechsels 
der  Kurßirsiin  Maria  Antonia  mit  der  Kaiserin  Maria  Theresia  wird  sicher 
im  Jahre  1900  begonnen  und  vielleicht  ganz  vollendet  werden.  Eine  grofse 
Anzahl  anderer  Veröffentlichungen  ist  in  Angriff  genommen  und  bereits 
wesentlich  fortgeschritten,  wenn  auch  über  die  Zeit  der  Vollendung  nichts 
Bestimmtes  angegeben  werden  kann,  so  die  Instruktion  eines  Vorwerksver- 
icaUers  1570  und  die  Sächsische  Steuergeschichte,  beide  bearbeitet  von 
Dr.  Wuttke,  Akteti  zur  Geschidite  des  Bauernkrieges  in  Mitteldeutschland 
von  Archivar  Merx  (Magdeburg),  die  Geschichte  des  Heilbronner  Bundes 
(1632)  utid  des  Prager  Friedens  (1635)  von  Archivar  Kretzschmar  (Han- 
nover), die  Dresdener  Illustrierte  SadtsenspiegeUiandsehrift  und  die  Geschicfite 
des  geistigen  Lebens  der  Stadt  Leipzig.  Die  Zahl  der  Subskribenten  auf 
die  Veröffentiichungen  der  Kommission  ist  erfreulicherweise  auf  230  ge- 
stiegen. 

In  der  Historischen  Kommission  der  Provinz  Westfalen 
ist  an  SteUe  des  nach  Freiburg  i.  B.  berufenen  Prof.  Finke  Archivrat 
Philippi  zum  Vorsitzenden  ernannt  worden.  Mitglieder  der  Kommission 
wurden  Archivar  Krumbholtz  und  Privatdozent  Ludwig  Schmitz, 
beide  in  Münster. 

Vor  vier  Jahren,  zu  Beginn  des  Jahres  1896,  hat  der  Verein  für  Ge- 
schichte und  Altertumskunde  Westfalens  eine  besondere  Altertums-Kom- 
mission eingesetzt,  „um  die  Forschungen  an  den  stummen  Zeugen  der 
Vergangenheit  systematischer  anzuregen,  einheitlicher  zu  fördern '^  Das  erste 
Heft  der  Müteüungen  der  Altertumskommission  für  Westfalen  (Münster, 
W.  Aschendorffsche  Buchhandlung,  1899.  124  S.  8<>  und  9  Tafeln.  Jt  8,00) 
liegt  gegenwärtig  vor  und  bringt  an  erster  Stelle  aus  der  Feder  von  W  o  r  m  - 
stall  eine  Übersicht  über  die  vor-  und  frühgeschichtlichen  Wallburgen,  Lager 
nnd  Schanzen  in  Westfalen,  Lippe-Detmold  und  Waldeck.  Es  ist  dies  eine 
für  die  weitere  Forschung  aufserordentlich  wichtige  Zusammenstellung,  da 
aus  ihr  jeder  Lokalforscher  mit  Leichtigkeit  feststellen  kann,  welche  dieser 
Anlagen  bekannt  und  wo  sie  in  der  Litteratur  beschrieben  sind.  Die  For- 
schung würde  eine  unvergleichlich  fruchtbarere  sein  können  ,  wenn  die  zu- 
ständigen Stellen  in  allen  Teilen  Deutschlands  solche  Verzeichnisse  anlegen 
und  darin  eine  Übersicht  über  das  bisher  Bekannte  geben  woUten!  An 
zweiter  SteUe  finden  wir  Untersuchungen  römischer  oder  für  römisch  gehal- 
tener Befestigungen  in  Westüden,  und  zwar  ist  dies  ein  Brief  über  das  „Varus- 
lager  im  Habichtswalde''   von  F.   Jostes  und   ein   Bericht  des  Museums- 

8* 


—     108     — 

direktors  Schuchhardt  (Hannover)  über  seine  Ausgrabungen  und  Auf- 
nahmen an  der  Lippe,  deren  Ergebnisse  bereits  zum  Teil  in  dem  Vortrage 
des  Verfassers  in  Bremen  (vgl.  oben  S.  62)  mitgeteilt  wurden:  ein  grofser 
Teil  der  Funde  ist  hier  abgebildet  und  der  Befund  der  Ausgrabungen  genau 
beschrieben.  Über  Nachgrabungen  am  alten  Kreuzthor  in  Münster,  die  über 
die  vormalige  Befestigung  der  Stadt  Auskunft  geben,  berichtet  Max  Gais- 
berg,  über  prähistorische  Funde  und  namentlich  Urnenfriedhöfe  in  der  Nähe 
von  Borken  W.  Conrads.  Den  Schlufs  des  Heftes  bildet  eine  Abhand- 
lung von  F.  Biermann  über  die  Wallburg  bei  Gellinghausen,  die  er  sorg- 
fältig beschreibt,  deren  Entstehungszeit  er  jedoch  mangels  irgend  welcher 
Fundstücke  nicht  genauer  anzugeben  vermag.  —  Die  neue  Publikation  ist 
von  hoher  Bedeutung,  da  sie  für  das  westfälische  Land  die  Möglichkeit  einei; 
mit  der  Geschichtsforschung  Hand  in  Hand  gehenden  Altertumswissenschaft 
erweist  und  dadurch  wohl  geeignet  ist,  auch  anderwärts  befruchtend  und 
anregend  zu  wirken.  Aufserordentlich  freudig  zu  begrüfsen  ist  die  That- 
Sache,  dafs  die  Kommission  bei  ihren  Arbeiten  durch  Geldmittel  des  Kaiser- 
lichen Archäologischen  Instituts  unterstützt  wird,  namentlich  um  die 
Untersuchungen  in  Dolberg  und  in  der  Nähe  von  Haltern  weiterzuführen. 

Archive«  —  In  Lüneburg,  wo  seit  1895  eine  Neuordnung  und 
Durchforschung  des  städtischen  Archivs  beschlossen  und  seit  1897  in  der 
Person  des  Dr.  W.  Rein  ecke  ein  Stadtarchivar  auf  Lebenszeit  angestellt 
worden  ist,  haben  die  Archivalien  in  neuster  Zeit  auch  ein  würdiges  und 
dauerndes  Heim  gefunden.  Ursprünglich  hatte  man  den  Plan,  die  alte  „  Rats- 
küche** durch  einen  Umbau  zum  Archiv  umzuwandeln,  aber  beim  Fortgang 
der  Arbeit  ist  daraus  fast  ein  vollständiger  Neubau  geworden,  der  mit  einem 
Kostenaufwand  von  30  000  Mark  einschliefslich  der  inneren  Ausstattung  auf- 
geführt worden  ist.  Eine  genaue  Beschreibung  des  Äufseren  und  Inneren 
des  neuen  Archives  aus  der  Feder  des  Archivars  enthalten  die  Hannoverschefn 
Geschichtsblätter  2.  Jahrgang  Nr.  6  vom  12.  Nov.  1899.  S.  366 '36 7  Über 
die  Geschichte  des  Archivs  und  seine  wertvollen  Bestände  berichtet  derselbe 
in  den  Jahresberichten  des  Museums-Ve^-eins  für  das  Fürstentum  Lüneburg 
1896/98,  S.  29 — 92. 

In  Bonn  sind  im  Laufe  des  Jahres  1898  die  städtischen  Archivalien, 
deren  Hauptmasse  allerdings  erst  aus  der  Zeit  nach  dem  Bombardement  von 
1689  stammt,  bis  dahin  in  den  verschiedenen  Zimmern  des  Rathauses  auf- 
bewahrt, in  einen  eigenen  dazu  hergerichteten  Archivraum  im  Erdgeschofs 
des  Rathauses  übergeführt  worden.  Die  wüste  Masse  einzelner  Aktenbündel 
und  Blätter,  unter  denen  eine  ältere  Ordnung  nicht  mehr  zu  erkennen  war, 
wurde  seit  Beginn  des  Jahres  1899  zunächst  von  Armin  Tille  gesichtet, 
in  drei  Hauptabteilungen  (Kurkölnische,  Französische,  Preufsische  Zeit)  ge- 
schieden und  innerhalb  der  letzteren  in  sachliche  Unterabteilungen  gebracht. 
Seit  Sommer  1899  ist  in  der  Person  des  Oberlehrers  am  städtischen  Gym- 
nasium Dr.  Knickenberg  ein  Archivar  angestellt,  dem  zugleich  die  Ver- 
waltimg der  in  Verbindimg  mit  dem  Archiv  aufgestellten  Stadtbibliothek  an- 
vertraut ist.  Eine  Vergröfserung  der  Räumlichkeiten  um  ein  besonderes 
Arbeitszimmer  für  den  Archivar  steht  bevor,  eine  Übersicht  über  die  Bestände 
des  Archivs   enthält  die  Bonner  Zeitung  Nr.  246   vom   15.  Oktober  1899. 


—      109     — 

In  Mü  hl  hausen  i.  Th.  wird,  um  das  allgemeiue  Interesse  für  das 
Archiv  zu  beleben,  eine  ständige  Archivausstellung  geplant.  Magistrat 
und  Stadtverordnete  haben  die  dazu  erforderlichen  Kosten  bewilligt,  und  es 
ist  begründete  Hoffnung  vorhanden,  dafs  diese  Ausstellung,  welche  bei  dem 
grofsen  Reichtum  des  ehemals  reichsstädtischen  imd  jetzigen  Stadtarchivs 
von  M.  an  uneditierten  Quellen  zur  Geschichte  Thüringens  und  des  Deutschen* 
Reichs  (Vgl.  darüber  Heydenreich,  Archivwesen  und  Geschichtswissenschaft,. 
Marburg,  Elwert,  1900,  S.  IVflF.)  sehr  interessant  zu  werden  verspricht,  noch, 
im  Sommer  1900  eröffnet  werden  kann. 

Denkmal spflcge.  —  Die  Eingabe,  welche  der  Gesamtverein  der 
deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  (vgl.  oben  S.  84) 
zwecks  Herbeiführung  eines  gröfseren  Schutzes  für  historische  Baudenkmäler 
an  die  verbündeten  Regierungen  gerichtet  hat,  hat  folgenden  Worüaut: 

Der  Gesamtverein  der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  er- 
kennt dankbar  an,  dafs  die  deutschen  Staaten  in  richtiger  Würdigung  der 
auüserordentlichen  Bedeutung  und  des  unschätzbaren  Wertes  der  geschicht- 
lichen und  kunstgeschichtlichen  Denkmäler  in  den  letzten  Jahren  sich  deren 
Erhaltung  und  Pflege  in  fortschreitendem  Mafse  angenommen  haben;  er 
richtet  aber  wiederholt  an  sie  die  dringende  Bitte,  diesen  Bestrebungen,  welche 
für  die  geschichtlichen  Wissenschaften  und  für  die  Erhaltung  des  nationalen 
Sinnes  eine  Lebensfrage  darstellen,  weitere  Förderung  durch  gesetzliche  Re- 
gelung, Ausbildung  und  Erweiterung  der  ihnen  gewidmeten  Organisation  und 
Aufwendung  gröfserer  Geldmittel  angedeihen  zu  lassen. 

Der  Gesamtverein  erachtet  es  für  notwendig,  dafs  die  zu  erlassenden 
gesetzlichen  Vorschriften  den  folgenden  Grtmdgedanken  entsprechen: 

1.  Ein  unbewegliches  Denkmal  von  kunstgeschichtlicher  oder  geschicht- 
licher Bedeutung,  das  sich  im  Eigentum  des  Staates  oder  einer  Körperschaft 
im  Sinne  des  öffentlichen  Rechtes  befindet,  darf  ohne  Genehmigung  der 
Aufsichtsbehörde  nicht  zerstört  und  nicht  wieder  hergestellt,  wesentlich  aus- 
gebessert oder  verändert  noch  wissentlich  dem  Verfall  überliefert  werden. 

2.  Ein  beweglicher  Gegenstand  von  kunstgeschichtlicher  oder  geschicht- 
licher Bedeutung,  der  sich  im  Eigentum  des  Staates  oder  einer  Körperschaft 
im  Sinne  des  öffentlichen  Rechtes  befindet,  darf  ohne  Genehmigung  der 
Aufsichtsbehörde  nicht  zerstört  oder  veräufsert  und  nicht  wieder  hergestellt«, 
wesentlich  ausgebessert  oder  verändert  werden. 

3.  Archäologische  Ausgrabungen  oder  Nachforschungen  irgend  welcher 
Art  dürfen  auf  Grund  und  Boden,  der  im  Eigentum  des  Staats  oder  einer 
Körperschaft  im  Sinne  des  öffentlichen  Rechtes  steht,  nicht  unternommen 
werden  ohne  Genehmigung  der  Aufsichtsbehörde. 

4.  Im  Eigentum  von  Privaten  stehende,  unter  ihren  derzeitigen  Eigen- 
tümern gefährdete,  tmbewegliche  Denkmäler  von  kunstgeschichtlicher  oder 
geschichtlicher  Bedeutung  sowie  im  Eigentum  von  Privaten  befindlicher  Grund 
imd  Boden,  der  archäologisch  wert>'olle  unbewegliche  oder  bewegliche  Denk- 
mäler birgt,  können  enteignet  werden. 

Auf  gesetzliche,  dem  letzten  Punkt  entsprechende  Bestimmungen  glaubt 
der  Gesamtverein  im  Einverständnis  mit  allen  Kunst-  und  Geschichtsfreunden 
des  Vaterlands  den  gröfsten  Wert  legen  zu  sollen,  weÜ  durch  sie  allein  zahl~ 


—      110     — 

lose,  bisher  des  Schutzes  völlig  eDtbehrende  Denkmäler  und  Gegenstände 
der  Zerstörung,  der  Verunstaltung  und  der  Verschleuderung  entzogen  werden 
können. 

Als  wichtiges  Hilfsmittel,  insbesondere  für  die  in  der  Denkmalpflege 
thätigen  Behörden  und  für  die  Aufklärung  weiterer  Kreise,  empfiehlt  der 
Gesamtverein  die  zuletzt  in  den  Gesetzgebungen  von  England,  Frankreich  und 
Rmnänien  mit  gutem  Erfolg  zur  Anwendung  gekommene  Klassierung  der 
Denkmäler,  ohne  jedoch  den  staatlichen  Schutz  irgendwie  einseitig  auf  die 
klassierten  Gegenstände  beschränkt  wissen  zu  wollen. 

Der  Gesamtverein  weist  hin  auf  die  Ergänzung  der  behördlichen  Organi- 
sation durch  die  in  verschiedenen  Staaten  mit  bestem  Erfolg  thätigen  frei- 
willigen Mitarbeiter  (Pfleger,  Korrespondenten)  sowie  auf  die  bedeutende 
Unterstützung,  welche  der  gesamten  Denkmalpflege  durch  die  Heranziehung 
der  überall  vorhandenen  Geschichts-   und  Altertumsvereine  erwachsen  kann. 

Der  Gesamtverein  erachtet  es  endlich  für  unerläfslich ,  dafs  in  jedem 
Staate  bei  weitem  gröfsere  Mittel  für  die  Erhaltung  und  Wiederherstellung 
der  Denkmäler,  als  bisher  geschehen,  aufgewendet  werden,  und  dafs  thun- 
lichst  überall  feststehende,  hierfür  bestimmte  Summen  alljährlich  in  den  Etat 
eingesetzt  werden. 

Ausgrabungen.  —  Im  Dorfe  Kirchheim  (Kreis  Molsheim  im  Elsafs), 
in  dessen  Nähe  sich  auf  Winklers  archäologischer  Karte  des  Elsasses  (Strafs- 
burg, Noiriel  1896)  zwei  Keltenwege  schneiden,  hat  Dr.  Plath  alte  Baureste 
aufgedeckt  und  daselbst  einen  römischen  ViUenbau  nachgewiesen.  Im 
VI.  und  VII.  Jahrhundert  sind  darüber  merowingische  Bauten  entstanden 
—  vielleicht  handelt  es  sich  um  einen  Königshof  der  Könige  Childebert 
oder  Dagobert  —  imd  im  X.  bis  XII.  Jahrhundert  sind  neue,  allerdings 
nachlässiger  ausgeführte  spätromanische  Bauwerke  hinzugekommen,  die 
zum  Teü  der  Technik  des  gut  erhaltenen  dortigen  Kirchturmes  entsprechen. 
Vgl.  die  näheren  Ausführungen  in  der  Sirafshurger  Post  vom  5.  Dez.  1899, 
Nr.   1038. 

Zeitschriften«  —  Vom  i.  Januar  1900  ab  wird  in  Wiesbaden  im  Verlage 
von  F.  Flaum  eine  Halbmonatsschrift  Nassotna,  Zeitschrift  ftirnassauische  Ot- 
sekickte  und  Heimatku7idey  herausgegeben  von  Dr.  C.  Spielmann  zum  Preise 
von  1.  20  Jt  vierteljährlich  erscheinen.  Das  erste  bereits  vorliegende  Heft, 
16  Seiten  40,  bringt  u.  a.  einen  Aufsatz  des  Herausgebers  „Der  Werde- 
gang des  Herzogtums  Nassau",  eine  „Kurze  Geschichte  der  Herzoglich 
Nassauischen  Artillerie"  von  R.  Kolb  und  ist  dazu  angethan,  das  Interesse 
für  die  heimische  Geschichte  in  weiteren  Kreisen  zu  wecken. 

Der  Anxeiger  für  Schweizer  Geschichte  wird  von  jetzt  ab  von  Prof. 
Wolfgang  Friedrich  v.  Mülinen  in  Bern  redigiert. 

Personalien.  —  Frof.  Walter  Judeich  in  Marburg  ist  als  Professor 
der  alten  Geschichte  an  die  Universität  Czernowitz  berufen  worden.  —  Der 
bisherige  aufserordentliche  Professor  Ludwig  Finkel  in  Freiburg  (Schweiz) 
wurde  zum  Ordinarius  für  österreichische  Geschichte  in  Lemberg  ernaimt.  — 
Der  aufserordentliche  Frof.  der  Geschichte  in  Kiel  K.  Rodenberg  wurde 


—    111    — 

zum  Ordinarius  befördert.  —  In  Breslau  starb  am  28.  Nov.  40  Jahre  alt 
der  Staatsarchivar  Walter  Ribbeck,  in  Zürich  am  30.  Okt.  Rudolf 
Maag,  Lehrer  der  Geschichte  am  Obergymnasium.  —  Archivrat  Paul 
Mitzschke  in  Weimar  scheidet  soeben  aus  dem  Dienste  am  grofsherzogl. 
Staatsarchiv  und  zugleich  aus  der  Reihe  der  an  dieser  Zeitschrift  mitwirken- 
den Herren  aus.  An  seiner  Stelle  ist  der  bisherige  Assistent  an  der  Leipziger 
Universitätsbibliothek  Johannes  Trefftz  zum  Archivar  am  grofsherzogl. 
Staatsarchiv  ernannt  worden. 

Eingegangene  Bücher. 

Bartsch,  L. :  Kirchliche  und  schulische  Verhältnisse  der  Stadt  Buchholz 
während  der  ersten  Hälfle  des  16.  Jahrhunderts.  Buchholz  in  Sachsen, 
Verlag  von  Albert  Handreka,  1899.  192  S.  8^  [Sonderabdruck  aus 
Heft  III   und  IV   der  Beiträge  zur  Geschichte  der  Stadt  Buchholz.] 

Beyerle,  Konrad:  Konstanz  im  Dreifsigjährigen  Kriege.  Schicksale  der 
Stadt  bis  zur  Authebung  der  Belagerung  durch  die  Schweden  1628 — 1633. 
Heidelberg,  Karl  Winter  1900.  84  S.  8®.  [Neujahrsblätter  der  Badischen 
Historischen  Kommission,  Neue  Folge  3.] 

Bilfinger,  Gustav:  Untersuchungen  über  die  Zeitrechnimg  der  alten  Ger- 
manen. I.  Das  altnordische  Jahr.  Stuttgart,  W.  Kohlhammer,  1899. 
99  S.  4^ 

Brumme,  Franz:  Das  Dorf  und  Kirchspiel  Friedrichswerth  (ehemals  Erffa 
genannt)  im  Herzogtum  Sachsen-Gotha,  mit  besonderer  Berücksichtigung 
der  Freiherrlichen  Familie  von  Erflfa.  Gotha,  Kommissionsverlag  von 
C.  F.  Windaus,   1899.     393  S.  8^ 

Hansen,  R.:  Über  Wanderungen  germanischer  Stämme  auf  der  Cimbrischen 
Halbinsel.     5  S.  4^  [Sonderabdruck  aus  Band  LXX,  Nr.  9  des  Globus.] 

Hübbe,  H.  W.  C. :  Zur  topographischen  Entwicklung  der  Stadt  Parchim. 
Paichim,  H.  Wehdemann  1899.  34  S.  8^  und  ein  Plan  von  P.  und 
Umgegend. 

Köberlin,  Alfred:  Fränkische  Münzverhältnisse  zu  Ausgang  des  Mittel- 
alters. Bamberg  1899.  52  S.  8^  [Programm  des  neuen  Gymnasiums 
in  Bamberg  für  1 898/1 899.] 

Mendel,  Albrecht:  Die  römischen  Altertümer  im  Gymnasialunterricht  Posen 
1899.  23  S.  40.  [Beilage  zimi  65.  Programm  des  Königlichen  Friedrich- 
•   Wilhelms-Gymnasiums  zu  Posen.] 

„Monatsblätter",  herausgegeben  von  der  Gesellschaft  für  Pommersche  Ge- 
schichte und  Altertumskunde,   1899,  Nr.   11.     S.   161 — 176,  8®. 

Platen,  Paul:  Zur  Frage  nach  dem  Ursprung  der  Rolandssäulen.  Dresden 
1899.  51  S.  8^  [Beilage  zimi  Programm  des  Vitzthumschen  Gym- 
nasiums 1 898/1 899.] 

Posse,  Dr.  Otto:  Handschriften-Konservirung  nach  den  Verhandlungen  der 
St.  Gallener  Internationalen  Konferenz  zur  Erhaltung  und  Ausbesserung 
alter  Handschriften  von  1898  sowie  der  Dresdener  Konferenz  Deutscher 
Archivare  von  1899.  Dresden,  Verlag  des  „Apollo"  (Franz  Hoffinann) 
1899.     52  S.  8^  mit  4  photographischen  Kupferdrucktafeln. 

Tille,  Alexander:  Die  Geschichte  der  Deutschen  Weihnacht  Leipzig,  Ernst 
Keüs  Nachfolger.     355  S.  8°.     M  4,00. 


—      112      — 

T  o  e  p  p  e  n ,  R. :  Des  Bürgermeisters  Samuel  Wilhelmi  Marienburgische  Chro- 
nik 1696  — 1726.  236  S.  8®.  Drei  Teile.  [Beilagen  zu  den  Pro- 
grammen des  Königlichen  Gymnasiums  zu  Marienburg  1897,  1898  und 
1899.] 

Vancsa,  Max:  Die  Grundbücher  der  Tirna-  oder  St.  Morandus-Kapelle  zu 
St  Stephan  in  Wien.  15  S.  [Sonderabdruck  aus  den  Blättern  des 
Vereines  für  I^ndeskunde  von  Niederösterreich   1898.J 

Derselbe:  Bibliographische  Beiträge  zur  I^ndeskunde  von  Niederösterreich 
im  Jahre  1898.  32  S.  [Sonderabdruck  aus  den  Blättern  des  Vereines 
für  Landeskunde  von  Niederösterreich   1899.] 

Derselbe:  Die  Baureparaturen  der  Burg  Laa  im  XVI.  Jahrhundert  und 
ihre  Kosten.  12  S.  4^.  [Sonderabdruck  aus  den  Berichten  und  Mit- 
teikmgen  des  Altertumsvereins  in  Wien   1899.] 

Virmond,  Eugen:  Geschichte  des  Kreises  Schieiden.  Schieiden  (Eifel) 
1898.     Druck  und  Verlag  von  F.  W.  Braselmann,  318  S.  8^. 

Volkmer,  Schulrat:  Geschichte  der  Stadt  Habelschwerdt  in  der  Grafschaft 
Glatz.  Habelschwerdt,  Frankes  Buchhandlung  (J.  Wolf),  1897.  310  S.  8^ 
^ü  2,50. 

Weller,  Karl:  Die  Ansiedelungsgeschichte  des  württembergischen  Frankens 
rechts  am  Neckar.  93  S.  8®.  [Sonderabdruck  aus  den  Württembergischen 
Vierteljahrsheften  für  Landesgeschichte.  Neue  Folge.  IIL  Jahrgang  1894, 
S.  iff.j 

Derselbe:  Die  Besiedelung  des  Alamannenlandes.  52  S.  8**.  [Sonder- 
abdruck aus  den  Wtirttembergischen  Vierteljahrsheften  ftir  Landesgeschichtc. 
Neue  Folge.     VIL  Jahrgang  1898.] 

Derselbe:  Hohenlohisches  Urkundenbuch,  im  Auftrage  des  Gesamthauses 
der  Fürsten  zu  Hohenlohe  herausgegeben.  Band  I:  1153  — 131  o.  Stutt- 
gart, W.  Kohlhammer,   1899.     632  S.  8^ 

Wieg  and,  Wilhelm:  Bezirks-  und  Gemeinde- Archive  im  Elsafs.  Ein  Vor- 
trag. Strafsburg,  Druck  von  J.  H.  Ed.  Heitz  (Heitz  &  Mündel),  1898. 
31   S.  8«. 

Wolff,  Emil:  Grundrifs  der  preufsisch-deutschen  sozialpolitischen  und  Volks- 
wirtschaftsgeschichte vom  Ende  des  Dreifsigjährigen  Krieges  bis  zur 
Gegenwart  (1640 — 1898).  Berlin,  Weidmann,  1899.  232  S.  8®. 
tM  3,60. 

Wuttke,  Robert:  Die  Probationsregister  des  obersächsischen  Kreises.  [Son- 
derabdruck aus  der  Wiener  Numismatischen  Zeitschrift,  XXIX.  Band, 
S.  237—302.] 

Zeller-Werdmüller,  H.:  Die  Zürcher  Stadtbücher  des  XIV.  und  XV.  Jahr- 
hunderts, auf  Veranlassung  der  Antiquarischen  Gesellschaft  in  Zürich  her- 
ausgegeben.    I.  Band  Leipzig,  Hirzel,   1899.     404  S.  8^     «4^.   12. 

Spricht Ignng".  In  dem  Aufsatze  von  Hantzsch,  „Die  landeskundliche  Litteratur 
Deutschlands  im  Reformationszeitalter"  ist  die  durch  ein  Versehen  des  Druckers  fehler- 
haft gestaltete  Aufeinanderfolge  der  Seiten  so  zu  berichtigen,  dafs  nach  Seite 
41  Seite  44  und  hierauf  S.  42,  45  und  43  zu  lesen  sind,  um  die  richtige  Tcxtfolge 
zu  gewinnen.  —  Seite  72  Anmerkung  2  lies  Gmelin  statt  Gern  1  in. 


Herausgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig.  —  Druck  und  Verlag  von  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Gotha. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Förderung  der  laudesgeschichtlicheu  Forschung 

I.  Band  Februar  1900  5.  Heft 


Die  Teehnik  der  Orundkarteneinzeiehnung  ^) 

Von 

Rudolf  Kötzschke 

Die  Aufforderung",  über  Fragen  der  Zeichentechnik  nachzudenken, 
ist  für  weite  Kreise  der  Historiker  eine  neue  Erscheinung*.  Allerding-s 
ist  die  Beigabe  von  Karten  und  Skizzen  in  Werken  der  Geschichts- 
wissenschaft längst  nichts  Ungewöhnliches  mehr.  Staatsgebiete,  kirch- 
liche wie  staatliche  Verwaltungsbezirke  sind  schon  vielfach  gezeichnet 
worden,  und  hier  und  da  liegen  auch  Versuche  vor,  über  Besiedelung 
und  Bevölkerungsverhältnisse,  über  Grundbesitz  und  Wirtschaftszustände 
der  Vergangenheit  durch  bildliche  Darstellung  aufzuklären.  Indes  erst 
in  jüngster  Zeit,  seit  der  Betrieb  kritischer  landesgeschichtlicher  Stu- 
dien immer  lebhafter  geworden  ist,  geht  man  mit  regerem  Eifer  daran, 
die  Forderung  des  Höchstmafses  wissenschaftlicher  Gründlichkeit  in 
der  Feststellung  geschichtlicher  Vorgänge  und  Zustände  auch  für  deren 


I)  Folgende  von  fremder  Hand  ausgeführten  Gnindkarten  haben  mir  bei  Abfassung 
dieses  Aufsatzes  vorgelegen :  eine  Reihe  verschiedenartiger  Karten  Professor  v.  Thu- 
dich a ms  in  Tübingen  (politische  und  kirchliche  Gebiete,  Gaue,  Markgenossenschaften, 
Stadtgnindungen ,  Rechtszug  von  Städten,  Waldgcbiete,  Schulen),  eine  Darstellung  kur- 
■»ächsischer  Ämter  im  Jahre  iSoo,  sowie  eine  Darstellung  des  Dohninschen  Besitzes  im 
13. — 14.  Jahrhundert  von  Herrn  Mörtzsch  in  Dresden,  eine  Karte  der  slavischen  Be- 
siedelung Mittelsachsens  von  Professor  Hey  in  Döbeln.  —  Wichtige  Aufschlüsse  über 
die  Veränderlichkeit  der  Gemeindegrenzen  bis  in  die  neuesten  Zeiten  hinein  verdanke  ich 
mundlichen  Mitteilungen  des  Herrn  Professors  Seeliger  (vgl.  dessen  demnächst  erschei- 
nenden Aufsatz  in  der  Beilage  zur  Münchener  Allgemeinen  Zeitung,  „  Die  historischen  Grund- 
karten. Kritische  Betrachtungen."),  vielerlei  Anregung  in  den  hier  behandelten  Fragen  dem 
Direktor  der  mittelalterlich-neuzeitlichen  Abteilung  des  Historisch-Geographischen  Instituts 
an  der  Universität  Leipzig,  Herrn  Professor  Lamprecht,  sowie  auch  den  Teilnehmern 
an  meinen  in  diesem  Institut  abgehaltenen  Übungen  mit  Grundkarten  zur  deutschen  Ver- 
fissongs-  und  Wirtschaftsgeschichte.  Die  VeröiTentlichung  dieses  Aufsatzes  erfolgt  im 
gegenwärtigen  Augenblick  darum,  weil  er  dazu  bestimmt  ist,  als  Grundlage  für  Verhand- 
lungen za  dienen,  die  auf  der  Anfang  April  dieses  Jahres  in  Leipzig  tagenden  Konferenz 
Jeatscher  Pablikationsinstitute  über  die  Grundkartenfrage  gepflogen  werden  sollen. 

9 


—     114     — 

Festlegung  auf  dem  Erdboden  zu  verwirklichen;  erst  jetzt  findet  der 
Gedanke,  die  Karte  zur  Darstellung  von  Ergebnissen  historischer  For- 
schung zu  benutzen,  unter  den  Fachgenossen  weit  über  das  bisher 
übliche  Mafs  hinaus  die  ihm  gebührende,  allgemeinere  Beachtung. 

Eine  Schwierigkeit  für  die  reichliche  Anfertigung  kartographischer 
Skizzen  zur  Geschichte  bestand  bisher  darin,  dafs  auch  die  einfachsten 
Linien  der  Situationszeichnung,  Flufsnetz  und  Ortschaftseintragung,  von 
dem  Zeichner  selbst  dargestellt  werden  mufsten,  — •eine  mühevolle, 
höchst  zeitraubende  Arbeit,  wenn  nur  einige  Genauigkeit  dabei  erzielt 
werden  sollte.  Für  eine  Gruppe  historischer  Karten,  für  solche,  die 
nach  dem  Mafsstab  i  :  loocxx)  angelegt  werden  können,  wird  nun 
diesem  Mangel  jetzt  abgeholfen,  indem  für  immer  gröfsere  Teile 
Deutschlands,  ja  Mitteleuropas  in  den  historisch-statistischen  Grundkarten 
ein  eigenartiges  Mittel  geschaffen  wird,  von  dem  zu  erhoffen  ist,  dafs 
es  die  Möglichkeit  bisher  unerreichter  Genauigkeit  in  der  räumlichen 
Darstellung  historischer  Probleme  gewährt.  Heute  ist  es  daher  schon 
eine  Frage ,  der  die  Aufmerksamkeit  vieler  Historiker  sich  zuwendet  : 
wie  bewirken  wir  die  Eintragung  historischer  Forschungsergebnisse  in 
die  Grundkarten? 

Der  kartographischen  Wiedergabe  von  Erdräumen  ist  es  eigen, 
nicht  ein  volles,  wenn  auch  verkleinertes  Abbild  der  Wirklichkeit  zu 
bieten,  sondern  deren  Gegenstände  durch  Zeichen  zu  versinnbildlichen. 
Auch  die  historische  Kartographie  ist  demnach  auf  die  Verwendung 
leicht  verständlicher  Symbole  angewiesen,  und  dies  um  so  mehr,  als 
ihr  ja  nach  der  Natur  ihrer  Quellen  die  volle  und  genaue  räumliche 
Erfassung  der  Beobachtungsgegenstände  nur  selten  möglich  sein  wird. 
Und  so  drängt  sich  das  Bedürfnis  auf,  soweit  möglich,  eine  Verein- 
barung über  die  Wahl  der  Zeichen  und  Darstellungsweisen  zu  erzielen. 
Besonders  aber  gilt  dies  von  der  Eintragung  in  die  Grundkarten ;  sind 
doch  diese  bestimmt,  zwar  nicht  unmittelbar  veröffentlicht,  wohl  aber 
möglichst  vielen  Forschern  benutzbar  gemacht  zu  werden,  um  so  durch 
Vergleichen  und  Zusammenarbeiten  dereinst  die  Herstellung  histo- 
rischer Atlanten,  die  allen  Ansprüchen  der  Wissenschaft  an  Kritik  und 
Genauigkeit  genügen,  erleichtern  zu  helfen.  Denn  gerade  dies  ist  eine 
Eigentümlichkeit  der  Grundkarte  als  eines  billigen  Blankos  für  karto- 
graphische Darstellung  historischer  Daten,  dafs  sie  für  die  Schaffung 
künftiger  historischer  Karten  und  Atlanten  eine  Arbeitsorganisation 
durchführbar  macht,  die  neben  der  natürlich  notwendigen  Thätigkeit 
spezieller  historischer  Kartographen  auf  der  Kollektivarbeit  der  histo- 
rischen  Forscher   beruht.     Und   darum   ist  das  Bedürfnis  einer  Ver- 


—     115     — 

ständigling  unter  den  Fachgenossen  über  die  Technik  der  Grundkarten- 
einzeicbnung  dringlich  —  ja  dringlicher  noch  als  z.  B.  bei  den  Fragen 
der  Editionstechnik :  denn  bei  den  Karten  wird  die  Ungleichmäfsigkeit 
in  der  Wahl  der  Symbole  viel  leichte^:  Verwirrung  stiften,  zu  falschem 
Lesen  der  Eintragungen  verführen  oder  doch  unnötigen  Aufwand  an 
Arbeitszeit  und  Mühe  verursachen,  das  wünschenswerte  Mafs  von 
Gleichartigkeit  aber  wird  bei  der  unendlichen  Mannigfaltigkeit  der 
Möglichkeiten  ohne  eine  solche  Verständigung  viel  schwerer  sich  von 
selbst  herstellen. 

Nachdem  nun  auf  den  Antrag  des  Gesamtvereins  der  deutschen 
Geschichtsvereine  eine  Centralstelle  für  Grundkarten  am  Historisch- 
Geographischen  Institut  der  Universität  Leipzig  begründet  worden  ist, 
darf  es  als  ihre  Aufgabe  angesehen  werden,  eine  solche  Vereinbarung 
anzubahnen.  Es  gilt  jetzt,  wo  eine  gröfeere  Anzahl  von  Grundkarten  aus 
verschiedenen  LandesteUen  fertig  vorliegt  und  darum  mit  den  Einzeich- 
nungen  in  West  und  Süd  und  Ost  Versuche  angestellt  werden  können, 
die  Frage  nach  der  Technik  der  Grundkarteneinzeichnung  aufzuwerfen, 
den  Austausch  von  Erfahrungen  darin,  sei  es  auf  dem  Wege  der 
öffentlichen  Erörterung  oder  auf  dem  der  privaten  Mitteilung  in  Gang 
zu  bringen,  kurz  von  vornherein  ein  gewisses  Zusammenwirken  derer, 
die  an  diesen  Versuchen  sich  beteiligen,  eine  Arbeitsgemeinschaft  für 
den  Anbau  des  neuen  Gebiets  geschichtswissenschaftlicher  Forschung 
herzustellen.  Später,  nach  längerer  Erfahrung,  wird,  soweit  überhaupt 
ein  gemeinsames  Vorgehen  in  der  Grundkarteheinzeichnung  geboten 
erscheint,  die  endgültige  Aufstellung  gemeinsamer  Regeln  und  Zeichen 
in  einer  Beratung  von  Sachverständigen  in  Aussicht  zu  nehmen  sein. 
Der  gegebene  Ort  für  eine  solche  Besprechung  ist  einmal  die  Jahres- 
versammlung des  Gesamtvereins  der  Deutschen  Geschichtsvereine, 
und  zum  andern  die  im  Verein  mit  der  Deutschen  Historikerversamm- 
lung tagende  Konferenz  der  deutschen  Publikationsinstitute. 

Als  Grundlage  für  eine  Erörterung  der  Einzeichnung  in  Grund- 
karten, die  auf  der  unmittelbar  bevorstehenden  Tagung  der  Konferenz 
Anfang  April  in  Leipzig  gepflogen  werden  soll,  ist  dieser  Aufsatz  in 
erster  Linie  zu  dienen  bestimmt.  Indes  erscheint  es  bei  dem  gegen- 
wärtigen Stande  der  Grundkartenveröffentlichung  wünschenswert,  auch 
weitere  Kreise  der  deutschen  Historiker  anzuregen,  sich  einmal  mit 
den  technischen  Fragen  der  Grundkarteneintragung  zu  beschäftigen. 
Und  zwar  sind  zuerst  wenige  Bemerkungen  zur  Methode  der  histo- 
rischen Kartographie  überhaupt  vorauszuschicken;  sodann  wäre  von 
einigen  allgemeinen  Grundsätzen  zu  reden,  die  für  das  Verfahren   der 


—     116     — 

Eintragung-  in  die  Grundkarten  mafsgebend  sein  müssen;  und  endlich 
wird  an  ein  paar  Beispielen  darzulegen  sein,  welcher  Mittel  des  Zeich- 
nens man  sich  für  einige  der  wichtigsten  Aufgaben  der  Grundkarten- 
eintragung bedienen  mag. 

I. 

Die  kartographische  Aufnahme  eines  Erdraumes  mit  dem  jeweils 
erforderten  und  erreichbaren  Grade  wissenschaftlicher  Genauigkeit  ist 
im  Grunde  nur  in  Anschauung  der  Beobachtungsgegenstände  selbst 
oder  mit  Benutzung  bildlicher  Vorlagen  ausfuhrbar;  blofsc  Nachrichten 
werden  stets  zu  den  mannigfachsten  Zweifeln  Anlafs  geben. 

Eine  möglichst  vollendete  Darstellung  vergangener  Zustände  im 
Kartenbild,  zumal  für  weiter  zurückliegende  Zeiten,  weist  daher  grofsc 
und  eigenartige  Schwierigkeiten  auf.  Die  Kartographie  des  modernen 
Mitteleuropa  vermag  beim  Mafsstabe  i  :  icx)000  die  Lage  eines  Ge- 
höftes, eines  Feldstücks  bis  auf  wenige  Hektar  genau  zu  verzeichnen; 
der  historische  Kartograph  wird  die  Möglichkeit,  die  Lage  auf  ein 
paar  Quadratkilometer  genau  zu  bestimmen,  wenigstens  für  die  älteren 
Zeiten,  als  glückliche  Ausnahme  ansehen  müssen.  Die  moderne  Karto- 
graphie vermag  eine  politische  Grenze,  eine  Strafse  in  lückenlosem 
Zusammenhange  darzustellen,  so  dafs  der  Benutzer  sie  Kilometer  für 
Kilometer  bequem  mit  dem  Zirkel  nachmessen  kann;  der  historische 
Kartograph  wird  hier  und  da  ein  Stück  nach  Quellenzeugnissen  oder 
noch  vorhandenen  Überresten  gesichert  einzeichnen  können;  die  Ver- 
bindung der  Stücke  bleibt  der  Vermutung  überlassen.  Die  moderne 
Kartographie  beruht  auf  gleichmäfsiger  Kenntnis  aller  Teile  eines  Ge- 
bietsausschnittes ;  der  historische  Kartograph  kennt  wohl  einzelne  TeUe, 
aber  deren  Verhältnis  zum  Ganzen  einer  umgrenzten  Fläche  bleibt 
eine  unbekannte  Gröfse.  Und  —  was  das  Wichtigste  ist  —  der  mo- 
derne Kartograph  arbeitet  mit  den  klar  geprägten  RaumbegriflFen  der 
Gegenwart ;  die  Raumvorstellungen  des  deutschen  Volkes  aber  von  den 
Tagen  seines  Altertums  bis  hinein  in  die  neueren  Zeiten  sind  noch 
wenig  erforscht,  und  gewifs  sind  sie  in  der  Frühzeit  mehr  ein  Gebilde 
phantasievoller  Anschauung  als  begrifTlich  scharf  ausgestaltet  und  fähig 
zu  zahlenmäfsigem  Ausdruck. 

Der  Unterschied  der  historischen  und  der  modernen  Kartographie 
besteht  nun  aber  nicht  allein  in  einem  verschiedenen  Grade  erreich- 
barer wissenschaftlicher  Genauigkeit;  er  beruht  tiefer  in  einem  wesen- 
haften Gegensatze  historischer  und  kartographischer  Forschungsweise. 
Der    Historiker   wird    aus   den    Angaben    seiner    Quellenzeugnisse  ur- 


—     117     — 

sprünglichster  Art  nie  zur  genauen  Bestimmung  auch  nur  der  Lage 
eines  Ortes  auf  dem  Erdball,  geschweige  denn  zur  Darstellung  eines 
Erdraums  für  einen  vergangenen  Zeitpunkt  gelangen :  nur  die  Benutzung 
der  kartographischen  Aufnahmen  der  Gegenwart  oder  wenig  weit  zu- 
rückliegender Zeiten  bietet  dazu  überhaupt  erst  die  Möglichkeit. 

All  dies  gilt  nun  von  dem  Entwerfen  historischer  Kartenbilder 
mit  Hilfe  der  Grundkarten  in  besonderem  Mafse,  weil  ja  der  gro&e 
Mafsstab  i  :  looooo  an  sich  einen  hohen  Grad  von  Genauigkeit  er- 
forderlich macht.  Für  den  Grundkartenhistoriker,  wenn  ich  ihn  einmal 
so  nennen  darf,  erhebt  sich  die  Frage:  widerspricht  nicht  diese  un- 
mittelbare Verwendung  einer  Darstellung  von  Zuständen  der  Gegen- 
wart, wie  sie  die  Grundkarte  enthält,  fiir  die  Erkenntnis  der  Vergangen- 
heit, diese,  ich  möchte  sagen,  handgreifliche  Vereinigung  von  Zuständen 
verschiedener  Zeitalter  auf  demselben  Blatte  Papier,  widerspricht  dies 
nicht  den  elementarsten  Grundsätzen  historischer  Forschung?  Gewisse 
Zweifel  könnten  schon  auftauchen,  was  die  Fllufsläufe  und  Ortschaften 
betrifft.  Sind  nicht  auch  sie  wandelbar,  etwas  historisch  Gewordenes, 
in  ihrer  heutigen  Form  und  Lage  für  die  Darstellung  vergangener  Zu- 
stände unbrauchbar?  Namentlich  aber  richten  sich  starke  Bedenken 
gegen  die  mit  genauester  Wahrung  gegenwärtiger  Verhältnisse  einge- 
tragenen, roten  Gemarkungsgrenzen  —  also  gerade  das  Eigenartigste 
der  Grundkarten,  was  auf  anderen  leicht  zugänglichen  Karten  meist 
fehlt.  Haben  diese  Grenzen  wirklichen  Wert  für  den  Historiker, 
der  Grenz  Verhältnisse  früherer  Jahrhunderte  eintragen  will?  Verführt 
nicht  deren  Benutzung  geradezu  zu  Fehlem,  die  doch  nicht  so  un- 
erheblich sind,  dals  sie  bei  der  für  eine  spätere  Veröffentlichung  etwa  in 
Betracht  kommenden  Reduktion  auf  einen  kleineren  Mafsstab  (i :  500000) 
völlig  verschwinden? 

Wer  Eintragungen  in  die  Grundkarten  vornehmen  will,  wird  gut 
thun,  Zweifel  dieser  und  ähnlicher  Art  sich  durch  den  Kopf  gehen  zu 
lassen  —  aber  doch  Zweifel,  die  ihn  nicht  veranlassen,  den  Zeichen- 
stift wegzulegen,  sondern  nur  sorgsam  mit  sich  zu  Rate  zu  gehen,  wie 
er  drohende  Fehler  vermeiden  wird,  zu  denen  unbedachtsame  Benutzung 
des  in  der  Grundkarte  gebotenen  Stoffes  verleiten  kann. 

Nicht  jedes  Ergebnis  historischer  Forschung  ist  der  Eintragung  in 
Grundkarten  fähig:  umsichtigster  Erwägung  bedarf  es,  ob  die  Bedin- 
gungen für  die  Einzeichnung  in  Grundkarten  erfüllt  sind. 

Ganz  selbstverständlich  liegt  schon  heute  die  Möglichkeit  wissen- 
schaftlich gerechtfertigter  Eintragung  in  Grundkarten  vor,  wo  es  sich 
um   Beobachtungsgegenstände    aus   der   Gegenwart   oder    einer   dieser 


—     118     — 

sehr  nahen  Zeit  handelt,  die  zur  Aufstellung-  der  Vergangenheit  ver- 
wendet werden;  denn  hierfür  sind  ja  gerade  die  jetzt  bestehenden 
Gemarkungen  das  Beobachtungsfeld.  So  z.  B.  bei  den  Funden  ver- 
schiedenster Art,  bei  Angaben  aus  Flurkarten  vor  der  Zusammen- 
legung der  Grundstücke,  bei  Daten  der  Volkskunde,  die  historischen 
Wert  haben  u.  dergl.  m.  Wieviel  Aufklärung  für  die  Geschichte  der 
ländlichen  Bevölkerung  werden  wir  z.  B.  gewinnen,  wenn  Bauart  und 
Alter  der  Dorfkirchen  und  Bauernhäuser,  die  Anlage  der  bäuerlichen 
Gehöfte  und  Ähnliches  in  Grundkarten  verzeichnet  werden! 

Ebenso  wenig  walten  wissenschaftliche  Bedenken  ob  bei  histo- 
rischen Daten,  die  einfach  bei  dem  Ortsnamen  eingetragen  werden 
können  ohne  Rücksicht  auf  die  Flächenausdehnung,  also  ohne  Ein- 
zeichnung  von  Grenzen;  die  Grundkarte  ist  in  diesem  Falle  weiter 
nichts  als  eine  Art  geographisch  angeordneter  Tabelle,  die  die  Lage 
irgendwelcher  historischer  Begebenheiten  über  den  Erdboden  hin  dem 
Auge  verständlich  macht  —  ein  Darstellungsmittel,  dem  um  so  gröfsere 
Bedeutung  zukommt,  da  der  menschliche  Geist  diese  Verstreuung  im 
Raum  bei  blofser  Wortbeschreibung  erfahrungsgemäis  nicht  klar  zu 
erfassen  pflegt. 

Schwieriger  gestaltet  sich  die  Frage  bei  der  Darstellung  um- 
grenzter Gebiete :  erst  bei  dergleichen  Aufgaben  werden  ja  die  Zweifel 
an  der  Verwendbarkeit  der  Gemarkungsgrenzen  des  XIX.  Jahrhunderts 
wirksam.  —  Jede  Zeichnung  einer  historischen  Grenze  ohneKarten- 
vorlage  ist  hypothetischer  Art  und  wird  mehr  oder  minder  belang- 
reiche Fehler  aufweisen;  diese  auf  das  erreichbare  und  je  nach  dem 
Mafsstabe  der  Karte  zulässige  Mindestmafs  mit  aller  kritischen  Umsicht 
zu  beschränken,  ist  unerläfsliche  Aufgabe  einer  wissenschaftlichen  An- 
forderungen genügenden  historischen  Kartographie.  Es  bleibt  dem- 
nach gar  keine  Wahl,  ob  man  Karten  mit  den  Gemarkimgsgrenzen 
der  allerjüngsten  Zeit  als  Unterlage  für  das  Bild  der  Vergangenheit 
verwerten  will  oder  nicht.  Der  historische  Kartograph  mufe  diese 
gegenwärtigen  Grenzen  kennen,  von  der  Gegenwart  mufs  ausgegangen 
werden.  Historische  Kartographie  des  XDC.  Jahrhunderts,  das.  ist  also 
die  erste  und  dringlichste  Aufgabe,  die  der  Lösung  harrt:  von  hier 
aus  ist  dann  allmählich  unter  sorgsamster  Erforschung  der  jeweiligen 
Grenzverhältnisse  in  frühere  Zeiten  vorzudringen.  So  viel  läfet  sich 
indes  schon  heute  übersehen:  eine  Möglichkeit,  die  vollkommen  ge- 
nauen Gemarkungsgrenzen  auch  nur  des  XVII.  oder  XVI.  Jahrhunderts 
zu  zeichnen,  besteht  —  von  vereinzelten  Fällen  abgesehen  —  durchaus 
nicht;   nur  ein  allgemeines  Urteil   über  das  Mafs  der  Veränderungen 


—     119     — 

wird  zu  gewinnen  sein.  Bevor  diese  Arbeit  geleistet  ist,  wird  die 
Darstellung  umgrenzter  Gebiete  nach  dem  Höchstmafs  der  bei  der 
Beschaffenheit  unserer  Quellen  überhaupt  erreichbaren  Genauigkeit 
ausgeschlossen  sein.  Erinnert  sei  hierbei  daran,  dafs  dieser  Weg  der 
rückwärtsschreitenden  Forschung  überhaupt  bei  Untersuchungen  zur 
Geschichte  der  Wirtschaft ,  des  sozialen  Lebens ,  der  Verfassung  und 
Verwaltung  so  oft  allein  zum  Ziele  führt. 

In  dieser  Hinsicht  ist  also  der  Weg  gewiesen.  Fraglich  hingegen 
könnte  es  sein,  ob  man  unter  klarbewufstem  Verzicht  auf  jenes  Höchst- 
mafs von  Genauigkeit  rohere  Skizzen  wagen  darf,  die  unter  Benutzung 
der  heutigen  Gemarkungsgrenzen  freilich  nicht  die  historische  Wirk- 
lichkeit genau  wiedergeben,  wohl  aber  uns  helfen,  die  Zustände  der 
Vergangenheit  im  Räume  uns  anschaulich  vorzustellen  —  Skizzen,  bei 
denen  es  auf  das  entstehende  Gesamtbild  ankommt,  nicht  darauf,  ob 
überall  die  lo  oder  selbst  einmal  icx>  ha  genau  der  historischen  Wirk- 
lichkeit gemäfs  mit  Farbe  oder  Schraffierung  bedeckt  sind.  Nun  sind 
ja  die  Grundkarten  Arbeitskarten,  nicht  unmittelbar  zur  Veröffent- 
lichung bestimmt,  und  darum  als  Hilfsmittel  blo&er  Veranschaulichung 
für  den  Forscher  verwertbar,  der  die  vorhandenen  Fehler  seiner  Skizze 
2u  bedenken  und  bei  den  Schlüssen,  die  er  daraus  zieht,  auszuschei- 
den versteht.  Die  Belehrung,  die  dergleichen  Entwürfe  über  unsere 
bisherige  Kenntnis  hinaus  gewähren  können,  ist  immerhin  so  reich, 
dais  die  dagegen  obwaltenden  Bedenken  unterdrückt  werden  dürfen, 
natürlich  unter  der  Voraussetzung,  dais  der  Zeichner  die  unsicheren 
Teile  seines  Kartenbildes  durch  geeignete  Darstellungsmittel  kenntlich 
macht.  Und  der  Gewinn,  den  solche  Vorarbeiten  bieten,  darf  um  so 
eher  eingeheimst  werden,  als  die  dabei  unvermeidlichen  Fehler  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle  verhältnismäisig  unerheblich  sein  werden  und  über- 
dies bei  der  Zeichnung  eines  gröiseren  Ganzen  sich  zumeist  unter 
einander  aufheben. 

Brauchbar  sind  demnach  die  Grundkarten  für  die  verschiedensten 
historischen  Zwecke  sehr  wohl.  Soviel  aber  ist  klar :  bei  jeder  Einzeich- 
nong  muis  der  Eintragende  bedenken,  dafs  das,  was  auf  seinem  Blatte 
gedruckt  steht  und  das  hineinzuzeichnende  und  zu  malende  der  Regel 
nach  zwei  verschiedenen  Daseinsperioden  angehört.  Das  historisch 
wirkliche  auf  einer  ausgeführten  Grundkarte  ist  nur  das  gezeichnete, 
keine  Linie,  kein  Buchstabe  des  gedruckten :  was  die  rohe  Grundkarte 
bietet,  ist  nichts  weiter  als  ein  Symbol  des  Erdbodens,  das  ermög- 
lichen soll,  den  Platz  eines  historischen  Forschungsergebnisses  auf 
einem  oder  mehreren  unter  der  Million  von  Quadratkilometern  Mittel- 


—     120     — 

europas  einigermafsen  genau  zu  bestimmen.  Hält  man  sich  aber  dies 
gegenwärtig-,  imd  hütet  man  sich,  die  Gebilde  von  Menschenhand  auf 
dem  Erdraum,  die  die  Grundkarte  aufweist,  ohne  weiteres  auch  für  die 
Vorzeit  als  bestehend  vorauszusetzen,  dann  vermag  man  sehr  wohl, 
sich  dieses  Hilfsmittels  für  die  Darstellung  der  Vergangenheit  me- 
thodisch unanfechtbar  zu  bedienen. 

Bedarf  es  somit  für  den  Grundkartenhistoriker  gewissenhaftester 
Umsicht,  um  die  Gefahren  zu  meiden,  die  in  der  Verwendung  einer 
Karte  des  XIX.  Jahrhunderts  als  Zeichenunterlage  beruhen,  so  gehen 
Schwierigkeiten  anderer  Art  aus  der  Natur  der  historischen  Daten 
selbst  hervor.  Der  Boden,  auf  dem  ein  Ereignis  sich  vollzieht,  ein 
Zustand  besteht,  ist  etwas  Singuläres.  Mag  immerhin  der  Grundkarten- 
benutzer später  seine  allgemeinen  Schlüsse  ziehen  können  —  wie  der 
Statistiker  nach  der  Aufnahme  der  Einzelfälle  — ,  für  den  Grundkarten- 
zeichner, der  mit  dem  Stift  in  der  Hand  beim  Anschauen  seiner  Karte 
die  lebensvolle  Wirklichkeit  bis  auf  die  Feldraine  und  Grenzsteine  sich 
im  Geiste  vergegenwärtigt,  wird  sich  immer  das  Streben  aufdrängen^ 
den  darzustellenden  Gegenstand  räumlich  bis  ins  einzelnste  zu  er- 
kennen. Hier  aber  versagt  je  älter,  je  mehr  die  historische  Über- 
lieferung. Das  räumlich  Individuelle,  dem  Auge  mit  allen  Feinheiten 
erfafsbar,  ist  mit  den  sprachlichen  Ausdrucksmitteln  selbst  bei  hoch- 
entwickelter Kultur,  bei  begrifflich  geschärften  Raumvorstellungen,  nur 
ungenau  wiederzugeben;  die  Überbleibsel  der  Vergangenheit,  aus 
deren  Beobachtung  der  Historiker  seine  Daten  gewinnt,  erschweren 
die  Erfassung  des  im  Räume  wirklichen  Singiilären  erst  recht.  Nicht 
allein,  dafs  die  dem  historischen  Forschungsergebnis  so  oft  anhaftende 
Unsicherheit  der  kartographischen  Fixierung  widerstrebt,  wie  oft  zeigt 
das  Nebeneinander  dessen,  was  als  sicher  in  die  Karte  eingetragen  ist, 
grofse  Lückenhaftigkeit  des  historisch  Erkannten  im  ganz  wörtlichen 
räumlichen  Sinn!  So  entsteht  für  den  Grundkartenzeichner  die  Not- 
wendigkeit, durch  Vermutung  zu  ergänzen,  was  ihm  die  Überlieferung 
vorenthält;  und  wie  es  schon  bei  der  Wiedergabe  von  handschrift- 
lichem Text  gut,  Konjekturen  des  Herausgebers  im  Druck  augenfällig 
zu  machen,  so  bedarf  es  auch,  wenn  ich  so  sagen  darf,  für  die  Grund- 
kartenkonjektur,  einer  besonderen  Zeichensprache,  die  dem  Benutzer 
sofort  verrät,  dafs  es  sich  nur  um  Mutmafsung  des  Zeichners  handelt. 
Ich  möchte  darum  hier  z.  B.  das  Folgende  vorschlagen.  Bei  Wörtern 
und  Zahlzeichen  wird  es  genügen ,  das  Ungewisse  durch  [  ]  und  ? 
kenntlich  zu  machen;  wo  es  angeht,  mag  man  andere  (hellere)  Tinte 
oder  blofse  Bleistifteintragung  anwenden.    Soll  die  Verbindung  zweier 


—     121     — 

Punkte  vermutungsweise  angegeben  werden,  so  empfiehlt  es  sich,  gleich- 
viel welche  Stricheiung  sonst  gebraucht  wird,  die  gebrochene  Linie 
anzuwenden  (Striche  von  der  Gröfse  eines  ^j^  cm  mit  entsprechen- 
dem   Zwischenraum;    also   zum  Beispiel: oder 

).     Bei  der  Darstellung  von  Flächen  wird 

Wechsel  der  Farbe  und  Schraffieruug  zu  wählen  sein  (wenn  möglich, 
ein  ganz  lichter  Ton),  für  die  Umgrenzung  ein  (hellgraues)  Randkolorit 
in  gebrochener  Ausführung.  Ist  eine  Vermutung  nur  sehr  unsicher 
begründet,  so  ist  von  der  Einzeichnung  in  die  Gnindkarte  völlig  ab- 
zusehen, und  nur  auf  einem  beiliegenden  oder  angehefteten  Blatt  Papier 
ist  sie  in  Worten  oder  auch  bildlich  zum  Ausdruck  zu  bringen ;  auf  der 
Karte  selbst  kann  dann  ein  deutliches  [ ! !  ]  oder  eine  helle  Schraffierung 
zwischen  farbiger  Umgebung  die  Aufmerksamkeit  des  Benutzers  erregen. 

IL 

So  haben  wir  eine  Reihe  von  allgemeinen  Grundsätzen  gewonnen, 
die  für  die  Eintragung  in  Grundkarten  zu  beobachten  sind,  und  es  ist 
nunmehr  möglich,  in  die  Erörterung  der  technischen  Fragen  selbst 
einzutreten. 

Zunächst  erhebt  sich  die  Vorfrage,  auf  welchen  Zeitpunkt  eine 
Grundkartenzeichnung  einzustellen  ist.  Man  hat  gefordert,  dafs  eigent- 
lich jede  historisch-kartographische  Darstellung  die  Zustände  eines  be- 
stimmten Jahres  wiedergeben  solle.  Gewifs  ist  dies  recht  oft  die  voll- 
kommenste Form  der  Darstellung ;  und  gerade  die  Grundkarten  gestatten 
bei  ihrem  billigen  Preise  die  kartographische  Aufnahme  für  möglichst 
viele  einzelne  Jahre  und  damit  eine  weitgehende  Annäherung  an  jenes 
Ziel.  Aber  zumal  für  die  Darstellung  von  Zuständen  aus  den  ver- 
schiedensten Gebieten  des  Volkslebens  ist  die  Erfüllung  jener  Forde- 
rung unmöglich  und  auch  unnötig.  Ja,  es  wird  sich  bisweilen  das 
entgegengesetzte  Bedürfnis  einstellen,  nämlich,  wenn  man  auf  die 
kartographische  Darstellung  und  damit  auf  die  Veranschaulichung  der 
Entwicklung  selbst  nicht  verzichten  will,  geradezu  aufeinanderfolgende 
Entwicklungsperioden  in  einem  Kartenbilde,  natürlich  durch  Farbe 
und  Form  der  Zeichen  geschieden,  zu  vereinigen;  z.  B.  Zuwachs  des 
Grundbesitzes  durch  Rodung  und  Schenkung  oder  auch  Anwachsen 
des  Staatsgebietes,  Aufteilung  von  Klostergut  unter  die  Hauptstellen 
der  Verwaltung ,  Verlehnung  ursprünglich  selbstverwalteten  Besitzes 
u.  s.  w.  Kurz,  die  möglichst  genaue  zeitliche  Bestimmung  jedes  ein- 
zelnen einzuzeichnenden  historischen  Datums  ist  allerdings  anzustreben, 
und  jeder  zeitliche  Unterschied  ist  mit  äufserster  Sorgfalt  bei  der  Ein- 


—     122     — 

tragung  zu  beachten.  Aber  für  die  Wahl  eines  bestimmten  Jahres 
oder  eines  mehr  oder  minder  abgegrenzten  Zeitraums  läfst  sich  eine 
bündige  Regel  nicht  aufstellen. 

Welcher  Darstellungsmittel  wird  sich  nun  aber  der  Grundkarten- 
Zeichner  bedienen?  Die  junge  historische  Kartographie  wird  gut  thun, 
soweit  dies  nicht  durch  die  Eigenart  ihrer  Probleme  ausgeschlossen 
ist,  bei  den  Wissenschaften  in  die  Schule  zu  gehen,  die  schon  über 
ausgebildete  Methoden  graphischer  Darstellung  verfügen,  insbesondere 
bei  Geographie  und  Statistik:  nicht  allein  deshalb,  weü  hier  eine  hohe 
Vollkommenheit  genauester  Wiedergabe  der  Wirklichkeit  im  Verein 
mit  Anschaulichkeit,  ja  selbst  mit  künstlerischer  Wirkung  allmählich 
erreicht  worden  ist,  sondern  schon  darum,  weil  es  überhaupt  geboten 
erscheint,  möglichst  an  Bekanntes  anzuknüpfen.  Auf  den  geographi- 
schen Spezial-  und  Generalkarten  sind  in  der  Darstellung  der  Situation 
wie  des  Terrains  eine  Reihe  von  Bezeichnungen  für  Gegenstände  der 
Landesnatur,  wie  für  Schöpfungen  des  Menschen  auf  den  Erdräumen 
eingeführt,  von  denen  manche  recht  wohl  auch  für  die  Eintragung  in 
Grundkarten  verwertbar  sind,  z.  B.  nach  dem  Vorbild  der  deutschen 
Generalstabskarten  die  Zeichen  für  Strafsen,  Wege  und  Brücken,  für 
Laub-  und  Nadelwald,  für  Feld,  Wiese,  Sumpf  und  Ahnliches  mehr. 
Und  wiederum  die  Statistik  lehrt  mit  ihren  Punkt-,  Linien-  und  Flächen- 
diagrammen und  noch  mehr  mit  ihren  Kartogrammen  die  Wiedergabe 
von  Zuständen  der  Bevölkrung,  die  auch  für  den  Historiker  verwend- 
bar und  einer  weiteren  Ausbildung  recht  wohl  fähig  ist.  Wo  also 
eine  schon  bei  Geographen  oder  Statistikern  übliche  Darstellungsweise 
—  zumal  auf  den  Karten  im  Mafsstabe  i  ;  icx)000  —  für  die  Ein- 
tragung in  die  Grundkarten  nicht  durch  wesentlich  Besseres  oder  we- 
nigstens leichter  Zeichenbares  zu  ersetzen  ist,  wird  der  Historiker  am 
besten  sich  ihrer  für  seine  Zwecke  bedienen.  Und  aufser  der  An- 
nahme einzelner  passender  Zeichen  wird  er  den  Grundsatz  sich  an- 
eignen, bei  der  Wahl  der  Symbole  die  Grundform  der  natürlichen 
Gegenstände,  des  Hauses  und  Hofes,  des  Dorfes,  des  Marktes,  der 
Burg,  der  Stadt  mit  wenig  Linien  nachzubilden  sowie  das  Wesen  ihrer 
Lage  im  Raum,  Geschlossenheit  und  Zusammenhang  oder  Zerstreuung 
über  eine  Fläche  hin  möglichst  anzudeuten  oder  wenigstens  durch 
Gröfse  und  Form,  durch  helleren  und  dunkleren  Ton,  durch  Strichc- 
lung  oder  Farbe  ein  verständliches  SinnbUd  des  natürlichen  Gegenstandes 
zu  schafTen  und  so  die  gedächtnismäfsige  Erfassung  der  gewählten  Zeichen 
zu  erleichtern,  sowie  überhaupt  aus  einfachen  —  immer  wiederkehrenden 
Elementen  —  das  Zusammengesetztere  sinnreich  zu  entwickeln. 


—     123     — 

Die  Formen  der  Eintragung  in  Grundkarten  lassen  sich  in  folgende 
vier  Gruppen  scheiden: 

i)  Einfaches  Einschreiben  von  Zahlen  und  Namen  u.  s.  w.,  auch 
blo&es  Unterstreichen  des  Ortsnamens.  Dabei  empfiehlt  sich  die  An- 
wendung bunter  Tinten  (rot,  blau,  grün). 

2)  Einzeichnen  von  allerhand  Symbolen  in  schwarzer  oder  farbiger 
Ausführung. 

(In  beiden  Fällen  ist  natürlich  die  Eintragung  aus  rein  äußerlichen 
Gründen  innerhalb  der  Gemarkungsgrenzen  zu  bewirken  ohne  Rück- 
sicht darauf,  ob  diese  zur  Zeit  bestanden  oder  nicht;  die  Lage  ist 
nach  Möglichkeit  genau  anzudeuten,  z.  B.  eine  Wassermühle  am  Bache 
oder  Flusse.) 

3)  Lineare  Darstellungen :  gebrochene  und  laufende  Linien,  Striche- 
lungen der  verschiedensten  Art,  bänderartige  Einzeichnungen ,  auch 
Randkolorit. 

4)  Darstellungen  mit  Flächenbedeckung:  Schraffierung,  Flächen- 
(Streifen-)kolorit. 

Die  Wahl  des  Darstellungsmittels  wird  sich  aus  der  Natur  des 
einzutragenden  Gegenstandes  meist  mit  Leichtigkeit  ergeben;  zu  be- 
achten ist  allerdings,  dais  es  oft  wünschenswert,  ja  notwendig  sein 
wird,  auf  ein  schon  benutztes  Blatt  später  Ergebnisse  andrer,  ver- 
wandter Forschung  einzutragen,  z.  B.  auf  eine  Karte,  die  eine  Grund- 
herrschaft darstellt,  den  Besitz  andrer  Grundherren.  Hier  sei  nur 
bemerkt ,  dafs  die  farbige  Ausfuhrung ,  als  die  sinnfälligste ,  für  die 
Darstellung  der  wichtigsten  Unterschiede  vorbehalten  bleiben  muCs; 
solche  von  mindrer  Bedeutung  können  dann  durch  angebrachte 
Strichelung  oder  Schraffierung  bezeichnet  werden.  Flächenkolorit  ist 
dem  Randkolorit  überall  vorzuziehen,  wo  innerhalb  umschlossener  Ge- 
biete besondre  Unterschiede  nicht  zum  Ausdruck  gebracht  werden 
sollen.  Der  Farbenton  darf  nicht  so  dunkel  sein,  dafs  der  Grundkarten- 
druck schwer  lesbar  werden  könnte. 

Mit  der  Vollendung  der  Zeichnung  auf  der  Grundkarte  ist  indes 
die  Arbeit  des  Grundkartenhistorikers  noch  nicht  gethan.  So  mancherlei 
kritische  Vorarbeiten  waren  ja  vor  der  Ausführung  mit  Pinsel  und  Stift 
anzustellen,  von  denen  der  wissenschafUiche  Wert  des  Kartenbildes 
abhängt.  Der  Benutzer  mufs  daher  klaren  Aufschlufs  darüber  erhalten, 
und  so  erweist  es  sich  als  unumgänglich  notwendig,  für  eine  jede 
Grundkartendarstellung  eine  „Erläuterungsschrifl"  zu  verfassen,  die 
der  an  die  betreffende  Landesstelle  einzuliefernden  Kopie  beizugeben 


—     124     — 

oder  auf  der  Rückseite  der  Grundkartc  anzuheften  ist.    Diese  Erläute- 
rungsschrift mufs  das  Folgende  enthalten: 

i)  genaue  Angaben  über  die  Quellen,  denen  die  auf  der  Grund- 
karte eingezeichneten  historischen  Daten  entnommen  sind,  wenn  nötig 
unter  Skizzierung  der  kritischen  Erwägungen,  die  für  die  Eünzeichnung 
mafsgebend  waren. 

2)  eine  Angabe  über  Jahr  oder  Zeitraum,  wofür  die  Grundkarten- 
zeichnung gilt,  wenn  nötig,  unter  ausführlicher  Begründung  des  ge- 
wählten Zeitansatzes. 

3)  Anmerkungen  über  alles  Besondere,  nicht  ohne  weiteres  Ver- 
ständliche, vor  allem  über  die  unsicheren  Bestandteile  der  Zeichnung, 
die  Ergänzung  der  Lücken,  überhaupt  Mitteilungen  jeder  Art,  die  den 
Benutzer  über  Wesen  und  Wert  der  Grundkarteneinzeichnung  aufzu- 
klären geeignet  sind.  Bisweilen  mag  es  sich  auch  empfehlen,  den 
gesamten  Stoff  der  Zeichnung  mit  Worten  oder  etwa  in  einer  Tabelle 
in  die  Erläuterungsschrift  aufzunehmen. 

Endlich  sei  noch  auf  eine  Begleitarbeit  hingewiesen,  die  wenig- 
stens für  viele  Eintragungen  in  Grundkarten  sich  als  nötig  erweist :  den 
Vergleich  der  rohen  Grundkarte  mit  dem  entsprechenden  Blatte  der 
Generalstabskarte.  Lebendige,  klare  Vorstellung  des  Erdraums,  in  den 
ein  historisches  Datum  hineingestellt  werden  soll,  ist  erstes  Erfordernis 
für  den  Grundkartenhistoriker ;  dazu  aber  bedarf  er  genügender  Kenntnis 
der  Terrainverhältnisse.  Die  Grundkarte  selbst  vermag  sie  ihm  aus 
technischen  Gründen  nicht  zu  bieten;  so  mufs  er  vor  und  bei  der 
Einzeichnung  die  Generalstabskarte  zur  Hand  haben  und  einsehen. 

III. 

Eine  Reihe  allgemeiner  Fragen  der  Einzeichnungstechnik  sind 
bisher  zur  Besprechung  gekommen,  und  es  erübrigt  nunmehr,  einige 
besondere  Beispiele  für  die  wichtigsten  Probleme  der  Grundkarten- 
eintragung vorzuführen  und  daran  zu  zeigen,  wie  die  oben  dargelegten 
Grundsätze  in  der  Zeichenpraxis  zu  bewähren  sind. 

An  Vorbemerkungen  zunächst  —  ohne  strengen  Zusammen- 
hang —  die  folgenden. 

Sind  alle  Vorarbeiten  erledigt,  dann  beginne  man  in  der  Regel 
die  Einzeichnung  nicht  sogleich  mit  Tinte  oder  Tusche;  auch  die 
Bleistiftskizze  mag  zunächst  nur  leicht  hingeworfen  werden.  Erst  wenn 
Inhalt  und  Form  der  Eintragung  völlig  feststeht,  ist  es  ratsam,  die 
Striche  rnit  Tinte  auszuziehen,  oder  zur  farbigen  Ausführung  zu  schreiten. 


—      125     — 

Bei  der  Kolorierung  ^röfserer  Flächen  empfiehlt  es  sich,  Gemarkung 
für  Gemarkung"  mit  der  Farbe  zu  bedecken. 

Die  Namensformen  der  Örtlichkeiten  sind  in  liegender  Schrift  mit 
sogen,  lateinischen  Buchstaben  deutlich  einzuschreiben,  nahe  dem  für 
die  Örtlichkeit  eingetragenen  Zeichen;  günstig  wirkt  hierbei  die  Ver- 
wendung von  blauer  Tinte.  Namen  ganzer  Gebiete  sind  am  besten 
in  (grofsen)  der  Druckform  nachgebildeten  lateinischen  Buchstaben 
mit  roter  Tinte  über  die  Fläche  hin  einzuschreiben.  Bei  Flufsläufen 
oder  eingezeichneten  Linien  und  Bändern  ist  die  Namensform  oder  die 
erklärende  Bezeichnung  in  Anpassung  an  deren  Verlauf  einzuschreiben ; 
doch  mufs  die  volle  Wortform  deutlich  ins  Auge  fallen.  Es  wird  sich 
dabei  empfehlen,  die  Buchstaben  zu  trennen  und  die  Druckschrift 
nachzuahmen. 

Jahreszahlen  werden  unter  dem  Namen  mit  andrer  (roter)  Tinte 
beigefügt. 

Sind  gleichzeitig  Verhältnisse  der  Landesnatur  (Wald,  Wiese  u.  s.  w.) 
und  Beziehungen  des  Erdraums  zum  Menschen  darzustellen,  so  sind 
für  jene,  soweit  möglich,  die  Signaturen  der  Generalstabskarte,  für 
diese  hingegen  Farbenunterschiede  anzuwenden. 


I.  Darstellung  von  Örtlichkeiten 
a)  Einfache  Ortsangabe. 
+  Bezeichnung    der    Örtlichkeit    schlechthin    (dem    an    sich    besten 
Symbol  dafür,  dem  Punkt,  vorzuziehen,  weü  dieser  leicht  zu 
Verwechselung  Anlafs  bietet). 
X  Fundstätte  (xPr  :  prähistorischer  Fund;  xR:  Römerfund;  xSl:  sla- 
vischer  Fund;   xden:  Fund  von  Denaren;  genauere  Angaben 
über  die  Fundgegenstände   können   in  Worten   daneben   ein- 
geschrieben werden). 

•  -L-  .      Gerichtsstätte      (    .  J—  .  Jl kJ      Hochgericht; 


•  • 


-L  .  N5     Niedergericht;       •  J-  .  ^9 


Dorfgericht). 


r 


Zollstätte. 
Münzstätte. 


\        Turm. 


—     126     — 


b)  Einzelsiedelung: 
Einzelnes  Haus. 


Gehöfte.  frn] 


Gut. 


äJ    Wassermühle.  ^  Windmühle. 

^  Rittersitz.  nI/  Burg-.  ^  Schlofs. 

4    Kapelle.  rt  Kirche.         n    Stiftskirche,     fi    Pfarrkirche. 

i 


Kloster. 


c)  Zusammengesetzte  Siedelung. 


\^  Dorf.  /^   Dorf  mit  Rittersitz.         ^?^    Kirchdorf. 

Q     Markt  (z.  B.  bei  Vergleichung  von  Marktprivilegien   nebst  Zeit- 
angabe). 

^1   Stadt.  4Df   ^^s^^^S- 

Das  Ortszeichen,  das  sich  im  Druck  der  Grundkarte  vorfindet,  ist 
in  der  Regel  durch  das  Symbol  zu  ersetzen,  beziehentlich  dieses  ams 
jenem  z.  B.  durch  Verstärkung  der  Umrifslinien  herauszugestalten.  Die 
Zugehörigkeit  zu  einem  Herrn  der  Siedelung  u.  s.  w.  ist  durch  Farben 
zu  bezeichnen. 

2.  Wege 

Soweit  dies  —  in  der  jüngsten  Vergangenheit  —  möglich  ist,  ist 
die  Form  der  WirkUchkcit  genau  entsprechend  zu  gestalten;  in  die- 
sem Falle  sind  die  Zeichen  der  Generalstabskarte  für  Fufe-  und  Feldwege, 
Strafsen.  u.  s.  w.  anzuwenden.  Andernfalls  ist  in  rein  schematischer 
Darstellung  die  Gerade  oder  Kurve  als  Verbindung  von  zwei  gege- 
benen Punkten  zu  wählen. 

Gemeindeweg. 

Strafse. 

•  —     —    -  -    —  Hauptstrafse. 


—     127     — 

Um  die  Anlage  der  Verkehrswege  verständlich  zu  machen,  ist 
auf  Karten,  die  nur  diese  selbst  darstellen,  Einzeichnung  des  Terrains, 
durch  das  sie  führen,  nötig;  und  zwar  kommt  es  vor  allem  auf  die 
Böschungs Verhältnisse  an,  weniger  auf  die  absolute  Höhe.  Am  besten 
bedient  man  sich  dazu  der  mit  Braunstift  ausgeführten  Schummerung. 

3.  Verwaltungsbezirke 

Für  die  Darstellung  weltlicher  und  kirchlicher  Verwaltungsbezirke 
empfiehlt  sich  im  allgemeinen  Flächenkolorit;  steht  ein  Gebiet  unter 
geteilter  Verwaltung,  so  ist  Streifenkolorit  zu  wählen ;  Randkolorit  dann, 
wenn  irgendwelche  Zustände  innerhalb  des  Bezirks  gleichzeitig  zum 
Ausdruck  gebracht  werden  sollen. 

Oft  wird  es  geboten  erscheinen,  die  Art  der  Grenze  durch  die 
Verschiedenheit  der  Strichelung  anzugeben.  So  für  die  kirchliche 
Einteilung : 

+  +  +  +  +  -*-  +  +  +  Grenze  der  Pfarrbezirke. 
4. .  +  .  +  .  +  .  +  .  +         „         „    Archidiakonate. 
•■  +  »  +  »  +  »  +  »        „         ,,    Bistümer. 
Für  die  weltliche  z.  B. : 

Gemeindegrenzen  (in  schwarz  oder  anderer  Farbe 

auf   bzw.   neben   die   gedruckte   rote  Gemar- 
kungsgrenze einzutragen). 
.•.•.•.o.e.  Amter  der  fürstlichen  Landesverwaltung. 
—  X  —  X  —  X  —  X—  Hochgerichtsbezirke. 

.  —   Niedergerichtsbezirke. 

^  ^  ^  ^  ^  ^  ^      Weichbildgrenze . 
tm    wm    wm   wm   wm     Landesgreozen. 

Lücken  in  der  Feststellung  der  Grenzen  sind  nach  dem  oben  dar- 
gelegten durch  —  «  «  zu  bezeichnen;  dabei  kann  das  farbige  Band 
voll  ausgeführt  werden,  doch  wird  dies  bei  minderer  Sicherheit  besser 
unteroleiDen :  also  z.  15.  iPiiiniir^iiMiiBii,*, S  i!iiiii;°;\-?T!Miii& 

4.  Gebiete  mit  ungewissen  Grenzen 

Die  Eigenart  der  historischen  Quellen  stellt  dem  Grundkarten- 
zeichner bisweilen  die  Aufgabe,  Gebiete  darzustellen,  von  denen  er 
nicht  die  Umgrenzung,  sondern  nur  einige  darin  gelegene  Örtlichkeiten 
kennt.  Dies  ist  z.  B.  der  Fall  bei  der  Kartographie  der  Gaue,  auch 
der  landesfurstlichen  Ämter  in  älterer  Zeit  u.  s.  w.  Die  bekannten 
Örtlichkeiten  sind  dann  zuerst  mit  farbiger  Unterstreichung  der  ge- 
druckten Ortsnamen  oder  mit  (farbigem)  Einschreiben  der  Namensform 


—     128     — 

der  Quelle  einzutragen.  Unter  ungünstigen  Umständen  mufe  es  dann 
bei  dieser  Darstellungsweise  sein  Bewenden  haben.  Elrgiebt  sich  aber 
die  Zugehörigkeit  zu  dem  darzustellenden  Gebiete  für  ein  gröfeeres 
oder  einige  kleinere  Stücke  Landes  mit  der  nötigen  Sicherheit,  so 
sind  diese  mit  Flächenkolorit  zu  bedecken;  bei  unsicheren  Gebiets- 
teilen kann  Streifenkolorit  angewendet  werden  (schmale  farbige  Streifen 
mit  breiten  Streifen  freigelassenen  Raumes) ;  und  endlich  wird  es  in 
günstigen  Fällen  möglich  sein,  eine  Vermutung  über  den  Grenzsaum 
durch  Randkolorit  (..........)  anzudeuten. 

5.  Grundbesitz 

Als  Einheit  für  die  Darstellung  von  Grundbesitzverhältnissen  wird 
es  sich  meist  empfehlen,  die  Hufe  anzunehmen.  Darzustellen  ist  sie 
mit  einem  Quadrat,  dessen  Gröfse  überall  da,  wo  man  die  Hufengröfsc 
der  Gemarkung  oder  wenigstens  der  Gegend  kennt,  dieser  in  ziemlich 
genauer  Berechnung  angepafet  werden  kann,  da  ja  i  qcm  der  Grund- 
karte einer  Fläche  von  i  qkm  entspricht.  Als  Durchschnittsmafs  (in 
schematischer  Darstellung)  wäre  ein  Quadrat  mit  der  Seitenlänge  von 
reichlich  3  mm  einzuführen  (die  Hufe  =  10  ha).  Halbe  Hufen  sind 
dann  durch  ein  entsprechendes  Rechteck  darzustellen. 

Die  Arten  der  Hufe  sind  mit  Deckweifs  durch  Signaturen  zu  be- 
zeichnen. 

pH     Hufe  ohne  nähere  Angabe. 


s.  w. 


jo]    Freienhufe;        0   Laetenhufe;         ^  Sklavenhufe  u. 

Bei  Salhufen  ist  ein  Kreis  in  der  Mitte  freizulassen. 

Die  Gröfse  des  Fronhofes  (curtis,  curia  .  .  .)  wird,  wenn  nach- 
weislich, genau,  sonst  schätzungsweise  als  Vielfaches  des  Hufenquadrats 
zu  zeichnen  sein. 

Um  den  Gesamtbesitz  an  Hufen  innerhalb  einer  Gemarkung  dar- 
zustellen, sind  Figuren  einzuzeichnen,  die  aus  der  jeweiligen  Zahl  von 
Quadraten  bestehen.  Als  einfachste  Form  ist  das  Rechteck  zu  wählen; 
doch  werden  die  räumlichen  Bedingungen  zu  mannigfachen  zusammen- 
gesetzten Formen  nötigen. 

Z.  B. 


1 


18  mansi. 


9  mansi  lediles. 


o   o 
o  o 


fo^  o  T]o"o1 

f-^l^|o|o|o|xi>^ 


—     129     — 

15  mansi  serviles 

+ 
4  später  erworbene  mansi  ingenuiles. 

10  mansi  ingenuiles. 


>» 


serviles. 


Em 


curtis   (zu    5   Hufen)   +    i2>/a   mansi    +   2    mansi 
Kirchland. 


Die  Hufenquadrate  sind  mit  Flächenkolorit  zu  bedecken,  um  die 
Zugehörigkeit  zu  einer  Grundherrscbaft  auszudrücken;  für  Verlehnung 
kann  Randkolorit  als  passendes  Darstellungsmittel  verwendet  werden 
oder  auch  Verstärkung  der  Linien  innerhalb  der  Diagramme. 


Gesamtbesitz:  28  Hufen  (20  ma.  ing.  8  serv.). 


0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

0 

7  ^ 

V 

y 

1 

0 

0 

ö  X 

xj 

A 

Davon  verlehnt:  8  Hufen  (6  ma.  ing.  2  serv.). 


Besitz  weniger  Morgen  ist  durch  Striche  zu  bezeichnen    1 1  :   bei 
gröfseren  Zahlen :  /ss  jq./.    Für  Salland  von  unbekannter  Gröfse  wähle 


man: 


Gilt  es  die  Beschaffenheit  des  Bodens  zum  Aus- 


*.   .  m.   m  .  m^ 


druck  zu  bringen,  so  sind  die  unten  unter  7  anzuführenden  Signaturen 
zu  verwenden.  Blofsen  Besitz  eines  Hauses  (und  Höfchens)  bezeichne 
man:  •;  kleinere  Grundstücke:  Q. 


6.  Flurverfassung 

Die  Grundkarten  erlauben  es,  eine  Übersicht  über  die  Arten  der 
Flurverfassung  herzustellen.   Als  schematische  Formen  könnten  dienen : 


Block. 


Gewann. 


gemischt. 


u.  s.  w.     Doch  wird  sich  die  Verwendung  von   willkürlich  gewählten 
Farbenbezeichnungen   (z.  B.   verschiedenen  Tönen   von  Braun)   besser 

empfehlen. 

10 


—    läo    — 

7.  Wirtschaftszustände 

a)  Nachweis  angebauter  Fruchtgattungen: 

Ackerfeld  in  der  Gemeinde  nachweisbar:  mit  eingeschrie- 
benem R  =  Roggenfeld;  W  =  Weizenfeld;  G  = 
Gerstenfeld;   H  =  Haferfeld  u.  s.  w^.  —  Oder  es 
sind  des  anschaulicheren  Vergleiches  wegen  Weizen : 
gelb;  Roggen:  braun;  Gerste:  grau;  Hafer:  grün  darzustellen. 

b)  Bodenarten: 


1  V     f    «^    V 
«'     W     «^     «r 

\    'V      ^     ^      '* 

1      1      1      1 
•                                                  1     1      1       1      1 
1      1      1       1 

11(11 

Ackerland 


Wiese 


Weide 


Weingarten 
(Weinberg) 
Oder  man  wähle  Ackerboden :  braun ;  Wald :  dunkelgrün ;  Wiese :  hell- 
grün; Weide:  gelb;   Sumpf  und  Moor:   schwärzlich;  Weingärten:  röt- 
lich; Gewässer:  blau. 
c)  Feldsysteme: 


Winterfeld       Sommerfeld       Brache  teilweise  besömmerte  Brache 

Demgemäfs  (ohne  Wahrung  der  quadratischen  Form  in  schematischer 
Darstellung) : 


Feldgraswirtschaft         Zweifelderwirtschaft        Dreifelderwirtschaft 


Fruchtwechselwirtschaft 


8.  Volksdichte 

Mit  wenigen,  nach  helleren  und  dunkleren  Tönen  abgestuften 
Farben  ist  die  Volksdichtigkeit  der  ganzen  Gemeindeeinwohnerschaft 
oder  ihrer  einzelnen  Teile  auf  i  qkm   berechnet  zu  veranschaulichen. 


—     131      — 

Die  genaue  Volkszahl  ist  in  die  "Grundkarte  hineinzuschreiben.  Für 
die  Abtönung'  der  Farben  verwende  man  die  Karten  im  Statistischen 
Jahrbuch  des  Deutschen  Reiches  als  Vorbild. 

9.  Soziale  Gliederung 

Die  vollkommenste  Art  der  Darstellung  wäre  die,  das  Gesamtgebiet 
der  Gemarkung  mit  farbigem  Kolorit  zu  bedecken,  das  den  Verhältnis- 
mäfsigen  Anteil  der  (ländlichen)  Bevölkerungsklassen  veranschaulichte. 
Sonst  kann  man  sich  mit  der  Einzeichnimg  von  Diagrammen  (in 
Rechtecksform   .  .  .)  innerhalb  der  Gemarkungsgrenzen  begnügen. 

Als  Farbenunterschiede  dienen  etwa:  Bauern,  Hüfner,  Pferdner 
u.  s.  w.  braun  (Voll-,  Halb-,  Viertelhüfner  durch  heller  werdenden  Ton 
unterscheidbar);  Gärtner,  Anbauer  rotbraun;  Häusler  und  Einlieger  grau ; 
Handwerker  graugrün;  Rittergutsbesitzer  gelb ;  hoher  Adel  zinnoberrot; 
freie  Berufe  blau. 

* 

Dies  sind  die  Vorschläge  für  Grundkartenzeichnung,  die  ich  zu- 
nächst einmal  den  Fachgenossen  zur  Prüfung  auf  ihre  Brauchbarkeit 
vorlegen  möchte.  Manche  davon  werden  bei  längerer  Erfahrung  durch 
bessere  zu  ersetzen  sein;  andere  werden  hinzukommen  müssen,  um 
viele  noch  offene  Lücken  auszufüllen.  Eins  wird  aber  schon  heute 
fest  ins  Auge  zu  fassen  sein:  Sobald  erst  etwas  reichere  und  viel- 
seitigere Erfahnmgen  in  der  Grundkartenzeichnung  vorliegen,  wird  man 
an  die  Schaffung  eines  Werkchens  herantreten  müssen,  in  dem  die  für 
die  Eintragung  mafsgebenden  Grundsätze  dargelegt  werden,  sowie  auf 
einer  Zeichentafel  die  vereinbarten  Symbole  enthalten  sind.  Dies 
Werkchen,  den  Kommissionen,  Vereinen  und  Gesellschaften,  die  sich 
mit  der  Herausgabe  von  Grundkarten  befassen,  zur  Genehmigung  vor- 
gel^t,  wird  dann  den  Historikers,  welche  Grundkarten  benutzen,  in  die 
Hand  zu  geben  sein :  nicht  nur  als  ein  Führer ,  der  ihnen  raten  will, 
sondern  als  ein  Büchlein,  das  Vorschriften  bietet,  von  deren  Befolgung 
ein  guter  Teil  des  Gelingens  des  grofs  angelegten  Grundkartenunter- 
nehmens abhängen  wird.  Ist  dies  Ziel  erst  einmal  erreicht,  dann  wird 
neben  der  Organisation  das  Wichtigste  geschaffen  sein,  was  die  Durch- 
führung des  ganzen  Unternehmens  verbürgt:  eine  gewifs  noch  ver- 
besserungs-  und  ergänzungsfähige,  aber  zunächst  einmal  den  wissen- 
schaftlichen Ansprüchen  genügende,  auf  allgemein  anerkannten  Grund- 
sätzen beruhende  Technik  der  Grundkarteneinzeichnung. 

10* 


—     132      — 

Die  landesgesehiehtliehe  Forschung  in  Pom^ 
mern  ivährend  des  letzten  Jahrzehnts 

Von 
Martin  Wehrmann  (Stettin) 

(Schlafs)  1) 

Durch  alle  diese  Arbeiten  ist  auch  für  die  allgemeine  Geschichte  man- 
cherlei gewonnen,  und  sie  verdienen  zumeist  mehr  Beachtung,  als  ihnen 
leider  zuteil  geworden  ist.  Aber  auch  nicht  wenige  der  sozusagen  aus- 
schlieüslich  lokalgeschichtlichen  Arbeiten,  wie  die  von  P.  van  Niefsen 
bearbeiteten  Geschichte  der  Städte  Woldenberg  in  der  Neumark  (1893) 
und  Dramburg  (1897),  gehen  über  das,  was  zumeist  in  solchen  Ab- 
handlungen geleistet  wird,  erheblich  hinaus.  Kurz  hingewiesen  mag 
noch  werden  auf  die  intensive  Behandlung  der  pommerschen  Volks- 
kunde, die  in  den  von  A.  Haas  und  O.  Knoop  1893  begründeten 
Blättern  für  pommersche  Volkskunde  ein  eigenes  Organ  gefunden 
hat.  Auch  für  die  Geschichtsforscher  ist  hier  manch  kleiner  wertvoller 
Beitrag  zu  finden,  da  Pommern  gerade  für  die  Volkskunde  ein  beson- 
ders günstiges  Gebiet  zu  sein  scheint.  Ärmer  ist  die  Ausbeute  für 
die  Kunstgeschichte,  aber  nicht  so  arm,  wie  man  gemeinhin  glaubt. 
Das  beweist  das  von  der  Gesellschaft  für  Pommersche  Geschichte  und 
Altertumskunde  herausgegebene  Inventar  der  Baudenkmäler  Pom- 
merns, das,  bearbeitet  von  E.  v.  Haselberg,  L.  Böttger  und 
H.  Lemcke,  bisher  für  zwölf  Kreise  vorliegt  (Stettin  1881 — 1900) 
und  in  weiterer  Bearbeitung  ist.  Daneben  hat  H.  Lutsch  in  seinen 
sorgfaltigen  Arbeiten  [Die  Backsteinbauten  Mittelpommems ,  Berlin 
1890)  die  Ergebnisse  langjähriger  Thätigkeit  veröffentlicht.  Für  die 
Münzgeschichte  haben  in  zahlreichen  Einzeluntersuchungen  und  in  zu- 
sammenfassenden Darstellungen  H.  Dannenberg  [Münzgeschichte 
Pommerns  im  Mittelalter,  Berlin  1893)  und  E.  Bahrfeldt  (Zt^r /^ii'//^/- 
alterlichen  Münzkunde  Pommerns,  Berlin  1893)  ihre  Untersuchungen 
niedergelegt. 

Ist  für  die  Geschichte  Pommerns  auch  noch  viel  zu  wünschen 
übrig  —  und  wann  werden  alle  Wünsche  erfüllt  werden?  — ,  so  kann 
noch  kein  billig  UrteUender  leugnen,  dafs  die  Thätigkeit  im  letzten 
Jahrzehnt  lebhaft  gewesen  ist.  Es  sind  auch  die  Anregungen,  die  von 
au&cn  her  seitens  des  Gesamtvereins   oder  der  Konferenz  der  Publi- 


1)  Vgl.  Heft  4  S.  98  bis  104. 


—     138     -^ 

kationsiastitute  gegeben  wurden,  nicht  unbeachtet  geblieben.  Eine 
Zusammenstellung  der  erhaltenen  Kirchenbücher  und  Stadtbücher  ist 
erfolgt,  die  Herstellung  der  Grundkarten  —  wie  hier  gegenüber  der 
Bemerkung  auf  S.  35  dieser  Blätter  mitgeteilt  werden  mag  —  und  die 
Abfassung  einer  historisch -geographischen  Beschreibung  der  Diözese 
Camin  sind  in  Ang^ff  genommen.  Dafs  nicht  alles  so,  wie  wohl  ge- 
wünscht wird,  sofort  zu  stände  kommt,  liegt  nicht  zum  mindesten  am 
Mangel  der  Arbeitskräfte  und  der  Geldmittel,  aber  als  Zeichen  des 
Fortschritts  ist  auch  die  in  neuerer  Zeit  regere  Anteilnahme  der 
Universität  Greiüswald  an  der  Territorialgeschichtsforschung  mit  Freude 
zu  begrüfsen. 


Mitteilungen 


Historikertag.  —  in  den  Tagen  vom  4.  bis  7.  AprU  1900  fmdet 
in  Halle  a.  S.  die  sechste  Versammlung  deutscher  Historiker 
statt,  und  zwar  in  der  Aula  der  Universität  und  dem  Auditorium  maximum. 
Das  Programm,  welches  der  derzeitige  Vorsitzende  des  Verbandes  deutscher 
Historiker,  Prof.  G.  Kaufmann  (Breslau)  im  Vereine  mit  dem  Ortsausschufs, 
an  dessen  Spitze  Prof.  Eduard  Meyer  steht,  aufgestellt  hat,  sieht  folgende 
Vorträge  vor,  und  zwar  a)  mit  anschliefsender  Debatte:  Prof.  L.  Mitteis 
(Leipzig):  Die  neueren  Ergebnisse  der  Papymsforschung.  —  Prof.  H.  ül- 
mann  (Greifswald):  Zur  Würdigung  der  napoleonischen  Frage.  —  Prof. 
H.  Geizer  Qena):  Das  Verhältnis  von  Staat  und  Kirche  in  Byzanz.  — 
Prof.  Ph.  Heck  (Halle):  Stadtbürger  und  Stadtgericht  im  Sachsenspiegel. — 
Prot  H.  Prutz  (Königsberg):  Die  Entwicklung  der  historischen  Professur 
in  Königsberg.  —  Prof.  F.  Räch  fahl  (Halle):  Der  niederländische  Aufstand 
und  das  deutsche  Reich,  b)  ohne  Debatte  (öffentliche  Vorträge):  Prof. 
Dietrich  Schäfer  (Heidelberg):  Das  Eintreten  der  nordischen  Mächte 
in  den  Dreifsigjährigen  Krieg.  —  H.  Friedjung  (Wien):  Das  Angebot  der 
deutschen  Kaiserkrone  an  Österreich  im  Jahr  1814.  —  Femer  sind  Aus- 
flüge ins  Saalethal  und  nach  Merseburg  beabsichtigt,  sowie  eine  Reihe  ge- 
selliger Zusammenkünfte. 

Zur  Teilnahme  am  Historikertage  sind  alle  Fachgenossen  und 
Fachverwandten  sowie  alleFreunde  geschichtlicher  Forschung 
freundlichst  geladen.  Von  denjenigen  Teilnehmern,  die  nicht  Mitglieder  des 
Verbandes  sind,  wird  ein  Beitrag  von  5  Mk.  erhoben.  —  Anträge,  die 
auf  dem  Historikertage  erörtert  werden  sollen,  können  nur  von  Verbands- 
mitgliedem  gestellt  werden  und  sind  vor  dem  31.  März  1900  schrift- 
lich bei  dem  Vorsitzenden  des  Verbandes  deutscher  Historiker,  Prof.  Dr. 
G.  Kaufmann,  Breslau,  Rosenthalerstr.  Id,  anzumelden.  Über  die  Ein- 
reihung in  die  Tagesordnung  beschlieist  der  Verbandsausschufs  am  4.  April.  — 


—     134     — 

Anmeldungen  zum  Eintritt  in  den  Verband  (Jahresbeitrag  5  Mk.)  sind 
an  dessen  Schatzmeister,  Prof.  Dr.  Hansen,  Stadtarchivar  zu  Köln,  zu 
richten.  —  Zu  den  beiden  öffentlichen  Vorträgen  hat  jedermann  Zu- 
tritt. —  Das  Empfangsbureau,  dessen  Leitung  die  Herren  Oberlehrer 
Dr.  Fr.  Neubauer  und  Privatdocent  Dr.  Th.  Sommerlad  freundlichst 
übemonmien  haben,  befindet  sich  in  der  „Tulpe"  und  wird  die  Teil- 
nehmerbeiträge in  Empfang  nehmen,  die  Mitgliedskarten  und  Programme 
sowie  die  Karten  für  das  Festessen  (Preis  des  Couverts  3,50  Mk.)  ausgeben 
und  jede  sonstige  Auskunft  erteilen.     Das  Bureau  wird  am  Mittwoch,  dem 

4.  April,  von  2  Uhr  an,  an  den  folgenden  Tagen  Vormittags  von  ^9  bis 
2  Uhr  geöf&et  sein.  —  Zu  weiterer  Auskunft  sind  der  Vorsitzende  und  der 
Schriftführer  des  Ortsausschusses  in  Halle,  Prof.  Eduard  Meyer  (Gie- 
bichenstein,  Reilstr.  88)  und  Privatdocent  Dr.  Th.  Sommerlad  (Bern- 
burgerstrafse   15)  erbötig. 

Gleichzeitig  mit  dem  Historikertage  wird  die  Vierte  Konferenz  deut- 
scher Publikationsinstitute  stattfinden.  Die  erste  Sitzung  soll  bereits 
am  Vormittag  des  4.  April  im  Historisch-Geographischen  Institut  der  Uni- 
versität Leipzig  abgehalten  werden.  Das  Arbeitsprogramm  der  Konferenz 
umfafst  folgende  Ptmkte:  i.  Konstituierung,  Bericht  über  Lage  und  Bestand 
der  Konferenz.  3.  Zur  historischen  Geographie  Deutschlands.  A)  Gnmd- 
karten.  a.  Bericht  von  Lamp recht  über  den  allgemeinen  Stand  und  die 
jetzige  Verbreitung  der  Grundkartenforschung.  (Hierzu  der  Aufsatz :  „  Zur 
Organisation  der  Grundkartenforschung"  in  den  „Deutschen  Geschichts- 
blättem",  Heft  2,  Seite  33 — 41.)  b.  Erörterung  wichtiger  Fragen  der  Grund- 
kartentechnik. (Hierzu  der  Aufsatz  von  Kötzschke  in  den  „Deutschen 
Geschichtsblättern  ",  Heft  5 ,  S.  1 1 3 — 131.)  B)  Historisch-kirchliche  Geographie 
Deutschlands,  a.  Bericht  von  Meinecke  über  den  Stand  der  Verhandlungen, 
b.  Erörterung  weiterer  Schritte.  3.  Beratung  über  den  Antrag  Dr.  Stein- 
hausens aus  Jena  auf  Unterstützung  der  von  ihm  herausgegebenen  „Denk- 
mäler der  deutschen  Kulturgeschichte".  4  Beratung  über  die  Ausgaben 
von  Ertragsregistern  und  Weistümem.  (Hierzu  die  frühem  Denkschriften  von 
Loersch,  Thudichum,  Grotefend  und  Darpe,  Lamprecht,  Schulte.) 

5.  Abgrenzung  des  Stofifes  von  Urkundenbüchern.  (Hierzu  die  frühere  Denk- 
schrift von  Dobenecker  und  Pi renne.)  6.  Beratung  über  etwa  weiter  ge- 
stellte Anträge. 

Vereine.  —  Seit  Ende  des  Jahres  1896  besteht  ein  „Verein  für 
historische  Waffenkunde"  mit  dem  Sitze  in  Dresden  als  juristische 
Person.  Der  Zweck  des  Vereins  ist,  das  Studium  der  Geschichte  des  Waffen- 
wesens zu  fördern,  insbesondere  im  Hinblick  auf  die  technische  Herstellung, 
die  künstlerische  Ausstattung  und  die  kriegerische  Verwendung  der  alten 
Waffen.  Mitglieder  —  gegenwärtig  334  —  können  nicht  nur  einzelne  Per- 
sonen, sondern  auch  Ortschaften,  Behörden,  Korporationen,  Sammlungen  und 
Bibliotheken  werden,  der  Jahresbeitrag  beträgt  10  Mk.,  wofür  das  Vereins- 
organ, die  Zeitscimfl  für  historische  Waffenkunde  unentgeltlich  geliefert  wird. 
Oberstleutnant  Dr.  Max  Jahns,  der  verdienstliche  Verfasser  des  Handbuchs 
einer  Geschichte  des  Kriegswesens  von  der  Urxeit  bis  xur  Renaissance 
(1880)  ist  der  erste  Schriftführer  des  Vereins ,  die  Redaktion  der  Zeitschrift 


—     13Ä     — 

besorgte  im  ersten  Jahrgang  Wendelin  Boeheim  (Wien),  aus  dessen  Feder 
\irir  ein  Hmidbuch  des  Waffenwesens  in  seiner  historischefi  Entwicklung  (1890) 
besitzen.  Von  Beginn  des  zweiten  jetzt  laufenden  Bandes  an  ist  die  Re- 
daktion an  Dr.  Karl  Koetschau,  Direktor  der  herzoglichen  Kunst-  und 
Altertümersammlung  der  Veste  Koburg  übergegangen.  Die  historischen  For- 
scher seien  auf  diese  Publikation  aufmerksam  gemacht,  in  der  sie  sich  ge- 
gebenenfalls sowohl  über  Art  imd  Aussehen  gewisser  Waffen,  als  auch  über 
die  Deutung  von  Fachausdrücken  der  älteren  Militärsprache  oft  werden  Rats 
erholen  können. 

Der  seit  1859  bestehende  Mannheimer  Altertumsverein  erfreut 
sich  einer  vergleichsweise  recht  hohen  Unterstützung  seitens  der  Stadt  Mann- 
heim (erhält  doch  selbst  der  Aachener  Geschichtsverein  nur  einen  städtischen 
Beitrag  von  1000  Mk.),  denn  der  187 1  sich  auf  200  Gulden  belaufende 
Zuschufs  wurde  wiederholt  erhöht,  1893  auf  2000  Mk.  und  beträgt  seit  Be- 
ginn des  laufenden  Jahres  sogar  3000  Mk.  Dem  entsprechend  ist  die  be- 
reits recht  stattliche  Zahl  der  VereinsveröfTentlichungen  seit  Januar  1900  um 
eine  neue  vermehrt  worden,  die  sich  Mannheimer  Geschiclitsblätter,  Monats- 
schrift für  die  Geschichte,  Altertums-  und  Volkskunde  Mann- 
heims und  der  Pfalz,  nennt  und  monatlich  im  Umfange  von  ein  bis 
anderthalb  Bogen  imter  Redaktion  von  Dr.  Friedrich  Walter  in  Mann- 
heim erscheint. 

In  der  Provinz  Ostpreufsen  hat  sich  Ende  189 8  ein  Verein  zur  Erfor- 
schung der  Geschichte  des  alten  „  Oberlandes  '*,  insbesondere  der  Kreise  Preu- 
isiscb-HoUand,  Mohnmgen,  Osterode-Neidenburg  und  Orteisburg,  unter  dem 
Namen  „Oberländischer  Geschichtsverein*'  tmd  dem  Vorsitze  des 
Amtsrichters  Georg  Conrad  zu  Mühlhausen  in  Ostpreufsen  konstituiert 
Das  erste  Heft  der  Vereinszeitschrift,  die  den  Titel  Oberländische  Geschichts- 
hläiter  (Königsberg,  in  Kommission  bei  Ferd.  Beyers  Buchhandlung)  führt, 
liegt  gegenwärtig  vor  und  enthält  eine  Reihe  auch  ftir  weitere  Kreise  in- 
teressante Beiträge.  Eine  Mitteilung  über  die  Anbringung  einer  Gedenktafel 
für  Ferdinand  Gregorovius  in  dessen  Vaterstadt  Neidenburg  (S.  14)  giebt 
Gelegenheit  zimi  Abdrucke  eines  liebenswürdigen  Briefes  Gregorovius'  vom 
2.  Febr.  1891,  die  Veröffenüichtmg  von  Aktenstücken  aus  dem  gräflich 
Dohnaschen  Archive  und  dem  der  gräflich  DönhofTschen  Familienstiftung 
zeigt  wieder  einmal  den  Wert  derartiger  Privatarchive  und  die  Beschreibung 
der  „Vorgeschichtlichen  Wandtafeln  ftir  Westpreufsen",  welche 
auf  sechs  Blättern  die  Funde  der  jüngeren  Steinzeit,  Bronzezeit,  jüngsten 
Bronzezeit,  vorrömischen  Zeit,  römischen  Zeit  tmd  arabisch-nordischen  Zeit 
nach  den  Angaben  des  Museumsdirektors  Prof.  Conwentz  darstellen,  kann 
für  andere  Gegenden  die  Anregung  zu  ähnlichen  Arbeiten  geben. 

Ein  „Altertumsverein  fürMühlhausen  i.  Th.  und  Umgegend'' 
wurde  im  November  1899  gegründet  und  konnte  sofort  über  die  stattliche 
Zahl  von  183  Mitgliedern  verfügen.  Eine  Vereinszeitschrift  mit  dem  Titel 
Miifdhäuser  Oeschichtsblätter  soll  vornehmlich  der  wissenschafUichen  Ausbeu- 
tung des  vormals  reichsstädtischen  und  jetzigen  Stadtarchivs  von  Mühlhausen 
dienen. 


—     136     — 

Bibliographie«  —  Die  stetig  anwachsende  Litteratur  der  Orts- 
geschichte hat  schon  längst  das  Bedürfnis  nach  Bibliographieen  für  ein- 
zekie  Landesteile  gezeitigt.  Zum  Teil  ist  demselben  durch  Veröffentlichung 
von  Bibliothekskatalogen  (z.  B.  ist  vom  Katalog  der  Kölner  Stadtbibliothek, 
Abteilimg  „Geschichte  und  Landesktmde  der  Rheinprovinz'*  wenigstens  ein 
Band  [1894]  erschienen,  aber  leider  ist  die  Abteilung  auch  nicht  annähernd 
vollständig)  entsprochen  worden,  zum  Teil  hat  man  eigene  Bibliographieen 
geschaffen,  wie  sie  z.  B.  für  die  Württembergische  Geschichte  in  zwei  Bän- 
den Wilhelm  Heyd  bearbeitet  hat.  Für  die  meisten  Gebiete  fehlt  es  aber 
noch  an  entsprechenden  Veröffentlichungen,  tmd  die  Interessenten  sind  des- 
halb auf  allgemeine  Hilfsmittel  angewiesen.  Ein  solches  liegt  gegenwärtig 
in  einem  fast  9000  Nummern  umfassenden  Antiquariatskataloge  von  Franz 
Teubner  in  Düsseldorf  vor,  welcher  Geschichte  und  Topographie 
der  Städte,  Ortschaften,  Burgen  und  Klöster  umfafst  und  die 
Ortsnamen  in  alphabetischer  Reihenfolge  giebt,  so  dafs  eventuell  Gesuchtes 
mit  Leichtigkeit  zu  finden  ist.  Ja  es  ist  der  Wert  solcher  Kataloge  nicht 
zu  tmterschätzen,  wenn  für  ein  bestimmtes  Gebiet  die  ersten  Sammelarbeiten 
für  eine  Bibliographie  zur  Laiidesgeschichte  vorgenommen  werden  sollen. 
Mancher  Lokalforscher  wird  mit  Freude  die  Gelegenheit  wahrnehmen,  sich 
ältere  Schriften  aus  seinem  engeren  Arbeitsgebiete  gegen  mäfsigen  Preis  zu 
erwerben. 

EiiiKegangeiie  Bficlier. 

Brettschneider,  Harry:  Hilfebuch  für  den  Unterricht  in  der  Geschichte 

auf  höheren   Lehranstalten.     VL  Teil:  Vom  Begmne   christlicher  Kultur 

bis  zum  Westfälischen  Frieden  (Lehraufgabe   der   Unteiprima).     2.  Aufl. 

Halle  a.  S.,  Waisenhaus,   1900.     194  S.  8^.     Jk  1,80. 
Bruchmüller,    W.:   Zur  Wirtschaftsgeschichte   eines   rheinischen   Klosters 

im  XV.  Jahrhundert.     Nach  einem  Rechnungsbuch  des  Klosters  Walber- 

berg  aus  dem  Jahre  14 15.    [Westdeutsche  Zeitschrift  für  Geschichte  und 

Kunst.     Jahrg.   1899.     S.  266 — 308.] 
Deppe,  August:  Kriegszüge  des  Tiberius  in  Deutschland  4  und  5  nach  Chr. 

Bielefeld,  Hehnich,   1886.     42  S.  80.     v4   1,25. 
Jürgens,  Dr.  G. :  Ein  Amtsbuch  des  Klosters  Wabrode.    Hannover,  Schaper, 

1899.    61  S.  8<^.     [Veröffentlichungen  zur  niedersächsischen  Geschichte, 

2.  Heft.] 
Priebatsch,  Felix:  Der  märkische  Handel  am  Ausgange  des  Mittelalters. 

[Aus   „Schriften  des  Vereins  für  die  Geschichte  Berlins",  Heft  XXXVI 

(1899),  S.   I— 54-] 
Schill,  Dr.  £.:  Anleitung  zur  Erhaltung  und  Ausbesserung  von  Handschriften 
durch  Zapon-Imprägnierung.    Dresden,  Verlag  des  „  Apollo  "  (Franz  Hoff- 
mann)  1899.     17  S.  8^ 

BemeriLimg.  —  Das  Märzheft  der  „Deutschen  Geschichtsblätter" 
(Nr.  6)  wird  gemeinsam  mit  dem  für  April  (Nr.  7)  als  Doppelheft  in  den 
ersten  Tagen  des  Monats  April  ausgegeben  werden. 


Hcmusgeber  Dr.  Annin  Tille  in  Leipsic.  —  Druck  und  Verlng  von  Friedrich  Andren«  Perthes  in  Gotfan. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Förderung  der  landesgescbiclitliclien  Forschung 

I.  Band  März/April  xgoo  6./;.  Heft 

Die  Historikertage 

Von 
Armin  Tille 

Zum  sechsten  Male  versammeln  sich  die  deutschen  Historiker  und 
zwar  diesmal  so  weit  im  nördlichen  Deutschland,  wie  noch  nie  zuvor, 
denn  von  München  über  Leipzig,  Frankfurt,  Innsbruck  und  Nürnberg 
hat  sie  der  Weg  nach  Halle  geführt,  zum  vierten  Male  in  eine  Uni- 
versitätsstadt. In  diesen  wenigen  Angaben  ist  bereits  ein  Stück  Gre- 
schichte  der  Historikertage,  wie  landläufig  cUe  „Versammlungen 
deutscher  Historiker''  genannt  worden  sind,  enthalten,  und  einer 
Geschichte  dieser  Versammlungen  sollen,  nachdem  bereits  ihrer  fünf 
hinter  tms  liegen,  die  folgenden  Zeilen  dienen. 

Im  Herbst  1891  trafen  sich  zufallig  einige  Historiker  in  München 
-und  zwar  waren  dies  August  von  Druffel  ("J-),  K.  Th.  von  Heigel, 
MaxLossen(-j-),  FelixStieve(-j-),  Ludwig  Quid  de  und  Hans  von 
Zwiedineck-Südenhorst.  Von  letzterem  wurde  damals  den  Fach- 
genossen der  Gedanke  nahegelegt,  ob  sich  nicht  auch  die  Historiker, 
wie  andere  Berufsgenossen,  zur  Beratung  über  gemeinsame  Angelegen- 
heiten zusammenschliefsen  und  auf  periodisch  wiederkehrenden  Ver- 
sammlungen sich  aussprechen  sollten.  In  weiterer  Verfolgung  dieser 
Anr^;mig  scharten  die  genannten  Herren  noch  weitere  namhafte  Ver- 
treter der  Geschichtswissenschaft  um  sich  und  erlielsen  gemeinsam  im 
Sommer  1892  einen  Aufruf,  welcher  für  September  dieses  Jahres  zu 
einer  allgemeinen  Versammlung  nach  München  einlud  zu  dem  Zwecke, 
„persönliche  Fühlung  untereinander  zu  gewinnen  und 
gemeinsame  Angelegenheiten  zu  erörtern''.  Die  im  Sommer 
1892  herrschende  Besorgnis  vor  weiterer  Verbreitung  der  Cholera  und 
dadurch  verursachte  Verkehrshemmungen  liefsen  es  schliefslich  an- 
gezeigt erscheinen,  die  Versammlung  auf  die  Osterwoche  1893  zu  ver- 
legen, und  in  der  That  hat  sie  in  den  Tagen  vom  5.  bis  7.  April  in 

München  stattgefunden.     Nicht  weniger  als   109  Fachgenossen  waren 

11 


—     138     — 

dazu  erschienen,  zum  Vorsitzenden  der  Versammlung  wurde  Professor 
Alfons  Huber  (Wien)  erwählt,  nachdem  der  Münchener  Ortsaus- 
schuCs,  an  dessen  Spitze  Stieve  stand,  mit  der  Eröffnung  der  Versamm- 
lung seine  Thätigkeit  eingestellt  hatte.  Das  Hauptverdienst  an  dem 
Gelingen  der  Münchener  Tagung  ist  Stieve  zuzuerkennen:  er  hat  die 
gesamten  Kosten  derselben  getragen,  den  Bericht  über  die  Verhand- 
lungen ^)  auf  seine  Kosten  drucken  lassen  und  die  Vorverhandlungen  mit 
den  Referenten  und  Vortragenden  geführt. 

Nach  dem  günstigen  Erfolge  der  Münchener  Versammlung  ward  als 
Haupterfordemis  erkannt,  durch  baldige  Veranstaltung  einer  zweiten 
Tagung  in  anderer  Gegend  das  Interesse  dafür  zu  mehren  und  die 
Versammlungen  sich  einleben  zu  lassen.  Noch  in  München  wurde 
Leipzig  als  Ort  und  Ostern  1894  als  Zeit  bestimmt,  und  es  konsti- 
tuierte sich  sofort  ein  Ortsausschufs,  bestehend  aus  Arndt  (-]-),  Baldamus 
und  Lamprecht.  In  den  Tagen  vom  29.  März  bis  i.  April  1894  ver- 
sammriten  sich  in  Leipzig  340  Historiker  aus  allen  Teilen  des  deutschen 
Sprachgebiets,  so  dafs  die  Leipziger  Tagung  an  Zahl  der  Teilnehmer 
alle  übrigen  (selbst  die  Nümbeiger  von  1898)  noch  fast  um  das 
Doppelte  überragt  hat.  Zu  den  Kosten  der  Versammlung  hatte  da» 
Kgl.  sächsische  Müüsterium  des  Kultus  und  öffentlichen  Unterrichts 
einen  namhaften  Beitrag  geleistet,  die  Teilnehmer  zahlten  femer  einen 
Beitrag  von  2  Mark  für  ihre  Eintrittskarten,  um  die  nicht  unbeträcht- 
lichen Kosten  decken  zu  helfen,  und  unter  Lamprechts  Vorsitz  ent- 
faltete der  zweite  Historikertag  seine  vielseitige  Thätigkeit  Als  Ort 
für  die  nächste  Tagung  ward  zunächst  Marburg  in  Aussicht  genommen,, 
da  man  eine  Universitätsstadt  für  unbedingt  wünschenswert,  wenn  nicht 
für  das  Gelingen  eines  solchen  Tages  notwendig  hielt,  aber  die  Be-- 
mühungen  des  geschäftsführenden  Ausschusses,  dem  der  Entscheid 
übertragen  wurde,  führten  schliefslich  zu  Frankfurt  a.  M.,  während 
als  2^it  Ostern  1895  schon  in  Leipzig  fest  bestimmt  wurde.  Die 
dritte  Versammlung  (18.  bis  21.  April  1895)  unter  Leitung  K.  Th. 
von  Heigels,  an  welcher  119  Personen  teUnahmen,  brachte  für  die 
Weiterentwicklung  der  Historikertage  insofern  einen  wesentlichen  Fort- 
schritt,  als  durch  die  Begründung  eines  Verbandes  deutscher 
Historiker,  dessen  Mitglieder  einen  festen  Jahresbeitrag  von  5  Mark 
entrichten,  die  künftigen  Versammlungen  finanziell  gesichert  und  ihnen 
ein  gewisser  fester  Stamm  von  Teilnehmern  gewonnen  wurde.  Die 
Bestimmung  von  Ort  und  Zeit   der  Versammlungen  wurde  nunmehr 


1)  Enchienen  in  der  M.  Ricgersdien  Universitätsbuchhandlung  Mttnchen  1893. 


—     139     — 

Au%abe  deB  Verbandsausschusses,  aber  die  Versammluag' drückte 
ia  Form  der  Entschliefsung  den  Wunsch  aus,  dafs  der  vierte  Historiker- 
tag' im  Herbst  1896  in  östeneich  stattfinden  möge.  In  Ausführung 
dieses  Wunsches  einigte  man  sich  auf  Innsbruck,  wo  sich  in  den 
Tagen  vom  11.  bis  14.  September  1896  120  Teilnehmer  zusammen- 
£uiden,  während  171  Personen  sich  als  Mitglieder  des  Verbandes 
einschrieben.  Den  Vorsitz  über  die  Versammlung  führte  Professor 
von  Zwiedineck-Südenhorst  (Graz),  und  als  ihr  Ergebnis  in  organisato- 
rischer Hinsicht  kam  zum  Zwecke  näherer  Ausführung  der  Frankfurter 
Beschlüsse  eine  „Geschäftsordnung  für  die  Versammlungen 
deutscher  Historiker  und  den  Ausschufs  des  Verbandes 
deutscher  Historiker*'  zustande.  Als  Vorsitzender  des  Verbands- 
ausschusses, dem  die  Soig'e  für  den  fünften  Historikertag  zufiel,  wurde 
Professor  Stieve  gewählt,  den  noch  vor  Fertigstellung  des  Berichtes 
über  die  Nürnberger  Versammlung  am  i.i.  Juni  1898  der  Tod 
ereilt  hat  Er  hat  es  verstanden,  auch  den  fünften  Historikertag  (12.  bis 
15.  April  1898)  zu  einem  gelungenen  zu  gestalten.  Es  hatten  sich  in 
Nürnberg  147  Teilnehmer  eingeiunden,  während  fürs  Jahr  1898 
140  Personen  ihren  Beitrag  als  Verbandsmitglieder  gezahlt  haben. 
Zum  Vorsitzenden  des  Verbandes,  mit  der  Verpflichtung,  fiir  das  Zu- 
standekommen des  sechsten  Historikertags  zu  sorgen,  wurde.  Georg 
Kaufmann  (Breslau)  gewählt. 

Die  Zahl  der  TeUnehmer  an  den  fünf  Versammlungen  schwankte 
—  mit  Ausnahme  von  Leipzig  —  zwischen  109  und  147,  aber  natur- 
gcm3&  überwog  bei  jeder  Versammlung  die  Teilnehmerschaft  aus  der 
näheren  Umgebung  des  Versammlungsortes.  Ja,  die  Zahl  derer,  die 
allen  fünf  Tagen  beigewohnt  haben,  ist  ganz  außerordentlich  klein 
und  selbst  die  derjenigen,  die  dreimal  anwesend  waren,  wie  dies 
Helmolt  in  seinen  launigen  Schilderungen  der  Innsbrucker  und  Nürn- 
berger Tage  in  der  „Zukunft*'  ^)  des  näheren  ausgeführt  hat. 

Die  äußerlichen  Dinge  über  die  hinter  uns  liegenden  fünf  Histo- 
rikertag'e  sind  für  das  sachliche  Wirken  der  Versammlung  von  hoher 
Bedeutung  gewesen,  wie  ja  die  äußere  Organisation  gerade  bei  Kon- 
gressen eine  wichtige  Voraussetzung  für  das  Gelingen  darstellt.  Über 
g'emeinsame  Angelegenheiten  sollte  auf  den  Historikertagen 
beraten  werden  —  das  war  der  Gedanke  der  ersten  Einladung,  und 
diesem  Ziele  haben  die  fünf  Tagungen  zugestrebt.    Bei  voller  Gleich- 


i)  „Im  grauen  Bären''  (Innsbruck)  Bd.  17,  S.  465—469  (5.  Dezember  1896).    „Im 
HBseun«'  (Nfimberg)  Bd.  23,  S.  304—308  (14.  Mmi  1898). 

11* 


—     140     — 

bereichtigiuig'  aller  Teilnehmer  —  wie  dies  von  Zwiedineck  in  Innsbruck 
(Bericht  S.  6}  treffend  hervorhob  —  sollten  womöglich  die  einschlägigen 
Fragen  von  zwei  oder  mehr  in  ihrer  Meinung  voneinander  abweichenden 
Referenten  erörtert  werden,  um  dann  der  allgemeinen  Meinungsäufserung- 
Gelegenheit  zu  geben,  sich  geltend  zu  machen.  Eine  auf  solcher 
Grundlage  gewonnene  Formel  für  Wünsche  und  Forderungen  in  Fragen 
der  Organisation  geschichtlicher  Thätigkeit  kann  ja  allein  den  zustän- 
digen Behörden  als  beachtenswerter  Hinweis  bei  Fassung  ihrer  Ent- 
schlüsse dienen.  Wenn  nun  auch  bei  der  Vielgestaltigkeit  der  Berufe 
derer,  die  historisch  arbeiten,  —  nur  die  Hoch-  und  Mittelschul- 
lehrer für  Geschichte  und  die  Archivare  stellen  gröfsere  Gruppen  mit 
gleichartiger  Thätigkeit  dar  —  die  gemeinsamen  Angelegen- 
heiten nicht  so  zahlreich  sind  wie  bei  Vertretern  anderer  Wissen- 
schaften, so  sind  sie  dennoch  zahlreich  genug,  um  den  Versammlungen 
reichlichen  Verhandlungsstoff  zu  geben ,  aber  ganz  abgesehen  davon 
rechtfertigte  auch  das  gesunde  Bedürfnis  nach  persönlicher  Annäherung 
unter  den  Historikern,  welchem  in  den  oft  recht  ausgedehnten  imd 
lebhaften  gemütlichen  Sitzungen  entsprochen  worden  ist,  genügend 
die  Einrichtung  regelmäfsiger  Zusammenkünfte. 

Als  allgemeine  Angelegenheit  ersten  Ranges  bezeichnete  bereits 
der  erste  Aufruf  die  Frage  nach  der  Gestaltung  des  geschicht- 
lichen Unterrichts,  die  in  den  Lehrplänen  verschiedener  Staaten 
eine  Neuregelung  erfahren  hatte,  ohne  dafs  die  Fachhistoriker  über- 
haupt darüber  gehört  worden  wären.  Als  Referent  über  diesen  G^en- 
stand  (der  im  Aufruf  in  die  zwei  Fragen  gegliedert  worden  war:  a)  In- 
wieweit hat  der  Geschichtsunterricht  zu  dienen  als  Vorbereitung  zur 
Teilnahme  an  den  Aufgaben,  welche  das  öffentliche  Leben  der  Gegen- 
wart an  jeden  GebUdeten  stellt?  b)  Wie  ist  demgemäfs  der  Geschichts- 
unterricht zu  erteilen?)  wurde  der  inzwischen  verstorbene  Gymnasial- 
direktor Martens  in  Elbing  gewonnen,  dessen  Buch  „Die  Neu- 
gestaltung des  Geschichtsunterrichts  auf  höheren  Lehranstalten  '*  damals 
kurze  Zeit  erschienen  war,  und  als  Korreferenten  traten  Professor  Do  ve 
imd  Kaufmann  auf  Alle  drei  präzisierten  ihren  Standpunkt  kurz  in  einigen 
Leitsätzen,  die  bereits  am  Vorabend  der  Versammlung  den  Teilnehmern 
eingehändigt  werden  konnten  ^).  Sachlich  handelte  es  sich  darin  vor 
allem  um  die  Frage:  welche  Aufgaben  hat  der  Geschichtsunterricht 
in  den  Mittelschulen  gegenüber  dem  Staate  zu  erfüllen,  inwiefern  soll 
der  Schüler  für  seine  künftige  Teilnahme  am  öffentlichen  Leben  vor- 


i)  Sie  sind  im  Bericht  über  die  Tagung  als  Anhang  I  (S.  26 — 29)  im  Wortlaut  mitgeteilt. 


—     141     — 

* 

gebildet  werden?  Fast  alle  Redner  wandten  sich  gegen  Martens,  in- 
sofern er  die  Erziehung  des  Schülers  zu  künftigen  Staatsbürgern  all- 
zusehr betone  und  damit  die  Gefahr  herauffiihre  den  Geschichtsunterricht 
in  den  Dienst  der  Politik  zu  stellen,  das  Verhältnis  von  Geschichts- 
unterricht und  Bürgerkunde  sowie  die  Verteilung  des  Lehrpensums  auf 
die  einzelnen  Klassen  in  verschiedenen  Staaten  wurde  berührt.  Die 
Mehrheit  der  Anwesenden  einigte  sich  auf  eine  von  Stieve  entworfene 
Resolution,  welche  die  Aufgabe  des  Geschichtsunterrichts  darin  erblickt, 
„diejenigen  geschichtlichen  Kenntnisse  zu  übermitteln,  welche  zur 
späteren  Teilnahme  am  öffentlichen  Leben  befähigen  und  die  Neigung 
zu  dieser  Teilnahme  entwickeln**.  —  Eine  Fortfuhrung  dieser  Erörte- 
rungen bUdete  die  Leipziger  Besprechung  über  die  Stellung  der 
alten  Geschichte  im  gelehrten  Unterricht,  wofür  Gymnasial- 
direktor Jäger  (Köln),  Professor  Hannak  (Wien)  und  Rektor  Kämmel 
(Leipzig)  als  Berichterstatter  gewonnen  waren.  Es  kamen  also  drei 
selbst  im  Gymnasialunterricht  thätige  Herren  aus  drei  verschiedenen 
Staaten,  in  denen  verschiedene  gesetzliche  Bestimmungen  den  Unter- 
richt regeln,  zu  Worte,  die  wiederum  in  Thesen  ihre  Anschauungen 
kurz  niedergelegt  hatten.  Der  Schluls  der  aufserordentlich  lebhaflen 
Debatte  führte  hier  zu  dem  Ergebnis,  dais  man  mit  überwiegender 
Mehrheit  der  Ansicht  Ausdruck  gab,  die  Beschränkung  des  griechischen 
und  lateinischen  Unterrichts,  wie  sie  der  preu&ische  Lehrplan  von 
1892  eingeführt  habe,  schädige  den  Geschichtsunterricht. 

Die  Frage  nach  der  Gestaltung  des  Geschichtsunter- 
richts auf  der  Universität  hatte  schon  die  Münchener  Erörterung 
über  die  Einrichtung  historischer  Seminare  berührt.  Wilhelm  Arndt. (-{*) 
hatte  die  Entwicklung  der  Seminare  kurz  skizziert  und  namentlich  über 
das  Leipziger  berichtet,  die  Diskussion  aber  führte  zu  lebhaften  Aus- 
einandersetzungen darüber,  ob  in  erster  Linie  Forscher  oder  Lehrer  zu 
erziehen  seien.  Dem  allgemeinen  Wunsche  entsprechend  wurde  die  Frage 
der  Lehrerausbüdung  in  Frankfurt  wiederum  erörtert  und  zwar  durch  die 
zwei  Berichterstatter  von  Zwiedineck  (Graz)  und  Vogt  (Augsburg, 
jetzt  Nürnberg);  der  letztere  legte  seine  Anschauungen  in  zwei  Thesen 
(Bericht  S.  9)  nieder,  über  die  jedoch  nicht  abgestimmt  werden  solle.  Im 
Verlaufe  der  Debatte  wurde  wiederholt  auf  die  „Ratschläge  für  das 
Studium  der  mittleren  und  neueren  Geschichte'*,  die  für  die  Zwecke  der 
Universität  Leipzig  ausgearbeitet  sind  (gedruckt  als  Anhang  I,  S.  37-^41)» 
hingewiesen.  Einen  weiteren  Beitrag  zu  diesem  für  die  Historiker  wohl 
wichtigsten  Gegenstand  lieferten  die  Nürnberger  Ausführungen  Oskar 
Jägers  „Wie  sind  die  Vorbildung  und  die  Prüfung  der  Geschichts- 


—     142     — 

lehrer  an  den  Mittelschulen  zu  gestalten?**  Zehn  Leitsätze  von  ihm 
stellen  fest,  welche  Anforderungen  er  an  die  Geschichtslehrer  stellt 
rS.  54  u.  55),  während  der  Korreferent  Vogt  in  Kritik  besonders  der 
bayerischen  Prüfungsordnung  die  Erteilung  des  Geschichtsunterrichts 
durch  Fachlehrer  in  Lostrennung  von  anderen  Lehrfächern  fordert. 
Die  eingehende  Besprechung  der  Referate,  die  namentlich  auf  Bayern 
wirken  sollen,  gipfelt  in  der  allgemeinen  Anerkennung  des  Satzes,  dafs 
nur  Leute,  die  eine  volle  Ausbildung  als  Historiker  erfahren  haben, 
zur  Erteilung  von  Geschichtsunterricht  befähigt  erscheinen,  während  die 
von  Jäger  befürwortete  engere  Verbindung  mit  der  klassischen  Philologie 
weniger  Zustimmung  findet. 

Als  zweite  für  die  Forscher  höchst  wichtige  Angelegenheit, 
die  ebenfalls  bereits  in  dem  ersten  Aufrufe  berührt  war,  mufiste  di0 
Benutzung  von  Archiven  und  Handschriftensammlungen 
gelten.  In  München  berichtete  darüber  K.  Th.  von  Heigel  (Seine  Thesen 
S.  30  des  Berichts)  unter  allgemeiner  Zustimmung  namentlich  auch 
der  Archivare.  Nachdem  in  einem  Antrage  von  Dobenecker  (Jena)  in 
Frankfurt  (S.  28)  auf  die  Wünsche  der  Historiker  gegenüber  den 
Archiwerwaltungen  aufmerksam  gemacht  worden  war,  wurde  in  Inns- 
bruck aufs  neue  darüber  beraten,  wo  Hans  Prutz  von  allgemeinen 
Gedanken  ausgehend  die  Wünsche  des  näheren  formulierte  (S.  18  u.  19) 
und  im  allgemeinen  den  Beifall  der  Fachgenossen  fand.  —  Nicht  aufsec 
Zusammenhang  hiermit  standen  die  weiteren  Besprechungen  über  die 
Grundsätze,  welche  bei  der  Herausgabe  von  Aktenstücken 
zur  neueren  Geschichte  zu  befolgen  sind,  worüber  in  Leipzig 
und  Frankfurt  Stieve  ausführlich  berichtete.  Die  Frucht  dieser  Aus- 
einandersetzung sind  die  von  Stieve  formulierten  „Grundsätze*'  (Frank- 
furter Bericht  S.  18  —  30),  welche  seither  bei  der  Veröffentlichung 
von  Akten  schon  mannigfach  berücksichtigt  worden  sind. 

Ein  dritter  die  Interessen  gerade  dieser  Zeitschrift  nahe  be- 
rührender Gegenstand  kam  zuerst  in  Leipzig  auf  besondere  Anregung 
Lamprechts  zur  Verhandlung,  nämlich  Stand  und  Bedeutung  der 
landesgeschichtlichen  Studien  insbesondere  über  die 
Arbeitsgebiete  der  landesgeschichtlichen  Publikations- 
gesellschaften. Es  wurden  zunächst  einige  der  Gesellschaften  be- 
züglich ihrer  Organisation,  namentlich  bezüglich  der  Beschaffung  von 
Mitteln,  näher  beschrieben,  so  die  „Historische  Landeskommission  für 
Steiermark '*  von  v.  Zwiedineck  (Graz),  die  „Badische  historische 
Komniission"  von  v.  Weech  (Karlsruhe),  die  „Gesellschaft  für  rheini- 
sche Geschichtskunde "  von  Hansen  (Köln),  der  „Verein  für  Geschichte 


—     143     — 

und  Altertum  Schlesiens"  von  Markgraf  (Breslau),  der  „Verein  für 
die  Geschichte  der  Provinzen  Ost-  und  Westpreu&en*'  von  Prutz 
(Königsberg),  sowie  die  „Historische  Kommission  der  Provinz  Sachsen*' 
von  Jacobs  (Wernigerode).  Das  Endergebnis  der  überaus  anregenden 
Mitteilungen  war  der  Beschlufs,  im  Zusammenhang  mit  den  künftigen 
Historikertagen  Konferenzen  von  Vertretern  der  landes- 
geschichtlichen Publikationsinstitute  zur  Beratung  gemein- 
samer Angelegenheiten  einzuberufen.  Dies  ist  in  der  That  geschehen, 
imd  in  Frankfurt,  Innsbruck  und  Nürnberg  haben  drei  dieser  Kon- 
ferenzen stattgefunden,  deren  Ergebnisse  in  den  Berichten  aus  Inns- 
bruck (S.  55)  und  Nürnberg  (S.  57)  mitgeteilt  sind.  Für  die  landes- 
geschichtlichen Studien  wichtig  waren  femer  die  in  Leipzig  von 
Sieglin  gegebenen  Anregungen  zur  wissenschaftlichen  Unterstützung 
des  Spruner -Menkeschen  Historischen  Atlasses,  der  unterdessen,  wie 
die  historische  Geographie  überhaupt,  dturch  die  systematische 
Herstellung  von  Grundkarten  wesentliche  Förderung  erfahren  hat, 
die  in  Innsbruck  gegebenen  Berichte  über  das  Institut  für  öster- 
reichische Geschichtsforschung  in  Wien  (Osw.  Redlich)  und  über  die 
Anlage  eines  historischen  Atlas  der  Alpenländer  (Prof.  Richter- 
Graz)  %  ferner  die  Ausfuhrungen  über  die  Entstehung  der  Landstände 
(Prof.  Luschin  v.  Ebengreuth  -  Graz)  ebenfalls  in  Innsbruck,  welche 
eine  Paralleldarstellung  dieser  Verhältnisse  in  verschiedenen  Territorien 
nahe  legten.  In  dieses  Kapitel  gehören  auch  die  Dinge,  welche 
von  Heigel  in  Innsbruck  auf  die  Frage:  „Welche  geschichtliche  Auf- 
gaben verdienen  von  Akademien  gemeinsam  gefordert  zu  werden*' 
(S.  46  —  55)  aufzählte;  sie  sämtlich  würden  der  landesgeschichtlichen 
Forschung  zugute  kommen,  sind  aber,  wie  das  historische  Ortslexikon 
für  Deutschland,  wegen  der  riesenhaften  Aufgabe  nur  unter  gro&er 
einheitlicher  Leitung  und  mit  bedeutendem  Aufwand  an  Geldmitteln 
möglich,  so  daiii  wohl  am  ersten  von  den  Akademieen,  die  bereits  für 
sprach-  und  naturwissenschafUiche  Unternehmungen  Summen  zur  Ver- 
fügung gestellt  haben,  ein  Eingreifen  zu  erhoffen  ist.  Ganz  besondere 
Aufinerksamkeit  widmete  Heigel  einer  eventuell  gemeinsamen  Arbeit 
der  deutschen  Akademieen  im  Vatikanischen  Archiv,  um  dieses 
systematisch  auszubeuten,  während  jetzt  eine  groise  Zahl  von  Gelehrten 
daselbst  thätig  sind,  von  denen  jeder  fiir  sich  und  seinen  Auftraggeb^ 
arbeitet,  wobei  natürlich  viel  Zeit  und  Geld  verschwendet  wird.     Auf 


i)  Ober  die  seitdem  wesentlich  fortgeschrittenen  Arbeiten   an   diesem  Werke   hat 
^iersdbc  in  dieser  Zeitschrift,  Heft  i.  S.  28,  berichtet 


—     144     — 

diesen  letzten  Punkt  kam  dann  in  Nürnberg  Hansen  (Köln)  zu  sprechen, 
dessen  Korreferent  v.  Weech  (Karlsruhe)  sogar  mit  bestimmten  Vor- 
schlägen über  die  Art  der  Arbeit  hervortrat,  aber  leider  ist  es  in  dieser 
für  die  Forschung  so  wichtigen  Angelegenheit  noch  zu  keiner  end- 
giltigen  Vereinbarung  unter  den  beteiligten  Instituten  gekommen.  In 
ähnlicher  Weise  ist  einem  Antrage  von  Kalt enbrunner  (Innsbruck), 
den  dieser  in  Frankfurt  stellte,  nicht  nur  nicht  entsprochen  worden, 
sondern  die  darin  gegebene  Anregung  scheint  sogar  wieder  verHogen 
zu  sein:  es  handelte  sich  dabei  um  die  Frage,  wie  die  älteren 
Zeitungen  der  Forschung  zugänglich  gemacht  werden  könnten,  und 
es  wurde  angeregt  die  Herausgabe  eines  Katalogs  zu  veranlassen, 
welcher  die  Fundorte  ganzer  Serien  der  periodischen  Presse  erkennen 
läfst,  und  zu  diesem  Zwecke  bei  den  Bibliotheken  anzufragen,  von 
welchen  älteren  Zeitungen  und  Zeitschriften  sie  Exemplare  besitzen 
(S.  29).  Ohne  einen  praktischen  Erfolg  ist  bisher  auch  die  auf  Gnmd 
eines  Referates  von  Steinhausen  (Jena)  in  Nürnberg  gefafste  Entschlieis- 
ung  geblieben,  welche  eine  unter  dem  Namen  Denkmäler  deutscher 
Kulturgeschichte  vorzunehmende  umfassende  Publikation  der  wich- 
tigsten Quellen  der  deutschen  Kulturgeschichte  für  ein  wirkliches 
Bedürfnis  erklärt  und  die  in  dieser  Richtung  bereits  eingeleiteten 
Schritte  mit  gröfster  Sympathie  begrüfst. 

Auch  wissenschaftliche  Fragen,  die  eine  gewisse  Aktualität  erhalten 
hatten,  sind  auf  den  Historikertagen  zur  Verhandlung  gekommen:  in 
Innsbruck  wurde  auf  Grund  eines  Vortrags  von  v.  Scala  (Innsbruck) 
über  Individualismus  und  Sozialismus  in  der  Geschichtsschreibung' 
(S.  38 — ^46)  diese  methodologische  und  geschieh tsphilosophische  Frage 
lebhafl  erörtert,  und  die  Ausführungen  der  Vertreter  verschiedener 
Richtung,  die  dort  gegeben  wurden,  sind  schon  deshalb  so  wichtig, 
weil  sie  in  unmittelbarer  Aussprache  auf  einander  gefolgt  sind  und 
jeder  Redner  das  darin  niedergelegt  haben  wird,  was  ihm  infolge  eignen 
Nachdenkens  als  das  wichtigste  dabei  erschienen  ist.  Ganz  ähnlicher 
Art  waren  die  Aussprachen  über  die  Entstehung  der  Grundherrschafl 
in  Deutschland,  worüber  Gothein  (Bonn)  zehn  Thesen  angestellt 
hatte  (S.  55 — 56)  und  worüber  Kötzschke  (Leipzig)  in  Vertretung 
Gotheins  näher  referierte.  Hierbei  handelte  es  sich  im  Grunde  um 
eine  Ablehnung  der  von  Hildebrand  und  Wittich  vertretenen  Ideen, 
welche  die  Grundherrschafl  als  altgermanische  Einrichtung  zu  erweisen 
suchen. 

Seit  Leipzig  sind  die  Verhandlungen  auch  durch  Vorträge  (ohne 
Diskussion)  ergänzt  worden,  welche  sämtlich  von  den  Rednern  ander- 


—     146    — 

weitig  veröffentlicht  worden  sind  und  Forschungsergebnisse  bündig  zu- 
sammenfassen. Diese  Vorträge  sind  wiederum  zu  trennen  in  allgemeine 
nnd  örtliche,  mit  Bezug  auf  den  Versammlungsort  gewählte.  Zu  den 
ersteren  gehören  die  Vorträge  von  Schmoller  Über  den  deutschen 
Beamtenstaat  vom  i6.  bis  iS.  Jahrhundert  (Leipzig),  Eduard 
Meyer  über  Die  wirtschiifllühe  Entwicklung  des  Altertums  (Frank- 
furt), Knapp  über  Die  Grundherrschaft  im  Nordwesten  Deutsch^ 
Jands  (Innsbruck),  Georg  Kaufmann  über  Die  Lehrfreiheit  an  den 
deutschen  Universitäten  im  ig,  Jahr  hundert  (Nürnberg),  Lamprecht 
über  Die  Entwicklung  der  deutschen  Geschichtsschreibung  vor^ 
nehmlich  seit  Herder  {Nüxnberg),  zu  den  letzteren  der  von  Seidlitz 
über  Die  spätgotische  Kunst  im  Königreich  Sachsen  (Leipzig),  von 
Bücher  Über  den  Haushalt  der  Stadt  Frankfurt  im  Mittelalter 
(Frankfurt),  von  Hirn  Über  Innsbrucks  historischen  Boden  (Innsbruck) 
und  der  von  Mummenhoff  über  Die  Creschichte  Nürnbergs 
(Nürnberg). 

Alles  in  allem  ist  es  eine  ganz  erstaunliche  Arbeit,  welche  in  fünf 
Versammlungen  zu  je  drei  Tagen,  also  in  zusammen  fün&ehn  Tagen 
geleistet  worden  ist,  zumal  wenn  man  bedenkt,  wie  zahlreiche  gesellige 
Zusammenkünfte  nebst  Ausflügen  und  Festmählern  Abwechslung  in 
die  Verhandlungen  gebracht  haben.  Es  ist  aber  auch  ganz  imzweifel- 
haft,  dals  die  Erörterungen  und  Mitteilungen  auf  recht  viele  Zuhörer 
von  nachhaltigem  Einfluis  gewesen  sind  und  sie  in  ihren  eigenen  Ar- 
beiten gefordert  haben.  Dies  ist  ja  neben  persönlicher  Berührung  der 
Hauptzweck  aller  solcher  Versammlungen  von  Fachgenossen,  und  wir 
können  deshalb  nur  wünschen,  dais  auch  die  künftigen  Historikertage 
gleich  ihren  Vorgängern  in  diesem  Sinne  anregend  und  ermunternd 
wirken! 

Studien  zur  Gesehiehte  der  deutseh^romani^ 

sehen  Spraehgrenze 

Von 
Hans  Witte  (Schwerin) 

Im  Jahre  1888  hat  H.  Suchier  in  seinem  Aufsatze:  Die  /ran- 
zösische  und  provenzalische  Sprache  und  ihre  Mundarten  auch 
die  Sprachgrenze  in  Gegenwart  und  Vergangenheit  *)  behandelt.   Den 


I)  In  Groben  Gnmdrift  der  roman.  Phil.  I,  561—571. 


—     146     — 

kurzen  ^)  Abschnitt  über  die  Sprachg^renze  der  Ve^angenheit  beginnt 
er  mit  folgenden  Worten:  „Die  so  beschriebene  Sprachgrenze  gilt  für 
die  Gegenwart,  ist  aber  im  Laufe  der  Jahrhunderte  keineswegs  immer 
konstant  geblieben;  doch  harrt  die  Geschichte  der  Sprachgrenze  un- 
geachtet der  Wichtigkeit  des  Problems  noch  einer  genaueren  und  zu- 
sammenhängenderen Behandlung,  daher  wir  uns  hier  mit  einigen  An- 
deutungen begnügen  müssen/' 

Wenn  ich  jetzt,  zwölf  Jahre  seit  obiger  Äu&erung,  in  der  Lage 
bin,  für  die  einstmalige  Gestaltung  der  deutsch -romanischen  Sprach- 
grenze nahezu  in  ihrem  gesamten  Verlaufe  auf  gesicherte  Eigebnisse 
quellenmäCsiger  Forschungen  hinzuweisen,  so  kann  wohl  nichts  den 
Fortschritt  auf  einem  vor  kurzem  noch  fast  unbekannten  wissenschaft- 
lichen Arbeitsgebiete  in  treffenderer  Weise  kennzeichnen  als  diese 
Gegenüberstellung.  Aus  ihr  ergiebt  sich,  daCs  die  Kenntnis,  die  wir 
heute  von  dem  ehemaligen  Verlauf  der  deutsch-romanischen  Sprach«- 
grenze  haben,  im  grolscn  und  ganzen  erst  nach  1888  begründet  wor- 
den ist. 

Eine  Ausnahme  von  diesem  allgemeinen  Satze  kann  nur  hinsicht- 
lich gewisser  Striche  des  östlichsten  TeUes  der  deutsch-romanischen 
Abgrenzung,  vom  Monte  Rosa  an,  eingeräumt  werden.  Diese  Strecke 
fiel  nicht  in  den  Bereich  der  Suchierschen  Arbeit,  die  sich  auf  die 
deutBch-französische  Sprachgrenze  beschränkte. 

Insbesondere  hat  sich  in  Tirol  schon  früh  die  Aufmerksamkeit 
auf  die  schier  endlosen  Nationalitätskämpfe  gerichtet.  Seitdem  der 
Dominikaner  Felix  Faber  von  Ulm  in  seinem  viel  benutzten  Reise- 
bericht ')  aus  dem  Jahre  1483  uns  neben  manchem  anderen  geschil- 
dert hat,  wie  in  jener  Zeit  Trient,  heute  Hauptstadt  von  Welsch-Tlrol 
und  Hochburg  der  Italianissimi ,  eine  halb  deutsche  Stadt  gewesen 
sei,  hat  der  Flufe  der  Nachrichten  über  die  besonders  interessanten 
Nationalitätsverhältnisse  dieses  Landes  niemals  gänzlich  gestockt. 

Die  gesamte  Litteratur  über  die  Nationalitätsverhältnisse  Tirols  ist 
zusammengestellt  und  unter  Heranziehung  neuer  archivalischer  Materialien 
bearbeitet  von  Bidermann'),  der  uns  ein  anschauliches  BUd  ge- 
zeichnet hat  von  dem  unablässigen  Vordringen  italienischer  Elemente 
das  Etschthal  hinauf  über  Bozen,  Meran,  Brixen,  ja  im  XVI.  Jahrhundert 


i)  Ebendort,  S.  567—569. 

2)  Bibliothek  des  litterarischen  Vereins  in  Stattgart  1843,  Band  II — IV. 

3)  H.  J.  Bi  der  mann,  Die  Nationalitäten  in  Tirol  and  die  wechselnden  Schick- 
aale ihrer  Verbreitung.  In  den  Forschungen  sar  deutschen  Landes-  and  Volkikonde,  Bd.  I, 
Heft  7,  Stnttgart  1886. 


—     147     — 

nach  Innsbruck.  Nördlich  Neumarkt  und  Kurtinig  ist  diese  roma- 
nische Überflutung'  zwar  bis  jetzt  noch  durch  die  starke  Assimilations- 
kxaft  des  Tiroler  Deutschtums  unschädlich  gemacht;  aber  weiter  süd- 
lich hat  das  Deutschtum  doch  im  Laufe  der  Jahrhunderte  schwere 
Verluste  erlitten.  Zahlreiche  Spuren  seines  ehemaligen  Vorhanden- 
seins weist  Bidermann  sowohl  in  den  östlichen  Seitenthälem  wie  im 
unteren  Etschthal  über  Trient  hinaus  bis  nach  Ala  hinab  nach. 
Patigler^)  konnte  auf  Grund  neuer  Archivalien  diese  Nachweise  noch 
verstärken  und  vermehren,  insbesondere  auch  für  den  Nonsberg  eine 
ehemals  (bis  ins  XVI.  Jahrhundert)  gröCsere  Verbreitung  der  deutschen 
Sprache  nachweisen. 

Eine  genauere  Scheidung  dessen,  was  in  Welsch-lu-ol  einst  deutsch 
war,  von  dem,  was  seine  romanische  Nationalität  auch  nach  den 
Stürmen  der  Völkerwanderung  bewahrt  hat,  steht  noch  aus. 

Auf  der  anderen  Seite  bedarf  auch  die  Frage,  welche  Teile 
Deutsch -Tirols  ihre  ursprüngUche  Nationalität  noch  jahrhundertelang 
nach  der  Völkerwanderung  aufrecht  zu  erhalten  vermochten,  einer  zu- 
sammenfassenden Bearbeitung.  Bidermann  hat  diese  Frage  nur  ge- 
streift, indem  er  bei  einzelnen  Gemeinden  des  Vintschgaues  bis  in  die 
Nähe  von  Meran  eine  Dauer  der  rhätischen  Sprache  bis  in  die  neueste 
Zeit  hinein  feststellt.  Die  sogar  im  Norden  des  Landes  an  einzelnen 
Orten  in  auffallender  Menge  vorkommenden  romanischen  Flurnamen 
sind  für  ihn  kein  Beweis  neuerer  romanischer  Einwanderung ;  aber  ob 
sie  nicht  iur  längere  Dauer  des  Romanentums  sprechen  und  somit 
dazu  benutzt  werden  können,  das  Gebiet  späterer  Ausdehnung  des 
Deutschtums  über  die  durch  die  Bayemeinwanderung  besiedelten 
Landesteile  hinaus  und  damit  die  älteste  Bayemsiedelung  selber  ge- 
nauer festzustellen,  die  Frage  wird  von  Bidermann  nicht  gestellt. 

Die  Nationalitätsfrage  des  Vintschgaues  ist  neuerdings  zusammen- 
fassend von  Tille')  behandelt  worden  mit  dem  Ergebnis,  dafs  hier 
erst  im  XVIII.  Jahrhundert  das  Romanentum  völlig  dem  Deutschtum 
unterlegen  ist.  Entsprechende  Ergebnisse,  wenn  auch  nicht  mit  so 
langer  Dauer  des  Romanentums,  würden  sich  auch  für  andere  jetzt 
deutsch  redende  Gebirgsthäler  erreichen  lassen.  Die  in  Tirol  seit  lange 
in  Blüte  stehende  Ortsnamenforschung  hat  dieser  Aufgabe  rüstig  vor- 


1)  J.  Patigler,  Die  deuUchen  Sprachinseln  in  Welsch-Tirol  einst  und  jetzt    Progr. 
Badweis  i8S6. 

a)  Armin  Tille,  Die  bMaerliche  Wirtschaftsverfassang  des  Vintschganes  vornehmlich 
in  der  zweiten  Hälfte  des  Mittelalters.     Innsbruck  1895,  S.  16 — 32. 


—     148     — 

gearbeitet  durch  die  Untersuchungen  Steubs  '),  Unterforchers  *)  und 
Tarnellers ').  Egger  ^)  ist  auf  Grund  einer  eingehenden  Betrach- 
tung der  eigentümlichen  Teilbezeichnungen  der  Tiroler  Gemeinden» 
wie  z.  B.  Malgrei,  Oblei,  R^^a  (Rigel),  Decania  (Zechend)  etc.,  zu 
dem  Schlüsse  gelangt,  da(s  die  Bayemwanderung,  der  Zahl  nach  un- 
bedeutend, dichtere  Siedelungen  wohl  nur  „im  unteren  Innthale  östlich 
vom  Ziller,  in  der  Gegend  zwischen  Zirl  und  Telfs,  im  Rienzthale  bei 
Bruneck,  vielleicht  auch  im  unteren  Lechthale  und  in  Zwischenthoren'^ 
schuf. 

Das  Bild  der  deutschen  Besiedelung  Tirols  zeigt  in  allgemeinen 
Umrissen  etwa  folgende  Züge:  die  ältesten  aus  der  Völkerwanderung 
hervorg^angenen  germanischen  Siedelungen  beschränken  sich  auf  den 
Süden  des  Landes.  Die  hier  niedergeschlagenen  versprengten  Reste 
der  Goten  und  Langobarden  wurden  durch  die  im  VIII.  und  IX.  Jahr- 
hundert von  Norden  her  einwandernden  Bayern  verstärkt ;  durch  letztere 
wurden  vor  allem  auch  Teile  des  bis  dahin  ausschließlich  roma- 
nischen Nordens  besiedelt.  Alles  Übrige  blieb  zunächst  noch  roma- 
nisch; und  während  die  romanischen  Thäler  des  Nordens  bis  zum 
Vintschgau  einschlie&lich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  germanisiert 
wurden,  verlor  das  Deutschtum  des  Südens  allmählich  Boden  an  das 
dort  niemals  völlig  verdräng^  Romanentum. 

Bei  der  außerordentlichen  Rührigkeit  der  Tiroler  Provinzial- 
forschung  darf  man  wohl  hoffen,  dais  es  durch  eine  sachgemäfse  Ge- 
staltung der  Untersuchungen  über  Orts-  und  besonders  Flurnamen  ge- 
lingen wird,  die  einzelnen  Züge  des  eben  gezeichneten  Budes  wenigstens 
einigermafsen  nach  Ort  und  Zeit  genauer  festzulegen. 

Von  den  zerstreuten  deutschen  Sprachinseln  Südtirols  greift  die 
unter  dem  Namen  der  „VII  G)mmuni"  bekannte  weit  ins  Gebiet 
Venetiens  hinüber,  wo  sie  in  ihrer  ehemaligen  Ausdehnung  bis  an 


i)  Ludwig  Steob,  Über  die  Ureinwohner  RhStiens  und  ihren  Zusammenhang  mit 
den  Etraskem.  Mttnchen  1843.  ^^  rhätischen  Ethnologie.  Stuttgart  1854.  Herbst- 
tage in  TiroL     München  1867  u.  a.  m. 

2)  Aug.  Unterforcher,  Rhätoromanische  Ortsnamen  ans  Pflanzennamen  (Ferdi- 
nandeum  Heft  36  [1892],  S.  373 ff).  —  Die  Namen  des  Kalserthales  (Ferdinandenm 
Heft  43  [1899],  S.  19—68). 

3)  Josef  Tarneller,  Die  Hofnamen  des  Burggrafenamtes  in  Tirol.  Progr.  des 
Gymn.  zu  Meran  1892 — 95. 

4)  Joief  Egger,  Die  alten  Benennungen  der  Dörfer,  Gemeinden  und  ihrer  Unter* 
abteilnngen  sowie  die  gleichlautenden  Namen  von  Gerichtsbezirken  und  Gerichtsteilen  iq 
Tirol  (Ferdioandeum  Heft  41  [1897],  S.  216—277). 


—     149     — 

miiiii'^  von  denen  heute  nur  noch  la  Giazza  und  Campo  Fontana  deutsch 
reden,  erstreckte  sich  von  der  äu&ersten  Südgrenze  Welsch-Tirols 
bis  in  die  Nähe  von  Verona.  Schneller^)  hat  den  Nachweis  ge- 
iiihrt,  dais  die  einstmalige  Verbreitung  der  deutschen  Sprache  in 
Venetien  keineswegs  auf  die  hiermit  angedeutete  ehemalige  Ausdeh- 
nung dieser  beiden  Sprachinseln  beschränkt  war.  Aus  dem  Umstände, 
dais  die  Mutterkirchen  dieser  Berggemeinden  sämtlich  in  der  südlich 
angrenzenden  venetianischen  Ebene  liegen,  folgert  er  im  Verein  mit 
anderen  Momenten,  dafs  auch  südlichere  Gegenden  einst  deutscher 
Sprache  waren.  So  ergiebt  sich  ihm  ein  ehemaliges  Deutschtum  des 
ganzen  die  beiden  Sprachinseln  heute  trennenden  Gebietes  mit  dem 
Hauptort  Schio.  Noch  südlich  von  Vicenza  und  nahe  bei  Padua 
werden  in  Orten  wie  Fimon,  Pianezze,  Barbano  u.  a.  bis  ins  XV.  Jahr- 
hundert hinein  deutsche  Pfarrer  gehalten ;  bei  Flmon  kommen  deutsche 
Flurnamen  vor.  Vicenza  selber  wird  bei  alten  Dichtem  und  Schrift- 
stellern vielfach  „Cimbria"  genannt  und  noch  für  das  XTV.  Jahrhundert 
ist  das  Vorhandensein  der  deutschen  Sprache  dort  bezeugt.  Sogar  in 
Treviso  scheint  es  nach  einer  Urkunde  des  Jahres  1341  einheimische 
Deutsche  gegeben  zu  haben. 

I£ermit  bringt  Schneller  einen  Brief  des  italienischen  Gelehrten 
Antonio  Loschi,  nach  dem  das  „cimbrische"  Gebiet  als  von  der  Etsch 
bis  zur  Adria  gehend  bezeichnet  wird,  und  die  Nachricht  Procops  ')  in 
Znsammenhang,  nach  welcher  der  „ager  Venetus"  schon  zur  Goten- 
zeit von  Germanen  bewohnt  war  und  Narses  dort  zahlreiche  Franken 
vorfand.  Damit  scheint  ihm  das  einstmalige  Vorhandensein  eines  weiten 
deutschen  Sprachgebietes  zwischen  Etsch  und  Adria,  dessen  Ur- 
sprünge bis  in  die  Gotenzeit  zurückreichen,  erwiesen. 

Mag  nun  auch  diese  Schlu&folgerung  übereilt  sein  und  die  Wirk- 
lichkeit erheblich  hinter  sich  lassen,  so  sind  ohne  Frage  die  deutlichen 
Anzeichen  einstmaliger  deutscher  Bevölkerung,  wie  sie  sich  in  manchen 
Ortschaften  tief  in  Italien  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters  feststellen 
lassen,  von  solcher  Wichtigkeit,  dais  eine  strenge  Prüfung  unter  Bei- 
bringung neuer  archivalischer  Materialien  unerläislich  erscheint.  Bei 
dem  Vorkommen  der  Anzeichen  bis  zum  Ende  des  Mittelalters  darf 
man  wohl  hoffen,  dais  eine  eingehende  und  sachgemä&e  Ausbeute  der 


1)  Christian    Schneller,   Deutsche   und   Romanen    in    Sfldtirol   and    Venetien 
(Petennanns  Mitteflnngen  Bd.  XXm  [1877],  S.  365—385  mit  Karte). 

2)  Procopius  (Corpus   scriptor.   hist.  Byzant.  Pars  II,   Bonn  1833 — 38)  n,  80  a. 
417;  m,  108. 


—     160     — 

Archive  hinreichende  Materialien  zu  Tage  fördern  wird,  aus  denen 
die  Thore  von  Bassano  reichte.  Die  Schwesterinsel  der  „XIII  Com- 
sich  nachstehende  Fragen  mit  einiger  Sicherheit  beantworten  lassen 
würden:  i)  Innerhalb  welcher  Grenzen  ist  einstmalige  deutsche  Be- 
völkerung in  Venetien  nachweisbar?  2)  Hat  es  eine  Zeit  gegeben«  zu 
der  das  abgegrenzte  Gebiet  eine  ausschliefslich  oder  doch  überwi^end 
deutsche  Bevölkerung  hatte?  2a)  Bejahenden  Falles:  Wann  setzte  die 
Romanisierung  ein,  welches  sind  die  Hauptetappen  ihres  Fortschreitens 
nach  Ort,  Zeit  und  Ursachen,  welches  die  Zeit  ihrer  VoUendux^? 
2b)  Verneinenden  Falles:  Welche  Orte  innerhalb  des  abgegrenzten 
Gebietes  sind  immer  romanisch  gewesen  und  wie  veihielten  sie  sich 
zu  den  deutschen  Siedelungsgruppen  ?  Gang  der  Romanisierung  von 
ihnen  und  von  der  Peripherie  aus  nach  den  unter  2a  gegebenen  Ge- 
sichtspunkten. 3)  Kann  die  Entstehung  der  deutschen  Siedelungen 
Venetiens  nach  den  Quellen  bis  in  die  Gotenzeit  zurückverlegt  werden? 
4)  Haben  spätere  deutsche  Nachschübe  stattgefunden? 

Die  Nationalitätsverhältnisse  der  östlichen  Kantone  der  Schweiz 
stimmen  mit  denjenigen  West -Tirols  überein.  Es  ist  bekannt,  dals 
in  der  Gegend  des  Bodensees  und  St.  Gallens  die  romanische  Sprache 
bis  zum  X.  Jahrhundert  fortlebte  ^),  wie  auch  in  Vorarlberg  noch  im 
IX.  Jahrhundert  romanisch  geredet  wurde  ').  Nach  den  Privaturkunden 
des  Klosters  Pfavers,  die  seit  Mitte  des  XIII.  Jahrhunderts  zahlreicher 
werden,  scheint  die  hörige  Bevölkerung  dieser  G^end  noch  romani- 
scher Nationalität  gewesen  zu  sein  ').  In  TeUen  des  Kantons  St.  Gallen 
giebt  es  bis  49  Prozent  und  darüber  an  romanischen  Ortsnamen  ^). 
Wann  in  diesen  Gegenden  die  romanische  Sprache  erlosch,  wie  sie 
vor  dem  jetzt  noch  in  Graubünden  rüstig  vordringenden  Deutschtum 
Schritt  für  Schritt  zurückweichen  mu&te,  ist  zusammenfassend  und  er- 
schöpfend noch  nicht  behandelt  worden. 

In  dem  durch  die  Kantone  Tessin  und  Wallis  gebildeten  Winkel 
und  südlich  vom  Monte  Rosa  überschreitet  das  Deutschtum  abermals 
die  Grenze  Italiens.  Die  wenigen,  zum  Teil  bereits  romanisierten  ehe- 
mals deutschen  Gemeinden,  als  deren  vorgeschobenster  Ausläufer  das 


i)  Adolf  Holtzmann,  Kelten  and  Germanen.     Stuttgart  1855. 
a)  Gröbers  „Gnmdrifs"  I,  423. 

3)  Herrn.  Wartmann,   Das  Kloster  Pfavers  (Neajahrsbiatt  des   St  Galler  histor. 
Vereins  1883). 

4)  Wilh.    Götzinger,    Die    romanischen    Ortsnamen   des    Kantons    St.   Gallen. 
St.  Gallen  1891. 


—     161     — 

westlich  des  Lago  Maggiore  gelegene  Ornavasco  hier  genannt  sein 
mag,  sind  spätmittelalterliche  Gründungen  Walliser  Herkunft  ^). 

Im  Kanton  Wallis  selber  zeigen  gegenwärtig  die  dem  französi- 
schen Sprachgebiet  angehörigen  Orte  Sitten  (Sion)  und  Bremis  (Bramois) 
starke  deutsche  Minderheiten.  Beide  Orte  haben  nach  Zcmmrich') 
einst  eine  deutsche  Sprachinsel  gebildet.  Ob  diese  deutschen  Minder- 
heiten nicht  auch  hier,  wie  an  so  vielen  anderen  Orten  der  französir 
sehen  Schweiz,  vielmehr  auf  neuerer  Zuwanderung  beruhen,  darüber 
vermag  ich  kein  Urteil  abzugeben. 

Für  den  weiteren  Verlauf  der  ehemaligen  Sprachgrenze  in  den 
sich  nördlich  anschliefsenden  TeUen  der  Schweiz  sind  wir  vor  allem 
auf  die  Untersuchungen  Zimmeriis')  angewiesen.  Wenn  in  ihnen 
auch  die  Erforschung  der  gegenwärtigen  Sprachgrenze  im  Vorder- 
grande steht,  so  sind  doch  besonders  im  zweiten  Teile  bei  vielen 
Orten  sehr  eingehende  Mitteilungen  über  die  früheren  Sprachverhältnisse 
gemacht  Auf  diese  mit  Sicherheit  eine  Feststellung  der  ältesten 
%xrachgrenze  der  Westschweiz  zu  begründen,  dürfte  indessen  schon 
wegen  der  nur  zum  Teil  durchgeführten  historischen  Behandlung  der 
Oftschaflen  seine  Schwierigkeiten  haben.  Indessen  ergiebt  sich  so  viel 
mit  Sicherheit,  dals  grofse  Veränderungen  der  Sprachgrenze  in  der 
Westschweiz  nicht  stattgefunden  haben.  Von  einigen  rückläufigen  Be- 
wegungen abgesehen,  ist  hier  die    deutsche    Sprache   langsam    vor- 


1)  Albert  Schott,  Die  Deutschen  am  Monte  Rosa  mit  ihren  Stammgenossen  im 
WaUis  ond  Ochtland.  Zürich  1840.  Derselbe,  Die  deutschen  Kolonieen  in  Piemont,  ihr 
Land,  ihre  Mundart  und  Herkunft  Stuttgart  und  Tübingen  1842.  —  Harry  Bresslau, 
Die  Deutschen  am  Monte  Rosa  (Sitzungsberichte  der  hist«  Gesellschaft.  Berlin  188 1). 
Derselbe,  Zur  Gesch.  der  deutschen  Gemeinden  am  Monte  Rosa  und  im  Ossolathale 
(Zeitschr.  d.  Gesellsch.  f.  Erdkunde.  Berlin  188 1).  —  Ludwig  Neumann,  Die  deutsche 
Sprachgrenze  in  den  Alpen.  Heidelberg  1885.  Derselbe,  Die  deutschen  Gemeinden 
in  Piemont.     Freiburg  1891. 

2)  J.  Zemmrich,  Verbreitung  und  Bewegung  der  Deutschen  in  der  französ.  Schweiz 
(Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde  VIII,  Heft  5,  S.  35  u.  38).  — 
Hoppeler,  Die  deutsch-romanische  Sprachgrenze  im  XUT.  u.  XIV.  Jahrh.  (Blätter  aus  der 
Walliser  Gesch.,  Jahrg.  5,  1895)  konnte  ich  leider  weder  von  der  Schweriner  Regierungs- 
bibbothck  noch  von  der  Strafsbnrger  Universitäts-  und  Landesbibliothek,  für  deren  Ent- 
gegenkommen ich  hiermit  meinen  verbindlichsten  Dank  ausspreche,  erhalten. 

3)J.  Zimmerli,  Die  deutsch-französische  Sprachgrenze  in  der  Schweiz  L  Die  Sprach- 
grenze im  Schweizerischen  Jura.  Darmstadt  1891.  II.  Die  Sprachgrenze  im  Mittellande, 
in  den  Freiburger,  Waadtländer  und  Bemer  Alpen.  Basel  und  Genf  1895.  VgL  dazu: 
Wilb.  Streitberg,  Zur  Gesch.  d.  DenUchtnms  in  der  WesUchweiz  (Allg.  Zeitg.,  Bet- 
lage 1893,  Nr.  71  n.  72).  —  Alb.  Bttchi,  Die  hist.  Sprachgrenze  im  Kanton  Freiburg 
(FreilNurger  Geschichtsbl&tter  m,  1896,  S.  33—53). 


—     152     — 

gredrungen  und  hat  besonders  in  dem  Winkel  zwischen  dem  Bieter, 
Neuenbuiger  und  Murtener  See  an  Boden  gewonnen:  Murten,  Merlach, 
Montelier,  Salvenach,  Jeus,  Ulmitz  und  andere  Orte  sind  hier  im  Laufe 
der  2^it  germanisiert  worden.  Der  noch  jetzt  andauernde  Fortschritt 
des  Deutschtums  würde  weit  gröfser  sein,  wenn  in  den  Schulen  des 
Grenzgebietes  die  deutsche  Sprache  nicht  so  sträflich  vernachlässigt 
würde. 

Im  Elsafs  ^)  haben,  wie  die  eigenartige  Verbreitung  der  Ortsnamen 
auf  -heim  erkennen  lälst,  die  Alemannen  im  V.  Jahrhundert  zunächst 
nur  die  offene  Ebene  besiedelt;  von  hier  aus  wurde  das  Gebirge  nur 
teilweise  bis  zur  Kammhöhe  germanisiert.  In  dem  zum  Teil  französisch 
gebliebenen  Leberthal  drang  das  Deutschtum  auch  nach  der  Fest- 
stellung der  Sprachgrenze  noch  vor,  während  es  im  Breuschthal 
Schirmeck  und  Rothau  mit  Umgebung  an  die  französische  Sprache 
verlor. 

Das  Breuschthal  zeigt  in  dieser  Beziehung  eine  ausgesprochene 
Verwandtschaft  mit  LrOthringen,  das  als  ein  Gebiet  starken  Rückganges 
des  Deutschtums  bezeichnet  werden  mufs.  So  weit  zwar  hat  sich  der 
Geltungsbereich  der  deutschen  Sprache  hier  niemals  ausgedehnt,  wie 
man  früher  gemeimglich  in  Deutschland  glaubte  und  wie  es  noch 
Doering')  als  feststehend  annahm,  als  er  den  Beweis  zu  erbringen 
versuchte,  in  Metz  und  Umgebung  habe  die  deutsche  Sprache  bis  ins 
XII.  Jahrhundert  geherrscht.  Spätere  Untersuchungen  der  mittelalter- 
lichen Sprachgrenze  Lothringens  auf  Grund  sehr  reicher  archivalischer 
Materialien  ')  ergaben  dem  gegenüber,  dafs  selbst  zur  Zeit  der  gröfsten 
Ausdehnung  des  deutschen  Sprachgebietes  Metz  immer  noch  etwa 
IG  Kilometer  südlich  der  Sprachgrenze  lag.  Im  übrigen  umfafste  das 
deutsche  Sprachgebiet  Lothringens   in   seiner   ursprünglichen  Gestalt 


i)  Hans  Witte,  Zur  Geschichte  des  Deutschtums  im  Elsafs  und  im  Vogesengebiet 
(Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde,  Bd.  X,  Heft  4.)     Stuttgart  1897. 

2)  Doering,  Beiträge  zur  ältesten  Geschichte  des  Bistums  Metz.  Innsbruck  1886.  — 
VgL  dazu:  Hans  Witte,  Deutsche  und  Keltoromanen  in  Lothringen  nach  der  Völker- 
wanderung. Die  Entstehung  des  deutschen  Sprachgebietes  (Beiträge  zur  Landes-  und 
Volkeskunde  von  Elsafs-Lothringen,  Heft  15).     Strasburg  1891,  S.  89—99. 

3)  Hans  Witte,  Zur  Geschichte  des  Deutschtums  in  Lothringen.  Die  Ausdehnung 
des  deutschen  Sprachgebietes  im  M«tzer  Bistume  zur  Zeit  des  ausgehenden  Mittelalters 
bis  zum  Beginne  des  XVIL  Jahrhunderts.  Metz  1890  (auch  abgedruckt  im  Jahrbuch  der 
Ges.  f.  Lothr.  Gesch.  u.  Altertumskunde,  Jahrgang  1890).  —  Hans  Witte,  Das  deut- 
sche Sprachgebiet  Lothringens  und  seine  Wandelungen  von  der  Feststellung  der  Sprach- 
grenze bis  zum  Ausgang  des  XVL  Jahrhunderts  (Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und 
Volkskunde,  Bd.  Vm,  Heft  6).     Stuttgart  1894. 


—     153     — 

die  im  Zusammenhang'  g^eleg'enen  Ortsnamen  auf  -ingen,  dehnte  sich 
aber  bis  ins  XVI.  Jahrhundert  hinein  noch  langsam  aus,  um  mit  der 
Germanisierun^  von  Ennery,  Chicourt  und  Marsal  seinen  Höhepunkt 
zu  erreichen.  Gegen  Ende  des  XVI.  Jahrhunderts  setzte  bereits  die 
romanische  Gegenbewq^ng  kräftiger  ein  und  schob,  gefördert  durch 
die  Verwüstungen  des  Dreifsigjährigen  Krieges,  die  Sprachg-renze  im 
XVII.  Jahrhundert  weit  nach  Norden  zurück.  Das  verlorene  einst  deutsche 
Sprachgebiet  ist  in  seiner  grölsten  Breitenausdehnung  durch  die  etwa 
33  Kilometer  voneinander  entfernten  Punkte  Marsal  und  Albesdorf  be- 
stimmt. Eine  spezielle  Bearbeitung  des  Rückganges  der  deutschen 
Sprache  in  Lothringen  steht  noch  aus. 

Die  Feststellung  der  mittelalterlichen  Sprachgrenze  Elsa(s*Lothringens 
machte  eine  strenge  Nachprüfung  des  bis  dahin  die  Ortsnamenforschung 
beherrschenden  Arnold  sehen  Systems  ^)  nötig.  Nach  diesem  waren 
die  Ortsnamen  auf  -weUer  und  -ingen  beweisend  für  alemannische,  die- 
jenigen auf  -heim  für  fränkische  Siedelungen.  Die  Durchforschung 
des  gesamten  elsafs-lothringischen  Ortsnamenmaterials,  die  zur  Auf- 
hellung der  nationalen  Vergangenheit  beider  Länder  stattfinden  mufste, 
führte  zu  einer  völligen  Abkehr  von  diesen  Arnoldschen  Fundamental- 
sätzen. Im  Gegensatz  zu  ihnen  ergaben  sich  die  -weiler  (-villare 
-villers)  als  Sitze  einer  überwiegend  romanischen  Bevölkerung,  und 
sowohl  den  -ingen  wie  den  -heim  mufste  die  Beschränkung  auf  einen 
bestimmten  Stamm  abgesprochen  werden,  um  derjenigen  auf  eine 
bestimmte  Zeit,  nämlich  auf  die  Völkerwanderungszeit,  Platz  zu 
machen  *). 

Belgien  und  die  angrenzenden  Teile  Nordfrankreichs  hinsichtlich 
ihrer  nationalen  Vergangenheit  auf  einen  Wurf  zu  erledigen,  ist  schon 
wegen  der  grofsen  Ausdehnung  des  Gebietes  eine  schwer  zu  lösende 
Aufgabe.     Wenn  Kurth^)  dies  trotzdem   unternommen  hat,   so  darf 


i)  Wilhelm  Arnold,  Ansiedelungen  und  Wanderungen   deutscher  St&mme.  i8>75. 

2)  Hans  Witte,  Deutsche  und  Keltoromanen  etc.  Kap.  L  —  Adolf  Schiber, 
Die  fränkischen  und  alemannischen  Siedlungen  in  Gallien,  besonders  im  Elsafs  und 
Lothringen.  Strafsburg  1894.  —  Hans  Witte,  Das  deutsche  Sprachgebiet  Lothringens  etc. 
K«p.  VI.  —  Hans  Witte,  Zur  Gesch.  des  Deutschtums  im  Ebafs  etc.  Kap.  11  u. 
S.  SyfiL  —  VgL  dazu:  Ed.  Heyck,  Die  Umgestaltung  der  Arnoldschen  Ortsnamen- 
theorie (Allgem.  Zeitg.,  Beilage  1898,  Nr.  203).  -  Hans  Witte  und  Ed.  Heyck,  Noch 
einmal  die  Umgestaltung  etc.  (Allgem.  Zeitg.,  Beilage  1898,  Nr.  231).  —  Haas  Witte, 
Neuere  Beiträge  des  Reichslandes  zur  Ortsnamenforschung  (Korrespondenzblatt  des  Ge- 
samtvereins  1899,   139  ff) 

3)  Godefroid  Karth,  La  frontiere  linguistique  en  Belgiqne  et  dans  le  nord  de 
la  France.     BnixeUes  1896  u.  1898. 

12 


—     164     — 

sich  niemand  wundern,  dafs  er  bei  der  Ausbeutung  der  zahbreicheo 
zu  benutzenden  Archive  im  allgemeinen  nur  die  mehr  an  der  Ober- 
fläche liegenden  Materialien  wie  Zinsregister,  Grundbücher  heranzog 
und  in  Ortschaften,  wo  diese  Materialien  versagten,  sich  mit  modernen 
Katastern  begnügte.  Für  eine  ganze  Reihe  von  Ortschaften  längs  der 
Sprachgrenze  hat  Kurth  daher  kein  historisches  Namenmaterial  zu  Ge- 
bote gestanden. 

Was  er  als  einzelner  bei  der  grofsen  Ausdehnung  seines  Arbeits- 
gebietes nicht  zu  leisten  vermochte ,  wird  von  der  Provinzial-  und 
Lokalforschung  nachgeholt  werden  müssen:  eine  systematische  Ver- 
arbeitung des  gesamten  Schatzes  der  Privaturkunden  hinsichtlich  der 
in  ihnen  enthaltenen  Flur-  und  Familiennamen  des  ganzen  belgisch- 
französischen Grenzgebietes.  Wenn  dadurch  auch  der  Rückgang  des 
Deutschtums  in  Belgien,  dessen  Breite  nach  Kurth  nur  selten  die  Aus- 
dehntmg  einer  Gemeinde  überschreitet,  vielleicht  nicht  wesentlich 
gröfser  erscheinen  würde,  so  wäre  doch  mit  Bestimmtheit  ein  sicheres 
Ergebnis  hinsichtlich  derjenigen  Ortschaften  zu  hoffen,  deren  frühere 
Nationalität  Kurth  nicht  zu  bestimmen  vermag. 

Den  geringen  Verlusten  des  Deutschtums  in  Belgien  steht  ein 
aulserordentlich  grofser  Rückgang  unserer  Sprache  in  Nordirankreich 
gegenüber.  Wenn  bei  sonst  gleichen  Verhältnissen  die  Nationalitäts- 
entwicklung so  verschiedene  Bahnen  einschlug,  so  ist  darin  wohl  vor 
allen  Dingen  die  Wirkung  der  Fremdherrschaft  zu  erkennen. 

In  Übereinstimmung  mit  anderen  Forschem,  vor  allem  mit 
J.  Winklcr^),  kommt  Kurth  zu  dem  Ergebnis,  dafs  in  dem  ganzen 
durch  die  Städte  Dünkirchen,  St.  Omer  und  Boulogne-sur-Mer  gebil- 
deten Dreieck  die  Volkssprache  bis  tief  in  die  Neuzeit  hinein  die  deutsche 
gewesen  ist.  Indem  aber  Kurth  als  deutsch-französische  Sprachgrenze 
in  dem  jetzt  rein  französischen  Teile  Nordfrankreichs  für  das  XIII.  Jahr- 
hundert eine  Linie  von  St.  Omer  nach  Boulogne  annimmt,  sieht  er  sich 
selber  genötigt,  auf  die  grofse  Zahl  südlich  dieser  Linie  vor- 
handener deutscher  Ortsnamen  aufmerksam  zu  machen:  sie  ziehen 
sich  von  Aire  die  Lys  aufwärts  bis  Lisboutg  und  in  einer  zweiten 
Gruppe  von  Fauquembergue  über  Coyecque,  Audinctun,  Reclinghem, 
Danebroeuk,  Radinghem,  Matringhem,  Wiquinghem,  Verlingtun,  Ha- 
linghem,  Widehem,  Tubersen  nach  der  Küste  hin,  die  sie  südlich 
Etaple  (halbwegs  zwischen  Boulogne  und  Abbeville)  mit  Berg-sur-Mer 


I)  VgL   über    seine   Werke   die  Aufsätze  Andre  es    und    Seelmanns    im   Globus, 
Bd.  LXV  (1894),  S.  330  u.  LXIX  (1896),  S.  329-332. 


—     155     — 

erreichen  ').  Ohne  die  Meinung  zu  teilen,  dafs  das  deutsche  Sprach- 
gebiet sich  ehemals  bis  über  die  Gegend  von  Arras,  Therouanne  und 
Bapaume  ausgebreitet  habe,  kann  man  doch  angesichts  so  zahlreicher 
weit  nach  Süden  vorgeschobener  deutscher  Ortsnamen  sich  kaum  der 
Meinung  verschliefeen,  dafs  es  einst  eine  gröfsere  Ausdehnung  gehabt 
haben  müsse  als  die  durch  das  Dreieck  Dünkirchen,  St.  Omer  und  Bou- 
logne  bestimmte.  Hier  bleibt  der  Provinzialforschung  noch  die  interessante 
Aufgabe  zu  lösen,  welche  von  den  genannten  vorgeschobenen  deutsch- 
namigen  Orten  einst  dem  geschlossenen  deutschen  Sprachgebiete  an- 
gehörten, welche  dessen  früheste  Grenze  bildeten  und  welche  von 
ihnen  stets  nur  ein  insulares  Dasein  inmitten  romanischer  Nachbarn 
gefuhrt  haben.  Hinsichtlich  aller  wird  der  Zeitpunkt  des  Erlöschens 
der  deutschen  Sprache,  soweit  möglich,  festzustellen  sein. 

Es  darf  nicht  unerwähnt  bleiben,  dafs  dieser  nunmehr  im  Fran- 
zosentum  untergegangene  westlichste  Ausläufer  des  Deutschtums  sowohl 
von  Winkler  wie  von  Kurth  für  ein  Ergebnis  sächsischer  Kolonisation 
gehalten  wird.  Das  häufige  Vorkommen  von  Ortsnamen  auf  -tun,  die 
in  Flandern  gänzlich  fehlen,  dagegen  in  England  (-ton  -town)  sehr  zahl- 
reich vertreten  sind,  bietet  dafür  den  hauptsächlichsten  Beweispunkt 
Überhaupt  sind  von  Kurth  die  Ortsnamen  seines  ganzen  Forschungs- 
gebietes in  der  dankenswertesten  Weise  nach  den  verschiedensten 
Gesichtspunkten  zusammengestellt.  Die  an  die  Ortsnamenlisten  ge- 
knüpften sehr  interessanten  Erörterungen  sind  hier  und  da  leider 
noch  vom  Amoldschen  System  beeinflufst. 

Wenn  ich  jetzt  am  Ende  meiner  Ausführungen  auf  die  anfangs 
citierte  Äulserung  Suchiers  zurückkommen  darf,  so  hat  sich  gezeigt, 
dafs  seit  dem  Jahre  1888  in  allen  von  der  deutsch-romanischen  Sprach- 
grenze durchschnittenen  Gebieten  die  damals  kaum  vorhandene  histo- 
rische Behandlung  dieser  Linie  grofse  Fortschritte  gemacht  hat.  Arbeit 
ist  trotzdem  noch  in  allen  Gebieten  in  überreichem  Mafse  zu  leisten; 
auch  da,  wo  ich  im  Vorstehenden  der  Lösung  harrende  Aufgaben  aus- 
drücklich nicht  bezeichnet  habe  und  wo  die  erzielten  Ergebnisse  be- 
reits das  Ansehen  eines  endgültig  feststehenden  Abschlusses  haben, 
ist  für  ergänzende  und  berichtigende  örtliche  Untersuchungen  noch  ge- 
nügend Raum  und  Gelegenheit  vorhanden. 

Die  bei  solchen  Forschungen  anzuwendende  Methode  habe  ich 
oben  schon,  bei  Behandlung  der  einzelnen  Landschaften,  berührt.  Zu- 
sammenfassend und   ergänzend  möchte  ich   hier  noch   betonen,  dafs 


i)  Vgl.  die  Homannsche  Karte  von  Artois. 

12* 


—     156     — 

je  nach  der  in  Frage  kommenden  Zeit  zwei  verschiedene  Methoden 
möglich  sind:  i)  Will  man  für  das  frühe  Mittelalter,  bei  noch  nicht 
vollendeter  Scheidung  geschlossener  Sprachgebiete,  über  die  Ver- 
teilung bezw.  Mischung  zweier  Nationen  Nachforschungen  anstellen, 
so  wird  man  sich  in  erster  Linie  wohl  immer  auf  die  bis  dahin  nach- 
weisbar vorhandenen  Ortsnamen  stützen.  Deutsch  benannte  Orte  in- 
mitten romanischer  Umgebung  können  aber  bald  nach  ihrer  Gründung 
romanisiert  worden  sein;  aus  ihren  Namen  läfst  sich  daher  auf  den 
nationalen  Charakter  mit  Sicherheit  nur  schliefsen  für  die  Gründungszeit. 

Darum,  und  weil  auch  in  nicht  deutsch  benannten  Orten  Deutsche 
gewohnt  haben  können,  bedarf  es  weiterer  Materialien.  Man  hat  diese 
vielfach  in  den  Personennamen  zu  finden  geglaubt.  Da  aber  nach- 
weislich germanische  Personennamen  schon  im  frühen  Mittelalter 
massenhaft  von  Romanen  geführt  werden,  kann  man  auf  sie  nicht  den 
Beweis  germanischer  Nationalität  begründen.  Eine  sichere  Möglichkeit 
der  Nationalitätsbestimmung  ergiebt  sich  dagegen  aus  der  im  frühen 
Mittelalter  herrschenden  Persönlichkeit  des  Rechts.  Aus  der  Angabe, 
dals  jemand  nach  salischem,  langobardischem,  bayerischem  Recht  lebe, 
kann  man  mit  Sicherheit  auf  Nationalität  bezw.  Stammesangehörigkett 
der  betreffenden  Person  schliefsen.  Aber  diese  Angaben  sind  nicht  so 
häufig  wie  man  wünschen  möchte,  venschwinden  auch  früh  aus  den 
Quellen ;  so  wird  im  günstigsten  Fall  immer  nur  eine  annähernde  Ab- 
schätzung nationaler  Mischungsverhältnisse  des  frühen  Mittelalters  zu 
erreichen  sein  *). 

2)  Anders  im  späteren  Mittelalter;  die  nationalen  Mischungsgebiete 
haben  sich  allmählich  in  geschlossene  Sprachgebiete  gesondert,  deren 
scharfe  Sprachgrenze  von  Ort  zu  Ort  genau  festgestellt  werden  kann. 
Zwar  haben  die  Ortsnamen  längst  ihre  nationale  Beweiskraft  eingebübt. 
Aber  dafür  ist  inzwischen  anderes  Beweismaterial  in  grober  Massen- 
haftigkeit  emporgewachsen.  Die  Familiennamen  sind  in  der  Bildung 
begriffen  und  spiegeln  den  sprachhchen  Charakter  der  einzelnen  Orte 
deutlich  wieder.  In  noch  höherem  Grade  gilt  dies  von  den  Flur- 
namen, da  sie  im  Gegensatz  zu  jenen  an  die  Scholle  gebunden  sind. 

Da  direkte  Zeugnisse  über  die  ehemaligen  Sprachverhältnisse  nur 
in  seltenen  Ausnahmefällen  vorliegen  —  in  ganz  Lothringen  sind  mir 
nur  zwd  solche  (bei  Marsal  und  Chicourt)  begegnet,  von  allen  hier 
behandelten  Landschaften  ilieisen  sie  nur  in  Tirol  etwas  reichlicher  — 


I)  Und  auch  diese   wohl  nar   mit  Zuhilfenahme   von  RttckschlOssen   aaf  Grand   der 
unter  2)  an^fegebenen  Methode. 


—     167      — 

so  kann  die  Nationalität  der  einzelnen  Ortschaften  in  der  Regel  nur 
durch  Schlußfolgerung'  bestimmt  werden.  Wer  sich  aber  die  Mühe 
nicht  verdriefsen  läfst,  die  alten  Flur-  und  Familiennamen  eines 
nationalen  Grenzgebietes  aus  alten  Grundbüchern,  Zinsregistem ,  Ur- 
baren, vor  allem  aber  aus  dem  unerschöpflichen  Born  der  bis  jetzt 
so  stiefmütterlich  behandelten  Privaturkunden  zusammen-  zutragen, 
der  wird  den  ehemaligen  Verlauf  der  Sprachgrenze  bald  deutlich 
vor  Augen  haben.  Charakteristische  Ausdrücke  der  Volkssprache, 
wie  sie  sich  neben  den  oben  genannten  Quellen  besonders  in 
den  Weistümem  sogar  bei  fremdsprachiger  Aufzeichnung  erhalten 
haben,  können  ebenfalls  mit  Erfolg  bei  der  Nationalitätsbestimmung 
verwandt  werden.  Jedoch  ist  bei  ihnen  eine  gröfsere  Vorsicht  geboten 
als  bei  den  Namen  wegen  der  Möglichkeit  sprachlicher  Entlehnung, 
die  in  unmittelbarer  Nähe  der  Sprachgrenze  niemals  ans  dem  Auge 
gelassen  werden  darf.  Vor  der  Benutzung  modemer  Kataster  mufs 
dag^en  gewarnt  werden.  Diese  können  der  Forschung  wohl  Finger- 
zeige geben,  ermöglichen  aber  für  längst  verflossene  Jahrhunderte  keine 
gesicherten  chronologisch  festlegbaren  Ergebnisse. 

Ebenso  kann  auch  die  Urkundensprache  nur  mit  grö&ter  Vorsicht 
zur  Ermittelung  der  alten  Sprachgrenze  herangezogen  werden.  Die 
Thatsache,  da&  im  deutschen  Sprachgebiet  Belgiens,  Nordfrankreichs, 
Luxemburgs  und  Lothringens  nach  dem  Aufhören  der  lateinischen 
Urkundensprache  zunächst  die  französische  vorherrscht«  redet  deutlich 
genug.  Darüber  hinaus  wirkt  die  Urkundensprache  oft  geradezu 
hinderlich,  indem  sowohl  Familien-  wie  Flurnamen  übersetzt  werden. 
Solche  störende  Einflüsse  der  Urkundensprache  können  nur  durch  eine 
voerbittliche  Kritik  aus  dem  Wege  geräumt  werden  ^). 


Die  Verwertung  der  J^irehenbilehet 

Von 
Pfarrer  Julius  Gmelin  (Grossaltdorf). 

Zu  den  wertvollsten,  aber  auch  noch  am  wenigsten  verwerteten 
Quellen  einer  eingehenden  Geschichtsforschung  gehören  die  Kirchen- 
bücher.   Mit  wenigen  verschwindenden  Ausnahmen  ist  die  GeSchichts- 


i)  Eifigebeiidere  Ansföhrangen  fiber  die  hier  nnr  angedeuteten  methodischen  Grand- 
•itxe  finden  sich  in  meinen  oben  genauer  citierten  Schriften  ,,  Deutsche  ttn^  Kelto- 
romaDcn''  Kap.  I  und  „Das  deutsche  Sprachgebiet  Lothringens"  Kap.  I. 


—     158     — 

Schreibung  des  in  Bezug  auf  Quellenforschung  und  Kritik  doch  so 
epochemachenden  XIX.  Jahrhunderts  ihren  Weg  gegangen,  ohne  sich 
um  die  Existenz  dieses  umfangreichen  Materials  zu  kümmern,  das  doch 
schon  im  XVIII.  Jahrhundert  durch  die  Anregung,  die  es  einem  Süis- 
milch  und  anderen  Männern  gab,  eine  neue  in  unserem  Jahrhundert 
zum  Rang  einer  wissenschaftlichen  Großmacht  herangewachsene  Dis- 
ziplin ins  Leben  gerufen  hat:  die  Statistik.  Aber  merkwürdiger- 
weise hat  sich  diese  Tochter,  kaum  dafs  sie  sich  auf  eigene  F'üise  gestellt 
sah,  ihrer  Mutter  kaum  mehr  erinnert,  weil  diese  ihr  den  „modernen*' 
Ansprüchen  nicht  zu  genügen  schien,  und  so  lieber  mit  anderen  neu- 
modischen Mitteln  ihre  Lebensfähigkeit  darzulegen  gesucht,  als  jene 
anfanglichen  Stützen  erst  ordentlich  zu  vertragen  und  auszubeuten  ^). 
Kein  Wunder,  dafs  dann  die  älteren  Schwesterwissenschaften  sich 
vollends  zu  vornehm  dünkten,  mit  einem  von  der  eigenen  Zunft  so 
rasch  zur  Seite  geworfenen  Handwerkszeuge  weiter  zu  arbeiten.  Zu- 
dem lag  dieses  trotz  seiner  allgemeinen  Verbreitung  doch  eben  den 
wissenschaftlichen  Arbeitern  zu  wenig  zur  Hand,  während  diejenigen, 
denen  dasselbe  beruflich  in  die  Hand  gegeben  war,  die  Geistlichen, 
durch  den  Charakter  ihres  Amts  mehr  davon  abgehalten  als  dazu  hin- 
geführt waren,  diesem  „trockensten**  Stück  ihrer  Ausrüstung  ernst- 
lichere Beachtung  zu  schenken.  Erst  im  letzten  Jahrzehnt  hat  sich  nach 
mancherlei  Einzelanregungen,  unter  denen  Jastrows  Untersuchung 
Ueber  die  Volkszahl  deutscher  Städte  am  Ende  des  Mittelalters 
und  zu  Beginn  der  Neuzeit  (1886)  *)  eine  besondere  Stelle  gebührt, 
der  Gesamtverein  der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  auch 
der  Kirchenbücher -Frage  angenommen  und  im  Verein  mit  einer  An- 
zahl historischer  Kommissionen  sich  zunächst  bemüht,  den  thatsäch- 
liehen  Bestand  dieser  Quellen  festzustellen.    So  ist  für  einen  geraumen 


i)  Eine  primlüve  fUr  die  Geschichte  der  Staüstik  nicht  uninteressante  Znsammen- 
steUnng  über  die  Bevölkemngsbewegang  in  Gera  in  der  Zeit  von  1700  bis  1800 
findet  sich  in  der  „Beschreibung  der  Herrschaft  und  Stadt  Gera"  von  Joh.  Christoph 
Klotz  (Schleis  18 16),  S.  95. 

2)  VgL  auch  Karl  Bücher,  Zur  mittelalterlichen  Bevölkerungsstatistik  mit  besonderer 
Rücksicht  auf  Frankfurt  a.  M.  in  „Zeitschrift  fUr  die  gesamte  Staatswissenschafi'*, 
XXXVU.  Bd.  (1881),  S.  535—580  und  XXXVIIL  Bd.  (1882),  S.  28—117.  Gerade  für 
eine  der  wichtigsten  Fragen  mittelalterlicher  Bevölkerungsstatistik,  nämlich  für  die  Ge- 
winnung wenigstens  im  XVL  Jahrhundert  gültiger  Rednktionszahlen  (wie  viel  Personen 
kommen  im  Durchschnitt  etwa  auf  den  Hanshalt  eines  stenersahlenden  Bürgers?)  bieten 
die  Kirchenbücher  die  einzige  Unterlage.  Vgl.  „Zeitschrift  fUr  Sozial-  und  Wirtschafts- 
geschichte«,  V.  Bd.  (1897),  S.  414- 


—     159     — 

Teil  von  Deutschland,  namentlich  den  Norden  ^),  das  betreffende  Ma- 
terial konstatiert  worden,  für  andere  Teile,  so  besonders  den  Süden, 
harren  die  diesbezüglichen  Arbeiten  noch  der  allgemeinen  Bekannt- 
machung. In  einigen  Landesteilen  aber,  so  namentlich  im  Osten, 
scheint  die  Arbeit  noch  kaum  in  Angriff  genommen  zu  sein.  Vielleicht 
dürfte  die  Sache  ein  rascheres  Tempo  gewinnen,  wenn  einmal  die 
Einsicht,  oder  doch  nur  die  Ahnung  allgemeiner  verbreitet  wäre,  um 
was  für  ein  außerordentlich  wichtiges  Material  es  sich  bei  den  Kirchen- 
büchern handelt,  was  iiir  reichhaltige  Schätze  hier  noch  ungehoben 
liegen  und  wie  mancherlei  Zweige  der  Wissenschaft  aus  der  Beach- 
tung dieser  Materialien  einen  neuen  Impuls  oder  doch  weitreichende 
Förderung  erfahren  können.  Diesem  Zwecke,  wie  überhaupt  der 
planvollen  Ausbeutung  dieser  Schätze,  möchte  die  hier  gebotene 
Skizze  über  die  Verwertung  der  Kirchenbücher  dienen.  Detailergeb- 
nisse, die  nur  auf  einen  bestimmten  Schauplatz  sich  beziehen ,  müssen 
wir  ausschliefen  und  können  nur  erwähnen,  was  allgemein  als  Resultat 
diesbezüglicher  Forschungen  sich  ergeben  dürfte  bezw.  was  geeignet 
ist,  andere  zur  Forschung  in  gleicher  Richtung  anzuregen.  Denn 
natürlich  wäre  mit  allgemein  theoretischer  Konstruktion 
des  etwa  möglichen  Resultats  nicht  gedient,  es  handelt 
sich  vielmehr  um  Resultate  wirklicher,  eingehender  Unter* 
Buchungen. 

Die  Grundlage  für  den  Verfasser  haben  hierbei  die  Kirchenbücher 
der  ehemaligen  Reichsstadt  Hall  und  ihres  Gebiets  geboten,  soweit 
es  in  den  Grenzen  des    heutigen  Amts  Hall    gelegen   war,    also  in 


i)  Den  Stand  der  Arbeit  bis  1895,  wonach  die  Sache  in  der  Mitte  von  Deatschland, 
Königreich  nnd  Provinz  Sachsen  and  den  kleineren  Staaten,  am  weitesten  gefördert  war, 
hat  R.  Krieg  im  „Korrespondenzblatt  des  Gesamtsvereins  der  deutschen  Geschichts-  and 
Altertamsvereine"  43.  Jahrgang  (1895),  S*  129  ff.  sosammenfassend  beschrieben  nnd  im 
45.  Jahrgang  (1897),  S.  38  ff.  sowie  im  47.  Jahrgang  (1899),  S.  56  ff.  seine  Angaben 
veiTolIständigt.  —  Aof  Arbeiten  über  die  Kirchenbücher  in  Siebenbürgen  and  Salz- 
burg weist  hin  ArminTille  in  den  „Annalen  des  historischen  Vereins  für  den  Nieder- 
rhein", 63.  Heft  (1896),  S.  178.  —  Ober  mährische  Pfarrmatriken  Welzl  in  der 
„Zeitschrift  des  Vereines  für  die  Geschichte  Mährens  and  Schlesiens«,  3.  Jahrgang 
(Brunn  1899),  S.  225—230,  über  die  Frankfurter  Kirchenbücher  v.  Nathasias  im 
„Archiv  für  FrankfurU  Geschichte  and  Kunst",  3.  Folge,  Bd.  VI,  S.  161— 186.  —  Die 
„Kirchenbücher  im  katholischen  Deatschland"  bespricht  Sägmüller  in  der  „Theo- 
logischen Quartalschrift",  81.  Jahrgang  (1899),  über  Verwertung  der  Kirchenbücher  vgl. 
auch  V.  d.  Horst  in  der  „Vierteljahrsschrift  für  Wappen-,  Siegel-  und  Famiüenkunde«*, 
XXVIL  Bd.,  S.  185-— 202,  S.  225—244  sowie  im  „DeuUchen  Herold«,  Jahrgang  1899, 
6.  132— 135« 


—     160     — 

der  Hauptsache  der  evangelische  Teil  dieses  Amts,  d.  h.  etwa  94  ^/^ 
demselben.  Wohl  ist  das  ein  räumlich  und  zahlenmäfsig  beschränkter 
Kreis,  denn  nach  der  letzten  Volkszählung  wohnen  noch  keine 
30000  Seelen  in  diesem  Gebiete,  wovon  Vs  ^^^  <^  Land,  >  5  auf  die 
Stadt  entfallen.  Aber  einmal  erinnere  ich  daran,  dafs,  worauf  schon 
vor  Jahren  der  Statistiker  G.  v.  Mayr  hingewiesen  hat,  der  Fortschritt 
der  wissenschaftlichen  Erkenntnis  nur  von  der  genaueren  Untersuchung 
kleinerer,  räumlich  beschränkterer  Einheiten  ausgehen  kann,  und  dann 
habe  ich  dieses,  mein  Gebiet,  dafür  auch  um  so  genauer  untersucht. 
So  gar  wenig  ist  es  übrigens  noch  nicht  einmal,  indem  es  sich  um 
(wenn  man  die  alte  Einteilung  zu  Grunde  legt)  immerhin  25  Pfarreien 
handelt.  Diese  25  Pfarreien  haben  zudem  von  der  Ausgangszeit  her 
bis  zum  heutigen  Tag  ein  einheitliches,  im  wesentlichen  durchaus 
gleichartig  gebliebenes  Gebiet  gebildet,  insbesondere  aber  ist  —  die 
Hauptsache  in  diesem  Fall  —  die  Zeit  lang  genug,  um  jenen  etwaigen 
Mangel  räumlicher  Ausdehnung  überreich  zu  ersetzen,  und  länger  als 
sie  kaum  je  statistisch  gründlich  untersucht  worden  ist.  Denn  von 
1559t  wo  die  Haitischen  Kirchenbücher  einsetzen,  bis  1895,  mit  welchem 
Jahre  ich  meine  Untersuchungen  abgeschlossen  habe,  sind  es  nicht 
Weniger  als  336  Jahre  oder  zehn  Generationen,  und  wenn  in  jenem  Jahr 
auch  nur  die  Tauf-  und  Eheregister  einsetzen,  während  sich  die  Toten- 
register mit  einer  Ausnahme  erst  ein  Menschenalter  später,  1594  fr.,  nach 
und  nach  zugesellen,  die  meisten  sogar  erst  aus  dem  XVII.  Jahrhundert 
datieren»  so  stellen  sich  dafür  jene,  zumal  die  Taufregister,  bei  näherer 
Untersuchung  doch  als  die  ungleich  wichtigeren  heraus.  Natürlich  sind^ 
wie  jeder  Sachkundige  sich  denken  mag,  nicht  alle  Register  für  diesen 
ganzen  Zeitraum  mehr  vorhanden,  sondern  hat  auch  hier  der  böse 
drcissigjährige  Krieg  einen  namhaften  Ausfall  veranlafst,  andere  Lücken  hat 
die  Nachlässigkeit  oder  Unfähigkeit  mancher  Registerführer,  der  Pfarrer^ 
verschuldet.  Aber  im  ganzen  fällt,  auch  wenn  die  Handschrift  oft 
g^nüg  zti  schaffen  macht,  doch  eher  die  Pünktlichkeit  und  Genauigkeit 
dieser  Buchführung  als  das  Gegenteil  auf,  so  dafs  man  den  Eindruck 
bekommt,  dafs  es  jedenfalls  die  zuverlässigsten  Persönlichkeiten  waren, 
die  unter  den  betreffenden  Umständen  für  die  Buchführung  gefunden 
werden  könnten.  Das  Beste  aber  ist,  dafb,  so  viel  auch  älteres  Material 
verioreil  gegangen  ist,  das  Gerettete  doch  namhaft  genug  ist,  um  unsere 
Betrachtungen  nicht  erst  von  1650,  sondern  eben  schon  von  1559 
an  datieren  zu  können.  Im  ganzen  handelt  es  sich  um  ca.  330000 
oder  ca.  Vs  Million  Nummern,  die  von  mir  (mit  Unterstützung  einiger 
jüngeren  Kollegen)  in  jahrelanger  Arbeit  aus  den  Hällischen  Kirchen- 


—     161     — 

büchern  gewonnen  und  auf  ihre  Bedeutung  hin  näher  untersucht  wor- 
den sind :  doch  wohl  eine  genügende  Grundlage,  um  wenigstens  nicht 
mehr  den  Einwand  zu  grofser  Beschränktheit  des  Materials  furchten  zu 
müssen. 

Weiches  sind  nun  die  Ergebnisse  allgemeiner  Art  auf  Grund  dieser 
Untersuchungen?  Die  beste  Übersicht  darüber  giebt  vielleicht  eine 
Unterscheidung  nach  den  verschiedenen  daraus  Gewinn  ziehenden 
Zweigen  der  Wissenschaft. 

Da  ist  zunächst  die  Geschichte  im  allgemeinen,  für  welche  eine 
Fülle  einzelner  historischer  Notizen  abfallt,  sei  es  über  einzelne  wich- 
tige Persönlichkeiten,  oder  über  Zustände,  rechts-  und  verfassungs- 
geschichtKöbe  Beziehungen,  Berufsarten  u.  dergl.,  kurz  Dinge,  die  als 
Belege  für  die  Geschichtsschreibung  zumal  in  kulturgeschichtlicher 
Hinsicht  von  Belang  sind.  Im  besonderen  aber  ist  es  die  lange  Zeit 
Als  wichtigster  TeU  der  Geschichte  behandelte  Kriegsgeschichte, 
die  aus  diesen  Quellen  eine  treffliche  Illustration  erfährt.  So  würde 
allein  die  Ausbeute,  die  über  den  folgenschwersten  Krieg,  den  unser 
Vaterland  durchzumachen  gehabt  hat,  zu  gewinnen  wäre,  eine  allge- 
meine Durcharbeitung  der  ältesten  Kirchenbücher  reichlich  lohnen 
und  eine  genauere  Geschichte  desselben  vielleicht  erst  möglich 
machen.  Wenn  wir  auch  absehen  von  dem  wertvollsten  Ergebnis, 
den  genaueren  Zahlen  über  die  durch  diesen  Krieg  veranlafste  Be- 
völkrungsbewegung  bezw.  -vermindrung ,  welche  Menge  von  Notizen 
über  Märsche  und  Einquartierungen,  das  Verhältnis  der  einquartier- 
ten Soldaten  zu  ihren  Quartiergebern,  Ausschreitungen,  aber  auch  ge- 
mütliche Züge,  wie  z.  B.  Gevatterschaften,  ergeben  nicht  allein  die 
Hällischen  Register!  Das  Wichtigste  bleibt  freilich  immer  der  ge- 
liftuere  Nachweis  der  Wirkungen  wie  des  ganzen  Krieges  so  auch  der 
einzelner  Kriegsjahre,  namentlich  der  besonderen  Pestjahre,  auf  die  Be- 
völkningszahl  der  einzelnen  Ortschaften,  den  wir  so,  trotz  aller  Lücken 
in  manchen  Pfarreien,  gewinnen.  Beiläufig  sei  bemerkt,  dafs  für  unsere 
Gegend,  wie  wohl  auch  für  manche  andere,  die  Durchforschung  dieses 
Materials  dazu  zwingt,  eine  Reduktion  der  in  den  allgemeinen  Beschreib- 
Ql^en  üblichen  ungeheuerlichen  Vermindrungszahlen  vorzunehmen.  Füt 
das  Hällische  z.  B.  kann  es  sich  bei  dem  ganzen  Krieg  um  höchstens  eine 
Verminderung  von  etwa  ein  Drittel,  nur  in  einzelnen  Pfarreien  um  40  */o 
oder  gar  tnehr  handeln,  in  der  Hauptsache  ist  dies  aber  die  Wirkung 
der  Pest,  die  im  Spätjahr  1634  im  Gefolge  der  Nördlinger  Schlacht 
zehn  Wochen  lang  in  unsrer  Gegend  (von  Ende  September  bis  An- 
fang Dezember)  wütete,   ob   auch   in  ziemlich  ungleicher  Verteilung 


—     162     — 

über  die  einzelnen  Ortschaften.  Ganze  Ortschaften  dagegen,  die  in- 
folge dieses  Krieges  abgegangen  wären,  wie  in  so  mancher  anderen 
Landschaft,  sind  bei  uns  überhaupt  nicht  namhaft  zu  machen.  Natürlich 
trifft  das,  was  vom  dreissigjährigen  Kriege  gesagt  ist,  in  vermindertem 
Grad  auch  auf  die  andern  Kriege  zu,  die  in  neurer  Zeit  unser  Land 
heimgesucht  haben.  Für  das  Hällische  kommen  da  in  erheblicherem 
Grade  freilich  nur  die  Raubkriege  Ludwigs  XIV.,  zumal  1675  f.  und 
1693  f.,  durch  Nachrichten  über  Durchzüge,  Flüchtlinge  und  Seuchen 
in  Betracht,  weniger  die  Revolutions-  und  napoleonischen  Kriege,  über 
die  auch  sonst  Material  genug  vorliegt.  An  den  siebenjährigen  Krieg, 
der  für  Nord-  und  Mitteldeutschland  besonders  ins  Gewicht  fallen  muls, 
erinnern  bei  uns  nur  vereinzelte  Spuren.  Am  meisten  von  Bedeutung 
wäre  natürlich,  was  wir  über  die  Wirkungen  der  Kriege  noch  früherer 
Zeiten,  so  namentlich  des  Schmalkaldischen  im  XVI.  Jahrhundert,  auf 
diesem  Wege  aufzutreiben  vermöchten.  Doch  reichen,  abgesehen  von 
einzelnen  Städten,  nur  in  den  allerwenigsten  Territorien  die  Register 
so  weit  zurück,  m.  W.  nur  in  der  brandenburgischen  Markgrafischafi; 
Ansbach  und  Baireuth,  wo  die  Register  zugleich  mit  der  Reformation 
eingeführt  und  seit  1533  vorhanden  sind.  In  diesem  Jahre  ist  auch  im 
hällischen  Gebiet  ein  einzelner  Pfarrer,  der  verdiente  Chronist  Herolt 
in  Reinsberg,  wohl  eben  durch  die  brandenburgische  Nachbarschaft  zur 
privaten  Anlegung  solcher  Register  veranlagt  worden,  hat  dann  aber 
1546  mit  Rücksicht  auf  den  ausbrechenden  Krieg  seine  Thäti^keit 
vorläufig  eingestellt. 

Unter  den  HUfswissenschaften  der  Geschichte  dürfte  auf  den 
ersten  Blick  am  besten  wegkommen  die  Genealogie.  Was  für  ein 
unentbehrliches  Material  für  sie  in  unseren  Kirchenbüchern  vorhanden 
ist,  bedarf  kaum  iiir  jemand  noch  einer  besonderen  DBxltgting.  Es  ist 
aber  diesem  Material  eine  von  Jahr  zu  Jahr  sich  steigernde  genea- 
logische  Bedeutung  schon  damit  gesichert,  dafs  nach  dem  im  Gesetze 
des  natürlichen  Wechsels  gelegenen  Niedergange  der  alten  aristokratisch- 
patrizischen  Familien,  in  deren  Kreisen  für  die  Pflege  der  FamUien- 
zusammenhänge  und  der  Stammbaum-Nachweise  noch  durch  besondere 
Veranstaltungen  gesorgt  wurde,  schon  in  der  Gegenwart  und  in  ver- 
mehrtem Grad  in  der  Zukunft  immer  mehr  neue  Namen  auf  den 
Schauplatz  zu  treten  berufen  sind,  die  oft  genug  über  ihre  Herkunft 
selber  kaum  über  das  dritte  oder  vierte  Glied  hinaus  im  klaren  sind. 
Ist  auch  hier  dann  allemal  zunächst  der  Einzelne  an  der  weiteren 
Rückwärtsverfolgung  seines  Familienzusammenhangs  interessiert,  so 
ist  doch   auch   die  Allgemeinheit  an  der  Feststellung  solcher  genea- 


—     163     — 

logischer  Zusammenhänge  um  so  mehr  interessiert,  je  weniger  der 
einzelne  von  sich  aus  oft  die  richtige  Spur  zu  treflFen  im  stände 
ist  und  je  mehr  durch  die  Kenntnis  zahlreicher  Stammbäume  fiir 
die  verschiedensten  Bevölkerungsklassen  und  Gegenden  mannigfache 
Probleme  der  Genealogie,  die  auf  die  Ergründung  praktischer  biolo- 
gischer Gesetze  überhaupt  hinauslaufen,  ihre  Lösung  finden.  Nach 
meinen  Beobachtungen  z.  B.  scheint  es  als  ein  ziemlich  allgemeines 
biologisches  Gesetz  gelten  zu  können,  da(s  eine  Familie  nicht  leicht 
länger  als  über  drei  Jahrhunderte  auf  einem  und  demselben  Boden 
sich  dauernd  in  der  Höhe  zu  behaupten  vermag,  und  zwar  triffl 
dies  kaum  viel  weniger  auf  dem  Lande  als  für  die  Stadt  zu» 
Thatsache  ist,  dafs  im  allgemeinen  diejenigen  Familien,  die  uns  beim 
Beginn  der  Kirchenbücher  in  den  untersten  Regionen  ihrer  Gemeinde 
oder  Gegend  begegnen,  im  XIX.  Jahrhundert  meist  in  die  oberen 
Reihen  des  Besitzes  und  Ranges  eingerückt  sind,  während  umgekehrt 
die  damals  tonangebenden  Namen  entweder  ausgestorben  oder  der 
Degeneration  verfallen  sind,  soweit  sie  nicht  durch  Verpflanzung  auf 
einen  andern  Boden  wieder  neue  Wurzeln  geschlagen  haben. 

Mündet  so  auch  diese  genealogische  Ausbeute  in  das  Kapitel  der 
Bevölkrungsbewegung  ein,  so  darf  hier  auch  darauf  noch  be- 
sonders aufmerksam  gemacht  werden,  was  für  eine  unvergleichliche 
Grundlage  für  die  Kenntnis  der  Herkunft  unserer  verschiedenen  Be- 
völkerungsteUe  und  damit  unsrer  Bevölkerungszusammensetzung  und 
-mischung  überhaupt  mit  einer  umfassenden  Zusammenstellung  der 
älteren  Geschlechts-  oder  Familien-  (und  wohl  auch  der  in  manchen 
G^enden  auf  dem  Lande  gebräuchlichen  besonderen  Haus-)Namen  in 
jeder  Gemeinde  gewonnen  würde ;  schon  deshalb,  weil  im  allgemeinen 
die  Anfange  unsrer  Tauf-  und  Eheregister  zum  Glück  noch  in  jene 
Zeit  hinaufragen,  wo  die  im  Mittelalter  so  viel  gebundeneren  Verhält- 
nisse der  Landbewohner  sich  noch  ungleich  mehr  als  später  geltend 
machten.  Wenn  im  XVI.  und  XVII.  Jahrhundert  die  einzelnen  Ort- 
schaften oder  Pfarreien  meist  noch  ungleich  weniger  Familien -Namen 
aufweisen  als  im  XIX.,  und  dafür  einzelne  Namen  um  so  zahlreicher 
an  einem  und  demselben  Ort  oder  in  dessen  Nachbarschaft  anzutreffen 
sind,  so  darf  mit  ziemlicher  Sicherheit  diese  Gegend  als  Ursprungs- 
heimat des  betreffenden  Namens  angesehen  werden,  wie  wir  die  Heimat 
unserer  Haustiere  und  Kulturpflanzen  dadurch  herausbekommen,  dais 
wir  fragen,  wo  kommen  sie  wild  vor?  In  wie  mannigfacher  Beziehung 
aber  auch  praktisch  eine  erweiterte  Kenntnis  der  ursprünglichen 
Standorte    so     mancher    unserer    auffalligsten,     vielleicht  auch     be- 


—     164     — 

kanntesten  Namen ,  und  überhaupt  ein  grö&eres  genealogisch  -  bio- 
logisches Verständnis  unserer  heutigen  Gesellschaft  nutzbringend  zn 
verwerten  wäre,  ergiebt  sich  aus  dem  Gesagten  von  selbst. 

Was  die  Geschlechtsnamen  für  die  Genealogie,  das  bedeuten  im 
allgemeinen  die  Vor-  oder  Taufnamen  ")  für  die  speziellere  Kultur- 
geschichte, die  Geschichte  der  geistigen  Entwicklung  unseres  Volkes. 
Handelt  es  sich  auch  hier  keineswegs  um  eine  neue  Entdeckung,  son- 
dern eine  schon  hundertmal  von  Einzelnen  gemachte  Beobachtung,  was 
ßir  ein  bestimmtes  Gesetz  auch  auf  diesem  scheinbar  am  meisten  der 
Einzelwillkür  preisgegebenen  Gebiet  herrscht,  so  gewährt  es  doch 
immer  wieder  neuen  Reiz,  einen  bestimmten  Bezirk  auf  die  Entwick- 
lung der  Vornamen  über  ein  paar  Jahrhunderte  hin  zu  verfolgen 
und  darin  die  geistige  Stimmung  der  betreffenden  Landschaft  während 
dieser  verschiedenen  Perioden  niedergelegt,  gewissermafeen  photo- 
graphiert  zu  sehen.  Wie  interessant  gestaltet  sich  nur  z.  B.  die  Be- 
obachtung des  Übergangs  von  der  alten  katholischen  Zeit  mit  der 
Mannigfaltigkeit  ihrer  Heiligennamen,  unter  denen  aber  schon  in  un- 
serer Ausgangszeit  Johannes  oder  Hans  der  verbreitetste  ist,  zum 
evangelisch-protestantischen  Volkstum,  für  welches  die  biblischen  zu- 
sammen mit  den  traditionell  -  bäuerlichen  Namen  (in  der  Stadt  z.  T. 
in  eigentümlicher  Auswahl,  so  dais  z.  B.  die  Hällischen  Sieder  vom 
XVI.  Jahrhundert  an  in  auffallender  Weise  den  Namen  David  bevor- 
zugen und  davon  den  bleibenden  Spitznamen  „Dovelich**  davontragen) 
zur  vorherrschenden  Stellung  gelangen.  Im  allgemeinen  läfst  sich  frei- 
lich, wenigstens  in  unserem  Gebiet,  mit  der  zunehmenden  Protestan- 
tisierung  eine  gewisse  Verödung  nicht  verkennen,  so  dafe  das  XVI.  Jahr- 
hundert über  eine  reichere  Auswahl  von  Vornamen  verfügt  als  das 
XVIII.,  das  fast  in  stereotyper  Weise  sich  mit  ein  paar  traditionell 
gehelligten  Vorzugsnamen,  nur  in  reichlicherer  Zusammensetzung,  be- 
hilft. So  erobern  sich  neben  Hans,  der  den  Primat  behauptet,  der 
gleichfalls  schon  vorher  reichlich  vertretene  Georg  oder  Jörg  zusammen 
mit  Michael  auf  dem  Lande  überall  die  erste  Stelle,  um  diese  durch 
das  ganze  XVII.  Jahrhundert  in  Gestalt  von  Doppelnamen,  unter  denen 

I)  Es  giebt  bereits  eine  ganze  Litteratur  über  diesen  Gegenstand.  Die  ältere  ver- 
zeichnnt  Georg  Stein haasen  in  seinem  Anfsatxe  „Vomamenstndien''  in  der  ,, Zeit- 
schrift fUr  den  deutschen  Unterricht",  7.  Jahrgang  (1893),  S.  616—626,  wo  besonders 
die  Namenarmut  des  aasgehenden  Mittelalters  nnd  die  Häufigkeit  des  Namens  Johaanes 
behandelt  wird.  —  Vgl.  ferner  Armin  Tille,  Weibliche  Vornamen  im  Mittelalter  in 
„Zeitschrift  Für  Kulturgeschichte",  V.  Bd.,  S.  173—177,  auch  „Zur  Geschichte  der  deut- 
schen Personennamen"  in  der  „Archivalischen  Zeitschrift";  Bd.  Vll  (1897),  S.  243— «52 


—     165     — 

Johann  Georg  und  Georg  Michael  voranstehen,  in  erhöhtem  Mafse  zu 
behaupten,  während  das  XVIII.  Jahrhundert  getreu  seiner  wachsenden 
Weitschweifigkeit  (die  vielleicht  in  den  Kirchenbüchern  sich  am  eklatan- 
testen verfolgen  und  diese  auf  das  Doppelte  und  Dreifache  des  früheren 
Umfanges,  ohne  sachliche  Bereicherung,  anschwellen  läfst)  sich  damit 
begnügt,  die  Zweiheit  zur  Dreiheit  der  Vornamen,  mit  so  ziemlich 
demselben  Material,  auszugestalten,  bis  dann  das  XIX.  Jahrhundert 
auch  hier  den  nötigen  Rückschlag  in  der  Vereinfachung  und  zugleich 
Erneuerung  durch  Patriotisierung  der  Vornamen  (Friedrich,  Wilhelm, 
Karl  etc.)  bringt.  Auf  die  entsprechende  weibliche  Parallele,  welche 
sich  etwas  weniger  einfach  gestaltet,  verzichte  ich  hier  des  Raumes 
w^en.  Dann  wie  nett  wieder,  in  diesem  XIX.  Jahrhundert  schon 
in  den  Vornamen  die  verschiedenen  politischen  Schattierungen  oder 
Stimmungen  der  einzelnen  Orte  bezw.  Landschaften  fixiert  zu  fin- 
den wie  darunter  den  Einflufs  bestimmter  Persönlichkeiten,  so  mancher 
Pfarrer,  in  einzelnen  Namens-Neuerungen  wiederzuerkennen!  Natürlich 
ist  es,  dafs  auf  diesem  Felde  die  Stadt,  hier  Hall,  wie  sie  ein  reicher 
entwickeltes  Leben  und  eine  gröfsere  Mannigfaltigkeit  der  Namen  zeigt, 
so  auch  die  führende  Stellung  bei  Neuerungen  einnimmt,  übrigens  um 
dann  doch  auch  wieder  durch  die  starke  Einwanderung  vom  Lande  her 
auch  in  ihrer  Namensphysiognomie  nicht  wenig  beeinflufst  zu  werden. 
Für  die  Städte,  zumal  die  alten  Reichsstädte,  lassen  sich  dann  die  Vor- 
namen in  ziemlicher  Vollständigkeit  meist  noch  ein  paar  Jahrhunderte 
weiter  zurückverfolgen  auf  Grund  der  Beetbücher  oder  etwaiger  anderer, 
den  Kirchenbüchern  zunächst  kommenden  Register,  wie  z.  B.  die 
Untersuchimg  der  ältesten  Grofstotengeläutbücher  in  Nürnberg  (durch 
Dr.  Alfred  Bauch)  *)  von  1439  bezw.  1454  hübsche  Winke  für 
das  Eindringen  des  Humanismus  in  dieser  Stadt  Ende  des  XV.  und 
Anfangs  des  XVI.  Jahrhunderts  ergeben  hat.  Näheres  über  meine 
eigenen  Beobachtungen  die  Vornamen  betreifend  darf  ich  vielleicht 
einmal  in  einem  besonderen  Aufsatze  mitteilen. 

Den  sichersten  Gewinn  fiir  die  Kulturgeschichte  auch  aus  der 
Untersuchung  dieses  Materials  erlangen  wir  wieder  erst  aus  einer  mög- 
lichst umfassenden  statistisch  -  tabellarischen  Darstellung  dieser  Ergeb- 
nisse. Und  so  bleibt  überhaupt  die  Statistik  im  weitesten  Sinne  bei 
der  Ausbetttnag  der  Kirchenbücher  die  meistgewinnende  Partei,  wie 
mit  ihrer  HiHe  diese  Ausbeute  für  die  übrigen  Wissenschaften  sich 
erst  recht  fruchtbringend  gestalten  läfst.     Freilich  ist  diese  statistische 


I)  In  der  ArchtvaL  Zeitscbr.  N.  F.  VIII.  (1899)  P*  119— 149* 


—     166     — 

Ausbeute  der  Kirchenbücher  im  engeren  Sinne  auch  nur  auf  dem  be- 
schränkten, von  mir  genauer  untersuchten  Gebiete,  dem  Hällischen, 
eine  so  überaus  reiche,  da(s  ich  für  das  Nähere  hierüber  auf  meine 
betr.  Spezialarbeit  über  Bevölkerungsbewegung  im  Hällischen  *)  ver- 
weisen mufs. 

Unter  den  Spezialgebieten  der  immer  zahlreichere  Zweige  der 
Wissenschaft  sich  unterwerfenden  grofsen  Herrscherin  Statistik  kommt 
wohl  der  zuletzt  besprochenen  Kulturgeschichte  am  nächsten  die  Moral- 
statistik. Hier  bietet  natürlich  schon  die  Rubrik  „Uneheliche"  *)  in  den 
Taufregistem  der  Untersuchung  ein  Material,  das,  was  man  auch  über 
dessen  Unzulänglichkeit  für  eine  ideale  Sittlichkeitsmessung  sagen  mag, 
doch  eben  von  keinem  anderen  Hilfsmittel  überboten  wird.  In  unserem 
Gebiet  läuft  die  Ausbeute  der  Kirchenbücher  in  dieser  Hinsicht  auf  den" 
Eindruck  von  der  strengen  sittlichen  Zucht  hinaus,  die  im  Gefolge  der 
Reformation  durch  die  auf  Brenz  zurückgehenden  harten  Maisregeln 
der  Obrigkeit  gegenüber  einer  keineswegs  zu  besondrer  Tugendhaftig- 
keit veranlagten  Bevölkerung  in  den  nächstfolgenden  Jahrhunderten 
eingehalten  wurde.  Selbst  der  dreissigjährige  Krieg  hat  hier  viel 
weniger,  als  man  gemeiniglich  denkt,  einzureifsen  vermocht,  viel- 
mehr ist  offenbar  die  relativ  rasche  Überwindung  der  Verluste  dieses 
Krieges  nicht  am  wenigsten  auf  die  geltende  straffe  Zucht  in  diesem 
Punkte,  welche  bis  zum  XVIII.  Jahrhundert  die  unehelichen  Geburten 
noch  keine  2  «/^  ausmachen  liefs,  zurückzuführen.  Anders  dann  frei- 
lich im  XVIII.  Jahrhundert,  in  dessen  zweitem  Drittel  der  von  Frank- 
reich herüberdringende  Ton  sich  zumal  auch  auf  dem  Lande  in  einem 
verblüffenden  Anwachsen  der  Demoralisation,  welche  die  unehelichen 
Geburtenziffern  rasch  auf  5  ^\^  (und  darüber)  bringt,  bemerklich  macht» 
um  dann  mit  der  Annexion  durch  Württemberg  anfangs  des  XIX.  Jahr- 
hunderts infolge  des  Wegfalls  der  besonderen  Strafmafsregeln  der 
hällischen  Obrigkeit,  denen  man  sich  früher  gern  durch  Flucht  über 
die  Grenzen  des  Gebietes  entzog,  erst  recht  zu  steigen  und  ihren  Höhe- 
punkt vor  der  Einführung  der  Zivilstandsgesetzgebimg  zu  erreichen. 

Diese  Veränderungen  der  unehelichen   Geburtenziffern   bilden   zu- 
gleich wieder  eine  Seite   desjenigen  Kapitels,  das  bei  der  Frage  nach 

i)  Soll,  nachdem  sie  im  vorigen  Jahr  wegen  Raummangels  zurückgestellt  werden 
mnfste,  nach  der  Zusage  des  Heransgebers  im  ersten  Halbband  des  laufenden  Jahrgangs- 
(Band  VI,  1900)  des  ),Allg.  Statistischen  Archivs  ^^  von  G.  v.  Mayr  erscheinen. 

2)  Die  unehelich  Geborenen  sind  häufig  abgesondert  von  den  ehelich  Ge- 
borenen gebucht;  die  Behörden  haben  gerade  auf  diesen  Punkt  ihr  ernstes  Augenmerk 
gerichtet.  Vgl.  Tille,  Tauf-,  Trau-  und  Sterberegister  am  Niederrheiu  in  „  Annalen  des 
historischen  Vereins  f.  d.  Niederrhein",  63.  Heft  (1896),  S.  190  und  192. 


—     167     — 

dem  Resultat  unserer  Untersuchungen  immer  das  Hauptkapitel  bleiben 
wird:  die  Ausbeute  der  Kirchenbücher  für  die  Statistik  der  Be- 
völkerungsbewegung im  engeren  Sinne.  Hier  handelt  es  sich  in 
erster  Linie  um  einen  genaueren  Einblick  in  die  Bevölkerungs- 
Verschiebung,  die  während  der  letzten  Jahrhunderte  eingetreten  ist, 
Zahlen,  die  wir  in  einigermafsen  zuverlässiger  Weise  überhaupt  aus  keiner 
andern  Quelle  als  aus  den  Kirchenbüchern  zu  gewinnen  vermögen.  Der 
ganze  wechselnde  politische  Umschwung  während  dieser  letzten  Jahrhun- 
derte der  Geschichte  läfet  sich  ja,  worauf  erst  neulich  wieder  Schmoller 
hingewiesen  hat,  durch  nichts  so  anschaulich  illustrieren  und  fixieren, 
da  es  sich  hier  auch  um  die  eigentlichen  Ursachen  dieses  Umschwunges 
handelt,  als  durch  die  wechselnden  BevölkerungszifTem  für  die  ver- 
schiedenen Hauptstaaten  der  europäischen  Menschheit  in  den  einzelnen 
Abschnitten  dieser  Periode.  Aber  wie  ungeheuer  viel  da  noch  zu  thun 
ist,  bedarf  fiir  die  Kreise  der  Geschichtskenner  keiner  näheren  Er- 
läuterung. Die  ganze  historische  Geographie  des  Mittelalters  hängt  ja 
in  der  Luft,  so  lange  wir  über  den  Status  der  Bevölkerungsziffern  am 
Ende  des  Mittelalters  in  den  einzelnen  Territorien  noch  so  wenig 
sichere  Angaben  besitzen,  als  dermalen  der  Fall  ist.  Nicht  als  ob  es 
an  Quellenmaterial  für  diese  Zahlen  gebräche,  dieses  ist  da  und 
üegt  in  umfassender  Weise  eben  in  unseren  Kirchenbüchern  vor. 
Aber  wie  wenig  hat  man  bis  heute  an  die  Verwertung  dieses  Materials 
gedacht !  Wie  instruktive  Ergebnisse  aber  hier  zu  gewinnen  sind,  mag 
wieder  ein  Blick  auf  das  Hällische  deutlich  machen.  Hier  liefs  sich 
durch  Vergleichung  der  Geburtenzahlen  von  den  Anfangsjahren  (15  59) 
mit  der  späteren  Zeit  die  durch  sonstige  Beobachtungen  vorher  nur  wahr- 
scheinliche Thalsache  feststellen,  dafs  unser  Hällisches,  das  für  die  Ver- 
hältnisse unseres  sonstigen  fränkischen  Württemberg  in  allem  Wesent- 
lichen typisch  ist,  in  den  letzten  350  Jahren  sich  weit  konstanter  ge- 
blieben ist  als  der  schwäbische  Hauptteil  unseres  Landes,  indem  gegen- 
über einem  Anwachsen  auf  das  etwa  Dreifache  der  Bevölkerungsziffer 
im  alten  Herzogtum  Württemberg,  in  unserem  fränkischen  Landesteil 
kaum  eine  Vermehrung  auf  das  Anderthalbfache  zu  konstatieren  ist, 
d.  h.  unser  Gebiet  hat  seinen  relativen  Schwerpunkt  im 
Verhältnis  zum  Ganzen  durchweg  in  der  Vergangenheit, 
im  Mittelalter,  nicht  in  der  neueren  Zeit.  Ein  kunsthisto- 
risch geübtes  Auge  bedarf  dafür  freilich  keines  besonderen  Nach- 
weises. Nur  gestattet  die  kunsthistorische  Betrachtung  hier  höchstens 
Vermutungen,  nichts  weiter.  Auf  Grund  der  Kirchenbücher  lassen  sich 
aber  nicht  blofs  für  das  XVI.   oder  doch  das  angehende  XVII.  Jahr- 


—     168     — 

hundert  gar  wohl  die  betreffenden  Zahlen  wenigstens  annäherungsweise 
mit  einiger  Sicherheit  gewinnen,  sondern,  ist  erst  einmal  das  Ergebnis 
für  diese  letzten  300  —  350  Jahre  einigermafsen  umfassender  fest- 
gestellt, so  sind  wir  auch  in  den  Stand  gesetzt,  von  da  aus  nach  rück- 
wärts wesentlich  sicherere  Schlüsse  zu  ziehen ,  so  dafs  sich  der  Rat, 
die  Geschichte  nach  rückwärts  zu  lehren  und  zu  lernen,  wenigstens 
auf  diesem  statistischen,  wie  überhaupt  auf  kulturgeschichtlichem  Ge- 
biet als  durchaus  berechtigt  erweist. 

Es  ergiebt  sich  nämlich,  sobald  man  die  Bevölkerungs-,  d.  h.  in 
erster  Linie  die  Geburtenbewegung  zumal  auf  dem  Lande  (das  m 
viel  höherem  Grade  als  die  von  dem  wirtschaftlichen  Faktor  be- 
herrschten Städte  ^)  dem  Einflufs  des  natürlichsten  Faktors ,  d.  h. 
des  Wetters,  untersteht)  näher  untersucht,  eine  merkwürdige  Regel- 
mäfsigkeit  in  der  Auf-  und  Abwärtsbewegung  der  Ge- 
burtenzunahme, in  der  Weise,  dafs  im  allgemeinen  jedes  Jahrhun- 
dert drei  ziemlich  genau  in  dieselben  Jahrzehnte  fallende  Hebungen 
und  ebensoviel  Senkungen  der  Geburtenziffern  aufweist.  Erstere  ent- 
fallen etwa  auf  das  Jahrzehnt  5  bis  15,  40  bis  50  und  75  bis  8$,  letztere 
in  etwas  weniger  deutlich  ausgeprägter  Weise  je  auf  etwa  zehn  Jahre  spä- 
ter, so  dafs  als  Jahre  relativ  auffälligster  Maxima  etwa  1875,  1841,  1804 
(1775?),  1745,  1711,  1679,  (1647?),  1608  und  endlich  1579,  als  Minimal- 
jahrc  umgekehrt  1894  (od.  1889?),  1855,  1818,  1795,  1758,  1727, 
1694,  1657,  1616  und  1587  sich  herausheben.  Die  Zahlen  des  XVI. 
Jahrhunderts  sind  natürlich  durch  ein  weniger  reiches  Meterial  gesichert 
als  die  späteren.  Für  den  Verlauf  des  XIX.  Jahrhunderts  sind  diese 
Schwankungen,  die  je  etwa  einer  Generation  entsprechen,  von  der  Stati- 
stik längst  erkannt  und  auf  bestimmte  historische  Ereignisse  —  bei  der 
letzten  Hebung  natürlich  auf  die  Kriege  von  1866  und  1870  —  zurück- 
geführt worden.  Aber  schon  für  die  auffällige  Hebung  in  den  vierziger 
Jahren  trifft  das  nicht  zu,  denn  das  Jahr  1848  hat  damit  nichts  zu  thun, 
oder  ist  höchstens  indirekt,  als  selbst  dadurch  beeinflufst,  in  Betracht  ^u 
ziehen.  Für  die  früheren  Jahrhunderte  ist  diese  Regelmäfsigkeit  aber  über- 
haupt sonst  noch  nirgends  beobachtet  worden,  weil  die  Statistik  ja  über- 
haupt noch  kaum  über  ein  Jahrhundert  alt  ist,  und  auch  wo  die  statisti- 
schen Untersuchungen  weiter  zurückreichen,  sich  meist  auf  die  Städte  be- 
schränken, wo  die  Bewegung  mehr  indirekt  und  also  in  abgeschwächtem 

i)  Eben  deshalb  ergiebt  auch  die  Untersuchung  jeder  beliebigen  gröfseren  Landpfarrei 
wohl  mehr  sichere  AUgetneinresultate  (weil  der  das  Land  beherrschende  natürliche  Faktor, 
das  Wetter,  weit  allgemeinere  gleiche  Resultate  ergiebt)  als  dies  bei  der  UntersttchuBg  der 
Städte  der  Fall  ist,  deren  jede  ihre  besonderen  wirtschaftlichen  Faktoren  besitet 


—     169     — 

Mause  —  jedenfalls  nicbt  so  auffallig  wie  auf  dem  Lande  —  wiederkehrt; 
vielleicht  auch,  weil  allerdings  gerade  in  der  zweiten  Hälfte  des  XVIII. 
Jahrhunderts  die  Erscheinung  weniger  ausgeprägt  sich  geltend  macht  und 
so  der  Beobachtung  leicht  entgeht,  wenn  man  nicht  zugleich  das  vorher- 
gehende und  das  nachfolgende  Jahrhundert  damit  zusammen  betrachtet. 
Sobald  man  das  thut,  wird  niemand,  der  mit  der  Sache  sich  beschäf- 
tigt und  vom  XVI.  bis  herab  zum  XIX.  Jahrhundert  überall  diese  Linien 
in  ziemlich  gleichem  Abstand  wiederkehren  sieht,  sich  dem  verblüffen- 
den Eindruck  dieser  Regelmäfsigkeit  entziehen  können  noch  leugnen 
wollen,  dals  hier  ein  Naturgesetz  von  der  allergröfsten  Bedeutung  vor- 
liegen muis.  Denn  welch  auiserordentliche  Tragweite  diese  Beobach- 
tung besitzt,  sobald  sie,  worüber  für  mich  auf  Grund  meiner  sonstigen, 
zur  Veigleichung  weiter  angestellten  Untersuchungen  kein  Zweifel  be- 
steht, auch  sonst  als  allgemein  zutreffend  nachgewiesen  ist,  und  zwar 
nicht  blois  für  das  Gebiet  der  historischen  Statistik  und  der  Geschichte 
sondern  auch  für  die  ganze  Soziologie,  Biologie  und  Naturwissen- 
schaft im  allgemeinen  —  das  wird  jeder  Verständige  ermessen,  zu- 
mal wenn  ich  daran  erinnere,  dais  diese  Perioden  der  Bevölkerungs- 
bewegung im  grofsen  und  ganzen  den  Brücknerschen  Klimaschwan- 
kungen aufs  prächtigste  entsprechen  ^)  und  ich  so  auch  wie  jener  mir 
im  letzen  Grunde  als  Erklärung  nichts  andres  als  siderische  Ursachen 
denken  kann.  Aber  um  so  mehr  wird  man  es  dem,  der  auf  be- 
schränktem Gebiet  auf  diese  Thatsachen  gestofsen  ist,  zugute  halten, 
wenn  er  sich  keine  einen  groisartigeren  Ertrag  in  Aussicht  stellende 
wissenschaftliche  Untersuchung  zu  denken  vermag  als  eine  solche  um- 
fassende Ausbeutung  der  Kirchenbücher,  die  freilich,  bei  dem  z.  T. 
ungenügenden  Zustande  der  Grundmaterialien,  planmäfsigund  nach 
einheitlichen  Grundsätzen,  auch  unter  einer  einheitlichen 
J^eitung,  in  die  Wege  geleitet  sein  müfste,  um  ihren  sicheren 
Dienst  zu  thun.  In  welcher  Weise  ich  mir  eine  solche  einheitliche 
Ausbeutung  veranstaltet  denke,  darüber  habe  ich  auf  der  General- 
versammlung der  Geschichtsvereine  in  Blankenburg  im  Jahre  1896  *) 
meine  Ansicht  näher  entwickeln  dürfen  und  darf  sie  vielleicht,  ge- 
nauer ausgedacht,   ein  andermal  hier  wiederholen.     Hier    möchte  ich, 


i)  Ich  darf  hier  gestehen,  dals  mir  dieses  klimatologische  Natargesets,  schon  ehe  ich 
den  Brftcknenchen  AnfsaU  kannte,  auf  Gmnd  der  eigenen  Beobachtung  wahrscheinlich 
geworden  war  and  dafs  diese  Beobachtung  jene  zeitraubenden  Untersuchungen  sum  Teil 
mit  Tcranlaist  hat 

2)  Vgl.  darüber  das  Referat  im  „Korrespondenzblatt  des  Gesamtvereins"  45.  Jahr- 
gang (1897),  S.  15. 

13 


—     170     — 

um  anzudeuten,  auf  welche  Reichhaltigkeit  der  Ergebnisse  zu  rechnen 
ist,  nur  noch  bemerken,  dafs  mit  jenem  Auf-  und  Abwärtsschwanken 
der  Geburtenzunahmen  überhaupt  auch  die  Ziffern  für  das  Verhältnis 
der  männlichen  zu  den  weiblichen  Geburten,  das  gleichfalls  interes- 
sante Schwankungen  zeigt,  in  einem  korrespondierenden  Verhältnis 
zu  stehen  scheinen,  so  dafs,  kurz  gesagt,  ein  verschiedener  Einflub 
der  nassen  und  trockenen  Perioden  herauszukommen  scheint,  wenn 
auch  daneben  wieder  besondere  Gesetze  für  dieses  Verhältnis  be- 
stehen, zumal  der  Einflufs  der  Inzucht  deutlich  bemerkbar  ist.  In 
gewissem  Sinne  erhalten  so  die  Beobachtungen  des  Professors  Schenk 
hier  eine  weitere  Bestätigfung,  doch  mit  ziemlichen  Modifikationen^ 
indem  in  der  Hauptsache  unsere  Ergebnisse  eine  allgemeinere  Er- 
klärung fordern  und  liefern.  Von  selbst  versteht  sich,  dafs  mit  diesem 
Wechsel  der  Geburtenziffern  auch  die  Schwankungen  der  Toten- 
register in  einem  kausalen  Nexus,  dem  Verhältnis  der  Wirkung  zur 
Ursache,  stehen,  da&  so  namentlich  die  höchst  interessanten  Linien 
der  Seuchenjahre,  wo  wir  wieder  höchst  auffallige  Wiederholungen  der- 
selben Zahl  innerhalb  eines  Jahrhunderts  treffen  (so  heben  sich  nament- 
lich die  Jahre  1634,  1734,  1834  höchst  merkwürdig  heraus),  ihre  na- 
türliche Erklärung  einerseits  als  Reaktionen  gegen  „Übervölkerung",  an- 
drerseits als  Folge  jenes  klimatologischen  Grundgesetzes  finden.  Na- 
türlich entfällt  daneben  auch  für  einzelne  sonstige  Probleme,  wie  die 
Frage  nach  der  Kindersterblichkeit  in  den  verschiedenen  Jahrhunderten, 
sodann  die  Vitalität  überhaupt,  die  Frage  nach  der  durchschnittlichen 
Lebensdauer  früher  und  jetzt,  nicht  am  wenigsten  eine  Menge  ein- 
zelner Kr^kheiten,  eine  Fülle  von  Material,  soweit  solche  Fragen 
nicht  geradezu  ihre  Lösung  auf  Grund  desselben  finden. 

Auf  Spezielleres  darf  ich  hier  nicht  mehr  eingehen,  sondern  ver- 
weise dafür  auf  den  Aufsatz  in  v.  Mayrs  Statistischem  Archiv. 
Vielleicht  aber  genügt  das  Gesagte  zusammen  mit  den  dort  gegebenen 
weitren  Ausführungen,  um  auch  andere  wissenschaftliche  Interessenten^ 
deren  Macht  und  Einflufs  weiter  reicht,  als  der  eines  simplen  Land- 
pfarrers, die  Bedeutung  derartiger  Untersuchungen  in  ihrem  vollen 
Gewicht  erkennen  zu  lassen  und  so  dasjenige  anzuregen,  um  was  es 
mir  auf  Grund  vieljähriger  und  mühevoller  Arbeiten  hier  zu  thun  ist: 
die  nachdrückliche  und  planmäfsige  Ausnutzung  dieser 
einzigartigen  Materialien,  der  Kirchenbücher,  zur  Be- 
reicherung unserer  vaterländischen  Wissenschaft  und  da- 
mit des  Vaterlandes. 


—     171 


Mitteilungen 


ArehlTe.    —   Bereits  auf  S.    86   haben  wir  auf  das   £rscheiiien  der 
Miiieüungen  der  Kgl  Preußischen  ArcfihwerwaUung  hiDgewiesen.    Nunmehr 
liegen  die   beiden  ersten   Hefte  (Leipzig,   Hirzel,    1900)   vor  und   eröffnen 
die  Publikationen,    welche  von    allen   Geschichtsforschern,    auch    von    den 
aufserpreuisischen ,    freudig  begrtifst  werden   müssen.     Im   ersten  Hefte   (40 
Seiten)  berichtet  der  Generaldirektor  der  Staatsarchive,  Reinhold  Koser, 
über  den  gegenwärtigen  Stand  der  ardiivaliechen  Forschung  in  Preufsen  imd 
ferzeichnet  zunächst  die  von  den  Staatsarchiven  und  der  Berliner  Akademie  der 
Wissenschaften  besorgten  Aktenpublikationen,  um  dann  eingehend  im  Sinne 
dieser  Zeitschrift  über  die  archivaliscfien  Publikationen  ivissenschafUieher  Ver^ 
emigungen  in  den  Provinzen  und  die  Erschlie/Hmg  der  nichtstaatliehen  Archive 
zu  berichten.    Die  hier  gegebenen  Zusammenstellungen  beweisen  recht  deutlich, 
wie  in  den  letzten  Jahrzehnten  die  landesgeschichtliche  Forschung  sich  aus- 
gedehnt und  wissenschaftlich  vertieft  hat,  sie  geben  aber  auch  —  und  das 
ist  vielleicht  das  wichtigste  —  für   Gegenden,   wo  bisher  weniger  geschehen 
ist,  ein  Vorbild  und  einen   Ansporn,  den  anderen  nicht  nachzustehen.   Dies 
gut  besonders  für   die   systematische   Sammlung  der  im  Lande  verstreuten 
Archivalien.      Auch   recht  wichtige   statistische  Angaben  über  die  Archivbe- 
natzung   durch    Behörden   und   Forscher,    die   ein   stetiges   Anwachsen   der 
Benutzungen  von    1880    bis    1899   beweisen   (1880:    1044,  1899:  2485), 
über    die    lliätigkeit    der    Staatsarchive    speziell   im  Jahre    1899   und  über 
den  Personalbestand  der  Archiwerwaltung  am  i.    März  1900  schliefsen  das 
Heft  ab.     Besonders  lehrreich  dabei  ist  die  Vermehrung  der  wissenschafüich 
vorgebildeten   Beamten    der    Staatsarchive,    die    1854   nur    21    betrug,  aber 
1875    auf  43,    1896   auf  59  und    1900  auf  71    gestiegen   ist.      Dement- 
sprechend ist  auch  der  Ausgabeetat   der   Archiwerwaltung    von  45,375  Mk. 
(1852)  auf  487,667    Mk.    (1900)  gestiegen.  —  Das  zweite  Heft  der  „Mit- 
teihmgen'' enthält  eine  Geschickte  des  Königlidien  Staatsarchivs  zu  Hannover 
aus   der  Feder   des  Osnabrticker  Staatsarchivars   Max   Bär.     Das   Studium 
der  Geschichte   einzelner  Archive,    die   Beantwortung   der   Fragen:    wie   ist 
das   Archiv   entstanden,   wie    und  von   welchen  Personen   wurde   es    früher 
verwaltet?  u.   a.  m.   ist  geeignet,   bei  manchem  Forscher  ein   tieferes   Ver- 
ständnis  für  den  gegenwärtigen  Zustand   eines   Archivs   zu  erwecken,    aber 
ihm  nicht  minder   einen  Einblick  in  die  innere  Verwaltung  früherer  Zeit  zu 
gewähren,     wie     dies     z.   B.     die    Ärchivgeschichte    des    Hauses    Leiningen 
von    Richard    Krebs    (Mitteilungen    des    historischen   Vereins   der  Pfalz 
xxii,    1898)   in  hervorragendem   Mafse   thut     Aber  darüber  hinaus  ist  die 
Geschichte  eines  Archivs  das  einzige  Mittel,  in  lesbarer  Form  dem  Forscher 
darüber  Autklärung  zu  verschaffen,  aus  welcher  Zeit  und  über  welche  Dinge 
er   im  Archiv  Nachrichten   suchen  darf.     Das  Erwachsen  des  Kurfürstlichen 
und  Königlichen  Archivs  in  Hannover  aus  dem  Calenbergischen  und  Cellischen 
Archive  und  die  Vermehrung  durch  eine  Menge  kleiner  gesonderter  Archive 
ist  gerade   unter   diesem   Gesichtspunkte  höchst  lehrreich,  denn  jetzt  ist  es 
jedem,  der  das  Hannoverische  Staatsarchiv  zu  benutzen  beabsichtigt,  möglich 
sich  vorher  zu  unterrichten,  ob  das,  was  er  sucht,  sich  in  Hannover  befinden 

13* 


—     172     — 

kann  und^  wenn  ja,  in  welcher  Abteilung.  Wenn  einmal  von  sämtlichen 
preufsischen  Staatsarchiven  Geschichten  auf  so  knappem  Räume  wie  für 
Hannover  (82  Seiten)  vorliegen,  dann  wird  zum  grofsen  Teil  ein  Ersatz  für 
Archivinventarien  vorhanden  sein,  deren  Möglichkeit  zwar  schon  oft  erwogen  >) 
aber  wegen  der  Riesenhaftigkeit  der  Aufgabe  nur  in  ganz  bescheidenen 
Grenzen  ins  Werk  gesetzt  worden  ist  Binnen  kurzem  steht  die  Veröffent- 
lichung eines  ersten  Bandes  der  Archivinventare  des  Grofsherzogiichen 
Generallandesarchivs  zu  Karlsruhe  zu  erwarten. 

In  welcher  Weise  bei  einem  gröfseren  Archive  eine  allmähliche  Ver- 
öffentlichung der  Inventare  möglich  ist,  das  zeigen  vielleicht  am  besten  die 
Mitieüungen  aus  dem  Stadtarchiv  von  Köln,  über  welche  hier  zur  allgemeinen 
Belehrung  folgende  Einzelheiten  aus  der  Feder  von  Dr.  O.  Oppermann 
(Köln)  folgen  mögen. 

Als  im  Jahre  1882  der  damalige  Kölner  Stadtarchivar  Konstantin 
Höhlbaum  die  Mitteilungen  aus  dem  Stadtarchiv  von  Köln  herauszugeben 
begann,  wies  er  in  dem  einleitenden  Aufsatz  des  i.  Heftes  vor  allem  auch 
auf  die  Gefahr  selbstgenügsamer  Spezialisierung  hin,  der  die  in  territorialen 
und  lokalen  2^itschriften  gepflegte  geschichtliche  Forschung  oft  verföllt 
„Werden  sie'S  heifst  es  dort  von  diesen  Organen  der  historischen  Vereine, 
„Sanmielplätze  von  Untersuchungen  und  Abhandlungen  zur  Geschichte  engster 
Heimatbezirke,  so  sehen  sie  nur  zu  leicht  von  dem  allgemein  Gültigen 
ab;  nur  zu  oft  werden  hier  die  gewordenen  Sonderarten  mit  einseitigem 
Nachdruck  betont  imd  Spezialitäten  der  Aufmerksamkeit  des  Lesers  empfohlen, 
wo  schärfere  Beobachtung  die  angeblich  imterscheidenden  Merkmale  auf 
gemeinsame  Grundformen  des  Lebens  zurückzuführen  vermag.'^  Zur  Über- 
windimg dieser  Mängel  hoffen  die  „Mitteilungen**  beizutragen,  indem  sie  an 
einem  Beispiele  zeigen,  wie  Inventarisienmgen  von  Archiven  für  die  Öffent- 
lichkeit durchgeführt  und  die  Schätze,  die  die  Vergangenheit  aufgespeichert 
hat,  der  Berührung  mit  dem  Leben  der  Gejjenwart  zurückgegeben  werden 
können.  Gelingt  es,  diesem  Grundsatz  der  Öffentlichkeit  auch  an  anderen 
Orten  Geltung  zu  verschaffen,  so  ist  schon  damit  der  Lokalforschung  mehr 
als  bisher  Gelegenheit  gegeben,  den  Blick  vom  Besonderen  zum  AUgemeinen 
zu  erheben.  Was  aber  von  einem  einzelnen  Punkte  aus  geschehen  kann, 
um  diese  Verknüpfung  der  örtlichen  Überlieferung  mit  den  grofsen  geschicht- 
lichen Bewegungen  zu  fördern,  das  zu  veranschaulichen  ist  das  Kölner 
Stadtarchiv  in  besonderem  Mafse  geeignet  wegen  der  reichen  und  weit  über 
die  lokalen  Verhältnisse  hinaus  bedeutsamen  Vergangenheit,  die  sich  in  seinem 
Inhalte  spiegelt  Ein  unerschöpflicher  Stoff  zur  Erkundung  aller  Beziehungen 
des  öffentlichen  Lebens  ist  in  diesem  Archiv  aufgeschichtet  worden;  es  ist 
„nach  seiner  Natur  mehr  ein  Eigentum  der  gemeindeutschen  geschichtlichen 
Forschung  als  derjenigen  Wifsbegierde,  welche  auf  den  Ort  selbst  sich 
beschränkt**  >) 

Der  Gedanke,  vollständige  Verzeichnisse  des   Besitzstandes  der  Archive 


^)  Unter  den  Thesen,  die  K.  Th.  v.  Heigel  gelegentlich  der  i.  Versammlung  deatscber 
Historiker  (München  1893)  über  Archivbenatsang  aafstellte,  findet  sich  als  Nr.  5:  „Gut 
gearbeitete  Repertorien  wichtiger  Archivgruppen  sollen  allmählich  in  systematischer  Reihen- 
folge gedruckt  und  veröflFentlicht  werden 'S 

*)  Höhlbaum  in  den  „Mitteilungen"  14.  Heft,  Vorbemerkung. 


—     173     — 

zu  eines  jeden  Einsicht  bekannt  zu  geben,  ist  nicht  neu.  In  Belgien  ist  er 
-schon  in  den  dreifsiger  Jahren  von  dem  Generalarchivdirektor  Gachard 
dorchgeftihrt  worden;  Frankreich  verdankt  die  Anregung  zu  ähnlichen  Mafs- 
regeln  vor  allem  dem  Ministeriimi  Guizot')-  Freilich  ist  in  Frankreich  die 
Ausführung  hinter  den  Projekten  vielfach  zurückgeblieben;  auch  würde  eine 
schematbche  Nachahmung  der  fremden  Einrichtungen  weder  der  Wissenschaft 
sehr  dienlich  noch  leicht  ausführbar  sein,  weil  wir  mit  den  Segnungen  der 
nivellierenden  zentralistischen  Verwaltung,  die  in  Frankreich  Verständnis  und 
Interesse  für  landschaftliche  Eigenart  erstickt  hat,  verschont  geblieben  sind. 
Aber  wie  fördernd  und  anregend  gleichwohl  die  „Mitteilungen**  bereits  bis 
com  Jahre  1 891,  als  HöUbaums  Amtsnachfolger  Joseph  Hansen  ihre  Leitung 
übernahm,  gewirkt  haben,  mag  man  aus  dem  kurzen  Rückblick  ersehen, 
mit  dem  dieser  das  20.  Heft  eingeleitet  hat. 

Bevor  wir  eine  Inhaltsübersicht  der  bisher  erschienenen  Hefte  geben, 
muis  vorausgeschickt  werden,  dafs  das  Archiv  von  Höhlbaum  in  ganz  un- 
geordnetem Zustand  übernommen  wurde.  Die  Veröffentlichung  des  Materials 
konnte  daher  nicht  nach  einem  bestimmten  Plane,  sondern  mufste  nach 
Mafsgabe  der  fortschreitenden  Otdnungsarbeiten  erfolgen.  Ganz  allmählich 
erst  erwuchs  aus  einem  vorläufigen  Schema,  wie  es  in  den  Vorbemerkimgen 
zum  3.  Heft  der  „Mitteilungen**  (S.  VII ff.)  aufgestellt  und  näher  erläutert 
wurde,  eine  feste,  bis  ins  Einzebe  durchgeführte  Einteilimg.  Eine  Übersicht 
Über  diese  letztere  hat  Hansen  in  der  Festschrift  zur  23.  Jahresversammlung 
des  Hansischen  Geschichtsvereins  (Köln  1894)  gegeben. 

Obwohl  abo  die  innere  Organisation  des  Archivs  erst  seit  Verhältnis- 
mäfsig  kurzer  Zeit  zu  einem  gewissen  Abschlufs  gelangt  ist,  dürften  die 
bisher  erschienenen  2  9  Hefte  der  „  Mitteilungen  **  erweisen,  dafs  es  gelungen 
ist,  bereits  einen  grofsen  Teil  des  Stoffes  zu  bewältigen,  ohne  die  Einheit 
des  Ganzen  aus  dem  Auge  zu  verlieren.  Den  Hauptinhalt  bilden  Regesten, 
die  in  ihrer  knappen  Form  darauf  verzichten,  das  vorhandene  Material 
erschöpfend  mitzuteilen,  sondern  nur  „ein  Wegweiser  sein  wollen  für  die 
Forschung,  indem  sie  derselben  neue  Arbeitsgebiete,  neue  Fimdgruben  zeigen.** 

In  dieser  Weise  sind  die  von  der  städtischen  Kanzlei  ausgegangenen 
Schreiben,  die  in  den  Kopieenbüchem  oder  Missiven  erhalten  sind,  bis  zum 
Jahre  1444  verzeichnet  (Heft  x,  61  fi.;  4,  51  fi.;  6,  75  ff.;  7,  82  ff.;  zo,  15  ff.; 
13,  48 ff.;  15,  5 5 ff.;  17,  iff. ;  22,  I  ff.),  bis  zu  demselben  Zeitpunkt  die 
Brief-Eingänge  (2a,  77 fi.;  26,  iff.;  27,  159 ff.;  28,  i  ff.)  Von^da  ab 
werden  Brief-Ausgänge  und  Eingänge  in  eine  einzige  chronologische  Über- 
sicht gebracht  werden;  mit  der  in  einem  der  nächsten  Hefte  zu  erwartenden 
Reihe  von  1445 — 50  wird  hier  derselbe  vorläufige  Abschlufstermin  erreicht 
werden,  zu  dem  das  Verzeichnis  der  Urkunden  bisher  geführt  worden 
ist.  Zunächst  nur  die  Pergamenturkunden  umfassend,  bietet  dasselbe  in 
seinem  ersten,  bis  zum  Jahre  1397  reichenden  Teile  (Heft  3,  iff.;  4,  iff.; 
5,  iff. ;  69  iff. ;  7,  iff. ;  9,  iff.  und  116  ff.)  eine  Ergänzung  zu  Ennens 
Qesckichie  der  Stadt  Köin;  der  zweite  Teil  (12,  iff.;  14,  iff. ;  16,  39 ff«; 
189  soff.;   19,  iff.)   gewinnt  vermöge   seines    bisher  fast  durchweg  imge- 


')  Vgl.  II.  Baamgarten.   Archive   and  Bibliotheken    in  Deutschland   und  FrAnkreich. 
Prea&.  Jahrbücher,  36.  Band  (1875)  S.  626  fr. 


—     174     — 

druckten  Materials  erhöhte  Bedeutung.  Diesem  Bestand  sind  die  ursprünglich 
in  andere  Abteilungen  verteilt  gewesenen  Papierurkunden  nachträglich  ein- 
gefügt worden  (23,  223  ff.;  27,  222  ff.)  Sie  waren  anun  Teil  bereits  auf- 
geführt in  einer  von  H.  Diemar  bearbeiteten  Regestensammlung  Köln  und 
das  Reich  (24,  9off.;  25,  2i3fE),  welche,  mit  dem  Beginn  der  Regierung 
Kaiser  Karls  IV.  (1346)  einsetzend,  in  möglichst  umfassender  Weise  die 
bedeutungsvollen  Beziehungen  der  Stadt  Köln  zum  Reiche  anschaulich  zu 
machen  sucht  Anfangs  vornehmlich  auf  dem  bereits  registrierten  Material 
der  Urkunden  und  Briefe  beruhend,  bietet  diese  Sammlung,  die  der  Auf- 
merksamkeit der  Forschung  besonders  empfohlen  zu  werden  verdient,  in 
ihrem  zweiten  Teile  (1452  — 1474)  durchgängig  selbständig  verarbeiteten 
Stoff!  —  Vom  Aktenbestand  der  städtischen  Verwaltung  sind  die  Ratsedikte 
von  1493  bis  18 19  durch  ein  im  neusten  Heft  (29,  159 ff.)  erschienenes 
Inhaltsverzeichnis  erschlossen;  Schreinskarten  und  mittelalterliche  Stadtrech- 
nungen, über  die  gleichfalls  zuerst  in  den  „Mitteilungen*'  (x,  3  5  ff.  und  23, 
187  ff.)  referiert  wurde,  sind  unterdessen  in  den  Publikationen  der  Gesell- 
schaft für  rheinische  Geschichtskunde  der  Allgemeinheit  zugänglich  geworden, 
die  Rechnungsbücher   von    135 1  bis  17 98  sind  Heft  2X,  i  ff.  verzeichnet 

Der  reiche  Besitz  des  Archivs  an  Akten  zur  Geschichte  der  Hansa 
umfafst  im  Wesentlichen  den  Bestand  des  Kölner  hansischen  Drittels,  sowie 
eine  Gruppe,  die  Heft  z,  17 ff.  der  ,', Mitteilungen "  bis  zum  Jahre  1400 
verzeichnet  ist,  das  Archiv  des  deutschen  Kaufmanns  aus  dem  Kontor  von 
Brügge,  das  1553  nach  Antwerpen  veriegt  wurde.  Seit  dem  Ende  des 
XVI.  Jahrhunderts  werden  diese  Akten  als  Depositum  der  gemeinen  Hansa- 
städte in  Köln  aufbewahrt;  obwohl  sie  ein  Stück  Hansischer  Geschichte 
repräsentieren,  das  nicht  unter  Kölns  direkter  Leitung  verlaufen  ist,  hat  sich 
ihre  Trennung  von  den  übrigen  Hansa- Sachen  nicht  als  durchführbar  er- 
wiesen ;  noch  unter  Höhlbaum  sind  sie  mit  dem  Archiv  des  kölnischen  Drittels, 
der  hansischen  Korrespondenz  Kölns  und  dem  im  Auftrag  der  Hanse- 
städte von  Köln  übernommenen  Nachlafs  des  Syndikus  der  Hansa  Dr. 
Heinrich  Sudermann  (-{*  1591)')  veremigt  worden. 

Von  zahlreichen  kleineren  Gruppen,  die  in  den  „Mitteilungen**  registriert 
sind,  mögen  nur  zwei  hervorgehoben  werden,  die  Kölner  Archivalien  aus 
A.  F  ahn  es  Nachlafs  (20,  87  ff.),  der  erfreulicherweise  kürzlich  vollständig 
in  den  Besitz  des  Stadtarchivs  übergegangen  ist,  und  die  Urkunden  und 
Akten  der  Cistercienser-Abtei  Lond  an  der  Warthe  (2 ,  71  ff.),  einer  Pflanzung 
des  Klosters  Altenberg  bei  Köbi  gleich  ihren  Schwesterklöstem  Lekno  (später 
Wongrowitz)  und  Obra.  Die  deutschen  Mönche,  die  sich  fast  vierhundot 
Jahre  lang  in  diesen  Klöstern  behaupteten,  unterhielten  in  ihrer  nationalen 
Bedrängnis  lebhafte  Beziehungen  zu  Köln,  mufsten  aber  1553  gleichwohl 
dem  polnischen  Ansturm  weichen. 

Die  Stammtafeln  des  Köhier  Patriziats  bis  zum  Jahre  1325,  die  Lau 
(24,  65 ff.;  25,  338 ff.;  26,  103 ff.)  mit  grofsem  Fleifse  zusammengestellt 
hat,  führen  uns  zu  einer  Reihe  von  kürzeren  Aufsätzen  hinüber,  in  denen 
Einzelheiten  aus  der  kölnischen  Geschichte,  immer  im  Hinblick  auf  den 
Zusammenhang  mit  dem  Verlauf  der  allgemeinen  Entwicklung  behandelt  sind* 


')  Vgl.  über  ihn  Keufseii  in  der  AUg.  deutschen  Biographie  37,  121  (f. 


—     176     — 

Von  ihoen  hat  namentlich  Frensdorffs  Untersuchung  über  das  Recht  der 
Oienstmannen  von  Köb  (2,  x  flf.)  verdiente  Beachtung  gefunden. 

Jedem  Hefte,  seit  1893  je  zwei  zu  einem  Bande  vereinigten  Heften, 
ist  ein  Namenr^ster  beigefügt,  das  eine  rasche  Übersicht  über  das  gebotene 
Material  ermöglicht.  £>ais  die  so  eingerichteten  MiUeüungen  aus  dem 
Stadtarchiv  van  Köln  ihren  Zweck  erfüllen  und  der  Forschung  wertvolle 
und  zuverlässige  Dienste  leisten,  wird  niemandem  entgehen,  der  in  den  his- 
torischen Arbeiten  der  letzten  Jahre  ihre  Spuren  verfolgt 

Nachdem  das  Staatsarchiv  zu  Hamburg  1899  in  neue  Rätmie 
übergeftihrt  worden  ist  (vgl.  darüber  Korrespondenzblatt  des  Gesamtvereins  der 
deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine  47.  Jahrgang,  1899,  ^*  7^)*  ^üid 
die  bereits  längere  Zeit  daselbst  thätigen  Herren  Dr.  Nirrnheim,  Dr.  Joachim 
und  Dr.  Becker  seit  Anfang  1900  zu  Archivassistenten  befördert  und  damit 
dauernd  angestellt  worden.  Eine  Hauptaufgabe  ist  die  Ausscheidung  wert- 
losen Materials,  die  noch  auf  längere  Zeit  die  Kräfte  der  Archivbeamten  in 
Anspruch  nehmen  dürfte. 

Das  Grofsherzogliche  Generallandesarchiv  zu  Karlsruhe 
veröffentlicht  seinen  Bericht  über  das  Jahr  1899.  Der  Personalbestand  des 
Archivs  hat  sich  dadurch  verändert,  dafs  der  bisherige  Hilfsarbeiter  Dr.  Karl 
Brunner  zum  Archivassessor  befordert  wurde,  während  Dr.  Albert  Eggers 
als  Volontär  eintrat  Die  Archivalien  haben  durch  Ankauf^  Abschriftnahme, 
Schenkung  und  Einlieferung  seitens  der  Behörden  einen  Zuwachs  von  59 
Nummern  erfahren,  die  Repertorisierungsarbeiten  wurden  lebhaft  fortgesetzt 
und  ein  erster  Band  Archivinventare  (s.  oben)  druckfertig  gestellt  Die  Be- 
nutzung durch  Einzelpersonen  und  Behörden  war  eine  sehr  lebhafte,  doch 
tiberwiegt  die  für  wissenschaftliche  Zwecke  bei  weitem;  denn  während  für 
geschäftliche  Zwecke  seitens  29  Behörden  und  16  Privatpersonen  nur  in 
105  Fällen  Archivalien  eingesehen  wurden,  fanden  zu  wissenschaftlichen 
Zwecken  durch  176  Personen  327  Benutzungen  statt. 

Nachdem  für  eine  gröfsere  Zahl  jetziger  und  ehemaliger  deutscher 
Universitäten  zur  Aufhellung  ihrer  Vergangenheit  Matrikeln  und  Urkunden 
veröffentlicht  und  Geschichten  bearbeitet  worden  sind,  z.  B.  für  Dillingen 
(Specht),  Erfurt  (Kampschulte,  Weifsenbom),  Frankfurt  a.  O.  (Friedländer, 
Reh),  Greifswald  (Friedländer),  Heidelberg  (Winkelmann,  Hautz,  Toepke, 
Thorbecke,  Fischer),  Köln  (v.  Bianco,  Keussen),  Kulm  (Heine),  Leipzig 
(Zamcke,  Erler),  Prag  (Tomek),  Rostock  (Hofmeister,  Krabbe),  Strafsburg 
(Knod),  Wien  (Kink,  Aschbach),  hat  neuerdings  auch  die  Universität  Frei- 
burg i.  B.  eine  Ordnung,  Verzeichnung  und  Neuaufstellung  ihres  Archivs 
beschlossen,  um  dadurch  eine  Publikation  aus  ihrem  Archiv  zu  ermöglichen 
bezw.  vorzubereiten. 

y6nlH6.  —  Die  Notwendigkeit,  dafür  zu  sorgen,  dafs  die  an  einem  Ort^ 
«oder  in  einer  Gegend  vorhandenen  Altertümer  nicht  zerstört  und  verschleppt 
werden,  hat  in  neuerer  Zeit  auch  in  kleineren  Städten  eine  erfreuliche  Bewegung 
lienroigenifiMt,  die  nach  der  Begründung  von  Ortsmuseen  hinstrebt  (vgl.  S.  87)* 


n 


—     176     — 

Städtische  Museen  sind  als  Ausflufs  dieser  Bestrebungen  neuerdings  in 
Münden,  wo  die  Staatsregierung  geeignete  Räume  im  alten  Schlosse  zur 
Verfügung  gestellt  hat,  und  in  Jena  entstanden,  wo  das  Museum  am  17. 
August  1899  —  fast  gleichzeitig  mit  dem  in  Eisenach  begdindeten  Mu- 
seum thüringischer  Altertümer  —  eröfihet  wurde.  In  anderen  Orten^ 
wo  seitens  der  Stadtverwaltungen  wohl  weniger  Interesse  gezeigt  wurde,  sind 
lokale  Vereine  entstanden,  die  sich  die  Begründung  und  Ausgestaltung  voi> 
Ortsmuseen  zur  Aufgabe  gestellt  haben.  Im  Anfang  des  Jahres  1898  ent- 
stand vornehmlich  zu  diesem  Zwecke  in  Prenzlau  der  „Uckermärkische 
Museums-  und  Geschichtsverein'^  im  Oktober  desselben  Jahres  wurde 
in  Alsfeld  (Oberhessen)  das  Museum  des  „Geschichts-  und  Altertums- 
vereins*' eröffnet,  und  im  Jahre  1899  ist  in  Delitzsch  ein  „Altertums- 
und Museumsverein'*,  in  Bad  Reichenhall  ein  „Historischer  Verein"- 
lind  in  Harburg  ein  „Museumsverein**  entstanden.  Der  letztere  zählt 
bereits  318  Mitglieder,  und  seine  Mittel  sind  durch  einen  namhaften  Jahres- 
beitrag der  Lüneburger  Ritterschaft  vermehrt  worden.  Auch  für  das  Fürsten- 
tum Lippe- Detmold  wird  die  Begründimg  eines  Vereins  und  zwar  in  Ge- 
stalt einer  „Historischen  Sektion  des  Naturwissenschaftlichen  Vereins'*  ge- 
plant. Aber  seit  Beginn  des  laufenden  Jahres  besitzt  die  lippische  Landes- 
geschichtsforschung bereits  ein  Organ,  indem  die  Lippische  Landes-Zeitung 
eine  monatlich  erscheinende  Beilage  mit  dem  Titel  Biütter  für  Uppufehn  Hei^ 
maikunde  erscheinen  läfst. 

Hachtrag  von  Hermann  Font  in  seinem  Aufiiatse  Dei^  Heichshtieg  ytgen^ 
die  Türken  im  Jahre  1664  (vgl.  S.  76  ff.).  Die  mir  erst  nachträglich  bekannt 
gewordene  Schrift  von  B.  Bauer,  Die  Braunschwei^j-Lüneburger  in  den 
Türkenkriegen  des  17.  Jahrhunderte  (Hannover,  A.  Weichelt  1885)  behandelt 
die  Schlacht  bei  St.  Gotthard  nur  kurz  und  im  engsten  Anschlüsse  an  die 
Darstellungen,  welche  v.  d.  Decken  und  v.  Sichart  gegeben  haben.  Bauer 
hebt  dabei  die  Thaten  der  hannoverschen  Reiterei  so  einseitig  hervor,  da£» 
der  Leser  von  dem  Gange  der  Schlacht  kein  richtiges  Bild  gewinnt 

Eine  wirkliche  Bereicherung  unserer  Kenntnis  von  dem  Kriege  ver- 
danken wir  dagegen  G.  Sello,  der  die  Schicksale  des  oldenburgischen  Kon- 
tingents in  einem  Feuilleton  geschildert  hat  (Die  Oldenburger  im  Türketikriege 
1664  in  Nr.  146  bis  150  der  „Nachrichten  für  Stadt  und  Land*%. 
Oldenburg  1896).  Die  Auszüge  aus  den  Berichten  des  oldenburgischen 
Rittmeisters,  welche  Sello  mitteilt,  verbreiten  neues  Licht  über  die  Leistungen 
der  Reichstruppen.  Eine  vollständige  Veröffentlichung  dieser 
Berichte  würde  daher  sehr  erwünscht  sein. 

Personallen.  —  In  Basel  starb,  59  Jahre  alt,  der  dortige  Professor 
der  Kirchengeschichte  Rudolf  Stähelin,  in  Posen,  82  Jahre  alt,  der  KgL 
Preufs.  Archivrat  Josef  v.  Lekszycki,  in  Budapest,.  60  Jahre  alt,  der 
Professor  der  Geschichte  Julius  Schwarz,  der  Verfasser  der  OesMchie 
der  Demokratie,  in  Bern  der  Professor  der  Kirchengeschichte  und  Ober- 
bibliothekar der  Stadtbibliothek  E.  Bloesch.  —  In  Tübingen  wurde  der 
bisherige  aufserordentliche  Professor  der  Kirchengeschichte  Alfred  Hegler 
zum  Ordinarius,   in  Wien   Alfons   Dopsch   an  Stelle  von  Max  Büdinger 


—     177     — 

zum  OrdiBarius  der  allgemeinen  österreichischen  Geschichte  ernannt  —  Der 
bisherige  Professor  der  Kunstgeschichte  an  der  deutschen  Universität  in  Prag,. 
Josef  Neuwirt h,  wurde  in  gleicher  Eigenschaft  an  die  technische  Hoch- 
schule in  Wien  versetzt  —  Der  Privatdozent  der  Geschichte  Ernst  Sackur 
in  Strafsburg  i.  £.  und  der  Privatdozent  der  Kunstgeschichte  Franz  Fried- 
rich Leitschuh  ebendort  wurden  zu  aufserordentlichen  Professoren  er- 
nannt —  Die  in  Berlin  neu  gegründete  aufserordentliche  Professur  für 
Ethnologie,  Völkerpsychologie  und  Kulturgeschichte  wurde  Karl  von  den 
Steinen  übertragen.  —  In  Bonn  habilitierte  sich  Hans  Lietzmann  für 
Kirchengeschichte,  in  Wien  wurden  Kurt  Käser  als  Privatdozent  für  die 
Geschichte  des  Mittelalters  und  der  neueren  Zeit  und  Hans  von  Volte- 
lini,  dessen  Südtiroler  Notariats  -  Imbreviaturen  des  XIIL  Jahrhunderte 
von  der  Wiener  Akademie  der  Wissenschaften  mit  einem  Preise  von 
2000  Mark  aus  der  Savigny-Stiftung  ausgezeichnet  worden  sind,  als  Pri* 
vatdozent  für  deutsches  Recht  und  österreichische  Reichsgeschichte  be- 
stätigt —  In  Wien  wurde  der  Archivar  im  Archiv  des  Ministeriums  des 
Innern  Richard  Schuster  zum  Archivdirektor  II.  Klasse  und  der  Archive 
koDzipist  an  demselben  Archiv  und  gleichzeitige  Privatdozent  der  Geschichte 
Heinrich  Kretschmayr  zum  Archivar  ernannt  Am  Kgl.  Preufs.  Staats- 
archiv in  Wiesbaden  wurde  Dr.  Schaus  zum  Archivassistenten  ernannt 
Der  Archivar  am  Staatsarchiv  zu  Coblenz  Hermann  Forst  hat  seinen 
Abschied  aus  dem  preufsischen  Archivdienst  erbeten  und  erhalten.  —  Der 
verdiente  Bibliothekar  des  Chorherrenstiftes  St  Florian  bei  Linz  Alb  in 
Czerny,  welcher  eine  Reihe  Arbeiten  über  die  Geschichte  St.  Florians. 
und  Oberösterreichs  veröffentlicht  hat,  feierte  am  19.  Februar  seinen  80. 
Geburtstag.  —  Am  24.  März  feierte  der  Professor  des  Kirchen-  und  Staats- 
rechts an  der  Universität  Bonn  Hermann  Hü  ff  er,  der  Vorsitzende  des 
,9 Historischen  Vereins  ftir  den  Niederrhein"  (seit  1881),  dessen  geschicht- 
liche Werke  namentlich  die  Zustände  am  Rhein  während  der  französischen 
Revolution  aufzuhellen  suchen,  seinen  70.  Geburtstag. 

Eingegangene  Bfieher. 

Dtinzelmann,  E. :  Die  Bremischen  Handelswege  und  die  Varusschlacht. 
[Festschrift  der  45.  Versammlung  deutscher  Philologen  und  Schuhnänner, 
dargeboten  von  den  öffentlichen  höheren  Lehranstalten  Bremens.  Bremen^ 
Gustav  Winter,   1899,  S.  213 — 233.] 

Elster,  O.:  Geschichte  der  stehenden  Truppen  im  Herzogtum  Braunschweig- 
Wolfenbüttel  von  1600—1714.  Leipzig,  M.  Heinsius  Nachfolger,  1899» 
392  S.  80.     e^>  7. 

Erdmann,  Georg:  Reformation  und  Gegenreformation  im  Fürstentum  Hildes- 
heim. Hannover,  Schaper,  X899.  34  S.  8^  »^  i.  [Veröffentlich- 
ungen zur  niedersächsischen  Geschichte,     r.  Heft.] 

Fricke,  W. :  Bielefelds  Sparrenburg  und  ihre  Geschichte.  Zweite  verm. 
Aufl.     Bielefeld,  Helmich,  1888.     168  S.  i6<».     Ji   1,25. 

Giannoni,  C.:  Zma  historischen  Atlas  der  österreichischen  Alpenländer 
[Sonderabdruck  aus  den  Blättern  des  Vereins  ftir  Landeskunde  von  Nieder- 
österreich 1899.] 


—     178     — 

'Glagau,  Hans:  Eine  Vorkämpferin  landesherrlicher  Macht  Anna  von 
Hessen,  die  Mutter  Philipps  des  Grofsmütigen  (1485 — 1525).  Maibutg, 
Elwert,   1899.     aoo  S.  8^     Jk  3,60. 

•Gnirs,  Anton:  Das  östliche  Germanien  und  seine  Verkehrswege  in  der 
Darstellung  des  Rolemäus,  ein  Beitrag  zur  alten  Geographie  von  Germanien. 
Prag  1898.  43  S.  8^  [Prager  Studien  aus  dem  Gebiete  der  Geschichts- 
wissenschaft, Heft  4.] 

Günther,  Friedrich:  Die  Bedeutung  der  Ortsnamen  für  die  Kulturgeschichte. 
Bielefeld,  Helmich  3 1  S.  8<^.  [Pädagogische  Abhandlungen.  Neue  Folge 
3.  Band,  Heft  2.] 

Hansen,  Reimer:  Der  dithmarsische  Chronist  Johann  Russe  und  seine 
Vorgänger.  [Sonderabdruck  aus  der  Zeitschrift  der  Gesellschaft  für  Schles- 
wig-Holstein-Lauenburgische  Geschichte  Bd.  XXDC.  (1899).] 

Heine,  Wilhelm:  Academia  Cuhnensis.  Ein  AbrÜs  ihrer  Geschichte.  [Sonder- 
abzug  aus  der  Zeitschrift  des  Westpreufs.  Geschichtsvereins,  Heft  41.] 

Henrichs,  L. :  Geschichtliche  Aufsätze.  Geldern,  Chr.  £d.  Müller,  1899. 
115  S.  160. 

Hilsmann,  Franz  Jos.:  Geschichte  der  Stadt  Belecke  a.  d.  Mohne.  [Ab- 
druck aus  der  Zeitschrift  für  Geschichte  und  Altertumskunde  West&lens, 
57.  Band.] 

Höfler,  M. :  Das  Jahr  im  oberbayerischen  Volksleben  mit  besonderer  Be- 
rücksichtigung der  Volksmedizin.  [Sonderabdruck  aus  den  „Beiträgen 
zur  Anthropologie  und  Urgeschichte  Bayerns"  (München,  Friedrich  Basser- 
mann,  1899)  Band  XIII,  Heft  i — 3.] 

Hund,  Andreas:  Colmar  vor  und  während  seiner  Entwickelung  zur  Reichs- 
stadt Strafsburger  Dissertation  1899.  Strafsburg,  Schlesier  und  Schweik- 
hardt     85  S.  8^.  «^   2,40. 

John,  Alois:  Geschichte  eines  Egerländer  Dorfes  (Oberlohna  bei  Franzeos- 
bad) [Abdruck  aus  „Unser  Egerland'^  Blätter  fUr  Egerländer  Volkskunde 
n,  1898.  Heft  6.] 

Kiener,  Fritz:  Verfassungsgeschichte  der  Provence  seit  der  Ostgotenherr- 
schaft  bis  zur  Errichtung  der  Konsulate  (510 — 1200).  I^ipzig,  Dyksche 
Buchhandlung,  1900.     292  S.  8^.     Jk   \o. 

Krebs,  Richard:  Archivgeschichte  des  Hauses  Leiningen.  [Sonderabdruck 
aus  Heft  22  der  MitteÜungen  des  historischen  Vereines  der  Pfalz.    1898.] 

Derselbe:  Die  Politik  des  Grafen  Emich  Vni.  zu  Leiningen  und  die  Zer- 
störung des  Klosters  Limburg  im  Jahre  1504.  [Sonderabdruck  aus 
Heft  23  der  Mitteilungen   des  historischen  Vereines  der  Pfalz.      1899.] 

Lamprecht,  Karl:  Die  kulturhistorische  Methode.  Berlin,  R.  Gaertner, 
1900.    46  S.  8®. 

Levec,  Wladimir:  Pettauer  Studien.  Untersuchungen  zur  älteren  Fhir- 
Verfassung.  2.  Abteilung.  [Sonderabdruck  aus  Band  XXGC  (der  neuen 
Folge  Band  XIX)  der  MitteÜungen  der  Anthropologischen  Gesellschaft  in 
Wien.     1899.] 

Linneborn,  J. :    Die  Reformation  der  westfälischen  Benediktineiklöster  im 


—     179     — 

XV.  Jahrhundert  durch  die  Bursfelder  Kongregation.  [Studien  und  Mit- 
teilungen aus  dem  Benediktiner  und  dem  Cistercienser-Orden ,  Jahrgang 
XX  (1899),  S.  266—314  und  531 — 570.] 

Loebl,  Alfred  H. :  Zur  Geschichte  des  Türkenkrieges  von  1593 — 1606 
I.  Vorgeschichte.  [Prager  Studien  aus  dem  Gebiete  der  Geschichts- 
Wissenschaft,  Heft  6,   1899.J 

Lorenz,  Hermann:  Alt-Quedlinburg.  Seine  Einrichtungen  und  Bürgersitten 
unter  Albertinischer  Schutzherrschaft  (1485 — 1698),  nach  den  Paurge- 
dingen  geschildert.  Halle,  Hendel,  1900.  70  S.  8^.  [Neujahrsblätter, 
herausgegeben  von  der  Historischen  Kommission  der  Provinz  Sachsen 
Nr.   24.] 

Neubauer,  Friedrich:  Lehrbuch  der  deutschen  Geschichte  für  höhere  Lehr- 
anstalten. 2.  Teil:  Lehrbuch  der  deutschen  Geschichte  für  die  mitüeren 
Klassen.    Halle,  Waisenhaus,   1900.     350  S.  8^     Ji  2,60. 

Nuglisch,  Adolf:  Das  Finanzwesen  des  deutschen  Reiches  unter  Kaiser 
Karl  rv.  Strafsburg,  Schlesier  und  Schweikhardt ,  1899.  ^^^  ^-  ^^* 
t^  2,40. 

Real,  J. :  Darstellungen  Wachtendonks  aus  der  Festungszeit.  [Veröffent- 
lichung des  Historischen  Vereins  für  Geldern  und  Umgegend  1899.] 

Redlich,  Paul:  Kardinal  Albrecht  von  Brandenburg  und  das  Neue  Stift  zu 
.  Halle   1520 — 1541.     Mainz,  Franz  Kirchheim,  1899. 

Richter,  Arwed:  Über  einige  seltenere  Reformationsflugschriften  aus  den 
Jahren  1523 — 1525.  [Beilage  zum  Bericht  über  das  Schuljahr  1898/99 
der  Realschule  auf  der  Uhlenhorst,  Hamburg.]     44  S.  8^ 

Rodlow,  Oskar  Wanka  Edler  von:  Der  Verkehr  über  den  Pafs  von  Pon- 
tebba-Pontafel  und  den  Predü  im  Altertum  und  Mittelalter.  49  S.  8®. 
[Prager  Studien  aus  dem  Gebiete  der  Geschichtswissenschaft,  Heft  3, 
1898.] 

Salomon,  Ludwig:  Geschichte  des  deutschen  Zeitungswesens  von  den 
ersten  Anfängen  bis  zur  Wiederaufrichtung  des  Deutschen  Reiches,  i.  Band 
(Das  16.,  17.  und  1 8.  Jahrhundert).  Oldenburg,  Schulze,  1900.  265  S.  8®. 
JL  3. 

Schell,  O.:  Etymologisches  Wörterbuch  der  Geographie  Rheinlands.  Biele- 
feld, Hehnich,  1891.     57  S.   i6^ 

Schrohe,  H. :  Die  politischen  Bestrebungen  Erzbischof  Siegfrieds  von  Köln, 
ein  Beitrag  zur  Geschichte  des  Reiches  unter  den  Königen  Rudolf  und 
Adolf.  [Sonderabdruck  aus  Heft  67  und  68  der  Annalen  des  histo- 
rischen Vereins  für  den  Niederrhein.] 

Schulte,  Aloys:  Deutschland  imd  das  Meer.  [Sonderabdruck  aus  der 
Beilage  zur  „Allgemeinen  Zeitung"  vom  29.  Januar  1900.  Nr.  23. 
München.] 

Derselbe:    Der   St-Gotthard   und    die   Habsburger.     [Sonderabdruck    aus 

der  „Kultur"  i.  Jahrgang  (1900)  3.  Heft] 
Schweizer,    Rudolf:    Studien   über   das   Handschriftenverhältnis   der   Vita 

S.  Severini   des  Abtes   Eugippius.     Mit   einer   Editionsprobe.     43  S.  8^ 


—     180     — 

[Prager   Studien   aus   dem   Gebiete    der    Geschichtswissenschaft   Heft    i,, 
1898.] 

Seibt,  Anton:  Studien  zu  den  Königsaaler  Geschichtsquellen.  53  S.  SK 
[Prager  Studien  a.  d.  G.  d.  Gw.  Heft  2,  1898.] 

Spiekerkötter,  C.  G.  H. :  Die  Ravensburg  und  ihre  ursprünglichen  Grafen. 
Bielefeld,  Hehnich,   1882.     87  S.  lö». 

Ulrich,  Hermann:  Das  Bataillon  Reufs  in  Schleswig-Holstein  1849  und  der 
Kampf  bei  Eckemförde.     Greiz,   1899.     130  S.   16^. 

Wäschke,  H. :  Das  Tagebuch  Heinrichs  von  Krosigk  1588  und  1589^ 
[Sonderabdruck  aus  den  Mitteilungen  des  Vereins  ftir  Anhaltische  Ge- 
schichte und  Altertumskunde   VIII,  S.   137  ff".] 

Derselbe:  Eine  Chronik  der  Stadt  Alsleben  a.  d.  Saale.  [Sonderabdruck 
aus  den  Mitteilungen  des  Vereins  fiir  Anhaltische  Geschichte  imd  Alter- 
tumskunde  VII,  S,  49  7  ff.] 

Derselbe:  Beiträge  zur  Geschichte  des  wendischen  Dialektes  in  Anhalt. 
[Sonderabdruck  aus  den  Mitteilungen  des  Vereins  ftir  Anhaltische  Ge- 
schichte und  Altertumskunde   VII,  S.  602  ff.] 

Walter,  Friedrich:  Geschichte  der  Frankenthaler  Porzellanfabrik.  Mann- 
heim, Verlag  des  Altertumsvereins,   1899.     16  S.  8^. 

Wen  dt,  Heinrich:  Die  Breslauer  Stadt-  und  Hospitallandgüter.  Erster  Teil: 
Amt  Ransern.  Breslau,  Morgenstern,  1899.  276  S.  8^  [Mitteilungen 
aus  dem  Stadtarchiv  und  der  Stadtbibliothek  zu  Breslau.     Viertes  Heft.] 


Htratisgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipiig.  —  Onick  und  Verlag  von  Friedrich  Andreht  Perthes  in  Godu. 


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in  Einzelschilderungen. 

Den  obigen  Geaamttitel  führt  cId  junges  Unternehmen  onseree  Verlags,  das,  aui^ 
gebaat  anf  ein  von  Prof.  Dr.  C.  G  Hahn  in  Königsberg  i.  Pr.  ausgearbeitetes  Programm, 
tMBstimmt  ist,  die  bisherigen  mannigfaltigen  und  eingehenden,  aber  an  vielen  Orten  ater- 
ttreaten  Ergebnisse  der  Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volks- 
kande  zu  sammeln,  zu  sichten  und  in  zweckmälsigor  Bearbeitung  zum  Gemeingut  aller 
gebildeten  und  an  dem  Entwickelungsgange  ihrer  engeren  und  weiteren  Heimat  teil- 
nduneoden  Leser  zu  machen. 

In  selbstfindig  abgeschlossenen,  einen  mäfsigen  Umfang  nicht  über- 
schreitenden, mit  guten  neuen  Abbildungen  und  Karten  reichlich  aus- 
gestatteten Bänden  sollen  die  einzelnen  I^ndschafteu  des  deutschen  Vaterlandes 
nach  ihrer  allgemeinen,  natürlichen,  wirtschaftlichen  und  politischen  Entwickelung  bis 
zur  Gegenwart  dargestellt  werden.  Es  soll  darin  also  jede  Seite  des  wirtschaft- 
lichen und  geistigen  Lebens  zu  ihrem  Bechte  kommen,  so  dafs  vor  dem  Leser 
•in  der  Wirklichkeit  entsprechendes,  anschauliches  Bild  sowohl  det 
engeren  Heimat,  als  auch  im  Verfolg  des  Unternehmens  des  deutsdien  Vaterlandes  über- 
haupt entstehen  wird. 

Neben  den  Einzelbeschreibungen  der  Landsehaften  einhergehen  sollen  Abrisse  der 
Gesdiichte  der  historisch  merkwürdigsten  und  für  die  Geschichte  des  Beichs 
oder  die  Entwickelung  einer  Landschaft  besonders  wichtigen  Btfldte. 

Bii  Ende  1889  sind  folgende  Bände  erschienen : 

X  Xja>ndL«c3a,a.ftBagaxxidLea^.  [7,2 


Von  Dr.  Albert  Zweck,  Oberlehrer  am  Kgl.  Luisengymnasium  in  Memel. 

400  Seiten  mit  66  Abbildungen,  8  KartenskiJEzen  und  einer  erolben  Karte  der  Knrisohen 
Nehrung.    1886.  —  Ungebunden  8  Mark,  schön  gebunden  9  Mark  60  Pj|g^. 

Der  Ostpreniton  abschlieAiende.  M  a  b  u  r  e  n  und  S  a  m  1  a  n  d  behandelnde  Band  desselben 
VerflMBers  wird  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1900  erscheinen. 


Der  Odenwald  3sr«<SÄ>*i5*f4toioto. 

Unter  Mitwirkung  zahlreicher  Landeskenner  herausgegeben  von  €^rg  Volk« 

4fi0  Seiten  mit  100  Abbildungen,  S  statlstlsohen  Kärtchen,  sowie  einer  geologischen  und 
einer  topographiBchen  Karte  (im  MaAstabe  1:250,000).    Üngeb.  10  Mark,  schön  geb.  12  Mark. 


«($(fti(»te  der  $mt  ßdumburg  an  der  Saale* 

Von  Oberlehrer  J)r.  Ernst  Borkowsky, 

196  Seiten  mit  14  Abbildungen  hervorragender  Knnst-  und  Ban-Denkm&ler.  5  Stadt-Ansichten 
und  einer  SiegeltsiieL    1887.  —  tJngebonden  4  Mark,  schön  gebunden  5  Mark. 

■"^.'UtäS^  K9nid$ber0  it  Preii$$eii. 

Von  Prof.  Dn  Biehard  irmstedt« 

aas  Seiten  mit  2  Stadtplänen,  2  Siegeltafeln  und  82  Abbildungen.  —  ungebunden  8  Mark, 

schön  gebunden  9  Mark  60  Pik* 


9*  üeber  die  weiteren  in  Bearbeitung  befindlichen  Bände  unseres  ünUr- 
nnteixlchtet  ein  von  den  Verlegern  au  erlangender  Prospekt.  "VI 

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9crd.  3iifti»  ».  n*  »mitv,  S.  eefntann,  tfl.  SRedcr.  «.  Kflafr,  IB. 
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IL  frW^telfiPittdtUcii.  isBbe.n.  ^Hegißerbb.  dilifkriiHnipr. 

in  0rt9inaI>Qalbfranjbanb  ^ehanhen „27^.^0 

III.  «fMUlte  ler  Unem  |cit.  1 3  Bbe.  u.  i  Hegißerbb.  dibf briftiiiuyr. 

in  (Driginal'Qdbfranjbanb  gebunben ,  222.75 

IV.  «eMtikieler9eielni|rii  8  Sbe.  u.  1  Hegißerbb.  dibfkriiiiiiffr. 

in  0riginal'£^albfran5banb  gebunben „  ^62.75 

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läutert  von  Otto  Franke.    Jk  4. 

£and  ni:  Urknndenbneh  von  (itadt  und  Kloster  Bttrgel.  I.  Teil:  1133  —  1464. 
Bearbeitet  von  Paul  Mitsachke.    Jk  12. 


fimUcbti  ilir  Riliiiu  im  Kituliiii  bis  aif  Wnuilir  in  finfsn. 

Von  Ca  P«  Tiele. 

Deutsche  autorisierte  Ausgabe  von  Q.  Oehrich. 

L  Band:  Einleitung.    Igy pten.    Babel -Assnr.    Vorderasien.    Blbliograpliisehe 
Anmerkungen.    Ji  8. 
in.  Band:  Erste  Hälfte:  Die  Beligion  bei  den  iranlsehen  VSlkem.    Jk  3.60. 

(FoitseUang  in  Vorberettmig.) 


Elnleltang  In  die  Rellgfonawlaaeiiseliaft. 

Gifford -Vorlesungen  gehalten  in  der  Universität  zu  Edinburgh  von 

C«  P«  Tielep 

Professor  der  Beligionfgeiehieht«  nud  Belii^loasphilooophle  an  der  UnlTersitilt  Leiden. 

Autorisierte  deutsehe  Übersetzung  von  Q.  Oehrich. 

X  Teil :  Morphologie.     Jk  4.      (FortseUimg  in  Vorbereitung.) 


AUgemelne  Gesehiehte  des  Altertums.    Von  H.  Welahofer. 

I.  Band:  Der  alte  Orient  bis  zum  Untergänge  des  assyrischen  Reiches.    Jk  2. 
II.  Band :  Geschichte  des  griechischen  Volkes  bis  zur  Zeit  Solons.    Jk  1. 60. 


Cteaelilelstalelurbflelser  von  Direktor  Professor  Dr.  P.  Wessel. 

Xebrbneh  der  Ctesehiehte  ftir  die  Ouarta  höherer  Lehranstalten.    Griechische  and 
romische  Geschichte  bis  zum  Tode  des  Aiifrustns.    Anhang:  Zeittafeln.    Jk — .80 

Lebrbneh  der  Gesehiehte  für  die  miMoren  Klaaaon  höherer  Lehranstalten. 
Deutsche  GASchirhte.     Anhang:  AuKg«)fahrte  Zeittafeln,    a.  Aufl.    Jk  1.80. 

Lehrbueh  der  Gesehiehte  ftir  die  Ober- Sekunda  höherer  Lehranstalten.    Das 
Altertum,    a.  Aufl.    Anhang:  AuRs^eftlhrte  Zeittafeln.    Jk  1.40. 

.Lehrbueh  der  Gesehiehte  f&r  iUe  PrEma  höherer  Lehranstalten. 

1.  Teil:  Das  Mittelalter.    Anhang:  Ausgeführte  Zeittafeln,    a.  Aufl.    Jk  2. 
II.  Teil:  Die  Neuzeit.     Anhang:  Ausgetührte  ZeitUfeln.    a.  Aufl.    Jk  2.40. 

GesehJehte  der  deutsehen  Diehtung  für  die  oberen  Klaaaen  höherer  Lehr- 
anstalten.   Bis  zur  Reformation.    Für  Ober-Sekunda,    kart  Jk  — .60. 

lUttelhoehdentseheB  Lesebueh  für  die  Ober- Sekunda  höherer  Lahianataltsn. 
kart.  Jk  1. 

Za  beziehen  dareh  alle  Bachhandlangen. 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


sur 


Förderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

I.  Band  Mai  zgoo  8.  Heft 

Arehivbenutzungsordnungen 

Von 
Pius  Wittmann  (München) 

Mit  Erfindung  der  Schrift  entstand  auch  sofort  die  Urkunde,  d.  h. 
die  kurzgefafste  Darstellung  vom  Abschlufs  eines  Rechtsgeschäftes 
zwischen  Privaten  und  juristischen  Personen,  als  Körperschaften,  Ge- 
meinden und  Staaten.  Um  diese  meist  auf  Bast,  Papyrus  oder  Per« 
^ment,  in  besonderen  Fällen  auf  Leder,  Stein  oder  Erz  geschriebenen 
Aufzeichnungen  nach  Möglichkeit  vor  den  schädigenden  Einflüssen  der 
Zeit,  wie  der  Ereignisse  zu  sichern,  pflegte  man  sie  verschlossen  im 
Inneren  des  Hauses  (sanctuarium),  Dokumente  von  gröiserer  Bedeutung 
aber  in  Staatsgebäuden  (z.  B.  in  Rom  auf  dem  Kapitol,  Palatin),  oder 
in  Göttertempeln  unterzubringen.  Alle  Völker  des  klassischen  Alter- 
tums besalsen  solche  Urkundensammlungen  {yQa/x/iaroifvldKia  ^  ta- 
bularia,  chartaria,  archiva)  und  übertrugen  öffentlichen  Beamten  {yqctii- 
fictroq^Xcnug  f  irtiaxAiaiy  archivistae)  deren  Obhut  und  Überwachung. 
Man  darf  wohl  annehmen ,  dais  auch  in  den  Kulturstaaten  Ostasiens, 
in  Indien,  China  und  Japan  die  Verhältnisse  sich  in  ähnlicher  Weise 
entwickelt  haben. 

Beim  ersten  Zusammentreffen  unserer  germanischen  Vorfahren  mit 
dem  römischen  Weltreich  waren  dieselben  noch  derbe  Naturmenschen 
nnd  entbehrten  jeder  höheren  Civilisation.  Durch  fortlaufenden  Verkehr 
tDxt  gebildeten  Nachbarn  und  Unterthanen  trat  jedoch  hierin  bald  ein 
Umschwung  ein.  Die  Kultur  der  Besiegten  überwältigte  den  Sieger 
nnd  die  Annahme  des  christlichen  Glaubens  ermöglichte  die  rasche 
Verschmelzung  der  disparaten  Elemente  zu  einem  Geftige. 

Zahlreiche  neue,  bisweilen  sehr  verwickelte  Rechtsverhältnisse,  in 

welche    sich    die    christianisierten,    teilweise    romanisierten    deutschen 

Stämme  hineinzufinden   hatten,   erheischten   natürlich   dauernde   Fest- 

Irrung  durch  das  geschriebene  Wort;  der  Klerus  aber,  welcher  nach 

dem  totalen  Zusammenbruch   der  weltlichen  Gewalten   während   eines 

14 


—     182     — 

halben  Jahrtausends  fast  alleiniger  Träger  und  Erhalter  antiker  Kultur- 
elemente blieb,  gewann  —  insbesondere  in  Westeuropa  —  auf  Ent- 
Wickelung  des  Archivwesens  den  gröfsten,  man  darf  wohl  sagen,  zu- 
gleich segensreichsten  Einflufs.  Vor  allem  wachten  Stifte  und  Klösteh 
mit  ängstlicher  Sorgfalt  darüber,  dafs  ihr  Besitz  und  ihre  Gerechtsame 
durch  beweiskräftige  Dokumente  vor  Beeinträchtigung  geschützt  waren 
und,  da  ihre  Insassen  bei  hoch  und  nieder  sich  des  gröfsten  Ansehens 
erfreuten,  kann  es  nicht  Wunder  nehmen,  wenn  ihr  gutes  Beispiel 
auch  anderweitig,  namentlich  bei  mächtigen  Fürsten  wie  blühenden 
Städten  vielfach  Nachahmung  fand. 

Das  allmähliche  Anwachsen  der  landesfürstlichen  Gewalt,  die  Bil- 
dung grofser,  homogener  Staaten,  Humanismus  und  Reformation,  — 
air  diese  Momente  vereint  drängten  die  Geistlichkeit  teils  langsam,, 
aber  stetig,  teils  auch  in  stürmischem  Anprall  von  ihrer  lange  be- 
haupteten Ausnahmsstellung  zurück.  Mehr  und  mehr  wurde  die  Laien- 
welt Trägerin  der  fortschreitenden  Entwickelung.  Gleichzeitig  erwachte 
auch  das  Interesse  an  der  nationalen  Vergangenheit  und  erzeugte  die 
ersten,  freilich  noch  ebenso  schüchternen  als  unbeholfenen  Versuche 
von  „  Geschichtschreibung  ". 

Die  nach  Form  und  Inhalt  mangelhaften,  vielfach  geradezu  irre- 
leitenden Annalen  und  Chroniken  des  Mittelalters  vermochten  bald 
den  gesteigerten  Ansprüchen  nicht  mehr  zu  genügen.  Man  erkannte 
die  Notwendigkeit,  den  Thatsachen  an  der  Hand  unbedingt  glaub- 
würdiger Quellen  nachzuspüren,  sie  auf  Grund  vollkommen  gesicherter 
Resultate  darzustellen.  Es  ergab  sich  hieraus  ganz  von  selbst,  dafs 
man  den  „Urkunden",  denen  sich  seit  Rezeption  des  römischen  Rechts 
auch  „Akten"  (d.  h.  den  Abschlufs  eines  Rechtsgeschäfts  vorbe- 
reitende Schriftstücke),  Litteralien  (Aufzeichnungen  über  Besitz,  Rechte 
und  Pflichten  u.  s.  w.)  und  Korrespondenzen  in  steigendem  Umfang 
beigesellten,  immer  gröfeere  Aufmeiksamkeit  zu  widmen  begann.  Doch 
traten  noch  geraume  Zeit  der  zielbewufsten  Forschung  schwer  über- 
windbare Hindemisse  entgegen.  Die  Zahl  der  Archive  war  Legion, 
die  Benutzungsmöglichkeit  nicht  nur  durch  räumliche  Entfernung  und 
hierdurch  verursachte  Unzugänglichkeit  behindert,  sondern  auch  durch 
Ängstlichkeit  oder  Bosheit  der  Eigentümer  vielfach  unmöglich  gemacht. 

Die  Stürme  der  Revolution,  Säkularisation  und  Mediatisation  haben 
einen  bedeutenden  Teil  jener  Hindernisse  beseitigt,  indem  sie  mit 
brutaler  Gewalt  den  bisherigen  Besitzern  ihre  Urkundenschätze  ent- 
rissen und  letztere  in  mehr  oder  minder  umfassenden  Staatsarchiven 
anhäuften.     Millionen    von   Urkunden,    Hunderttausende    von    Akten- 


—     183     — 

Produkten  sind  auf  diesem  Wege  örtlich  vereinigt  und  Dank  den 
modernen  Verkehrseinrichtungen  ohne  allzu  viel  Aufwand  von  Zeit  und 
Geld  zu  erreichen. 

Doch  es  ist  keineswegs  die  historische  Wissenschaft 
allein,  welcher  die  Archive  dienen  müssen,  sie  sollen 
nicht  minder  Arsenale  für  rechtsuchende  Parteien  bil- 
den, den  Justiz-  und  Verwaltungsbehörden  die  histo- 
rische Basis  ihrer  Urteile  und  Verordnungen  bieten. 

Die  häufig  ausgesprochene  Ansicht,  dafs  alle  Landesarchive  ohne 
Ausnahme  öffentliche  Staatsanstalten  seien  und  zu  allgemeinem  Gebrauche 
bestimmtes  Staatsgut  enthielten  —  wie  sie  insbesondere  auf  Historiker- 
tagen laut  wurde  —  erscheint  freilich  sofort  als  unhaltbar,  wenn  man 
Ursprung  und  Bestimmung  der  einzelnen  Archive  objektiv  betrachtet. 
Der  Staatsregierung  als  berufener  Hüterin  der  Rechte  des  Staates 
darf  nimmermehr  die  Befugnis  bestritten  werden,  die  Benutzung  der 
Landesarchive  durch  Verordnungen  zu  regeln  und,  wo  es  im  Interesse 
der  Gesamtheit  etwa  nötig  scheint,  sie  zu  beschränken.  Von  dieser 
Befugnis  machten  nun  die  verschiedenen  Verwaltungen  freilich  sehr 
verschiedenen  Gebrauch,  und  es  steht  fest,  daCs  Unverstand  wie  Bureau- 
kratismus  bisweilen  allzu  enge  Schranken  gezogen  hat. 

Elrfreulicherweise  können  wir  in  dieser  Beziehung  von  unserem 
engeren  Vaterlande  Bayern  sagen,  dafs  es  augenblicklich  an 
der  Spitze  der  Zivilisation  marschiert.  Seine  neue  Archiv- 
benutzungsordnung vom  28.  Februar  1899,  publiziert  mit 
Gesetz-  und  Verordnungsblatt  Nr.  9  vom  2.  März  gl.  Js. ,  ist  nicht 
nur  die  freisinnigste  unter  allen  deutschen  Bundesstaaten, 
sondern  wird  überhaupt  nur  von  wenigen  europäischen  Ländern  er- 
reicht, von  keinem  übertroflFen. 

Durch  diese  neue  Archivbenutzungsordnung  wird  den  Interessen 
wissenschaftlicher  Forscher  wie  der  Rechtsuchenden  weitestgehende 
Förderung  zu  teil.  Alle  bisher  in  Geltung  gewesenen  Kautelen  und 
Chikanen  sind  mit  einem  Schlage  beseitigt  ($  24).  Die  Einsicht  von 
Archivalien  vor  dem  Jahre  1801  hat  nur  dann  zu  unterbleiben  ($  13), 
„wenn  mit  Grund  zu  besorgen,  dafs  die  Veröffentlichung  des  Ergeb- 
nisses das  Staatswohl  oder  den  religiösen  Frieden  gefährden,  oder  die 
gute  Sitte  verletzen  würde**,  Voraussetzungen,  die  bei  ,, vertrauens- 
würdigen** Personen  kaum  jemals  gegeben  sein  dürften.  Man  kann 
somit  sagen,  dafs  für  ruhig  denkende,  ehrenhafte  Staatsbürger  der 
Zugang  zu  den  Archiven  hinfort  frei  ist,  da  die  durch  $  4  und  6  vor^ 
gesehene  Eingabe  an  den  „Amts vorstand**  lediglich  als  eine  im  Inter- 

14* 


1 


—     184     — 

esse  der  Ordnung  nötige  Formalität  erscheint,  auch  für  die  Zeit  nach 
iScxD  der  Umstand  keinen  Grund  zu  ablehnendem  Bescheide  bildet, 
„dafe  aus  der  Einsichtnahme  von  Akten  Rechtsansprüche  gegen  den 
königl.  Fiskus  oder  prozessuale  Nachteile  fiir  denselben  erwachsen 
können"  (S  14),  ja  sogar  Deposita  vorgelegt  werden  dürfen,  „wenn 
nicht  vertragsmäßige  Bestimmungen  entgegenstehen  oder  eine  Schä- 
digung des  Deponenten  zu  befürchten  ist"  (S  17).  Fügen  wir  hinzu, 
dafe  den  Archiven  zur  Pflicht  gemacht  wird,  „bei  Ermittelung  zweck- 
dienlichen Materials  thunlichst  an  die  Hand  zu  gehen"  (S  7),  „Ver- 
sendung von  Archivalien  an  Behörden  oder  wissenschaftUche  An- 
stalten", desgleichen  „ Repertorienvorlage  gestattet"  ist  (S  18  und  19) 
und  „bei  ablehnenden  Bescheiden  Beschwerden  möglich"  sind  (S  20), 
so  wird  man  gestehen  müssen,  dafs  die  bayerische  Staatsregierung 
mit  ihrer  neuen  Archivbenutzungsordnung  eine  wahrhaft  liberale  That 
vollbracht  und  anderen  Ländern  ein  nachahmungswürdiges  Beispiel 
gegeben  hat  *). 

Behufs  Vergleich  tmd  zum  Beweise  des  eben  Gesagten  zugleich 
als  Leitfaden  für  Interessenten  gestatten  wir  uns  in  Folgendem  die 
Bestimmungen  der  übrigen  deutschen  Bundesstaaten  wie  der  sonstigen 
Reiche  Europas  in  Kürze  vorzuführen. 

Was  Preufsen  anlangt,  so  mufs  dort  Genehmigung  zur  Archiv- 
benutzung in  manchen  Fällen  vom  Präsidenten  des  Staatsministeriums 
erbeten  werden.  Die  Vorstände  der  Provinzialarchive  können  nur  vor 
dem  Jahre  1700  datierende  Stücke  ohne  weiteres  vorlegen,  im  übrigen 
entscheidet  der  Direktor  der  Staatsarchive  oder  der  Oberpräsident  der 
Provinz.  Archivalien  nach  1800  sind  von  Benutzung  ausgeschlossen, 
sofern  nicht  das  Staatsoberhaupt  von  Fall  zu  Fall  letztere  gestatten 
will.  Über  alle  Gesuche  von  „Ausländern"  (d.  h.  „ Nicht- Reichs- 
angehörigen")  entscheidet  der  Präsident  des  Staatsministeriums.  In 
Bezug  auf  Repertorienvorlage  decken  sich  die  preufsischen  und  baye- 
rischen Normen,  bezüglich  Versendung  gehen  erstere  sogar  weiter 
—  wir  sind  der  Ansicht  „zu  weit"  — ,  indem  sie  „Ausleihe  an  Pri- 
vate" gestatten.  Dagegen  ist  Benutzung  von  Akten  zu  prozessualen 
Zwecken  nur  auf  ein  Editionsansinnen  des   zuständigen  Gerichts  mög- 


^}  Die  Bestimmnngen  fiir  Archivbenntzung  amK.  Geheimen  Staatsarchiv  haben 
in  Bayern  ebenfalls  eine  Änderung  zum  Guten  erfahren.  Der  Vorstand  kann  aus  eigenem 
Ermessen  aUe  Archivalieti  vor  dem  Jahre  1800  zur  Benutzung  vorlegen.  Kommen  Stücke 
aus  späterer  Zeit  in  Frage,  so  mufs  Genehmigung  des  Ministeriums  erholt  werden.  Zur 
Benutzung  des  Geheimen  Hausarchivs  ist  Erlaubnis  der  Krone  (z.  Zt.  des  Reichs* 
Verwesers)  erforderlich. 


r' 


—    185    — 

lieh,  und  Benutzung  der  Archive  bleibt  ausgeschlossen,  sobald  eine 
Schädigung  der  Rechte,  Ansprüche  und  Interessen  des  Königs,  de» 
königl.  Hauses  odei  des  Staates  zu  besorgen  steht. 

Weit  rückständiger  erscheinen  die  Vorschriften  des  königL  preufs. 
Haosarchives.  Hier  gilt  die  Regel  (S  7),  dafs  „Abschriften  und  Aus- 
züge vor  erteilter  Ministerialgenehmigung  weder  aus  dem  Archive  mit- 
genommen, noch  wissenschaftlich  verwertet  werden"  dürfen;  Reper- 
torieneinsicht  ist  ausgeschlossen. 

In  Sachsen  bilden  die  „Interessen  des  Fiskus**  nicht  minder 
einen  Hinderungsgrund  bei  Archivbenutzung.  Auch  ist  die  Direktion 
des  Hauptstaatsarchivs  vom  Ministerium  weit  abhängiger  als  in  Bayern. 
Auf  blofse  Anfragen  nach  Vorhandensein  von  Archivalien  über  einen 
bestimmten  Gegenstand  „sind  keine  eingehenden  Nachforschungen  zu 
pflegen",  sondern  nur  ,, kurze  Auskünfte  in  bejahendem  oder  ver- 
neinendem Sinne"  zu  geben.  Wie  in  Preufsen  kann  auch  hier  „Vor- 
lage der  Auszüge"  verlangt  werden.  Bezüglich  der  Versendung 
herrscht  weniger  Liberalität  als  in  Bayern. 

Die  Archivbenutzungsordnung  Württembergs  krankt  an  Unbe- 
stimmtheit, ja  sogar  an  scheinbaren  Widersprüchen.  Feste  Grenzen, 
inwiefern  der  Direktor  allein  oder  mit  Zuziehung  seiner  Beamten  oder 
nach  Elrholung  ministerieller  Genehmigung  zu  entscheiden  hat,  giebt 
CS  nicht.  Die  einzelnen  Vorschriften  räumen  dem  subjektiven  Er- 
messen der  Direktion,  welche  sich  hinter  Kautelen  und  Klauseln  aller 
Art  zu  decken  vermag,  unseres  Erachtens  viel  zu  weiten  Spielraum 
ein.  Bezüglich  Aktenversendung  beobachtet  man  mit  Bayern  gleich- 
heitliches Verfahren.  Die  Einsicht  von  Repertorien  kann  „in  beson- 
deren Fällen"  gestattet  werden,  doch  sind  diese  Fälle  ziemlich  vereinzelt. 

Die  in  Baden  gegenwärtig  geltende  Archivbenutzungsordnung  ist 
eist  am  20.  November  1899  erlassen,  und  ein  Auszug  daraus,  der 
alles  für  die  Benutzer  wichtige  enthält,  liegt  im  Druck  vor.  Danach 
sind  die  Gesuche  um  Benutzungserlaubnis  schriftlich  an  die  Direktion 
des  Generallandesarchivs  zu  richten.  Eine  Bestimmung  darüber,  bis 
zu  welchem  Jahre  alles  vorgelegt  werden  darf,  existiert  nicht.  „Reper- 
toiren  dürfen  den  Benutzern  nur  mit  ausdrücklicher  Genehmigung  des 
Archivdirektors  oder  seines  Stellvertreters  vorgelegt  werden"  (S  13). 
Zur  Entnahme  vollständiger  und  wörtlicher  Abschriften  seitens  der  zur 
Benutzimg  des  Archivs  zugelassenen  Personen  ist  noch  eine  besondere 
Genehmigung  der  Archivdirektion  erforderlich;  die  Überweistmg  eines 
Exemplars  jeder  aus  den  vorgelegten  Archivalien  bearbeiteten  Drucke 
Schrift  wird  erwartet. 


—     186     — 

In  Hessen-Darsxistadt  sind  Private,  welche  das  grofsherzogliche 
Haus-  und  Staatsarchiv  benutzen  wollen,  gehalten,  mit  schriftlichem 
Gesuche  beim  Ministerium  einzukommen.  Im  allg'emeinen  liberal 
verlangen  die  Bestimmungen  hier  gleichwohl  Einholung  höchster  Ge- 
nehmigung für  Fertigung  von  Urkundenabschriften  und  Auszügen,  ja 
sie  stipulieren  sogar,  dafs  unter  Umständen  diese  oder  die  benutzten 
Archivalien  selbst  nachträglicher  Prüfung  durch  das  Ministerium  zu 
unterstellen  sind.  Auch  zur  Repertorieneinsicht  bedarf  man  höherer 
Genehmigung. 

Im  grofsherzoglich  Mecldenburgschen  Geheimen  und  Haupt- 
Archiv  zu  Schwerin  ist  die  Benutzung  durch  Private,  wissenschaft- 
liche Institute,  ja  sogar  durch  Behörden  —  Ministerien,  Kabinett  und 
Oberkirchenrat  ausgenommen  —  an  direkt  oder  durch  Eingabe  der 
,, Amtsleitung"  zu  erholende  Erlaubnis  des  Ministeriums  des  Innern 
gebunden.  Für  einzelne,  bestimmte  Fälle,  namentlich  Gesuche  von 
Ausschufsmitgliedcrn  des  ,, Vereins  für  Mecklenburgische  Geschichte" 
wie  bei  wissenschaftlichen  Arbeiten  und  Veröffentlichungen  der  Archiv- 
beamten entscheidet  das  Archiv  aus  eigener  Kompetenz.  Es  ist  je- 
doch Ministerialgenehmigung  nötig,  wenn  es  sich  um  Verhältnisse  des 
grofsherzoglichen  Hauses,  um  Beziehungen  zum  Deutschen  Reiche  oder 
zu  anderen  Staaten  (seit  1800)  handelt,  oder,  „falls  den  Archivbeamten 
die  Entscheidung  bedenklich  erscheint".  Zeit  und  Müheaufwand  kann 
nach  bestimmten  Sätzen  in  Preisanschlag  kommen  und  zwar  lautet  die 
Forderung  pro  Stunde  2  Mark.  Bei  Benutzung  von  gröfserer  Aus- 
dehnung und  längerer  Dauer  setzt  das  Ministerium  nach  Vorschlag 
des  Archivs  eine  Pauschalsumme  fest. 

Für  das  grofsherzoglich  Mecklenburgsche  Hauptarchiv  in  Neu- 
strelitz  existieren  keine  festen  Bestimmungen.  Ausländer  bedürfen  der 
Ministerialgenehmigung.  Im  übrigen  behandelt  man  die  Benutzer  in 
ziemlich  loyaler  Weise. 

In  Weimar  gelten  ähnliche  Gesichtspunkte  wie  in  Bayern.  Doch 
findet  sich  hier  die  Regel,  dafs  alle  Abschriften  und  Auszüge  dem 
Archivdirektor  vorzulegen  sind  und  nur  mit  dessen  Genehmigung  ver- 
wertet werden  können.  Wo  staatliche  Interessen  berührt  erscheinen, 
ist  Bewilligung  der  Aktenvorlage  von  Genehmigung  des  Ministeriums 
abhängig  gemacht. 

Eine  eigenartige  Sitte  hat  sich  am  grofeherzoglichen  Haus-  und 
Centralarchiv  zu  Oldenburg  erhalten.  Hier  giebt  es  noch  Bestim- 
mungen ,  zu  deren  Einhaltung  die  Benutzer  durch  „Handschlag"  zu 
verpflichten   sind,   so   insbesondere  $  19,   wodurch  Vorlage  der  Ab- 


—     187     — 

Schriften  u.  s.  w.  und  Schweigen  über  allenfalls  für  Bekanntgabe  un- 
geeignete Stücke  gefordert  wird.  Doch  dürfen  im  ganzen  genommen 
-die  geltenden  Normen  als  leidlich  liberal  bezeichnet  werden  und  decken 
sich  der  Hauptsache  nach  mit  den  früher  in  Bayern  mafsgebenden 
Bestimmungen. 

In  hohem  Grade  beschränkend  und  nicht  mehr  zeitgemäfs  erweist 
sich  aber  S  5 ,  der  die  Erlaubnis  zur  Benutzung  von  Akten  noch 
blühender  Familien  nur  Angehörigen  oder  Mandataren  der  betreffenden 
Geschlechter  erteilt.  Repertorieneinsicht  erfolgt  „ausnahmsweise"  ($  6); 
auch  kann  Vorlage  der  Excerpte  gefordert  werden.  Laut  S  28  wird 
^, auf  Anfragen  auswärtiger  Benutzer"  über  bestimmte  historische  Fragen 
oder  über  das  Vorhandensein  von  Archivalien  in  betreff  eines  be- 
stimmten, näher  bezeichneten  Gegenstandes  schriftliche  Auskunft  er- 
teilt, „sofern  es  ohne  Durcharbeitung  gröfseren  Materials",  d.  h.  ohne 
eigentliche  Recherche  möglich  ist ,  eine  Praxis ,  welche ,  wenngleich 
nicht  gesetzlich  fixiert,  doch  auch  an  anderen  Archiven  geübt  zu 
werden  pflegt,  während  in  Bayern  nach  gegenteiliger  Richtung  sogar 
des  Guten  wohl  zu  viel  geschieht. 

Unter  den  deutschen  Herzogtümern  besitzt  Braunschweig  keine 
festen  Normen.  In  jedem  einzelnen  Benutzungsfalle  bedarf  man  Er- 
laubnis des  Ministeriums,  das  auch  bezüglich  allenfallsiger  Versendung 
entscheidet.  Doch  ist  uns  glaublich  versichert  worden,  dafs  hierbei 
durchaus  nicht  rigoros  verfahren  werde. 

Für  das  Anhaltische  „Haus-  und  Staatsarchiv''  in  Zerbst  ist 
die  Geschäftsinstruktion  von  1876  maßgebend.  Private  sind  gehalten, 
sich  an  das  Staatsministerium  in  Dessau  zu  wenden.  Die  Archiv- 
verwaltung begutachtet  Genehmigung  oder  Abweisung  einlaufender 
Gesuche.  Einzelne  Gruppen,  namentlich  die  Akten  über  Privatissima 
des  regierenden  Hauses  (Eheverträge,  Testamente  u.  s.  w.),  sind  der  Be- 
nutzung ganz  entzogen.  Wie  in  Oldenburg  geloben  auch  hier  die  Be- 
nutzer mit  „Handschlag",  eine  Menge  Dinge  beobachten  oder  tmter- 
lassen  zu  wollen.  Versendung  wie  in  Bayern.  Auszüge  u.  s.  w.  können 
ohne  weiteres  verwertet  werden.  Dabei  g^lt  jedoch  der  Grundsatz, 
dafs  für  Abfassung  der  Geschichte  noch  blühender  Geschlechter  Ge- 
nehmigung und  Auftrag  des  Familienoberhauptes  erforderlich  ist.  „Un- 
bekannte Bewerber,  auswärts  lebende  Beamte,  Studenten  und  Kandi- 
daten müssen  sich  über  Konfession  (!)  tmd  Bildungsgang  (!)  ausweisen 
und  überdies  sich  darüber  erklären,  von  wem  etwa  die  Anregung  zu 
der  geplanten  Arbeit  ausging." 

In  Sachsen -Altenburg  hängt  die  Erlaubnis   zur  Archivbenutzung 


—     188     — 

vom  Justizministerium  ab,  das  bei  seinen  Bescheiden  freiem  Ermessen 
folgt. 

Was  das  Sachsen- Coburgsche  Archiv  betrifft,  so  wird  daselbst 
nach  Weimarischem  Muster  verfahren.  In  Gotha  bestehen  überhaupt 
keine,  in  Meiningen  keine  gedruckten  Statuten.  Es  ist  hier  alles  dem^ 
Ermessen  der  Ministerien  anheimgestellt,  die  auf  Grund  gutachtlicher 
Berichte  der  Archivverwaltungen  entscheiden.  Benutzung  von  Akteir 
für  prozessuale  Zwecke  findet  statt,  sofern  nicht  fiskale  Interessen  be- 
rührt  erscheinen.  S  6  der  „Amtsinstruktion"  besagt  hierüber  bezüg- 
lieh  des  Hennebergschen  gemeinschaftlichen  Archives :  „Der  Archivar 
hat  über  alle  zu  seiner  Kenntnis  kommenden  Geheimnisse,  aus  deren 
Offenbarung  für  die  bei  dem  Archiv  beteiligten  hohen  Souveräne  Nachteil 
erwachsen  könnte,  unverbrüchliches  Stillschweigen  zu  beobachten." 

Belangend  die  Archive  der  regierenden  deutschen  Fürsten,  sa 
entbehren  Rudolstadt,  Schaumburg-Lippe  und  Waldeck  fester  Be- 
stimmungen. Es  entscheidet  hier  überall  das  Machtwort  der  Minister. 
Das  Schwarzburg -Sondershausensche  Archiv  ist  der  Justizabteilung^ 
des  Staatsministeriums  unterstellt,  an  welches  auch  die  Archiv* 
benutzungsgesuche  direkt  zu  richten  sind.  Abschriften  und  Excerpte 
müssen  vorgezeigt  werden.  Eine  Pflicht  zur  Auskunfterteilung  liegt 
für  die  Archivbehörde  nicht  vor.  In  Schleiz  werden  Gesuche  durch 
die  fürstliche  Kammer  beschieden.  Der  Archivar  prüft  Kopieen  und 
sonstige  Aufzeichnungen.  Versendung  findet  nicht  statt.  Eine  sehr 
paragraphenreiche  Instruktion  regelt  die  Verhältnisse  des  fürstlich 
Lippeschen  Haus-  und  Landesarchivs  zu  Detmold.  Es  steht  hier 
zwar  die  Benutzung  jeder  Behörde  und  jedem  Interessenten  frei,  doch- 
bleiben  von  Vorlage  ausgeschlossen  alle  das  Regentenhaus  betreffen- 
den Familiendokumente,  diplomatischen  Aktenstücke,  Dokumente,  die 
sich  auf  Rechte  von  Privatpersonen  beziehen,  Produkte,  „deren  Be- 
kanntsein der  öffentlichen  Sittlichkeit  zuwiderlaufen  oder  konfessionelles^ 
Ärgernis  geben  könnte",  endlich  Aufzeichnungen,  welche  vermögens- 
rechtliche Verhältnisse  des  Staates  betreffen,  sofern  sie  nicht  von  S  39. 
als  „gemeinsames  Gut''  im  Prozeisverfahren  erklärt  sind  (Amts-,  Sal- 
und  Grundbücher,  Lehenbriefe,  verjährte  Akten  u.  s.  w.).  Repertorien- 
einsicht  und  Benutzung  deponierter  Akten  gilt  als  zulässig.  Durch 
S  47  wird  der  Archivar  nicht  allein  ausdrücklich  verpflichtet,  den  For- 
schem „in  jeder  Weise  an  die  Hand  zu  gehen",  sondern  sogar  (freilich* 
gegen  Honorar!)  für  dieselben  Übersetzungen  und  Abschriften  zu  fertigen. 
Von  den  drei  freien  Städten  besitzt,  soviel  uns  bekannt  geworden». 
Lübeck  keine  besondere  Ordnung    für  Benutzung  seines    wertvollen 


—     189     — 

Archives.  In  Hamburg  ist,  um  das  höchst  bedeutende  Staatsarchiv 
für  die  historische  Forschung  in  weitestem  Umfange  nutzbar  zu  machen, 
dem  Vorstande  des  Archivs  die  Befug-nis  erteilt  worden,  Archivalien 
vor  1847  nsich  seinem  Ermessen  im  Lesezimmer,  das  täglich  von  lO 
bis  4  Uhr  geöffnet  ist,  zur  Vorlage  zu  bringen.  Zur  Offenlegung 
jüngerer  Bestände  bedarf  es  der  Genehmigung  des  Senats.  Die  Ver- 
sendung von  Archivalien  an  auswärtige  Archive  und  Bibliotheken  er- 
folgt unter  den  üblichen  Bedingungen.  Für  die  Benutzung  des  Staats- 
archivs zu  prozessualen  Zwecken  hat  der  Gesuchsteller  sein  Interesse 
an  der  Offenlegung  der  gewünschten  Akten  darzuthun,  insbesondere 
wird  die  Einsichtnahme  der  im  Staatsarchiv  aufbewahrten  Akten  der 
vormaligen  Hamburgischen  Gerichte  (bis  1879)  °^^  ^^^  Beteiligten 
oder  deren  Vertretern  gestattet.  In  Bremen  gilt  es  als  Regel  „wissen- 
schaftliche Forschung"  in  jeder  Weise  zu  fördern.  Die  Benutzung  für 
prozessuale  Zwecke  wird,  wenn  es  sich  um  Ansprüche  an  den  Staat 
oder  unter  staatlicher  Aufsicht  stehende  Anstalten  handelt,  regelmäfsig 
verweigert.  Bei  Rechtsstreitigkeiten  zwischen  Privaten  ist  sie  nicht 
gerade  ausgeschlossen,  aber  selten.  Gleiches  Verfahren  wird  vom 
Archiv  der  Reichshauptstadt  Berlin  und  dem  Magistrat  der  Stadt 
Breslau  beobachtet. 

Auch  in  Danzig,  Nürnberg,  Augsburg  und  Köln  scheint  man  am 
fiskalischen  Standpunkte  mehr  oder  minder  festhalten  zu  wollen,  da 
die  Bescheidung  der  nicht  wissenschaftlichen  Gesuche  den  Magistraten 
vorbehalten  bleibt.  Wissenschaftliche  Forschung  aber  findet  hier  überall 
freundlichstes  Entgegenkommen.  Ein  Paar  Bestimmungen  der  ehrwür- 
digen Rheinmetropole  sollten  wohl  allenthalben  Nachahmung  finden.  Sie 
besagen,  dals  „der  Inhalt  der  Archive  der  wissenschaftlichen  Benutzung 
zugänglich  gemacht"  (d.  h.  repertorisiert)  und  „die  Repertorien  thun- 
liehst  schnell  dem  Druck  übergeben"  werden  müssen,  andrerseits  setzen 
sie  fest,  dais  gröfsere  Untersuchungen  und  Nachforschungen  im  Interesse 
der  Benutzer  nur  unternommen  werden  dürfen,  soweit  hierdurch  „die 
Hauptaufgaben"  (Ordnung  und  Verzeichnung  der  Bestände)  keine  Be- 
einträchtigung erleiden. 

Unsere  grofsen  Adelsgeschlechter  haben  ihren  Familien-Archiven 
bisher  leider  nur  zum  TeU  die  nötige  Aufmerksamkeit  und  Sorgfalt 
zugewandt.  Doch  macht  sich  namentlich  seit  Entstehung  des  neuen 
deutschen  Reiches  hierin  ein  erfreulicher  Umschwimg  bemerkbar.  So 
lie&en  und  lassen  beispielsweise  die  Fürsten  von  Fürstenberg,  Stolberg, 
Schwarzenberg,  öttingen,  Hohenlohe  u.  s.  w.,  die  Grafen  von  CasteU, 
Giech,  Seinsheim  u.  a.  ihre  Urkundenschätze  von  kundiger  Hand  sichten 


—     190     — 

und  teilweise  publizieren.  Selbstredend  ist  zur  Einsicht  derartiger 
Privatarchive  Genehmigung"  des  Familienoberhaupts  oder  Seniorats 
nötig.  Einzelne  Domanialverwaltungen  (z.  B.  die  Fürstenbergsche  in 
Donaueschingen)  erheben  von  den  Benutzern  Gebühren.  Bisweilen  (so 
in  den  fürstlich  Schwarzenbergschen  Archiven)  wird,  ähnlich  wie 
bei  vielen  Staats-  und  Stadtarchiven  (Schleiz,  Sondershausen,  Cobui^, 
Weimar,  Zerbst,  Charlottenburg,  Oldenburg,  Schwerin,  Köln)  Abgabe 
von  Gratisexcmplaren  solcher  Schriften  verlangt,  die  auf  archivalischem 
Material  beruhen. 

Von  den  deutschen  Archiven  aufserhalb  des  Reichs  zeichnet 
sich  das  k.  k.  Haus-,  Hof-  und  Staatsarchiv  zu  Wien  durch  ver- 
nünftige Grundsätze  aus.  Gedruckte  Bestimmungen  existieren  nicht, 
vielmehr  entscheidet  der  Direktor  nach  freiem  Ermessen.  Wohl  aber 
steht  gegen  dessen  Verfügungen  Rekurs  zum  Staatsministerium  (des 
Äufseren)  offen.  Repertorienvorlage  findet  nicht  statt;  nur  feste  Codices 
gelangen  zum  Versandt. 

Das  Wiener  Stadtarchiv  geht  hierin  weiter,  indem  es  auch  Ur- 
kunden und  Akten  —  freilich  nur  an  Archive  und  Bibliotheken  hin- 
ausgiebt. 

In  der  freien  Schweiz  weichen  die  Benutzungsordnungen  der 
einzelnen  Kantone  von  einander  oft  wesenlüch  ab.  Hin  und  wieder 
verursachen  „fiskale  Interessen"  erhebliche  Schwierigkeiten.  So  gut 
z.  B.  im  Staatsarchiv  Bern  der  Grundsatz,  dafs  „jenen  Anwälten,  welche 
die  Gegenpartei  des  Kantons  vertreten,  in  Bezug  auf  das  Streitobjekt 
jede  Auskunft  zu  verweigern  sei"  und  „Dokumente  privatrechtlicher 
Natur  an  Private  nur  dann  ausgehändigt  werden  dürfen,  wenn  hierdurch 
Interessen  des  Staates  nicht  verletzt  sind".  In  den  Satzungen  der 
Kantone  Genf  und  Chiu:  dagegen  herrscht  ein  besserer  Geist  und  sucht 
man  vergeblich  nach  derartigen  beschränkenden  Kautelen. 

Sehr  loyal  sind  die  im  Grofsherzogtum  Luxemburg  geltenden 
Gesetze.  Sie  besagen,  dafs  ,, Jedermann"  Mitteilung  der  geschicht- 
lichen Dokumente  des  Archivs  verlangen  kann,  lassen  Versendung  an 
Archive  wie  Bibliotheken  zu  und  enthalten  lediglich  die  Reservation, 
dafs  „Verwaltungsakten  nur  solchen  Persönlichkeiten  mitgeteUt  werden 
dürfen,  welche  den  Beweis  erbringen,  dafs  sie  ein  legales  Interesse  an 
deren  Einsicht  haben". 

Belangend  die  auiserdeutschen  Staaten,  so  besitzt  Griechenland 
überhaupt  kein  Archiv,  weil  hier  von  den  Osmanen  alle  Denkmäler 
der  Vorzeit  nach  Möglichkeit  zerstört  worden  sind.  Von  der  Türkei 
gilt  selbstredend  das  Gleiche.    Über  das  rumänische  Archiv  zu  Buka* 


—     191     — 

Test,  das  portugiesische  zu  Lissabon,  ferner  etwaige  ähnliche  Anstalten 
zu  Sophia  und  Belgrad  vermochten  wir  nichts  zu  erfahren ,  da  wieder- 
holte Anfragebriefe  unbeantwortet  geblieben  sind.  In  Spanien  soll 
man  namentlich  , »'fremden  Forschem  gegenüber  sehr  koulant**  ver- 
fahren (Mayr-Deisinger). 

In  Rufsland  existieren  zu  Moskau,  Petersburg,  Warschau  und  m 
anderen  Städten  reiche,  wertvolle  Archive.  Allgemein  giltige  Be- 
nutzungsnonnen giebt  es  nicht.  Zur  Vorlage  gewünschten  Materials  sind 
die  jeweiligen  Direktoren  befugt.  In  Zweifelsfallen  aber  raufs  Genehmi- 
gung des  einschlägigen  Ministeriums  und,  wo  es  sich  um  Urkunden  des 
„Geheimen  Archives"  dreht,  jene  des  Kaisers  selbst  erholt  werden. 

Von  den  skandinavischen  Staaten  gewährt  Dänemark  der  Forschung 
weitesten  Spielraum.  Die  Benutzung  der  Archive  zu  wissenschaftlichen 
wie  zu  Rechtszwecken  steht  hier  bereits  seit  lo.  März  1891  „Jedermann** 
frei.  Doch  ist  der  Archivar  berechtigt,  in  öfTentlichem  oder  privatem 
Interesse  bisweilen  einen  Akt  zurückzubehalten  oder  dessen  Vorlage 
nur  unter  gewissen  Kautelen  zu  gestatten.  Kirchenbücher  dürfen  nie- 
mals vor  Ablauf  von  30  Jahren  eingesehen  werden.  Dagegen  bildet 
der  Umstand,  dafs  Aufklärungen  zum  Gebrauche  im  Prozefs  gegen 
den  Staat  gewünscht  werden,  kein  Hindernis  der  Aktenvorlage. 

In  Schweden  schärft  die  Instruktion  vom  26.  Oktober  1877  den 
Beamten  die  Pflicht  ein,  „dem  Benutzer  nach  Möglichkeit  an  die  Pland 
zu  gehen**  (S  6.)  Leider  läfst  dagegen  S  13  doch  unter  Umständen 
gewisse  Chikanen  des  Publikums  zu.  Denn  der  viel  zu  allgemein  ge- 
haltene Satz:  „Aktenvorlage  erfolgt,  falls  nicht  Gründe  zur  Geheim- 
haltung vorhanden  sind,**  öffnet  unter  Umständen  der  Willkür  Thür 
und  Thor.  Unbedingt  von  Benutzung  ausgeschlossen  bleiben  Proto- 
kolle des  Staatsrats  und  Reichstagsausschusses,  sowie  diplomatische 
Aktenstücke,  welche  jünger  als  fünfzig  Jahre  sind;  endlich  deponierte 
Dokumente  und  Mobilisierungspläne. 

Auch  in  Norwegen  wird  der  historischen  Forschung  weitgehendste 
Unterstützung  zu  Teil.  Doch  spielen  hier  die  „Interessen  des  Fiskus'* 
bei  ablehnenden  Bescheiden  noch  immer  eine  viel  zu  bedeutende  Rolle. 

In  England  gilt  für  das  „Public  record  office**  zu  London  das 
Statut  vom  25«  März  1895.  Die  Reflektanten  tragen  sich  in  ein  „atten- 
dance  book*^  ein  und  präzisieren  auf  einem  Blatt  („a  separate  ticket**), 
das  sie  dem  dienstthuenden  Beamten  einhändigen,  ihre  Wünsche. 
Mehr  als  drei  Urkunden-  oder  Aktenprodukte  gelangen  nie  auf  einmal 
zur  Vorlage.  Über  die  vorhandenen  Repertorien  und  Inventare  liegen 
jedermann  zugängliche   Listen   auf.     Darin  nicht   verzeichnete  Reper- 


—     192     — 

torien  können  nur  mit  Genehmigung  des  „deputy  keeper"  unterbreitet 
werden.  Gerichtsdokumente  nach  1760  sind  im  Allgemeinen  von  Be- 
nutzung ausgeschlossen.  Ältere  Stücke  stehen  der  historischen: 
Forschung  offen.  Für  jede  archivalische  Thätigkeit,  wie  für  jedea 
einem  Benutzer  erwiesenen  Dienst  werden  Taxen  erhoben,  die  sich  bis 
zu  2  Pfund  Sterling  tmd  höher  belaufen  können. 

Für  das  „Reichsarchiv**  des  Königreichs  der  Niederlande  besagt 
eine  Verordnung  vom  26.  Juni  1856:  Jeder  vertrauenswürdige  Mann  — 
gleichviel  ob  einheimisch  oder  fremd  —  hat  ein  Recht  zur  Archiv- 
benutzung. Im  Falle  die  Archivvorstände  sich  nicht  getrauen,  auf  ihr 
eigenes  Risiko  Zulassung  zu  gewähren,  holen  sie  höheren  Ortes  Be- 
scheid ein.  Die  Beamten  sollen  den  Benutzem  mit  Rat  und  Erklärung 
zur  Seite  stehen,  ihnen  Register  und  Inventare  unterbreiten.  Versen- 
dung ist  unter  Kautelen  zulässig.  Um  archivalische  Ausbeute  litterarisch 
verwerten  zu  dürfen,  bedarf  der  Autor  die  Genehmigung  der  den  Archiven 
vorgesetzten  Stellen  und  mufs  vor  Beginn  der  Benutzung  einen  darauf 
lautenden  Revers  unterzeichnen.  Gewisse  Stücke  sind  von  Einsicht 
ausgeschlossen,  sofern  nicht  Nachweis  der  „Berechtigung  zur  Sache" 
beigebracht  werden  kann. 

Was  die  belgischen  Archive  (archives  g^n^rales  du  royaume) 
belangt,  so  kann  nach  Mitteilung  des  „archiviste  adjoint"  Herrn 
A.  Gaillard  ein  Jeder  „Akten  von  historischer  oder  Privatbedeutung** 
kostenlos  benutzen,  sofern  er  sein  Interesse  daran  darzuthun  im  Stande  ist. 

Im  Königreich  Ungarn  ist  der  Modus  der  Archivbenutzung  durch 
höchste  Reskripte  aus  verschiedenen  Jahren  (besonders  1875,  1879  ^^^ 
1880)  geregelt.  Behörden  wird  auf  Grund  von  Requisitionen,  Privaten 
nach  Unterbreitung  eines  spezifizierten  Gesuches  die  Einsicht  möglichst 
genau  zu  bezeichnender  Produkte  —  jedoch  nie  mehr  als  25  auf  ein- 
mal —  zugestanden.  Bei  Recherchen  für  wissenschaftliche  Zwecke 
kann  von  Eingaben  Umgang  genommen  werden  und  genügt  proto- 
kollarische Niederlegung  der  Wünsche.  Gegen  ablehnende  Bescheide 
des  Archivvorstandes  steht  Rekurs  zum  königl.  Staatsministerium  des 
Innern  frei. 

Von  besonders  wichtigen  Aktenstücken  werden  nur  Abschriften 
mitgeteilt,  für  welche  überdiefs  ziemlich  hohe  Gebühren  in  Ansatz 
kommen.  Versendung  von  Archivalien  ist  ausgeschlossen,  ebenso 
Vorlage  solcher  Stücke,  welche  vermögensrechtliche  oder  delikate 
politische  Verhältnisse  des  Staates  betreffen.  Repertorien,  deren  Ein- 
träge sich  auf  die  Zeit  nach  1740  beziehen,  können  nur  mit  Ministerial- 
genehmigung  eingesehen  werden. 


—     193     — 

Für  Frankreich  sind  die  Decrets  organiques  et  r^lement 
Napoleons  III.  vom  November  1856  durch  D6cret  et  arretd  relatifs 
4  r  Organisation  des  archives  nationales  (Paris,  Mai  1887)  teilweise 
abgeändert  worden.  Wir  erwähnen  hier  als  besonders  relevant  folgende 
Benutzungsnormen:  „Dokumente,  die  jünger  als  50  Jahre  sind,  können 
nur  mit  Ministerialgenehmigung  eingesehen  werden.  Die  Benutzung 
diplomatischer  Aktenstücke  nach  1790  ist  von  der  Erlaubnis  des 
Ministeriums  des  Äufseren  abhängig.  Erst  nach  Ableben  der  BeteUigten 
dürfen  darauf  bezügliche  Produkte  unterbreitet  werden.  Familienpapiere 
privaten  Charakters  bleiben  von  Benutzung  ausgeschlossen,  sofern  nicht 
von  Seite  der  Angehörigen  hierfür  Zustimmung  erteilt  wird.  Die  In- 
teressenten haben  schriftliche  Eingaben  zu  unterbreiten,  in  denen  der 
Zweck  der  Benutzung  klargelegt  wird.  Sollte  ein  Amtsvorstand  Zweifel 
darüber  haben,  ob  er  einer  Bitte  entsprechen  darf  oder  nicht,  so  erholt  er 
Ministerialbescheid.  Die  Einsicht  geschriebener  Repertorien  ist  unerlaubt. 

Italiens  zahlreiche  und  weit  hinaufreichende  Staats- Archive 
werden  erfreulicherweise  nach  recht  freisinnigen  Grundsätzen  verwaltet. 
£ine  noch  heute  in  Kraft  befindliche  Verordnung  vom  27.  Mai  1875 
bestimmt  u.  a. :  Alle  Akten  exkl.  solche  rein  persönlicher  Natur  sind 
als  öffentliches  Gut  zu  betrachten  und  jedermann  zugänglich.  Politische 
Akten  vor  dem  Jahre  1815  stehen  unbeschränkter  Einsicht  frei;  Straf- 
akten können  vorgelegt  werden,  wenn  seit  der  Urteilsfallung  70  Jahre 
verflossen  sind.  Die  Präklusivfrist  für  Administrationsakten  beträgt  nur 
30  Jahre.  Für  Archivalien  rein  geschichtlichen  Charakters  besteht 
kein  Normaljahr.  Von  jenen  Akten,  die  sich  nicht  in  ihrem  Gesamt- 
iimfange  zur  Vorlage  eignen,  können  mit  höherer  Genehmigung 
„Notizen"  geliefert  werden.  Die  Benutzer  sind  gehalten  in  emer  Ein- 
übe die  Ziele  ihrer  Arbeit  zu  präzisieren  und  sich  den  Benutzungs- 
normen zu  fugen. 

Was  endlich  die  Benutzung  des  fast  für  alle  Nationen  der  Erde 
bedeutsamen  Vatikanischen  Archivs  zu  Rom  betrifll,  so  existiert 
ein  Regolamento  per  la  bibliotheca  vom  Jahre  1885,  das,  wie  schon 
sein  Name  besagt,  ursprünglich  nur  für  die  päpstliche  Bücherei 
bestimmt  war,  aber  jedenfalls  zeitweilig  auch  auf  die  Dokumenten- 
aammlung  Anwendung  gefunden  hat.  Die  50  Seiten  in  40  umfassende 
Broschüre  erschien  nicht  im  Handel  und  wurde  nur  an  wenige  Persön- 
lichkeiten verteilt.     Publikation  von  anderer  Seite   ist  ausgeschlossen. 

Thatsächlich  haben  die  Bestimmungen  des  Regolamento  im  Laufe 
der  Zeit  ihre  Bedeutung  gröfstenteUs  verloren.  Die  strengen  Statuten 
desselben,  die  insbesondere  scharfe  Kontrolle  über  genommene  Kopien 


—     194     — 

vorsehen  und  selbst  mit  den  Strafen  der  Exkommunikation  drohen, 
sind  wohl  niemals  in  Kraft  getreten.  Der  Geschäftsgang  ist  vielmehr 
seit  dem  Regierungsantritt  Papst  Leo  XIII.  ein  völlig  veränderter  ge- 
worden.    Er  spielt  sich  in  folgender  Weise  ab: 

Mit  einer  Bittschrift  an  den  Pontifex  versehen  (dabei  empfohlen 
durch  eine  bereits  bekannte  Persönlichkeit!)  stellt  sich  der  Forscher 
dem  Unterarchivar  vor.  Sofort  wird  ihm  ein  Platz  im  Benutzersaale 
angewiesen  und  die  Durchsicht  der  zahlreichen  Repertorien  und  In- 
ventare  gestattet.  Hat  man  Einschlägiges  entdeckt,  so  bemerkt  man 
auf  einem  Bestellzettel  die  Signatur  des  Archivale  und  übergiebt  das 
Blatt  einem  der  Diener.  Wenn  das  Gewünschte  nicht  gerade  ander- 
weitig benutzt  wird,  kann  man  es  schon  binnen  wenigen  Minuten  er- 
halten. Mehr  als  zwei  Bände  oder  Faszikel  sollen  dabei  auf  einmal 
nicht  ausgeliehen  werden.  Die  Einsicht  der  Dokumente  erfolgt  im 
Amtslokal  und  zwar  in  Gegenwart  päpstlicher  Archivare.  Ausgeschlossen 
von  Archivbenutzung  ist  niemand;  auch  wird  dem  Interessenten  hin- 
reichend Zeit  zur  Durchführung  seiner  Forschung  gewährt.  Ob  aber 
nicht  manche  Akten  u.  s.  w.  der  Benutzung  von  vornherein 
entzogen  sind,  erscheint  fraglich.  Will  man  nicht  selbst  seine  Aus- 
züge machen,  so  mufe  man  sich  hierzu  „admittierter  Kopisten"  be- 
dienen. Von  Büchern,  welche  der  Hauptsache  nach  auf  vatikanischem 
Material  beruhen,  soll  ein  Freiexemplar  dediziert  werden,  was  auch  in 
den  meisten  Fällen  geschieht.  Die  Benutzungszeit  dauert  täglich  (mit 
Ausnahme  der  Sonn-  und  Feiertage)  von  7a9  bis  12  Uhr.  An  Ostern 
und  Weihnachten  ist  das  „Vatikanische  Archiv"  mehrere  Tage  lang 
geschlossen.  Das  Gleiche  gilt  zur  Zeit  der  „grofeen  Ferien",  welche 
am  I.  Juli  beginnen  und  mit  dem  30.  September  endigen.  — 

Mit  dem  Gesagten  glauben  wir  die  am  Eingang  dieses  Aufsatzes 
ausgesprochene  Behauptung,  dafs  kein  europäischer  Staat  dem  Archiv- 
benutzer gröfeeres  Entgegenkommen  und  förderlichere  Unterstützung 
angedeihen  läfst,  als  der  bayerische,  zur  Genüge  erhärtet  zu  haben. 
Hoffen  wir,  dafs  unsere  freisinnigen  Institutionen  in  Bälde 
Nachahmung  finden  und  nicht  nur  den  deutschen  Reichs- 
angehörigen allein,  sondern  dem  deutschen  Volke  in 
seiner  Gesamtheit  zu  Ehr'   und  Nutzen  gereichen  mögen! 


—     195     —  • 


liitnes^Forschung  in  Österreich 

Von 
S.  Frankfurter  (Wien) 

Die    durch    den   Altmeister   der   römischen    Geschichtsforschung' 
Theodor  Mommsen  trefflich  organisierten  und  mit  schönsten  Erfolgen 
durchgeführten  Arbeiten  der  deutschen  Reichs-Limeskommission  mufsten 
den  Gedanken  nahe  legen,  auch   in  dem  Deutschland   benachbarten 
und  mit  ihm  durch  so  viel  geistige  Interessen  nahe  verbundenen  Öster- 
reich die  Arbeit  aufzunehmen  und  die  teils  zu  Tage  liegenden,   teil» 
erst  durch  Grabungen   zu    erhebenden   Reste    der   römischen   Grenz- 
verteidigung an  der  Donau  zu  untersuchen.    Bereits  anfangs  1896  wies 
Schreiber  dieser  Zeilen  in  zwei  Vorträgen,  in  der  Wiener  philologisch- 
archäolog^chen  Gesellschaft  „Eranos  Vindobonensis'*  und  im  Wiener 
„Wissenschaftlichen  Klub",  auf  die  Notwendigkeit  hin,  diese  Arbeiten 
in  Österreich   fortzusetzen  und  zu  ergänzen  (vgl.  seinen  Aufsatz  „Der 
römische  Grenzpfahl  in  Deutschland"   in    der  Wiener  Wochenschrift 
„Die  2^it",  Nr.  84  u.  85,  vom  9.  und  16.  Mai  1896),  und  sprach  den 
Wunsch  aus,  dafs,  da  der  Hauptteil  der  durchzuführenden  Arbeiten  in 
Ungarn  läge,   eine  einheitliche  staatliche  Aktion   Österreich -Ungarns 
unternommen  werde.    Bald  sollte  der  Gedanke,  wenn  auch  in  anderer 
Form,   seine  Verwirklichung  finden.     Im  Jahre  1896  fiel  nämlich  der 
Kaiserl.  Akademie  der  Wissenschaften  in  Wien  durch  das  Testament 
eines  schlichten  Wiener  Bürgers,  Joseph  Treitl,  ein  Vermögen  von 
etwa  I  200 cxx)  fl.  zu.     Da  der  edle  Spender  nur  im  allgemeinen  die 
Fragen  bezeichnete,   die  ihn  besonders  interessierten  und  die  durch 
jene  Widmung  gefördert  werden  sollten,   im  übrigen  jedoch  in  hoch- 
herziger Weise  der  Akademie  die  nähere  Bestimmung  über  die  Ver- 
wendung ganz  überliefe ,   war  es   möglich ,   auch  für  andere   als  jene 
Zwecke  das  Erträgnis  jener  Stiftung  nutzbar  zu   machen.     Es  wurde 
nun  beschlossen ,  etwa  ein  Drittel  der  Gelder  der  philosophisch-histo- 
rischen Klasse  für  die  Durchführung  notwendiger  Arbeiten  zu   über- 
weisen, und  zu  den  ins  Auge  gefafsten  Aufgaben  gehörte   auch  die 
Erforschung  des  römischen  Limes  in  Österreich,  und  zwar  zunächst  in 
Ifieder-  und  Oberösterreich.     Es   wurde   von    der  Kaiserl.   Akademie 
eine  Limeskommission   eingesetzt,    an  deren  Spitze   als  Antrag- 
steller der  damalige  Direktor  der  Münzen-,   Medaillen-  und  Antiken- 
sammlung,  Friedrich  Kenner  (seither  in  den  Ruhestand  getreten), 


—      196     — 

steht  und  der  die  Herren  Professor  Dr.  Eugen  Bor  mann,  der  Direktor 
des  österreichischen  archäologischen  Instituts  Hofrat  Dr.  Otto  Benn- 
dorf,  Professor  Dr.  Wilhelm  Tomas chek,  der  k.  u.  k.  Oberst,  jetzt 
ordentlicher  Universitätsprofessor  (für  Geodäsie)  Heinrich  Hartl  als 
Mitglieder  at^ehören.  Die  Ausfuhrung  der  Arbeiten  übernahm  der 
k.  u.  k.  Oberst  des  Ruhestandes  Maximilian  Groller  von  Wildensee, 
der  bereits  seit  Sommer  1897  ^^^  Ausgrabungen  in  Camuntum  geleitet 
und  sich  als  durchaus  geeignete  Krafl  bewährt  hatte.  Um  die  Eigeb- 
nisse  der  Arbeiten  der  deutschen  Reichs-Limeskommission  an  Ort  und 
Stelle  kennen  zu  lernen,  machte  Oberst  v.  Groller  vorerst  eine  Reise 
dahin  und  hatte  Gelegenheit,  an  den  wichtigsten  und  interessantesten 
Stellen  eingehende  Studien  anzustellen. 

Über  die  Arbeiten  der  österreichischen  Limeskommission  er- 
scheinen jeweilig  kurze  Berichte  im  Anzeiger  der  phUosophisch-histo- 
rischen  Klasse  der  Akademie,  es  sollen  aber  im  Laufe  der  Zeit  diese 
Berichte  in  einer  Sonderausgabe  vereinigt  werden.  Überdies  sollen 
«ingehende  fachwissenschaflliche ,  mit  Plänen  und  Abbildungen  aus- 
gestattete Darstellungen  den  Inhalt  einer  selbständigen,  in  zwanglosen 
Heften  erscheinenden  Publikation  der  Limeskommission  bilden.  Das 
erste  Heft  dieser  Limespublikation  (unter  dem  Titel:  Der  römische 
Limes  in  OsterreicK)  liegt  nun  seit  kurzem  vor.  Bevor  wir  auf  seinen 
Inhalt  näher  eingehen,  wollen  wir  einige  Mitteilungen  über  die  römische 
Grenzwehr  an  der  Donau,  soweit  ihre  Spuren  in  Österreich-Ungarn  bekannt 
^ind,  vorau£fschicken,  um  die  hier  zu  lösende  Aufgabe  zu  kennzeidmen. 

In  Österreich  -  Ungarn  ist  kein  dem  rätisch -germanischen  Limes, 
dessen  Erforschung  die  reichsdeutsche  Limeskommission  unternommen 
hat,  ganz  entsprechendes  Werk  vorhanden,  aber  der  Grenzschutz  war 
längs  der  ganzen  Donau  von  ihrem  Eintritt  in  die  Monarchie  bis  zu 
ihrem  Austritt  aus  ihr  in  analoger  Weise,  wie  etwa  an  der  Strecke  am 
Main,  durch  Kastelle  und  Wachttürme  organisiert.  Die  Hauptaufjg^abe 
wird  somit  in  Ungarn  zu  thun  sein,  aber  auch  in  Österreich  ist  bis 
zur  ungarischen  Grenze  noch  manches  Stück  Arbeit  zu  erledigen. 
Wenn  man  von  den  Grabungen  in  Camuntum  absieht,  die  wertvolle  Er- 
gebnisse gerade  für  diese  Frage  ergeben  haben,  so  wissen  wir  von  den 
oberhalb  von  Vindobona,  zwischen  Vindobona  und  Camuntum  imd 
unterhalb  von  Camuntum  gelegenen,  zum  Teil  bekannten  Kastellen 
noch  viel  zu  wenig.  Die  Untersuchung  mit  dem  Spaten  ist  noch  nicht 
gefuhrt  worden  und  wird  gewifs  manch  wertvolles  Resultat  zu  Tage 
fördern.  Noch  reicheren  Gewinn  kann  man  sich  in  Ungarn  versprechen: 
auf  der  Strecke  zwischen  0-Szöny  (dem  antiken  Brigetio)  bis  Belgrad 


—     197     — 

(Singidunum)  sind  bis  jetzt  im  ganzen  29  Donaukastelle,  von  meist  an- 
sehnlicher Gröfse,  nachgewiesen,  die  jedoch  nicht  die  Gesamtzahl  der 
einst  vorhandenen  darstellen  können,  denn  es  finden  sich  Lücken  von 
etwa  40  km.  Es  finden  sich  auch  brückenkopfartige  Anlagen  auf  dem 
linken  Stromufer,  so  Kastelle  gegenüber  den  beiden  Legionslagem  in 
Brigetio  und  Aquincum  (Altofen),  ebenso  gegenüber  von  zwei  Kastellen 
(Komlöd  und  Banostor).  Auf  der  Strecke  von  Gran  bis  Budapest  ist 
die  Anlage  von  Burgi  (aus  ein  oder  zwei  Türmen  bestehend)  be- 
merkenswert; es  sind  bis  jetzt  zwölf  bekannt,  von  welchen  neun  am 
rechten,  drei  am  linken  Ufer  hart  am  Strome  liegen.  Diese  Anlage 
hänget  mit  dem  Donaufeldzug  des  Kaisers  Valentinian  vom  Jahre  375 
zusammen,  der,  wie  eine  Inschrift  lehrt,  die  Anlage  solcher  Burgi  zur 
Sicherung  seiner  Operationsbasis  angeordnet  hat.  Dazu  kommt  noch 
die  Erforschung"  der  gröfseren  Legionslager  und  des  Strafeennetzes. 
Vorläufig"  ist  freilich  von  der  Organisation  dieser  grofsen  Aufgabe  noch 
wenig-  zu  melden. 

Die  Limeskommission  beschlofs  vielmehr,  ihre  ersten  Arbeiten 
auf  die  Erforschung  von  Carnuntum  ^),  dem  Hauptlager  der  Römer  in 
Pannonia  superior,  zu  beschränken,  weil  so  an  die  bereits  durch  die  er- 
folgreiche Thätigkeit  des  seit  1885  bestehenden  Vereins  „Carnuntum" 
erzielten  Ergebnisse  angeknüpft  werden  konnte.  So  wurden  denn  in 
den  Jahren  1897  ^^^  1898  Grabungen  in  und  um  Carnuntum  ver- 
anstaltet, die  einerseits  bereits  früher  durchgeführte  Untersuchungen 
durch  Nachgrabungen  ergänzten  und  berichtigten ,  anderseits  durch 
Neugrabungen  die  Kenntnis  der  alten  Lagerstadt  erweiterten.  Da  somit 
die  Limeskommission  mit  dem  Verein  „ Carnuntum*'  zusammen  ar- 
beitete —  die  Verbindung  wird  insbesondere  durch  die  Person  des 
Ausgrabungsleiters,  des  genannten  Obersten  v.  Groller,  verkörpert  — , 
deckt  sich  auch  der  jüngst  ausgegebene  Bericht  des  Vereins  „  Carnun- 
tum" sachlich  zumeist  mit  dem  ersten  Hefte  der  Limeskomnussion. 

Dieses  Heft  hat  folgenden  Inhalt:  In  einer  allgemeinen  Einleitung 
bespricht  zunächst  Oberst  v.  Groller  die  besonderen  Aufgaben  der 
österreichischen  Limesforschung  (natürlich  mit  Beschränkung  auf 
das  Gebiet  bis  zur  ungarischen  Grenze) ;  es  folgt  die  Topographie  der 
Umgebung  von  Carnuntum,   eine   die  früheren  Resultate  und  die  Er- 


')  Gelegen  zwei  Stunden  donauabwärts  von  Wien  in  der  Gegend  der  hentieen  Orte 
DenUch-Altenbnrg  und  Fetronell,  das  Lager  von  Carnantam  auf  dem  sogen.  „Burgfelde'* 
an  der  von  Wien  nach  Frefsburg  fuhrenden  Strafse  zwischen  Fetronell  und  Deutsch- 
Altenbnrg.  Zur  näheren  Orienüerung  mag  auf  den  „Führer  durch  Carnuntum"  von 
Kabitschek  und  Frankfurter  (4.  Aufl.,  Wien  1894}  verwiesen  werden. 

15 


—     198     — 

gebnisse  der  letzten  Grabung-en  zusammenfassende  Besprechung  des 
Standlagers,  die  Darstellung  der  Limesstation  und  Tempelanlage  auf 
dem  Pfaffenberge  (der  327  m  hoch  ist  und  im  Rücken  von  Deutsch- 
Altenburg  liegt).  Untersuchungen  der  „ödes  Schlofs"  genannten 
Ruine  am  Nordufer  etwas  unterhalb  von  Deutsch -Altenburg,  welche 
man  seit  jeher  geneigt  war,  als  Rest  eines  römischen  Brückenkopfes 
anzusehen,  der  Ruine  Rötheistein  (Rottenstein),  donauabwärts,  die  man 
gemeinhin  gleichfalls  für  römisch  hielt,  endlich  die  Gräberstrafse  von 
Camuntum.  In  einem  Anhang  behandelt  Professor  Eugen  Bor  mann 
die  zu  Tage  geförderten  Inschriften ,  und  zwar  jene  auf  dem  Pfaffen- 
berge und  jene  an  der  Gräberstrafse. 

Da  es  lediglich  Aufgabe  dieser  Zeilen  ist,  einen  kurzen  Bericht 
über  den  derzeitigen  Stand  der  Forschung  zu  geben,  kann  hier  weder 
auf  den  mehrfach  interessanten  Inhalt  näher  eingegangen,  noch  auch 
eine  Erörterung  strittiger  Fragen  oder  eine  Kritik  des  Limesheftes  ver- 
sucht werden. 

Es  mag  hier  genügen,  hervorzuheben,  dafs  durch  die  Grabungen 
am  Lager,  insbesondere  an  der  Umfassungsmauer  und  in  dem  früher 
nur  wenig  untersuchten  nördlichen  Teile  derselben,  eine  Reihe  wich- 
tiger Punkte,  wie  Führung  der  Mauern  und  Türme,  Anlage  der  Thore 
u.  8.  w.,  genauer  festgestellt  und  dafs  namentlich  durch  die  Grabungen 
auf  dem  Pfaffenberge  wichtige  und  äufserst  interessante  Baulichkeiten 
aufgedeckt  worden  sind  ^).  Die  Berichte  selbst  sind  in  technischer 
Hinsicht  durchaus  zu  loben,  und  es  ist  nicht  genug  anzuerkennen,  mit 
welcher  hingebungsvollen  Liebe  sich  Oberst  v.  GroUer  seiner  Aufgabe 
widmet.  Anderseits  ist  es  jedoch  den  Berichten  nicht  zu  gute  ge- 
kommen, dafs,  wenn  man  vom  epigraphischen  Anhang  absieht,  aus- 
schliefslich  der  Militärtechniker  zum  Wort  kommt  —  es  fehlt  daher 
nicht  an  Verstöfsen  in  vielen  Details  — ,  sowie  dafs  Oberst  v.  Groller, 
statt  sich  auf  Mitteilung  der  thatsächlichen  Ergebnisse  zu  beschränken, 
es  nicht  unterlassen  hat,  auch  sofort  aus  ihnen  Schlüsse  zu  ziehen,  die 
erst  eingehender  Untersuchung  bedürfen.  Auch  kann  nicht  verschwiegen 
werden,  dafs  hier  und  da  an  gesicherten  Thatsachen  früherer  Grabungen 
ohne  ausreichenden  Grund  gerüttelt  wird.  So  begegnen  wir  Hypo- 
thesen, die  vor  der  Kritik  nicht  Stand  halten  können;  dahin  gehören 


^)  Vorweg  mag  hier  erwähnt  werden,  dafs  bei  den  Aasgrabangen  im  Jahre  1899  im 
Lager  ein  Magazin  aufgedeckt  wurde,  in  welchem  sich  grofse  Waffenvorräte  fanden.  Es 
ergaben  sich  in  stattlicher  Anzahl  mehr  oder  weniger  gut  erhaltene  Stücke,  von  deren 
genauerer  Untersuchung  wertvoUe  Aufschlüsse  Über  das  römische  Waffenwesen  zu  er« 
warten  sind. 


—     199     — 

z.  B.  die  Bemerkungen  über  die  Limestürme  auf  der  Höhe  des  PfafTen- 
berges  u.  a. 

Gleichwohl  ist  ein  erfreulicher  Anfang*  gemacht,  und  man  darf 
von  der  Weiterfiihrung  der  Arbeiten  wertvolle  Resultate  für  die  öster- 
reichische Limesforschung  erhoffen.  Die  Fehler  des  ersten  Heftes 
werden  künftig  gewifs  vermieden  werden.  Zu  wünschen  wäre  aller- 
dings, dafs  die  Wiener  Akademie  sich  mit  der  ungarischen  verbände, 
damit  nach  einem  einheitlichen  Plane  in  der  ganzen  Monarchie  die 
Arbeit  in  Angriff  genommen  und  durchgeführt  werde. 


Mitteilungen 

Yersammllingeil*  —  Die  sechste  Versammlung  deutscher 
Historiker  hat  in  den  Tagen  vom  4.  bis  7.  April  1900  in  Halle  a.  S, 
stattgefunden  und  hatte  die  über  Erwarten  grofse  Zahl  von  186  Teilnehmem 
angelockt,  wobei  noch  zu  beachten  ist,  dafs  die  verschiedene  Lage  der 
Ferien  an  den  höheren  Lehranstalten  viele  Herren  aus  Thüringen  und  dem 
Königreiche  Sachsen  femgehalten  hat.  Das  Programm,  welches  bereits 
S.  133  mitgeteüt  wurde,  ist  pünktlich  eingehalten  worden,  aber  es  war  doch 
nicht  zu  verkennen,  dafs  die  ganze  Anlage  der  Versammlung  in  wesentlichen 
Punkten  von  der  früherer  Tagungen,  wie  wir  sie  S.  137 — 145  charakteri- 
siert haben,  abwich.  Es  lag  nicht  nur  an  der  immer  drängenden  Zeit,  wenn 
eine  Debatte  sich  nicht  recht  entwickeln  woUte,  sondern  vor  allem  daran, 
dafs  die  Vorträge  im  wesentlichen  Forschungsergebnisse  der  Redner  boten, 
über  welche  zu  debattieren  nur  die  wenigsten  Teilnehmer  in  der  Lage  ge- 
wesen wären,  während  allgemeine  Fragen,  die  durchaus  nicht  immer  metho- 
dologischer Art  sein  müssen,  nicht  angeschnitten  wurden.  Wenn  die  Leit- 
sätze tmd  Belegstellen  zu  dem  Vortrage  von  Prof.  Heck  über  Stadtbürger 
und  Stadigericht  im  Sachsenspiegel  bereits  mit  dem  Programm  verbreitet 
worden  wären  und  in  ähnlicher  Weise  die  übrigen  Redner  durch  Bekannt- 
gabe einzelner  Thesen  zur  Diskussion  einzelner  Fragen  angeregt  hätten,  so 
hätten  auch  den  behandelten  Themen  allgemeinere  Gesichtspunkte  abgewonnen 
werden  können.  Vermifst  mufste  schliefslich  auch  ein  ortsgeschichtlicher 
Vortrag  werden,  der  dem  Fremden  das  rechte  historische  Ortskolorit  hätte 
vermitteln  helfen,  wie  es  bei  früheren  Tagungen  geschehen  ist  (s.  S.  145).  — 
Da  die  Redner  ihre  Vorträge  voraussichtlich  sämtlich  bald  anderweitig  ver- 
öfifendicfaen  werden  —  wahrscheinlich  so,  dafs  der  offizielle  Bericht  über  die 
Versammlung  bereits  die  genaueren  Angaben  enthalten  wird  —  so  werden 
wir  hier  von  einem  Referat  über  die  einzelnen  Vorträge  absehen  können  und 
verweisen  auf  den  kurzen  Bericht,  den  der  Herausgeber  dieser  Zeitschrift  in 
der  Wissenschaftlichen  Beilage  der  Leipziger  Zeitung  Nr.  43  (Dienstag,  den 
10.  April  1900)  veröfifentlicht  hat,  sowie  auf  einige  Bemerkungen,  welche  sich 
in  Helmolts  Aufsatze  In  der  Tulpe  in  Nr.  30  der  „Zukunft"  vom  28.  April 
finden.  Nur  zwei  Punkte,  welche  der  landesgeschichtlichen  For- 
schung Aufgaben  stellen,  seien  hier  kurz  berührt    Der  Vortrag  von  Fried- 

16* 


\ 


—     200     — 

jung  (Wien)  über  das  Angebot  der  deutschen  Kaiserkrone  an  Österreich  im 
Jahre  1814,  in  welchem  der  Redner  wiederholt  auf  die  Fundstellen  der 
von  ihm  erwähnten  Aktenstücke  zu  sprechen  kam,  zeigte,  welche  Bedeutung 
auch  für  die  neuere  politische  Geschichte  der  Durchforschung  aller  der 
Archive  zukommt,  in  welchen  Staatsakte  aus  jener  Zeit  niedergelegt  sind. 
Da  es  aber,  um  nur  eins  zu  erwähnen,  27  Fürsten  und  4  Städte  sind, 
die  dem  Kaiser  Franz  die  deutsche  Kaiserkrone  antrugen,  so  würden 
behufs  gründlicher  Erforschung  dieser  Vorgänge  zum  wenigsten  die  in  Frage 
kommenden  31  Archive,  natürlich  aber  auch  die  der  unbeteiligten  Staaten, 
nach  einschlägigen  Akten  zu  durchsuchen  sein.  Dafs  ein  einzelner  Be- 
arbeiter dies  nicht  in  vollem  Mafse  thun  kann,  ist  ohne  weiteres  klar;  hier 
mufs,  nachdem  die  FragesteUung  gegeben  ist,  die  Lokalforschung  zur 
Ergänzung  des  Gesamtbildes  einsetzen,  die  andrerseits  auch  Flugschriften, 
Spottbilder,  Zeitungsmeinungen  u.  dgl.  viel  eher  auszugraben  vermag  als  der 
Forscher,  der  von  der  übermäfsigen  Masse  der  Akten,  welche  die  wichtigsten 
Archive  —  in  diesem  Falle  die  Wiener  —  bieten,  fast  erdrückt  wird.  — 
Eine  weitere  Anregung  zur  orts-  und  landesgeschichtlichen  Forschung  giebt 
der  Antrag  von  Paul  Kalkoff  (Breslau),  der  später  in  seinem  vollen  Wortlaute 
mitgeteilt  werden  wird  und  eine  Veröffentlichung  der  politischen  Korre- 
spondenz Karls  V.  erstrebt.  Es  ist  ohne  weiteres  klar,  dafs  sämtliche  Archive 
vormaliger  ReichsfUrsten  und  vormaliger  Reichsstädte  Material  für  eine  derartige 
Veröffentlichung  enthalten,  dafs  aber  gerade  die  kleineren  und  abgelegenen 
dieser  Archive  bisher  am  wenigsten  für  derartige  Gesamtpublikationen  zu  Rate 
gezogen  worden  sind.  Wenn  beispielsweise  aus  den  Archiven  der  vormaligen 
Reichsstädte  im  Sinne  eines  Inventars  Regesten  bearbeitet  und  in  der  Lokal- 
zeitschrift veröffentlicht  würden,  die  etwa  dem  entsprächen,  was  für  Köln  in 
Diemars  Arbeit  Köln  und  das  Ihich  wenigstens  bis  1474  geleistet  ist 
(vgl.  oben  S.  174),  so  würde  einem  Unternehmen,  wie  es  Kalkoff  anregt, 
ganz  unschätzbarer  Vorteil  erwachsen.  Die  Historikerversammltmg  hat  sich 
dahin  ausgesprochen,  dafs  die  Veröffentlichung  der  politischen 
Korrespondenz  Karls  V.  ein  überaus  dringendes  Bedürfnis 
der  deutschen  Geschichtsforschung  sei,  und  darüber  hinaus  hat 
der  „Verband  deutscher  Historiker"  beschlossen  eine  Kommission  zu  er- 
nennen, welche  der  Frage  näher  treten  und  einen  Arbeitsplan  aufstellen  soU;  zu 
diesem  Zwecke  ist  aus  der  Verbandskasse  ein  verhältnismäfsig  erheblicher  Bei- 
trag zur  Bestreitung  der  Kosten  bewilligt  worden.  Aufserdem  hat  die  „Kom- 
mission zur  Herausgabe  von  Akten  und  Korrespondenzen  zur 
neueren  Geschichte  Österreichs"  (vgl.  oben  S.  27)  sich  bereit  er- 
klärt, ihrerseits  den  in  ihr  Gebiet  fallenden  Teil  der  Arbeit  zu  übernehmen. 
Nach  der  Seite  der  Organisation  des  Historikeiverbandes  ist  wesent- 
liches nicht  zu  berichten.  Aus  dem  Verbandsausschufs  sind  durch  Tod 
ausgeschieden  Stieve  und  Hub  er,  aufserdem  durch  Niederlegung  ihres 
Mandats  v.  Heigel,  Gothein  und  Kaltenbrunner.  Ausgelost  wurden 
Meyer  von  Knonau  und  Frutz,  ordnungsgemäfs  schieden  aus  Bachmann, 
V.  Below,  Meinecke  und  Oswald  Redlich,  und  neu  gewählt  wurden 
V.  Below,  Meyer  von  Knonau,  Prutz,  Oswald  Redlich  und  Dietrich 
Schäfer.  Als  Ort  flir  die  siebente  Historikerversammlung  wurde  Heidel- 
berg in.  Aussicht  genommen  und  zwar  für  Ostern  oder  Herbst  1902. 


—     201     — 

Gleichzeitig  mit  dem  sechsten  Historikertage  fand  die  Vierte  Kon- 
ferenz von  Vertretern  deutscher  landesgeschichtlicher  Pu- 
blikationsinstitute (Vgl.  S.  134)  statt  und  zwar  hielt  dieselbe  zwei 
Sitzungen  ab,  die  erste  am  4.  April  im  historisch-geographischen  Institute 
der  Universität  Leipzig,  wo  über  die  Grundkartenfrage  sowie  über  die 
Thätigkeit  auf  dem  Gebiet  der  historisch-kirchlichen  Geographie 
Deutschlands  verhandelt  wurde,  und  die  zweite  am  5.  April  in  der  Universität 
Halle,  wo  über  die  Unterstützung  der  von  Steinhausen  (Jena)  heraus- 
gegebenen Denkmäler  der  deutschen  Kulturgeschichte  beraten  wurde.  Es 
waren  dabei  vertreten  die  Kgl.  Württembergische  Kommission  für  Landes- 
geschichte durch  Prof.  Busch  (Tübingen),  die  Grofsherzogl.  Badische 
Historische  Kommission  durch  Archivrat  Krieger  (Karlsruhe),  die  Gesell- 
schaft für  Rheinische  Geschichtskunde  durch  Archivdirektor  Prof.  Hansen 
(Köln),  die  Commission  royale  d'histoire  de  Belgique  durch  Prof.  Pi renne 
(Gent),  die  Thüringische  Historische  Kommission  durch  Bibliothekar  Stein- 
faausen  (Jena),  die  Historische  Kommission  für  die  Provinz  Sachsen 
durch  Prof.  Gröfsler  (Eisleben)  und  Oberlehrer  Reise  hei  (Aschersleben), 
die  Kgl.  Sächsische  Kommission  für  Geschichte  durch  Regierungsrat 
Ermisch  (Dresden)  und  Prof.  Lamprecht  (Leipzig),  der  Verein  für  die 
Geschichte  der  Mark  Brandenburg  durch  Archivar  und  Privat- Dozent 
Meinecke  (Berlin),  der  Westpreufsische  Geschichtsverein  durch  Dr.  Sim- 
s o n  (Danzig),  der  Verein  für  Geschichte  Ost-  undWestpreufsens  durch 
Prof.  Prutz  (Königsberg),  die  Historische  Landeskommission  für  Steier- 
mark durch  Prof.  v.  Zwiedineck-Südenhorst  (Graz).  Zur  ersten 
Sitzung  waren  femer  als  Sachverständige  hinzugezogen  Prof.  Baldamus 
(Leipzig),  Ingenieur  Ehnert  (Dresden),  Privatdozent  Kötzschke  (Leipzig), 
Prof.  Mogk  (Leipzig)  und  Prof.  Seeliger  (Leipzig).  Des  weiteren  nahm 
Prof.  Kaufmann  (Breslau)  als  Vorsitzender  der  Historikerversammlung  an 
der  Sitzimg  teil.  Unter  dem  Vorsitz  von  Prof.  Lamprecht,  der  zunächst 
den  Stand  der  Grundkartenanfertigung  in  den  einzelnen  I^ndesteilen  kurz 
besprach  und  für  die  Behandlung  drei  Gebiete,  Mutterland,  Kolonialgebiet 
und  Peripherische  Länder,  unterschieden  wissen  wollte,  wurde  zur  Verhandlung 
geschritten  und  dabei  im  wesentlichen  die  Berechtigung  der  modernen  Ge- 
markungsgrenzen erörtert  in  regem  Anschlufs  an  die  Ausführungen  von 
Kötzschke  in  dieser  Zeitschrift  S.  113 — 131  und  den  gegen  die  Gemarkungs- 
grenzen gerichteten  Aufsatz  von  Seeliger  (Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung 
Nr.  52  und  53:  Die  hisiorisclien  Ornndkarten ;  Kritische  Betrachtungen*)). 
An  der  Hand  eines  eingehenden  Berichtes  von  Fabricius,  welcher  seit 
einem  Jahrzehnt  mit  der  Bearbeitung  des  geschichtlichen  Atlasses  der  Rhein- 
provinz beschäftigt  ist,  erwies  zunächst  Prof.  Hansen  (Köln)  die  Berechtigung 
der  modernen  Gemarkungsgrenzen  in  dem  fraglichen  Gebiete  auch  für  die 
historischen  Karten,  und  zu  demselben  Ergebnis  kam  Regierungsrat  Ermis'ch 
(Dresden)  in  Bezug  auf  das  Königreich  Sachsen.  Ingenieur  Ehnert  (Dresden) 
behandelte  eine  Reihe  Fragen  der  Technik  und  der  Grenzen  unvermeidlicher 
Fehler    imter   Hervorhebung    der    Thatsache,    dafs    alte    Karten    ofl    grofse 


•)  Eine  Entgegnung  darauf  von  Thndichum  (Tübingen)  ist  in  Nr.  74  der  „Beilage 
zur  Allgemeinen  Zeitang"  vom  30.  März-  1900 -erschienen. 


—     202     — 

zeichnerische  Fehler  aufweisen,  dafs  sogar  Flufsläufe  oft  um  mehrere  Kilo- 
meter falsch  eingetragen  sind.  Prof.  Bai  dam  us  zeigte  seinerseits  an  konkreten 
Beispielen,  wie  sich  Fehler  auf  fertigen  Karten  in  verschiedenem  Maüsstabe 
ausnehmen,  und  stellte  dadurch  fest,  wie  unbedeutend  selbst  ein  Intimi  um 
IG  ooo  Hektar  sich  in  der  Praxis  der  Klartenzeichnung  gestaltet  Prof. 
Seeliger  präzisierte  im  Gegensatz  zu  den  anderen  Rednern  wiederholt 
seinen  Standpunkt  und  verwarf  die  Grundkarten  mit  modernen  Gemarkungs- 
grenzen überhaupt  für  die  historische  Geographie,  da  in  jedem  einzelnen 
Falle  die  Berechtigung  dieser  Grenze  für  frühere  Jahrhunderte  erst  erwiesen 
werden  müsse.  Das  Ergebnis  der  Beratungen  wurde  in  folgenden  Sätzen 
zusammengefafst : 

1.  Die  anwesenden  Mitglieder  der  Konferenz  erklären  es  für  wünschens- 
wert, dafs  die  Herstellung  von  Grundkarten  energisch  weiter  gefördert  werde 
und  dafs  insbesondere  Untersuchungen  über  die  Entstehung,  das  Alter  und 
die  Veränderung  der  Gemarkungsgrenzen  innerhalb  der  einzelnen  Gebiete 
angestellt  werden. 

2.  Die  Konferenz  erklärt  es  für  wünschenswert,  dafs,  sobald  einiger- 
mafsen  zahlreiche  Erfahrungen  in  konkreten  Arbeiten  niedergelegt  sind,  aus- 
führliche Bestimmungen  ausgearbeitet  werden,  welche  die  einzelnen  Forscher 
anweisen,  wie  sie  Eintragungen  in  die  Grundkarten  zu  bewirken  haben. 

3.  Die  Konferenz  spricht  der  Kgl.  Sachs.  Regierung  ihren  Dank  für 
die  Einrichtung  der  „ 2^ntralstelle  für  Grundkarten"  aus  und  bittet  sämtliche 
Institute,  welche  Grundkarten  hergesteUt  haben,  womöglich  je  eine  Kopie  von 
Grundkarten  mit  Einträgen  sowie  eine  Anzahl  von  Exemplaren  jedes  Blattes 
daselbst  zu  deponieren,  damit  der  einzelne  Forscher  in  der  Lage  ist,  jede 
beliebige  Karte  von  der  Zentralstelle  aus  zu  beziehen. 

4.  Die  Konferenz  erklärt  es  für  wünschenswert,  auch  die  Herstellung 
von  Grundkarten  im  Mafsstabe  i  :  500  000  nach  emem  für  ganz  Deutschland 
einheitlichen  Netze  möglichst  in  Angriff  zu  nehmen. 

5.  Die  Konferenz  beauftragt  die  „ ZentralsteUe  für  Grundkarten",  die 
Vorarbeit  für  eine  künftige  Verständigung  über  die  Einzeichnung  in  Grund- 
karten, soweit  überhaupt  ein  gemeinsames  Vorgehen  in  dieser  Hinsicht  ge- 
boten erscheint,  thunlichst  zu  fördern. 

Diese  Sätze  wurden  von  den  Anwesenden  einstimmig  genehmigt.  Nur 
bei  Satz  i  ergab  sich  eine  abweichende  Stimme.  Aufserdem  bemerkte  zu 
Satz  I  der  Vertreter  der  Historischen  Landeskommission  für  Steiermark,  dafs 
das  Verhältnis  der  Gerichts-  und  Gemarkungsgrenzen  in  dem  von  ihm  ver- 
tretenen Gebiet  noch  nicht  genügend  geklärt  erscheine,  und  der  Vertreter 
der  kgl.  württembergischen  Kommission,  dafs  man  in  Württemberg  sehr 
brauchbare  Gemarkungskarten  in  etwas  kleinerem  Mafsstab  als  dem  der  Grund- 
karten besitze  und  daher  die  Bearbeitung  von  Gemarkungskarten  im  Mafsstab 
der  Grundkarten  (i  :  loo  000)  anstehen  lasse.  Ferner  wurde  von  der  Kon- 
ferenz beschlossen,  das  von  Fabricius  ausgearbeitete  Gutachten  behufs 
gröfserer  Verbreitung  drucken  zu  lassen.  Der  Vorsitzende  konnte  femer 
noch  mitteilen,  dafs  auch  Vertreter  von  Bayern,  Lothringen  und  Holland 
sich  schriftlich  etwa  in  demselben  Sinne  geäufsert  haben,  wie  er  in  den 
obigen  Sätzen  zum  Ausdruck  kommt. 

Die  von  der  dritten  Konferenz  (Nürnberg  1898)  eingesetzte  Kommission 


—     203     — 

zur  £>urchf)ihnmg  eines  allgemeinen  Plans  für  die  Bearbeitung  der  historisch- 
kirchlichen Geographie  Deutschlands  hat  bisher,  wie  Archivar 
Meinecke  berichtete,  von  der  Aufstellung  eines  Schemas  abgesehen,  um 
yielmehr  erst  das  Erscheinen  der  Bearbeitung  emiger  Diözesen  abzuwarten. 
Unterdessen  ist  das  im  Menkeschen  Nachlasse  vorgefundene  Material  von 
mehreren  Instituten  für  ihr  Gebiet  nachgeprüft  worden,  und  es  hat  sich 
dabei  ergeben,  dafs  selbst  das  gedruckte  Material  nicht  vollständig  benutzt 
ist,  dafs  aber  bei  einer  gründlichen  Arbeit  auch  eine  Menge  archivalisches 
Material  herangezogen  werden  mufs.  Die  engere  Anlehnung  an  das  Menkesche 
Material  schemt  damit  für  viele  Gebiete  weiter  keinen  Vorteü  zu  gewähren, 
aber  die  systematische  Untersuchung  der  kirchlichen  Geographie  nach  einheit- 
lichem Plane  erscheint  nichtsdestoweniger  als  Bedürfnis  der  Geschichtsforschung. 
Demgemäfs  wurde  folgende  Entschliefsung  gefafst :  Die  Konferenz  nimmt 
mit  Interesse  Kenntnis  von  dem  Fortgange  und  den  bis- 
herigen Erfolgen  des  Unternehmens  und  giebt  der  in  Nürn- 
berg eingesetzten  Kommission  Vollmacht,  die  Arbeit  im  Sinne 
der  Nürnberger  Beschlüsse  unter  möglichster  Einheitlich- 
keit in  der  Durchführung  weiter  zu  fördern. 

Für  seine  DenhnUUer  der  deutschen  Kulturgeschichte,  die  als  grofse 
Quellenpublikation  gedacht  sind,  hat  Bibliothekar  G.  Steinhausen  (Jena) 
bereits  im  fünften  Bande  der  Zeitschrift  für  Kulturgeschichte  einen  ausführ- 
lichen Plan  entworfen.  Eine  gröfsere  Anzahl  von  Quellengruppen  sind  dort 
namhaft  gemacht,  die  zu  einer  Publikation  geeignet  wären.  Nachdem  aber 
gröfsere  Mittel  für  das  Unternehmen  vorläufig  nicht  zu  gewinnen  gewesen 
sind,  scheint  es  zweckmäfsig  sich  vorläufig  auf  einzelne  Gruppen  zu  beschränken, 
und  zwar  sind  als  solche  die  Reiseberichte  und  Tagebücher  als  her- 
vorragend wichtige  Quellen  herauszuheben.  Um  eine  Übersicht  darüber  zu 
gewinnen,  was  in  dieser  Hinsicht  bereits  publiziert  und  was  bekannt,  aber 
noch  nicht  publiziert  ist,  beschliefst  die  Konferenz  für  eine  künftige 
Publikation  Verzeichnisse  des  vorhandenen  Materials  an  Reise- 
berichten und  Tagebüchern  in  Deutschland  herbeizuführen 
und  verleiht  damit  der  von  Stemhausen  ausgehenden  Umfrage  bei  Archiven 
und  Bibliotheken  ihre  Unterstützung.  Da  die  Reiseberichte,  wo  sie  sich 
auch  finden  mögen,  für  viele  Landschaften  von  Wichtigkeit  sind,  gleichgiltig 
wo  der  Reisende  beheimatet  war,  so  ist  zu  hoffen,  dafs  sich  in  allen  Teilen 
Deutschlands  die  Lokalforschung  diese  Aufgabe  angelegen  sein  läfst  und  für 
Zusammenstellung  des  gedruckten  und  ungedruckten  Materials  sorgt. 

Auch  die  Frage,  ob  eine  Fortsetzung  des  Walther-Konerschen 
Repertoriums  der  historischen  Zeitschriftenlitteratur  anzu- 
streben sei,  wurde  berührt  und  eine  Verständigung  mit  dem  „Gesamtverein 
der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine"  in  dieser  Hinsicht  als 
wünschenswert  bezeichnet,  aber  ein  endgültiger  Beschlufs  darüber  nicht 
ge&fst 

Die  Konferenz  als  Einrichtung,  die  eine  Vereinigung  der  verstreuten 
Arbeitskräfte  zu  gemeinsamem  Wirken  erstrebt,  hat  sich  auch  durch  diese 
vierte  Tagung  bewährt,  und  der  Wunsch,  sich  jährlich  einmal  zu  versammeln, 
der  aus  der  Versammlung  heraus  laut  wurde,  scheint  am  meisten  dafür  zu 
sprechen.     Die  Zahl   derjenigen  Institute,    die  sich  bisher  an  der  Konferenz 


—     204     — 

beteiligt  haben,  ist  übrigens  22,  so  dafs  von  den  namhaften  nur  noch  wenige 
fehlen,  deren  Beitritt  hoffentlich  in  nicht  allzu  ferner  Zeit  ebenfalls  erfolgen  wird. 

Die  diesjährige  Jahresversammlung  des  Hansischen  Geschichts- 
vereins wird  in  Gemeinschaft  mit  der  Jahresversammlung  des  Vereines 
für  niederdeutsche  Sprachforschung  wie  üblich  zu  Pfingsten  statt- 
finden,  und  zwar  in  Göttingen.  Am  Abend  des  Pfingstmontags  (4.  Juni) 
wird  die  Begrüfsungsfeier  die  Tagimg  eröffnen  und  ein  Ausflug  nach  Münden 
am  Donnerstag  wird  sie  beschliefsen.  Das  wissenschaftliche  Programm  ist 
bis  jetzt  noch  nicht  bekannt  gegeben  worden. 

Eingegangene  Bücher. 

Armstedt,  Richard:  Geschichte  der  Kgl.  Haupt-  und  Residenzstadt  Königs- 
berg in  Preufsen.     Stuttgart,   Hobbing  und  Büchle,   1899.     354  S.  8  0. 

.  Jt  9»50- 

Borkowsky,  Ernst:  Geschichte  der  Stadt  Naumburg  an  der  Saale.  Stutt- 
gart, Hobbing  und  Büchle,   1897.     188  S.  8».     Geb.  j^  5. 

Beriet,  Erich:  Die  sächsich-böhmische  Grenze  im  Erzgebirge.  Ein  Beitrag 
zur  politischen  Geographie.  84  S.  8  ®  [Beilage  zum  Jahresbericht  der 
Städtischen  Realschule  mit  Progymnasium  zu  Oschatz,   1898/189 9]. 

Danneil,  Friedrich:  Geschichte  des  magdeburgischen  Bauernstandes  in 
seinen  Beziehungen  zu  den  andern  Ständen  bis  zum  Ende  des  Erzstifts 
im  Jahre  i68o.     Halle  a.  S.,    Kaemmerer  &  Co.,    1898.     542   S.  8  ®. 

jH    9. 

Dietterle,  Johannes  A. :  Burkhardswalde  (Ephorie  Pirna),  Geschichte  der 
Kirchfahrt  und  der  vier  zu  ihr  gehörenden  Dörfer  Burkhardswalde,  Biens- 
dorf,  Grofsröhrsdorf,  Nenntmansdorf.  Dresden,  Druck  der  Druckerei 
Glöfs,   1900.     244  S.   16  ^. 

Ellissen,  O.  A. :  Chronologischer  Abrifs  der  Geschichte  Einbecks.  Ein- 
beck, in  Kommission  bei  H.  Ehlers,  1898.  28  S.  8^.  [Den  zu  ihrer 
27.  Jahresversammlung  am  31.  Mai  und  i.  Juni  1898  in  Einbeck 
weilenden  Mitgliedern  des  Hansischen  Geschichtsvereins  gewidmet  von 
dem  Verein  für  Geschichte  und  Altertümer  der  Stadt  Einbeck  und 
Umgegend.] 

Gdny,  Joseph:  Die  Reichsstadt  Schlettstadt  und  ihr  Anteil  an  den  sozial- 
politischen und  religiösen  Bewegungen  der  Jahre  1490 — 1536.  Frei- 
burg i.  B.,  Herder,  1900.  223  S.  8  0.  [=  Erläuterungen  imd  Er- 
gänzungen zu  Janssens  Geschichte  des  deutschen  Volkes,  herausgegeben 
von  Ludwig  Pastor,  I.  Band,  5.  und  6.  Heft.]     Ji  3. 

Giannoni,  Karl:  Die  Privilegien  und  das  Archiv  des  Marktes  Gumpolds- 
kirchen.  [Separatabdruck  aus  den  Blättern  des  Vereins  für  Landeskunde 
von  Niederösterreich,   1899.] 

Keuffer,  Max:  Beschreibendes  Verzeichnis  der  Handschriften  der  Stadt- 
bibiiothek  zu  Trier.  Trier,  Kommissionsverlag  der  Fr.  Lintzschen  Buch- 
handlung. Erstes  Heft:  Bibel-Texte  und  Kommentare  (1888.  77  S.). 
Zweites  Heft:  Kirchenväter  (189 1.  148  S.).  Drittes  Heft:  Predigten 
(1894.  166  S.).  Viertes  Heft:  Liturgische  Handschriften  (1897. 
io8  S.).     Fünftes  Heft:  Ascetische  Schriften  L  (1900.      112   S.). 

Herautgeber  Dr.  Armin  Tille  in  Leipzig.  —  Druck  und  Verlag  ron  Friedrich  Andreas  Perthes  in  Godia.. 


Deutsche  Ceschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Förderung  der  landesgeschichtlichen  Forschung 

I.  Band  Juni  1900  9.  Heft 


Wer  YvoLt  utn  1430  der  reichste  Bürger  in 
Sch^waben  und  in  der  Schweiz? 

Von 
Aloys  Schulte  (Breslau) 

Es  ist  gewiCs  keine  müisige  Frage,  die  ich  in  der  Überschrift 
gestellt  habe,  denn  sie  dient  ja  viel  weniger  lokalen  Interessen,  als 
sie  uns  dazu  zwingt,  einmal  festzustellen,  wie  weit  in  dieser  Periode 
<lie  Kapitals-  und  Vermögensbildung  auf  Grund  des  Handels  in  einer 
Gegend  bereits  gekommen  war,  die  loo  Jahre  später  das  Land  der 
Bankiers  und  der  geldkräftigsten  Handelshäuser  der  damaligen  Welt 
var.  Die  Frage  der  Überschrift  würde  vermutlich  von  den  Kennern 
der  Geschichte  jener  Landschaften  sofort  mit  einem  Namen  aus  Augs- 
burg beantwortet  werden,  andere  würden  an  Strasburg,  Ulm,  vielleicht 
auch  an  Basel  denken. 

Strafeburg  muls  ich  mit  einigen  anderen  Städten  hier  ausscheiden, 
denn  von  Stra&burg  wie  von  Lindau  und  Freiburg  i.  Br.  haben  sich 
keine  Steuerlisten  ^)  erhalten.  Aber  ich  iiirchte  auch  nicht,  dafs  uns 
damit  der  reichste  Schwabe  entgeht;  die  Strafsburger  Kaufherren  der 
Blütezeit  der  Stadt  hatten  sich  längst  zu  Landadligen  umgewandelt, 
die  Straisburger  Geschäftsleute  begnügten  sich  mit  dem  Handel  mit 
ihren  elsäisischen  Weinen  und  dem  Getreide  und  mit  der  Versorgung 
des  au&erordentlich  reichen  Hinterlandes,  das  die  Stadt  umgiebt,  aber 
nur  im  Welthandel  waren  grofse  Reichtümer  zu  gewinnen;  doch  von 
dem  hielten  sich  die  Straisburger  fem.  Aber  vielleicht  war  Basel 
damals  schon  das,  was  es  heute  ist,  die  Stadt  mit  der  relativ  gröfsten 
Zahl  von  Millionären.  Für  Basel  haben  wir  nicht  allein  vorzügliche 
^^ellen,  sondern  auch  das  Muster  einer  Bearbeitung  von  Steuerlisten. 


I)  Diese  QaeUengftUong  gehört  auch  zu  dem  Material,  dessen  Bedeutung  S.  65/66 
charakterisiert   wurde,   und  manches  von  dem,  was  dort  von  der  statistischen  Ausbeutung 
«der  Rechnungen  gesagt  wurde,  gilt  auch  von  den  Steuerlisten. 

16 


—     206     — 

Die  Baseler  Listen  von  1446  sind  nicht  ganz  volletändig'y  doch  bieten 
die  anderen  Listen  aus  anderen  Jahren  nicht  das  Bild»  dafs  diese 
Lücken  für  uns  entscheidend  wären  ^).  Die  reichsten  mit  ihrem  Kapital 
Genannten  sind  zwei  Mitglieder  der  hohen  Stube  mit  je  14  ocx>  fl.,  es 
folgt  ein  Schmied  mit  130008.,  dann  wieder  einer  aus  der  hohea 
Stube,  der  bekannte  Chronist,  Spekulant  und  Vertraute  König  Siegmund» 
Henmann  Offenburg,  dann  bis  zu  loooofl.  herab  noch  vier  weitere 
Personen.  Zu  den  reichsten  Leuten  in  Basel  gehörte  auch  Heinrich 
Halbisen,  dessen  Steuer  von  3  f&  2  j9  lOi}  ein  Vermögen  von  12  560  fi. 
entsprechen  würde.  Die  Halbisen  waren  ein  tüchtiges  Geschlecht  und 
haben  sich  durch  die  Einfuhrung  der  Papierfabrikation  in  Basel  ver- 
dient gemacht. 

Gehen  wir  auf  den  Boden  über,  der  damals  schon  zur  Eidgenossen- 
Schaft  gehörte,  so  kommen  da  die  vier  Städte  Bern,  Luzern,  Zürich  und 
St.  Gallen  in  Frage.  Von  allen  vier  haben  wir  Steuerlisten,  wenn  sie 
auch  nicht  genau  in  dieses  Jahrzehnt  passen.  Der  reichste  Bürger 
Berns  versteuerte  1389  nur  8000  <&  ^  %  der  Schultheis  Hasfurter  von 
LfOzsm  1461 :  i20oofl.,  in  Zürich  betrug  1467  das  gröfete  Steuer- 
vermögen 19  199  U.  (^  oder  hl.?).  Von  St.  Gfsllen  endlich  kenne  ich 
die  Steuersumme  eines  Mannes,  dessen  Familie  zu  dem  Sprichworte 
Anlaf^  gab:  reich  wie  ein  Mötteli!  Lütfried  Mötteli  versteuerte  1480: 
13  300  €6  ^ ').  Und  das  war  ein  Kaufmann,  dessen  Geschäfte  nach 
der  Provence  und  Spsmien  hin  ihren  Schwerpunkt  hatten,  die  auf- 
strebende Leinwandindustrie  von  St.  Gallen  ward  vor  allem  gefördert 
von  den  Mötteli,  freilich  war  dieser  Lütfried  ein  unehelicher,  aber  die 
echten  sind  in  Steuerlisten  nicht  zu  ertappen,  sie  gingen  früh  zum 
Landadel  über. 

Versuchen  wir  nun  unser  Glück  mit  Augsburg ,  dessen  Archiv 
als  einen  Schatz  eine  lückenlose  Reihe  von  Steuerbüchern  darbietet,, 
freilich  haben  sie  den  Mangel,  dafs  sie  nur  die  Steuersumme  angeben» 
nicht  aber  das  Vermögen  selbst  ^).  Nun  wäre  auch  das  noch  kein 
Nachteil,  wenn  das  Steuerkapital  zur  Steuer  in  einem  einfachen  Ver- 
hältnisse gestanden  hätte.     Das  war  jedoch  nicht  der  Fall.    Wie   in 


i)  Schönberg,    Finanzverhältnisse    der    Stadt    Basel,    Tübingen    1879    ^    237* 

s.  575-584. 

2)  IVelti^    Die    Tellbücher  der    Stadt   Bern    aus  dem  Jahre  138g,     Archiv    des 
historischen  Vereins  Bern  14,  700. 

3)  Die   letzten   drei  Angaben   nach  Dürr  er  im  Geschichtsfreund  der  fünf  Orte 

48,   140. 

4)  Die  im  folgenden  erwähnten  Steuerlisten  habe  ich  selbst  durchgearbeitet. 


—     207     — 

Ulm  und  Konstanz  wurde  auch  in  Aügfsbui^g'  das  mobile  und  immobile 
Besitztum  verschieden  getroffeli.  Von  dem  immobilen  Besitze  war  nur 
die  Hälfte  dessen  zu  zahlen,  was  eine  gleich  grofee  Summe  von  Fahr- 
habe zu  tragen  hatte  ^).  Dieselbe  Steuersumme  entsprach  also  einem 
sehr  erheblichen  Immobiliarbesitz  und  einem  halb  so  grofsen  Mobiliar- 
besitz. Wer  loooofl.  Immobilien  hatte,  zahlte  ebenso  viel,  wie  der, 
der  5000  fl.  in  Mobilien  besafs.  Der  Steuersatz  war  auch  nicht  fest,  von 
1424  bis  mindestens  1440  war  er  der  normale,  nachdem  1422  und 
14^3  der  doppelte  Betrag  erhoben  war.  In  der  Steuerliste  von  1428 
steht  an  der  Spitze  der  Steuerzahler  Petet  Jung  Egen  mit  62  fl.  i  Ort. 
Der  spätere  normale  Satz  der  Steuer  war  1  ^jo  vom  beweglichen, 
i/a  ®/o  vom  unbeweglichen  Vermögen,  also  sehr  hoch.  Peter  Jung  Egen 
hätte  nach  ihm  6200  fl.  mobilen  Kapitals  oder  i2  4O0fl.  Grundbesitz 
haben  können;  wahrscheinlich  überwog  der  Mobilbesitz  und  so  mag 
er   lOOOofl.  besessen  haben. 

Ganz  ähnlich  liegen  die  Dinge  bei  der  Ulmer  Steuer,  wo  eine 
Liste  von  1427  sich  erhalten  hat.  Auch  da  kennen  wir  nicht  die 
Angaben  des  Vermögens,  sondern  nur  die  Steuersumme  und  an  der 
Spitze  der  Steuerzahler  marschierten  damals  die  nichtzu  den  Geschlechtern 
gehörigen  Peter  Stöbenhaber  und  die  Witwe  Hansen  Stöbenhabers,  die 
zusammen  102  U.  hl.  zu  entrichten  hatten.  Wir  kennen  aber  hier  den 
Satz,  es  wurde  vom  Ü  hl.  Wert  der  Immobilien  ein  Heller,  von  dem 
von  Mobilien  aber  zwei,  vielleicht  jedoch  von  beiden  nur  die  Hälfte 
erhoben  •). 

Wer  weifs,  welch'  gro&e  Rolle  die  von  Wilhelm  von  Heyd  näher 
untersuchte  <  magna  societas  Alamannorum>  im  Welthandel  des  XV.  Jahr- 
hunderts gespielt  hat,  wird  mit  hohen  Erwartungen  sein  Augenmerk  auf 
die  kleine  Reichsstadt  Ravensburg  lenken.  Und  da  haben  wir  die 
älteste  Steuerliste  von  1473,  die  uns  auch  die  Vermögen  vorführt,  und 
da  steht  richtig  an  der  Spitze  der  Steuerzahler  das  damalige  Haupt 
der  grofeen  Ravensburger  Gesellschaft  Jos  Humpis  alt,  er  versteuerte 
3000  #9  ^  liegend,  7500!^  ^  fahrend,  also  zusammen  10500^  und 
zahlte  37  *J  1 1  /?  6  ij  Steuer.  Über  4000  Ä  besitzen  aufserdem  noch 
7  Personen,  von  denen  6  derselben  Familie  oder  deren  Zweige  von 
Ankenreute  angehören. 


')  VgL  y.  ffartungf  Die  Augshurgische  VermÖgensstetier  und  die  Entwicklung 
BnitMverhältnisse  im  1 6,  Jahrhundert  in  Schmollers  Jahrbuch  für  Gesetzgebung  u.  s.  w, 
19,  868,  TgL  19,  103  f. 

2)  Kdlle^      Ursprung    und    Entwicklung    der    VermÖgensstetier    in    Ulm^     in 
IVurttemb.   Vierieljahrshefte  für  Landesgeschichte ^  Nene  Folge  7,  16  f. 

16* 


—     208     — 

Wenn  ich  an  einer  Stelle  die  Grenzen  Schwabens  und  der  Schweif 
überschreiten  darf,  so  wendet  sich  das  Interesse  einer  Stadt  zu,  die 
heute  der  Sitz  vieler  grofsen  Vermögen  ist,  Prankfurt  Wer  dabei  der 
Bücherschen  Untersuchungen  gedenkt,  die  einen  so  hervorragend 
starken  Anteil  des  Ackerbaus  am  Leben  der  Mainstadt  erwiesen  haben, 
wird  freilich  für  damals  keine  sehr  grofsen  Vermögen  erwarten.  Der 
Höchstbesteuerte  von  1484  ist  Bechtolt  Heller.  Rechnet  man  in  seiner 
Steuererklärung  das,  was  in  Geldeswert  angegeben  ist  oder  in  Geld  sich 
ohne  Mühe  umrechnen  läfst,  so  erhält  man  rund  63CX)  ü.  Daneben  hatte 
er  noch  527  Morgen  Land,  9  Stück  Rindvieh,  35  Schweine,  560  Schafe 
und  einige  Häuser  in  der  Stadt.  Immerhin  ein  recht  reicher  Mann, 
aber  nicht  einmal  ein  mittelalterlicher  Krösus  ^). 

Wenden  wir  uns  nun  nach  Konstanz,  dessen  Sammlung  von  Steuer- 
listen mit  denen  von  Augsburg  sehr  wohl  den  Vergleich  aushält;  freilich 
hat  Konstanz  auch  in  seiner  Blütezeit  die  kulturgeschichtliche  Bedeutung 
von  Augsburg  nicht  besessen.  Die  Konstanzer  Listen  gehen  nicht  so 
weit  zurück,  wie  die  Augsburger,  und  ich  selbst  habe  die  ältesten 
Jahrgänge,  die  man  früher  fiir  die  Zeiten  vor  dem  Konzil  benutzte, 
dem  Anfang  der  Serie  nehmen  müssen.  Wie  ich  diese  Listen  benutzte, 
entdeckte  ich  bald,  dafs  diese  Listen  nicht  in  den  Anfang  des  XV., 
sondern  in  die  entsprechenden  Jahre  des  XVI.  Jahrhunderts  gehörten. 
Die  Serie,  wie  ich  sie  seiner  Zeit  festgestellt  habe,  beginnt  erst  mit 
dem  Jahre  141 8.  Den  Augsburger  Listen  sind  aber  die  Konstanzer 
deshalb  überlegen,  weil  sie  auch  die  Vermögensangabe  nach  Fahrhabe 
und  Immobiliarbesitz  enthalten,  so  dafs  wir  hier  einen  vonsüglichen  Über- 
blick über  die  Vermögensverteilung  gewinnen.  Und  in  diesen  Listen  be- 
gegnen uns  nun  Glieder  eines  enorm  reichen  Geschlechtes.  141 8  zahlte 
Lütfried  Muntprat  und  sein  Bruder  Steuer  von  7500  U  liegendem 
und  37  500  a  Fahrhabe.  Bis  zum  Jahre  1433  blieb  dieses  Vermögen 
ungeteilt  und  stieg  auf  16  000  -f  79  000  =  95  cxx)  tt  an.  Nach  der 
TeUung  vermehrte  sich  die  Summe  der  beiden  Vermögen  bis  1447 
auf  132464^  Liutfrid,  der  1447  starb,  hinterliefs  ein  Vermögen  von 
714001^  (davon  61740^  Fahrhabe).  Wie  die  Berechnung  näher 
ergiebt,  handelt  es  sich  hier  um  i6  ^,  nicht  um  tt  hl.  In  Konstanz  betrug 
der  Steuersatz  vom  beweglichen  Eigentum :  0,277  «/o,  vom  unbew^- 

l)  Sucher,  Zwet  mittelalterliche  Steuerordnungen  in  Kleine  Beiträge  %ur  Ge- 
schichte von  Docenten  der  Leipziger  Hochschule,  Festschrift  som  deatschen  HistorikerUg 
in  Leipzig  S.  159 ff.  and  140.  —  Die  Frankfurter  Bedeordnung  von  1475  ^^^'^  <^^ 
Speyerer  von  138 1  zeigen,  wie  im  einzelnen  die  Steuer  nach  dem  Einkommen  und 
Vermögen  berechnet  wurde. 


—     209     — 

liehen  0,138  ®/o,  in  Ulm  0,416  und  0,208  ^jo,  vielleicht  aber  0,833  und 
0,4160/0,  in  Augsburg  endlich  i,0®/o  nnd  0,5^/0.  In  diesen  Städten 
hätte  also  Muntprat  viel  erheblichere  Steuern  bezahlen  müssen.  Die 
Berechnung  stellt  sich  für  Ulm: 

beweglicher  Besitz:     9660  it  ^  s=s     19320  ü  hl.  Steuer:       80,5  oder     40,25, 
anbeweglicher  Besitz:  61  740  ü  ^  *»  133480  it  hl,       „        1029,0  oder  514,50 

zusammen  ü  hL  1109,5  oder  555,75. 

Die  beiden  Stöbenhaber  zahlten  also  entweder  nur  den  zehnten  oder 
doch  nur  den  fünften  Teil.  Für  die  Berechnung  von  Augsburg  lege 
ich  den  aus  der  Konstanzer  Rechnung  gewonnenen  Satz  i  fl.  rh.  =  15  /? 
J^  zu  Grunde.  Das  ergäbe  von  12  880  +  82  320  fl.  =  64,4  -f-  823,2 
zusammen  887,6  fl.,  Peter  Jung  Egen  zahlte  nur  62{:  fl. !  Die  Fugger 
überschtitten  diesen  Steuerbetrag  erst  im  Jahre  1504! 

Es  bedarf  keiner  weiteren  Rechnungen,  Lütfried  Muntprat  war, 
soweit  sich  das  irgend  erkennen  läfst,  damals  der  weitaus 
reichste  Bürger  Schwabens  und  der  Schweiz,  er  war  ein  Vor- 
läufer der  Fugger.  Wie  kam  er  zu  dem  Vermögen?^)  Auch  darauf 
können  wir  ziemlich  viel  Antwort  geben.  Die  grofse  Ravensbuiger 
Gesellschaft  nennt  sich  in  der  Urkunde  über  die  Gründung  ihrer  Ka- 
pelle (1461)  die  Gesellschaft  der  Hundbifs,  Muntprat  und  Mötteli,  und 
wenn  wir  nun  auch  nicht  sicher  feststellen  können,  wann  die  Familien 
sich  zusammenthaten ,  ob  vielleicht  die  grofse  Gesellschaft  geradezu 
die  Fortsetzung  der  alten  Muntpratschen  Handlung  ist,  so  können  wir 
doch  den  Charakter  der  jüngeren  Gesellschaft  auf  die  ältere  über- 
tragen. Und  thatsächlich  findet  sich  auch  bei  den  ältesten  Muntpratd 
schon  die  Bevorzugung  des  spanischen  Handels.  Lütfried,  der  von 
König  Ruprecht  zu  seinem  Familiären  gemacht  worden  war,  wurde 
.1408  mit  seinem  Bruder  Johann  und  dem  Frankfurter  Paul  Fetzbrei 
von  korsikanischen  Seeräubern  gefangen  genommen.  Aber  auch  in 
Venedig  und  Flandern  lassen  sich  die  Muntprats  um  und  bald  nach 
1400  nachweisen. 

Wie  man  weifs,  sind  die  Fugger  nicht  aus  den  Augsburger  Ge-» 
schlechtem  hervorgegangen,  ebenso  wenig  gehörten  die  Muntprats 
von  vornherein  zur  Konstanzer  Patriziergesellschaft,  zur  „Katze".  Frei- 
lich Lütfried  und  sein  Bruder  Johann  hielten  sich  schon  zu  den  Ge- 
schlechtem, aber  neben  ihnen  erscheinen  andere  Glieder  des  Hauset 
im  Rate  noch  als  Vertreter  von  Zünften,  und  in  den  Zunftrevolutionen 


1)  Im  folgenden  verzichte  ich  anf  Quellenangaben,  da  ja  dieser  selbe  Gegenstand 
in  dem  demnächst  erscheinenden  Werke :  Geschichte  des  Handels  und  Verkehrs  zwischen 
IVesidruischland  und  Italien  näher  behandelt  werden  wird. 


—     2X0     — 

werden  die  Muntprats  von  den  Zünften,  reklamiert.  Sehr  woit  kann 
man  das  Geschlecht  nicht  zurückverfolgen.  Es  taucht  zuerst  1354  auf, 
und  in  dieser  Urkunde  hat  der  gründliche  Kenner  der  Geschichte 
seiner  Vaterstadt,  Privatdozent  Dr.  Beyerle  in  Freiburg,  eine  halb  ra- 
dierte Stelle  von  groCser  Bedeutung  entdeckt.  Hinter  dem  Namen 
Heinrich  Muntbrats  stand  und  steht  das  Wörtlein  kawerze.  Ga- 
werseke,  caorsinus  u.  s.  w.  ist  aber  der  Name,  mit  denen  man  die- 
jenigen christlichen  Kaufleute  bezeichnete,  welche  sich  um  das  Zins- 
verbot .der  Kirche  nicht  kümmerten,  sondern  kleine  Pfandleihbanken 
hieUoB,  wo  sie  vor  allem  das  Lombardgeschäft  betrieben. 

.13er  Name  Muntprat  hatte  schon  längst  unsere  Aufmerksamkeit 
nach  Italien  gelenkt,  aber  bisher  war  es  weder  gelungen,  den  Namen 
noch  das  Wappen  (Schild  geteilt,  oben  zwei  silberne  Lilien  in  schwarzem 
Felde,  unten  eine  schwarze  Lilie  in  silbernem  Felde)  in  Italien  nach- 
zuweisen. Jetzt  wird  das  Feld,  wo  man  zu  suchen  hat,  erheblich  ein- 
geschränkt; denn  alle  in  Deutschland  angesiedelten  Gawerschen 
stammten,  wie  ich  nachweisen  werde,  so  gut  wie  ausnahmslos  aus 
Asti,  wenige  aus  dem  benachbarten  Chieri,  und  auch  über  die  An- 
siedelung von  Astigianen  als  Geldhändlem  in  Konstanz  haben  wir 
Zeugnisse.  Freilich  ist  es  mir  bisher  nicht  gelungen,  die  Familie  oder 
das  Wappen  in  Asti  oder  den  Familiennamen  als  Ortsnamen  in  der 
Gegend  von  Asti  oder  überhaupt  nachzuweisen. 

Dafs  noch  Lütfried  oder  sonst  einer  der  Muntprats  seiner  Zeit  die 
Geschäfte  des  Pfandleihers  betrieb,  ist  mcht  bekannt,  auch  sehr  un- 
wahrscheinlich, abe^  es  ist  doch  wohl  ein  solches  Wucherergeschlecht, 
das  sich  entnationalisierte  und  vom  Geld-  zum  Warenhandel  überging, 
ursprünglich  gewesen.  Die  vornehmsten  Geschlechter  von  Asti  und 
Chieri  hatten  das  Gewerbe  getrieben,  die  Ahnherren  Ats  Dichters 
Grafen  Alfieri  wie  die  der  Herzöge  von  Broglie.  Auch  die  Muntprats 
gingen  den  Weg,  den  die  reich  gewordenen  Kaufmannsfamilien  nicht 
allein  des  Mittelalters  einschlugen.  Schon  im  XV.  Jahrhundert  entstand 
eine  ganze  Reihe  von  Linien  des  Landadels,  in  Konstanz  selbst  blieben 
nur  Glieder  der  ärmeren  Zweige  zurück.  Im  Jahre  1653  starb  der 
letzte  seines  Stammes. 

Wie  stand  es  mit  dem  Vermögen  der  reichen  han- 
sischen Kaufherren? 


—   an   — 


Zur  landesgesehichtlieheti  Forschung  in 

Sehles^Af  ig  ^  Holstein 

Von 
R.  Haiisen  (Oldesloe) 

In  der  Provinz  Schleswigs -Holstein  herrschte  in  der  ersten  Hälfin^ 
des  19.  Jahrhunderts  ein  recht  bedeutendes  Interesse  für  die  l^mdes* 
geschichtliche  Forschung;  der  Gegensatz  der  beiden  Nationen,  der 
nach  den  Wirren  der  napoleonischen  Zeit  wieder  auflebte  und  durcl;! 
die  Politik  der  dänischen  Könige»  die  das  Aussterben  der  männlichen 
Linie  mit  Besorgnis  drohen  sah,  noch  gesteigert  wurde,  veranlalstiet 
eine  aUgemeinere  Beschäftigung  mit  der  älteren  Geschichte  dqs  Laodea 
Mehrere  Zeitschriften,  um  deren  Leitung  sich  vor  aUem  die  Professorefi 
Falck»  Dahlmann,  Mix^elsen  verdient  machten,  erschienen  iast  gleich- 
zeitig nebeneinander,  alle  mit  wertvollem  Inhalte:  Kieler  BlUter 
(1815 — 1819),  Sammlungen  zur  Kunde  des  Vaterlandes  {1819 — xSas), 
Kieler  Beiträge  (1820-^1821),  Staatsbürgerliches  Magazin  (1S21  bis 
1841),  Archiv /ür  Staats-  und  Kirchengeschichte  (1833  ff.),  dwebeo^ 
die  1787  gegründeten  und  von  verschiedenen  H^ausgebem  und  unter 
etwas  wechselndem  Titel  bis  1834  veröffentlichten  Pravinzialberiehte. 

Als  die  politischen  Kämpfe  endlich  mit  der  Trennung  der  Herspo^ 
tümer  von  Dänemark  und  der  Verbindung  mit  Preuisen  ihr  Ende  faa^. 
den,  nahm  das  Interesse  für  Landesgeschichte  entschieden  etwas  ab. 
Es  lag  das  teils  daran,  da(s  viele  Landeskinder  nicht  mehr  wie  frühoi; 
im  Lande  blieben,  sondern  in  den  anderen  Teilen  des  gröfeeren  Vater- 
landes angestellt  wurden,  teils  daran,  da(s  viele  Leute  der  gebildeteji 
Stände,  d.  h.  besonders  der  Beamten,  nicht  mehr  der  Provinz  der 
Geburt  nach  angehörten  und  der  Geschichte  des  Landes  nicht  das- 
selbe Interesse  zuwandten  wie  die  Eingebomen. 

In  neuester  Zeit  ist  die  Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  Landeae 
kuade  aber  viel  regsamer  geworden,,  und  darüber  will  ich  hier  kun 
berichten. 

Ab  Fortsetzung  des  alten  Archivs  für  Staats^  und  Kirchen- 
geschichte ist  die  Zeitschrift  der  Gesellschaft  für  SchUswig^Holr 
stein •  Lauenburgische  Gfischichte  anzusehen,  die  seit  1870  uatec 
diesem  Titel  in  29  Jahrgängen  erschienen  ist  und  zahlreiche  wertvolle 
Beiträge  enthält.  Die  Gesellschaft  bat  aulser  der  Zeitschrift  auch  eine 
neue  Ausgabe,  der  Urkunden  vorgenommen;  davon  sind  drei  Bäad& 


—     212     — 

(786 — 1250,  125 1 — 1300,  I30I — 1340) f  bearbeitet  von  Dr.  P.  Hasse,. 
1886,  1888  und  1896  fertig  geworden.  Nachdem  Hasse  nach  Lübeck 
gegangen  war,  begann  die  Arbeit  zu  stocken;  der  dafür  gewonnene 
Prof.  Schum  in  Kiel  starb  leider  zu  früh;  seit  1898  hat  aber  Professor 
Volquardsen,  der  aus  Göttingen  nach  Kiel  zurückgekehrt  ist,  die  Fort- 
führung übernommen,  und  es  ist  hoffentlich  in  nicht  zu  langer  Frist 
ein  weiteres  Hefl  der  Sammlung  zu  erwarten.  —  Leider  ist  die  Zahl  der 
Mitglieder  der  Gesellschaft  verhältnismäfsig  klein,  und  auch  die  von 
der  Provinz  ihr  zugewandten  Mittel  sind  nicht  allzu  reichlich  bemessen* 

Verhältnismäfsig  sehr  rührig  sind  die  dänisch  Gesinnten  Nord- 
schleswigs in  der  landeskundlichen  Forschung.  Seit  1889  sind  von 
ihnen  fünf  Bände  der  Sönderjydske  Aarböger  herausgegeben,  die 
zwar  den  Zweck  im  Auge  haben,  die  dänisch  redende  Bevölkerung 
Nordschleswigs  bei  ihrer  Anhänglichkeit  an  das  „alte  Vaterland'^ 
Dänemark  zu  erhalten,  aber  doch  eine  Reihe  von  tüchtigen  wissen- 
schaftlichen Abhandlungen  über  frühere  Verhältnisse  Schleswigs  und 
von  interessanten  MitteUungen  enthalten.  Viele  wissenschaftlich  sehr  wert- 
volle Artikel  finden  sich  auch  in  den  historischen  Zeitschriften  Dänemarks. 

Aufser  jener  dänisch  geschriebenen  Zeitschrift  sind  im  letzten 
Jahrzehnte  noch  zwei  andere  Ismdeskundliche  gegründet.  Seit  1891 
erscheint  die  Monatsschrift  des  Vereins  zur  Pflege  der  Natur-  und 
Landeskunde  in  Schleswig-Holstein,  Hamburg  und  Lübeck  unter  dem 
Titel  Dte  Heimat,  bis  jetzt  10  Jahrgänge  von  etwa  je  240  Seiten. 
Die  Heimat  wird  von  Volksschullehrem  redigiert  und  findet  ihre 
Mitarbeiter  und  Leser  besonders  in  demselben  Kreise.  Die  Arbeiten 
betreffen  aufser  der  Naturkunde  vor  allem  die  Geschichte;  sie  sind 
meist  populär  gehalten,  tragen  aber  'zur  Förderung  des  Interesses  ohne 
Frage  viel  bei  und  werden  manche  Leser  zu  eingehenderen  Forschungen 
anregen. 

Der  neueste  Verein  für  landeskundliche  Forschung  ist  der  für 
schleswig-holsteinische  Kirchengeschichte.  Findet  sich  auch  in  man* 
chen  Bänden  der  historischen  Zeitschrift  eine  Reihe  von  Arbeiten  auf 
dem  Gebiete  der  Kirchengeschichte,  so  zeigt  doch  die  Zahl  der  Mit- 
glieder, die  seit  der  Gründung  (1897)  ^^"^  Vereine  beigetreten  sind 
(im  Februar  1900  waren  es  389),  dafs  das  Bedürfnis  vorlag.  Dies  war 
zum  Teil  auch  dadurch  geschaffen ,  dafs  *  die  Geistlichen  der  Provinz 
für  ihre  Gemeinden  Kirchspielschroniken  abfassen  sollen,  also  zu  histo- 
rischen Studien  genötigt  werden. 

Der  Verein  giebt  zwei  Reihen   von  Schriften  heraus.     Von    der 
zweiten  Reihe,  die  Kleine  Schriften  umfafst,  liegen   vier  Hefte  vor. 


—     213     — 

die  Mitteilungen  über  die  verschiedensten  Jahrhunderte  enthalten.  Voa 
längeren  Aufsätzen  nenne  ich:  C.  Rolfs:  Zur  dithmarsischen  Refor* 
fnattonsgeschtchte ;  Ad.  Matthaei:  Zum  Studium  der  mittelalterlichen 
Schnitzaltäre;  Chr.  Harms :  Claus  Harms'  akademische  Vorlesungen 
über  den  Kirchen-  und  Schulstaat  der  Herzogtümer;  Weiland  und 
Michelsen :  Geistlichkeit  und  Landeskirche  in  den  Jahren  der  Er» 
Hebung  1848 — 18^0;  E.  Jacobs :  A.  H.  Wallbaum  und  die  pietistische 
Bewegung  in  Schleswig-Holstein. 

Von  der  ersten  Reihe,  den  gröfseren  Schriften,  ist  bis  jetzt  nur 
ein  Heft  erschienen,  das  aber  (lir  alle,  die  sich  mit  dem  Studium  der 
Geschichte  der  Herzogtümer  befassen  wollen,  von  hervorragender 
Wichtigkeit  ist :  F.  Witt,  Quellen  und  Bearbeitungen  der  Schleswigs 
holsteinischen  Kirchengeschichte,  255  Seiten,  Kiel  1899.  —  Wie 
grofs  auch  der  Wert  der  zahlreichen  in  Zeitschriften  veröffentlichten 
Aufsätze  sein  mag,  sie  werden  oft  nicht  beachtet,  weil  sie  nicht  immer 
von  späteren  Bearbeitern  des  gleichen  Stoffes  sofort  zu  ermitteln  sind; 
daher  hat  die  Gesellschaft  für  die  Geschichte  Schleswig-Holsteins  für  alle 
Zeitschriften  von  1787 — 1870  ein  1874  erschienenes  Register  durch 
Eduard  Alberti  ausarbeiten  lassen,  und  für  die  Jahrgänge  I — XX  der 
neuen  Zeitschrift  (1871 — 1890)  ist  kürzlich  ebenfalls  ein  Register  er- 
schienen, bearbeitet  von  Karl  Friese.  Ein  Verzeichnis  der  sonstigen 
Publikationen,  eine  Quellenkunde,  fehlte;  in  diese  Lücke  tritt  Witts 
Arbeit.  Witt  beschränkt  sich  nicht  auf  das  rein  kirchengeschichtliche 
Gebiet,  sondern  giebt  auch  die  Hilfsmittel  für  politische  und  Kultur- 
geschichte fast  vollständig.  Die  Rubriken  sind :  I.  Hilfsmittel ;  II.  Zeit- 
schriften; III.  Gesammelte  Abhandlungen;  IV.  Quellen-  und  Urkunden- 
sammlungen; V.  Sammlungen  von  Gesetzen  und  Verordnungen; 
VI.  Politische  Geschichte;  VII.  Geschichte  und  Beschreibung  i)  ein- 
zelner Distrikte,  2)  einzelner  Kirchspiele  und  Ortschaften;  VIII.  Dar- 
stellungen der  Kirchengeschichte  Schleswig  -  Holsteins ,  zusammen 
103  Seiten  umfassend;  dann  IX.  (von  S.  103 — 227)  Quellen  und  Be- 
arbeitungen der  Kirchengeschichte  nach  der  Reihenfolge  der  Er- 
eignisse. 

Von  einem  solchen  Quellenbuch  kann  nicht  erwartet  werden,  dafs  es 
jeden  Artikel  in  Zeitschriften  namhaft  macht;  das  Albertische  Register 
wird  also  nicht  überflüssig.  Witt  hat  aber  eine  grofse  Zahl  mit  Recht 
aufgenommen,  so  dafs  derjenige,  welcher  sich  mit  einem  Zweig  der 
Landesgeschichte  erst  bekannt  machen  will,  Auskunft  in  Hülle  und 
Fülle  erhält.  Eine  besondere  Schwierigkeit  liegt  in  der  Heranziehung 
der   dänischen  Litteratur,   die  für  Schleswig,   aber  auch  iür  Holstein 


—     2U     — 

nicht  vernachlässigt  werden  darf.  Soweit  ich  sehe,  hat  Witt  hier  Aus* 
reichendes  gegeben;  etwaige  Ergänzungen  bieten  die  auch  von  ihm 
aufgezählten  dänischen  Repertorien.  Schwieriger  ist  die  Verwertung 
des  handschriftlichen  Materials.  Witt  giebt  einige  besonders  wichtige 
aus  den  Kopenhagener  Bibliotheken.  Die  Schleswig-Holstein  betreffea- 
den  Handschriften  der  Kieler  Universitätsbibliothek  sind  von  H.  Ratjen 
in  drei  Bänden  1858*1866  verzeichnet,  sie  hat  Witt  nicht  mit  be- 
rücksichtigt. Manches  liegt  in  den  Propstei-  und  anderen  Archiven, 
Wertvolles  und  Wertloses;  dessen  Siehtui^  steht  noch  aus.  Wenn 
man  daher  auch  einzelnes  vielleicht  vermissen  wird  (z.  B.  v.  Seelen, 
Athenae  Lublicenses),  so  darf  doch  Witt  als  ein  vorzügliches  Hilfismittel 
zum  Studium  nicht  nur  der  schleswig-holsteinischen  Kirchengeschichte, 
sondern  auch  der  politischen  Geschichte  allen  Forschem  empfohlen 
werden. 

Der  Verein  beabsichtigt,  auch  ein  Verzeichnis  aller  in  den  Ar* 
chiven  liegenden  Aktenstücke  von  geschichtlichem  Werte  zusammen^ 
zustellen;  dadurch  wird  er  sich  ein  neues  Verdienst  um  die  Landes- 
geschichte erwerben. 


Mitteilungen 

Historiselie  Museen  deutscher  StSdte.  —  Auf  die  Wichtigkeit  der 

Altertümersammlungen  für  die  Geschichtsforschung,  die  leider  vielfach  noch 
nicht  genügend  erkannt  zu  sein  scheint  —  es  fehlt  vor  aHem  daran,  dafs  dkc 
von  den  Museumsleitern  an  der  Hand  ihrer  Schätze  gewonnenen  geschicht- 
lichen Thatsachen  in  Worte  gefafst  und  damit  allgemein  zugänglich  gemacht 
werden  — ,  haben  wir  schon  wiederholt  für  kleinere  Städte  hingewiesen  (vgL 
S.  87  und  176).  Um  zu  zeigen,  wie  es  mit  den  bekanntesten  städtischen 
Museen  gegenwärtig  steht,  und  um  an  anderen  Orten  emerseits  zur  Nach* 
eiferung  anzuspornen  andrerseits  aber  auch  um  auf  Mäqgel  aufmerksam  zu 
machen,  die  sich  leicht  vermeiden  lassen,  mögen  hier  einige  Mitteilungen 
über  die  Historischen  Museen  einiger  Groisstädte  folgen: 

Frankfurt  a.  X.  Im  Juni  1878  wurde  das  städtische  historische 
Museum  in  Frankfurt  a.  M.  in  dem  nach  Plänen  des  Dombaumeisters  Den- 
zinger  errichteten  Neubaue  des  Archivgebäudes  auf  dem  Weckmarkt  unter 
Leitung  des  städtischen  Konservators  Direktor  O.  Comill  eröffiiet  und  damit 
der  Bestand  an  städtischen  Kunst-  imd  Altertmnsgegenständen ,  welche  bis 
dahin  in  verschiedenen  Lokalen  verstreut  waren,  zu  einer  besonderen  Samm- 
lung vereinigt  Durch  das  eifrige  Wirken  der  städtischen  „Kommission  für 
Kunst-  imd  Altertumsgegenstände''  und  des  „Vereins  für  das  historische 
Museum",  sowie  durch  häufige  Geschenke  und  Vermächtnisse  seitens  der 
Bürgerschaft  vergröfserte  sich  die  Sammlung  im  Laufe  des  darauf  folgenden 
Dezenniiuns  derartig,  dafs  das  Erdgeschofs  des  Archivgebäudes  nicht  mehr 


—     215     — 

ausieichte;  im  Jahre  1893  wurde  das  westUch  daran  stoßende  Leiawaadhaus, 
ein  prächtiger  ProEubau  der  Spätgotik,  damit  verbunden,  nachdem  dieses 
wiederhergestellt  und  zu  Museumszwecken  ausgebaut  worden  war.  Seitdem 
ist  das  Wachstum  der  Sammlung  in  so  erfreulicher  Weise  fortgeschritten,  dafs 
nunmehr  auch  diese  stattlichen  Räume  überfüllt  sind,  und  zur  dringend  not- 
wendigen Eiweiterung  soeben  der  westliche  Hof  des  Leinwandhauses  mit  einer 
Halle,  die  unmittelbar  an  dessen  Unterstock  anschliefst,  überbaut  wird.  Die 
Summe,  welche  jetzt  jährlich  für  Ankäufe  und  Ausgrabungen  dem  Museum 
durch  regelmässige  Beiträge  der  Stadt  und  des  oben  genannten  Vereins, 
ferner  durch  gelegentliche  private  Zuwendungen  zu  Gebote  steht,  erreicht 
durchschnittlich  einen  Höchstbetrag  von  insgesamt  aoooo  Mark. 

Das  Museum  bewahrt  nicht  blofs  Gegenstände,  wdche  aus  Frankfurt 
tmd  dessen  Umgebung  stammen,  sondern  auch  im  allgemeinen  reiches,  aus- 
erlesenes Material  aus  den  Gebieten  der  Kulturgeschichte,  des  Kunstgewerbes 
und  der  bildenden  Künste.  Der  Bestand  an  Archivalien  ist  indessen  nur 
gering,  da  bekanntlich  die  reichen  Schätze  an  Urkunden  dem  Stadtarchive 
angehören;  von  diesem  wurden  depositarisch  nur  die  berühmte  Frankfurter 
Ausfertigung  der  „  Goldenen  Bulle  "  imd  eine  Reihe  von  Handwerker-Büchern, 
meist  aus  dem  XVIIl.  Jahrhundert  überlassen. 

Aus  der  Zeit  der  Reichsstadt  und  der  freien  Stadt  findet  sich  eine  reiche 
Auswahl  von  Waffen  und  Uniformen,  zum  Teil  in  plastischen  Figuren.  Die 
in  der  Rüstkammer  aufgestellte  Fellnersche  Sammlung  besitzt  wertvolle 
Rüstungen  des  XV.  bis  XVII.  Jahrhunderts,  Jagdwaffen  und  Dekorationswaffen. 
Bürgerliche  Trachten  aus  dem  XVIII.  und  dem  Anfange  des  XIX.  Jahrhunderts, 
Amtstrachten  und  Würdezeichen,  Kinderspielsachen  aus  dem  XVIII.  Jahrhun- 
dert, Volkstrachten  der  benachbarten  Gebirgsbewohner,  eine  Bauernstube  aus 
Oberhessen  bilden  eine  besondere ,  sehr  anziehende  Abteilung.  Die  Völker- 
kunde ist  durch  die  Erzeugnisse  von  Natur-  und  Kulturvölkern  bestens  ver- 
treten :  von  ersteren  namenüich  Australien  und  die  Südsee-Inseln,  von  letzteren 
Alt-Amerika,  China  und  Japan.  Die  Abteilung  der  ältesten  Völker  enthält 
Werke  der  ägyptischen  Kleinkunst  imd  Mumiensarkophage,  Thongefafse  und 
Bronzegegenstände  der  griechisch-italischen  Epoche,  und  zahlreiche  Funde  aus 
der  europäischen  Stein-,  Bronze-,  Eisenzeit,  zum  Teil  solche  aus  Frankfurts 
Umgebung.  Von  hervorragendem  archäologischen  Interesse  ist  die  Sammlung 
der  Römerfunde,  welcher  das  benachbarte  Hauptfundgebiet  bei  Heddemheim 
ond  Praunheim  fortwährend  wertvolle  Ergänzungen  liefert.  Besonders  seien 
hier  erwähnt  die  bst  5^  m  hohe  Gigantensäule  aus  Heddemheim  tmd  das 
groise  Mithrasrelief  mit  den  beiden  Altären.  Die  frühgermanischen  Grab- 
limde  stanunen  ebenfisüls  aus  Frankfurt  selbst  oder  dessen  Umgebung,  des- 
gleichen eine  Reihe  von  Thongefii&en  des  X.  bis  XVI.  Jahrhunderts.  Eine 
lokalgeschichdiche  Bedeutung  haben  die  Gegenstände  aus  den  ehemaligen 
Frankfurter  Innungen,  die  zumeist  vortreffliche  künstlerische  Ausführung 
xeigen;  beachtenswert  ist  das  groise  Herbergsschild  der  Metzger -Innung  in 
meisterhafter  Schmiedearbeit  und  deren  reichbemalte  eiserne  Lade,  und  die 
ErijDOierungen  von  den  Kaiserkrönungen,  darunter  der  Krönungsbaldachin  mit 
au%estickten  grofsen  Reichsadlern,  Ein  Teil  der  kirchlichen  Gerätschaften 
ist  zur  Einrichtung  einer  Kapelle  benutzt,  welche  sich  in  dem  mit  eineoa 
Kreuzgewölbe  überdeckten  Räume  im  Erdgeschosse  des  Leinwandhauses  b&- 


—     216     — 

findet  und  mit  vortrefflichen  Glasgemälden  des  XIII.  Jahrhunderts  aus  dem 
Dom  ausgestattet  ist  Beachtenswert  ist  auch  eine  Sammlung  von  israeliti* 
sehen  Ritualgegenständen  des  XVII.  bis  XIX.  Jahrhunderts. 

Die  zahlreichen  wertvollen  Gemälde  des  XV.  bis  XVIL  Jahrhunderts  aus 
Frankfurter  Kirchen  und  Klöstern,  femer  diejenigen  des  XVIII.  und  XIX.  Jahr- 
hunderts sind  in  zwei  Gemäldesälen  untergebracht,  in  deren  einzelnen  Ab- 
teilungen gleichzeitiges  Mobiliar  aufgestellt  ist.  Neben  einem  aus  elf  Tafeln 
bestehenden  Altarwerke  von  Hans  Holbein  dem  Älteren  finden  wir  die  Portraits 
Luthers  und  Melanchthons  von  Lukas  Cranach  dem  Älteren,  eine  Taufe 
Christi  von  Hans  Baidung  Grün,  zwei  grau  in  grau  gemalte  Altarflügel  von 
Matthias  Grünewald,  und  als  Hauptstücke  die  beiden  Flügel  und  die  Kopie 
des  durch  Brand  zugrunde  gegangenen  Mittelbildes  aus  dem  berühmten  Altar- 
werke, welches  Albrecht  Dürer  für  den  Frankfurter  Ratsherrn  Jakob  Heller 
gemalt  hatte.  Unter  den  Gemälden  des  i8.  Jahrhunderts  ist  Chr.  Gg.  Schütz, 
Joh.  Conrad  Seekatz  und  Joh.  Ludwig  Ernst  Morgenstern  gut  vertreten.  Die 
Sammlung  von  Frankofurtensienblättem  ist  jetzt  auf  ca.  20000  Stück  ange- 
wachsen, darunter  die  kostbare  Reiffensteinsche  Aquarellsammlung,  die  Ger- 
ningsche  Sammlung,  die  Krönungsdiarien  etc.  Hierher  gehört  auch  eine 
grofse  Anzahl  von  Siegeln,  Münzen,  Medaillen,  Portraits  und  Freimaurer- 
gegenständen. 

Es  würde  hier  zu  weit  führen,  die  Fülle  von  kunstgewerblichen  Erzeug- 
nissen, welche  das  Museum  besitzt,  eingehender  zu  behandeln ;  wir  erwähnen 
daher  nur  folgende  Gruppen :  Möbel ;  grofse  Schränke,  teilweise  mit  Schnitzerei 
und  Elfenbeinanlagen,  Tische,  Stühle,  holländische  Lackmöbel,  Prunkmöbel; 
musikalische  Instrumente;  Gläser;  Porzellan,  Majoliken,  Fayencen,  Steinzeug; 
Buchbeschläge  und  Einbände;  Kassetten;  Silbersachen;  Arbeiten  in  Zinn 
und  Kupfer;  moderne  Medaillen;  Schlosserarbeiten;  kleinere  Gebrauchs- 
gegenstände etc. 

Einen  wesentlichen  Bestandteil  des  Museums  bilden  zahlreiche  einzelne 
Gebäudeteile  aus  Stein,  Holz  und  Schmiedeeisen,  welche  als  Überreste  von 
Frankfurter  Baudenkmälern  demselben  überwiesen  wurden.  Umfangreichere 
Stücke  davon,  sowie  Statuen  und  römische  Steinsärge  sind  in  dem  Museums- 
hofe zur  Aufstellung  gelangt. 

Der  Aufschwung,  welchen  das  Museum  in  den  letzten  Jahren  nahm^ 
hat  demselben  eine  beträchtliche  Besucherzahl  zugeführt,  zugleich  aber  den 
Mangel  eines  gedruckten  Führers  fühlbar  gemacht.  Die  rasche  Ausdehnting 
der  Sammlung  in  beschränkten  Räumlichkeiten,  wobei  die  Stücke  einer  Gruppe 
oft  in  verschiedenen  Sälen  untergebracht  werden  mufsten  und  eine  einheitliche 
Aufstellung  unmöglich  war,  boten  der  Abfassung  eines  Führers  nicht  zu 
unterschätzende  Schwierigkeiten.  Mit  freudiger  Anerkennung  mufs  es  daher 
von  Seiten  aller  beteiligten  Kreise  begrüfst  werden,  dafs  Herr  Dr.  F.  QuiUing,. 
der  wissenschafüiche  Assistent  des  Museums,  sich  der  mühevollen  Herausgabe 
eines  solchen  unterzogen  und  eine  vortreffliche  Lösung  dieser  schwierigen 
Aufgabe  dadurch  gefunden  hat,  dafs  er  keine  katalogartige  Aufzählung 
der  Gegenstände  bietet,  sondern  dem  Besucher  die  betreffenden  Kiuist- 
und  Kulturgebiete  in  übersichtlicher  Weise  erläutert  und  dabei  die  aus* 
gestellten  Stücke  als  praktische  Beispiele  heranzieht  Durch  diese  Dar- 
stellungsform bleibt  auch  der  Führer  aufserhalb  des  Museums  kein  toter  Be- 


I  —     217     — 


sitz,  da  er  eine  anregende,  erfolgreiche  Lektüre  vor  wie  nach  der  Besichtigung 
ermöglicht  Bis  jetzt  liegt  die  Besprechung  der  Abteilung  für  Völkerkunde, 
TerCafst  von  dem  Herausgeber,  vor ;  die  demnächst  erscheinenden  Bearbeitungen 
der  folgenden  Gruppen  hat  eine  gröfsere  Anzahl  bewährter  Fachgelehrter 
übernommen. 

Aufser  dieser  gröfseren  Veröffentlichung  ist  vor  kurzem  ein  kleiner  Führer, 
veiiafst  von  Dr.  Quilüng,  erschienen,  welcher  in  knapper  Form  über  die 
wesentlichsten  Bestände  orientiert ;  er  führt  in  den  einzelnen,  sehr  übersichtlich 
behandelten  Gruppen  nur  die  hervorragendsten  Stücke  an  und  giebt 
dabei  in  klar  geschriebenen  Anmerkungen  eine  geschickte  Erklärung  aller 
rorkonamenden  technischen  Bezeichnungen.  Auch  die  Lösung  dieser  von 
den  neuzeitlichen  Betrebungen  auf  dem  Gebiete  der  allgemeinen  Volksbildung 
geforderten  Aufgabe  darf  als  wohlgelungen  bezeichnet  werden ;  das  wohlfeile 
Heltchen  ist  recht  geeignet,  in  allen  Schichten  der  Bevölkerung  ein  lebendiges, 
segensreiches  Verständnis  für  das  städtische  historische  Museum  selbst  und 
iür  die  Vergangenheit  in  Kunst  und  Kultur  zu  erwecken  und  geht  den 
übrigen  Sammlungen  Frankfurts  als  nachahmenswertes  Beispiel  voran. 

Köln*  Im  Sommer  1888  wurde  in  Köhi  angeregt,  für  die  in  den 
städtischen  Sammlungen  und  bei  Privaten  zerstreuten  historischen  Erinnerungen 
eine  gemeinsame  Stätte  zu  schaffen.  In  ihrer  Sitzung  vom  13.  Juli  beschlofs 
daraufhin  die  Stadtverordnetenversammlung,  in  der  Hahnenthorburg  ein  histo- 
risches Museum  für  Köln  und  seine  Umgebung  zu  errichten  und  zu  dem 
Zwecke  die  auf  die  Geschichte  von  Köln  bezüglichen  Gegenstände  aus  dem 
Musetmi  Wallraf-Richartz,  dem  Kunstgewerbe-Museum,  dem  Archiv  und  der 
Bibliothek  nach  Auswahl  dorthin  zu  überweisen.  Die  Eröffnung  des  Museiuns 
konnte  bereits  am  4.  August  erfolgen;  es  ist  seitdem,  seit  1891  der  Leitung  des 
städtischen  Archivdirektors  unterstellt,  in  der  erfreulichsten  Entwicklung  begriffen. 

Das  Museum  pflegt  in  erster  Linie  die  stadtkölnische,  weiterhin  aber 
auch  die  erzbischöfliche  Geschichte.  Nur  die  Sammlung  der  rheinischen 
Pläne  und  Ansichten  greift  über  diesen  Rahmen  hinaus  (vgl  unten).  Gegen- 
tiber den  beiden  groisen  städtischen  Museen,  dem  Museum  Wallraf-Richartz 
imd  dem  Kunstgewerbe-Museum,  ist  die  Abgrenzung  in  der  Weise  durch- 
gefiihrt,  dafs  diejenigen  Gegenstände  kölnischer  Provenienz,  welche  ein  be- 
sonderes künstlerisches  oder  kunstgewerbliches  Interesse  besitzen,  in  diesen 
beiden  Sammlungen,  nicht  im  Historischen  Museum,  aufbewahrt  werden. 
Das  Jahresbudget  beträgt  7023  M.,  davon  2000  M.  für  die  regelmäfsigen 
Anschaffungen,  doch  sind  die  aufserordentlichen  Aufwendungen  wesentlich 
gröfiser  (1897  z.  B.  30000  M.). 

Der  reiche  Besitz  des  Museums  an  Kunstblättern,  Illustrationen  und 
Drucksachen  enthält  Stadtpläne  und  Ansichten  von  Köln,  darunter  einen 
interessanten  Holzschnitt  von  Hans  Weigel  (ca.  1580)  und  einen  grofsen 
Kupferstich  von  Wenzel  Hollar  (1656),  sowie  Nachbildungen  des  Prospektes 
von  Anton  Woensam  von  Worms  (1531)  und  der  Pläne  des  Arnold  Mer- 
cator  (157 1)  und  des  Cornelius  von  Egmont  (1642),  femer  Pläne  und  An- 
siebten einzelner  Stadtteile  imd  Gebäude  (u.  a.  die  Entwürfe  für  den  1556 
zum  Wettbewerb  ausgeschriebenen  Rathausneubau),  eine  Sammlung  rheinischer 
Pläne  und  Ansichten  von  ca.  1000  Nummern,  (die  nach  der  Absicht  ihres  ur- 


« 


—     218     — 

sprünglicben  Besitzers  J.  J.  Merlo  die  gesamten  Rheinlande  nmiassen  soOte 
und  in  diesem  Sinne  auch  fortgeführt  wird),  weiterhin  etwa  2000  Foitraits 
aller  hervorragenden  Persönlichkeiten  der  Kölner  Geschichte,  darunter  auch 
eine  Anzahl  Ölgemälde  (Bildnis  des  Johann  Brinckmann  von  Baiüiel  Bniyn 
und  des  Goswin  Calenius  von  Augustin  Braun).  Unter  den  historischen 
und  kulturhistorischen,  legendarischen  und  satirischen  Darsteüungen  sind  sechs 
Zeichnungen  desselben  Augustin  Braun,  die  denkwürdige  Momente  der  Kölner 
Geschichte  schildern,  hervorzuheben,  sowie  eine  interessante  Sammlung  von 
Erzeugnissen  des  Kölner  Karnevals  und  zahlreiche  Dombauerinnenmgen. 

Einer  sehr  wertvollen  und  reichhaltigen  Sammlung  kölnischer  Münzen 
(erzbischöflicher  und  städtischer)  erfreut  sich  das  Museum,  seit  zu  einem 
älteren  Bestand  1897  die  stattliche  Sammlung  von  Karl  Farina  hinzuge- 
kommen ist.  Unter  den  MedaiUen  nennen  wir  die  auf  Andreas  Imhoff  (1536), 
Matthias  Vorsbach  (1542),  Andreas  Gail  (1582),  Maria  von  Medici  (von 
George  Dupr^,  1624)  und  Eberhard  Jabach  (1665).  Aufser  den  städtischen 
Münzstempeln  des  XV.  bis  XVIII.  Jahrhunderts  bewahrt  das  Museum  auch  die 
der  erzbischöflichen  Münzstätte  Riehl,  die  vermutlich  nach  Zerstörung  dieser 
Burg  am  Ende  des  XIV.  Jahrhunderts  nach  Köln  überführt  worden  sind^ 
femer  die  Siegelstempel  der  Stadt  und  die  zahlreicher  Kölner  Behörden^ 
Kirchen  und  Korporationen  (u.  a.  das  um  1270  verfertigte  grofse  Stadtsiegel, 
das  Universitätssiegel  von  ca.  1390,  das  Silbersiegel  der  Zunft  Eisenmarkt 
aus  dem  XIV.  Jahrhundert),  sowie  die  aufser  Gebrauch  gesetzten  städtischen 
Normalmafse  und  -Gewichte. 

Aus  der  u.  a.  zehn  Rüstungen  (XVI.  Jahrhundert  und  ff.)  enthaltenden 
Waffensammlung  sind  eine  Sturmhaube  mit  Halsberge  und  Brünne  in  edler 
geätzter  Renaissance- Omamentation  und  zwei  Fasanenflinten  mit  reich  in 
Elfenbein  eingelegtem  Schaft  (XVII.  Jahrhundert),  unter  den  Stücken  spezieH 
kölnischer  Herkunft  drei  mächtige  Zweihänder  (XVI.  Jahrhundert)  und  fünf 
Sturmhauben  der  Kölner  Fafsbinderzunft  hervorzuheben.  Seltene  Prachtstücke 
sind  die  vier  Stadtbanner  von  ca.  1400  bezw.  1500;  aus  dieser  Zeit  sind 
nach  einige  Standarten  und  eine  Spottfahne  vorhanden. 

Zum  interessantesten  Besitz  des  Museums  gehören  eine  Anzahl  Gegen- 
stände aus  dem  Nachlafs  des  1398  enthaupteten  Kölner  Bankiers  und  Siegel- 
bewahrers Hermann  von  Goch  (zwei  sübeme  Siegel  an  sübemer  Kette,  ein 
Prüfstein  für  Goldmünzen  in  Lederfutteral  u.  s.  w.),  drei  kölnische  Richt- 
schwerter ,  deren  ältestes ,  mit  dem  emaillierten  Stadtwappen  im  Knauf,  aus 
dem  XIV.  Jahrhundert  stammt,  imd  zwei  Geld-  und  Aktentruhen  der  Sams- 
tagsrentkammer aus  dem  XV.  Jahrhundert. 

Als  Deposita  beherbergt  das  Museum  die  vom  Kölner  Männergesang- 
vercin  errungenen  Preise,  unter  denen  sich  gegenwärtig  der  Kasseler  Kaiser- 
preis von  1899  befindet,  femer  das  Schützensilber  der  Kölner  Schützen- 
gesellschaft und  die  Schützenschilder  der  St  Sebastiansgilde  zu  Deutz. 

Da  der  Raum  der  Hahnenthorburg  fUr  die  Sammlungen  nicht  mehr 
ausreicht,  wird  demnächst  auch  die  Eigelsteinthorburg  für  die  Zwecke  des 
Historischen  Museums  eingerichtet  werden. 

Leipsi^.  Die  Sammlungen,  welche  das  „Städtische  Museum*'  zu  Leipzig 
beherbergt,  sind  nicht  geschichtlicher  Art,  sondern  es  sind  Kimstgegenstände, 


—     219     — 

üAfflenttich  Gemälde,  die  in  dem  stattlichen  Baue  am  Augustusplatz  unter« 
gebracht  sind.  Es  ist  die  Sammlung,  welche  in  ihren  Anfängen  vom  Leipziger 
Kunstverein  1837  ins  Leben  gerufen  wurde  und  wdche,  seit  1848  in  den 
Besitz  der  Stadt  übergegangen,  sich  seitdem  immer  weiter  entwickelt  hat. 
Das  städtische  Kunstgewerbemuseum,  welches  ebenso  wie  das  Museum  für 
Völkerkunde  im  Grassimuseum  würdig  untergebracht  ist,  enthält  schon  viel 
mehr  im  engeren  Sinne  geschichtliche  Gegenstände,  aber  die  Sorge  für  ein 
geschichtliches  Museum  hat  man  in  der  praktischen  Mefsstadt  dem 
„Vereine  für  die  Geschichte  Leipzigs''  überlassen,  dessen  Sammlungen  im 
aken  Johannishospital  (Johannisplatz  8)  im  zweiten  Stock  untergebracht  sind. 

Der  Verein  besteht  seit  1867;  die  Sammlung  aller  fUr  die  Geschichte 
Leipzigs  und  seiner  Umgebung  wichtigen  Gegenstände  ist  von  Anfang  an 
seine  Hauptaufgabe  gewesen,  aber  die  beschränkten  Vereinsmittel  —  gegen- 
wärtig sind  etwa  400  Mi^lieder  mit  einem  Jahresbeitrag  von  5  Mk.  vor- 
handen —  haben  natürlich  Ankäufe  nur  in  beschränktem  Mafse  gestattet 
so  dafs  die  Sammlungen  im  wesendichen  durch  Geschenke  vermehrt  und  die 
mühsamen  Ordnungs-  und  Aufetellungsarbeiten  von  freiwilligen  Pflegern  besorgt 
worden  sind.  Die  Museumsräume,  die  an  Umfang  längst  nicht  mehr  genügen, 
so  dais  eine  nicht  unbeträchtliche  Anzahl  von  Stücken  noch  nicht  hat  aufgestellt 
werden  können,  sind  Eigentum  der  Stadt  und  vom  Vereine  für  900  Mk. 
gemietet  Die  Stadt  vergütet  jedoch  denselben  Betrag  aus  Stifhmgsmitteln, 
so  dais  in  der  That  die  Aufbewahrungsräume  dem  Vereine  unentgeltiich  zur 
Verfügung  stehen.  Aufserdem  sind  dem  Vereine  in  einzelnen  Fällen  zum 
Ankaufe  besonders  wichtiger  Stücke,  zur  Anbringung  von  Gedenktafeln,  Er- 
ricbtnng  eines  Kriegerdenkmals,  Aufstellung  von  Skulpturen,  auch  zur  Reno* 
vadon  der  Sammlungsräume  u.  s.  w.  mehrmals  Unterstützungen  seitens  der 
Stadt  zu  teil  geworden. 

Die  Sanmilung,  mit  der  eine  stattliche  Vereinsbibliothek  nebst  Repertorium 
über  die  Sammelbände,  sowie  ein  Archiv  verbunden  ist,  in  welchem  die 
scheinbar  unwichtigsten  geschriebenen  und  gedruckten  Eintagsfliegen  sorgsam  ver- 
wahrt werden,  zeigt  in  höherem  Mafse  als  es  in  der  Regel  der  FaU  sein  mag,  ge- 
schichtlichen Charakter.  In  wesentlich  zeitlicher  Folge  vom  Boden  Leipzigs  an- 
sagend —  Proben  jeder  einzeben  Erdschicht  nebst  kartographischer  Erläuterung 
Kegen  vor  —  über  vorgeschichtliche  Funde,  Steingeräte,  Urnen,  Pleifsenpfahlbau- 
teste  führt  die  Sammlung  zu  romanischen  Bauwerken  Sachsens,  die  im  Bilde  vor- 
geÜihrt  sind.  Die  sächsischen  Regententafeln  ziehen  sich  dann  der  Zeit, 
welcher  die  Ausstellungsstücke  angehören,  entsprechend  bis  in  die  neuste 
Zeit  durch  die  Gegenstände  hindurch.  Eine  aus  Gegenständen,  die  zum  Teil 
Leipziger  Kirchen  entstammen,  gebildete  spät  mittelalterliche  Kapelle  schliefst 
die  ältere  Zeit  ab.  Der  rechte  Reichtum  setzt  aber  erst  mit  dem  XVI.  Jahr- 
Irnndert  ein,  wo  sich  ja  überhaupt  die  Stadt  erst  so  recht  wirtschaftlich  zu 
entwickeln  begiimt:  kirchliche  und  weltliche  Geräte,  kunstvolle  Erzeugnisse 
des  Handwerks,  Möbel,  Uhren,  Waffen,  Kleidungsstücke,  Stadtpläne  und  Ab- 
bildungen, gedruckte  Ratsverordnungen  und  Fahnen  führen  zum  XVIU.  Jahr- 
hundert hin,  wo  dem  geistigen  Leben  in  Theater  und  Litteratur  verschiedene 
Grappen,  die  sich  an  einzelne  Personen  anlehnen,  gewidmet  sind.  Eine 
pla^ische  Nachbildung  der  Stadt  aus  der  Vogelperspektive,  die  Leipzig  im 
Jahre    1817    darstellt,   gehört  in   der  folgenden  Gruppe  zu  den  besonderen 


n 


—     220     — 

Sehenswürdigkeiten.  Die  Erinnerungen  aus  den  Tagen  der  Völkerschlacht 
in  ganz  aufserordenüicher  Mannigfaltigkeit  schliefsen  aber  bereits  im  Wesent- 
lichen die  Ausstellung  ab,  da  weiterer  Raum  nicht  zur  Verfügung  steht,  um 
alles  das  unterzubringen,  was  den  Verlauf  des  XIX.  Jahrhunderts  geschichtlich 
zu  illustrieren  vermag. 

Die  Wichtigkeit  der  Sanmilung  ist  weithin  bekannt,  und  es  ergehen 
wie  bei  anderen  Museen  eine  Menge  Anfragen  an  den  Vereinsvorstand,  die 
um  Auskünfte  über  dies  oder  jenes  Ereignis  oder  Ausstellungsstück  bitten. 
Unter  den  Fragenden  sind  Behörden  aller  Art,  Ministerien,  Militärbehörden, 
Stadträte  vertreten,  aber  auch  Korporationen  und  Private  von  nah  und  fem 
fehlen  nicht.  Gelehrte  und  Künstler  betreiben  hier  ihre  Studien,  und  speziell 
der  Buchhandel  erinnert  sich  der  Sammlung  gern,  wenn  er  geeignete  Ab- 
bildungen als  Vorlagen  zu  illustrierten  Werken  aller  Art  sucht  Als  Unter- 
richtsmittel in  der  heimatlichen  Geschichte  spielt  das  Museum  bereits  jetzt 
eine  gewisse  Rolle,  indem  gern  ganze  Klassen  durch  die  Ausstellung  gefiihrt 
werden.  Kurz  es  fehlt  gerade  in  Leipzig  am  wenigsten  an  dem,  woran 
andere  Museen  vielfach  leiden,  an  Besuchern  und  Benutzem;  nur  das  eine 
ist  dabei  auffällig,  dafs  sowohl  einheimische  Bürger  als  auch  die  einheimischen 
Behörden  dem  Museum  recht  geringes  Interesse  entgegenbringen.  Die  be- 
schränkten Mittel  und  die  nicht  immer  zur  Verfügung  stehende  Zeit  machen 
es  natürlich  oft  nicht  möglich,  die  Fragen,  die  der  eine  oder  der  andere 
gern  beantwortet  haben  möchte,  so  gründlich  zu  untersuchen  wie  es  an  sich 
wünschenswert  wäre.  Denn  dafür  wäre  nicht  nur  eine  gute  Ordnung  und 
Aufstellung  der  Sammlung  sowie  ein  wissenschaftlich  bearbeiteter  Katalog 
unerläfslich,  sondern  auch  die  Thätigkeit  eines  geschulten  Musealbeamten 
unbedingt  nötig.  Ein  solcher  ist  nie  darin  beschäftigt  gewesen,  auch  im 
besoldeten  Nebenamte  hat  sich  niemand  bisher  dem  Museum  widmen  können, 
die  Sammlung  ist  vielmehr,  wie  sie  durch  Vereinsthätigkeit  entstanden  ist, 
auch  nur  durch  freiwillige  Arbeit  verschiedener  Pfleger  geordnet  und  auf 
ihren  gegenwärtigen  Stand  gebracht  worden.  Im  Hinblick  auf  diese  Verhält- 
nisse bietet  das  Museum  einen  über  Erwarten  grofsen  Reichtiun,  aber  gerade 
in  neuster  Zeit  macht  es  sich  recht  fühlbar,  dafs  auf  die  Dauer  der  jetzige 
Zustand  nicht  fortbestehen  kann  und  darf.  Es  ist  höchste  Zeit,  dafs  an  die 
Ausarbeitung  eines  Katalogs  gegangen  wird,  aber  bei  der  jetzigen  gedrängten 
Art  der  Aufstellung  ist  eine  solche  Arbeit  fast  unmöglich,  ganz  abgesehen 
<lavon,  dafs  niemand  da  ist,  der  sie  ausfuhren  könnte.  Zudem  sind  die 
Räume,  in  welchen  der  Verein  sein  Eigentum  aufbewahrt,  nichts  weniger 
als  feuersicher,  eine  Benutzung  der  Räume  im  Winter  ist  deshalb  vöUig  aus- 
geschlossen, da  auch  in  keinem  der  kleineren  Arbeitszimmer  geheizt  werden 
darf,  denn  bei  Ausbruch  eines  an  sich  vielleicht  imbedeutenden  Brandes 
würde  im  Laufe  einer  Stunde  vom  ganzen  Museum  wohl  nichts  mehr  übrig 
sein!  Der  Verein  seinerseits  hat  natürlich  nicht  die  Mittel,  um  für  bessere 
Unterkimft  zu  sorgen,  und  so  wird  alles  bleiben,  wie  es  ist,  weim  sich  nicht 
die  Stadt  auf  ihre  Ehrenpflicht  besinnt  imd  dauernd  und  nachhaltig  für  das 
städtische  Geschichtsmuseum  sorgt  Am  besten  würde  dies  geschehen  können, 
wenn  nach  Vollendung  des  neuen  Rathauses  in  dem  stattlichen  Baue  des 
alten  Rathauses  am  Markte  würdige  imd  auch  für  die  Zukunft  bemessene 
Räume  zur  Verfügung   gestellt   würden.     Damit  wäre   allerdings   noch   nicht 


genug  geschehen,  denn  eine  Vereinsorganisation  kann  bei  einer  so  reich- 
haltigen Sanunlung,  die  sich  mit  Leichtigkeit  vergröfsem  läfst,  wenn  sie 
offiziellen  Charakter  annimmt,  eben  so  wenig  dauernd  genügen  wie  sie  bei 
Begründung  einer  Sammlung  oder  in  kleinen  Verhältnissen  als  hervorragend 
zweckentsprechend  zu  bezeichnen  ist.  Wenn  die  Stadt  Leipzig  das  Museum 
für  die  Geschichte  Leipzigs  vom  Vereine  als  Geschenk  annähme  und  für 
würdige  Unterkunftsräume  sowie  für  Bestellung  eines  geeigneten  wissenschafl- 
Hchen  Beamten  sorgte  —  nur  dann  scheint  es  möglich  dem  Museum  die 
Entwicklungsfähigkeit  zu  geben,  die  es  mit  Hinsicht  auf  die  Bedeutung  der 
Stadt  und  ihr  geistiges  und  wirtschaftliches  Leben  verdient.  Nur  dann  könnte 
das  Museum  ein  wirklicher  Sammelpunkt  werden  für  alle  jetzt  an  so  vielen 
Orten  innerhalb  der  Stadt  zerstreuten  Gegenstände,  die  gegenwärtig,, dem 
gröfseren  Publikum  unzugänglich  sind.  Im  Rathaus,  in  der  Stadtbibliothek,  im 
Kunstgewerbemuseum  finden  sich  bereits  in  städtischem  Besitze  viele  Dinge 
von  hohem  geschichüichen  Wert,  der  aber  erst  im  Zusammenhang  mit  anderem 
voU  erkannt  werden  kann.  Einem  Stadtmuseum  würden  auch  Vereine,  wie 
die  „Deutsche  Gesellschaft"  oder  sonstige  Korporationen  die  in  ihrem  Be- 
sitze befindlichen  geeigneten  Gegenstände  willig  als  Depositum  gegen  Revers 
zur  Aufbewahrung  überweisen  und  manches  vielleicht  auch  schenken,  was 
sie  mit  gutem  Grunde  einem  Privat  vereine  vorenthalten.  Zweifellos  würde 
das  Interesse  weiter  Kreise  damit  aufs  neue  geweckt,  die  Sammlimg  in  höherem 
Mafse,  als  es  jetzt  der  Fall  ist,  zugänglich  gemacht  und  auch  vielleicht  die 
Opferwilligkeit  einzelner  Bürger  angeregt  werden,  so  dafs  binnen  kurzer  Zeit 
nach  solch  einer  Reorganisation  das  Geschichtsmuseum  der  Stadt 
Leipzig,  namentlich  für  die  neuere  Zeit,  zu  den  besten  in  Deutschland 
würde  zählen  dürfen.  Der  „Verein  für  die  Geschichte  Leipzigs"  würde 
unter  solchen  Verhältnissen  seine  Bedeutung  nicht  im  geringsten  verlieren, 
denn  erstlich  könnten  seine  Mittel  dann  teilweise  zur  Lösung  anderer  nicht 
minder  wichtiger  Aufgaben  verwendet  werden,  teilweise  aber  noch  immer 
dem  städtischen  Museum  zu  gute  kommen.  Um  eine  Sammlung  dauernd 
zu  vermehren  und  ihren  Leiter  auf  wichtige  Funde  imd  sonstige  Erschei- 
nungen aufmerksam  zu  machen,  dazu  ist  eine  gröfsere  Anzahl  interessierter 
Personen  in  allen  Berufskreisen  unerläfslich^  und  in  dieser  Hinsicht  kann  keine 
Organisation  besser  wirken  als  ein  Verein,  dessen  Mitglieder,  jedes  an  seiner 
Stelle,  einem  einzigen  Ziele  zustreben,  nämlich  dem,  die  Altertümer  imd 
Denkwürdigkeiten  der  Heimatstadt  zu  bewahren  und  zu  sammeln. 

BreilaiL  Die  Anfänge  des  Schlesischen  Museums  für  Kunst- 
gewerbe und  Altertümer  reichen  bis  ins  XVL  Jahrhundert  zurück. 
Derselbe  Thomas  Rhediger,  der  seine  Vaterstadt  Breslau  zur  Erbin 
seiner  Bücher-  und  Handschriftenschätze,  der  berühmten  Rhedigerana,  ein- 
setzte, vermachte  ihr  auch  die  auf  seinen  Reisen  in  Italien,  Frankreich  und 
Deutschland  gesammelten  Kunstsachen  und  Münzen.  Sie  und  die  gleich- 
artigen Sanunlungen  der  Magdalenen-  und  Bernhardinbibliothek,  des  Rats- 
arcfaivs  imd  verschiedener  städtischer  Körperschaften  bilden  den  ältesten  und 
historisch  wertvollsten  Bestandteil  des  Museums.  Ein  zweiter  entstammt  den 
1810  saecularisierten  schlesischen  Klöstern  und  Stiftern.  Damals  wurde  in 
Verbindung   mit   der  Universität   die    Gründung   eines  Königlichen  Museums 

17 


^     2^2     — 

fiir  Kunst  und  Altertum  beschlossen  und  zu  seinem  Organisator  und  Leiter 
der  Archivar  Joh.  Gustav  Büsching  berufen.  Allein  die  finanzielle  Not- 
lage des  Staates  und  Mangel  an  Verständnis  in  den  mafsgebenden  Kreisen 
bewirkten,  dafs  diese  Schöpfung  nicht  über  die  ersten  Anfänge  hinaasgedieh. 
Nur  die  urgeschichüiche  Sammlung  erlangte  durch  Büschings  unermüdliche 
Thätigkeit  bald  eine  hohe  Bedeutung,  die  er  durch  zahlreiche  Veröffent- 
lichungen und  durch  Dublettenaustausch  mit  anderen  Museen  noch  zu  steigern 
wufste.  Nach  Büschings  frühem  Tode  (1829)  kümmerte  sich  niemand  mehr 
lun  die  Sanomlungen,  bis  im  Jahre  1858  durch  Hermann  Luchs  der 
Verein  für  das  Museum  schlesisch er  Altertümer  ins  Leben  gerufen 
wurde.  Diesem  Verein  gelang  es  in  vierzigjähriger  Sanmielthätigkeit  eines  der 
bedeutendsten  Provinziaknuseen  Deutschlands  zu  schaffen.  Die  Behörden  be- 
teiligten sich  daran  anfangs  nur  durch  Zuwendungen  und  Beiträge  sowie  durch  Ge- 
währung von  Räiunlichkeiten  für  die  Sanmilungen,  die  sich  jedoch  jedesmal 
schon  nach  kurzer  2^it  als  zu  klein  erwiesen.  Von  I862  bis  1879  ^<^^ 
das  Museum  in  der  Universitätsbibliothek,  von  1880  an  in  dem  neu  erbauten 
Provinzial- Museum  der  bildenden  Künste  untergebracht.  Erst  1895  über- 
nahm die  Provinz  die  Sorge  für  die  Verwaltung  des  Museums.  Bald  darauf 
schenkte  der  Stadtälteste  Heinrich  von  Korn  der  Stadt  Breslau  ein  Kapital 
von  500000  Mark  zum  Ankauf  des  alten  Landeshauses  mit  der  Bedingimg, 
dasselbe  als  Museum  auszubauen,  die  Altertumssammlimgen  darin  aufztmehmen 
und  zum  Kunstgewerbemuseum  zu  erweitem.  Weitere  100  000  Mark  spendete 
zu  diesem  Zweck  der  Schlesische  Centralgewerbeverein,  v^hrend  die  Provin- 
zialverwaltung  und  der  Minister  für  Handel  und  Gewerbe  dauernde  Beihilfen 
zusicherten.  Unter  diesen  Bedingungen  übernahm  die  Stadt  Breslau  die 
Einrichtung  und  Erhaltung  des  Schlesischen  Museums  für  Kunstge- 
werbe und  Altertümer,  wie  es  nunmehr  genannt  wurde.  Zum  ersten 
Direktor  wurde  Dr.  Carl  Masner  aus  Wien,  zum  zweiten  Direktor  und  Vor- 
steher der  Altertumsabteilung  der  bisherige  Kustos  des  Museums  Dr.  Seger 
gewählt.     Die  Eröffnung  erfolgte  am  27.  November  1899. 

Seinem  Namen  entsprechend  ist  das  Museum  gleichzeitig  der  Vergangen- 
heit und  der  Gegenwart  zugewandt.  Das  Kellergeschofs  enthält  die  vor- 
geschichtliche Abteilung.  Der  Besucher  hat  hier  Gelegenheit,  den  ungeheuren 
Fonnenreichtum  der  schlesischen  Urnenfriedhöfe  und  die  verhältnismäfsig  hohe 
Entwicklung  des  Kunstsinns  der  gleichzeitigen  Bevölkrung  kennen  zu  lernen. 
Auch  die  Steinzeit  und  Bronzezeit  sind  durch  Ansiedelungs- ,  Schatz-  tmd 
Grabfunde  gut  vertreten.  Aus  den  späteren  Perioden  sind  die  aus  dem  Ende 
des  III.  Jahrhunderts  v.  Chr.  stanmienden  Funde  von  Sackrau  bei  Breslau 
hervorzuheben,  die  durch  ihren  Reichtum  an  römischen  Importwaren  und 
barbarischem  Goldschmuck  im  östlichen  Deutschland  einzig  dastehen.  Die 
Zeit  der  slavischen  Besiedlimg  ist  durch  Burgwall-,  Hacksilber-  und  Reihen- 
gräberfunde charakterisiert.  —  Im  Erdgeschofs  sind  die  kulturgeschichtlichen 
Sammlungen  des  Mittelalters  und  der  neueren  Zeit  untergebracht  Für  die 
Geschichte  des  Innungswesens,  die  Trachtenkunde,  die  Rechtsaltertümer  etc. 
ist  hier  manches  schätzbare  Material  zu  finden.  Hervorragende  Stücke  bietet 
die  Waffensammlung  dar.  Auch  ist  der  Volkskunde  durch  Einrichtung  einer 
hübsch  ausgestatteten  schlesischen  Bauernstube  Rechnung  getragen.  —  Im 
ersten  Stock  begegnen  sich  Kulturgeschichte  und  Kunstgewerbe.     Den  Inhalt 


—     Ö23     — 

der  weiträumigen  Säle  und  Galerieen  bilden  durchweg  Gegenstände  vergangener 
Jahrhunderte.  Doch  ist  hier  die  Beschränkung  auf  Schlesien  nicht  fest- 
gehalten. Nur  bei  den  Werken  der  kirchlichen  Kunst  überwiegt  naturgemäfs 
der  provinzial- geschichtliche  Gesichtspunkt.  Der  vom  Westen  kommende 
Besucher  wird  durch  eine  Fülle  auserlesener  Kunstwerke  überrascht  und  ge- 
winnt den  Eindruck,  dafs  hier  im  fernen  Osten  eine  Kultur  geherrscht  hat, 
die  den  Vergleich  mit  glücklicher  gelegeneu  Gegenden  unsres  Vaterlandes 
nicht  acu  scheuen  braucht  —  Das  zweite  Stockwerk  dient  der  Bibliothek 
und  zu  Ausstellungszwecken.  —  Die  sehr  bedeutende  Münzsammlung, 
neileicht  die  vollständigste  Territorialsammlung  überhaupt,  und  die  Siegel- 
sammlung werden  in  den  Arbeitsräumen  des  Erdgeschosses  aufbewahrt  — 
Architekturteile  und  Steinskulpturen  sind  teils  im  Lichthofe,  teüs  im  Garten 
aufgestellt 

Das  Museum  kann  auf  eine  stattliche  Reihe  von  Veröffentlichungen  zurück- 
blicken. Seit  1859  giebt  der  „Verein  für  das  Museum  schlesischer 
Altertümer"  die  Zeitschrift  Schlesiens  Vorzeit  in  Bild  und  Schrift  heraus, 
von  der  bis  jetzt  7  Bände  ausgegeben  sind.  In  Vorbereitung  ist  der  8.  Band, 
zu^ich  das  erste  Jahrbuch  des  neuen  Museums.  Aufserdem  sind  eine  Reihe 
Sondeipublikationen  erschienen,  so  von  Grempler  über  Die  Funde  von 
SaderaUf  von  Zimmer  über  Die  bemalten  Tkongefäfse  Schlesiens,  von  Frhrn. 
V.  Saurma  über  Die  Wappen  der  schlesischen  Städte  und  über  Schlesische 
Münäen  und  Medaillen,  von  v.  Czihak  über  Schlesische  Gläser,  von  Luchs 
über  Die  schlesischen  Fürstenbilder  u.  s.  w.  Ein  Führer  durch  die  Samm- 
hu^en  ist  als  Ersatz  für  die  älteren  Ausgaben  in  Arbeit.  Sämtliche  Ver- 
öffentlichungen sind  direkt  von  der  Museumsverwaltung  zu  beziehen. 

Heinrich  Theodor  Flathe  und  seine  Stellung  In  der  sächsischen 

Geschichtsschreibung.  —  Die  sächsische  Geschichtsforschung  hat  durch  den 
Tod  Flathes  am  26.  März  dieses  Jahres  einen  schmerzlichen  Verlust  erlitten; 
es  erscheint  daher  angemessen,  dafs  die  Deutschen  Geschichtsblätter,  die  sich 
mit  zur  Aufgabe  gemacht  haben,  der  Territorialgeschichte  besondere  Berück- 
sichtigung zu  schenken,  eine  kurze  Skizze  seines  schlichten  Lebensganges  und 
seiner  Bedeutung  für  die  sächsische  Geschichte  geben. 

Als  Sohn  des  Pastors  Heinrich  Jakob  Flathe  wurde  Heinrich  Theodor 
Flathe  am  i.  Juni  1827  zu  Tanneberg  (jetzt  Alt-Taimeberg)  bei  Nossen  ge- 
boren, erhielt  nach  vorausgegangenem  Besuch  der  Leipziger  Thomasschule 
seine  Ausbildung  von  Ostern  1840  bis  Michaelis  1845  auf  der  Fürstenschule 
zu  St  Afra  in  Meifsen,  studierte  bis  1849  Phüologie  und  Geschichte  auf 
der  Universität  Leipzig,  wo  er  auch  promovierte,  und  erhielt  1850  seine  erste 
Anstellung  am  Gymnasium  mit  Realschule  zu  Plauen  i.  V.  Vom  Adjunkten 
stieg  er  hier  allmählich  zu  höheren  Oberlehrerstellen  empor,  verwaltete  zugleich 
die  Schulbibliothek  und  war  im  Jahre  1866  Ordinarius  der  zweiten  Real- 
klasse, ab  er  einem  Rufe  des  Kgl.  Kultusministeriums  vom  13.  Dezember  1866 
Folge  leistete  und  die  sechste  Professur  zu  St.  Afra  annahm.  Am  9.  Januar 
1867  wurde  er  in  das  neue  Amt  eingeführt  und  rückte  in  rascher  Folge 
durch  die  nächsten  Professuren  hindurch  bis  zur  Stellung  des  zweiten  Pro- 
fessors (der  des  Konrektors  an  andern  Gynmasien  entsprechend),  die  er  bis 
zu  seinem  Weggänge  inne  hatte.     Seit  1875  ^^^  ^^  Mitglied  der  Realschul- 

17* 


»L. 


n 


-      224     — 

kommission  der  Stadt  Meifsen,  deren  Stadtverordnetenkollegium  er  als  Vor- 
steher auch  angehörte ;  von  äiifseren  Auszeichnungen  wurde  ihm  am  7.  März  1 880 
nach  dreifsigjähriger  Dienstzeit  das  Ritterkreuz  I.  Kl.  des  K.  S.  Albrechtsordens 
und  anläfslich  seines  bevorstehenden  Rürktrittes  am  7.  Januar  1895  der  Hof- 
ratstitel verliehen.  Am  3.  April  1895  nahm  er  von  der  Schule  Abschied, 
um  die  letzten  Lebensjahre  in  stiller  Zurückgezogenheit,  aber  trotz  mancher 
Leiden,  wie  Abnahme  des  Gehörs  und  des  Augenlichtes,  geistig  regsam  und 
ständig  weiterarbeitend,  in  Loschwitz  bei  Dresden  zu  verbringen.  Hier  ver- 
schied er  am  26.  März   1900  und  fand  in  Meifsen  seine  Ruhestätte. 

Flathe  war  kein  aus  schliefsli eher  Spezialist  im  gewöhnlichen  Sinne.  Schon 
seine  Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  sächsischen  Geschichte  haftete,  wie  im 
Folgenden  noch  ausgeführt  wird,  nicht  an  einer  Periode  oder  an  einem 
Zweige  dieses  Stoffes;  doch  er  griff  auch  über  dieses  Arbeitsfeld  hinaus  in 
das  der  allgemeinen  Geschichte.  Sein  Zciialfei'  der  Besfauraiiofi  vtid  Fuo- 
lution  1815 — 1851  (Berlin  1883  in  Onckens  Allgem.  Geschichte  in  Einzel- 
darstellungen), sowie  seine  drei  Bände  Geschichte  der  neuesten  Zeit  (Berlin, 
Grote,  1887  — 1892,  als  Teil  10  — 12  der  Allgemeinen  Weltgeschichte  von 
Flathe,  Hertzberg,  Justi,  Pfiugk-Harttuug,  Philippson)  zeigen  ihn  als  liberalen 
Mann  ruhigen,  besonnenen  Urteils,  voll  ehrlichen  Gerechtigkeitssinnes  und  Un- 
parteilichkeit gegenüber  den  berechtigten  und  unberechtigten  Handlungen 
beider  Seiten,  der  Beherrschenden  wie  der  Beherrschten,  in  jener  Zeit  der 
Unklarheit  und  Gährung.  Mit  der  Rühe  seiner  Denkweise  verbindet  sich  die 
schlichte  Klarheit  seines  Ausdrucks;  Flathe  ist,  um  ein  naheliegendes  Ver- 
gleichsobjekt herbeizuziehen,  kein  so  glänzender  Stilist  wie  Treitschke,  aber 
seine  Schreibweise  ist  formgewandt  und  trotz  der  Gedrängtheit,  zu  der  ihn 
die  StofFmenge  nötigte,  übersichtlich,  verständlich  und  nach  Bedarf  auch  energisch 
und  ausdrucksvoll.  Neben  diese  darstellenden  Werke  trat  als  letztes  Werk 
eine  Art  von  Quellensaramlung,  seine  zwei  Bände  Deutsche  Bedeji,  Denhnäkr 
zur  i'aterländischen  Geschichte  des  19.  Jahrhunderts ^  I  1808 — 1865,  II 
1867 — 1893  (Leipzig,  F.  W.  v.  Biedermann,  1893,  1894),  worin  er  dem 
Leser  „  Meisterstücke  deutscher  Beredsamkeit  bieten,  zugleich  aber  auch  die 
Abwandlung  der  Anschauungen  über  unsere  nationalen  Verhältnisse,  wie  sie 
sich  unter  den  Eindrücken  wechselnder  Zeitumstände  gebildet  haben,  und 
damit  auch  die  Kämpfe  unserer  Väter  und  Vorgänger  um  die  Güter  des 
öffentlichen  Lebens  wie  in  einem-  Spiegel  zur  Erscheinung  bringen  will." 

Doch  so  brauchbar  auch  diese  Werke  sind,  seinen  Ruf  verdankt  Flathe 
ihnen  weder  zeitlich  (denn  sie  gehören  in  den  Schlufs  seines  Lebens)  noch 
sachlich ;  dieser  beruht  vielmehr  auf  seinen  Arbeiten  zur  sächsischen  Geschichte. 
Nicht  ein  bestimmter  zeitlicher  oder  stofflicher  Abschnitt  fesselte  ihn  hierbei, 
er  war  nicht  Spezialist  des  XIV.  oder  XVI.  Jahrhunderts,  oder  für  sächsische 
Kirchen-  oder  Wirtschaftsgeschichte,  sondern  der  sächsischen  Geschichte  in 
ihrer  Gesamtheit  galt  seine  Thätigkeit  Schon  seine  erste  Arbeit  ist  all- 
gemeinen Charakters,  Die  Vm'xeit  des  säehsi-scheti  Volkes  in  Sdiilderungen 
ans  den  Quellenschriftslellern  (Leipzig,  Tauchnitz,  1860),  ein  Buch,  das  in 
geschickter  Auswahl  von  Abschnitten  der  alten,  möglichst  zeitgenössischen 
Quellen  des  10. — 16.  Jahrhunderts  in  deutscher  Übersetzung  ein  getreues 
Bild  der  damaligen  Zeit,  besonders  zur  Belebung  des  Unterrichts  in  der  säch- 
sischen Geschichte  bieten  soll.     Populären  Zwecken  dient  auch  die  nächste 


—     225     — 

Schrift,  die  Bearbeitung  von  Karl  Aufjusi  Engelhardts  Vaierlandskunck  für 
Schuh  und  Haus  im  Königreich  Sachsen,  von  der  Flathe  die  neunte  bis  elfte 
Auflage  (Leipzig,  J.  A.  Barth,  1866,  1869,  1877)  besorgte,  jedesmal  be- 
strebt, durch  weitere  Ausfeilung  und  Zuziehimg  neuen  statistischen  Materials 
das  nützliche  Handbuch  zu  verbessern.  Auch  C.  A.  F.  Mohrs  kleine  ftir 
Volksschulen  bestimmte  Geschichte  vou  Sachsen  hat  er  neubearbeitet  (Leipzig 
1864  und  f.).  Gleichzeitig  mit  diesen  kleineren  Büchern  arbeitete  er  an  dem 
Hauptwerk  seines  Lebens,  seiner  Geschichte  des  Kurstaates  und  Kötiiffreichcs 
Sachsen  (Gotha,  Friedrich  Andreas  Perthes,  1867,  1870,  1873).  ^^^  das 
Werk  auch  mit  unter  dem  Namen  K.  W.  Böttigers  (des  Sohnes  des  bekannten 
Archäologen  K.  A.  Böttiger),  der  über  dreifsig  Jahre  früher  die  erste  Auf- 
lage in  zwei  Bänden  besorgt  hatte,  waren  Flathe  auch  durch  den  Anschlufs 
an  die  alte  Auflage  die  Hände  teilweise  gebunden,  so  ist  das  Werk  doch 
so  gut  wie  ganz  ein  neues  geworden,  das  eigene  Erzeugnis  Flathes.  Hatte 
Böttiger  sich  im  wesentlichen  begnügt,  aus  Quellen  zweiter  Hand  zu  schöpfen, 
so  ging  Flathe,  so  weit  das  bei  einer  solchen  Gesamtdarstellung  möglich  ist, 
auf  die  ersten  Quellen  zurück.  Am  wenigsten  befriedigt  noch  der  erste 
Band  (bis  1553);  hierin  ist  Flathes  Abhängigkeit  von  der  Vorlage  stärker, 
auch  war  sein  persönliches  Interesse  ftir  die  früheren  Jahrhunderte  geringer. 
Der  veröflFentlichte  Quellenstoff  war  damals  noch  nicht  entfernt  so  umfang- 
reich wie  heute:  bedenken  wir  nur,  dafs  in  den  ersten  sechziger  Jahren, 
als  Flathe  an  die  Arbeit  ging,  die  Monumenta  Germaniae  noch  nicht  die 
Hälfte  der  Bändezahl  aufwiesen,  wie  heute,  dafs  das  Hauptquellenwerk  für 
Sachsens  und  Thüringens  Mittelalter,  der  Codex  diplomaticus  Saxoniae  regiae, 
erst  kurz  vor  dem  Arbeitsbeginn  Flathes  ins  Leben  gerufen  wurde  und  er 
für  seinen  ersten  Band  nur  die  ersten  beiden  Bände  über  das  Hochstift 
Meifsen  benutzen  konnte,  dafs  ferner  von  brauchbaren,  den  modernen  wissen- 
schaftlichen Anforderungen  genügenden  Monographien  herzlich  wenig  vor- 
handen war  (vgl.  darüber  den  Aufsatz  Wachsmuths,  der  einst  in  Leipzig 
Flathes  Lehrer  gewesen  war,  in  Webers  Archiv  ftir  die  Sächsische  Geschichte 
I»  1^63,  uiid  Ermischs  Aufsatz  im  Neuen  Archiv  ftir  Sächsische  Geschichte 
XV,  1894)  und  dafs  auch  von  den  jetzigen  57  Bänden  der  wichtigsten 
Landeszeitschriften  (Webers  Archiv,  Ermischs  Neuem  Archiv  und  der  Thü- 
ringischen Zeitschrift)  mit  ihrer  Unmenge  von  Einzelforschungen  kaum  10 
Bände,  von  der  langen  Bändereihe  der  zahlreichen  lokalen  Geschichtsvereine 
(Dresden,  Freiberg,  Meifsen,  Chemnitz,  Plauen  u.  s.  w.)  nur  wenige  Hefte 
erschienen  waren!  Doch  trotz  aller,  heute  stark  empfindbaren  Mängel  be- 
deutete auch  der  erste  Band  einen  wesentlichen  Fortschritt,  und  Flathe  hatte 
eigene  umfassende  Einzeluntersuchungen  hierftlr  nicht  gescheut,  so  über 
Wiprechi  von  Groitxsch  in  Webers  Archiv  Band  III  (1865).  Wesentlich 
höber  steht  der  zweite  Band  (1553  —1806),  in  dessen  knappen  Umfang  eine 
fast  tiberreiche  Stofiftllle  hineingearbeitet  ist.  Während  Flathe  ftir  den  ersten 
Band  aber  beim  Zurückgehen  auf  die  Quellen  sich  auf  die  gedruckt  vor- 
liegenden beschränkte,  hat  er  ftir  den  zweiten,  aufser  umfassender  Benutzung 
der  gedruckten  Litteratur,  ftir  mehrere  Perioden  selbst  archivalische  Studien 
gemacht  und  einzelne  Abschnitte  in  Sonderabhandlungen  ausftihrlicher  erörtert, 
so  Die  Verhandlungen  über  die  dem  Kurfürsten  Friedrich  August  III.  von 
Sachsen  angebotene  Thronfolge  in  Polen  urui  der  sächsische  Geh.  Legations- 


f 

/ 


—     226     — 

rai  r.  Essen  (Jahresbericht  der  Landesschule  Meifsen  1870),  femer  DU 
Verhandlungen  über  Sachsens  Neuiralitüi  im  Jahre  1790  (Webers  Archiy 
IX,  187 1)  und  Der  sächsische  Landtag  1681 — 82  (Mitteilungen  des  Kgi. 
Sächsischen  Altertumsveieins,  Heft  28,  1878).  Schon  der  zweite  Band  ent- 
fernte sich  so  weit  von  Böttigers  Arbeit,  dafs  er  kaum  mehr  als  Neubearbeitung 
gelten  kann,  der  dritte  Band  (1806  — 1866)  aber  ist  ein  durchaus  neues, 
selbständiges  Werk,  in  dem  sich  Flathes  Eigenart  aufs  deutlichste  aus- 
spricht. Er  war  ein  entschiedener  Gegner  partikularistischer  Gesinnung  und 
trug  dieser  Auffassung  bei  seiner  Verurteilung  der  sächsischen  Politik  der 
napoleonischen  Zeit  und  besonders  der  letzten  Jahrzehnte  offen  Rechnung. 
Dafs  eine  solche  Stellungnahme  vielfach  verstimmte,  liegt  auf  der  Hand,  und 
der  Minister  Richard  v.  Friesen  nimmt  in  seinen  „  Erinnerungen  aus  meinem 
Leben"  1880  deshalb  wiederholt  Gelegenheit,  nachdrücklich  gegen  Flathes 
sächsische  Geschichte  zu  polemisieren,  was  diesen  wieder  zu  einem  scharfen 
kritischen  Aufsatz  Die  Memoiren  des  Herrn  v,  Friesen  (Historische  Zeitschrift 
46,  1881)  veranlafste.  Uns  Sachsen  mufs  es  ja  peinlich  sein,  den  sächsischen 
Standpunkt  in  einer  (und  zwar  der  umfassendsten  und  besten)  Geschichte 
unseres  Landes  so  wenig  vertreten  zu  sehen,  zumal  seitens  eines  geborenen 
Sachsen  und  sächsischen  Schulmannes,  der  berufen  ist,  die  sächsische  Jugend 
in  die  Geschichtskenntnis  einzuführen,  dem  Historiker  Flathe  aber  kann  und 
darf  andererseits  das  Recht  und  die  Pflicht  nicht  verkümmert  werden,  seiner 
ehrlich  gewonnenen  Überzeugung  auch  ehrlichen  Ausdruck  zu  verleihen,  selbst 
wenn  sie  dem  heimischen  Ohre  nicht  stets  wohlgefällig  klingt.  Auf  das 
Entschiedenste  ist  dabei  auch  zu  betonen,  dafs  Flathe  trotz  aller  absprechenden 
Urteile  über  das,  was  er  nicht  billigt,  das  wärmste  Herz  für  sein  Vaterland 
und  alles,  was  damit  zusanunenhängt ,  beweist;  seine  Schrift  „Die  Voizeit 
des  sächsischen  Volkes",  seine  Bearbeitung  von  Engelhardts  Vaterlandskunde 
legen  dafür  beredtes,  rührendes  Zeugnis  ab,  und  selbst  der  vielangefochtene 
dritte  Band  der  sächsischen  Geschichte  zeigt  durchgängig  die  treuste  An- 
hänglichkeit und  Liebe  für  seine  sächsische  Heimat. 

Die  Teilnahme  am  Heimischen,  das  Interesse  an  der  engeren  Um- 
gebung kam  auch  zum  Ausdruck  in  semen  Studien  zur  Geschichte  von 
St.  Afra.  Seit  Müller  vor  90  Jahren  seinen  „Versuch  einer  vollständigen 
Geschichte  der  Kursächsischen  Fürsten-  und  Landesschule  zu  Meifsen "  ver- 
öffentlicht hatte,  war  St.  Afras  Geschichte  nicht  wieder  umfassend  bearbeitet 
worden;  Flathe  wurde  auch  deren  Geschichtsschreiber  in  seinem  Werke: 
St.  Afra.  Geschichte  der  Kgl  Säch»ischen  Fürstenschule  zu  Mei/hcfi  1543 
bi^  1879  (Leipzig,  Tauchnitz,  1879).  Das  Buch,  dessen  Wert  weit  über  den 
einer  blofsen  Schulgeschichte  hinausgeht,  liefert  zugleich  einen  wichtigen  Bei- 
trag zur  Kenntnis  der  Entwickelung  des  sächsischen  Unterrichtswesens  und 
geistigen  Lebens  überhaupt.  Als  Schüler  wie  als  Lehrer  kannte  Flathe  die 
afranischen  Schulverhältnisse  mit  ihren  Abweichungen  von  den  Einrichtungen 
anderer  höherer  Schulen  Sachsens,  ihren  hochgespannten  Anforderungen  an  die 
streng  klassische  Ausbildung,  die  heute  leider  vielen  als  Anachronismus  er- 
scheinen mag,  aus  eigener  Erfahrung  auf  das  Genaueste,  und  vertrat  deren 
Berechtigung  gegenüber  den  sich  mehr  und  mehr  breit  machenden  Anfor- 
denmgen  der  mathematisch-naturwissenschaftlichen  Richttmg.  Dafs  das  Werk 
durchaus  auf  dem  weitschichtigen  Aktenmaterial  aufgebaut  wurde,  ist  selbst- 


—    i2l    — 

verständlich ;  wie  umfassend  Flathe  bei  seiner  Vorbereitung  verfuhr,  erkennt  maii 
auch  daraus,  dafs  er  das  alte  Chorherrenstift  St.  Afra,  dessen  Rechtsnachfolger 
die  Fürstenschule  wurde,  in  den  Kreis  seiner  Studien  hineinzog,  vgl.  seinen 
Aufsatz  Das  Kloster  der  Augustiner  Chorherren  xu  St.  Afra  in  Meißen 
(Webers  Archiv,  N.  F.  11,  1876).  Auch  die  von  Flathe  herausgegebenen 
Epistolae  aliquot  rectonnn  Afranorum  im  Schulprogramm  von  St.  Afra  (1880), 
und  die  Specimina  enuliiionis  Afranae  Qeorgio  Fabincio  rectore  scripta  (1879) 
kommen  der  Schulgeschichte  zugute  und  bieten  Veröffentlichungen  von 
Schriftstücken  der  ersten  Jahrzehnte. 

Die  letzten  zwei  Jahrzehnte  hindurch  galt  der  Geschichte  der  neueren 
Zeit  Flathes  Hauptthätigkeit,  deren  Ergebnisse  zu  Beginn  dieses  Aufsatzes 
erwähnt  sind,  obwohl  er  keineswegs  dem  alten  Arbeitsgebiete  ganz  den  Rücken 
kehrte,  sondern  als  Vorsitzender  des  Meifsner  Geschichtsvereins  in  ständigem 
Zusammenhang  mit  der  heimischen  Geschichte  blieb,  Vorträge  im  Vereins- 
kreise (wie  früher  auch  im  Königl.  Sachs.  Altertumsverein  zu  Dresden)  hielt, 
auch  einige  kleinere  Aufsätze  in  den  Mitteilungen  dieses  Vereins  veröffent- 
lichte, so  Der  Überfall  Meifsens  durch  die  Schweden  1627  und  Die  älteste 
erkennbare  Geschichte  des  Meißner  Landes  (I.  Heft  i  und  4,  1882,  1884). 
Ein  zweites  Band,  das  ihn  ständig  mit  der  Geschichte  Sachsens  verknüpfte, 
war  die  AUgemeiiie  Deutsche  Biographie,  für  welche  er  der  hauptsächlichste 
Bearbeiter  der  Artikel  über  sächsische  Persönlichkeiten  vom  i.  bis  zum  jetzt 
vorliegenden  45.  Bande  wurde.  Freilich  sind  diese  Biographieen  oft  etwas 
dürftig  ausgefallen,  doch  ist  dabei  zu  berücksichtigen,  dafs  Flathe  als  ein 
von  Anfang  an  Mitarbeitender  sich  strenger  an  den  ursprünglichen  Arbeits- 
grundsatz möglichster  Knappheit  hielt,  der  mit  dem  Fortschreiten  des  Werkes 
besonders  von  den  neu  hinzukommenden  Mitarbeitern  mehr  und  mehr  unter 
stillschweigender  Zustimmung  der  Leitung  aufgegeben  worden  ist.  Aufserdem 
war  er  auch  als  Kritiker  für  das  Literarische  Centralblatt  und  die  Historische 
Zeitschrift  thätig. 

Flathes  Leben  war  ein  Leben  voll  ununterbrochener,  stiller  Gelehrten- 
arbeit, die  nicht  nach  äufseren  Ehren  und  Erfolgen  strebt,  „  von  Gunst  und 
Ungunst  unbeirrt'*,  wie  er  selbst  in  seiner  sächsischen  Geschichte  sagt.  Er 
war  frei  von  jeder  Effekthascherei,  und  breitere  Schichten  selbst  des  säch- 
sischen Volkes  werden  ihn  kaum  oder  nur  als  Herausgeber  der  oben  mit 
erwähnten  populären  Handbücher  gekannt  haben ;  unvergessen  aber  wird  sein 
Name  in  der  sächsischen  Geschichtsforschung  und  -Schreibung  bleiben,  denn 
seine  Arbeiten,  besonders  sein  Hauptwerk,  sichern  ihm  ein  ehrenvolles  An- 
denken und  gebührende  Berücksichtigung,  die  auch  noch  geraume  Zeit  vor- 
halten wird.  Und  selbst  wenn  dereinst  auf  Grund  des  seitdem  neu  hinzu- 
gekommenen reichen  Quellenstoffs  und  der  schier  unübersehbaren  Spezial- 
litteratur  eine  neue  sächsische  Geschichte  vorliegen  sollte,  wird  Flatlies  \\  erk 
ständig  in  der  Geschichte  unserer  vaterländischen  Historiographie  als  ein 
Markstein  betrachtet  werden. 

Dresden.  Woldcmar  Lippe rt. 

Arehire.  —  Die  Errichtung  eines  Staatsarchivs  in  Westpreufsen 
hatte  man  an  mafsgebender  Stelle  bereits  seit  längerer  Zeit  ins  Auge  gefafst 
und  dabei  vornehmlich  an  die   alte  Ordensstadt  Marienburg   als  Sitz   dieses 


—     228     — 

Instituts  gedacht  Neuerdmgs  ist  man  von  diesem  Orte  abgekommen  und 
hat  sich  aus  Gründen,  die  wohl  überall  Billigung  finden  werden,  vielmehr  für 
die  Errichtung  eines  Staatsarchivs  in  der  Provinzialhauptstadt  Danzig  ent- 
schieden. Die  Stadt  Danzig  hat  der  Regierung  einen  Bauplatz  zur  Verfügung 
gestellt,  die  Pläne  für  die  hier  zu  errichtenden  Gebäude  sind  bereits  ent- 
worfen, und  in  den  Staatshaushalts-Etat  für  1900  ist  bereits  eine  erste  Rate 
für  den  Bau  eingestellt. 

Der  Inhalt  des  neuen  Archivs  wird  sich  zusammensetzen  aus  den  re- 
ponierten Akten  der  königlichen  Regierungen  zu  Danzig  und  Marienwerder, 
der  Landratsämter  und  Gerichte  der  Provinz,  vermudich  auch  aus  den  ein- 
schlägigen Beständen  der  Staatsarchive  zu  Königsberg  und  Posen,  sowie  —  und 
dies  dürfte  wohl  der  Hauptschatz  des  neuen  Staatsarchivs  werden  —  aus 
dem  bisherigen  Danziger  Stadtarchiv,  das  mit  seinem  reichen  Material  an 
Urkunden,  Akten  und  Handschriften  bekanntlich  weit  über  den  Rahmen  eines 
gewöhnlichen  Kommunalarchivs  hinausgeht.  Nach  einem  zwischen  der  Re- 
gierung und  der  Stadt  Danzig  vereinbarten  Vertrage,  welchem  im  wesentlichen 
der  seiner  Zeit  zwischen  der  Regierung  und  der  Scadtgemeinde  Posen  ab- 
geschlossene Vertrag  als  Vorbild  gedient  hat,  übergiebt  die  Stadt  ihr  Archiv 
unter  Vorbehalt  des  Eigentumsrechts  und  der  Möglichkeit  jederzeitiger  Zurück- 
nahme an  die  Staatsrcgicrung,  die  sich  verpflichtet,  die  ganze  Sammlung  als 
unteilbares  Ganzes  unter  der  Bezeichnung  „Archiv  der  Stadt  Danzig '^  aufzu- 
bewahren, für  die  unversehrte  Erhaltung  des  Übergebenen  einzustehen  und  fiir 
die  Urkunden  und  Handschriften  ausführliche  Repertorien  und  Register  an- 
zufertigen. Das  Archiv  der  Stadt  Danzig  wird  also  nicht  aufhören  zu  be- 
stehen, sondern  nur  in  die  Verwaltung  des  Staates  übergehen. 

Für  die  Wissenschaft  kann  dieser  Wechsel  der  Verwaltimg  nur  erfreulich 
sein.  Denn  wenn  das  Danziger  Stadtarchiv  in  seinen  Hauptbeständen  auch 
schon  geordnet  ist,  so  bewahrt  es  daneben  doch  noch  gewaltige  Mengen 
ungeordneter  Akten  und  Urkunden,  deren  Ordnung  weit  über  die  Kräfte 
eines  Einzelnen  hinausgeht,  zumal  weim  dieser,  wie  es  bisher  der  Fall  war, 
auch  noch  die  Verwaltung  der  recht  bedeutenden  Danziger  Stadtbibliothek 
zu  leiten  hat.  Mit  der  staatlichen  Verwaltung  werden  hofifentlich  genügende 
Arbeitskräfte  kommen  und  das  erschliefsen,  was  noch  unbekannt  war. 

G. 

Elugcgangeiie  Bücher. 

Ludwigsburger  Geschichtsblätter,  herausgegeben  vom  Historischen  Verein 
.  für  Ludwigsburg  und  Umgegend.     Erstes  Heft,  Ludwigsburg,  Ungeheuer 

und  Ulmer,   1900.     8.7  S.  8^. 
Seidel,  E.  A. :  Grünhain  seit  der  Reformation.    Ein  Beitrag  zur  Geschichte 

von  Grünhain.    Zwönitz,  Bernhard  Ott,  1900.     i.  Lieferung,  32  S.  8^. 
Tschamber,  Karl :  Friedlingen  und  Hiltelingen.    Ein  Beitrag  zur  Geschichte 

der   Ödungen   im    badischen  Lande.     Lörrach,   Kommissionsverlag   von 

Poltier- W'eeber,   1900.      165   S.  8^.     ^  2,20. 


Herausgeber  Dr.  Aiiisiu    I  iilc  in  Leipzig.   —  Druck  und  Verlag -von  Friedrich  Andreas 'Perthes  in  Gotha, 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


sur 


Förderung  der  landesgeschicbtliclieii  Forschung 

I.  Band  Juli  xgoo  lo.  Heft 


Fünfzig  Jahre  oberrheitiiseher  Gesehiehts^^ 

forsehung 

Von 
Karl  Brunner  (Karlsruhe) 

Vor  fünfzig  Jahren  hat  Franz  Josef  Mone  die  Zeitschrift för 
die  Geschichte  des  Oberrheins  begründet  *).  Ihr  Erscheinen  war  ein 
Elreignis  in  der  Geschichtswissenschaft,  dessen  Bedeutung  und  Einflufs 
über  den  Rahmen  eines  blos  territorialen  Interesses  weit  hinausgeht. 
Rasch  hat  sich  die  vortrefflich  geleitete  Zeitschrift  in  der  periodischen 
Geschichtslitteratur  Deutschlands  eine  angesehene  Stellung  erworben, 
die  sie  unter  mannigfach  wechselnden  äufseren  Schicksalen  durch  fünfzig 
Jahre  wohl  zu  wahren  und  zu  festigen  verstanden  hat.  Nach  einem 
so  bedeutenden  Zeitabschnitt  erscheint  ein  Rückblick  auf  die  Geschichte 
des  Unternehmens,  eine  Würdigung  seiner  Leistungen  um  so  mehr 
angebracht,  als  der  vielseitige  Inhalt  der  mehr  als  fünfzig  Bände  um- 
fassenden Sammlung  bei  weitem  nicht  in  dem  Mafse  bekannt  und  ge- 
schätzt ist,  wie  es  wünschenswert,  ja  notwendig  wäre,  soll  nicht  manche 
wertvolle  Frucht  mühsamer  und  gewissenhafter  Forschung  verloren 
gehen,  manche  bereits  gethane  Arbeit  unnütze  Wiederholung  finden. 

Als  Hüter  der  reichen  Schätze  des  Karlsruher  Generallandesarchivs, 
die  zum  weitaus  gröfsten  Teil  noch  ungehoben  lagen,  hat  Mone  in 
seinem  tiefen  Forschungsdrang,  der  vornehmlich  auf  Erschliefsung  des 
urkundlichen  Quellenmaterials  gerichtet  war,  das  Bedürfnis 
empfunden,  diese  Schätze  nach  Kräften  ans  Tageslicht  zu  fördern.  Im 
Interesse  einer  möglichst  vielseitigen  und  zugleich  rasch  fortschreitenden 


i)  Im  Februar  1850  erschien  das  erste  Heft  des  ersten  Bandes  bei  der  Braunschen 
liofbachhandlung  za  Karlsruhe.  In  diesem  Verlag  blieb  die  Zsr.  bis  zum  39.  Bd.  (1885). 
Vom  40.  Bd.  (=s  I.  Bd.  der  Neuen  Folge,  1886)  bis  zum  46.  (VII.)  Bd.  (1892)  war  sie 
bei  Mohr  in  Freiburg  i.  B.  verlegt;  seit  dem  47.  (VIII.)  Bd.  (1893)  erscheint  sie  bei 
Bielefeld  in  Karlsruhe.     Jährlich  werden  vier  Hefte  ausgegeben. 

18 


—     230     — 

Ausbeutung  des  Archivs  schien  ihm  die  Veröffentlichung  in  periodisch 
erscheinenden  Heften  am  meisten  zweckentsprechend.  „Eine  geschicht- 
liche Zeitschrift**,  so  leitet  er  selbst  das  Unternehmen  ein,  „welche 
vorzüglich  zur  Quellenmitteilung  bestimmt  ist,  wird  bei  der  jetzigen 
Richtung  zum  Quellenstudium  wohl  keiner  Rechtfertigung  bedürfen, 
um  so  weniger,  wenn  sie  von  einem  Archive  ausgeht,  das  seiner  Natur 
nach  ungedruckte  Schätze  vierwahrt.  Freunde  der  Geschichte  möchte 
es  vielmehr  freuen,  dafs  noch  so  viel  Vertrauen  und  Liebe  zur  Arbeit 
vorhanden  ist,  um  diese  Zeitschrift  am  Oberrhein  herauszugeben.  Wenn 
in  den  letzten  Erschütterungen  dieser  Länder  die  drohende  Gefahr  der 
Zerstörung  uns  ernst  gemahnt  hat,  das  noch  vorhandene  zu  retten, 
so  mag  die  Erfüllung  dieser  Pflicht  auch  vom  Publikum  gewürdigft 
werden  *).** 

Besonders  erfreulich,  bei  dem  wissenschaftlichen  Standpunkt  des 
Herausgebers  übrigens  gar  nicht  anders  zu  erwarten,  ist  der  weitaus- 
schauende Plan,  der  von  Anfang  an  Umfang  und  Richtung  der  Zsr. 
in  einen  freieren  und  gröfseren  Gesichtskreis  gerückt  hat,  als 
dies  blos  das  Bedürfnis  einer  beschränkten  lokalen  oder  territorialen 
Geschichtsschreibung  erfordert  hätte.  Geographisch  umfafst  der 
Arbeitsbereich  der  Zsr.  das  gesamte  Gebiet  der  oberrhei- 
nischen Lande,  die  in  ihrem  reichen  geschichtlichen  Leben  in 
mehr  als  einer  Hinsicht  ein  geschlossenes  Ganzes  darstellen:  Die  im 
Stromgebiet  des  Rheins  liegenden  Schweizerkantone,  Württem- 
bergjBaden,  dasElsafs,  dieRheinpfalz,  das  Grofsherzogtura 
Hessen  bis  an  Main  und  Nahe.  Dafs  dabei  auch  für  manches 
weitere  Grenzgebiet  nicht  selten  Mitteilungen  abfallen,  ist  selbst 
verständlich.  Schon  deshalb,  meint  der  Herausgeber  in  bezeich- 
nender Weise,  werde  man  diese  Ausdehnung  angemessen  finden, 
weil  dadurch  Gelegenheit  gegeben  werde,  mehr  Quellen  bekannt  zu 
machen,  als  bei  der  Beschränkung  auf  Baden;  und  dementsprechend 
sollen  auch  aufser  dem  Karlsruher  Archiv  weitere  einschlägige  Archive 
und  Bibliotheken  zur  Ergänzung  und  Bereicherung  herangezogen  wer- 
den. Umgekehrt  wiederum  sind  die  im  badischen  Generallandesarchiv 
beruhenden  Materialien  zur  Geschichte  ferner  liegender,  selbst  aufeer- 
deutscher  Länder  von  der  Veröffentlichung  nicht  ausgeschlossen,  weil 
eben  die  Zsr.  vorzugsweise  das  Organ  dieses  Archivs  in  seinem  ganzen 


i)  Ich  gebe  hier  and  im  folgenden  einige  Zitate  wörtlich  aus  den  Vorreden  Mone& 
zu  den  ersten  Bänden  seiner  Zsr.,  weil  ich  darin  vorzügliche  Beiträge  tar  Charakteristik 
der  Persönlichkeit  and  der  wissenschaftlichen  Stellang  des  hochverdienten  und  merk> 
würdigen  Mannes  sehe. 


—     231     — 

Umfang  sein  soll.  Die  allgemeinere  und  die  örtlich  beschränkte  Ge- 
schichte tritt  in  richtige,  von  gröfseren  Gesichtspunkten  geleitete  Wechsel- 
wirkung. In  dieser  Hinsicht  lautet  Mones  Programm:  „Der  Stoff  soll 
entweder  in  Abhandlungen  niedergelegt  werden,  die  sich  über  mehrere 
Länder  zugleich  erstrecken  und  dadurch  allgemeine  Verhältnisse  er- 
klären, oder  soll  urkundlich  nachweisen,  wie  die  allgemeinen  Verhält- 
nisse sich  in  einzelnen  Orten  gestaltet  haben.  Nach  dieser  Rücksicht 
wird  die  Auswahl  der  örtlichen  Urkunden  stattfinden,  wodurch  sie  auch 
aufserhalb  ihrer  Ortsbeschränktheit  brauchbar  werden." 

In  erster  Linie  Quellenschrift,  will  die  Zsr.  entweder  unmittelbare 
Quellen  geben  oder,  wenn  die  Texte  selbst  zu  umfangreich  sind,  Aus- 
züge, Regesten  oder  Verzeichnisse  derselben  mitteilen  —  alles  durch 
sorgfältige,  eindringliche  Litteraturnachweise ,  Citate  und  Ergänzungen 
verschiedener  Art  erläutert;  gleichzeitig  sollen  Abhandlungen  mehr 
zusammenfassender  Art,  die  auf  quellenmäfsigen  Studien  beruhen,  Auf- 
nahme finden.  Der  Schwerpunkt  der  ganzen  Thätigkeit 
Mones  liegt  wie  in  seinen  übrigen  Publikationen  so  auch 
ganz  besonders  in  dieser  Zsr.  durchgehends  imMittelalter, 
ohne  dafe  jedoch  die  Berücksichtigung  der  neueren  Geschichte  irgend- 
wie grundsätzlich  ausgeschlossen  wäre.  Verhältnismäfsig  selten  wird 
das  XVI.  Jahrhundert  erreicht  oder  überschritten. 

Durch  bereitwilliges  Entgegenkommen  der  badischen  Staatsregierung, 
die  einen  namhaftenZuschufe  gewährte,  war  das  Unternehmen  von 
vorneherein  auf  sichere  finanzielle  Grundlage  gestellt  und  eine  völlig 
anabhängige,  nur  auf  streng  wissenschaftliche  Forschung  gerichtete 
Wirksamkeit  desselben  ermöglicht. 

Die  Zsr.  trat  denn  auch  gleich  zu  Anfang  recht  lebenskräftig  und 
vielversprechend  vor  die  Öffentlichkeit  und  fand  weit  über  Baden  hin- 
aus im  übrigen  Deutschland  eine  unerwartete  Verbreitung,  in  allen 
Kreisen  ernster  geschichtlicher  Arbeit  eingehende  Beachtung,  zumeist 
freudige  Anerkennung  und  Aufmunterung,  vereinzelt  nur  tadelnde  Kritik. 
Dem  gegenüber  hat  der  rührige  Herausgeber  stets  lebhafte  Fühlung 
behalten  mit  seinen  Leserkreisen  in  unmittelbarer  Aussprache  (in  den 
Vorreden  zu  den  ersten  Bänden)  über  Ziele  und  Absichten  seines 
Werkes,  über  Kritik  und  Krittelei  derer,  die  den  Wert  anscheinend 
geringfügigerer  oder  entlegenerer  Quellenstücke  nicht  zu  schätzen  wissen 
und  so  ihre  „Beschränktheit  und  Unfähigkeit  an  den  Tag  legen."  Sie 
sollten  bei  ihren  gröfseren  Anforderungen  erst  selbst  einmal  Gröfseres 
und  Besseres   leisten.     „Wir  haben  kein  Muster  einer  geschichtlichen 

Zeitschrift",   fügt   er   rechtfertigend   hinzu,    „die   von   einem   Archive 

18* 


—     232     — 

ausgeht,  unsere  Wahl  und  Behandlung  der  Gegenstände  richtet 
sich  also  nach  den  Quellen,  die  uns  zu  Gebote  stehen,  und  nach  dem 
Interesse,  das  sie  für  die  Landesgeschichte  haben/'  Es  sind  vortreff- 
liche Auslassungen  über  die  Berechtigung  solch  begrenzter  Geschichts- 
forschung gegenüber  allgemeineren  Zielen:  „Die  kleinen  Verhältnisse 
der  landschaftlichen  und  örtlichen  Geschichte  dürfen  nicht  nach  dem 
Mafsstabe  der  Reichsgeschichte  beurteilt  werden,  ihre  Würdigung  liegt 
vielmehr  in  der  eigentümlichen  Wirksamkeit,  die  sie  in  ihrem  Kreise 
auf  das  Leben  und  den  Charakter  der  Personen  ausgeübt  haben.  Denn 
jeder  Mensch  wird  durch  seine  Umgebung  gebildet,  weil  sie  unmittel- 
bar auf  ihn  einwirkt;  es  gehört  deswegen  auch  zur  geschichtlichen 
Selbstkenntnis  eines  Volkes,  dafs  es  seine  landschaftliche  Entwicklung 
nicht  aufser  Acht  lasse.  Die  Länder  am  Oberrhein  waren  im  Mittel- 
alter von  Bedeutung,  es  mag  daher  sein,  dafs  die  Bekanntmachung 
ihrer  Geschichtsquellen  selbst  für  die  allgemeine  Geschichte  unseres 
Volkes  einigen  Wert  hat."  Wie  aufrichtig  es  übrigens  Mone  darum 
zu  thun  war,  einen  soliden  geschichtlichen  Sinn  in  weiteren  Kreisen 
des  Volkes  durch  seine  Publikationen  zu  pflanzen,  lassen  die  ernstlichen 
Mahnungen  erkennen,  die  er  in  folgende,  auch  heute  noch  beherzigens- 
werte Worte  kleidet:  „Die  allgemeine  Geschichtsbetrachtung  artet  oft 
in  leeres,  unpraktisches  Räsonnieren  aus,  weil  es  angenehmer  und 
leichter  ist,  sich  die  Begebenheiten  nach  einer  beliebten  Ansicht  zu- 
sammen zu  stellen  und  zu  beurteilen,  als  ihre  speziellen  Entstehungs- 
gründe zu  erforschen."  Gleichzeitig  aber  sieht  er  neben  den  rein 
wissenschaftlichen  Zielen,  die  ihm  bei  aller  seiner  Arbeit  obenan  stehen, 
als  echter  Sohn  seiner  Zeit  die  Aufgabe  des  Historikers  auch  in  der 
Belehrung  und  Erziehung  des  Volkes  zu  wahrer  Vaterlandsliebe  und 
gesunder  politischer  Anschauung  auf  Grund  positiver  geschichtlicher 
Erkenntnis.  Die  Erfahrung,  die  ein  Volk  in  seiner  Geschichte  gemacht 
hat,  erscheint  Mone  für  dasselbe  ebenso  wichtig,  wie  die  Lebens- 
erfahrung des  Einzelnen  für  sein  reiferes  Alter.  Der  organische  Ver- 
lauf des  Volkslebens  gestatte  allerdings  keine  Wiederherstellung  früherer 
Zustände,  wohl  aber  die  weise  Benutzung  früherer  Vorbilder  und  Er- 
fahrungen; in  diesem  Zusammenhange  behalte  die  Geschichte  stets 
ihren  Wert  und  ihre  Brauchbarkeit.  „Erfahrungen",  meint  er 
wiederum  zur  Rechtfertigung  der  Spezialgeschichte,  „aus  vielen  Einzel- 
heiten sind  nicht  nur  lehrreicher,  sondern  auch  für  das  Leben  brauch- 
barer als  Ansichten,  die  aus  dem  allgemeinen  und  oberflächlichen 
Anschein  gebildet  werden.  Wer  daher  die  Geschichte  seiner  Heimat 
erforscht,   kann   für   sich   und   seine  Nachbarn  nützliche  Resultate  ge- 


—     233     — 

winnen,  wenn  sie  auch  anfangs  vereinzelt  stehen  und  nicht  jeder  gleich 
einsieht,  wozu  die  Erfahrungen,  die  in  solchen  Ergebnissen  liegen, 
dienlich  sind.  Wir  wünschen  durch  diese  Äußerungen  den  Standpunkt 
unserer  Arbeiten  genau  zu  bezeichnen,  damit  sie  darnach  gewürdigt 
werden  mögen."  Und  später  (im  7.  Band)  äufsert  er  sich  nochmals: 
„Die  Erläuterungen  der  alten  Zustände  leitet  direkt  auf  die  praktische 
Bedeutung  der  Geschichte,  und  wenn  manche  daraus  nichts  lernen, 
weil  sie  in  der  Geschichte  nur  Zeitvertreib  sehen  oder  suchen,  so  ist 
es  für  sie  und  ihre  Wirksamkeit  zu  bedauern." 

Hinsichtlich  des  Inhalts  —  darauf  komme  ich  später  noch  zurück  — 
legt  Mone  bei  allen  seinen  Quelleneditionen  den  Hauptnachdruck  auf 
die  „soziale  Geschichte",  der  er  gegenüber  einer  einseitigen  Pflege 
der  politischen  Geschichte  gröfsere  Geltung  verschaffen  möchte.  Ihm 
scheint  „die  Aufgabe  der  teutschen  Geschichtsforschung  unleugbar 
diese,  die  Entwicklung  der  sozialen  Verhältnisse  in  allen 
Beziehungen  historisch  zu  ergründen  und  darzustellen." 
Eine  „Geschichte  des  Volkslebens"  schwebt  ihm  als  Ideal  vor,  zu 
dessen  Verwirklichung  seine  Zsr.  ein  Scherflein  beisteuern  will.  „Die 
Einseitigkeit  der  Staatsgeschichte,  an  welcher  das  Volksleben  oft  so 
wenig  teilnimmt,  kann  dem  vollständigen  Begriffe  der  Geschichte  nicht 
genügen,  ja  es  lassen  sich  die  Wirkungen  der  politischen  Geschichte 
auf  das  Volksleben  nicht  ermessen  und  beurteilen,  wenn  man  dieses 
nicht  gründlich  kennt."  Wir  sind  gewohnt,  derartige  Forderungen  als 
dem  Geschichtsbetrieb  unserer  Zeit  besonders  eigentümlich  anzusehen : 
Mone  —  einer  der  ersten  entschiedenen  und  zielbewufsten  Vertreter 
dieser  Auffassung,  unstreitig  einer  der  Mitbegründer  wissenschaftlicher 
Kultuigeschichtsschreibung  —  hat  diese  Forderungen  bereits  vor  fünfzig 
Jahren  aufgestellt  und  an  ihrer  Erfüllung  ernstlich  gearbeitet.  Gerade 
auf  diesem  Gebiet  liegt  eine  besondere  Eigenart  der  Zsr.  f.  d.  Gesch. 
d.  Oberrh.,  die  darin  eine  beachtenswerte  Stellung  in  der  Entwicklung 
unserer  vaterländischen  Geschichtsforschung  einnimmt.  Mones  Ver- 
dienst nach  dieser  Seite  hin  ist  leider  nicht  genügend  bekannt  und 
anerkannt :  Neben  dem  praktischen  Nutzen,  den  diese  seine  heute  noch 
keineswegs  veraltete,  vielmehr  höchst  schätzbar  gebliebene  Quell en- 
stoffsammlung  zur  Kulturgeschichte  bietet,  ist  vielleicht  noch 
bedeutsamer  und  nachhaltiger  geworden  die  Fülle  von  Anregungen,  die 
aus  solch  ungewohnter  Auffassung  und  Bethätig^ng  des  archivalischen 
Berufs  hervorgegangen  sind. 

Bis  zum  21.  Bande  einschliefslich  hat  Mone  seine  Zsr.  geleitet 
und   zum   grolsen  Teil  selbst  auch  bearbeitet.     Neben  ihm  waren  die 


n 


—     234     — 

Archivräte  Dambacher  und  Bader  dafür  thätig.  Im  Januar  des  Jahres 
1868  trat  der  langjährige  Direktor  des  Generallandesarchivs  in  den 
wohlverdienten  Ruhestand  und  gab  damit  auch  die  Leitung  und  Mit- 
arbeit an  der  Zsr.  f.  d.  Gesch.  d.  Oberrh.  auf.  Die  Redaktionsgeschäfte 
übernahm  Mones  Amtsnachfolger  Freiherr  Roth  von  Schrecken- 
stein in  Gemeinschaft  mit  den  Archivräten  Bader  und  v.  Weech. 
Als  Neuerung  der  im  übrigen  wesentlich  unverändert  weitergeführten 
2^r.  wurde  jetzt  im  Hinblick  darauf,  dafs  diese  mit  der  Zeit  eine 
systematische  Bearbeitung  der  gesamten  Karlsruher  Archivalien  dar- 
stellen sollte,  die  Veröflfentlichung  ganzer  geschlossener  Archivsektionen, 
soweit  ihr  Inhalt  wissenschaftlichen  Wert  besitzt,  ins  Auge  gefafst. 
Damit  war  nichts  Geringeres  eingeleitet  als  die  Herausgabe  von  Archiv- 
Inventaren,  die  bei  dem  Reichtum  und  der  Vielseitigkeit  des  badi- 
schen Generallandesarchivs  wie  bei  dem  wissenschaftlichen  Ruf  der 
Bearbeiter  hochgespannte  Erwartungen  wecken  mulsten.  Leider  ist 
der  Plan  nur  zu  teilweiser  Ausführung  gelangt.  Wohl  wurden  mehrere 
derartige  Publikationen  gegeben  tmd  allseitig  mit  Dank  und  Anerken- 
nung aufgenommen;  allein  es  war  doch  recht  wenig  im  Verhältnis  zu 
dem  Gesamtumfang  des  Archivs,  auch  nur  seiner  Urkundenabteilungen. 
Unter  der  neuen  Redaktion  erschienen  häufiger  Abhandlungen  und 
Untersuchungen,  wie  auch  der  Kreis  der  Mitarbeiter  allmählich  sich 
erweiterte. 

Als  mit  dem  39.  Band  1885  die  Publikation  in  ihrer  bisher^en 
Weise  abschlofs  und  die  Badische  Historische  Kommission 
einem  Beschluis  ihrer  dritten  Plenarsitzung  gemäfs  die  Herausgabe  der 
Zsr.  in  „Neuer  Folge"  übernahm,  erfuhr,  abgesehen  von  einer  beträcht- 
lichen Erweiterung  des  Umfangs,  der  Plan  des  Unternehmens  selbst 
eine  Umgestaltung  in  mehreren  wesentlichen  Punkten.  Von  jetzt  ab 
sollen  Forschungen  und  Darstellungen  mit  Quellenpublikationen  mög- 
lichst gleichmäfsig  wechseln ;  ganze  Urkundenserien,  gröfsere  Regesten- 
sammlungen, wie  überhaupt  umfangreichere  Quellen  sollen  grundsätz- 
lich von  der  Aufnahme  in  die  Zsr.  ausgeschlossen  sein.  Neben  der 
bis  dahin  fast  ausschliefslich  berücksichtigten  mittelalterlichen  Geschichte 
sollte  auch  die  neuere  Geschichte  zu  ihrem  Rechte  kommen. 
Weiter  wurde  in  jedem  der  vierteljährig  erscheinenden  Hefte  ein  be- 
sonderer Raum  für  Zeitschriftenschau  und  litteratumotizen  (Referate 
und  Kritiken),  die  Mone  ganz  fem  gehalten  hatte,  gewährt  Indem 
so  die  Zsr.  aufhörte,  Organ  des  Karlsruher  Generallandesarchivs  zu 
sein  —  wodurch  bedauerlicherweise  die  so  erfolgreich  b^onnene 
Hebung  der  reichen  Schätze  desselben   abgebrochen  wurde   — ,   so 


—     235     — 

hatte  doch  andrerseits  die  Änderung  und  Erweiterung  des  Programms 
die  erfreuliche  Folge,  dafs  nunmehr  für  die  von  der  Historischen  Kom- 
mission geweckte  frische  Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  landesgeschicht- 
licher Forschung  am  Oberrhein  ein  Mittelpunkt  und  eine  Sammelstelle 
geschaffen  war,  die  lückenlos  den  jeweiligen  Stand  der  Forschung 
repräsentiert,  sei  es  in  eigenen  Arbeiten,  sei  es  in  den  sorgfaltig  ge* 
führten  Litteratumach weisen.  Die  geographischen  Grenzen  konnten 
jetzt  auch  ohne  Nachteil,  vielmehr  zum  Zweck  gröfserer  Konzentration, 
etwas  enger  gesteckt  werden,  zumal  ja  seit  Mones  Zeiten  allenthalben 
eigene  Vereine  und  Zeitschriften  für  die  einzelnen  Landschaften  ent^ 
standen  waren.  Neben  Baden  findet  das  ElsaCs  und  die  bayerische 
Pfalz  Berücksichtigung.  Die  Berührung  anderer  angrenzender  Terri- 
torien, besonders  Württembergs  und  der  Schweiz,  ist  selbstverständ- 
lich nicht  prinzipiell  ausgeschlossen.  Als  ständige  BeUage  sind  der 
21sr.  die  vorher  eigens  ausgegebenen  „Mitteilungen  der  Badischen 
Historischen  Kommission '*  beigefügt  Diese  sind  in  erster  Linie  dazu 
bestimmt,  die  Ergebnisse  der  Thätigkeit  der  Pfleger  zu  veröffentlichen, 
welche  im  Auftrag  und  unter  Leitung  der  Kommission  die  Ordnung 
und  Verzeichnung  der  kleineren  Archive  im  Lande,  der  Pfarreien,  Ge- 
meinden, Grundherrschaften  etc.,  vornehmen.  Aufserdem  sollen  die 
,,Mltteilimgen*',  soweit  Raum  vorhanden  ist,  nach  dem  Vorbild  der 
alten  Serie  der  Zsr.  Quellen,  insbesondere  aus  dem  Generallandesarchiv, 
darbieten.  Neuerdings,  da  die  Verzeichnung  jener  Archive  fast  zu 
Ende  gefuhrt  ist,  treten  derartige  Quellenpublikationen  mehr  in  den 
Vordeignind.  Die  Redaktion  wurde  unter  Beirat  eines  aus  Mitgliedern 
der  Kommission  bestehenden  Redaktionsausschusses  mit  Beginn  der 
„Neuen  Folge**  (1886)  dem  Archivrat  (seit  1893  Geschichtsprofessor 
in  Freiburg)  Aloys  Schulte  übertragen,  der  sie  bis  zu  seiner  Be- 
rufung nach  Breslau  1896  führte  und  mit  dem  XI.  Band  der  N.  F., 
der  ganzen  Reihe  50.  Band)  abschlofs.  An  seine  Stelle  berief  die 
Kommission  zu  Redakteuren  Archivrat  Obs  er  in  Karlsruhe  für  den 
badischen  (und  pfälzischen),  Archivdirektor  Professor  Wiegand  in 
Stxafsburg  für  den  elsässischen  Teil.  Dem  Elsafs  war  bereits  vorher 
«in  erweiterter  Raum  zugewiesen  worden,  nachdem  seitens  des  kaiser- 
lichen Statthalters  ein  besonderer  Zuschufs  gewährt  worden  ist.  Hai* 
tung  und  äuisere  Form  der  Zsr.  wurden  davon  nicht  berührt.  Die 
Zahl  der  Mitarbeiter  wuchs  mit  der  Zeit  beträchtlich  und  brachte  eine 
erfreuliche  Fülle  und  Mannigfaltigkeit  des  Inhalts  mit  sich. 

Die  ein  halbes  Jahrhundert  umfassende  Wirksamkeit  der  Iai.  f. 
d.  Gesch.  d.  Oberrh.,   deren  Leistimgen  in  der  stattlichen  Reihe  von 


■^ 


—     236     — 

53  Bänden  vorliegen,  hat  für  die  Geschichtswissenschaft  dauernde  Be- 
deutung. 

Zu   ihrer  Würdigung  aber  erscheint  ein  kurzer  Hinweis   auf  den 
Hauptinhalt,  zunächst  der  alten  Serie,  geboten. 

Als  die  hervorragendsten  Bestandteile  der  Publikation  kommen 
wohl  diegrolsen,  zusammenhängenden  Urkunden-,  bezw.  Regesten- 
reihen in  Betracht,  die  mehr  oder  minder  vollständig  den  zugäng- 
lichen Stoff  zur  älteren  Geschichte  einzelner  Orte,  Klöster,  Geschlechter 
oder  Landschaften  darstellen.  Die  Aufzählung  der  Namen  allein  mag 
schon  ein  Bild  geben  von  dem  Inhalt  und  Umfang  der  Zsr.  in  dieser 
Richtung;  die  Zeitgrenzen  habe  ich  weggelassen,  sie  liegen  meist  im 
späteren  Mittelalter;  ihre  Bezeichnung  würde  hier  auch  zu  weit  fuhren. 
Von  einzelnen  Orten  sind  behandelt^):  Burg  Bosenstein  (23), 
Breisach  (13),  Bruchsal  (7),  Gutenburg  (3),  Heidelberg,  Hofapotheke 
(22),  Krotzingen  (21),  Loffenau  (12),  Schlols  Mägdeberg  im  H^au  (25),. 
Meersburg  (27),  Pfullendorf  (31),  Radolfzell  (37),  Rottweil  (30),  Burg 
Schneeburg  bei  Ebringen  (18),  Thengen-Hinterbuig  (25),  Überlingen 
(22.  23.  25.  26),  Villingen  (8.  9),  Waldshut  (24.  36),  Worms  (9);  von 
Klöstern:  Alpirsbach  (21),  Bebenhausen  (3.  4.  13 — 21),  Bronnbacb 
(2.  34),  Engelthal  (15 — 18),  Frauenalb  (23 — 27),  Gengenbach  (31  — 33), 
Gutnau  (38),  Habsthal  (11),  Herrenalb  (i — 3.  5 — 9.  12.  13.  31),  Himmels- 
pforten (26),  Komburg  (11),  Königsbronn  (10),  Lichtenstem  (11), 
lichtenthal  (6 — 9),  Mariahof  bei  Neidingen  (25.  26),  Mariathal  in 
Frauenzimmern  und  Kirchbach  (4),  Minderau  (13),  Miurhard  (11),  ver- 
schiedene  nassauische  Klöster  (8)',  Rechenshofen  (4.  5),  Salem  (i — 3. 
4.  31.  35.  37 — 39),  St.  Blasien  (6.  7),  St.  Georgen  im  Schwarzwald 
(9),  St.  Trudpert  (21.  30),  Schönau  bei  Heidelberg  (7.  18),  Urspring 
(23),  Villingen-Bickenkloster  (32),  Wald  (10.  11),  Weingarten  (13)^ 
Weilsenau  (29),  Wonnenthal  (8);  von  Geschlechtern:  Freiburg^ 
Grafen  von  (9—13.  16—21),  Hohenzollem  (6),  Klingen  (i.  2),  Küssa- 
berg  (3),  Neuenbürg  (i.  34,  36),  Sponheim  (3),  Vatz(2);  „Zur  Gesch. 
fränkischer  Dynasten*'  (9);  Veröffentlichungen  aus  dem  Lehen-  und 
Adelsarchivs  des  G  L.- Archivs  (38);  von  Landschaften:  Baden- 
Baden  (24.  27.  30),  Basel,  Hochstift  (4),  Beuggen,  Deutschordens- 
kommende  (28 — 31),  Bodenseelandschaft  (27.  28),  Breisgau  (36),  Elsals 
(4.  7.  8.  13.  Ober-E.  11.  Unter-E.  14 — 16.  Deutschordensballei  E.- 
Burgund  23.  24),  Glotterthal  (20.  21),  Hauenstein  (10—12),  Hessen 
(2.  6),  Kletgau  (13.  14.  22),  Konstanz,  Hochstift  (28 — 30),  Kraichgau 


I)  Die  Zahlen  bezeichnen  die  betr.  Bände  der  Zsr. 


—     237     — 

{i3 — 15),  Lichtenstein  (15),  Lothringen  (7.  8,  13.  14),  Maingegend 
von  Würzburg  bis  Mainz  (4),  von  Kastei  bis  Wertheim  (15.  16),  Mainz^ 
Hochstift  (10.  19),  Nassau  (11.  20),  Neckarthal  von  Heidelberg  bis 
Wimpfen  (i  i),  Ortenau  (4.  21.  37 — 39),  Pfalz  (19—24.  26. 32),  Schliengen, 
Landvog^i  (15 — 19),  Schweiz  (3.  5.  7.  11 — 13.  19.  20),  Taubergrund 
(18),  Thüringen  (10),  Tirol  (10),  Überlingen,  Johanniterkommende  (29. 
32),  Voralberg  (10.  15).  Femer  sei  hier  noch  erwähnt  die  in  Bd.  31 
und  32  veröffentlichte  Auswahl  aus  dem  Selekt  der  ältesten  Urkunden. 

Treffen  wir  eine  ähnliche  Auslese  nach  den  Sachrubriken  %  so 
werden  wir  nicht  weniger  überrascht  von  der  Reichhaltigkeit  des  Ge- 
botenen. Obenan  steht,  wie  bereits  erwähnt  wurde,  die  Kultur- 
geschichte nach  den  verschiedensten  Seiten  hin.  Neben  der  Sitten- 
geschichte im  weitesten  Umfang  (Bücherwesen,  Kirchen- und  Schul- 
verhältnisse, Kriegsgeschichte,  Kunstgeschichte,  Medizinalwesen,  Bade- 
Verhältnisse,  Kranken-  und  Armenpflege,  häusliches  und  öffentliches 
Leben,  Sitten  und  Bräuche,  Vereinswesen,  Rechtsleben  privater  und 
öffentlicher  Art,  wofür  besonders  zahlreiche  Quellen  als  Weistümer, 
Verordnungen  etc.  vorliegen)  wird  die  Wirtschaftsgeschichte  ein- 
gehender Behandlung  unterzogen.  Hierin  liegt  nun  ein  ganz  besonderer 
Vorzug  der  Moneschen  Zeitschrift. 

Eine  geradezu  erstaunliche  Menge  kostbarsten  Materials  ist  hier 
au%espeichert,  von  dessen  Vorhandensein  in  solch  reicher  Mannig- 
faltigkeit und  müheloser  Zugänglichkeit  wohl  nur  wenige  unserer 
Nationalökonomen  eine  Ahnung  haben.  Die  bekanntermafsen  äuiserst 
schwierigen,  heute  noch  keineswegs  befriedigend  gelösten  Fragen  nach 
den  Münz-  und  Mafsverhältnissen,  dem  Geldverkehr,  den  Preisen  von 
Lebensmitteln,  Gütern,  Rohprodukten  und  Industrieerzeugnissen,  den 
Arbeitslöhnen,  dem  Wirtschaftsbetrieb  in  Landbau,  Gewerbe  und  In- 
dustrie (Handwerkerordnungen,  Zunftwesen),  den  Vermögensverhält- 
nissen  u.  a. ')  werden  alle  mit  eindringlichem  Scharfsinn  und  gewissen- 
haftem ForBcherfleifs  unter  Berücksichtigung  zahlreicher  in  handschrift- 
lichen und  litterarischen  Quellen  verstreuter  Einzelstellen  erörtert.  Weitere 
wirtschafts-  und  sozialgeschichtliche  Gegenstände  in  mehr  oder  minder 
ausführlicher  Behandlung  sind:  Bergbau,  Finanz-,  Steuer-  und  ZoUwesen^ 


i)  Hier  sind  die  Citate  nach  Bänden  weggelassen,  weil  der  Stoff  nicht  so  einheit- 
lich geschlossen  wie  Yorhin  bei  der  topographischen  Aofzählong  vorliegt,  sondern  meist 
über  verschiedene  Bände  nngleichmäfsig  verteilt  ist 

2)  Hierttber  handelt  besonders  gründlich  der  10.  Band,  dessen  volkswirtschaftliche 
Abschnitte  anch  separat  erschienen  sind  unter  dem  Titel:  Beiträge  z.  Gesch.  d.  Volks- 
ans  Urktmden  von  F.  J.  Mone.     Karlsruhe,  Braun,  1859.    IX.  219  S.  8^ 


238     — 


Fischerei,  Flöfserei  und  Schiffahrt,  Forst-  und  Jagdwesen,  Garten-,  Obst- 
und  Weinbau,  Handel  und  Verkehr,  Gesindewesen  und  Leibeigenschaft. 
Einen  verhältnifemäfsig  geringen  Raum  hat  Mone,  seinem  oben  be- 
rührten Grundsatz  entsprechend,  der  äufseren  politischen  Geschichte  zu- 
gemessen, etwas  mehr  der  Geschichte  der  staatlichen  und  besonders  der 
städtischen  Verwaltung.  Auch  auf  vor-  und  frühgeschichtliche  Erörte- 
rungen, namentlich  über  römische  und  keltische  Überreste,  hat  er  sich 
mehrfach  eingelassen;  hier  ist  freilich  Vorsicht  geboten,  und  nicht 
überall  wird  man  seiner  Führung  folgen  dürfen,  die  bekanntlich  — 
allerdings  mehr  in  anderen  Werken  als  gerade  in  seiner  Zsr.  —  oft 
auf  recht  bedenkliche  Irrwege  leitet;  dasselbe  gilt  auch  von  seinen 
Untersuchungen  zur  Etymologie  von  Ortsnamen.  Die  geschichtlichen 
HUfewissenschaften  endlich,  Chronologie,  Diplomatik,  Heraldik,  Sphra- 
g^stik  kommen  gleichfalls,  wenn  auch  nur  in  bescheidenem  Mafee,  zur 
Geltung. 

Hinsichtlich  der  Neuen  Folge  dürfen  wir  uns  wohl  kürzer  fassen ; 
denn  es  kann  hier  unmöglich  auf  die  Menge  von  Publikationen,  Auf* 
Sätzen  und  kritischen  Untersuchungen,  von  Mitteilungen  und  Miszellen 
näher  eingegangen  werden.  Die  veränderte  Tendenz  der  Zsr.  ist  bereits 
oben  charakterisiert  worden.  Gegenüber  der  alten  Serie,  die  ohne 
Zweifel  eine  eigenartige  Stellung  in  der  zeitgenössischen  Litteratur 
einnimmt,  weshalb  wohl  die  eingehendere  Rücksichtnahme  gerecht- 
fertigt erscheint,  ist  die  Neue  Folge  auf  eine  Stufe  zu  stellen  mit  den 
grofsen  neueren  geschichtlichen  Zeitschriften,  unter  denen  sie  nicht 
sowohl  durch  besondere  Art  ihrer  Darbietungen  wie  durch  gute,  ziel- 
bewufste  Leitung  einen  Ehrenplatz  einnimmt.  Aufser  verschiedenen 
Quellenpublikationen,  von  denen  nur  auf  die  in  Bd.  I — III  gegebene 
formale  und  inhaltliche  Beschreibung  der  im  Generallandesarchiv  ver- 
wahrten Kaiserurkunden  von  1200 — 1437  verwiesen  sei,  werden  historio- 
graphische  und  quellenkritische  Untersuchungen,  besonders  über  Ur- 
kundenfälschungen, Beiträge  zur  neueren  Gelehrtengeschichte  (u.  a.  zur 
Geschichte  der  Universitäten  Heidelberg  und  Strafsburg),  politische 
Korrespondenzen  und  Aktenstücke  (u.  a.  Beziehungen  des  Elsafs  zu 
Frankreich),  statistische  Arbeiten,  kirchengeschichtliche,  kunstgeschicht- 
liehe,  rechtsgeschichtliche,  genealogische  Forschungen  u.  a.  mehr  ge- 
boten. Über  die  laufenden  Neuerscheinungen  der  einschlägigen  Lit- 
teratur orientieren  die  regelmäfsigen  Litteratumotizen ,  während  jeder 
Jahrgang  je  ein  sorgfaltig  bearbeitetes,  zusammenfassendes  Referat  über 
die  gesamten  Veröffentlichungen  des  Vorjahres  auf  dem  Gebiet  dei 
Geschichte  Badens  und  des  Elsasses  bringt. 


—     239     — 

So  ist  allen  Anforderungen,  die  man  billigerweise  an  ein  Zentral- 
organ für  landesgeschichtliche  Forschung  stellen  kann,  Rechnung  ge- 
tragen. Einen  Mangel  nur  wird  jeder  beklagen,  der  dieser  Zsr.  sich 
bedienen  will,  das  Fehlen  eines  systematischen  Registers 
über  ihren  Gesamtinhalt.  Zwar  liegen  einige  immerhin  brauch- 
bare summarische  Teilregister  vor  (in  Bd.  21  für  i — 21 ;  in  Bd.  31 
für  1—30;  in  Bd.  39  für  31—39;  in  Bd.  X  für  I— X  der  N.  F.),  doch 
ist  darum  das  Bedürfnis  nach  einem  Gesamtregister  nicht  weniger 
fühlbar.  Mit  ihm  würde  die  Historische  Kommission  eine 
würdige  Jubiläumsgabe  darbieten! 


Mitteilungen 


Yersamilllllllgeil«  —  Am  5.  und  6.  Juni  hielt  der  Hansische 
Geschichtsyerein  zu  Göttingen  seine  29.  Jahresversammlung  ab,  und 
^eichzeitig  fand  in  gewohnter  Weise  die  25.  Jahresversammlimg  des  Vereins 
für  niederdeutsche  Sprachforschung  statt.  Die  Reihe  der  Vorträge 
eröffnete  Prof.  Kaufmann-Breslau  mit  einer  Darlegung  über  die  englische 
Verfassung  in  Deutschland.  Die  Beiühning  beider  Völker  mit  einander 
vermittelte  anfänglich  der  Handel,  und  dabei  war  bis  in  XVI.  Jahrhundert 
Deutschland  der  überlegene  Teü,  aber  später  hat  sich  das  Verhältnis  um- 
gekehrt. Ähnlich  ist  es  mit  den  geistigen  Beziehungen  gegangen,  denn  in 
den  Yorrefomiatorischen  tmd  reformatorischen  Bewegungen  läfst  sich  ein  ab- 
wechselndes Geben  und  Nehmen  konstatieren.  Die  Reformation  schuf  aber 
die  en^sche  Verfassung,  indem  sie  dem  Königtum  ein  Parlament  und  eine 
Verwaltung  zur  Seite  stellte,  die  in  den  Händen  einer  einflufsreicben  Aristo- 
kratie lag.  Die  gleichzeitig  sich  entfaltende  Litteratur  wirkte  mächtig  auf 
Deutschland,  welches  in  der  klassischen  Periode  dann  wieder  reichlich  zurück- 
gab. Ähnlich  sind  die  Beziehungen  auf  dem  Gebiete  des  öffentlichen  Rechts : 
bis  etwa  1850  fand  die  englische  Verfassung  in  Deutschland  fast  durch- 
gehends  günstige  BeurteÜung,  ja  sie  wurde  als  vorbüdlich  betrachtet,  dann 
aber  kam  der  Rückschlag,  der  am  schärfsten  in  Lothar  Buchers  Schrift 
Der  Parlafnentariaimis ,  wie  er  ist,  seinen  Ausdmck  fand.  Man  sah  auf 
einmal  den  Druck  der  Aristokratie  auf  das  Volk,  man  bemerkte,  dafs  mit 
der  Verfassung  Mifsbrauch  getrieben  wurde,  man  sah  die  Lage  Irlands  und 
Indiens,  und  dazu  kamen  in  England  selbst  seit  den  zwanziger  Jahren  tief 
einschneidende  Reformen,  so  tiefe,  dafs  es  fraglich  erscheinen  koimte,  ob 
die  alte  englische  Verfassung  überhaupt  noch  bestand.  Denn  die  wesent- 
lichen Einrichtungen,  das  den  Einflufs  des  Adels  bedingende  Selfgovemment 


—     240     — 

und  die  Stellung  der  anglikanischen  Kirche,  wurden  beseitigt.     Noch  immer 
steht  England  in  Bezug  auf  die  Verfassüngsentwicklung   inmitten   der  Krisis^ 
Deutschland  wird  bei  der  Schaffung  des  Beamtentums  und  Heeres  die  Rolle 
des  Gebers  übernehmen.     Aber  auch  Deutschland  hat  englischen  Geist  noch 
dringend  nötig,  namenüich  den  echten  Bürgersinn,  denn  nur  bei  freier  Ent- 
faltung der  Kräfte  des  Volkes  lassen  sich  kühne  Gedanken,  wie  Weltpolitik 
und  Seeherrschaft,  in  Wirklichkeit  umsetzen.  —  Prof.  Richard  Schröder- 
Heidelberg   erläuterte   in   einem  Vortrage   den  Plan   eines  Wörterbuches 
der  älteren   deutschen  Rechtssprache,   welches   auf  Veranlassimg 
der   philosophisch-historischen  Klasse   der   Kgl.    Preufsischen   Akademie    der 
Wissenschaften  unter  der  Leitung  Schröders  bearbeitet  wird.    Seit  vier  Jahren 
sind  gegen  70  Mitarbeiter  mit   der  Sanmüung  des  Stoffes  beschäftigt,    aber 
noch  etwa  zwölf  Jahre  werden  bis  zum  Abschlufs  des  Werkes  vergehen.    An 
dem  Beispiele  des  Wortes  Hand  erläuterte  der  Redner,  was  das  Wörterbuch 
bieten  soll,  und  forderte  zur  allgemeinen  Unterstützung  durch  Sprachgelehrte 
und  Geschichtsforscher  auf.    Wie  die  einzelnen  Artikel  gedacht  sind,  das  er- 
läutert bereits  der  wichtigste  Satz  des  zu  Anfang  aufgestellten  Programms,  welcher 
lautet:  „Dafs  ein  Wortartikel  zur   rechtsgeschichtlichen    oder 
rechtsantiquarischen  Monographie  auswachse,  ist  schlechter- 
dings   zu    vermeiden.      Rechtssätze    dürfen    nicht    um    ihrer 
selbst  willen  angeführt  werden  (sondern  nur,   um  den  Rechtsbegriff 
des  Wortes    definieren  zu  helfen).     Das    Wörterbuch   soll  weder    ein 
Reallexikon    noch    ein    antiquarisches    Glossar    werden.^*    — 
Weiter  sprach  Dr.  Borchling- Göttingen  über  die  in  der  Universitätsbibliothek 
ausgesteÜten  niederdeutschen  Handschriften  tmd  Drucke,  Dr.  Lange nb er g- 
Osnabrück  über  „Kulturgeschichtliches  aus  der  Laienregel  des  Dietrich  Engel- 
husen",    Prof.  Schäfer-Heidelberg   über  die   Ausgrabungen  bei   Falsterbo 
und   über   die    Sundzoll- Listen    und  Prof.   F  r  e  n  s d  o  r f f -  Göttmgen   endlich 
führte  die  Versammlung  durch  die  Vergangenheit   des  Tagungsortes,    indem 
er  Stadt  und  Universität  in  früheren  Zeiten  behandelte.    Die  städtische  Alter- 
tümersammlung und  das  städtische  Archiv  wurde  von  der  Versammlung  be- 
sichtigt,   und   ein  Ausflug   nach  Münden   schlofs    die  Tagung  ab.  —  Über 
die  Thätigkeit   des  Hansischen  Geschichtsvereins   im   letzten   Jahre   ist   dem 
Berichte  folgendes  zu  entnehmen :  Vom  Hansischen  ürkufidenbticke  sind  zwei 
neue  Bände  (V.  und  VIU.)  erschienen.    Der  erstere,  von  KarlKunze  be- 
arbeitet, umfafst  die  Zeit  von  1392  bis  1414,  der  zweite,  von  Walther  Stein 
bearbeitet,    die   Urkunden   von    145 1    bis   Mitte    des   Jahres    1463.      Beide 
Herren  setzen  ihre  Arbeit  fort    Prof.  Höhl  bäum- Giefsen  hat  einen  zweiten 
Band  des  Inventars  des  Kölner  Hanse-Archivs,  welcher  die  Urkmiden  von 
1572  bis   1591  umfafst,  bearbeitet  und  reichen  Erläuterungsstoff  aus  nieder- 
ländischen  und   englischen  Quellen,   besonders   aus   den  Acts  of  tke  Prity 
Council  of  England  K  S.,  beigegeben.    Das  Werk  wird  im  Herbste  gedruckt 
vorliegen,  und  gleichzeitig  wird  das  von  Dr.  Mack -Braunschweig  bearbeitete 
Braunschweiger  Inventar  erscheinen.     Von   den  Hansischen  Ge- 
schichtsquellen ist  ein  neuer  Band,    Die  Bergenfahrer  und  ihre  Chro^ 
nistik,   bearbeitet  von  Dr.    Bruns,   ausgegeben   worden.     Demnächst   wird 
auch  ein  neues  Heft  der  Hansischen  Geschichtsblätter  erscheinen.     Als  Ver- 
sammlungsott fUr  1901   wurde  Dortmund  gewählt 


r 


—     241     — 

Dcnksehrift  ron  Paul  Kalkoff  (Breslau)  über  die  Bearbeitung 
der  politlsehen  Korrespondenz   Karls  V.*):   Die   VeröfieDtUchung 

der  politischen  Korrespondenz  Karls  V.  ist  das  nächste  und  drin- 
gendste Bedürfnis  der  deutschen  Geschichtsforschung  im  Bereiche  des  XVI.  Jahr- 
hunderts, wie  dies  schon  von  Hermann  Baumgarten  im  Vorwort  zum  i.  und 
3.  Bande  seines  Werkes  über  Karl  V.  (vom  21.  Januar  1885  und  März  1892) 
ganz  zweifellos  nachgewiesen  wurde. 

EHe  beiden  ersten  Bände  hatte  Baumgarten  noch  geschrieben  imter 
wesentlicher  Beschränkimg  auf  das  gedruckte  Material,  doch  gleichzeitig  ge- 
fordert, dafs  die  „umfassenden  Quellenpublikationen,  welche  einer  Darstellung 
dieser  Zeit  allein  eine  zuverlässige  Grundlage  bieten  könnten",  baldigst  in 
Angriff  genommen  werden  müfsten.  Dann  unterzog  er  sich  doch  noch  der 
Mühe  einer  umfassenden  archivalischen  Nachforschung  und  brachte  dieser 
Notwendigkeit  „der  Geschichte  der  Reformationszeit  eine  sehr  viel  solidere 
Grundlage  zu  geben"  sogar  seine  Lehrthätigkeit  zum  Opfer.  Bei  der  für 
den  Einzelnen  ganz  unübersehbaren  Reichhaltigkeit  der  Fundstellen  konnte 
er  nur  mit  erneutem  Nachdruck  auf  die  „Herausgabe  der  vollständigen 
Korrespondenz  Karb  V.  als  auf  das  Allerwichtigste"  dringen,  das  eben  nur 
mit  bedeutenden  Mitteln  und  mit  vereinten  Kräften  zu  leisten  sei. 

Heutzutage  läfst  sich  die  Aufgabe  erheblich  leichter  lösen,  denn: 
I.  es  hat  sich  eine  Methode  herausgebildet,  die  es  ermöglicht  das  Ziel 
mit  einer  erheblich  kleineren  Zahl  von  Bänden  zu  erreichen.  Unter 
Verweisung  auf  die  von  Lanz,  Gachard,  Weiss  und  vielen  andern 
gelieferten  Teilpublikationen  und  unter  Verzicht  auf  den  „vollständigen 
Abdruck  aller  Schriftstücke",  so  dais,  wie  schon  Baumgarten  forderte, 
jede  Verschwendung  von  Kräften  der  Herausgeber  und  Leser  ver- 
mieden würde,  liefse  sich  alles  in  irgend  einer  Hinsicht  Belangreiche 
notieren.  Besonders  für  das  neben  der  politischen  Korrespondenz 
im  engeren  Sinne  nicht  zu  vernachlässigende  Gebiet  der  Verwaltung, 
des  Kriegswesens,  der  Finanzen,  der  Personalien  in  Diplomatie  und 
Verwaltung  würde  die  Form  des  Regests  zu  wählen  sein,  wie  sie  in 
mustergiltiger  Weise,  d.  h.  bei  aller  Knappheit  doch  reichhaltig  und 
übersichtlich,  im  „Jahrbuche  der  Kunstsammlungen  des  Allerhöchsten 
Kaiserhauses"  zur  Bewältigung  eines  gewaltigen  Quellenmaterials  aus 
allen  Archiven  des  Gesamthauses  Habsburg  gedient  hat.  Für  diese 
Gebiete  würde  das  Werk  den  Charakter  eines  Repertoriums  erhalten, 
das  für  die  verschiedensten  Forschungsinteressen  die  Möglichkeit 
schneller  und  ausgiebiger  Orientierung  böte. 
Der  leitende  Gesichtspunkt  müfste  sein:  das  überaus  wichtige  Forschungs- 
material in  rascher  Folge  der  Bände  der  gelehrten  Welt  zur  Verfügung 
zu  stellen. 

II.  die  Inangrififnahme  des  Werkes  ist  femer  erleichtert  —  gleichzeitig 
aber  auch  die  bestehende  Lücke  um  so  empfindlicher  fühlbar  geworden, 
weil  gegenwärtig  fast  alle  die  andern  grofsen  Publikationen,  die  Baum- 
garten als  unerläfslich  bezeichnete,  zum  Teü  der  Vollendung  nicht  mehr 
fem,  zum  TeÜ  in  ihrer  Fortfühmng  ausreichend  gesichert  sind. 


")  Vgl.  Heft  8,  Seite  200. 


—     242     — 

Was  Baumgarten  in  erster  Linie  neben  der  Korrespondenz  Karls  V. 
forderte,  die  Reichstagsakten  der  Reformationszeit,  wurde  in  die  Wege 
geleitet,  indem  wesentiich  auf  seinen  Betrieb  die  Münchener  Historische 
Kommission  die  „Jüngere  Reihe  der  Reichstagsakten''  einrichtete,  die  soeben 
den  dritten  Band  ausgehen  läfst. 

Wenn  Baumgarten  femer  beklagte,  dafs  das  Streben  der  bedeutendsten 
katholischen  Fürsten,  der  Herzöge  Georg  von  Sachsen  und  Heinrich 
von  Braunschweig  im  Dunkel  liege,  so  ist  seitdem  durch  den  grofsartigen 
Arbeitsplan  der  ^^l-  Sächsischen  Kommission  für  Geschichte*'  eine  der 
vornehmsten  Quellen  aus  dem  Kreise  reichsständischer  Berichterstattung,  die 
Briefe  des  Hans  von  der  Flanitz,  schon  zugänglich  gemacht  worden  und  dann 
sind  die  „Akten  und  Briefe  des  Herzogs  Georg  des  Bärtigen  (1500 — 1539)" 
schon  in  Angriflf  genommen,  die  „Akten  und  Briefe  des  Kurfiirsten  Moritz 
(1541 — 1553)"  sind  der  berufensten  Hand  anvertraut  und  im  Erscheinen 
begriffen. 

Die  „Politische  Korrespondenz  der  Stadt  Strafsburg"  giebt  den  Schwester- 
städten ein  glänzendes  Beispiel;  die  reiche  Serie  der  „ Städtechroniken '*^ 
entschädigt  einstweilen  fiir  mangelnde  Nachahmung  desselben. 

Aus  dem  Kreise  der  kleineren  Reichsstände  wird  jetzt  von  der 
„Historischen  Kommission  für  Nassau"  eine  Reihe  von  Bänden  der  „Nassau- 
Öranischen  Korrespondenzen"  geliefert  werden,  deren  erster  für  die  Jahre 
15 13 — 1538  bereits  vorhegt. 

Das  „weitaus  wichtigste",  was  wir  von  Italien,  von  Rom  zu  er- 
warten hatten,  die  Korrespondenz  der  Kurie  mit  ihren  Nuntien,  ist  durch 
die  aufserordentüch  erfolgreiche  Thätigkeit  der  Historischen  Institute  Preufsens 
und  Österreichs  in  Rom  bereits  zum  guten  Teil  zugängUch  gemacht  worden; 
der  Abschlufs  dieser  PubUkationen  für  die  Zeit  der  Reformation  wie  der 
Gegenreformation  ist  in  absehbarer  Zeit  zu  erwarten.  Aber  die  grofse  Lücke, 
die  hier  gerade  für  das  poHtisch  bedeutsamste  Jahrzehnt  zwischen  den 
Depeschen  Aleanders  vom  Wormser  Reichstage  (152 1)  und  den  Nuntiatur- 
berichten  (i.  Abteilung:  1533 — 1559)  klafft,  macht  die  Erschliefsung  der 
andern  Hauptquelle,  der  kaiserUchen  Korrespondenz,  für  die  zwanziger  Jahre 
doppelt  notwendig.  Das  „  grofs  angelegte  Regestenweric  des  Kardinals  Hergen- 
röther  über  Leo  X."  ist  in  den  ersten  Tausenden  seiner  unübersichtlichen 
Regeste  nnunmiem  stecken  gebheben.  Wenn  es  auch  neues  Material  eigentlich 
nur  für  das  Gebiet  der  Pfründenverleihung  brachte,  das  in  den  Einzelheiten 
von  lokalem  und  biographischem  Interesse  ist,  so  ist  doch  die  weitere  Er- 
schhefsung  desselben  durch  das  Repertorium  Germanicum  gesichert ;  mit  den  zwan- 
ziger Jahren  verhert  es  übrigens  für  Deutschland  sehr  an  Bedeutung  und  Umfang. 

Der  historische  Nachlafs  der  übrigen  für  die  weltumspannende  Politik 
Karls  V.  in  Betracht  kommenden  Länder  wird  ja  von  diesen  mit  sehr  ver- 
schiedenem Eifer  und  Erfolg  bearbeitet.  Es  sei  nur  hervorgehoben,  dafs 
der  Abdruck  der  Diarien  des  Marino  Sanuto,  so  bedeutend  trotz  mancher 
Mängel  ihr  Quellenwert  ist,  nicht  genügen  kann.  Schon  Baumgarten  stellte 
fest,  dafs  selbst  die  Originalberichte  der  venetianischen  Botschafter,  denen 
die  Wiener  Akademie  einen  so  grofsartigen  Aufwand  an  Kräflen  widmet, 
„neben  der  Korrespondenz  des  Kaisers,  seiner  Geschwister,  Räte  und 
Gesandten"  nur  eine  Quelle  zweiten  Ranges  darstellen. 


i 


—     243     — 

Ein  bedeutender  Schritt  zur  Erreichung  des  Hauptzieles  ist  nun  aber  neuer- 
dings erfolgt,  indem  im  Jahre  1898  in  Wien  die  Bildung  einer  provisorischen 
Kommission  erfolgt  ist  behufs  systematischer  Veröffenüichung  von  „Akten  und 
Korrespondenzen  zur  neueren  Geschichte  Österreichs  **,  die  in  vier  Serien  Korre- 
spondenzen der  Herrscher,  der  Staatsmänner,  Berichte  fremder  Gesandten  und 
Staatsverträge,  kurz  „  Quellen  zur  äufseren  Geschichte  und  Politik  des  Hauses 
Österreich**  bringen  sollen,  freilich  erst  „vom  Jahre  1526  an  und  mit  Aus- 
schlafs der  spanischen  Linie  **.   Somit  scheint  die  Kommission  vielleicht  den  Brief. 
Wechsel  zwischen  Karl  V.  imd  Ferdinand  I.  in  ihren  Plan  einbeziehen  zu  wollen. 
Es  käme  also  darauf  an,  dieses  Unternehmen  zu  ergänzen 
I.  durch  die  Veröffentlichung  der  gesamten  politischen  Korres- 
pondenz Karls  V.  und 
II.  nach   dem  Vorbilde    der  Kgl.    Sächsischen  Kommission   durch   die 
Sammlung  und  Bearbeitung  von  Material  zur  Geschichte  der  kaiser- 
lichen Finanzen,  und  der  übrigen  Verwaltungsthätigkeit  Karls  V. 

ArclÜTe.  —  In  dem  Aufsatze  Arckivbenuixungsordnungen  von  P.  Witt- 
mano  sind  S.  184 — 185  bei  Besprechung  der  Preufsischen  Archivbenutzungs- 
ordnung einige  Fehler  untergelaufen,  welche  der  Verfasser  zu  berichtigen 
bittet.  In  dem  Satze:  „Archivalien  nach  i  800  sind  von  Benutzung 
ausgeschlossen,  sofern  nicht  das  Staatsoberhaupt  von  Fall 
zu  Fall  letztere  gestatten  will**  ist  statt  1800  das  Jahr  1840  zu 
setzen,  statt  „Staatsoberhaupt**  sind  die  Worte  „Präsidium  des  Staats- 
ministeriums** zu  lesen  und  der  ganze  Satz  gilt  nur  für  das  Geheime 
Staatsarchiv  zu  Berlin,  nicht  aber  für  alle  Staatsarchive  des  König- 
reichs. Vgl.  Heft  I  der  Mitteilungen  der  K.  PreussiscJien  ArchiwerwaMung 
(1900),  S.  29.  —  Die  Bemerktmg,  dafs  Ausleihe  von  Archivalien  an  „Pri- 
vate '*  gestattet  sei,  hat  in  beteiligten  Kreisen  Befremden  erregt,  es  mag  wohl 
auch  bisher  eine  solche  Ausleihe  nicht  oder  ganz  selten  geübt  worden  sein, 
aber  dafs  sie  möglich  ist,  ergiebt  sich  aus  den  Bestimmungen,  welche  die 
Preufsische  Archiwerwaltung  dem  Verfasser  des  Aufsatzes  selbst  zugänglich 
gemacht  hat,  wo  es  wörtlich  heifst:  „Zur  Entleihtmg  von  Archivalien  in  eine 
Privatwohnung  bedarf  es  ministerieller  Genehmigung.** 


Bereits    S.    175    wurde    über    die  Anstellung    dreier    wissenschaftlicher 
Assistenten   am   Staatsarchiv  zu   Hamburg   berichtet,    S.    189    wurde 
auf  die  Bedeutung  dieses  Archivs   kurz  hingewiesen,   aber   die  jüngste  Ent- 
wicklung desselben  verlangt  noch  eine  ausfuhrlichere  Besprechung.    Während 
eines  halben  Jahrhunderts  ist  die  Entwicklung  des  Archives  der   freien 
und  Hansestadt  Hamburg,  welches  zugleich  Staats-  und  Stadtarchiv  ist, 
dadurch  gehemmt  worden,   dafs   es   auf  durchaus   ungenügende  Räume   im 
alten  Rathaus  angewiesen  war,   welche  für  die  trotz  der  durch  den  grofsen 
Brand   im  Jahre  1842    verursachten  Schäden   ganz  aufserordentlich  reichen 
Bestände  an  Archivalien  nicht  entfernt  zureichten,  zumal  in  Hamburg  viel 
jüngere  Akten,   ab  sonst  üblich  ist,   aus  den  Registraturen  des  Senats  und 
der  Behörden  an  das  Archiv  abgegeben   werden.     Aufserdem  ist   im  Laufe 
der    Zeit  eine   ganze   Anzahl   von    älteren  Archiven    dem   Staatsarchiv    ein- 


—     244     — 

verleibt  worden,  so  die  Archive  des  ehemaligen  Domkapitels  und  anderer 
Hamburger  Kirchen,  ferner  die  Archive  aufgehobener  Behörden  und  Ge- 
richte, der  Zünfte,  Ämter  und  Brüderschaften,  einiger  Deichverbände  sowie 
die  sQteren  Teile  des  Amtsarchivs  Ritzebüttel  und  die  an  Hamburg  aus- 
gelieferten Teile  der  Archive  des  Reichskammergerichts  und  des  Reichshof- 
rats. Die  Archivleitung  hat  durch  diesen  Zuwachs  an  Archivalien  tmd  durch 
die  dauernd  sich  steigernde  Inanspruchnahme  für  Zwecke  der  Verwaltung 
eine  sich  inmier  vermehrende  Arbeitslast  zu  bewältigen  gehabt,  aber  bisher 
haben  dem  Archivar  festangestellte  wissenschaftlich  gebildete  Archivbeamte 
nicht  zur  Verfügung  gestanden.  Der  Urkundenbestand  ist  nach  dem  groisen 
Brande  inventarisiert  worden,  aber  die  damalige  Verzeichnung  der  Urkunden 
weist  manche  Mängel  auf;  überdies  bedarf  das  Urkundenarchiv  der  Er- 
gänzung durch  die  in  den  Akten  verstreuten  Urktmden,  eine  Arbeit,  die  von 
Wichtigkeit  ist  für  die  längst  geplante  Wiederaufnahme  und  Fortsetzung  des 
mit  staatlicher  Unterstützung  begonnenen  Hamburger  Urkundenbuchs  (Bd.  i, 
herausgegeben  von  Lappenberg  1842,  reicht  bis  zum  Jahre  1300),  neben 
welchem  auch  die  Publikation  anderer  Quellen  ins  Auge  zu  fassen  ist  Ganze 
Teile  des  Archivs  müssen  femer  umgestaltet  und  dabei  die  älteren  historisch 
wichtigen  Archivalien  von  den  neueren  der  Verwaltung  dienenden  Akten  ge- 
trennt werden,  eine  Handschriftensammlung  und  für  die  an  Hamburgensien 
reiche  Archivbibliothek  ein  neuer  Realkatalog  (ein  Zettelkatalog  ist  neuer- 
dings hergestellt  worden)  mufs  angelegt  werden.  —  Unter  Hinweis  auf  diese 
Verhältnisse  stellte  der  derzeitige  Vorstand  des  Archivs,  Senatssekretär 
Dr.  Hagedorn,  am  2.  April  1899  bei  dem  Senate  den  Antrag,  nachdem 
die  Verlegung  des  Archivs  in  das  neue  Rathaus  zur  Ausführung  gekommen 
sei,  nunmehr  eine  Anzahl  fester  Beamtenstellen  für  wissen- 
schaftliche Assistenten  am  Staatsarchiv  zu  schaffen,  schon 
deshalb,  weil  ein  häufiger  Wechsel  der  gar  nicht  zu  entbehrenden  und  bereits 
seit  längerer  Zeit  herangezogenen  wissenschaftlichen  Hilfskräfte  für  die  Archiv- 
arbeit selbst  nichts  weniger  als  förderlich  sein  könne.  Dem  durch  eine 
ausführliche  Denkschrift  begründeten  Antrage  zufolge  waren  vier  Beamte  in 
Aussicht  genommen,  welche  von  dem  Leiter  der  Archivverwaltung  thunlichst 
gleichmäfsig  zur  Vorbereitung  der  vom  Staatsarchiv  abzugebenden  Berichte 
und  Gutachten  herangezogen  werden  sollten.  Aufserdem  aber  sollte  einem 
jeden  von  ihnen  ein  besonderes  Arbeitsgebiet  angewiesen  werden,  und  zwar 
sollte  einer  für  die  Urkundenabteilung,  einer  für  das  Aktenarchiv,  einer  für 
die  an  das  Archiv  gelangenden  wissenschaftlichen  Anfragen  und  den  Verkehr 
mit  dem  das  Lesezimmer  benutzenden  Publikum  und  schliefslich  einer  für  die 
Bibliothek  und  die  Plankammer  Verwendung  finden.  Überdies  wurde  die 
Neuanstellung  zweier  oberen  Bureaubeamten  empfohlen.  Am  21.  Juni  1899 
beantragte  darauf  der  Senat  unter  Mitteilung  der  vorerwähnten  Denkschrift, 
welche  auch  bereits  die  künftig  geplante  Organisation  des  Archivs  in  den 
Gnmdzügen  erkennen  läfst,  und  unter  dem  Hinzufügen,  dafs  ein  fernerer 
Antrag  des  Vorstandes  der  Archivverwaltung  auf  Herausgabe  eines  Ham- 
burgischen Urkundenbuches  vorliege,  die  Zustimmung  der  Bürgerschaft 
zu  der  Beamtenvermehrung.  Im  November  1899  ist  dann  die  Angelegenheit, 
nachdem  ein  Ausschufs  der  Bürgerschaft  sie  einer  Prüfung  unterzogen  hatte, 
dadurch  zum  Abschlufs  gekommen,    dafs   die  Bürgerschaft  aufser   der  Neu- 


—     246     — 

ansteUung  von  zwei  Bureaubeamten  die  Einfügung  von  drei  wissenschaftlichen 
Assistenten  in  den  Beamtenetat  des  Staatsarchivs  genehmigte. 

Bereits  S.   171  ff.  wurde  an  der  Hand  der  „Mitteilungen  der  k.  Preu- 
Isischen  Archiwerwaltung"  auf  die  Entwicklung  imd  den  gegenwärtigen  Zu- 
stand des  preufkischen  Archivwesens  hingewiesen.    Wenn  wir  heute  über  die 
bezüglichen  Verhältnisse  des  zweitgröfsten  deutschen  Bundesstaates  etwas  ein- 
gehender Bericht  erstatten,  so  wird  dies  ebenfalls  manchem  Leser  willkommen 
sdn.     Vor  allem  sei  bemerkt,  dafs  in  keinem  Lande  Europas  betrefifs  Offen- 
legung   der    Archive    für    prozessuale    wie    wissenschaftliche 
Zwecke  gröfsere  LiberaUtät  bewiesen  wird,   als  gerade  in  Bayern,   (vergl. 
S.  181  ff.  den  Artikel:  „Archivbenutzungsordnungen**)  und  dafs  für  Heran- 
bildung  eines  tüchtigen  Beamtenstandes   wohl  nirgends  in   aus- 
gedehnterem Maise  Vorsorge  getroffen  ist,  als  gerade  hier;    (vergl.  die  Ver- 
ordnung vom  3.  März   1882   betr.  „Vorbedingungen   für   Anstellung  im  k. 
Archivdienste"  und  „Ges.-  und  Verordn.- Blatt  für  das  Königreich  Bayern" 
Nr.  IG  vom  9.  gL  Mts.  u.  Js.).  —  Wenn   trotzdem  amtliche  Publika- 
tionen vermifst  werden  —  die  in  den  Jahren  1822  bis  1854  edirten  Regesta 
swe  rerum  bcncarum  autographa  haben  keine  Fortsetzung  erfahren  und  die 
bei  Th.  Ackermann  erscheinende  „Archivalische  Zeitschrift"  verdient  kaum 
diesen  Namen  —  so  berührt  das  eigentümlich  genug.     Wenigstens   fehlt   es 
nicht  an  Kräften  zur  Hebung  des  in  den  bayerischen  Archiven  aufgestapelten 
£ist   unerschöpflichen    Materials.     Der  Ausdruck    ist   wohl   nicht    zu   kühn. 
Besitzt  doch  das  Allgemeine  Reichsarchiv  in  München  allein  gegen  eine 
halbe  Million  vom  Jahre  776  bis  in  die  Neuzeit  reichender  Pergamenturkunden, 
7000  Kodices  (Traditions-,   Kopial-,   Sal-,   Zms-,    Gilt-,  Steuer-  etc. -Bücher) 
und  in  dreÜsig  Sälen  eine  Fülle  solcher  Akten,  wie  sie  im  Laufe  der  Jahr- 
hunderte bei  hohen  Justiz-  tmd  Verwaltungsstellen  erwachsen  sind.     In  jeder 
der  acht  bayerischen  Provinzen  befindet  sich  femer  ein  sogenanntes  „Kreis- 
archiv**.      Unter   ihnen    müssen    diejenigen    von    Oberbayem    (München), 
Niederbayem  (Landshut),    Oberpfalz  (Amberg)   und  Schwaben  (Neuburg)   im 
wesentlichen  als  „Antiquarregistraturen"  betrachtet  werden,  weil  sie  die  Haupt- 
masse der  Urkunden,  (besonders  alle  Stücke  vor  dem  Jahre  1 400)  und  die  Hand-* 
Schriften   des  Mittelalters  an  das  allgemeine  Reichsarchiv  abgegeben  haben. 
Immerhin  aber  verwahren  sie  noch  neben  zahllosen   Aktenprodukten  etwa 
15000  Dokumente  und  gegen  2000  Bände  verschiedensten  Inhalts.     Wenn 
das  Kreisarchiv  der  Rheinpfalz  zu  Speyer  nur  7000  Urkunden  und  70  Kodices 
besitzt,   so  tragen  in  erster  Linie  die  Raubkriege  Ludwigs  XIV.  von  Frank- 
reich die  Schuld  daran.     Die  Archive  der  drei  fränkischen  Kreise  zu'Würz- 
burg,   Bamberg  und  Nürnberg  sind   überaus  reich,   da  sie  durchschnittlich 
60000  Stück  Urkunden  nach  1400  und  über  2000  Kodices  in  ihren  Räumen 
bergen.  —  Enthalten  die  bisher  genannten,  dem  Staatsministerium  des  Innern 
sabordioierten  „Landesarchive*'  in  der  Hauptsache  Materialien,    welche 
über  Vermögens-  und  Rechtsverhältnisse  des  Staates  in  seiner  gegenwärtigen 
Zusammensetzung  Aufschlufs  geben  und  vorzüglich  Verwaltungszwecken  dienen, 
so  verwahren  zwei,  der  Respizierung  des  k.  Staatsministeriums  des  Äufseren 
untergeordnete  Archive  nämhch  das  „Geheime  Haus-**  und  das  ,j Ge- 
heime Staatsarchiv**  solche  Dokumente,  welohe  Personen  wie  Besitzstand 

19 


—     246     — 

des  k.  Hauses  und  dessen  diplomatische  Beziehungen  zum  Auslande  be- 
handeln. —  Wie  fast  überall  Mst  auch  in  Bayern  dieRepertorisierung 
der  Archive  viel  zu  wünschen  übrig,  zumal  die  Zahl  der  Arbeiter  zur 
Bewältigung  der  Riesenaufgabe  noch  immer  in  keinem  Verhältnis  steht 
Ob  die  seit  jüngster  Zeit  eingeführte  Vermehrung  der  Dienst- 
stunden den  Mangel  an  Köpfen  imd  Händen  ausgleichen  wird,  bleibt 
abzuwarten. 

Die  Beamten  der  Landesarchive  zerfaUen  wie  die  bayerischen 
Staatsdiener  überhaupt  in  zwei  Kategorien:  pragmatische  (sämtUch  mit  aka- 
demischer Fachbildung)  und  nichtpragmatische.  Zu  den  ersteren  gehört 
vor  allen  der  den  Rang  eines  Regierungsdirektors  bekleidende  Vorstand  des 
Allgemeinen  Reichsarchives.  Die  Vorstandschaft  des  Geh.  Haus-  und 
Staatsarchives  ist  einem  Rat  im  Staatsministerium  des  Äufsem  als  Neben- 
amt zugewiesen.  Vier  Reichsarchivräte  sowie  der  Geheime  Haus-  und  Staats- 
archivar rangieren  mit  den  Oberlandesgerichts-  bezw.  Regierungsräten.  Die 
Geheimen  Sekretäre  des  Haus-  und  Staatsarchives,  sodann  die  drei  Reichs- 
archivassessoren und  acht  Kreisarchivare  sind  untereinander  im  Range  ^eich 
(=  Oberamtsrichter).  Sekretäre  (=  Amtsrichter^  giebt  es  im  Ganzen  dreizehn, 
und  zwar  am  Reichsarchiv  wie  am  Haus-  und  Staatsarchiv  je  einen;  von 
den  Kreisarchiven  haben  drei  (München,  Nürnberg,  Würzburg)  je  zwei,  die 
übrigen  nur  einen  aufzuweisen.  Im  ganzen  sind  32  „pragmatische"  Archiv- 
beamte vorhanden.  Was  das  Subaltempersonal  betrifit,  so  scheidet  es  sich 
in  Funktionäre  imd  Diener.  Letztere  rdcrutieren  sich  ausschlielslich  aus 
Militäranwärtem.  Von  den  Funktionären,  worunter  sogar  einzelne  sich  aka- 
demischer Bildung  rühmen  können,  wird  mindestens  Kenntnis  der  lateinischen 
Sprache  gefordert 

Bezüglich  der  Gehaltsverhältnisse  steht  Bayern  ebenso  hinter  den 
übrigen  gröfseren  Bundesstaaten,  vor  allem  Preufsen  zurück,  wie  es  diese 
nach  anderer  Richtung  übertrifft.  Das  Anfangsgehalt  eines  Sekretärs  be- 
ziffert sich  auf  2460  M.,  steigt  nach  drei  Jahren  auf  2820  M.  und  be- 
trägt im  zweiten  Quinqueimium  3180  M.  Die  Kreisarchivare  beginnen  mit 
4140  M.,  erreichen  nach  fünf  Jahren  4500,  nach  einem  Decennium 
4860  M.  Die  Reichsarchivassessoren  und  Geheimsekretäre  beziehen  um 
x8o  M.  mehr.  Reichsarchivräte  und  der  Geheime  Haus-  und  Staatsarchivar 
fangen  mit  5460  M.  an  und  erhalten  Quinqueimialzulagen  von  360  M. 
Ein  Mittelposten  zwischen  Rat  und  Direktor,  sonst  bei  allen 
Zweigen  der  bayerischen  Verwaltung  vorhanden,  fehlt  beim  Archivwesen. 
Der  Vorstand  des  Reichsarchivs  empfängt  7020  M.  Gehalt  und  720  M.  Zu- 
lage. Auch  ist  ihm  ein  Diätenbetrag  von  800  M.  zur  freien  Disposition  an- 
gewiesen. Der  Sprung  vom  Rats-  zum  Direktorialgehalt  beträgt  somit 
3000  M.  —  Sind  die  Lohnsätze  an  sich  etwas  niedrig  gehalten,  so  er- 
scheinen namentlich  jene  der  höheren  Beamten,  die  zum  Aufenthalt  in 
der  so  teuer  gewordenen  Hauptstadt  des  Landes  (München)  gezwungen  sind, 
als  absolut  unzureichend,  ganz  besonders  dann,  wenn  Söhne  und 
Töchter  Universitäten  oder  Pensionate  besuchen.  Da  sich  auch  zu  Neben- 
verdiensten (Diäten)  nxir  selten,  dabei  in  beschränktestem  Mafse,  Gelegenheit 
bietet,  —  die  Respizierung  der  Konununialarchive  ist  leider  den  hiefür  we- 
niger geeigneten  Verwaltungsbehörden  überlassen  —  so  kann  sich  die  öko- 


—     24T     — 

Domische  Lage  der  Assessoren  und  Räte  unter  Umständen  sehr  prekär  ge- 
stalten. Revision  des  Gehaltsregulativs  und  Bewilligung  von 
Servisgeldern  ist  unbedingt  nötig,  auch  von  Seite  der  Staatsregie- 
ruDg  bereits  in  Aussicht  gestellt.  —  Was  die  finanziellen  Leistungen 
für  die  Lande sarchive  betrifit,  so  erreichen  dieselben  nahezu  die  Hälfte 
der  von  Preufsen  ausgeworfenen  Summe.  Für  die  laufende  Finanzpeiiode 
betragen  sie  188,418  M.  Auch  die  amtlichen  Leistungen  der 
bayerischen  Archive  können  mit  jenen  der  deutschen  Vormacht  einen 
Veigleich  aushalten.  So  sind  z.  B.  im  Jahre  1898  am  allgemeinen  Reichs- 
archive 290,  bei  den  Kreisarchiven  1373,  teilweise  sehr  umfassende  und 
zeitraubende  Recherchen  gepflogen  worden.  Trotzdem  finden  manche  Be- 
amte noch  die  nötige  Mufse  zu  litterarischer  Bethätigung.  So  haben  z.  B. 
die  Reichsarchivräte  Dr.  Baumann  und  Dr.  Wittmann  sowie  Archivsekretär 
Dr.  J.  Weifs  (vergl.  Kürschner,  Litt.  Kalender  1900  Sp.  60,  158 1  und  1526) 
anf  dem  Gebiet  der  Geschichte,  Länder-  und  Völkerkunde,  Reichsarchiv- 
assessor Dr.  Hansen  auf  jenem  der  Nationalökonomie,  Archivsekretär  Dr.  Sperl 
auf  jenem  der  Belletristik  einen  geachteten  Namen  erworben.  Die  Publi- 
kationen des  früheren  Reichsarchivdirektors  Dr.  v.  Rockinger  (insbes.  zur  Ge- 
schichte des  Schwabenspiegels)  wie  seines  Nachfolgers  Edmund  Freiherr  v.  Oefde 
(Grafen  von  Andechs  etc.)  zeichnen  sich  durch  Scharfsiim  und  Gründlichkeit 
aus;  ersterer  war  auch  lange  Jahre  hindurch  als  akademischer  Lehrer  er- 
folgreich thätig.  —  Der  Nachwuchs  an  geprüften  imd  ungeprüften  Prakti- 
kanten endlich  berechtigt  zu  den  besten  Hoffiiungen  ftlr  die  Zuktmft. 

Die  bereits  S.  109  als  in  Aussicht  stehend  erwähnte  Beständige 
archivalische  Ausstellung  im  Stadtarchiv  Mühlhausen  ist  am 
32.  Mai  eröffiiet  worden.  Im  ersten  Stock  des  Rathauses  sind  historische 
Denkmäler  der  Stadt  aufgestellt  und  werktäglich  jedem  Besucher  während 
der  Bureanstunden  unentgeltlich  zugänglich.  Urkunden,  Siegel  und  Siegel- 
Stempel,  Münzen  Mühlhäuser  Prägung  sind  ausgestellt,  sodarm  eine  stattliche 
Rohe  groiser  mit  feinstem  Kunstverständnis  angefertigter  Photographieen  alter- 
tämlicher  Bauten  sowie  eine  Reihe  voi^eschichtlicher  Altertümer. 

Der  Thüringer  Archivtag  (vgl.  S.  25)  hat  diesesmal  seine  Ver- 
sammlung unter  dem  Vorsitz  von  Prof.  Bange rt-Rudobtadt  am  17.  Juni 
ioRudobtadt  abgehalten.  Vertreten  waren  die  Staatsarchive  von  Arnstadt, 
Coburg,  Gotha,  Rudolstadt  und  Weimar,  sowie  die  Stadtarchive  von 
Langensalza  (Stadtarchivar  Gutbier)  und  Mühlhausen.  Die  Verhandlungen 
unterrichteten  an  erster  Stelle  über  das  Zaponver&hren  zur  Erhaltung  alter 
Handschriften  (vgl.  S.  56 — 60),  Prof.  Georges-Gotha  berichtete  über  die 
Dresdner  Konferenz,  Prof.  Bangert  und  Archivdirektor  Burkhardt- 
Weimar  ergänzten  seine  Mitteilungen.  Es  wurde  auch  hier  festgestellt,  dals 
die  Zaponierung  nicht  in  Anwendung  zu  bringen  sei  bei  Archivalien,  die 
mit  Reagenzien  behandelt  worden  sind.  An  zweiter  Stelle  berichtete  Archivrat 
Mitzschke  über  den  ersten  Archivtag  und  an  dritter  sprach  Prof.  Heyden- 
re ich- Mühlhausen  über  Wesen,  Zweck  und  Nutzen  von  ArchivaussteUungen 
im  allgemeinen  und  über  die  in  Mühlhausen  eingerichtete  ständige  Archiv- 
ausstellung  im  besondem.     Die  Thätigkeit  des  Archivtags  im  verflossenen 

19  • 


\ 


—     248     — 

Jahre  war  vor  allem  der  Herstellung  des  jetzt  fertig  voiüegenden  Wegtpeisers 
(hirch  die  historischen  Archive  Thüringens,  bearbeitet  von  Archivrat Mitzschke, 
gewidmet,  aber  auch  eine  bessere  Organisation  und  Durchforschung  der  Thü- 
lingischen  Stadtarchive  wurde  mit  Nachdruck  angestrebt.  Als  nächstjähriger 
Versammlungsort  wurde  Mühlhausen  bestinmit,  zum  Vorsitzenden  an  Stdle 
des  aus  Gesundheitsrücksichten  zurücktretenden  Archivrats  Mitzschke  wurde 
Prof.  Heydenreich  gewählt. 

Behufs  Ordnung  der  umfassenden,  geschichtlich  nicht  unbedeutsameo, 
Aktenbestände  des  Fürstl.  Landesarchivs  zu  Sondershausen  wurde  seitens  dei 
Regierung  daselbst  Dr.  Hans  v.  Wurmb,  früher  am  Geh.  Staatsarchive  zu 
Berlin,  berufen.  Die  Aufstellung  eingehender  Verzeichnisse  der  dortigen 
Urkundensammlung  besorgte  bereits  früher  der  ehemalige,  jetzt  verstorbene, 
Fürstl.  Archivar  Pfarrer  em.  Th.  Apfelstedt 

Hnseen«  —  Der  Verein  für  Geschichte  und  Altertümer  der 
Herzogtümer  Bremen  und  Verden  und  des  Landes  Hadeln  mit 
dem  Sitz  in  Stade  besitzt  eine  Sammlung,  welche  reich  ist  an  vorgeschicht- 
lichen Fundstücken,  vaterländischen  Münzen  und  Gebrauchsgegenständen 
neuerer  Zeit;  auch  eine  gute  Bibliothek  ist  damit  verbunden.  Diese  Samm- 
lung war  bisher  und  ist  noch  in  Räumen  untergebracht,  welche  von  der 
Stadtverwaltung  früher  gegen  Entgelt  jetzt  aber  unentgeltlich  zur  Verfügung 
gestellt  waren  und  noch  sind.  Doch  sind  diese  Räume  zu  klein,  ungünstig 
gelegen  und  schlecht  beleuchtet,  so  dafs  sie  in  keiner  Hinsicht  genügen. 
Der  Vereinsvorstand  ist  daher  etwa  seit  einem  Jahre  der  Frage  näher  ge- 
treten, wie  geeignete  Räume  für  das  Museiun  gewonnen  werden  können, 
und  hat  jetzt  beschlossen,  auf  einem  von  der  Stadtverwaltung  unen^lüich 
zur  Verfügung  gestellten  Bauplatze  ein  eigenes  Vereinshaus  zu  bauen.  Die 
Baukosten  werden  sich  auf  etwa  40000  Mk.  belaufen.  Dank  der  Bemühungen 
des  Vereinsvorsitzenden,  Regierungspräsidenten  Himly,  sind  durch  freiwilÜge 
Beiträge  15000  Mk.  aufgebracht  worden,  5000  Mk.  kann  der  Verein  ans 
eigenen  Mitteln  zur  Verfügung  stellen,  5000  Mk.  hat  die  Hannoversche 
Provinzialverwaltung  zugesagt  und  ein  städtischer  Verein,  dessen  Aufgabe  es  ist, 
wohlthätige  Untemehmimgen  zu  unterstützen,  hat  ein  Kapital  von  5000  Mk. 
unverzinslich  gegeben,  sodafs  an  die  Ausfühnmg  des  Baues  nach  einem 
fertiggestellten  Plane  im  Jahre  1901  gegangen  werden  wird.  Im  Neubau 
werden  Bibliothek  und  Sammlung  in  grofsen  hellen  Räumen  untergebracht 
werden,  es  sollen  aber  auch  zwei  Bauernstuben,  eine  nach  dem  Muster  eines 
Marschbauemhauses  und  eine  nach  der  Art  eines  Geest bauemhauses  eine 
Stelle  finden;  die  dazu  notwendigen  Zinunergeräte  sind  dem  Verein  bereits 
von  seinen  Mitgliedern  in  genügender  Menge  zur  Verfügung  gestellt  worden. 

Es  ist  ein  erfreuliches  und  nachahmenswertes  Beispiel  thatkräftiger  Vereins- 
thätigkeit  worüber  wir  berichten  können. 

Die  Sammlungen  der  Museumsgesellschaft  in  Arnstadt  wurden 
im  Jahre  1899  aus  den  ebenfalls  ungenügenden  Räumen  im  alten  Rektorate 
nach  dem  Rathause  überführt  und  dabei  einer  Neuordnung  imd  Sichtung 
unterzogen.     Aber  auch   eine  beträchtliche  Zunahme   der  Sammlungsgegen- 


—     249     — 

stände  ist  zu  verzeichnen,  nämlich  von  X147  auf  1297  Nummern,  darunter 
auch  recht  Wertvolles,  wie  einige  alte  Schwarzburgische  Militärunifonnstücke. 
Für  die  nächste  Zeit  ist  die  Veröffentlichung  eines  Museumskataloges  in  Aus- 
sicht genommen,  der  auch  Abbildungen  der  wertvollsten  Stücke  enthalten  soU. 

Das  Museum  des  Vereins  „Camuntum'*  (vgl.  oben  S.  197)  in  Deutsch- 
Altenburg  ist  der  Zielpunkt  zahlreicher  Studienausflüge  geworden.  Da  aber 
die  Menge  des  zu  Tage  geförderten  Materials  die  Bergung  der  gewoimenen 
Schätze  immer  schwieriger  macht  imd  da  das  jüngst  entdeckte  Waffenmagazin 
antike  Rüs^gen  im  Gewichte  vieler  Zentner  enthält,  so  wurde  die  Erbauung 
eines  Museums  zur  dringenden  Notwendigkeit  Der  Verein  hat  die  Erbauung 
eines  solchen  beschlossen  und  hat  sich,  um  das  Vorhaben  ausführen  zu 
können,  an  den  niederösterreichischen  Landtag  mit  der  Bitte  um  Unterstützung 
gewandt.  Die  Kosten  des  Baues  werden  auf  70000,  die  der  Einrichtung 
auf  10 000  Kronen  angeschlagen.  Der  Verein  bat  nun,  der  Landtag  möge 
durch  die  vier  Jahre  1901  bis  1904  je  8000  Kronen  zu  diesem  Zwecke 
bewilligen,  im  ganzen  also  32000  Kronen  gewähren.  Der  Verein  erhofit 
vom  k.  k.  Unterrichtsministerium  r  6  000  Kronen  und  will  eine  gleiche  Summe 
aus  eigenen  Mitteln  aufbringen,  auch  von  der  Stadt  Wien  steht  ein  Zuschufs 
von  8  000  Kronen ,  auf  vier  Jahre  verteilt,  zu  erwarten ,  sodais  die  nötigen 
Mittel  fast  beschafit  wären.  Der  Landtag  hat  nunmehr  dem  Vereme  „Car- 
nuntom'*  eine  Unterstützung  von  20000  Kronen  zugesagt,  aber  unter  der 
Bedingung,  dais  das  Reich  den  gleichen  Beitrag  leistet,  und  zwar  soU  die 
Summe  in  fünf  Jahren  (1900  bis  1904)  zu  je  4000  Kronen  zur  Auszahlung 
gelangen.  Sollte  das  Reich  weniger  als  20000  Kronen  bewilligen,  so  werden 
die  Raten  der  späteren  Jahre  entsprechend  gekürzt  werden.  Sollte  der  Staat 
gar  nichts  geben  und  der  Bau  des  Museums  unterbleiben,  so  unterbleibt 
anch  die  Unterstützung  seitens  des  niederösterreichischen  Landtages.  Die 
im  Voranschlag  des  Landesfonds  für  1900  schon  eingestellte  ,*  bisher  ge- 
währte jährliche  Unterstützung  von  1000  Kronen  wird  durch  diese  aufser- 
ordendiche  Bewilligimg  nicht  berührt. 

PersOBalleB«  —  Der  Professor  der  alten  Geschichte  an  der  Universität 
Breslau  Ulrich  Wilcken  wurde  nach  Würzburg  berufen.  —  In  Innsbruck 
wurde  der  Privatdozent  Michael  Mayr  zum  aufserordentlichen  Professor 
für  Neuere  Geschichte  und  zugleich  zum  Archivdirektor  erster  Klasse  er- 
nannt, ebendort  der  bisherige  Privatdozent  in  Wien  Johann  v.  Voltelini 
zum  aufserordentlichen  Professor  der  österreichischen  Geschichte  als  Nach- 
folger von  Joseph  Hirn.  —  Der  Privatdozent  der  Kunstgeschichte  in  Königs- 
berg Hermann  Ehrenberg  wurde  zum  aufserordentlichen  Professor  er- 
nannt. —  Für  Geschichte  habilitierte  sich  in  Freiburg  i.  B.  Dr.  Wahl,  für 
Kunstgeschichte  in  Erlangen  Dr.  Friedrich  Haak  und  in  München 
Dr.  KarlVolL  —  Der  bisherige  Bibliothekar  und  Privatdozent  der  mittelalter- 
lichen Geschichte  WilhelmAltmannin  Greifswald  wurde  als  Oberbibliothekar 
nach  Berlin  versetzt.  —  Mit  der  Direktion  des  Archivs  und  der  Bibliothek  des 
k.  k.Finanzministeriums  in  Wien  wurde  Dr.  VictorHofmannvonWellenhof 
an  Stelle  des  kürzlich  verstorbenen  Alexander  Budinszky  betraut.  —  Von 
wissenschaftlichen  Beamten  an  den  preufsischen  Staatsarchiven  wurden  ver- 


—     250     — 

setzt:  Archivar  Merx  von  Magdeburg  nach  Osnabrück,  Archivar  Granier 
von  Berlin  nach  Breslau,  Archivassistent  v.  Domarus  von  Hannover  nach 
Wiesbaden,  Hilfsarbeiter  Spangenberg  von  Osnabrück  nach  Berlin,  Hil&- 
arbeiter  Müsebeck  von  Breslau  nach  Schleswig  und  der  bisher  an  der 
Kgl.  Bibliothek  in  Berlin  thätige  Dr.  Paczkowski  als  Archivar  nach  Posen.  — 
In  Österreich  wurde  der  LAndeshistoriograph  und  Condpist  am  Landesarchiv 
in  Brunn  Dr.  Bretholz  zum  Landesarchivar  daselbst,  Michael  Mayr 
zum  Archivdirektor  I.  Klasse  in  Innsbruck,  A.  Starzer  zum  Archivdirektor 
IL  Klasse  in  Wien  imd  R.  Schuster  zum  Archivdirektor  U.  Klasse  am 
Regierungsarchiv  in  Salzburg  emaimt  —  Der  bisherige  Privatdozent  der  Ge- 
schichte in  Giefsen  Julius  Dieter  ich  wurde  znm  Haus-  und  Staatsarchivar 
in  Darmstadt  emaimt.  —  In  Wien  starb  im  Alter  von  35  Jahren  der  Gustos 
an  der  Gemäldegallerie  des  Hofinuseums  und  Universitätsprivatdozent  der 
Kunstgeschichte  Dr.  Hermann  Dollmayr. 

Eingegangene  Bflcher. 

Arbeiten  des  Uckermärkischen  Museums-  uud  Geschichts- 
vereins. Heft  I:  Schmeisser,  Georg,  Die  Eiszeit  und  die  Uckermark. 
(26  S.  8  0.  1898,  Druck  von  A.  Minck  in  Prenzlau).  Heft  II :  Sendke- 
Bagemühl,  Uckermärkisches  Volkstum  und  lebendes  Altertum  (24  S.  8  ®. 
1898).  Heftni:  Schumann-Loeknitz,  Vorgeschichdiche  Beziehungen  der 
Uckermark  während  der  Stein-  und  Bronzezeit  (21  S.  8^.  1899). 
Heft  IV:  Leonhard,  Otto,  Fossile  Reste  imd  was  sie  uns  lehren  über 
die  Entwickelungsgeschichte  unserer  Fauna  und  Flora  (18  S.  8  ^.  1899). 
Heft  V:  Schlippenbach,  Albert,  Graf  von,  Die  Entstehung  und  Ent- 
Wickelung  des  deutschen  Adels  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  io 
der  Uckermark  angesessenen  Geschlechter  (31  S.  S^.     1900). 

Bruiningk,  H.  v.:  Die  älteren  Kirchenbücher  Livlands.  [Abdruck  aus 
den  Sit^ngsberichten  der  Gesellschaft  ftir  Geschichte  und  ^tertumskunde 
der  Ostseeprovinzen  Rufislands  für  das  Jahr  1897.] 

Gramer,  Franz:  Inschriften  auf  Gläsern  des  römischen  Rheinlandes  [Ab- 
druck aus  dem  Jahrbuch  XTV  des  Düsseldorfer  Geschichtsvereins]. 

Dietrich,  F.:  BibHographie  der  deutschen  Zeitschriften -Litteratur  mit  Ein- 
schlufs  von  Sanmielwerken  und  Zeitungen.  Band  V  (=  Juli  bis  De- 
zember 1899)  Leipzig,  Felix  Dietrich,   1900.     353  S.  4  ^.     ^   18. 

Döhmann,  Karl  Georg:  Beiträge  zur  Geschichte  der  Stadt  und  Grafschaft 
Steinfurt  I.  Die  Burgmannen  von  Steinfurt.  32  S.  S^,  [Beilage  zum 
Osterprogramm  des  Gymnasium  Amoldinum  in  Burgsteinfurt  1900.] 

Donaubauer,  Stephan:  Gustav  Adolf  imd  Wallenstein  vor  Nürnberg  im 
Sommer  des  Jahres  1632  [Mitteüungen  des  Vereins  fUr  Geschichte  der 
Stadt  Nürnberg  13.     Heft  (1899),  S.  53—78]. 

Eubel,  Konrad:  In  commendam  verliehene  Abteien  während  der  Jahre  1431 
bis  1503.  [Studien  und  Mitteüungen  aus  dem  Benediktiner-  und  Cister- 
cienser-Orden,  XXI.  Jahrgang  (1900),  S.   i — 15.] 

Förtsch,  O.:  Mitteilungen  aus  dem  Provinziahnuseum  der  Provinz  Sachsen 
zu  Halle  a.  S.  Mit  80  Abbildungen  im  Text,  Plänen  und  Tafeln. 
104  S.  8  ö.     Halle  a.  S.,  Otto  Hendel  1900. 

Freusdorff,  Ferd. :  Aus  dem  mittelalterlichen  Göttingen.    [Festschrift  dem 


—     261     — 

Hansischen  Geschichtsverein  und  dem  Verein  für  niederdeutsche  Sprach- 
forschung dargebracht  zu  ihrer  Jahresversammlung  in  Göttingen,  Pfingsten 
1900.     S,  34 — 60.] 

Friesen,  £mst  Freiherr  von:  Geschichte  der  retchsfreiherrlichen  Familie  von 
Friesen.  2  Bände,  Dresden,  C.  Heinrich,  1899.  »^20.  i.  BAnd: 
Geschichte  der  Familie  —  Geschichte  der  Güter  und  Häuser  in  Dresden, 
welche  die  FamiUe  besessen  hat  und  noch  besitzt.  2 .  Band :  Urkunden- 
buch  —  Synchronistische  Zusammenstellung  von  Regesten  der  Familie  — 
Verzeichnis  von  Mitgliedern  derjenigen  Familien,  mit  denen  Mitglieder 
der  Familie  von  Friesen  verheiratet  gewesen  und  noch  sind  —  Register  — 
Wappen  —  Stammbäume  —  Karte. 

Guericke,  H.:  Das  Postwesen  vor  200  Jahren  in  einer  kleinen  deutschen 
Stadt  (nach  Urkunden  des  Stadtarchivs  zu  Helmstedt).  Helmstedt, 
Richter  &  Wolter,  1900.     32  S.  4^» 

Heinrich,  Arthur:  Geschichtliche  Nachrichten  über  Naumburg  a.  B.,  Frei- 
waldau  und  Haibau.     Sagan,  Druck  von  A.  Menzel,  1900.     127  S.  8^ 

Hampe,  Theodor:  Die  Entwicklung  des  Theaterwesens  in  Nürnberg  von  der 
zweiten  Hälfte  d^s  XV.  Jahrhunderts  bis  1806.  [Mitteilungen  des  Vereins 
fitr  Geschichte  der  Stadt  Nürnberg  12.  Heft  (1896)  und  13.  Heft  (1899).] 

Hedinger,  August:  Die  Urheimat  der  Germanen.  [Neue  Jahrbücher  für 
das  EJassische  Altertum,  Geschichte  und  deutsche  Litteratur  und  für 
Pädagogik  3.  Band,  S.  562  —  572.] 

Hellmann,  Oskar:  Jauer,  ein  geschichdicher  Rückblick.     15  S.  16  <*. 

Hilliger,  Benno:  Studien  zu  mittelalterlichen  Mafsen  und  Gewichten. 
[Sonderabdruck  aus  der  Historischen  Viertdjahrschrift  HI.  Jahrgang 
(1900),  S.   161 — 215.] 

Hitzigrath,  H. :  Hamburg  und  die  Kontinentalsperre.  [Beilage  zum  Berichte 
über  das  66.  Schuljahr  des  Realgymnasiums  des  Johanneums  zu  Hamburg. 
1900.]     30.  S.  40. 

Joesten:  Zur  Geschichte  der  Hexen  und  Juden  in  Bonn.  Bonn,  Carl 
Georgi,   1900.     47  S.  8  ®. 

Kaufmann,  Hermann:  Die  Reunionskammer  zu  Metz.  [Sonderabdruck 
aus  dem  Jahrbuche  der  Gesellschaft  fUr  lothringische  Geschichte  und 
Altertumskunde  Bd.  XI  (1899)  313  Seiten  4  f>.J 

Krone s,  Franz  von:  Die  erzäMenden  Quellen  der  Geschichte  Mährens  im 
f&n£Eehnten  Jahrhundert.  [Zeitschrift  des  deutschen  Vereines  für  die  Ge- 
schichte Mährens  und  Schlesiens  4.  Jahrgang  (1900),  S.   x — 105]. 

Lfibbert,  Jürgen:  Der  Seidenbau  in  den  Franckeschen  Stiftungen.  25  S.  4  0. 

[Sonderabdruck   aus   der  Festschrift  der  Latina  zur  zweihundertjährigen 

Jubelfeier  der  Franckeschen  Stiftungen  und  der  Lateinischen  Hauptschule, 

Halle  a.  S.  1898.] 

MartenSyW. :  Johann  Gutenberg  und  die  Erfindung  der  Buchdruckerkunst. 

Karlsruhe,  J.  Lang.  1900.  46  S.  8  ^ 
Mitteilungen  aus  dem  Reichsgräflich  Schaffgotscti'schen  Ar- 
chive. I.  Geschichte  des  Reichsgräflichen  Theaters  zu  Waimbrunn  von 
Dr.  Heinrich  Nentwig  (112  S.  16^.  Warmbrunn  1896).  II.  Schaff- 
gotsch'sche  Gotteshäuser  und  Denkmäler  im  Riesen-  imd  Isergebirge  von 
Dr.  Heinrich  Nentwig  (188  S.   16  ^     Warmbrunn  1898). 


—     262     — 

Nentwig,  Heinrich:  Scha%otschiana  in  der  Reichsgräflich  Scha%ot5ch- 
schen  Majoratsbibliothek  zu  Warmbrunn.     Leipzig,   Harassowitz   1899. 

63  S.  4  ^ 

Noelting,  J.:  Blutstillen  und  Krankheitsbesprechen.  Ein  Beitrag  zur  Volks- 
medizin. [Beilage  zum  Programm  der  Realschule  in  Eimsbüttel  zu  Ham- 
butg  auf  das  Schuljahr  1899/ 1900.] 

Osten,  Gustav  von  der:  Aus  einer  kleinen  Landstadt,  Festschrift  zum  ftinf- 
hundertjährigen  Jubiläum  der  Stadt  Ottemdorf.  Ottemdorf,  Druck  von 
J.  &  R.  Hottendorff,  1900.     94  S.  8  «. 

Schmidt,  Friedrich:  Sammlung  für  die  Geschichte  von  Sangerhausen  und 
Umgegend.  Sangerhausen,  Druck  von  Aug.  Schneider.  Heft  I  bis  VI, 
je  48  S.  16  ö 

Schöppe,  Karl:  Zur  Geschichte  der  Reformation  in  Naumburg.  [Fest- 
schrift des  Thüringisch-Sächsischen  Geschichts-  und  Altertumsvereins  zur 
sechsten  Versammlung  deutscher  Historiker  zu  Halle  a.  S.  im  April  1900, 
S.  I— 136.] 

Schubert,  H.  v. :  Die  Entstehung  der  Schleswig -Holsteinischen  Landes* 
kirche.     Kiel,  Universitätsbuchhandlung,  1895,  44  ^  S^, 

Sello,  Georg:  Historische  Wanderung  durch  die  Stadt  Oldenburg.  [Fest- 
schrift für  die  Tagung  des  Hanisischen  Geschichtsverems  zu  Oldenburg 
im  Mai  1896.] 

Vancsa,  Max:  Bibliographische  Beiträge  zur  Landeskunde  von  Nieder- 
österreich im  Jahre  1899.  [Sonderabdruck  aus  den  Blättern  des  Ver- 
eines für  Landeskunde  von  Niederösterreich  1900.] 

Veröffentlichungen  aus  dem  Archive  der  Stadt  Freiburg  im 
Breisgau.  IIL  Teil:  Die  Urkimden  des  Heiliggeistspitals  zu  Freibuig 
i.  Br.   n.  Band  1401 — 1662.   Freiburg,  Wagner  1900.    640  S.  8  0.   Jt  6. 

Verzeichnis  der  Jeverland  betreffenden  Handschriften  und 
Drucke  des  Mariengymnasiums  in  Jever.  Jever,  Mettcker 
&  Söhne,  1900.     J5  S.  8  «. 

Volk,  Georg:  Der  Odenwald  und  seine  Nachbargebiete,  eine  Landes-  und 
Volkskunde.   Stuttgart,  Hobbing  &  Büchle  1900.   439  S.  S  ^.   geb.  »^  12. 

Weller,  Karl:  Württemberg  in  der  deutschen  Geschichte.  Stuttgart,  Kohl- 
hanuner  1900.     65  S.  8  ^     ^  i. 

Winteler,  J. :  Über  einen  römischen  Landweg  am  Walensee.  III.  Richtig- 
stellungen und  Ergänzungen.    Aarau,  Sauerländer  &  Co.  z  900.  49  S«  4  ^ 

Zfbrt,  Genä:  Bibliografie  Geskd  Historie.     Praze  1900.     674  S.  8^ 

Zweck,  Albert:  Litauen,  eine  Landes-  und  Volkskunde.  Suttgart,  Hobbing 
&  Büchle  1898.     452  S.  8«.     Ji  9.50. 


Bemerkung.  —  Das  Augustheft  der  „Deutschen  Geschichtsblätter'' 
(Nr.  ix)  wird  gemeinsam  mit  dem  ftir  September  (Nr.  12)  als  Doppelheft 
in  der  ersten  Hälfte  des  August  ausgegeben  werden,  und  dieses 
wird  zugleich  das  Titelblatt  und  Inhaltsverzeichnis  zum  ersten  Jahrgang  ent- 
halten, den  es  abschliefst. 

H«rautc«ber  Dr.  Armin  Tille  in  Leiprif .  —  Druck  und  Verlag  von  Friedricli  Andreas  Perdaea  in  Gotba. 


i 


Deutsche  Geschichtsblätter 

Monatsschrift 


cur 


Fördeniug  der  landesgeschichtliclien  Forschung 

I.  Band  August/September  xgoo  11./12.  Heft 


Ortsname  nforsehung 

Von 
Hermann  Wäschke  (Dessau) 

Als  Kaiser  Wilhelm  I.,  auf  der  Heimfahrt  aus  Gastein  begriffen, 
am  12.  August  1886  in  Güterglück,  dem  Knotenpunkt  der  Magde- 
burg-Leipziger und  Berlin-Nordhäuser  Bahn,  sich  der  seiner  Ankunft 
harrenden  Menge  zeigte,  da  ruhte  sein  sinnender  Blick  nicht  nur  auf 
dem  Menschenschwarme,  der  ihm  fröhlich  zujubelte,  sondern  auch  auf 
dem  Orte,  der  einen  so  eigentümlichen  und  doch  anziehenden  Namen 
hat.  Inmitten  des  regen  Verkehrs,  der  sich  damals  entspann,  inmitten 
der  vielen  wichtigen  und  unwichtigen  Dinge,  die  an  ihn  herantraten, 
vergals  er  den  Klang  dieses  Namens  nicht,  und  manche  der  damals 
ihm  vorgestellten  Persönlichkeiten  überraschte  er  mit  der  Frage,  was 
der  Name  dieses  Ortes  bedeute^). 

Dies  eine  Beispiel  mag  genügen,  die  Thatsache  zu  bestätigen, 
dais  im  Bewufstsein  der  Menschen  die  Ansicht  lebt,  die  Namen  seien 
nicht  rein  Zufälliges,  nicht  eine  Summe  gleichgültiger  Laute,  sondern 
bedeutungsvoll  und  in  inniger  Beziehung  zu  dem  bezeichneten  Gegen- 
stände zu  denken.  Niemals  wird  das  mehr  empfunden,  als  wenn  Glück 
oder  Schmerz  den  Blick  auf  die  Persönlichkeit  selbst  zu  lenken  zwingen; 
dann  steigt  in  voller  Kraft  die  an  Gewiisheit  grenzende  Erkenntnis 
auf,  dafs  ein  ideeller  Zusammenhang  zwischen  dem  Namen  und  dem 
bezeichneten  Gegenstande  bestehe,  dafs  nomen  et  amen  sei  *'). 

Versuche,  Ortsnamen  in  diesem  Sinne  zu  deuten,  finden  sich 
zahlreich  im  Alten  Testamente,  das  älteste  Beispiel  dafür  ist  wohl  die 
Erklärung  des  Namens  Morijäh  ^). 

1)  Progr.  des  HerzogL  Franciaceums  in  Zerbst  v.  J.  1887.    S.  17. 

2)  So  sieht  Sophokles  (Ajuc  430)  im  Namen  des  Telamoniers  den  Schmerz  aos- 
gepragt,  den  Träger  des  Namens  eben  durch  diesen  schon  zum  Schmerzdolden  prädestiniert. 
.Ähnlich  im  Nalaliede  (Kellner,  Dcts  Lied  vom  Könige  Nala^  I^eipsig  1885,  S.  21). 

^  Genesis  22,  14. 

20 


^ 


—     254     — 

Wenn  nun  die  denkenden  Menschen  aller  Zeiten  durch  das  Pro- 
blem der  Namensdeutung*  angeregt  wurden  ^) ,  wie  vielmehr  müssen 
wir  ein  Interesse  daran  bei  den  Männern  voraussetzen,  die  sich  mit 
der  Geographie  und  der  Geschichte  irgend  eines  grö&eren  oder 
kleineren  Territoriums  beschäftigen.  Ihr  Interesse  ist  zwar  zunächst 
nur  auf  eine  Klasse  der  Namen,  die  Ortsnamen,  beschränkt,  aber  da 
die  Ortsnamen  noch  individuelleren  Charakter  haben  als  die  Personen- 
namen, so  wird  auch  die  Wahrscheinlichkeit  eine  gröisere,  dals  der 
Name  irgend  welche  Beziehungen  zum  bezeichneten  Gegenstande  in 
sich  berge.  Diese  Beziehungen  darzulegen,  sie  aus  der  Qualität  blofser 
Ahnungen  und  Vermutungen  hinüber  zu  fuhren  in  die  unanfechtbaren 
Wissens  und  damit  einzureihen  in  das  System  historischer,  geographischer^ 
sprachlicher  Wissenschaft,  das  ist  das  Ziel  derjenigen  Forschung,  die 
seit  der  Begründung  der  Sprachwissenschaft  eine  gesichertere  Gnmd- 
läge,  seit  der  Ausdehnung  historischer  Studien  auf  die  Territorial-  und 
Lokalforschung  eine  besondere  Förderung  und  seit  der  gröfseren 
Rücksichtnahme  auf  wirtschaftliche  Fragen  eine  erhöhte  Bedeutung 
gewonnen  hat. 

So  viel  steht  ja  von  vornherein  fest  und  ist  auch  durch  die  bis- 
herige Forschung  bestätigt,  daüs,  wenn  wirklich  ein  Zusammenhang 
zwischen  dem  Ortsnamen  und  der  bezeichneten  örtlichkeit  besteht, 
wir  die  Aussicht  haben,  in  dessen  Deutung  entweder  etwas  über  die 
Beschaffenheit  derselben,  oder  über  Beziehungen  zu  ihrer  Umgebimg^ 
über  Bewohner  und  Anwohner,  über  Gründer  oder  besondere  Art  der 
Gründung  zu  erfahren  *).  Eine  neue  Erkenntnis  nach  dieser  oder  jener 
Richtung  bereichert  unser  Wissen  über  eine  Zeit,  zu  der  uns  andere 
Mittel  der  Forschung  meist  nicht  zu  fuhren  vermögen.  Darum  sind 
derartige  Forschungen  notwendig. 

Die  richtige  Würdigung  dieser  Verhältnisse  hat  in  neuerer  2Jeit 
vielfach   zur  Erforschung  der  Ortsnamen ')  geführt ,  und  man  hat  auf 


1)  Vgl.  O.  Schell,  Etymologisches  Wörterbuch  der  Geographie  Rheinlands, 
(Bielefeld  189 1).     Im  Vorwort. 

2)  Heilig,  Die  Ortsnamen  des  Kaiserstuhls,  S.   I.     (Vgl.  S.  83  dieser  Zeitschrift.) 

3)  Der  Begründer  der  wissenschaftlichen  Ortsnamenforschnng  ist  Wilhelm  Arnold, 
der  in  seinem  Bache  Ansiedelungen  und  Wanderungen  deutscher  Stämme.  Zumeist 
nach  hessischen  Ortsnamen  (Marburg  1875)  eine  ganz  gewaltige  Menge  von  Namen- 
material  verarbeitet  hat  Seine  Theorie,  wonach  gewisse  Endungen  für  Siedelang  durch 
Angehörige  gewisser  Stämme  sprechen,  z.  B.  die  Orte  auf  -heim  als  fränkisch,  die  auf 
•  weiter  und  -ingen  als  alemannisch  in  Anspruch  genomn^en  werden,  ist  jedoch  in 
neaerer  Zeit  als  unrichtig  erkannt  worden,  indem  namentlich  durch  die  Arbeiten  von 
Hans   Witte   und   Adolf  Schiber   (vgl.  S.   153  dieser  Zeitschrift,  Anm.  2)  erwiesen 


—     255     — 

Grund  des  so  gewonnenen  Materials  alle  möglichen  Folgerungen  ge- 
zogen, namentlich  die  Besiedelungsgeschichte  aufzuhellen  versucht. 
Aber  so  sehr  sich  auch  die  Forschung  des  nunmehr  recht  regen 
Lebens  auf  diesem  Felde  freuen  darf,  demjenigen,  der  sich  eingehen- 
der mit  den  betreffenden  Arbeiten  und  ihren  Ergebnissen  vertraut 
macht,  kann  es  nicht  entgehen,  dafs  trotz  der  staunenswerten  Fülle 
von  Einzeluntersuchungen,  recht  oft  deren  Ergebnisse,  nicht  minder 
aber  die  Methoden,  mit  deren  Hilfe  sie  gewonnen  wurden,  anfechtbar 
erscheinen. 

Der  gute  Wille  allein  genügt  für  derartige  Untersuchungen  nicht 
es  ist  vielmehr  eine  umfassende  wissenschaftliche  Ausrüstung  erforder' 
lieh.     Da  nämlich ,   wie  ich  an  anderer  Stelle  ausgeführt  habe  ^) ,   die 
Deutung   der  Ortsnamen   eine  Arbeit  ist,    die   auf  der  Grenzscheide 
verschiedener  Wissenschaften  liegt,  so  setzt  sie  die  Hilfe  dieser  Wissen- 
schaften voraus,  neben  der  Kenntnis  von  Geschichte  und  Geographie 
und  deren  Arbeitsmethoden  kommt  vor  allem  die  Sprachwissenschaft 
mit   allen    einschlägigen    Disziplinen    in  Betracht.     Die   Deutung    der 
Eigennamen  *)   ist  in   allen   Sprachen   das   schwierigste  Problem ,   weU 
aufser   der  gegebenen  Lautform   meist   alle   anderen  Beziehungs-  und 
folglich  auch  Deutungs-Elemente  fehlen,  und  diese  Schwierigkeit  des 
Problems  mufs  sich  in  dem  Grade  steigern,   wie  die  übrigen  Sprach- 


wnrde,  dafs  vielmehr  zeitliche  Unterschiede  in  den  verschiedenen  Endungen  zum  Ansdrack 
Icommen.  Aach  Karl  Weller,  Die  Besudelung  des  Alamannenlandes  [Württembergische 
Vierteljahrshefle  für  Landesgeschichte.  N.  F.  VU  (1898)]  kriüsiert  S.  27  ff.  Arnolds 
Theorie.  Derselbe  bringt  in  seiner  Ansiedelungsgeschichte  des  württembergischen  Fran" 
kens  rechts -vom  Neckar  [ebenda  III  (1894)]  S.  8,  31 — 37,  44,  52,  74 — 77  viel  ein- 
schlägiges Material  bei.  Abgesehen  von  zahlreichen  Arbeiten  über  die  Ortsnamen  be- 
stimmter Landschaften  ist  aber  bereits  eine  kleine  Litteratnr  —  auch  schon  vor  Arnold  — 
über  dieses  Forschmigsgebiet  entstanden.     Es  seien  hier  erwähnt: 

Bender,  Die  deutschen  Ortsnamen  in  geographischer,  historischer,  besonders  in 
sprachlicher  Hinsicht  mit  stäter  Berücksichtigung  der  fremden  Ortsbenennungen, 
Siegen  1846. 

Alois  Hrnschka,  Deutsche  Ortsnamen.  (Sammlung  gemeinnütziger  Vorträge 
Nr.  56).     i88a 

Julius  Wisnar,  Zu  Brandts  Erklärung  topographischer  Namen  [Programm  des 
k.  k.  Gjmnasiums  in  Znaim  1890].  Brandls  Arbeit  ist  in  böhmischer  Sprache  1885  in 
der  Zeitschrift  „Obzor^'  erschienen. 

Georg  Pfahler,  Bändbuch  deutscher  Altertümer  (FrznVdkTt  tu  M.  1865)  S.  697—728. 

Friedrich  Günther,  Die  Bedeutung  der  Ortsnamen  für  dte  Kulturgeschichte. 
[Pädagogische   Abhandlungen.     Neue  Folge   UI.  Bd.    Heft  2.     Bielefeld,    Helmich  1898]. 

Haselmeyer,  J.  E.,   Über  Ortsneunenkunde.     Würzburg,  Kellner  1898. 

1)  Mitteilungen  d.   Vereins  für  Anhalt.  Geschichte.     7.  Bd.  (1895—98)  607  f. 

2)  VgL  oben  S.  61. 

20* 


—     256      — 

denkmäler  des  betreffenden  Volkes  oder  Stammes  an  Zahl  oder  Um- 
fang abnehmen,  sie  hat  ihren  Höhepunkt  erreicht,  wo  von  dem  Vor- 
handensein eines  Volkes  und  seiner  Kultur  nichts  weiter  übrig  geblieben 
ist  als  eben  diese  Namen,  die  von  jener  Zeit  als  letzte  Überbleibsel 
haften  geblieben  sind  an  Wald  und  Weide,  Berg  und  Burg,  an  Flufs, 
Flur  und  Feld. 

Der  wissenschaftliche  Charakter  der  neueren  Ortsnamenforschung 
läfst  sich  nicht  verkennen,  aber  fast  jeder  Forscher  ist  bisher  seinen 
eignen  Weg  gegangen,  es  existiert  in  der  That  gegenwärtig  keine  all- 
gemein anerkannte  Forschungsmethode,  seitdem  die  Arnoldschen  An- 
sichten wesentlich  erschüttert  worden  sind.  Zwar  haben  sich  nebenher 
Forscher  über  ihre  Arbeitsweise  geäufsert  und  die  Forderungen,  die 
sie  an  einen  wissenschaftlichen  Betrieb  der  Ortsnamenforschung  stellen, 
klar  ausgesprochen  *] ,  aber  dringend  notwendig  ist  gerade  jetzt  eine 
gegenseitige  Verständigung,  wenn  nicht  noch  länger  mühsame  Unter- 
suchungen zum  groCsen  Teil  vergeblich  sein  sollen. 

Unter  diesem  Gesichtspunkte  wUl  ich  meinerseits  das  aussprechen, 
was  ich  in  Bezug  auf  Methodik  der  Ortsnamenforschung  für 
notwendig  erachte,  und  dabei  teils  das  darl^en,  was  ich  an  den  bisher 
erhobenen  Forderungen  für  richtig  halte,  teils  eigene  Beobachtungen 
zur  Prüfung  vorzulegen. 

Ich  gehe  zum  Zweck  näherer  Begründung  von  dem  oben  be- 
schriebenen Ereignisse  aus.  Es  wäre  uns  gewifs  nicht  uninteressant, 
zu  erfahren,  was  eigentlich  damals  Kaiser  Wilhelm  I.,  als  er  nach  der 
Bedeutung  des  Ortsnamens  Güterglück  fragte,  für  eine  Antwort  er- 
halten habe;  aber  es  ist  mir  leider  unbekannt  geblieben.  Nur  unter 
denen,  die  gleich  mir,  draufsen  harrend  standen  und  von  dieser  wissen- 
schaftlichen Frage  hörten,  war  des  Rätsels  Lösung  bald  gefunden: 
Güterglück  bedeute  den  Ort,  an  dem  man  mit  seinen  Gütern  Glück 
habe.  Es  ist  möglich,  dafs  auch  in  der  Umgebung  des  Kaisers  jemand 
mit  dieser  sinnigen  Deutung  sein  Glück  versucht  hat;  aber  sie  ist 
nichts  weiter  als  das  Werk  des  reinen  Dilettantismus. 

Dieser  Dilettantismus  hat  sich  namentlich  in  früherer  Zeit  behag- 
lich breit  gemacht;  doch  dafe  er  in  den  Untersuchungen  der  jüngsten 


l)  Weller,  Die  Besudelung  des  Alamannenlandes  (Sonderabdrack  aas  den 
Württembergischen  Vierteljahrsheften  für  Landesgeschichte,  Neue  Folge,  VII.  Stutt- 
gart 1898),  S.  27.  —  Rohde  in  Verhandlungen  des  5.  Deutschen  Geographentages 
zu  Hamburg  (Berlin  188$)  und  im  Jahresbericht  der  Männer  vom  Morgenstern,  Heft  2, 
Bremerhafen  1899,  —Armin  Tille  in  Verhandlungen  der  45,  Versammlung  deutscher 
Philologen  und  Schulmänner,  Bremen  iSgg,  S.  968. 


—     257     — 

Vergangrenheit  auch  noch  hie  und  da  vergnüglich  hervorluge,  wage 
ich  nicht  zu  bestreiten.  Ich  möchte,  um  ihn  recht  zu  würdigen,  zwei 
Arten  desselben  unterscheiden:  den  naiven  und  den  pseudo- 
wissenschaftlichen. 

Der  erstere,  der  naive  Dilettantismus,  folgt  der  Eingebung  des 
Augenblicks,  sein  Hilfsmittel  ist  die  Phantasie,  seine  Handhabe  der 
im  Namen  gegebene  Anklang  an  sprachliche  Formen  der  Gegenwart. 
Wie  er  Güterglück  deutet  als  den  Ort,  an  dem  man  mit  Gütern 
Glück  hat,  so  wird  er  es  als  eine  besondere  Erleuchtung  betrachten, 
Gütersee  als  den  See  zu  deuten,  in  dem  Güter  verborgen  liegen. 
So  verfuhr  man  zumeist  in  alter  Zeit,  und  als  geradezu  erhabenes 
Beispiel  dieser  Methode  will  ich  die  Deutung  hier  verzeichnen,  die 
man  fiir  den  Namen  Dessau  gefunden  hat;  man  deutet  Dessau  = 
diese  Au,  und  zur  Bestätigung  derselben  kann  man  in  Würdigs 
Chronik  der  Stadt  Dessau  ')  wörtlich  lesen :  „Die  andere  (Deutung 
des  Ortsnamens)  kleidet  sich  in  die  hübsche  Fabel,  wonach  es  seine 
Gründung  und  seinen  Namen  Kaiser  Karl  dem  Grofsen  (geb.  742, 
gest.  814),  zu  verdanken  haben  soll.  Genannter  Kaiser  soll  nämlich 
auf  seinem  Siegeszug  im  Jahre  785  auch  an  die  untere  Mulde  ge- 
kommen sein  und  hier  in  den  Kreuzbergen  (zwischen  Dessau  und 
Torten)  die  heidnischen  Sachsen  geschlagen  haben.  Und  weiter  heiist 
es  in  der  Sage,  dafs  dieser  grofse  Kaiser  —  vielleicht  an  einem 
schönen  Sommerabend,  als  die  Gegend  von  den  letzten  Strahlen  der 
untergehenden  Sonne  purpurn  beleuchtet  gewesen  und  über  dem  nahen 
Muldeflufs  ein  leichter  Nebel  gewallt,  oder  gar  der  silberne  Mond  aus 
dem  üppigen  Grün  der  Waldungen  gegen  Osten  aufgestiegen  —  ent- 
zückt von  der  lieblichen  Gegend  die  Worte  ausgerufen  habe:  Diese 
Au!"  Erhaben  nenne  ich  diese  Probe  des  naiven  Dilettantismus,  denn 
schwerlich  wird  sich  anderwärts  eine  auch  nur  annähernd  so  grofs- 
artig  mit  allen  Mängeln  des  Dilettantismus  ausgestattete  Deutung  eines 
Ortsnamens  finden!  ^ 

Der  pseudowissenschaftliche  Dilettantismus  tritt  auf 
mit  dem  Anspruch  der  Wissenschaftlichkeit,  sein  Hilfsmittel  ist  Sprach- 
kenntnis, seine  Handhabe  der  zufällige  Anklang  im  Lautgehalt  eines 
Ortsnamens  an  bestimmte  Wörter  einer  fremden  Sprache.  Auch  in 
ihm  lassen  sich  verschiedene  Arten  je  nach  der  gröfseren  oder  ge- 
ringem sprachlichen  und  historischen  Bildung  des  Forschers  unter- 
scheiden, doch  gemeinsam  ist  allen  der  Dogmatismus,  mit  dem  man 


I)  Dessau  1876. 


—     258      - 

an  das  historische  Problem  herantritt.  Oder  wie  soll  man  anders  dies 
Deuteln  nach  vorgefafster  Meinung  bezeichnen,  der  Meinung,  dais  in 
allen  Ortsnamen  ein  Element  aus  fremden,  nicht  einheimischen 
Sprachen  nachzuweisen  sei?  Als  Ubergangsstufe  vom  naiven  Dilet- 
tantismus zum  pseudowissenschaftlichen  möchte  ich  das  bezeichnen, 
was  mein  Lehrer  über  Anhaltische  Ortsnamen  vortrug.  Er  deutete 
Paschleben  =  Osterode,  d.  h.  aus  Pascha  =  Ostern  und  leben  == 
rode  zusammengesetzt.  Neben  der  erheiternden  Naivetät  in  Be- 
urteilung sprachlicher  und  historischer  Thatsachen  herrscht  in  solchen 
Erklärungen  der  Dogmatismus  als  Methode. 

Der  strengere  Dogmatismus  gliedert  sich  wieder  in  den  theo- 
logischen und  den  philologischen.  Der  erstere  gehört  im 
grofsen  und  ganzen  der  Zeit  des  Humanismus  und  der  Reformation 
an.  Die  dogmatische  Voraussetzung  ist  die  in  der  Bibel  gegebene 
Einheit  des  Menschengeschlechts  und  dessen  Zerstreuung  durch  den 
Turmbau  zu  Babel,  femer  der  sprachliche  Dogmatismus,  dais  das 
Hebräische  die  älteste,  wenn  nicht  gar  Ursprache  des  Menschen- 
geschlechts sei.  Unter  dieser  Annahme  und  Voraussetzung  wird  ver- 
ständlich, wie  die  Zeit  der  Humanisten  die  Deutung  der  Ortsnamen 
mit  Hilfe  des  Hebräischen  unternehmen  konnte.  Als  Beispiel  für 
diesen  jetzt  wohl  vollständig  überwundenen  Standpunkt  führe  ich 
wieder  an,  was  nach  dieser  Richtung  hin  Beckmann  *)  über  den  Orts- 
namen Dessau  mitteilt.  Er  fragt,  ob  Dessau  nicht  ,,eine  Verwandt- 
schaft mit  dem  in  Maccab.  14,  16  erwähnten  Flecken  Dessa 
habe,  und  (erwähnt)  dafe  Dr.  Luther  nicht  abgeneigt  gewesen,  die  um 
Wittenberg  gelegenen  Örter  dem  Namen  nach  aus  dem  gelobten 
Lande  abzuleiten,  so  Jefsnitz  von  Jesse,  Pratau  von  Ephrata, 
Seida  von  Zidon,  Düben  von  Dibon  u.  s.  w."  Was  Luther  nur 
zweifelnd  und  als  nur  möglich  hinstellte,  das  drückte  Melanchthon  *) 
in  einem  am  23.  Nov.  1546  von  Dessau  an  Camerarius  gesendeten 
Briefe  ganz  bestimmt  aus:  Ex  oppido,  quod  Xitfjdv  est  appellaüone 
gentis  Hebreae;  er  leitet  also  Dessau  vom  Hebräischen  »ti'n  ab. 

Der  philologische  Dogmatismus  gehört  der  neueren  Zeit  an. 
Seine  Vertreter  haben  vor  dem  ebengenannten  die  gröfsere  Exaktheit 
sprachlicher  Kenntnis  voraus,  auch  insgesamt  eine  anerkennenswerte 
historische  Bildung,  aber  infolge  der  Vorliebe  für  irgend  eine  Sprache, 


1)  Chronik   d.  FnrsUnthums   Anhalt   1710 ;    auch    mitgeteilt   in    IVürdigs   Chronik 
d.  Stadt  Dessau^  S.  4. 

2)  Corp,  Ref.    VL  287  und  Krause,  Melanthonianay  Zerbst   1885, 


—     259     — 

iiir  irgend  eine  Theorie  lassen  sie  ihre  Forschungen  leicht  der  Einseitig- 
keit anheim  fallen.  Für  das  Gebiet  der  deutschen  Ortsnamenforschung 
lassen  sich  daraufhin  leicht  zwei  Kategorieen  aufstellen:  die  Kelto- 
manen  und  die  Slawophilen. 

Die  Keltomanie  ist  auf  dem  Gebiete  der  Ortsnamenforschung 
wohl  im  Rückgange,  sie  hat  hier  allmählich  diejenige  Beschränkimg 
erfahren,  die  ihr  gebührt,  doch  hat  sie  hier  und  da  doch  noch  ganz 
wunderliche  Blüten  aufzuweisen.  Wenigstens  will  ich  in  diesem  Zu- 
sammenhange auf  den  an  sich  interessanten  Fund  von  Biere  aufmerk- 
sam machen,  der  von  dem  glücklichen  Finder  wiederholt  besprochen 
ist,  ohne  da(s  er  die  gebührende  Beachtung  gefunden  hätte.  Es  sind 
vom  Lehrer  Rabe  in  Biere  auf  dem  Dahlsberge  bei  diesem  Orte  nach 
Welsleben  zu  etwa  1200  Steine  mit  Zeichnungen  und  Schriftzeichen 
gefunden  worden,  der  gröfste  Teil  derselben  ist  in  das  Museum  nach 
Quedlinburg  gekommen,  ein  kleiner  Teil  wohl  noch  im  Besitz  des 
Herrn  Rabe  selbst.  Herr  Rabe  spricht  die  Steine  als  keltisch  an  und 
hat  darauf  die  Erklärung  mehrerei  Steine  versucht  und  veröffentlicht  ^). 
Diese  Erklärung  trägt,  so  weit  ich  es  beurteilen  kann,  den  Stempel 
dilettantischer  Arbeit  an  sich,  vielleicht  genügt  aber  dieser  Hinweis, 
um  einen  wirklichen  Kenner  keltischer  Sprachen  zum  Studium  dieser 
Steininschriften  anzuregen.  Erst  durch  solche  Untersuchung  kann  auch 
die  von  dem  Finder  aufgebaute  ethnologische  These  auf  ihre  Berech- 
tigung und  ihren  wahren  Wert  hin  geprüft  werden.  Die  von  ihm 
g^ebene  Deutung  der  Ortsnamen  z.  B.  ,,Dahlsberg  =  irisch  da 
^t,  fest);  irisch  ail  (Waffe)  und  irisch  ais  (Burg)  wurde  zu  ,Dahls*  = 
gute  (feste)  Waffenburg.  An  keltisch  ,Dahls'  hängten  die  den  Kelten 
folgenden  Deutschen  ihr  ,berg*,  so  entstand  für  den  Hügel  der  Name 
,DahIsberg*  — "  erwecken  allerdings  nicht  gerade  g^te  Hoffnungen 
für  die  Richtigkeit  der  übrigen  Untersuchungen. 

Die  Slawophilen  haben  besonders  da  den  ausgebreitetsten 
Schauplatz  ihrer  Thätigkeit,  wo,  wie  bei  uns  im  Lande,  das  Grenz- 
gebiet slavischer  und  deutscher  Siedelung  liegt  *).     Es  ist  fast  unglaub- 


i)  Antiquitäten-Zeitung,     7.  Jahrg.,  Nr.  51.    (20.  Dez.   1899). 

2}  Es  giebt  eine  recht  grofse  Litteratur  über  slavische  Ortsnamen  im  östlichen 
Deatschland,  ans  der  hier  nur  einiges  angeführt  werden  kann: 

M.  May,  Sind  die  fremdartigen  Ortsnamen  in  der  Provinz  Brandenburg  und 
in  Ostdeutschland  siaviscA  oder  germanisch?  (Sonntagsbeilage  der  Vossischen  Zeitung 
Nr.  30  ¥om  30.  Joli  1899). 

Macke,  Die  sUnrischen  Ortsnamen  der  Neumark  (Schriften  des  Vereins  f.  Ge- 
schichte der  Nenmark,  7.  Heft,  1898,  S.  51—189). 


—     260     — 

lieh,  was  alles  als  slavisch  angesprochen  wird,  jeder  halbwegs  unver- 
ständliche Ortsname  verfallt  seinem  Schicksale,  fiir  slavische  Sprache 
und  slavische  Siedelung  annektiert  zu  werden.  Ich  habe  an  einem 
Beispiele  gelegentlich  nachgewiesen,  wie  unzulänglich  dieser  philo- 
logische Dogmatismus  in  seinen  Ergebnissen  erscheinen  miifs  *).    Der 


Weise,  Oskar,  Slavische  Siedelungen  in  Sachsen  -  Altenburg,  Eisenberg,  Pro- 
gramm  1883. 

Hey,  Die  slavischen  Ortsnamen  des  Königreichs  Sachsen,  Döbeln  1883.  —  Der- 
selbe, Die  sUroischen  Siedelungen  des  Königreichs  Sachsen,  Dresden  1893.  —  Der- 
selbe, Die  slavischen  Ortsnamen  der  Meissner  Gegend  (Mitteilungen  des  Vereins  iiir 
Geschichte  der  Stadt  Meifsen,  i.  Bd.  1884).  —  Derselbe,  Slavische  Ortsnamen  in 
deutschem  Gewände  (Wissenschaftliche  Beilage  der  Leipziger  Zeitung,   1887,  Nr.  20). 

Schottin,  Reinh.,  Die  Slaven  in  Thüringen  (Programm  des  Gymnasiums  zu 
Bautzen,   1884). 

Ktthnel,  Die  slavischen  Orts-  und  Flurnamen  der  Oberlausitz  (Neues  Lausitz. 
Magazin.    Bd.  66  (1890),  67,  69—71,  73). 

Schmaler,  Die  slavischen  Ortsnamen  in  der  Oberlausitt  und  ihre  Bedeutung, 
FesUchrifl,  BauUen  1867.    4^ 

Ewald  Müller,  Das    Wendentum  in  der  Nieder lausitz,     Cottbus,  Dissert   1893. 

Kühnel,  Die  slavischen  Ortsnamen  in  Mecklenburg.  Jahrbücher  des  Vereins  für 
Mecklenburgische  Geschichte  1880.  Programm  Neubrandenburg  1881  und  1882. 

Hey,  Die  slavischen   Ortsnamen  von  Lauenburg,     1888. 

Immisch,  Die  slavischen  Ortsnamen  im  Erzgebirge.     Programm  Annaberg  1866. 

Miklosich,  ZHe  Bildung  der  Ortsnamen  aus  Personennamen  im  Slavischen. 
Wien  1865.  —  Derselbe,  Die  slavischen  Ortsnamen  aus  Appellativen.  Zwei  Teile, 
Wien  1872  und  1874. 

Neue  Arbeiten  über  die  slavischen  Ortsnamen  in  Deutschland.    Globxis  XIX,  S.  39 — S9» 

Fränkel,  Zum  Namen  Dessau  (Mitt.  d.  Vereins  f.  Anhalt  Gesch.  u.  Altertums- 
kunde I,  S63). 

Fränkel,  Slavische  Ortsnamen  in  Anhalt,     Mitt.  S»  265—269,  329—336. 

Schulze,  Bedeutung  der  Namen  u,  s.  w,     Mitt.  3,  598  —  603. 

Schulze,  Erklärung  der  Namen  der  Städte  u.  s.  w.     MitL  6,  56 — 89. 

Fränkel,  Noch  einmal  tum  Namen  Dessau.     Mitt  6,  195  f. 

Schulze,  Der  Name  Dessau,     Mitt.  6,  438  —  441. 

Seelmann,  Slaventum  in  Anhalt,     Mitt.  6,  469  —  503. 

Schulze,  Bemerkungen  u,  s.  w,     Mitt.  7,  31  —  71. 

Kindscher,  Bodowytz,     Mitt  7,  72. 

Seelmann,  Erwiderung.     Mitt  7,   169 — 176. 

Schulze,  Berungberg.     Mitt  7,   177. 

W  ä  s  c  h  k  e ,  Berungberg.     Eine  Frage  etymologischer  Methodik.    Mitt.  7,  243  —  246. 

Schulze,  Noch  einmal  der  Name  Berungberg,     Mitt  7,  448  f. 

Wäschke,  Beiträge  zur  Gesch,  d.  wendischen  Dialektes  in  Anhalt,  i.  Teil. 
Mitt  7,  603—629. 

Wäschke,   Güsten,     Mitt  8,  339  f. 

l)  Vgl.  Lütt  ich.   Über  deutsche  Volksetymologie:  Ortsnamen,     Programm,  Naum- 
burg  1882. 


—     261     — 

Ortsname  Güsten  wird  von  einigen  anhaltischen  Forschern  seinem 
Lautgebalt  nach  für  slavisch  angesehen,  daher  auch  der  Ort  als  eine 
ursprünglich  slavische  Siedelung  angesetzt,  aber  dennoch  Ist  sowohl 
der  Name  als  auch  die  Siedelung  ursprünglich  deutsch,  wovon  später 
noch  die  Rede  sein  wird.  So  mag  es  wohl  noch  mit  einem  grofsen 
Teile  der  Ortsnamen  und  Siedelungen  stehen,  die  mit  grofser  Energie 
für  das  Slaventum  in  Anspruch  genommen  werden. 

Hiermit  glaube  ich  die  hauptsächlichsten  Irrtümer  charakterisiert 
zu  haben,  denen  die  Ortsnameüforschung  bisher  zum  Teil  verfallen 
war.  Jetzt  müssen  wir  versuchen,  den  Weg  darzulegen,  den 
die  Forschung  einschlagen  mufs,  um  zu  gesicherten  und 
wissenschaftlich  wertvollen  und  verwendbaren  Ergeb- 
nissen zu  gelangen. 

Alle  Wissenschaft  beginnt  da,  wo  man  das  einzelne  Gegebene 
nicht  in  seiner  Vereinzelung,  sondern  in  einem  Zusammenhang  gleich- 
artiger Erscheinungen  zu  begreifen  sucht.  Die  dabei  zuerst  und  natür-^ 
lieh  gegebene  Reihe  bieten  die  bekanntgewordenen  Entwickelungs- 
phasen  des  betreifenden  Einzelnen.  Diese  erste  und  natürliche  Reihe, 
in  der  wir  den  einzelnen  Oitsnamen  zu  begreifen  suchen,  ist  die  historisch 
nachweisbare  Entwickelung  der  Namensform  selbst.  Wer  bei 
dem  wiederholt  genannten  Ortsnamen  Güterglück  nur  auf  die  nächst- 
älteren Namensformen  zurückgeht,  ^ndti  Juter cltc,  —  klik,  —  klick,  — 
klyck,  d.  h.  einen  ganz  anderen  Anlaut  der  einzelnen  Bestandteile, 
nämlich  beim  erstem  J,  beim  letztern  k,  beziehungsweise  das  nur  ortho- 
graphisch unterschiedene  c.  Schon  aus  dieser  Betrachtung  ergiebt  sich, 
dais  die  moderne  Namensform  jenes  Ortes  ihren  Ursprung  genommen  hat 
in  einem  dem  sprachlich  ausreichend  geschulten  Forscher  zur  Genüge  be- 
kannten sprachlichen  Triebe:  der  sogenannten  Volksetymologie  *). 

Doch  wird  dieses  Ergebnis  noch  bedeutend  klarer  hervortreten, 
wenn  man  denselben  Vorgang  an  einer  Reihe  ähnlicher  Ortsnamen 
feststellt,  z.  B.  wenn  man  die  Ortsnamen  ähnlichen  Lautgehaltes  prüft, 
nämlich  Jütrichau,  Jüterbogk,  Gütersee.  Das  letztere  Güter- 
see, eine  örtlichkeit  bei  Cöthen  in  Anhalt,  konnte  ich  aus  Urkunden 
vor  dem  Jahre  1400  nicht  nachweisen,  doch  bieten  die  beiden  ersteren 
schon  in  der  modernen  Form  den  Anlaut  J  und  noch  deutlicher  und 
ohne  jede  Abweichung  in  den  Urkunden:  Juter chow,  Jutherchow, 
Juter kow,  Juterchowe ;  Juterhoch,  —  buch,  —   huck  *). 


1)  Miit,  d.   Vereins  f,  Anhalt,   GescH,  8,  339. 

2)  Cod,  äipl,  Anhaltinus  im  Index.     Bd.  VI. 


—     262     — 

Innerhalb  dieser  Reihe  gilt  es  die  mutmafslich  älteste  Form  zu 
erkennen,  denn  nur  sie  kann  die  Grundlage  der  sprachlichen  Deutungs- 
versuche bilden  ^).  Es  ist  nicht  immer  zu  erwarten,  dafs  die  zeitlich 
älteste  Überlieferung  auch  die  älteste  sprachliche  Form  des  Stammes 
bietet;  so  findet  sich  z.  B.  1214  Jutherchow  und  1273  Juterchawe» 
obwohl  das  letztere  die  sprachlich  ältere  Form  ist.  Aber  im  all- 
gemeinen darf  man  annehmen,  wie  es  fast  selbstverständlich  ist,  dais 
die  älteren  sprachlichen  Formen  sich  auch  in  den  älteren  Dokumenten 
finden.  Hat  man  aus  der  Überlieferung  diese  älteste  Form  gefunden, 
so  gelingt  es  dem  geschulten  Blick  wieder  sehr  häufig,  durch  blofse 
Vergleichung  mit  verwandten  Erscheinungen  eine  noch  ältere  Form 
zu  erschliefsen ,  z.  B.  für  Juterchowe  die  Form  Juterchowa,  so  dafe 
wir  die  gesamte  Entwicklung  des  Namens  in  geschlossener  Reihe  vor 
uns  haben:  Juter chowa,  Juterchowe,  Juter chow,  Juterchau,  Jütrichau, 
Liegt  diese  Reihe  klar  vor  unsem  Augen,  so  ist  die  Grundlage  fiir 
die  sprachliche  Untersuchung  gesichert.  Die  Herstellung  dieser  Reihe 
ist  oft  mit  Schwierigkeiten  verbunden,  oft  ist  sie  sofort  klar,  wie  in 
Juterclic,  das  offenbar  zwei  zu  einem  Tatpurusha,  d.  h.  Determinativ- 
Kompositum ,  verknüpfte  Substantive  enthält  wie  räjaputra  =  Königs- 
sohn. Seine  Deutung  hat  Direktor  Stier  in  dem  genannten  Programm 
dahin  gegeben:  „dafs  »Jüterclick*  (vgl.  Jüterbog,  Jütrichau)  Stein- 
haufen =  Denkmal  oder  Altar  zu  Ehren  des  altwendischen  Gottes  der 
Morgenröte  bedeuten  dürfte." 

Aus  dem  Gesagten  ergiebt  sich  das  erste  Gesetz  wissenschaftlicher 
Ortsnamenforschung:  Es  ist  notwendig,  die  gesamten  erreich- 
baren Formen  eines  Ortsnamens  festzustellen,  in  der 
historischen  Überlieferung  die  älteste  Form  zu  erkennen 
und  auf  dieser  Form  in  stetem  Hinblick  auf  die  Reihe 
der  Überlieferung  und  die  Überlieferung  und  Bildung 
gleichartiger  Namensformen  die  sprachliche  Deutung 
aufzubauen. 

Nicht  alle  Forscher  haben  dieses  Gesetz  als  für  sich  verbindlich 
angesehen ;  so  notwendig  es  ist,  bei  Deutungsversuchen  auf  die  älteste 
Form  des  Namens  zurückzugehen,  so  oft  ist  dies  in  der  Praxis  ver- 
säumt worden,  wenn  auch  grundsätzlich  wohl  niemand  ernstlich  da- 
gegen Einspruch  erheben  dürfte  *). 

1)  Vgl.  die  folgende  Anmerkimg. 

2)  Heilig,  a.  a.  O.  S.   i:  „Nor  solche  etymologische  Versuche  scheinen  uns  näm- 
lich Berechügung  zu  haben,  die  in  kritischer  Weise  an  der  Hand  der  Sprache  und  nicht 


—     263     — 

Gewichtiger  ist  der  Einwurf,  mit  dem  ich  mich  an  einer  anderen 
Stelle  bereits  beschäflig-t  habe  ') :  die  Überliefenmg-  gäbe  kein  absolut 
zuverlässiges  Bild  der  Namensform.  Ich  kann  dabei  nur  wiederholen, 
was  ich  an  jener  Stelle  bereits  ausgeführt  habe,  dafs  namentlich  in 
Urkunden,  mögen  sie  nun  in  Deutschland  oder  Italien  oder  sonstwo 
ausgestellt  sein,  die  sprachliche  Form  des  geschriebenen  Ortsnamens 
immer  ein  möglichst  adäquater  Ausdruck  des  wirklichen  Lautgehaltes 
sein  mufe,  weil  ja  damit  die  Sicherheit  des  betreffenden  rechtlichen 
Aktes,  etwa  eines  Kaufes  oder  einer  Tradition,  im  engsten  Zusammen- 
hange steht. 

Doch  glaube  ich,  in  diesem  Zusammenhange  auf  einen  Fehler 
aufmerksam  machen  zu  müssen,  welcher  die  Richtigkeit  der  Ergebnisse 
unsrer  Forschung  einigermafsen  beeinträchtigen  kann:  es  ist  die  kritik- 
lose Benutzung  der  Überlieferung.  Selbst  die  besten  Publikationen 
sind  nicht  immer  frei  von  Irrtümern  in  der  Lesung  der  Eligennamen. 
Ich  verweise  statt  vieler  nur  auf  ein  Beispiel  hin.  Im  Codex  Diplo- 
maticus  Anhaltinus  I,  70  findet  sich  von  v.  Heinemann  gelesen  der 
Name  einer  Mark  Gimuete.  Dazu  bemerkt  der  Herausgeber  selbst 
im  Index  , »vielleicht  =  Gnez",  ein  Zusammenhang,  der  allerdings 
lautlich  unmöglich  erscheint.  Nun  hat  aber  Sickel  in  den  Monumenta 
Germaniae,  Diplomata  II,  307  dieselbe  Urkunde  publiziert  und  statt 
des  Gimuete  vielmehr  Gumiete  herausgelesen,  ja  er  hält  es  ebenfalls 
für  möglich,  dafs  Gunnete  zu  lesen  sei.  Dafs  diese  letztere  Vermutung 
das  Richtige  trifil,  ist  nach  v.  Heinemanns  oben  angeführter  Gleich- 
setzung sehr  wahrscheinlich,  für  uns  aber  wird  daraus  ersichtlich,  dafs 
die  Forschung  im  Zweifel  selbst  auf  die  Originalurkunde  zurückgehen 
mufis.  Ja,  wir  werden  noch  weiter  fordern  müssen,  dafs  zur  Sicherung 
der  historischen  Reihe  der  Namensformen  eines  Ortes  auf  die  diplo- 
matische Kritik  Rücksicht  genommen  werde.  Wenn  nämlich,  wie  ich 
an  einer  anderen  Stelle  nachgewiesen  habe  *),  die  historische  Formen- 
reihe: Popowiki  —  Popowizi  —  Popowize  —  Popowiz  als  Typus  der 
Ortsnamen  auf  — owiz  anzusetzen  ist,  wovon  Popowiki  etwa  dem  IX., 
Popowizi  dem  X.,  Popowize  dem  XI.  und  XII.,  Popowiz  dem  XIII. 
und  XIV.  Jahrhundert  angehört,  so  mufs  die  aus  dem  Jahre  964  über- 
lieferte Ortsnamenform    Burgewiz  berechtigte  Bedenken   hervorrufen; 


lediglich  auf  Grund  der  ältesten  erhaltenen  Form  gemacht  werden"  unterscheidet  sich 
mit  dieser  Behauptung  von  meiner  Darlegung  wohl  nur  in  der  Formulierung  des  Ausdrucks. 

j)  Mitteilungen  d,  Vereins  /.  Anhalt,  Gesch.,  7,  609.  Vgl.  dazu  den  oben  citicrten 
Vortrag  von  Rohde  (S.  93). 

2)  Mitteilungen  des   Vereins  für  Anhaltische  Geschichte,    VII,  S,  621. 


—     264     — 

und  ein  Eingehen  auf  die  diplomatische  Kritik  wird  den  Verdacht,  dea 
wir  gegen  die  Echtheit  der  Datierung  jener  Urkunde,  vielleicht  der 
Urkunde  selbst,  hegen,  nur  verstärken.  Von  der  Urkunde  *),  die  hier- 
bei in  Betracht  kommt,  urteilt  v.  Heinemann  selbst,  dafs  sie  gar  nicht 
dem  X.  Jahrhundert  angehöre,  und  wir  werden  auf  Grund  des  Ge- 
sagten als  weiteres  belastendes  Moment  diese  Namensform  hinzufügen, 
die  als  Zeit  der  Abfassung  jener  unechten  Urkunde  etwa  das  XII.  Jahr- 
hundert erweist. 

Es  fehlt  nicht  an  Vorarbeiten,  die  für  ein  bestimmtes  Gebiet  die 
überlieferten  sprachlichen  Formen  der  Ortsnamen  in  chronologischer 
Folge  zusammengetragen  haben  *).  So  dankenswert  sie  an  sich  sind, 
so  viel  Zeit  und  Mühe  sie  der  sprachlichen  Forschung  ersparen,  so  viel 
brauchbarer  und  dankenswerter  würden  sie  noch  erscheinen,  wenn  bei 
ihrer  Zusammenstellung  die  ebenbezeichnetc  doppelte  Art  der  Kritik 
angewendet  worden  wäre.  Als  zweites  Gesetz  ergiebt  sich  danach 
für  uns:  Die  Überlieferung  der  Ortsnamensform  bedarf  zu 
ihrer  Sicherung  des  Zurückgreifens  auf  die  ersten  und 
besten  Quellen  und  dabei  der  steten  Berücksichtigung 
der  diplomatischen  und  philologisch-historischen  Kritik. 

Ist  nun  in  der  angegebenen  Weise  der  Lautgehalt  einer  Ortsnamen- 
form hinreichend  sicher  festgestellt,  so  handelt  es  sich  um  die  Ent- 
scheidung über  die  sprachliche  Zugehörung.  Es  wird  dies  etwas 
Leichtes  sein  bei  solchen  Ortsnamen,  die  in  der  unverkennbar  ursprüng- 
lichen Lautform  erschlossen  sind:  z.B.  Köln  =  colonia  als  ursprüng- 
lich lateinisch,  oder  Burg  =  bürg  als  ursprünglich  deutsch  und  Most 
(Dorf  bei  Dessau)  =  most  als  slavisch,  altsl.  mostü  =  Brücke,  selbst 
bei  Kompositis  wie  Aschersleben  (AskegeresltbaJ  und  Güterglück 
(Juterclic)  ist  die  Entscheidung  für  die  eine  oder  die  andere  Sprache 

i)  Cod.  dipl.  Anhalt.    I,  38. 

2)  Stenzel,  Th.,  Die  frühesten  urkundlichen  Erwähnungen  von  Ortschaften 
Anhalts.  MiU.  d.  V.  f.  Anh.  Gesch.  2,  223—230,  271 — 281.  —  Marjao,  Keltische 
[und  lateinische J  Ortsnamen  in  der  Rheinprovinz  (vier  Programme  1880— 1883  der 
Realschule  erster  Ordnung  zu  Aachen)  giebt  immer  das  Jahr  an,  in  dem  eine  bestimmte 
Namensform  erscheint.  —  Auch  Förstemann,  Altdeutsches  Namenbuch^  2.  Bd.:  Orts^ 
namen  (2.  Bearbeitung,  Nordhansen  1872)  giebt  Jahreszahlen  zu  den  Namensformea,  aber 
da  die  Namensform,  die  als  Stichwort  dient,  nicht  die  moderne  ist,  so  ist  der  praktische 
Nutzen  fiir  den  Forscher  nicht  allzugrofs ,  wenn  er  wissen  will .  wie  dieser  oder  jener 
Name  urkundlich  überliefert  ist.  —  Besser  dient  diesem  Zwecke  Oesterlcy,  Historisch- 
geographisches  H'örterbuch  des  deutschen  Mittelalters  (Gotha  1883).  Es  wäre  davon 
nur  eine  zweite  Auflage  erwünscht,  in  welcher  für  jede  Landschaft  ein  Sachkenner  den 
Namensschatz  prüfen  und  vervollständigen  sollte. 


J 


—     265     — 

uamittelbar  klar.  Schwieriger  wird  sie  jedoch  bei  all  den  Bildungen, 
wo  die  Volksetymologie  verändernd  eingewirkt  hat,  wie  bei  Jütrichau 
und  Gütersee.  Wenn  in  einem  solchen  Falle,  wie  bei  Jütrichau,  die 
historische  Reihe  der  Namensformen  übersichtlich  vorliegt,  so  mag 
man  etwa  an  Jutrichowa  ihre  sprachliche  Zugehörigkeit  erkennen,  wo 
das  nicht  der  Fall  ist,  wie  bei  Gütersec,  mufs,  wegen  der  Zusammen- 
setzung mit  dem  slavischcn  Jutr  die  Analogie  dazu  führen,  das  ge- 
samte Kompositum  für  das  slavische  in  Anspruch  zu  nehmen,  wenn 
auch  das  zweite  Glied  des  Kompositums  so  vollständig  deutsche 
F^orm  angenommen  hat,  dafs  seine  slavische  Grundform  ganz  verwischt 
und  unkenntlich  geworden  ist.  Es  giebt  ja  zwar  Forscher,  die  solche 
hybriden  Bildungen  als  zu  Recht  bestehend  annehmen,  aber  nach 
meiner  Überzeugung  wird  sich  die  Zahl  derselben  sehr  vermindern 
lassen,  indem  man  die  Formen  sorgfältiger  prüft,  speziell  in  , Güter- 
see',  ob  das  letzte  Glied  des  Kompositums  nicht  auf  eine  slavische 
Form  zurückzuführen  sei,  und  wenn  das  nicht,  ob  dann  nicht  vielmehr 
in  dem  ersten  Gliede  eine  lautliche  Veränderung  etwa  aus  Gude  — , 
wie  z.  B.  in  dem  oberfränkischen  Gudebiegen  vorliege  *). 

Als  ein  besonders  charakteristisches  Beispiel  möchte  ich  in  dieser 
Hinsicht  die  Etymologie  des  Ortsnamens  Güsten  (St.  in  Anhalt)  er- 
wähnen, über  die  ich  bereits  an  einer  anderen  Stelle  gehandelt  habe. 
Als  slavisch  haben  diesen  Ortsnamen  verschiedene  Forscher  bezeich- 
net. Schulze  *)  erklärt  es  mit  Hilfe  des  polnischen  tajnu  und  wen- 
dischen guz  =  versteckter  Hügel ;  Seelmann  ^)  setzt  es  in  Beziehung 
zu  oberserbischem  hos^,  altslavischem  gosti,  erwähnt  aber  als  möglich 
die  Ableitung  von  oberserbischem  husty  =  dicht,  huscina  =  Dickicht, 
altslavischem  göst.  In  der  Replik  ^)  erklärt  dann  Schulze  die  An- 
nahme Seelmanns  für  falsch,  weil  sich  dadurch  die  Endung  —  ein 
nicht  erklären  lasse,  und  fuhrt  dann  den  Ortsnamen  zurück  auf  Gostinja, 
tsch.  Form  für  Hostyne  =  Ort  des  Gostyn  (Gast,  Fremdling).  Wer 
aber  nun  die  überlieferten  Formen  des  Namens  prüft,  wie  wir  es  ge- 
fordert haben,  der  findet*):  Guczstein,  Gucstetn,  Gutstetn,  Gustein^ 
Gusien,  Guzsten,  Gozsiein,  Guzten,  Ghusteyn,  Goztene,  Gozene, 
Gozzene,  Gozzeve,  Guesten,  Gozsten,  Die  Kritik  ergiebt  in  dieser 
reichhaltigen  Formentabelle  alles  übereinstimmende  Bildungen  bis  auf 


i)  Für  vollständig  slavisch  ^xViäxiGiUerseeYx,  Günther  im  oben  zitierten  Buche  S.  21. 
s)  Mitteilungen  d,   Vereins  für  Anhalt.  Gesch.  6,  72. 

3)  Ebenda«.  6,  488. 

4)  Ebendas.  7,  45. 

5)  Cod,  dipl,  Anhalt.  VI,  106. 


-—     266     — 

Gozzeve,  dieses  mufs  durch  Zurückgreifen  auf  die  Originalurkunde  m 
seinem  Lautbestand  gesichert  werden ;  die  Kritik  wird  es  dann  entweder 
als  zu  dem  Ortsnamen  Goziwa  =  Goschzschen  im  Kreise  Lübben  oder 
zu  Gozeuua,  Gozuua,  Gozewa  =  Jetschko  im  Kreise  Guben  oder  zu 
einem  andern  Ortsnamen  ähnlicher  Bildung  verweisen  müssen,  oder 
aber  die  genauere  Lesung  des  Textes  wird  ein  Verlesen  fiir  Gazzenc 
hier  ergeben.  Wie  dem  nun  auch  sein  mag,  die  Reihe  der  Über- 
lieferung über  die  Namensformen  des  Ortes  ist  gesichert  einheitlich, 
die  älteste  Form  Guczstein  erweist  den  Ortsnamen  als  deutsch,  von 
dem  die  Endung  in  einer  Reihe  als  —  stein,  in  der  andern  als  —  sten 
und  in  deren  Zertrümmerungen  vorliegt.  Was  wir  durch  sprachliche 
Beobachtungen  gefunden  haben,  läfst  sich  dann  sogar  noch  durch 
historisch-wirtschaftliche  Erwägungen  sichern,  wofür  ich  kurz  nur  die 
Darlegungen  von  Kraaz  *)  anführe.  Die  weitere  Arbeit  wird  dann 
durch  analoge  Bildungen  wie  Gudsberg,  Gudesberg,  Gudenesberg  er- 
leichtert, denn  wie  in  dem  G  dieses  Ortsnamens  nur  die  Latinisierung 
des  deutschen  W  vorliegt,  also  ergiebt  sich  auch  die  Reihe  Güsten  — 
Gudssten  —  Godsstein  —  Godesstein  —  Godenesstein  —  Wodenes- 
stein,  d.  h.  Stein  des  Wotan  *).  Wir  entnehmen  aus  dieser  Darstellung 
das  weitere  Gesetz  unserer  Forschung:  Die  Entscheidung  über 
sprachliche  Zugehörigkeit  der  einzelnen  Ortsnamen  mufs 
ohne  jedes  Vorurteil  sich  rein  auf  die  durch  die  Kritik 
gesicherte  historische  Reihe  der  überlieferten  Formen 
gründen;  im  Zweifel  müssen  die  sprachlichen  Thatsachen 
ihre  Sicherung  durch  die  Analogie  sowie  durch  die  son- 
stige geschichtliche  Überlieferung  suchen. 

Nachdem  die  Entscheidung  über  die  sprachliche  Zugehörigkeit 
des  Ortsnamens  getroffen  ist,  mufs  sich  die  weitere  Forschung  auf  die 
Deutung,  die  Etymologie  desselben  erstrecken.  Es  genügt  dabei  nicht 
die  Art  und  Weise,  die  ich  oben  in  dem  Ortsnamen  Güsten  bereits 
angedeutet  habe,  dafs  man  nur  Wörter  aufsucht,  die  etwa  mit  dem  zu 
deutenden  Ortsnamen  in  Beziehung  stehn  könnten,  eine  Thätigkeit,  die 
nur  guten  Willen  und  ein  Wörterbuch  voraussetzt,  eine  Thätigkeit,  die 


i)  Kraaz,  Bauerngut  und  Frondienste  in  Anhalt.  Jena  1898,  S.  8  f. 
2)  GelegenÜich  kann  eine  so  sichere  Erklärung,  wie  sie  lUr  Godenesberg  (Godcsberg 
am  Rhein)  gefunden  ist,  doch  falsch  sein.  Im  nicht  allzn  weit  davon  entfernten  Sinzig 
findet  sich  ein  Godenhaus  bezeugt,  was  natürlich  sofort  als  zum  Ortsnamen  Godesberg 
in  ParaUele  stehend  betrachtet  wird.  Hier  ist  es  aber  das  Haus,  welches  König  Adolf 
1297  dem  Ritter  Heinrich,  genannt  der  Gute,  zu  Lehen  giebt.  Annalen  des  historischem 
Vereins  für  den  Niederrhein,   19.  Heft,  S.  47. 


—      267     — 

Seelmann  mit  dem  sehr  treffenden  Namen  , Wurzelfinden'  bezeichnet 
hat^),  nein,  die  Forschung  mufs  in  Deutung  des  gesamten  Laut- 
bestandes  eines  Ortsnamens  eintreten.  So  lange  in  dem  Ortsnamen 
nicht  alle  Lautbestandteile  erklärt  sind,  kann  die  Erklärung  nicht  als 
vollständig  angesehen  werden.  Wenn  z.  B.  Schulze  *)  den  Namen 
Berungberg  als  peninova  gora  oder  Perunova  seil,  gora  =  Berg  des 
Perun  deutet,  so  ist  die  zweite  Annahme  unrichtig,  denn  dadurch  wird 
der  Lautgehalt  von  Berung  nicht  erschöpft,  die  erstere  ebenfalls, 
denn  sie  geht  von  einer  Zertrümmerung  des  Lautgehaltes  aus,  die 
deshalb  unmöglich  erscheint,  weil  sie  gerade  die  betonte  Silbe  des 
zweiten  Wortes  gord  betroffen  hätte,  und  auCserdem  schafft  sie  in 
Benin -g-berg  =  Perunova -gorä-berg  eine  durch  nichts  zu  recht- 
fertigende Tautologie.  Aus  dieser  Betrachtung  leiten  wir  ferner  die- 
Forderungab:  Die  Deutung  des  Ortsnamens  mufs  eine  voll- 
ständige, d.  h.  den  gesamten  Lautgehalt  desselben  durch- 
aus erschöpfende  sein. 

Dais  eine  solche  vollständige  Erklärung  durch  ein  unwissenschaft- 
liches Raten  oder  Wurzelfinden  nicht  erreicht  wird,  ist  klar,  es  gehört 
dazu  eme  sichere  Sprachkenntnis,  namentlich  aber,  wie  das  die  Natur 
der  Ortsnamen  mit  sich  bringt,  eine  ausreichend  sichere  Kenntnis  der 
indogermanischen  Wortbildungslehre.  Einige  Forscher  glauben  zur 
Bekräftigung  ihrer  etymologischen  Untersuchungen  eine  Menge  von 
sprachlichem  Material  beibringen  zu  müssen,  so  z.  B.  der  oben- 
genannte Schulze  bei  der  Etymologie  von  Berungberg:  „Berung  =^ 
ein  Überbleibsel  von  slav.  peninova  gora,  oder  peninova  scü.  gora  =» 
Beig  des  Perun,  des  Donnerers  oder  des  Sonnengottes  (von  asl.  perunu, 
tsch.  perun,  poln.  piorun,  ow  pjerun  Donner,  Donnerer,  Donnergott,, 
der  Gewitter  und  Regen  bringende  Sonnengott),  litauisch  Perkunas; 
sanskr.  Paijänya.  Vergl.  Beroun  bei  Pilsen,  Prohn  auf  Rügen,  urk. 
Pcnm,  Peron,  Piorunow  Pol.,  Perunova  gora  Bulg.,  Perunovyj  dub  = 
Donnereiche  Galiz."  Nach  meiner  Ansicht  ist  das  gelehrter  Wust,, 
keine  Wissenschaft,  wenigstens  dient  das  Angeführte  nicht  dem  Zwecke, 
den  wir  oben  als  nächsten  hingestellt  haben.  Wir  müssen  deshalb 
auch  verlangen:  Alle  sprachliche  Gelehrsamkeit  steht  im 
Dienst  der  Aufgabe,  so  da fs  alle  sprachlichen  Thatsachen, 
die  zur  erschöpfenden  Aufklärung  des  Lautgehaltes  un- 
bedingt notwendig   sind,    auch   vollständig    beigebracht 


1)  Mitteiliingen  VD,  607. 

2)  Mitteilungen  des   Vereins  für  Anhalt,  Gesch.^  7,   177. 


—     268     — 

werden  müssen,  alles  andere,  was  diesem  Zwecke  nicht 
unmittelbar  dient,  als  unnützer  Ballast  beiseite  zu 
lassen  ist. 

Selbst  unter  diesen  Voraussetzungen  wird  es  nicht  immer  mög^lich 
sein,  befriedigende  Etymologieen  und  dadurch  Deutungen  der  Orts- 
namen zu  geben.  Das  liegt  in  der  Natur  des  Eigennamens,  von  der 
ich  oben  geredet  habe.  Wir  müssen  uns  aber  eins  vergegenwärtigen, 
was  von  den  einzelnen  Forschem  nicht  immer  genügend  beobachtet 
worden  ist,  dafe  nach  der  Natur  der  Komposita  deren  erstes  Glied  viel 
individueller,  und  daher  der  Deutung  unzugänglicher  ist  als  das  zweite, 
die  Endung.  Die  Endung  ist  das  vielen  Gemeinsame,  das  durch  das 
erste  Glied  des  Kompositums  näher  bestimmt  wird,  es  liegt  eine  Art 
Subsumption  vor,  oder  eine  charakteristische  Determination.  Wer  nun 
die  ganze  Unsicherheit  früherer  Methodik  kennt,  wird  nicht  von  dem 
mehr  individuellen  determinierenden  ersten  Bestandteile  ausgehen, 
sondern  von  dem  zweiten.  Das  ist  auch  bei  deutschen  Ortsnamen 
geschehen,  wie  bei  slavischen.  Ich  selbst  habe  in  dieser  Weise  die 
slavischen  Ortsnamen  auf  — owa,  — owiz,  — lizi,  — nizi  und  — izko 
in  Anhalt  einer  Untersuchung  unterzogen.  Derartige  Untersuchungen 
ergeben  relativ  sichre  Thatsachen,  die  nach  ihrer  Feststellung  all- 
mählich zur  gesicherten  Kenntnis  auch  der  singulären  Formen  ver- 
wendet werden  könne.  Auf  Grund  dieser  Erfahrungen  ist  es  methodisch 
notwendig,  die  Deutung  zusammengesetzter  Ortsnamen 
vom  zweiten  Gliede  der  Komposition  (oder  der  Endung), 
aus  ausgehend  vorzunehmen,  weil  diese  gegenüber  dem 
crsteren  Gliede  das  allgemeinere,  darum  der  Forschung 
im  allgemeinen  zugänglichere  Element  enthält. 

Ist  nun  in  dieser  Weise  die  Etymologie  eines  Ortsnamens  ge- 
funden, so  kann  sie  trotzdem  noch  eine  unrichtige  sein.  Das  liegt  in 
der  gefundenen  Deutung  dann  selbst,  indem  darin  Beziehungen  sich 
ergeben  haben  oder  angesetzt  sind,  die  teils  aus  lokalen,  teils  aus 
historischen  Verhältnissen  sich  als  unrichtig  erweisen.  So  ist  es  mir 
ergangen  mit  der  Deutung  des  Ortsnamens  Rieder  ^) ,  den  ich  von 
dem  ahd.  riuten,  mlid.  roden  ableitete;  diese  Etymologie  wurde  von 
Schulze*)  mit  Recht  zurückgewiesen,  da  die  Lage  des  Ortes  eine 
Rodung  vollständig  ausschliefst,   er  meint,   dafs  vielmehr  an  ein  Ried 


1)  Wäschke,    Über   Anhaltüche    Volksmundarien,     Mitt.   d.  V.  f.  AohalL  Gesch. 
2,  480. 

2)  Schulze,  Dr.  K.,  Zur  Geschichte  des  Dorfes  Rieder,     MiU.  3,  440. 


—     269     — 

zu  denken  und  deshalb  das  Wort  von  hriod  =  carectum  herzuleiten 
sei.  Noch  merkwürdiger  und  für  unsere  Forderung-  bezeichnender  ist 
der  Irrtum  Grölslers  %  der  die  Lösewitzer  Laube  in  Beziehung  setzt 
zu  slav.  hlubio:  „So  ist  ja  allerdings  möglich,  dafe  das  Wort  Laube 
im  Sinne  von  Busch  steht;  doch  ebenso  gut  ist  möglicii,  da(s  darin 
das  slav.  hlubio,  hlaub  mit  der  Bedeutung  , Tiefe'  steckt,  dafs  also 
weniger  eine  bebuschte  Insel,  als  eine  Wassertiefe  des  benachbarten 
Flusses  bezeichnet  werden  soll.**  Jeder  nämlich,  der  die  Lösewitzer 
Laube  kennt,  wird  über  diese  sprachliche  Deutung  staunen,  denn  dort 
ist  in  der  That  eine  mächtige  aus  einem  gewaltigen  Baume  gebildete 
Laube,  zu  der  zur  Sommerszeit  von  den  umliegenden  Ortschaften 
Ausflüge  veranstaltet  werden,  und  in  deren  Schatten  sich  mehrere 
Hundert  Menschen  ausruhen  und  vergnügen  können.  Bei  der 
Etymologie  des  Wortes  Güsten  konnte  ich  gegenüber  den  sla- 
vischen  Et/mologieen  meine  Ansicht,  dafs  der  Ortsname  deutsch 
:sei  und  Wodansstein  bedeute,  aulser  mit  den  sprachlichen  Thatsachen 
noch  dadurch  sicher  stellen,  dafs  noch  heutigen  Tags  unmittelbar  am 
Eingange  der  Stadt  ein  gewaltiger  erratischer  Block  sich  findet,  den 
<lie  Einwohner  heute  mit  dem  Namen  , Speckseite*  bezeichnen.  Zur 
Sicherung  der  durch  sprachliche  Untersuchung  gefun- 
denen Deutung  des  Ortsnamens  ist  es  daher  wichtig,  das 
Ergebnis  an  den  geographischen  und  historischen  Ver- 
hältnissen des  betreffenden  Ortes  zu  prüfen. 

So  nach  Kräften  möglichst  allseitig  gesicherte  Ergebnisse  der 
Ortsnamenforschung  haben  dann  auch  eine  sichere  Beweiskraft  fiir 
verschiedene  Wissenschaften,  und  das  ist  der  grofse  Gewinn,  der  in 
ihnen  liegt.  Sie  werden  nämlich  der  Sprachwissenschaft  zunächst 
zu  gute  kommen.  Das  ist  besonders  bedeutungsvoll  in  solchen  Ge- 
bieten, wo  von  der  früheren  Bevölkerung  nichts  übrig  geblieben  ist 
^Is  diese  Namen,  die  an  den  Orten  haften  geblieben  sind.  Ich  habe 
<len  bescheidenen  Versuch  gemacht,  auf  Grund  der  Chronologie  der 
anhaltischen  Ortsnamen  auf  — owa  und  — owiz  eine  Geschichte  des 
ausg'estorbenen  wendischen  Dialektes  in  Anhalt  aufzubauen  *) ,  ebenso 
haben    andere    Forscher    die    Geschichte    bestimmter    Sprachen    und 


i)  H.  Gröfslcr,  Urkundliche  Nachweise  über  den  Lauf  der  Socäe  zwischen 
J/allt  und  der  Wippermündung  und  die  an  demselben  gelegenen  Wüstungen,  (Mitt. 
a.   Vcr.  f.  Erdk.    Halle  1897.    S.  19). 

2)  Wäschke,  Beiträge  zur  Gesch,  des  wendischen  Dialektes  in  Anhalt.  Mitt.  d. 
V.    f.   Anhalt  Gesch.  7,  603  f. 

21 


—     270     — 

Dialekte  durch  solche  Untersuchungen  aufgehellt  *).  In  zweiter  Linie 
werden  diese  Ergebnisse  wichtig  für  die  deutsche  Siedelungs-  und 
Wirtschaftsgeschichte,  und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  sind  die 
meisten  Untersuchungen  der  Ortsnamen  vorgenommen  worden  *).  Frei- 
lich bedarf  es  auch  in  der  hier  geschilderten  Verwertung  der  Ergebnisse 
unsrer  Forschung  der  gröfsten  Sorgfalt  und  Vorsicht.  Nicht  immer 
steht  ja  den  einzelnen  Ortsnamen  eine  Charakteristik  ihrer  Siedelungs- 
Verhältnisse  beigegeben  wie  im  Cod.  dipl.  Anhalt.  1,71:  castellum 
quoddam  sclavonice  dictum  Budizco,  theutonice  Grimmerslove. 

Das  sind  meine  Ansichten  über  Methodik  der  Ortsnamenforschung 
und  ihre  Gesetze.  Wenn  ich  sie  auf  Wunsch  des  Herausgebers  dieser 
Zeitschrift  hier  geäufsert  habe,  so  geschah  es  in  der  Absicht,  damit 
die  Diskussion  über  diesen  Gegenstand  anzuregen,  nicht  aber  in  dem 
Bewufstsein,  nach  irgend  einer  Seite  etwas  Abschliefsendes  beigebracht 
zu  haben.  Dafs  ich  dabei  wiederholt  auf  eigene  kleine  Arbeiten  hin- 
gewiesen habe,  möge  der  Leser  damit  entschuldigen,  dais  Selbst- 
erfahrenes näher  in  der  Erinnerung  zu  liegen  pflegt  als  von  anderen 
Erlesenes. 


Üie  Üenktnäler  ^  Inventarisation  in 

Üeutsehland 

Von 
Ernst  Polaczek  (Strafsburg) 
Denkmälerstatistik,  Denkmäler -Inventarisation  —  das  sind  auch 
heute  noch  für  einen  grofsen  Teil  der  Gebildeten  unbekannte  Begriffe, 
trotzdem  man  nun  schon  drei  Jahrzehnte  an  der  Arbeit  ist ,  die  Bau- 
und  Kunstdenkmäler  bestimmter  geographischer  Gebiete  zu  inventari- 
sieren d.  h.  sie  systematisch  zu  verzeichnen  und  zu  beschreiben. 
Der  Gedanke  selbst  ist  noch  viel  älter.  Schon  Schinkel  hatte  181 5 
und  18 16  auf  die  Notwendigkeit  hingewiesen,  ein  Inventar  der  Kunst- 
denkmäler ,    insbesondere    der    beweglichen ,    aufzustellen ,    und   seine 


i)  Vgl.  unter  anderen:  Müllenhoff,  Einleitung  zu  den  Denkmälern  deutscher 
Poesie  und  Prosa  aus  dem    VIIL — XIL  Jahrhundert, 

2)  Arnold,  W.,  Ansiedelungen  und  Wanderungen  deutscher  Stämme.  —  Bac- 
meister,  Ad.,  Alemannische  Wanderungen,  I.  —  Weller,  K.,  Die  Ansiedelungs- 
geschichte d.  württembergiachen  Frankens  rechts  vom  Neckar,  —  Weiler,  K.,  Die 
Besiedelung  des  Alamannenlandes,  —  Armin  Tille,  Die  häuerliche  Wirtschafts- 
verfassung des   Vintschgaues,     (Innsbruck  1895),  S*   I7i  ^8. 


~     271     — 

Anregung  hatte  an  den  mafsgebenden  Stellen,  vor  allem  beim  König 
Friedrich  Wilhelm  III.  günstige  Aufnahme  gefunden;  die  thatsäch- 
lichea  Erfolge  waren  zunächst  jedoch  sehr  gering,  hauptsächlich  wohl 
deshalb,  weil  es  an  Männern  fehlte,  die  derartige  Arbeiten  hätten 
ausführen  können.  Auch  als  1843  in  der  Person  des  Baurats  Ferdi- 
nand von  Quast  ein  Konservator  für  das  ganze  Gebiet  des  preufsischen 
Staates  ernannt  worden  war,  ging  die  Herstellung  von  Denkmäler- 
Verzeichnissen  nur  sehr  langsam  vorwärts;  bis  1859  lagen  im  ganzen 
für  vier  Kreise  brauchbare  Arbeiten  vor.  So  hatte  es  sich  also  er- 
wiesen, dafs  auf  dem  bisher  eingeschlagenen  Wege  in  absehbarer  Zeit 
nicht  an  das  ins  Auge  gefafste  Ziel  zu  gelangen  war.  Die  Kunst- 
topographie  Deutschlands,  die  Wilhelm  Lotz  herausgab,  ein  an 
sich  ganz  ausgezeichnetes  Werk  ^) ,  konnte  doch  nach  der  ganzen 
Sachlage  bei  der  geringen  Zahl  brauchbarer  Vorarbeiten  nur  in  sehr 
beschränktem  Mafse  das  leisten,  was  man  von  einer  systematisch 
durchgeführten  Inventarisation  hoffen  durfte. 

Der   Wunsch,    die    Denkmäler    der   Vergangenheit    systematisch 
zu   verzeichnen    und   zu    beschreiben,    war    aus   der  Erkenntnis   ihres 
künstlerischen  und   geschichtlichen  Werkes  hervo^egangen. 
Die  ganz  grofsen  und  bedeutenden  Werke,  insbesondere  die  kirchlichen 
Bauten  ersten  Ranges,  hatte  man  von  jeher  geschätzt,  wenn  man  ihnen 
auch  zuweilen,  ihre  Art  mifs verstehend,  übel  genug  mitgespielt  hatte. 
Nun  aber  sah  man  ein,  von  welch  hoher  Bedeutung  auch  die  an  sich 
unbedeutenderen  Werke   für  einen   begrenzteren   Kreis    sein  konnten. 
Der  weitverbreiteten  Neigung,   an   dem  Nächstliegenden   achtlos   vor- 
überzugehen, mufste  entgegengearbeitet  werden;  eine  künstlerische  und 
kunstgeschichtliche  Heimatkunde  mufste  man  dem  Volke  bieten.     In- 
dem man  auf  die  Werke  der  Altvorderen  hinwies,  durfte  man  hoffen, 
den   geschichtlichen  Sinn  zu  erwecken   oder,   wo    er  vorhanden   war, 
zu  stärken.     Indem  man  sie  systematisch  verzeichnete  und  beschrieb, 
bot  man  gleichzeitig  den  Verwaltungsbehörden  ein  Hilfsmittel,  das  ihnen 
bei  den  mit  wachsender  Bevölkerungsziffer  immer  häufiger  werdenden 
Restaurationen  und  Erweiterungen   von  Kirchen  von   grofsem  Nutzen 
sein  kann.    Manches,  was  abseits  der  grofsen  Strafsen  versteckt  gelegen 
hatte,  wurde  erst  durch  die  Denkmälerstatistik  als  existierend  festgestellt. 
Vieles,  was  in  Gefahr  schwebte,  durch  fahrende  Händler  seiner  Heimat, 
für  die  allein  es  ein  wirklich  wertvoller  Besitz  sein  konnte,  entfremdet 


l)  Kunst-Topographie  Deutschlands.     Ein  Haas-  und  Reisehandbuch  von 
Wilhelm  L^tz.     2  Bde.     Kassel,  Theodor  Fischer,  I863/63. 

21* 


—     272     — 

zu  werden,  wurde  —  auch  wo  es  an  gesetzlichen  Mitteln,  die  Ver- 
schleppung zu  hindern ,  fehlte  —  durch  das  blofs  moralische  Mittel 
der  Feststellung  seiner  Existenz  der  Heimat  erhalten.  Der  Kunst- 
wissenschaft endlich  erschlols  sich  ein  reichhaltiges  neues  Material. 
Dinge,  die  bisher  unbekannt  geblieben  waren,  wurden  in  den  Be- 
trachtungskreis einbezogen  und  halfen  zur  Aufhellung  bisher  dunkel 
gebliebener  Zusammenhänge  mit.  War  man  bis  dahin  nur  mit  den 
Höhen  der  künstlerischen  Thätigkeit  vertraut  gewesen,  so  lernte  man 
nun  auch  den  durchschnittlichen  Charakter  des  Kunstbetriebes 
in  den  verschiedenen  Epochen  kennen. 

Was  Kataloge  für  Gemälde-Galerieen,  das  sollen  In- 
ventare  für  den  gesamten  Kunstbesitz  eines  Landes  sein. 
Das  erste  Werk,  das  als  Denkmäler -Verzeichnis  in  diesem  Sinne 
gelten  kann  —  es  behandelt  die  Baudenkmäler  im  Regierungsbezirk 
Kassel  —  erschien  im  Jahre  1870.  Etwa  130  Heile  und  Bände  sind 
seither  jenem  ersten  gefolgt,  aber  nur  ein  einziges  trägt  gleich  ihm 
den  Obertitel  Inventarium  der  Baudenkmäler  im  Königreich 
Preu/sen,  nur  ein  einziges  hat  sich  ihm  nach  Arbeitsplan  und  Aus- 
führung vollkommen  angeschlossen.  Seither  haben  fast  alle  Bundes- 
staaten, alle  preufsischen  Provinzen  die  Inventarisation  ihrer  Kunst- 
denkmäler in  Angriff  genommen,  ein  nicht  geringer  Teil  hat  sie  bereits 
beendigt.  Überall  war  die  Absicht,  wenigstens  in  der  Hauptsache, 
die  gleiche,  in  der  Ausführung  jedoch  ist  man  die  verschiedensten 
Wege  gegangen.  Soll  man  das  beklagen,  soll  man  sich  darüber 
freuen?  Kurz  nach  der  Begründung  des  Reiches  war  —  wenn  wir 
nicht  irren  —  im  Reichstage  ein  gleich  mäßiges  Voigehen  in  der  Frage 
der  Denkmäler- Verzeichnung  angeregt  worden ;  praktische  Folgen  aber 
hatte  diese  Anregung  nicht.  Die  Sache  blieb  den  Einzelstaaten  über- 
lassen, und  der  preufsische  Staat  seinerseits  übertrug  die  Durchfuhrung 
wiederum  den  Provinzen.  Man  ging  dabei  von  der  Ansicht  aus,  da& 
hier  eine  gute  Gelegenheit  sei,  den  geschichtlichen  Besonderheiten  der 
Provinzen  gerecht  zu  werden.  Wäre  es  aber  trotzdem  nicht  sehr  wohl 
möglich  gewesen,  gewisse  gemeinsame,  für  das  gesamte  Reichsgebiet  oder 
wenigstens  für  den  preufsischen  Staat  gültige  Grundsätze  aufzustellen? 

Die  folgenden  Zeilen  geben  über  den  augenblicklichen  Stand  der 
Inventarisation  Auskunft;  gleichzeitig  versuchen  sie,  die  einzelnen 
Arbeiten  —  jedoch  lediglich  nach  der  prinzipiellen  Seite  der  Anlage 
und  Durchführung  hin  —  kritisch  gegeneinander  abzuwägen.  Auf 
Einzelheiten  einzugehen,  wäre  unangebracht,  da  eine  Überprüfung  an 
Ort  und  Stelle  nur  in  wenigen  Fällen  stattgefunden  hat. 


J 


—     273     — 

In  Preufsen  wies  eine  Zirkularverfügung  vom  30.  Juni  1875  die 
Oberpräsidenten  unter  Hinweis  auf  die  Inventare  des  Regierungsbezirkes 
Kassel  und  der  Provinz  Hannover  an,  bei  den  Provinzialverbänden  die 
Herstellung  ähnlicher  Denkmäler- Verzeichnisse  anzuregen.  Das  Ergebnis 
ist  bis  heute  folgendes: 

Ostpreufsen.  Das  ostpreufsische  Inventar,  ein  Werk  des  ProvinziaU 
Konservators  Adolf  Boetticher  liegt  seit  1899  in  neun  stattlichen  Heften  *) 
abgeschlossen  vor.  Es  folgt  in  seiner  Einteilung  nicht,  wie  die  meisten 
anderen  Inventare,  der  gegenwärtigen  administrativen  Gliederung;  viel- 
mehr behandelt  jedes  der  ersten  sechs  Hefte  eine  der  historischen 
Landschaften  Samland,  Natangen,  Oberland,  Elrmland,  Litauen,  Masuren ; 
innerhalb  der  Hefte  folgen  einander  die  Kirchspiele  in  alphabetischer 
Reihe.  Das  siebente  Heft  ist  ganz  der  Stadt  Königsberg  gewidmet, 
während  das  achte  aufser  Nachträgen  noch  geschichtliche  und  kunst- 
gcschichtliche  Zusammenfassungen  des  Stoffes  bringt;  das  neunte  Heft 
enthält  die  Register.  Das  Arbeitsprogramm  war  einerseits  durch  „die 
Gräber  der  Vorfahren  und  Grabfunde**,  andererseits  „durch  den  Beginn 
der  klassizierenden  Reaktion*'  begrenzt,  wobei  freilich  nicht  einzusehen 
ist,  warum  eine  der  spärlichen  Tafeln  des  siebenten  Heftes  das  1894 
errichtete  Denkmal  Kaiser  Wilhelms  zeigt.  Die  Benutzung  des  histo- 
rischen Materials  scheint  ausreichend,  die  Behandlung  des  kunst- 
geschichtlichen Materials  ist  exakt,  nur  die  Zeitangaben  sind  zu  all- 
gemein. Die  Illustrationen  sind  zahlreich,  aber  nicht  ganz  gleichwertig, 
namentlich  insoweit  sie  auf  photographischer  Grundlage  beruhen. 

Westpreufsen.  Das  Inventar')  ist  vom  Landesbau  -  Inspektor 
Johann  Heise  bearbeitet.  Nach  dessen  kürzlich  erfolgtem  Tode  hat 
Adolf  Boetticher,  der  Verfasser  des  ostpreufsischen  Inventars,  die 
fortführung  des  Weikes  übernommen.  Die  Beschreibung  der  Denk- 
mäler folgt  der  Kreiseinteilung  der  Provinz.  Erschienen  sind  seit  1884 
elf  Hefte,  die  achtzehn  von  den  siebenundzwanzig  Kreisen  der  Provinz 
behandeln.  Für  die  Stadt  Danzig  wie  für  die  Marienburg  sind  besondere 
monographische  Darstellungen  beabsichtigt.  Der  Plan  des  Werkes 
schliefst  die  vorgeschichtlichen  Denkmäler  wie  die  nach  1750  ent- 
standenen  von   der  Beschreibung   aus.     Die  Darstellung  ist  nach  der 


1)  Die  Bau-  nod  Knnstdeakinäler  der  Provinz  Ostpreufsen.  Im  Auftrage 
des  Ostpreu&iftchen  Provinüal-Landtages  bearbeitet  von  Adolf  Boctt:chsr.  9  Hefte.  Königs- 
berg, Bernhard  Teichert,  189 1  — 1899.     Heft  1 — 3  ist  1898  in  zweiter  Auflage  erschienen. 

2)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  der  Provinz  Westpreufsen.  Be- 
arbeitet im  Auftrage  des  westpreufsischen  Provinzial  -  Landtages  von  Laadesbau- Inspektor 
Jobann  Heise.     11  Hefte.     Danzig,  Theodor  Bertling  1884-  1897. 


—     274      — 

geschichtlichen  wie  nach  der  technischen  Seite  hin  sehr  soi^ltig. 
Die  Illustration  ist  reich  und  gut. 

Brandenburg.  Das  Denkmäler- Verzeichnis  liegt  bereits  seit  1885 
in  einem  stattlichen,  reich,  aber  nicht  hervorragend  gut  illustrierten 
Bande  vor  *).  Das  Werk  macht  von  vornherein  keinen  Anspruch  auf 
Vollständigkeit,  die  wenig  ausfuhrlichen  Beschreibungen  sind  nicht 
durchweg  auf  Autopsie  begründet,  doch  scheinen  sie  im  allgemeinen 
exakt  und  verläislich  zu  sein.  Die  Illustration  beruht  durchaus  auf 
der  Grundlage  von  Zeichnungen.  Dem  eigentlichen  Inventar  geht  eine 
geschichtliche  und  eine  kunstgeschichtliche  Einleitung  voraus.  Ein 
schwerer  Mangel  ist  die  Zusammenfassung  der  ganzen  Provinz  in  einen 
Band.  Die  Verwirklichung  der  volkserzieherischen  Absichten,  die 
solche  Inventare  haben  sollen,  wird  infolge  dessen  durch  Umfang  und 
Preis  des  Werkes  unmöglich  gemacht. 

Die  Stadt  Berlin  hat  als  besondere  Verwaltungseinheit  auch  ein 
besonderes  Denkmäler -Verzeichnis  herausgegeben*).  Die  in  jeder  Be- 
ziehung vortreiTliche,  auch  mit  geschichtlichen  und  kunstgeschichtlichen 
Einleitungen  versehene  Arbeit  behandelt  die  Denkmäler  bis  in  den 
Beginn  des  XIX.  Jahrhunderts. 

Pommern.  Hier  ist  das  Unternehmen  von  der  Gesellschaft  für 
pommersche  Geschichte  und  Altertumskunde  in  AngriflT  genommen 
worden,  zunächst  jedoch  ohne  ausreichende  Mittel  und  ohne  die  nötige 
Einheitlichkeit.  Erst  in  neuester  Zeit  geht  die  Veröffentlichung  des 
ziemlich  dürftigen  Denkmälerbestandes  etwas  rascher  vor  sich.  Das  Vor- 
geschichtliche blieb  ausgeschlossen.  Der  Regierungsbezirk  Stralsund 
ist  in  einem  der  Kreiseinteilung  entsprechend  aus  vier  Heften  zusammen 

gesetzten  Band  behandelt*);  der  geschichtliche  Teil  dürftig,  der  be- 
schreibende etwas  knapp,  aber  gut,  der  illustrative  armselig.  Dem- 
gegenüber stellt  die  Beschreibung  der  Denkmäler  des  Regierungs- 
bezirks Köslin  *) ,   von  der  der  erste  Band  in  drei  Heften ,    femer  das 

i)  Inventar  der  Baa-  und  Knnstdenkmäler  in  der  Provinz  Branden^ 
bnrg.  Im  Auftrage  des  brandenbargischen  Provinsial-Landtages  bearbeitet  von  R.  Bergau. 
I  Bd.     Berlin,  Vossische  Bachhandlang  (Strikker),  1885. 

2)  Die  Baa-  and  Kanstd  enkmäler  von  Berlin.  Im  Auftrage  des  Magistrates 
der  Stadt  Berlin  bearbeitet  von  R.  Borrmann.     i  Bd.     Berlin,  Julias  Springer  1893. 

3)  Die  Baudenkmäler  des  Regierangsbezi  rks  Stralsund,  herausgegeben 
von  der  Gesellschaft  für  pommersche  Geschichte  und  Altertumskunde,  bearbeitet  von 
Stadtbaumeister  E.  v.  Haselberg,     i  Bd.     Stettin,  Leon  Saunier,  1881 — 1897. 

4)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  des  Regierungsbezirks  Köslin, 
herausgegeben  von  der  Gesellschaft  fUr  pommersche  Geschichte  und  Altertumskunde, 
bearbeitet  von  Regierungs-  und  Baurat  Ludwig  Böttger.  i.  Bd.  1889 — 1892,  2.  Bd., 
1.  Heft.     1894  (ebenda). 


—     275     — 

erste  Heft  des  zweiten  Bandes  vorliegt,  nur  im  letzten  Punkte  einen 
kleinen  Fortschritt  dar;  der  geschichtliche  Teil  hingegen  ist  noch 
dürftiger,  der  beschreibende  entbehrt  durchaus  der  notwendigen  Präcision. 
Angaben  über  Entstehungszeit  und  Stil  fehlen  oft  ganz  (Kusserow :  Das 
Gebäude  ist  nicht  mittelalterlich  oder  vollständig  umgebaut).  Die 
Beschreibung  des  Regierungsbezirks  Stettin,  von  der  drei  Hefte  des 
ersten  Bandes  erschienen  sind^),  hingegen  entspricht  textlich  allen 
Forderungen  und  überragt  auch  in  der  bildlichen  Darstellung  die  beiden 
anderen  Teile  des  Werkes  weitaus. 

Posen.  Das  Inventar  dieser  Provinz  liegt  in  vier  Bänden  ab- 
geschlossen vor  *) ;  als  Herausgeber  zeichnet  Julius  Kohte,  Der 
erste  Band  enthält  Übersichten  über  die  politische,  kultur-  und  kunst- 
geschichtliche Entwicklung  des  Landes  und  eine  Denkmalskarte, 
der  zweite  behandelt  die  Denkmäler  des  Stadtkreises  Posen,  der 
dritte  die  der  posenschen  Landkreise,  der  vierte  die  des  Regierungs- 
bezirks Bromberg.  Die  vorgeschichtlichen  Denkmäler  sind  nicht  be- 
schrieben. Von  dem  Besuch  entlegener  Orte,  wo  nach  glaubwürdiger 
Mitteilung  kein  Erfolg  zu  erwarten  war,  wurde  abgesehen.  Auch 
bei  diesem  Inventar  wäre  —  im  Interesse  seiner  gröfseren  Ver- 
breitung —  die  Teilung  nach  Kreisen  oder  kleinen  Kreisgruppen  der 
nach  Regierungsbezirken  vorzuziehen  gewesen.  Im  übrigen  aber  sind 
sowohl  die  Beschreibungen  wie  auch  die  bildlichen  Darstellungen  der 
Denkmäler  eine  vortreffliche  Leistung. 

Schlesien.  Das  Inventar,  eine  Arbeit  des  Provinzialkonservators 
Hans  Lutsch,  liegt  seit  1894  in  vier  Bänden  abgeschlossen  vor'). 
Im  ersten  werden  die  Denkmäler  der  Stadt  Breslau  beschrieben,  jeder 
der  anderen  bSsi  einen  ganzen  Regierungsbezirk  zusammen.  Die  zeit- 
lichen Grenzen  sind  auch  hier  etwas  enge  gezogen,  weder  das  Vor- 
geschichtliche,  noch  das  XIX.  Jahrhundert  ist  berücksichtigt.  Die 
sachliche  Darstellung  ist  sehr  exakt,  im  ganzen  aber  doch  wohl  etwas 
zu  knapp  gehalten;   vielleicht  hätte  sich   —  zum  Vorteil  des  Laien- 


i)  Die  Bau-  und  KuQstdenkmäler  des  Rcgierangsbezirks  Stettin, 
herausgegeben  ron  der  Gesellschaft  für  pommersche  Geschichte  and  Altertamskande, 
bearbeitet  von  Provinsialkonsenrator  Hugo  Lemcke  (nnter  Benutzung  ausgedehnter  Vor- 
arbeiten von  Hans  Lutsch),     i.  Bd.,  Heft  1 — 3.     1898— 1900  (ebenda). 

2)  Verzeichnis  der  Knnstdenkmäler  der  Provinz  Posen,  im  Auftrage 
des  Provinzialverbandes  bearbeitet  von  Julias  Kohte,  Regiemngsbaomeister.  4  Bde.  Berlin, 
Jnliiis  Springer,  1896 — 1898. 

3)  Verzeichnis  der  Knnstdenkmäler  der  Provinz  Schlesien.  In  amt- 
lichem Auftrage  bearbeitet  von  Hans  Latsch.  4  Bde.  Breslau,  Wilhelm  Gottlieb  Korn, 
t886->i894. 


—     276     — 

Publikums,  auf  das  doch,  auch  nach  des  Verfassers  Absicht,  gewirkt 
werden  soll  —  der  Gebrauch  von  Fachausdrücken  erheblich  ein- 
schränken lassen.  Aus  dem  selben  Grunde  halten  wir  auch  die  Zu- 
sammenfassung' des  Stoffes  nach  Regierungsbezirken  für  einen  wesent- 
lichen Fehler  der  Anlage;  desgleichen  den  übrigens  nicht  dem  Verfasser 
zur  Last  zu  schreibenden  Verzicht  auf  Abbildungen,  ein  Mangel,  dem 
nachträglich  noch  durch  ein  ausgiebiges  Bilderwerk  abgeholfen  werden 
wird.  Ein  Nachtragsband  wird  neben  Registern  und  Denkmalskarten 
noch  zahlreiche  Ergänzungen  bringen. 

Provinz  Sachsen.  Von  dieser  1879  in  Angriff  genommenen 
Publikation  sind  bisher  21  zum  Teil  sehr  stattliche  Hefte,  deren  jedes 
die  Denkmäler  eines  Kreises  verzeichnet,  und  der  erste,  die  Stadt 
Halle  und  den  Saalkreis  behandelnde  Band  einer  neuen  Folge  er- 
schienen ').  Den  vorgeschichtlichen  Denkmälern  ist  eine  besondere 
Veröffentlichung  gewidmet  *).  Das  im  ersten  Hefte  enthaltene  Programm 
beschiänkt  den  Stoff  auf  „Frühmittelalter  bis  ins  XVII.  Jahrhundert". 
Je  nach  der  Vorbildung  und  Berufszugehörigkeit  der  Bearbeiter,  imter 
denen  alle  Stände  vertreten  sind,  ist  auch  die  Behandlnngsweise  in 
den  einzelnen  Heften  sehr  verschieden  und  verschiedenwertig.  Im 
allgemeinen  nehmen  insbesondere  in  den  neueren  Heften  die  historischen 
Einleitungen  im  Verhältnis  zu  den  eigentlichen  Denkmalsbeschreibungen 
einen  ungebührlich  breiten  Raum  ein;  die  kleineren  Monumente,  für 
die  den  kunst-  und  architekturgeschichtlich  offenbar  teilweise  völlig 
ungeschulten  Verfassern  keine  fachmännische  Vorarbeit  zur  Verfügung 
stand,  sind  ganz  ungenügend,  zii weilen  überhaupt  nicht  beschrieben. 
Die  Zeitangaben  sind  häufig  sehr  unbestimmt,  manchmal  fehlen  sie 
ganz  (Kusay:  Die  Kiiche  ist  in  Fachwerk  erbaut  und  hat  kein 
hohes  Alter),  Die  Illustrationen  sind  grofsenteils  nicht  ausreichend. 
Eine  rühmliche  Ausnahme  bildet  neben  Heft  17  der  ersten  Serie 
(Kreis  Schweinitz)  und  dem  ersten  Bande  der  neuen  Folge  (Stadt  Halle 
und  der  Saalkreis),  die  beide  von  Gustav  Schönermark  herrühren, 
insbesondere  das  zuletzt  erschienene  Heft,  in  dem  Ernst  Wemicke 
den  Kreis  Jerichow  beschrieben  hat. 

Schleswig -Holstein.     Das  Inventar  dieser  Provinz,   das  Richard 


1)  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  und  KunstdeokmäUr 
der  Provinz  Sachsen  und  angrenzender  Gebiete«  Herausgegeben  von  der 
hMtorischen  KooftmiMion  der  Provinz  Sachsen.  2 1  H«fte  und  Nene  Folge  i  Bd.  Halle  a.  d.  S., 
Otto  Hendel,  187911 

2)  Vorgeschichtliche  Altertümer  der  Provinz  Sachsen  und  angrenzender  Gebiete. 


-     277     — 

//r/«// bearbeitet  hat,  liegt  seit  1889  vollendet  vor*).  Auch  hier  ist 
die  Gelegenheit,  durch  Teilung  in  kleine  billige  Hefte  auf  breitere 
Schichten  zu  wirken,  nicht  ergriffen  worden.  Der  erste  Band  behandelt 
ohne  Rücksicht  auf  administrative  oder  geographische  Zusammengehörig- 
keit die  Kreise  A — K,  der  zweite  die  Kreise  L — Z,  der  dritte  enthält 
Nachträge  und  Register  von  fast  übertriebener  Ausführlichkeit.  Der 
beschreibende  Teil  ist  zwar  breit  angelegt,  aber  von  etwas  zu  sub- 
jektiver Färbung,  die  Abbildungen  sind  teilweise  unzureichend ;  beides  — 
Text  wie  Illustration  —  ist  im  zweitenBande  wesentlich  besser  als  im  ersten. 

Der  Kreis  Herzogtum  Lauenburg  ist  nach  den  gleichen  Grund- 
sätzen in  einem  besonderen  Werke  behandelt  ^). 

Hannover.  Das  erste  Denkmäler -Verzeichnis  dieser  Provinz  ist 
—  als  eines  der  ältesten  des  preufsischen  Staates  —  in  den  Jahren 
1871  bis  1881  von  H.  W.  Mithoff  m  sieben  stattlichen  Quartbänden 
herausgegeben  worden  ').  In  der  Einteilung  folgt  es  der  historischen 
Gliederung  des  Landes.  Dafür  lassen  sich  ja  gewifs  gute  Gründe  an- 
fuhren, aber  die  Verwendbarkeit  des  Ganzen  wird  dadurch  sicher  nicht 
erhöht.  Ausgeschlossen  von  der  Betrachtung  blieben  die  vorchrist- 
lichen und  die  nach  der  ersten  Hälfte  des  XVII.  Jahrhunderts  ent- 
standenen Denkmäler.  Das  Werk  ist  an  sich  eine  bedeutende  Leistung, 
die  Beschreibung  der  Baudenkmäler  ist  zwar  nicht  sehr  ausführlich,  aber 
das  Wesentliche  ist  immer  erfafst  Hingegen  sind  die  beweglichen 
Denkmäler  nicht  genügend  berücksichtigt.  Das  Abbildungsmaterial 
ist  sehr  bescheiden. 

Da  das  Mithoffsche  Werk  seit  langem  vergrifTen  ist,  so  bewilligte 
der  hannoversche  Provinziallandtag  im  Jahre  1897  die  Mittel  zur 
Herausgabe  eines  neuen  Inventars,  von  dem  bisher  der  erste,  die  Land- 
kreise Hannover  und  Linden  behandelnde  Band  erschienen  ist  ^).    Heraus- 


i)  Die  Baa-  nnd  Kunstdeokmäler  der  Provinz  Schleswig-Holstein 
mit  Ausnahme  des  Kreises  Hersoglnm  Lauenburg.  Im  Auftrage  der  provinzialständischen  Ver- 
waltung bearbeitet  von  Prof.  Dr.  Richard  Haupt.   3  Bde.    Kiel,  Ernst  Homann,  1887  — 1889. 

3)  Die  Bau-  nnd  Knnstdenkmäler  im  Kreise  Herzogtum  Lauenburg. 
Herausg^eben  im  Auftrage  der  Kreisstinde,  dargestellt  von  Richard  Haupt  und  Friedrich 
Wcjsser.     2  Hefte,  Ratzebnrg  1890. 

3)  Kunstdenkmale  und  Altertttmer  im  Hannoverscheu.  DargesteUt  von 
H.  Wilh.  H.  Mithoff.     7  Bde.     Hannover,  Helwingsche  Hofbuchhandlung,  187 1  -  1881. 

4)  Die  Kunstdenkmäler  der  Provinz  Hannover.  Herausgegeben  im  Auf- 
trage der  ProTinzialkommission  zur  Erforschung  und  Erhaltung  der  Denkmäler  in  der 
Provinz  Hannover  von  Dr.  phil.  Carl  Wolflf,  Landesbaurat.  I.  Regierungsbezirk  Hannover. 
I.  Landkreise  Hannover  und  Linden.  Hannover,  Selbstverlag  der  Provinzialverwaltnng 
C  Tlieodor  Schaket  Bnchhandfaing,  1899. 


—     278     — 

g-eber  ist  *  Karl  Wolff.  Das  neue  Verzeichnis  folgt  der  mocierneii 
administrativen  Teilung  der  Provinz,  innerhalb  der  Kreise  reihen  sich 
die  Orte  nach  dem  Alphabete  aneinander.  In  der  Anordnung  und 
Behandlungsweise  schliefst  es  sich  ganz  eng  an  das  rheinländische 
Werk  an.  Das  Geschichtliche  ist  ausreichend  berücksichtigt,  die  Be- 
schreibungen, die  sich  auch  auf  die  Werke  aus  dem  Beginne  des 
XIX.  Jahrhunderts  erstrecken,  sind  sehr  exakt,  die  Abbildungen  grofeen- 
teils  vorzüglich, 

Westfalen.  Bedauerlicherweise  ist  der  erste  Inventarisations- 
versuch,  den  J.  B.  Nordhoff  im  Auftrage  des  Westfälischen  Provinzial- 
vereins  (lir  Wissenschaft  und  Kunst  im  Jahre  1881  ff.  unternommen 
hatte,  in  den  Anfängen  stecken  geblieben  *).  Es  sind  im  ganzen  zwei 
Hefte  erschienen,  deren  jedes  einen  Kreis  behandelt.  Die  vorchrist- 
lichen Altertümer  jedes  Kreises  sind  in  chronologischer  Folge  zusammcn- 
gefafst  und  vorausgestellt,  die  christlichen  sind,  wie  üblich,  nach  Orten 
gesondert  besprochen.  Die  Orte  selbst  sind  nicht  alphabetisch,  sondern 
nach  ihrer  geographischen  Lage  geordnet.  Von  diesem  Mangel  an 
Übersichtlichkeit  abgesehen,  darf  das  Werk  in  textlicher  wie  in  illu- 
strativer Hinsicht  als  sehr  gut  bezeichnet  werden.  Im  Jahre  1893  nahm 
dann  der  Provinzialverband  die  Sache  auf,  und  in  rascher  Folge  sind 
seither  sieben,  je  einen  Stadt-  oder  Landkreis  behandelnde  Hefte  er- 
schienen ').  In  Bezug  auf  die  bildliche  Darstellung  ist  dieses  Inventar 
unter  allen  deutschen  Inventaren  weitaus  das  reichste ;  freilich  sind  auch 
häufig  sehr  uninteressante  Dinge,  meist  aus  Privatbesitz,  abgebildet.  Der 
geschichtliche  Teil  ist  in  manchen  Heften  mafslos  breit  angelegt,  wo- 
gegen sich  der  beschreibende  Text  meist  auf  die  allerdürftigfsten  An- 
deutungen beschränkt.  Im  Interesse  der  Verbreitung  ist  die  Billigkeit 
des  Werkes  sehr  erfreulich. 

Hessen -Nassau.  Das  Denkmäler -Verzeichnis  des  Regierungs- 
bezirkes Kassel  ist  das  älteste  unter  allen  deutschen  Inventaren');  es 


i)Kunst-  und  Geschichts  denkmäler  der  Provinz  Westfalen,  heraus- 
gegeben vom  Westfiilischen  Provinzialverein  fUr  Wissenschaft  und  Kunst,  bearbeitet  vod 
J.  B.  Nordhoff.    2  He'te.    I.  Leipzig,  E  A.  Seemann  1881.    IL  Münster,  Coppenrath  1886. 

2)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  von  Westfalen,  herausgegeben  vom 
Provinzialverband  der  Provinz  Westfalen,  bearbeitet  von  A.  Ludorff,  Provinrialbauinspektor 
and  Konservator.     7  Hefte.     Münster  1893  ff. 

3)  Inventarium  der  Baudenkmäler  im  Königreich  Prenfsen.  i.  Die 
Baudenkmäler  im  Regierungsbezirk  Kassel,  beschrieben  von  Heinrich  von  Dehn-Rothfelser 
und  Wilhelm  Lotz.  Im  Auftrage  des  Kgl.  Ministeriums  für  geistliche  etc.  Angel^enheiten 
herausgegeben  durch  den  Verein  Air  hessische  Geschichts-  und  Landeskunde«  Kassel 
1870.  —  2.    Die  Baudenkmäler   im  Regierungsbezirk  Wiesbaden,    im  Auftrage    des  Kgl- 


—     279     — 

erschien  1870  als  Teil  eines  gresamtpreulsischen  Inventars  und  war  eine 
bahnbrechende  That.  Es  will  vollständig^  sein  nur  in  Bezug  auf  die 
Bau-  und  Kunstwerke,  die  vor  dem  Ende  des  XVI.  Jahrhunderts  ent- 
standen sind;  von  den  Werken  des  XVII.  und  XVIII.  Jahrhunderts 
nennt  es  nur  die  bedeutenderen.  Die  historischen  Grundlagen  sind 
berücksichtigt,  die  Denkmäler  -  Beschreibungen  sind  exakt,  aber  nicht 
ausfuhrlich  genug;  in  Bezug  auf  die  beweglichen  Kunstwerke  scheint 
den  Anforderungen  an  Vollständigkeit  auch  nicht  entfernt  genügt 
zu  sein.  Auf  Abbildungen  ist  gänzlich  verzichtet.  Wie  hier,  so  ist 
auch  in  dem  nach  gleichen  Grundsätzen  bearbeiteten  Inventar  des 
R^erungsbezirkes  Wiesbaden  keine  Unterteilung  nach  Kreisen  vor- 
genommen; die  Orte  des  ganzen  Gebietes  folgen  einander  in  alpha- 
betischer Reihe.  Der  Text  ist  in  diesem  zweiten  Bande  des  gesamt- 
preufsischen  Inventars  weit  ausführlicher  als  im  ersten.  Für  Frankfurt 
bietet  ein  im  Erscheinen  begriffenes,  in  jeder  Beziehung  vorzügliches 
Spezialwerk  eine  sehr  wünschenswerte  Ergänzung  ^).  Auch  fiir  Hanau 
liegt  der  erste  Teil  einer  ähnlichen  Publikation  vor  *). 

Rheinprovinz.  Der  erste,  den  ganzen  Regierungsbezirk  Koblenz 
umfassende  Band  des  rheinischen  Denkmäler-Verzeichnisses  ist  im 
Jahre  1886  erschienen  *).  Herausgeber  war  Paul  Lehfeldt,  Die  Kreise 
folgen  einander  in  alphabetischer  Reihe,  desgleichen  innerhalb  der 
Kreise  die  Orte.  Die  Beschreibungen  sind  gut,  aber  viel  zu  summa- 
risch, auf  die  Beigabe  von  Abbildungen  ist  gänzlich  verzichtet.  Der 
ursprüngliche,  sich  dem  hessischen  Beispiel  ansch liefsende  Arbeitsplan 
wurde  nach  Erscheinen  des  ersten  Bandes  verlassen;  an  die  Stelle 
Lehfeldts  trat  als  Herausgeber  Paul  Clemen.  Das  neue  Denkmäler- 
Verzeichnis  *)  erscheint  in  Heften ;  jedes  Heft  beschreibt  einen  oder, 
wo  der  Denkmälerbestand  geringer  ist,  mehrere  geographisch  zusammen- 

Ministeriums  für  geistliche  etc.  Angelegenheiten  bearbeitet  von  Wilhelm  Lotz  und  heraus- 
gegeben durch  Friedrich  Schneider.     Berlin,  Ernst  und  Korn,  1880. 

i)  Die  Baudenkmäler  in  Frankfurt  a/M.,  von  Karl  Wol£f  und  Rudolf  Jung. 
2,  Bde.     Frankfurt  a/M.  1896 — 1898.     Ein  dritter  Band  steht  noch  aus. 

3)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  der  Stadt  Hanau,  bearbeitet  und  her- 
ausgegeben von  A.  Winkler  und  J.  Mittelsdorf.     i.  Teil.     Hanau,  G.  M.  Alberti,  1897. 

3)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  der  Rheinprovinz,  i.  Die  Bat*-  und 
Koiistdenkmäler  des  Regierungsbezirkes  Koblenz,  beschrieben  und  zusammengestellt  im 
Auftrage  und  mit  Unterstützung  des  Provinzialverbandes  der  Rheinprovinz  v  ^n  Paul  Lehfeldt. 
I   Bd.    Düsseldorf,  L.  Voss  &  Co.,  1886. 

4)  Die  Kunstdenkmäler  der  Rheinpr  o  vinx.  Im  Auftrage  des  Provinzial- 
▼erbandes  herausgegeben  von  Paul  Clemen.  17  Hefte  :=  4  Bänden.  Vom  5.  Bande  ist 
Heft  I  erschienen.     Düsseldorf,  L.  Schwann.  1891  ff. 


280 


hängende  Kreise.  Die  Darstellung  ist  nach  der  geschichtlichen  Seite 
durch  allgemeine  Einleitungen  und  durch  ausfuhrliche  Quellen-  und 
Litteraturnachweise  fundiert.  Vorgeschichtliche  und  römische  Denk- 
mäler werden  im  allgemeinen  —  besonders  bedeutende  Werke  aus- 
genommen —  nur  registriert,  die  christlichen  Bau-  und  Bildwerke  bis 
1800  hingegen  ausführlich  beschrieben  und  durch  Abbildungen  erläutert. 
Der  Beschreibung  der  Denkmäler  geht  ihre  Geschichte  voraus.  Er- 
schienen ist  bisher  die  Beschreibung  des  Regierungsbezirks  Düsseldorf 
in  13  Heften  und  die  der  Kreise  Köln  Land,  Rheinbach,  Bergheim, 
Euskirchen,  Gummersbach,  Wipperfürth  und  Waldbroel  des  Regierungs- 
bezirkes Köln  in  5  Heften.  Aufser  dem  Herausgeber  haben  an  den 
letzten  fünf  Heften  Elmst  Polaczck  und  Edmund  Renard  mitgearbeitet. 

HohenzoUem.  Das  Denkmäler -Verzeichnis  liegt  seit  1896  in 
einem  ansehnlichen ,  reich  und  gut  illustrierten  Bande  vor  *).  Die 
Oberämter  und  innerhalb  der  Oberämter  die  Orte  folgen  einander  in 
alphabetischer  Reihe.  Der  an  sich  gute  Text  läfst  namentlich  in 
den  Baubeschreibungen  einiges  an  Ausführlichkeit  vermissen.  Dankens- 
wert ist  die  Beigabe  einer  archäologischen  Karte,  auf  der  die  vor- 
geschichtlichen und  römischen  Funde  sorgfältig  verzeichnet  sind. 

Bayern.  Mit  den  Vorarbeiten  für  das  bayrische  Denkmäler -Ver- 
zeichnis wurde  bereits  1887  begonnen,  die  Veröffentlichung  nahm 
jedoch  erst  1892  ihren  Anfang,  und  sie  schreitet  seither  nur  sehr  lang- 
sam fort  *).  Für  den  Regierungsbezirk  Cberbayern  wurde  die  Arbeit 
in  der  Weise  geteilt,  dafs  der  Architekt  und  damalige  Privatdozent 
Gustav  V.  Bezold  die  Architektur,  der  Professor  der  Kunstgeschichte 
Berthold  Riehl  Plastik,  Malerei  und  Kunstgewerbe  übernahm.  Jedem 
von  ihnen  wurden  eine  Reihe  von  Mitarbeitern  beigegeben.  Die  Dar- 
stellung beschränkt  sich  auf  die  Denkmäler  vom  XI.  bis  zum  XVIII.  Jahr- 
hundert, schliefst  also  von  vornherein  alles  Vorgeschichtliche  und 
Römische,  femer  alles  dem  XIX.  Jahrhundert  Angehörige  aus.  Das 
geschichtliche  Quellenmaterial  ist  nur  in  sehr  beschränktem  Maise  notiert 

i)  Die  Bau-  nnd  Kunstdenkmäler  in  den  Hohenzollernschen  Landen. 
Im  Auftrage  des  Hohenzollernschen  Landes-Ausschusses  bearbeitet  von  Karl  Theodor  Zingder 
und  Wilhelm  Friedrich  Laur.     Stuttgart,  Paul  Neff,  1896. 

2)  Die  Kunstdenkmale  des  Königreiches  Bayern  vom  XI.  bis  zum  Ende 
des  XVIIL  Jahrhunderts,  beschrieben  und  aufgenommen  im  Auftrage  des  KgL  Staats- 
ministerium des  Innern  fUr  Kirchen-  und  Schulangelegenheiten.  1.  Band.  Die  Knost- 
denkmale  des  Regierungsbezirkes  Oberbayern,  bearbeitet  von  Gustav  v.  Bezold  und 
Berthold  Riehl.  1.  Teil.  Mit  einem  Atlas  von  130  Lichtdruck-  und  Photogravure-Tafelu. 
Verlag  von  Jos.  Albert,  München,  1895.  —  Vom  2.  Teile  des  1.  Bandes  sind  7  Lieferongcn 
erschienen. 


—     281      — 

und  benutzt  worden;  denn  das  bayrische  Inventar  will  „ein  kunst- 
geschichtliches Quellenwerk  nach  der  gegenständlichen,  nicht  nach 
der  urkundlich  ütterarischen  Seite  hin**  sein.  Es  setzt  sich  von  vorn- 
herein auch  in  Bezug  auf  die  Vollständigkeit  bestimmte  Grenzen; 
Voraussetzung  für  die  Erwähnung  war  eine  ^wisse  künstlerische  oder 
historische  Bedeutung  des  Objektes.  So  sind  beispielsweise  ganz 
kunstlose  oder  in  hohem  Grade  entstellte  romanische  Bauten  aus- 
geschlossen geblieben;  je  jünger  die  Epoche,  desto  stärker  wurde  ge- 
siebt Bauernhäuser  fehlen  beispielsweise  ganz.  In  der  Anordnung 
folgt  das  Werk  der  Einteilung  des  Königreiches  in  Regierungsbezirke ; 
innerhalb  dieser  sind  die  Bezirksämter  lokal  gruppiert,  innerhalb  der 
Bezirksämter  folgen  einander  die  Orte  nach  dem  Alphabet.  Der  be- 
deutende Umfang  der  Textbände  steht  einer  weiten  Verbreitung  des 
Werkes  hindernd  im  Wege.  Die  Beschreibungen  sind  knapp,  aber 
sehr  exakt.  Prinzipiell  unterscheidet  sich  das  bayrische  Werk  von 
allen  bisher  besprochenen  preufeischen  dadurch,  dafs  Text  und  Ab- 
bildungen voneinander  getrennt  sind;  letztere  sind  in  einem  Folio -Atlas 
vereinigt.  Alle  irgendwie  hervorragenden  Werke  sind  in  grofsenteils  vor- 
züglichen Abbildungen  wiedergegeben,  fast  durchweg  —  mit  Ausnahme 
der  architektonischen  Aufnahmen  —  auf  Grund  von  Photographieen. 
Das  grofee  Format  gestattet  grofsen  Mafsstab. 

Eine  seit  mehreren  Jahren  in  zwanglosen  Heften  erscheinende 
Publikation  pfalzischer  Baudenkmäler  *)  ist  in  ihren  verschiedenen  Teilen 
zwar  naturgemäfs  verschiedenwertig ;  sie  kann  aber  immerhin  als  wert- 
volle Vorarbeit  für  die  amtliche  Inventarisation  bezeichnet  werden. 

Königreich  Sachsen.  Das  sächsische  Denkmäler -Verzeichnis  *), 
das  R.  Sieche  begonnen  hat  und  Cornelius  Gurlitt  fortführt,  folgt 
in  seiner  Anordnung  der  administrativen  Gliederung  des  Landes. 
Jedes  Heft  umfafst  eine  Amtshauptmannschaft;  innerhalb  der  Hefle 
folgen  sich  die  Orte  in  alphabetischer  Reihe.  Auf  die  Ausbreitung 
einer  historischen  Grundlage  ist  verzichtet,  auch  Litteratur  ist  nicht 
namhaft  gemacht.  Die  Denkmalsbeschreibungen  sind  gut  und  aus- 
fuhrlich, zu  vermissen  ist  jedoch  zuweilen  präcise  Angabe  von  Zeit  und 
Stil.     Das  Abbildungsmaterial  ist  in  den  älteren  Heften  qualitativ  und 


i)  Die  Bandenkmäler  in  der  Pfalz.  Heraosgegeben  von  der  Pfalzischen 
Kreisgeseüschaft  des  Bayrischen  Architekten-  und  Ingenieur- Vereins.     5  Bde.  1884 — 1899. 

2)  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  and  Kunstdenkmäler 
des  Königreichs  Sachsen.  Auf  Kosten  der  Kgl.  Staatsregierung  herausgegeben  vom 
KgL  Sächsischen  AUenumsTerein.  Heft  i—  18,  bearbeitet  von  Dr.  R.  Steche  und  C.  Gurlitt. 
Dresden,  C.  C.  Meinhold  &  Söhne,  1882  ff. 


—     282      — 

quantitativ  bescheiden,  in  den  jüngeren  reichlicher  bemessen  und  gut. 
In  diesen  zeigt  auch  der  Ausdruck  die  erwünschte  Schärfe. 

Württemberg.  Das  württembergische  Denkmäler -Verzeichnis  *) 
weicht  in  sehr  vielen  Punkten  von  den  anderen  deutschen  Inventaren 
ab.  Es  ist  die  Arbeit  eines  Poeten.  In  feuriger,  schwungvoller  Sprache, 
immerhin  noch  in  Prosa,  schildert  er  die  Denkmäler  seiner  Heimat 
und  nicht  nur  diese,  auch  den  Boden,  auf  dem  sie  stehen,  die  Beige 
mit  ihren  Burgen,  den  Himmel,  der  sich  darüber  wölbt.  Freilich  gleitet 
er  dabei  sehr  häufig  rasch  über  Dinge  hinweg,  die  man  aus  einem 
Inventar  zu  erfahren  das  Recht  hat.  Zweifellos  hat  das  württembergischc 
Werk  gerade  durch  die  temperamentvolle  Art,  mit  der  hier  die  Aufgabe 
angefafst  ist,  vor  vielen  anderen  den  Vorzug,  dafs  es  auf  weitere  Kreise 
anregend  zu  wirken  vermag,  aber  ebenso  zweifellos  ist  es,  dafs  dieser 
Vorzug  durch  das  Fehlen  aller  wissenschaftlichen  Tugenden  erkauft  ist. 
Das  ganze  Unternehmen  scheint  ohne  rechten  Plan  in  Angriff  genommen 
worden  zu  sein.  Der  sehr  hübsche  Abbildungen  enthaltende,  nicht 
paginierte  Atlas  liegt  seit  1893  vollendet  vor,  während  von  dem  auf 
vier  Bände  berechneten  Text  erst  zwei  Bände  und  die  Anfangslieferung 
eines  dritten  (diese  1897  0  erschienen  sind.  Zwischen  Atlas  und  Text 
bestehen  keinerlei  Beziehungen,  es  fehlt  häufig  an  Verweisen  vom 
einen  auf  den  andern;  zudem  ist  —  trotz  Atlas  —  eine  grolse  Zahl 
von  Abbildungen  über  den  Text  verstreut.  Warum?  Doch  wohl  nur, 
weil  man  sich,  als  der  Atlas  erschien,  noch  nicht  klar  gemacht  hatte, 
was  an  Illustrationen  erforderlich  sein  würde.  Jeder  Band  umfafst  einen 
Kreis,  innerhalb  der  Kreise  sind  die  Oberämter,  innerhalb  der  Ober- 
ämter die  Orte  alphabetisch  geordnet. 

Baden.  Das  Inventar^),  dessen  1887  begonnene  Veröffentlichung 
leider  nur  langsam  vorwärtsschreitet,  folgt  in  seiner  äufseren  Anordnung 
der  Einteilung  des  Landes  in  Kreise  und  Amtsbezirke.  Jeder  der 
drei  ersten  Bände  enthält  die  Beschreibung  eines  ganzen  Kreises,  der 


1)  Die  Kunst-  and  Altertums-Dcnkmale  im  Königreich  Württem> 
berg.  Im  Auftrage  des  Kgl.  Ministeriums  des  Kirchen-  und  Schulwesens  bearbeitet  von 
Eduard  Paulus.  Stuttgart,  Paul  Neff.  i.  Band:  Neckarkreis  1889.  2.  Band:  Schwarzwald- 
kreis 1897.  3.  Band:  Donaukreis  im  Erscheinen.  Dazu  zwei  Bände  Tafeln,  i.  Band: 
Neckarkreis   1889.     2.  Band:  Schwarzwald-,  Donau-  und  Jagstkreis   1893. 

2)  Die  Kunstdenkmäler  des  Grofsherzogtums  Baden.  Beschreibenr^e 
Statistik,  im  Auftrage  des  Grofsherzoglichen  Ministeriums  der  Justiz,  des  Kultus  und  Unter- 
richts und  in  Verbindung  mit  Joseph  Durm,  A.  v.  Oechelhäuser,  Karl  Schäfer  und  E.  Wagner, 
herausgegeben  von  Franz  Xaver  Kraus.  4  Bde.  Freiburg,  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck), 
1887  ff.  Konstanz,  Villingen,  Waldshut  von  Kraus,  Mosbach  von  Oechelhäuser,  das  Vor- 
geschichtliche von  Wagner. 


.  —     283     — 

vierte  ist  in  zwei  je  einen  Amtsbezirk  behandelnden  Hälften  erschienen. 
Eine  weitgehende  Arbeitsteilung  hat  insofern  stattgefunden,  als  in  allen 
Bänden  die  Verzeichnung  der  vorgeschichtlichen  und  römischen  Alter- 
tümer, in  den  drei  ersten  auch  die  der  wichtigeren  Denkmäler  des 
Burgenbaues,  besonderen  Bearbeitern  überlassen  blieb.  Als  Herausgeber 
zeichnet  Franz  Xaver  Kraus,  Die  historische  Grundlegung  scheint 
überall  mit  Sorgfalt  und  der  erwünschten  Ausführlichkeit  vorgenommen 
zu  sein,  die  Beschreibung  der  Denkmäler,  insbesondere  der  jüngeren,, 
ist  doch  wohl  etwas  zu  summarisch.  Die  bildliche  Darstellung  ist 
quantitativ  und  qualitativ  gut.  Jedem  Bande  ist  eine  Denkmalskarte 
beigegeben. 

Grofsherzogtum  Hessen.  Von  diesem  Inventar  ^),  das  1885  zu 
erscheinen  begonnen  hat  und  dessen  allgemeine  Anordnung  sich  der 
modernen  Verwaltungseinteilung  des  Landes  anschließt,  sind  bisher 
sechs  Bände  erschienen,  von  denen  fünf  je  einen  Kreis  behandeln,, 
während  der  sechste  in  monographischer  Form  den  ehemaligen  Kreis 
Wimpfen  beschreibt.  Die  Beschreibung  erstreckt  sich  auf  die  Denk- 
mäler von  der  Römerzeit  bis  zum  Beginn  der  klassizierenden  Reaktion. 
Der  geschichtliche  1  eil  ist  sorgfältig,  der  beschreibende  zeigt  in  einigen 
Bänden  bei  grofser  Ausführlichkeit  einen  Maugel  an  Präcision  im  Aus- 
druck; der  illustrative  Teil  ist  sehr  gut. 

Mecklenburg-Schwerin.  Die  27  Amtsgerichtsbezirke  des  Grofs- 
henogtums  sind  nach  ihrer  lokalen  Gruppierung  auf  drei  dicke  Bände 
verteilt,  und  auch  innerhalb  der  Amtsgerichtsbezirke  *)  sind  die  Orte 
nicht  alphabetisch,  sondern  geographisch  geordnet.  Die  ,,  vorgeschicht- 
lichen Stellen''  jedes  Bezirkes  sind  besonders  für  sich  zusammengefafst ; 
die  übliche  Ausschliefsung  des  XDC.  Jahrhunderts  von  der  Beschreibung 
schien  dem  Herausgeber  für  Mecklenburg -Schwerin  keinen  Sinn  zu 
haben.  Der  Text  ist  nach  der  geschichtlichen  wie  nach  der  be- 
schreibenden Seite  hin  sehr  sorgfaltig,  nur  fehlt  es  leider  an  Registern. 
Der  illustrative  Teil  ist  nicht  besonders  reich,  aber  gut. 

i)  Kunstdenkmäler  in)  Grofsherzogtum  Hessen.  Inventarisiemng  und 
beschreibende  Darstellung  der  Werke  der  Architektur,  Plastik,  Malerei  und  des  Kunst- 
geverbes  bis  zum  Schlnfs  des  18.  Jahrhunderts.  Herausgegeben  durch  eine  im  Auftrage 
Seiner  Königlichen  Hoheit  des  Grofsherzogs  zu  diesem  Zwecke  bestellte  Kommission. 
Dannstadt,  Bergsträfser,  1885  ff.  Offenbach,  Erbach,  Wimpfen  von  Georg  Schaefer,  Worms 
▼OD  Ernst  Woerner,  Büdingen  von  Heinrich  Wagner.     Friedberg  von  Rudolf  Adamy. 

2)  Die  Kunst-  und  Geschichtsdenkmäler  des  Grofsherzogtnms 
Mecklenburg-Schwerin.  Im  Auftrage  des  Grofsherzoglichen  Ministeriums  des  Innern 
beransgegeben  von  der  Kommission  zur  Erhaltung  der  Denkmale,  bearbeitet  von  Friedrich. 
Schlie.     Bärensprungsche  Hofbuchdruckerei  1896 — 1899. 


1 


—     284     —  . 

Thüringen.  Die  thüringischen  Staaten,  Sachsen -Weimar-Eisenach, 
Sachsen-Meining^en-Hildburg'hausen,Sachsen-Altenburg',Sachsen-Coburg- 
Gotha,  Schwarzburg-Rudolstadt  und  die  beiden  Reufs,  haben  sich  zur 
Herausgabe  eines  gemeinsamen  Inventars  vereinigt^).  Es  ist  von 
JPaul  Lehfeldt  bearbeitet.  Jeder  Band  umfalst  —  nach  topographischen 
Gesichtspunkten  gruppiert  —  je  nach  dem  Umfang  des  Staatsgebietes 
zwei  oder  mehrere  Verwaltungsbezirke  bezw.  Kreise  oder  Landiats- 
ämter,  innerhalb  deren  die  Orte  sich  in  alphabetischer  Reihe  folgen. 
Geschichtliche  und  topographische  Einleitungen  sind  vorausgeschickt;  die 
eigentlichen  Denkmalsbeschreibungen  sind  sehr  ausführlich  und  soig- 
faltig,  auch  das  Illustrationsmaterial  ist,  wenn  auch  nicht  gerade  reicli- 
lich,  so  doch  gut  gewählt  und  gut  ausgeführt.  Nur  fehlen  gro&enteüs 
architektonische  Mafsaufnahmen ;  die  schematisch  gezeichneten  Grund- 
risse gewähren  dafür  keinen  ausreichenden  Ersatz.  Die  Inventare  von 
Sachsen-Weimar-Eisenach,  Sachsen-Altenburg,  Schwarzburg-Rudolstadt. 
wie  die  der  beiden  Reufs  liegen  fertig  vor.  Von  dem  auf  vier  Bände 
berechneten  meiningischen  Verzeichnis  ist  bisher  nur  der  vierte  Band 
und  ein  Heft  des  dritten  erschienen ;  von  dem  coburgischen  Teil  liegt 
der  erste  und  dritte  Band  und  die  erste  Lieferung  des  zweiten  vor. 

Schwarzburg-Sondershausen.  Das  seit  1887  abgeschlossen  vor- 
liegende Inventar  ist  die  Arbeit  eines  kindlichen  Dilettanten  *).  Die 
Beschreibung  der  Kirchen  beschränkt  sich,  wo  sie  nicht  ganz  fehlt, 
meist  auf  die  Schilderung  der  Aussicht,  die  man  von  ihnen  aus  hat, 
das  Innere  wird  in  der  Regel  mit  den  Worten  „freundlich  und  hell^' 
abgethan.  Für  ihre  Entstehungszeit  werden,  wo  keine  Jahreszahl  an- 
geschrieben ist,   in  der  Regel  die  Bezeichnungen   alt  oder  sehr  alt 

i)  Bau-  und  Kunstdenkmäler  Thüringens.  Im  Auftrage  der  Regierangeo 
▼on  Sachsen-Weimar-Eisenach,  Sachsen-Meiningen  und  Hildburghansen,  Sachsen-Altenborg, 
Sachsen-Cobarg  und  Gotha,  Schwarzburg-Rudolstadt,  Reufs  ä.  L.  und  Reufs  j.  L.  bearbeitet 
▼on  Paul  Lehfeldt     Jena,  Gustav  Fischer. 

Sachsen- Weimar-Eisenach  3  Bde.   1892.   1888.   1897. 

.Sachsen-Meiningen  4.  Bd.   1892  und  erste  Lieferung  des  dritten. 

Sachsen-Altenburg  2  Bde.  1895.  1888. 

Sachsen-Coburg-Gotha  i.  Bd.  1897.     3.  Bd.  189 1  und  erste  Lieferung  des  zweiten. 

Schwarzburg-Rudolstadt  2  Bde.   1894. 

Reufs  ä.  L.   I  Bd.   1891. 

Reuis  j.  L.  2  Bde.   1898.   1891. 

2)  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  und  Kunstdenkmäler 
des  Fürstentums  Seh warzburg-Sondershansen.  Unter  den  Auspicien  der 
Fürstlichen  Staatsregiening  herausgegeben  vom  Fürstlichen  Schwarzburgischen  Altertums- 
verein, bearbeitet  von  F.  Apfelstedt,  Ffr.  em.  2  Hefte.  Sondershausen,  Friedrich  BertnuD, 
1886— 1887. 


—     285     — 

angewandt.  Ein  Beispiel  iiir  viele:  „Die  Kirche  ist  zwar  schon  sehr 
alt,  aber  durch  mehrmalige  Reparatur  in  noch  gutem  Zustande  und 
im  Innern  sehr  freundlich.*'  Dies  die  ganze  Beschreibung  der  Kirche 
von  Görbitzhausen.     Die  Illustrationen  entsprechen  dem  Texte. 

Schaumburg -Lippe.  Das  einen  Quartband  umfassende  Inventar 
ist  eine  sehr  sorgfältige  und  gewissenhafte  Arbeit.  Der  geschichtliche, 
wie  der  beschreibende  und  der  illustrative  Teil  sind  als  gleich  gut 
zu  bezeichnen  *). 

Oldenburg.  Bei  der  Anfertigung  des  Denkmäler -Verzeichnisses  *), 
von  dem  gegenwärtig  zwei  Hefte  vorliegen,  hat  eine  Arbeitsteilung  in 
dem  Sinne  stattgefunden,  dafs  die  Verzeichnung  der  vorchristlichen 
Altertümer,  die  der  Bau-  und  Kunstdenkmäler  aus  christlicher  Zeit, 
endlich  die  Abfassung  des  geschichtlichen  Teils  drei  verschiedenen 
Bearbeitern  übertragen  wurde.  Der  geschichtliche  Teil  des  Textes 
tritt  vor  dem  beschreibenden  ganz  ungebührlich  in  den  Vordergrund ; 
er  nimmt  im  ersten  Hefte  8i  von  135  Seiten  ein.  Die  Beschreibungen 
selbst  sind  gut,  die  Abbildungen  desgleichen.  In  der  Anordnung  folgt 
<Ias  Werk  der  Einteilung  des  Grofsherzogtums  in  Ämter. 

Braunschweig.  Hier  ist  mit  der  Veröffentlichung  des  Denkmäler- 
Inventars  erst  1896  begonnen  worden ').  Jeder  Band  soll  einen  Kreis 
umfassen,  innerhalb  der  Amtsbezirke  sind  die  Orte  alphabetisch  ge- 
ordnet :  die  Darstellung  erstreckt  sich  auch  auf  die  vorgeschichtlichen, 
wie  auf  die  untergegangenen  Denkmäler.  Der  Text  ist  nach  der  ge- 
schichtlichen, wie  nach  der  beschreibenden  Seite  hin  vorzüglich,  fiir 
die  Abbildungen  ist  vielleicht  ein  zu  kleines  Format  gewählt.  Eine 
willkommene  Ergänzung  bietet  eine  kleine  photographische  Publikation 
braunschweigischer  Bauten  ^). 

Anhalt.  Das  Inventar  ist  eine  Privatarbeit,  freilich  eine  sehr  ver- 
dienstliche.   In  dem  stattlichen,  reich  und  gut  illustrierten  Bande  folgen 

1)  Beschreibende  Darstellung  der  älteren  Bau-  und  Kunstdenkmäler 
des  Fürstentums  Schanmbnrg-Lippe,  im  Auftrage  der  flirstlichen  Hofkammer 
bearbeitet  von  Gustav  Schönermark,     i  Bd.     Berlin,  Wilhelm  Ernst  &  Sohn,  1897. 

2)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  des  Herzogtums  Oldenburg.  Be- 
arbeitet im  Auftrage  des  Grolsherzoglichen  Staatsministeriums.  2  Hefte.  Oldenburg, 
Gerhard  Stalling  1896—1900. 

3)  Die  Bau-  und  Kunstdenkmäler  des  Herzogtums  Braunschweig.  Im 
Aaftnge  des  herzoglichen  Staatsministeriums  herausgegeben  von  der  herzogUchen  braun- 
scbweigischen  Baudirektion.  i.  Band:  Kreis  Helmstedt,  bearbeitet  von  F.  J.  Meier.  Wolfen- 
bättel,  Jolios  Zwissler  1896. 

4)  Brannschweigs  Baudenkmäler.  Herausgegeben  vom  Verein  von  Freunden 
der  Photographie.     3  Serien   1892  -  1896. 

22 


—     286     — 

einander  die  Kreise,  innerhalb  der  Kreise  die  Orte  in  alphabetischer 
Reihe.  Die  Darstellung'  ist  nicht  nur  ausführlich,  sie  scheint  auch  so- 
wohl in  ihrem  geschichtlichen  wie  im  beschreibenden  Teile  zuverlässige 
zu  sein  *). 

Hansestädte.  Mit  der  Inventarisierung  der  Denkmäler  des  ham- 
burgischen Staates  ist  das  Museum  für  Kunst  und  Gewerbe  in  Ham- 
burg betraut  worden.  Die  Arbeit  soll  auch  die  vorgeschichtliche  Zeit 
und  die  Gegenwart  umfassen.  Zunächst  werden  von  den  Denkmälern 
ausführliche  Beschreibungen  und  photographische  beziehungsweise 
architektonische  Aufnahmen  hergestellt.  Ob  dieses  Inventar  ganz  oder 
auszugsweise  oder  gar  nicht  veröffentlicht  wird,  ist  noch  nicht  ent- 
schieden *).  In  Lübeck  wird  gleichfalls  an  der  Denkmäler-Inventari- 
sation  gearbeitet  *).  Eine  ältere  Publikation  bremischer  Denkmäler 
ist  in  diesem  Zusammenhange  nur  als  vorbereitende  Arbeit  zu  nennen  *). 
Der  erste  Band  behandelt  das  Rathaus  von  Bremen,  der  zweite  ent- 
hält kunst-  und  kulturgeschichtliche  Skizzen. 

Elsafs-Lothringen.  Das  elsässisch-lotliringische  Inventar  ^),  unter 
den  schwierigsten  Verhältnissen  unmittelbar  nach  dem  Kriege  in  einem 
eroberten  und  naturgemäfs  von  feindseliger  Gesinnung  gegen  den 
Eroberer  erfüllten  Lande  von  eines  Mannes  Hand  geschaffen,  steht  als 
Arbeitsleistung  unter  allen  Inventaren  mit  an  erster  Stelle.  Es  umfalst 
in  je  einem  Bande  je  einen  Bezirk,  ein  vierter  Band  enthält  Nachträge 
und  Register;  innerhalb  der  Bände  reihen  sich  die  Orte  in  alphabetischer 
Folge  aneinander.  Das  Werk  wächst  von  Band  zu  Band  an  Aus- 
führlichkeit und  Verläfslichkeit  der  Darstellung,  und  auch  der  Bilder- 
schmuck, der  in  den  ersten  Lieferungen  dürftig  war,  hat  sich  im  dritten 
Bande   qualitativ   wie  quantitativ  zu  ansehnlicher  Höhe  erhoben.     Die 


l)  Anhalts  Bau-  und  Kanstdenkmäler,  herausgegeben  and  bearbeitet  Ton 
Dr.  Büttner  Pfanner  zu  Thal,  i  Bd.  Dessau  -  Leipzig ,  Richard  Kahle  (Hermann  Oster- 
witz),   1892. 

3)  Museum  für  Kunst  und  Gewerbe  in  Hamburg.  Bericht  fUr  das  Jahr 
1898  von  Direktor  Professor  Dr.  Justus  Brinckmann.     Hamburg  1899.     S.  76. 

3)  Korrespondenzblatt  des  Gesamtvereins  der  deutschen  Ge- 
schichts-  und  Altertumsvereine   1900.     S.   117. 

4)  Denkmale  der  Geschichte  und  Kunst  der  freien  Hansestadt 
Stadt  Bremen.     2  Bde.     Bremen,  C.  Ed.  MüUer.     1862.     1870. 

5)  Kunst  und  Altertum  in  Elsafs-Lothringen.  Beschreibende  Statistik 
im  Auftrage  des  Kaiserlichen  Ministeriums  fUr  Elsafs-Lothringen  herausgegeben  von 
Franz  Xaver  Kraus.  4  Bde.  Strafsburg,  C.  F.  Schmidts  Universitätsbuchhandlung  (Friedrieb 
Bull),   1876— 1892. 


—     287     — 

erste  Auflage  ist  teilweise   vergriffen.     Für   die   dringend   notwendige 
Neubearbeitung  wird  die  Einteilung  nach  Kreisen  geplant. 

*  * 

Ob   sich   wohl   theoretisch   noch   mehr  Lösungen  der  im  Grunde 

doch  ganz  gleichen  Aufgabe  finden  liefsen,  als  praktisch  gefunden 
worden  sind?  Wir  glauben  nicht.  Sieht  man  von  der  thüringischen 
Gruppe  ab,  so  gleichen  sich  auch  nicht  zwei  von  den  26  deutschen 
Inventarisationswerken  vollständig.  Fürwahr,  eine  sonderbare  Blüte  am 
Baume  der  deutschen  Einheit!  Schon  äufserlich  sind  die  Unterschiede 
sehr  grofe.  Vom  dünnen  löschpapiemen  Heft  bis  zum  schweren  un- 
handlichen Folio  sind  alle  Nuancen  vertreten.  Hier  keine  Illustrationen, 
dort  Bilderbücher  mit  knappsten  Notizen.  In  den  meisten  Fällen  ist 
der  Text  mit  den  Abbildungen  veremigt;  Bayern  und  Württemberg, 
zu  denen  sich  auch  Schlesien  gesellen  wird,  geben  besondere  Bilder- 
werke. Viel  gröfeer  noch  als  diese  äufseren  sind  die  inneren  Unter- 
schiede. Bald  ward  die  Arbeit  Architekten ,  bald  Kunsthistorikern 
übertragen;  hier  Baubeamten,  dort  Gymnasiallehrern  und  dann  wieder 
Geistlichen  oder  Museumsleuten ;  bald  Männern  der  Wissenschaft,  bald 
Männern  der  Praxis,  bald  harmlosen  Dilettanten  ohne  eine  Ahnung 
von  den  Dingen,  auf  die  es  ankommt.  An  vielen  Stellen  hielt  man 
es  —  wie  mir  scheint,  mit  Recht  —  für  notwendig,  eine  breite 
historische  Grundlage  zu  geben;  anderwärts  wurde  die  historische 
Grundlage  zur  Hauptsache,  hinter  der  die  Denkmäler  weitaus  zurück- 
treten. Bisweilen  begnügt  man  sich  mit  Hinweisen  auf  Quellen  und  Lit- 
teratur,  dann  läfst  man  wieder  die  Denkmäler  ganz  allein  reden.  Hier 
ganze  Regierungsbezirke  in  Bänden  —  das  brandenburgische  Werk 
falst  sogar  die  ganze  Provinz  in  einem  Bande  zusammen  —  dort 
einzelne  Kreise  oder  kleine  Kreisgruppen  —  in  Ostpreufsen  die  alten 
Landschaften  —  in  Heften,  die  natürlich  billiger  sind  und  unvergleich- 
lich leichter  Verbreitung  finden.  Hier  topographische,  dort  ganz 
mechanisch  alphabetische  Anordnung,  wie  etwa  in  Schleswig-Holstein, 
wo  sämtliche  Kreise  dem  Alphabet  nach  auf  zwei  Bände  aufgeteilt 
sind;  dann  wieder  eine  Verbindung  von  beiden.  Und  gar  die  Begren- 
zung des  zu  bearbeitenden  Stoffes !  In  Mecklenbui^  beginnt  man  mit 
den  vorgeschichtlichen  Denkmälern  und  findet,  es  habe  keinen  Sinn,  die 
Produktion  der  Gegenwart  von  der  Betrachtung  auszuschliefsen.  Anders- 
wo geht  man  bis  1820;  die  meisten  Bearbeiter  schliefen  mit  1800,  einer 
nnit  1750,  ein  anderer  mit  der  ersten  Hälfte  des  XVII.  Jahrhunderts. 
Hier  wünscht  man  bis  zum  Ausgange  des  XVI.  Jahrhunderts  voll- 
ständig zu  sein,   in  Bayern   siebt  man  sogar  schon  unter  den  Denk- 

22* 


1 


—     288     — 

malern  des  romanischen  Stils.  Der  eine  deutet  nur  g^anz  knapp  ao, 
der  andere  schildert  mit  breitester  Behag-lichkeit  Hier  wird  auch 
Privatbesitz  inventarisiert,  dort  nur  dann,  wenn  er  Beziehungen  zum 
Lande  hat,  an  dritter  Stelle  gar  nicht.  In  einigen  Werken  erstreckt 
sich  die  Verzeichnung  in  gleicher  Weise  auf  die  -bestehenden  wie  auf 
die  untergegangenen  Denkmäler.  Zuweilen  werden  die  vorchristlichen 
Werke  in  Denkmalskarten  verzeichnet,  zuweilen  die  christlichen ;  meist 
ist  ganz  auf  kartographische  Darstellung  verzichtet. 

Ktu'z,  was  ntu"  an  Nuancen  denkbar  ist,  findet  sich  in  Wirklichkeit 
vor.  Nun  aber  treten  noch  zu  diesen  gewollten,  planmäfsigen  Ver- 
schiedenheiten die  ungewollten  teils  in  der  Individualität  der  Bearbeiter, 
teils  in  allgemeinen  Verhältnissen  begründeten  Verschiedenheiten  hinzu, 
Verschiedenheiten  der  Vorbildung,  des  Temperaments,  der  Aufnahme- 
iahigkeit.  Besonders  korrekturbedürftig  sind  natürlich  die  Arbeiten 
der  lediglich  mit  ihrer  Stadt  oder  ihrem  Kreise  vertrauten  Nicht£ach- 
leute.  Wer  viel  gesehen  hat,  wird  weniger  zu  übertriebenen  Wert- 
urteilen geneigt  sein  als  der  Dilettant  und  der  Neuling.  Einem  erzählt 
jeder  moosbewachsene  Stein  Geschichten,  dem  zweiten  ist  die  malerische 
Ruine  nichts  als  Objekt.  Diesem  erlischt  nach  zweistündiger  Arbeit 
die  Fähigkeit,  innerlich  aufzunehmen,  er  sieht  nur  mechanisch  und 
übersieht  wohl  auch  leicht ;  jenem  vermag  Hunger  und  Durst,  Sonnen- 
glut und  Regen  nichts  von  seiner  Gründlichkeit  im  Arbeiten  zu  nehmen. 
Einer  interessiert  sich  mehr  für  Architektur,  der  andere  für  Plastik,  der 
dritte  für  Malerei.  Diesem  ist  jedes  gotische  Figürchen  ein  Heiligtum, 
iiir  jenen  beginnt  die  wahre  Kunst  erst  mit  dem  Rokoko.  Man  sieht 
anders  am  frühen  Morgen  und  anders,  wenn  man  um  sieben  Uhr  abends 
nach  vielstündigem  Marsche  auf  sonniger  Landstraise  in  die  achte 
Kirche  kommt.  Dutzende  solcher  Möglichkeiten  liefsen  sich  noch 
aufzählen,  und  man  wäre  noch  immer  weit  vom  Ende.  Es  versteht 
sich,  dafs  unter  diesen  Umständen,  bei  so  viel  gewollten  und  so  viel 
nicht  gewollten  Verschiedenheiten  in  Anlage  und  Ausfuhrung,  auch  der 
wissenschaftliche  Wert  der  einzelnen  Inventare  ein  sehr  ungleicher  ist. 

Und  dennoch !  Alles  in  allem  genommen,  ist  die  deutsche  Denk- 
mäler-Inventarisation  eine  ganz  gewaltige  Arbeitsleistung.  In  allen 
deutschen  Bundesstaaten  —  mit  Ausnahme  von  Mecklenburg -Strelitz, 
Waldeck-Pyrmont,  Lippe-Detmold  und  den  Hansestädten  — ,  in  allen 
preufsischen  Provinzen  ist  die  Veröffentlichung  der  Denkmäler -Ver- 
zeichnisse bereits  ins  Werk  gesetzt.  In  neun  Bundesstaaten  (Mecklen- 
burg-Schwerin, Sachsen-Weimar  und  Altenburg,  Anhalt,  Schwarzbuig-- 
Sondershausen  und  Rudolstadt,  Reufs  j.  L.,  Schaumburg-Lippe,  Elsa(s- 


—     289     — 

Lothringen)  und  in  acht  preufsischen  Provinzen  (Ostpreufsen,  Branden- 
burg, Posen,  Schlesien,  Schleswig-Holstein,  Hannover,  Hessen-Nassau, 
Hohenzollem)  liegen  die  Inventare  fertig  vor.  Mehrere  sind  ganz 
oder  teilweise  vergriffen,  einzelne  Hefte  des  ostpreufsischen  Werkes 
sind  bereits  zum  zweitenmale  aufgelegt  worden.  In  Hannover  ist  eine 
Neubearbeitung  des  Stoffes  im  Gange,  im  Elsafs  wird  sie  vorbereitet. 
Anderswo  —  in  Bayern  beispielsweise  —  ist  man  vergleichsweise  noch 
sehr  im  Rückstande;  hier  sind  für  den  Abschlufs  der  laufenden  Ver- 
öffentlichung, wenn  man  das  bisherige  Tempo  beibehält,  noch  wenigstens 
fünfzig  Jahre  erforderlich. 

Immer  wieder  aber  wird  man  auf  den  Gedanken  einer  einheitlichen 
deutschen  Kunsttopographie  zurückkommen.  Es  gab  eine  solche,  ehe 
es  ein  Reich  gab,  wenn  auch  in  beschränkter  Weise;  und  es  wird 
wieder  eine  geben,  jetzt,  da  es  ein  Reich  giebt.  Vorläufig  aber  wäre 
schon  viel  gewonnen,  wenn  man  sich  —  was  sicher  nicht  aufserhalb 
des  Bereiches  der  Möglichkeit  liegt  —  für  die  allgemach  notwendig 
werdenden  zweiten  Auf  lagen  über  gewisse,  sich  aus  der  bisherigen 
Praxis  ergebende  allgemeine  Grundsätze  einigen  könnte. 
Als  solche  wären  etwa  anzuführen: 

1.  Die  Darstellung  erstreckt  sich  auf  den  ganzen  Zeit- 
raum von  den  frühesten  vorgeschichtlichen  Anfängen  bis 
zum  Ausgange  des  XVIII.  Jahrhunderts.  Es  wird  zu  er- 
wägen sein,  ob  die  vorchristlichen  Denkmäler  nur  kurz 
registriert  oder  ob  sie  in  gleicher  Weise  behandelt  werden 
sollen  wie  die  Werke  christlicher  Zeit. 

2.  Die  Bearbeitung  soll  durch  historisch  geschulte 
Kunsthistoriker  oder  Architekten,  eventuell  unter  Zu- 
ziehung historischer  Hilfsarbeiter  erfolgen.  Die  Dar- 
stellung soll  nach  der  historischen  Seite  —  auch  durch 
Hinweis  auf  archivalische  Quellen  und  durch  Anführung 
der  lokalen  Litteratur  —  ausreichend  fundiert  sein;  die 
Beschreibung  der  Denkmäler  durch  Wort  und  Bild  aber 
mufs  dabei  die  Hauptsache  bleiben. 

3.  Der  Denkmälerbestand  wird  nach  genau  zu  regelnden 
Grundsätzen  kartographisch  verzeichnet. 

4.  Die  Anordnung  erfolgt  auf  Grund  der  modernen 
Verwaltungseinteilung  d.  h.  in  Preufsen  nach  Kreisen 
eventuell  kleinen  Kreisgruppen,  aufserhalb  Preufsens  nach 
den  entsprechenden  Verwaltungsbezirken.  Damit  wäre 
eine  gröfsere  Verbreitung  und  zugleich  eine  tiefergehende 


—      290     — 

Wirkung  gewährleistet.  Jeder  Bürgermeister,  jeder  Lehrer, 
jeder  Pfarrer  müfste  das  Buch  haben. 

Zweifellos  wäre  schon  viel  gewonnen,  wenn  sich  in  diesen  Punkten 
Einheitlichkeit  erzielen  liefse.  Noch  zwei  andere  Dinge  aber  scheinen 
mir  notwendig  zu  sein.  Der  sehr  bedeutende  Umfang  der  deutschen 
Denkmäler-Inventare  macht  die  Herstellung  eines  ausführlichen  Gesamt- 
registers, eines  Auszuges  aus  allen,  in  der  Art  wie  es  die  Kunsttopo- 
graphie von  Wilhelm  Lotz  war,  zum  unabweisbaren  Bedürfnis.  Georg 
Dehto  hat  in  der  Strafeburger  Generalversammlung  (1899)  des  Gesamt- 
vereins der  deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereinc  eine  Anregung 
in  diesem  Sinne  gegeben,  und  es  ist  dringend  zu  wünschen,  dafe  die 
Idee  verwirklicht  werde.  Über  die  Einzelheiten,  über  die  Auswahl 
des  Aufzunehmenden,  über  die  Frage,  ob  nur  die  unbeweglichen  oder 
auch  die  beweglichen  Denkmäler  in  diesem  Extrakt  verzeichnet  werden 
sollen,  werden  Vereinbarungen  unschwer  zu  erzielen  sein.  Vielleicht 
wäre  eine  Teilung  in  drei  Bände  angezeigt.  Der  erste,  mit  dem  die 
Arbeit  beginnen  müfste,  würde  Norddeutschland  umfassen,  wo  die 
Inventarisation  am  weitesten  vorgeschritten  ist;  der  zweite  den  Westen, 
der  dritte  den  Süden.    Hier  wäre  vielleicht  die  Schweiz  einzubeziehen. 

*  • 

Osterreich,  wo  man  kaum  mit  der  Publikation  von  Inventaren  an- 
gefangen hat,  würde  bedauerlicher  Weise  wohl  ausgeschlossen  bleiben 
müssen. 

Und  die  zweite  Notwendigkeit  wäre  dann  eine  Denkmäler-Karte. 
Was  vor  Jahrzehnten  schon,  als  man  eigentlich  noch  ohne  Material- 
kenntnis war,  für  das  ganze  deutsche  Sprachgebiet,  was  dann  in  neuester 
Zeit  bei  Gelegenheit  der  Inventarisation  für  kleinere  Gebiete  versucht 
worden  ist,  das  müfste  im  grofsen  für  ganz  Deutschland  in  Angriff 
genommen  werden.  Man  scheide  Prähistorisches  imd  Römisches  aus 
und  schaffe  dann  —  was  bei  der  ungeheuren  Zahl  der  Denkmäler 
unerläfelich  wäre  —  getrennte  kartographische  Darstellungen  der  ver- 
schiedenen Baustile  auf  deutschem  Boden.  Auch  dieses  Unternehmen 
würde  der  Forschung  gute  Dienste  leisten.  Die  Aufgabe  ist  heute, 
wo  es  für  viele  Gebiete  schon  Grundkarten  giebt  und  wo  in  allen 
Deutschlands  an  deren  Herstellung  gearbeitet  wird  ^),  verhältnismäfsig 
leicht  zu  lösen. 


i)  Vgl.  S.  33  flt.  und  201/202. 


291      — 


Mitteiltingen 

Versanimlungen.  —  In  der  Zeit  vom  24.  bis  27.  September  wird 
in  Dresden  die  diesjährige  Hauptversammlung  des  Gesamtvereins  der 
deutschen  Geschichts-  und  Altertumsvereine*)  stattfinden.  Der 
Gesamtverein  folgt  damit  einer  Einladung  des  Königl.  Sächsischen  Altertums- 
vereins, der  gleichzeitig  sein  fünfundsiebzigjähriges  Bestehen  feiert.  Das  Fest- 
programm ist  bis  jetzt  noch  nicht  in  allen  Einzelheiten  festgestellt,  doch  wird 
der  Begrüfsung  am  Abend  des  24.  September  am  nächsten  Tage  die  erste 
Hauptversammlung  in  der  Aula  der  Technischen  Hochschule  folgen,  wo  Pro- 
fessor Gefs  über  ein  noch  bekannt  zu  gebendes  Thema  sprechen  wird.  Am 
Nachmittag  wird  die  Versammlung  einer  Einladung  Sr.  Königl.  Hoheit  des 
Prinzen  Georg  zu  einem  Parkfeste  im  Felsenschlosse  Wesenstein  folgen.  Der 
26.  September  bringt  vormittags  Sektionssitzungen  und  danach  eine  Fahrt 
nach  Meifsen,  wo  in  der  Albrechtsburg  die  Jubelfeier  des  Königl.  Sachs. 
Altertumsvereins  stattfindet.  Hier  wird  Regierungsrat  Er  misch  einen  Vor- 
trag über  Die  Weiiiner  und  die  Landesgeschichte  und  Hofrat  Prof.  Gurlitt 
einen  solchen  über  die  Albrechtsburg  halten.  Am  27.  September  finden 
vomiittags  wieder  Sektionssitzungen  statt,  und  mittags  folgt  die  letzte  Haupt- 
versammlung. —  Die  Abgeordneten  der  verbundenen  Vereine  versammeln 
sich  am  25.  September  vormittags  11  Uhr  und  haben  über  eine  wichtige 
Satzungsänderung  des  Gesamtvereins  zu  beschliefsen.  Es  handelt  sich  dabei 
um  die  Neuorganisation  der  Geschäftsführung  des  Gesamtvereins  (vgl.  diese 
Zeitschrift  S.  85),  und  es  wäre  recht  erfreulich,  wenn  die  Vereine  mög- 
lichst vollzählig  vertreten  wären;  gerade  in  dieser  Richtung  hat  die 
jüngste  Zeit  einen  Fortschritt  gebracht,  denn  während  1898  nur  31  Vereine 
durch  Abgeordnete  vertreten  waren,  ist  deren  Zahl  1899  auf  55  gestiegen, 
und  vielleicht  wird  es  möglich,  dafs  sich  in  Dresden  mehr  als  hundert 
Vereinsvertreter  zusammen  finden! 

Am  Tage  vor  der  Versanmilungseröffhung ,  am  24.  September  (Mon- 
tag), werden  femer  der  Erste  Tag  für  Denkmalspflege  und  der 
Zweite  deutsche  Archivtag  (vgl.  oben  S.  56—61)  abgehalten,  und  es 
steht  zu  erwarten,  dafs  alle,  welche  zur  Teilnahme  an  den  Verhandlungen 
einer  dieser  Sonderversammlungen  nach  Dresden  eilen,  auch  den  Veranstal- 
tungen der  nächsten  Tage  nicht  fem  bleiben. 

Archiye.  —  Für  die  Erschliefsung  der  Archive  ist  seit  langem  die 
Veröffentlichung  von  Inventaren  als  zweckdienliches  Mittel  erkannt  worden. 
Aber  ebenso  einleuchtend  war  es  für  jeden  Sachkenner,  dafs  ganz  unmög- 
lich die  für  den  Gebrauch  der  Archivbeamten  bestimmten  Repertorien  ganz 
oder  auch  nur  im  Auszuge  zum  Dmcke  gebracht  werden  können,  dafs  viel- 
mehr in  systematischer  Weise  Gmppen  von  Archivalien  bearbeitet  und  in 
einer  Form,  die  dem  Forscher  Fingerzeige  für  die  Benutzung  giebt,  ver- 
öffentlicht werden  müssen.     Diesem  Ziele  hat  man  allerorts  nachgestrebt:  wie 

1)  Über  die  Versammlung  zu  Münster  (1898)  und  Slraf^burg  (1899)  vgl.  oben  S.  22  ff. 
Twd  S.  81  ff. 


—     292     — 

die  Aufgabe  seitens  der  Preufsischen  Staatsarchive  gelöst  werden  wird,  wurde 
bereits  S.  171 '172  an  einem  Beispiele  kurz  gezeigt.  Ebendort  wurden  die 
Müteüungen  aus  dem  Stadtarchiv  von  Köln  in  ihrer  Anlage  und  I^istung 
besprochen.  Um  das  Bild,  welches  die  Inventarisation  der  gröfseren 
Archive  behufs  Drucklegung  gegenwärtig  gewährt,  etwas  zu  vervollständigen 
mögen  hier  eine  Reihe  solcher  Veröffendichungen ,  die  natürlich  nicht  voll- 
ständig  von  den  Archiven  selbst  zu  trennen  sind,  charakterisiert  werden. 
Dabei  wir  den  Wunsch  hegen,  dafs  die  Forscher  noch  in  viel  höherem  Mafse, 
als  es  bisher  zu  geschehen  pflegt,  diese  gedruckten  Inventare  bei  ihren  Ar- 
beiten zu  Rate  ziehen:  namentlich  demjenigen,  der  einzelne  Kulturerschei- 
nungen darzustellen  bemüht  ist,  werden  sie  zu  einer  unerschöpflichen  Fund- 
grube werden! 

Die  Mitteilungen  aus  dem  Stadtarchiv  und  der  Stadtbibliothek  va 
ÜTeslau,  von  dem  Direktor  beider  Institute  Prof,  Hermann  Markgraf 
begründet  und  herausgegeben,  erscheinen  seit  1894  in  zwanglosen  Heften 
auf  Kosten  der  Stadtgemeinde  Breslau.  Sie  sollen  in  erster  Reihe  nicht 
Archivrepertorien  und  Bibliothekskataloge  bringen,  sondern  darstellende 
Arbeiten,  die  vornehmlich  auf  den  Beständen  der  genannten  Institute  be- 
ruhen. Soweit  die  Bibliothek  als  Quelle  dient,  werden  die  Mitteilungen 
Gegenstände  aus  den  verschiedensten  Gebieten  behandeln  können.  Beispiels- 
weise dürften  die  Bestände  an  schöner  Litteratur,  an  politischen  Flugschriften 
imd  an  theologischer  Litteratur  des  XVI.  und  XVII.  Jahrhunderts  fUr  eine  ganze 
Reihe  von  Arbeiten  reiches  Material  liefern.  EÜne  Probe  hiervon  wird  das 
in  einigen  Monaten  erscheinende  Heft  V:  Leben  und  Gedichte  Christoph 
Kölers  (1602  —  58)  von  Bibliothekar  M.  Hippe  geben,  das  einem  bisher 
wenig  bekannten  Mitgliede  der  ersten  schlesischen  Dichterschule  die  gr- 
bührende  Stellung  in  der  Litteraturgeschichte  anweisen  wird. 

Die  auf  den  Archivbeständen  beruhenden  stadtgeschichtlichen  Arbeiten 
sollen  vorwiegend  einzelne  Zweige  des  städtischen  Lebens  von  dem  Beginne 
der  geschichtlichen  Kenntnis  bis  zur  Gegenwart  verfolgen.  Mit  ihren  rein 
wissenschaftlichen  Aufgaben  suchen  sie  den  Zweck  zu  verbinden,  weiteren 
Kreisen  der  gegenwärtigen  Stadtbevölkerung  an  naheliegenden,  leichtver- 
ständlichen Beispielen  das  Wurzeln  der  Gegenwart  in  der  Vergangenheit  zu 
verdeutlichen.  Femer  sollen  die  Mitteilungen  in  geeigneten  Fällen  den 
jetzigen  Stadtbehörden  Material  an  die  Hand  geben  zur  Entscheidung  solcher 
Rechts-  und  Verwaltungsfragen,  die  ohne  geschichdiche  Kenntnis  nicht  zu 
lösen  sind. 

Zur  Eröffnung  der  Sammlung  vorzüglich  geeignet  waren  die  beiden 
ersten,  von  H.  Markgraf  bearbeiteten  Hefte,  welche  die  Vergangenheit 
der  Stadt  im  Spiegel  der  Geschichte  ihrer  Strafsen  und  Plätze  darstellen. 
Heft  i:  Der  Breslauer  Ring  (1894)  behandelt  den  mächtigen  Marktplatz, 
der  durch  seinen  Namen  auf  die  Kolonistenstadt  im  slavischen  Osten,  durch 
seinen  ungewöhnlich  grofsen  Umfang  auf  die  bedeutende  Handelsmetropole 
hinweist  Die  hier  entwickelte  Baugeschichte  des  Rathauses  enthält  einen 
beträchtlichen  Teil  der  Verfassimgs-  und  Verwaltungsgeschichte  im  ELleinen. 
In  der  Entwicklung  der  öffentlichen  Verkaufsstätten  und  der  Märkte  auf  dem 
Ringe  spiegelt  sich  die  gesamte  Wirtschaftsgeschichte  wieder.    In  wie  vielen 


—     29)     — 

Hinsichten  das  mittelalterliche  Städteleben  erst  mit  dem  ersten  Jahrzehnt 
des  XIX.  Jahrhunderts  sein  Ende  erreicht  hat,  zeigt  schon  ein  Vergleich 
der  baulichen  Beschaffenheit  des  Mittelpunktes  der  Stadt  vor  hundert  Jahren 
und  heute  auch  dem  Laienauge  aufs  allerdeutlichste. 

Dasselbe  Bild  in  weiterem  Rahmen  bietet  das  2.  Heft:  Die  Slra/sen 
Breslaus  (1896).  Die  alten  Strafsen  des  Stadtkernes  sind  in  ihrer  Anlage 
und  Benennung,  in  ihren  öffentlichen  und  Privatgebäuden  vor^viegend  Denk- 
mäler vergangener  Formen  des  staatlichen,  wirtschaftlichen  und  geistigen 
Lebens,  die  sich  in  einem  halben  Jahrtausend  nur  langsam  wandelten. 
Urnen  tritt  in  den  neuen  Stadtteilen  das  Produkt  der  ganz  modernen, 
binnen  wenigen  Jahrzehnten  alles  verwandelnden  und  nivellierenden  grofs- 
städtischen  Entwicklung  gegenüber.  Wie  bezeichnend  ist  schon  der  Unter- 
schied der  Strafsennamen:  Die  alten  Benennungen,  unter  denen  die  mit 
Gewerbenamen  zusammengesetzten  überwiegen,  sind  historisch  geworden. 
Die  neuen  Namen  sind  Kunstprodukte  ungleichen  Wertes;  unter  den  Tauf- 
paten unsrer  Grofsstadtstrafsen  wechseln  fürstliche  Personen  und  zweifellose 
Berühmtheiten  mit  kleinen  Lokalgröfsen  oder  gar  eigennützigen  Bauspeku- 
lanten in  buntem  Gemisch. 

In  engem  Zusammenhange  mit  den  besprochenen  Arbeiten  steht  das 
von  Heinrich  Wendt  bearbeitete  4.  Heil,  das  als  ersten  Teil  der 
Qtsehichte  der  Stadt-  und  HospitaUandgüter  den  wichtigsten  der  Kämmerei- 
güterkomplexe,  das  „Amt  Ransem*'  behandelt.  Dieses  Amt  umfafst  aufser 
einigen  noch  heute  ländlichen  Ortschaften  auch  diejenigen  jetzt  eingemeindeten 
Vorstädte  und  Vororte,  die  früher  zu  den  Stadtlandgütern  gehörten.  Es 
wird  also  hier  dargestellt,  wie  auf  den  der  Stadt  von  ihren  Landesherren  zu- 
gevriesenen  Viehweiden  allmählich  Siedlungen  entstanden,  die  rechtlich  und 
wirtschaftlich  eine  eigenartige  Zwischenstellung  zwischen  Stadt  und  Land  ein- 
nahmen, bis  sie,  teils  schon  auf  Grund  der  Städteordnung  von  1808,  teils 
erst  infolge  der  modernen  grofsstädtischen  Entwicklung,  x868,  mit  der  Stadt 
vereinigt  wurden.  Aufserdem  schildert  das  Heft  an  dem  Beispiele  des 
Ransemer  Amtes  die  allgemeinen  Grundzüge  der  Landgüterverwaltung,  end- 
lich auch  die  Veränderungen  des  Oderlaufes  bei  Breslau. 

Die  dem  x.,  2.  und  4.  Hefte  gemeinsame  topographische  Gnmdlage 
fehlt  dem  von  Erich  Fink  bearbeiteten  3.  Hefte.  Dasselbe  giebt  an  der 
Hand  einer  Geschichte  der  landesherrlichen  Besuche  in  Breslau  einen  Abrifs 
der  Beziehungen  der  Stadt  zu  ihren  Landesherren.  Daneben  wird  in  der 
Schilderung  der  Einzugsfeierlichkeiten,  Huldigungen,  Ehrengaben  und  Festlich- 
keiten der  Wandel  des  2^itgeschmacks  durch  tast  sechs  Jahrhunderte  verfolgt 

Die  Veiöffentlichungen  über  die  Bestände  des  Historischen  Archivs  der 
Stadt  Frankfurt  a.  M.  sind  vom  Magistrate  der  Stadt  durch  Beschlufs 
vom  20.  November  1885  dem  Verein  für  Geschichte  und  Altertumskunde 
übertragen  worden,  welchem  zu  diesem  Zwecke  jährlich  1000  Mark  aus 
städtischen  Mitteln  zur  Verfügung  gestellt  wurden.  Sie  sollten  in  zwei  Teile 
zerfiülen:  i)  in  eine  „ übersichtliche  Inhaltsangabe '*  des  Archivs,  2)  in  „ge- 
nauere Inventarien  der  für  Geschichte,  Kulturgeschichte,  Verfassung  und  Ver- 
waltung wichtigeren  Urkunden-  und  Aktenbestände". 

Die  Übersicht   über   den  ganzen  Inhalt  des   Archivs   ist  1896 


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{Frankfurt,  Völcker)  erschienen;  sie  fuhrt  den  Titel:  Dan  historische  Archiv 
der  Stadt  Frankfurt  a,  M.,  seine  Bestände  und  seine  Geschichte  ^)  und  ist  das 
Werk  des  derzeitigen  Stadtarchivars  R.  Jung.  Der  erste  Teil  giebt  die  Über- 
sicht über  die  gesamten  Bestände  in  19  Hauptabteilungen  (Entstehung,  Recht 
und  Verfassung  —  Rat  und  Schöffen  —  Bürgerliche  Vertretungen  —  Ge- 
heime Deputationen  —  Auswärtige  Politik  —  Finanzen  —  Städtischer 
Grundbesitz  —  Bauwesen  —  Öffentiiche  Sicherheit  und  WohlCahrt  — 
Militärwesen  —  Verkehr,  Handel,  Gewerbe  —  Kirchen-  und  Schulwesen  — 
Milde  Stiftungen  —  Gerichtswesen  —  Dörfer,  Höfe  etc.  —  Teile  der  Be- 
völkerung —  Öffentliche  Veranstaltungen  etc.  —  Geschichtliche  Handschriften 
—  Einverleibte  und  hinterlegte  Archive).  Jede  Hauptabteilung  zählt  je  3  bis 
24  Unterabteilungen,  im  ganzen  sind  es  deren  192.  Auf  diesem  System 
beruht  lediglich  diese  Übersicht,  nicht  etwa  die  archivalische  Ordnimg  der 
Akten;  für  letztere  ist  von  jeher  das  koordinierende  Provenienzsystem  mafs- 
gebend  gewesen. 

Den  einzelnen  Unterabteilungen  gehen  knappgefafste  Übersichten  über 
Geschichte  und  Geschäftskreis  der  betreflfenden  Amter,  Stiftungen  etc.,  über 
die  Zusammensetzung  der  Akten,  ihre  Repertorisierung,  die  Jahre,  welche  sie 
umfassen,  die  hauptsächliche  Litteratur,  in  der  sie  benutzt  sind,  voraus,  so 
dafs  der  Benutzer  des  Buches  erkennen  kann,  ob  die  Einsicht  in  die  Akten 
für  seine  Zwecke  wünschenswert,  nötig  oder  unnötig  ist.  Die  Angabe  des 
Repertoriums,  in  dem  die  Akten  einzeln  verzeichnet  sind,  ist  nicht  nur  für 
die  Archivbeamten,  sondern  auch  für  die  Benutzer  von  Wert,  da  die  Reper- 
torien  vorgelegt  werden. 

Die  beigefügte  Geschichte  des  Archivs  bietet  einen  interessanten  Ein- 
blick in  die  Geschichte  des  reichsstädtischen  Archivs,  seine  Verwaltung  und 
Ordnung  (die  freistädtische  Zeit  ist  nur  ganz  kurz  behandelt)  und  damit  einen 
Beitrag  zur  Geschichte  des  deutschen  Archivwesens;  es  ist  erfreulich,  dafs 
die  Frankfurter  ihr  Archiv  von  je  her  nicht  nur  als  wert\'Olle  Rüstkammer 
für  die  Stadtverwaltung,  sondern  auch  als  die  richtige  Quelle  für  die  Stadt- 
geschichte hochgeschätzt  und  den  Nachkommen  im  grofsen  und  ganzen  vol